Kap.6

Textanalyse zur Textstelle Cicero, De officiis 1, 150.

 

Eine Analyse dieses Textes führt zu vielfältigen sozialgeschichtlichen Einsichten, die im folgenden knapp zusammengefaßt werden:

Cicero macht seine Ausführungen im Zusammenhang einer für den lateinischen Sprachbereich ausgearbeiteten Pflichtenlehre, deren Themen und Terminologie auf römische Weise stark mit der politisch-öffentlichen Sphäre verbunden werden, obwohl sie sich aus der zu dieser Zeit eher politisch zurückhaltenden stoisch-philosophischen Tradition des hellenistischen Raums herleitet. Das"kathekon" als Gegenstand stoischer griechischer Philosophie über die Pflichten - etwa in der Lehre des Panaitios (Peri tou kathekontos) - übersetzt Cicero mit "officium" und gibt ihm damit auch eine im römischen Bereich übliche öffentlich-rechtliche, ständische und politische Bedeutung (Att. 16, 14, 3). Als Zentralwert dieser - römisch-aristokratisch akzentuierten - Pflichtenlehre sieht er das "honestum" an (off. 1, 14). Aus ihm ergibt sich aus Ciceros Perspektive unter vielen anderen - eher sozial universell formulierten - Maximen auch die - in ihrem sozialen Adressatenkreis offensichtlich sehr begrenzte - Pflicht zur Vermeidung 'unehrenhafter' und eines 'Freien' unwürdiger Berufe. Gerade weil wir in Cicero einen besonders gebildeten Vertreter seines Standes vor uns haben, wird an seinen Ausführungen dabei in besonderer Weise deutlich, wie die polarisierende Abgrenzung vonseiten eines Angehörigen der römischen Oberschicht gezogen und gedanklich durchgesetzt wird.

Cicero nennt bei der Einteilung der Einkommensarten in ehrenhafte und nicht ehrenhafte exemplarisch, wie er sagt, und entsprechend einer von ihm festgestellten vorherrschenden, ethischen Auffassung ("haec fere accepimus") folgende Gruppen:

1) Tenues

2) Honesti

Unternimmt man es, das Gemeinsame zu ermitteln, das den Gruppen auf dieser und denen auf jener Seite eigen ist, so lassen sich Vermögen und persönliche Freiheit auf der einen und ihr Fehlen auf der anderen Seite benennen. Allerdings sind Differenzierungen nötig. Auf der 'tenues'-Seite sind verschiedene Arten der Vermögenslosigkeit und der Abhängigkeit von fremdem Vermögen, aber auch eigene größere Vermögen möglich, wie dies etwa für 'feneratores' oder 'mercatores a mercatoribus' denkbar ist. Auf der 'honesti'- Seite ist eine einfache persönliche Souveränität, die durch ein hinreichend großes, aber nur der persönlichen und familiären Existenz dienendes Vermögen gesichert ist, zu unterscheiden von jenen Vermögenskumulationen in großem Umfange, die sich durch dauernden wirtschaftlichen Zuwachs in der Hand eines Vermögensinhabers bilden kann.

Die Bedeutung des Vermögens für die soziale Stellung liegt also darin, daß es persönliche Souveränität oder einen weiterreichenden sozialen Einfluß vermitteln kann. In dieser Hinsicht ist Vermögen notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu den 'honesti'. Soweit dagegen Vermögen fehlt oder so klein ist, daß eine Person ihre 'persönliche Souveränität' nicht wahren kann, liegt Tenuität vor. Dasselbe gilt, wenn Vermögen zwar in rechtlicher Hinsicht jemandem zukommt, jedoch maßgeblich unter fremder Disposition steht. Dabei kann man etwa an Klientelverhältnissen bei kleinen Landpächtern oder freigelassenen Handwerkern zu ihren Patronen denken und natürlich auch das peculium eines vielleicht besonder s erfolgreich wirtschaftenden Sklaven. Derartige Konstellationen erwähnt Cicero nicht eigens, aber er meint sie mit, indem er auf 'servitus' und Nicht-Ingenuität des Freigelassenen als besonders tenuitätsbegründende Merkmale hinweist.

Von Interesse sind besonders die von Cicero vorgenommenen Gleichsetzungen:

Das Vermögen erscheint als ein Aspekt der persönlichen Freiheit; denn "liberalitas" ist nicht ohne ausreichendes Vermögen zu erreichen und zu bewahren: das Vermögen ist ein Moment der Steigerung persönlicher Freiheit. Ferner ist die "honestas" nur möglich auf der Basis einer stabilen, der einfachen Statusfreiheit gegenüber deutlich gesteigerten persönlichen Freiheit, eben der "liberalitas". "Honestas" ist deutlich erkennbar eine der allgemeinen Ehrbarkeit gegenüber gesteigerte Form; denn Cicero sieht sie bei den "tenues", die er "mediocres" nennt, nicht gegeben. Gewiß können auch "vermögende Freie" unter bestimmten Bedingungen nicht "honesti" sein, nämlich wenn sie sich nicht im allgemein üblichen Sinne "sittlich", "redlich" und "rechtlich" verhalten ("famosi, infames, improbi, turpes"); aber dies ist gewissermaßen atypisch. Andrerseits reicht eine"gewöhnliche" Ehrsamkeit für die ,,honestas" nicht aus. "Honestas" ist deutlich an das Vorliegen der "liberalitas" und damit an das Vorliegen eines für eine stabile Selbständigkeit ausreichenden Vermögens gebunden. Cicero läßt auch keinen Zweifel daran, daß es nur die "honesti" sind, die öffentliche Ehren- und Würdenstellungen einnehmen sollen. Größere Landbesitzer, größere Kaufleute und die "freien" Berufe, die Cicero als ,,honesti" benennt, bilden zu Ciceros Zeit den senatorischen und den Ritterstand und stellen etwa die prominenten Juristen, von denen das öffentliche Leben bestimmt wird. Man kann also sagen, daß die "honesti" eine Gesamtheit von Standespersonen darstellen, die als Einheit den von ihnen abgegrenzten 'nicht-ehrenhaften' gesellschaftlichen Schichten gegenübersteht.

Das Hauptemelement in dieser ciceronischen Konzeption der 'höheren Stände' ist dabei jedoch - und dem entspricht auch die rhetorische Steigerung seines auf Gedankens auf diesen Punkt hin - die 'agricultura', d. h. in die soziale Realität übersetzt: der größere oder große Grundbesitz, und nicht etwa primär die Gruppe der Großkaufleute oder die der gelehrten Fachleute, die nur - gewissermaßen am Rande - dazu gezählt werden. Ferner ist überdeutlich und charakteristisch für diese Erscheinungsform ständischer Selbstabgrenzung, daß der allergrößte Teil der realen Lebens- und Erwerbsbedingungen seiner Zeit nicht in diesen Rahmen passen.

Der Cicero-Text entstammt zwar dem ersten vorchristlichen Jahrhundert. In seinen Traditionsbezügen weist er aber auch in die frühere römische Geschichte und in seiner über die christliche Spätantike (Ambrosius) fortdauernden Rezeptionsgeschichte auch auf die Gültigkeit seiner Grundgedanken für spätere Epochen - nicht nur - antiken ständischen Denkens hin. Den Standesstolz und das aristokratische Bewußtsein anderer Regionen und Epochen der Alten Geschichte hat man sich in vielem ähnlich vorzustellen.

 

Christian Gizewski

© Gizewski @ TU Berlin, FB 1