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Chinesische Aspekte zu Kap. 5: Die verschiedenen Aspekte des Stadt-Land-Verhältnisses.

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1. Die Stadt als Marktort des umgebenden Landes.

Zu den Arten der Marktorte: städtischen, nur befestigten und nichtbefestigten.

 

Aus einem Atlas der Provinz Jianxi, Südostchina, 18. Jht., Add. Ms. 16356, British Library London; Farblich dem Original gegenüber vermutlich veränderte Bildvorlage: Innenspiegel des Bandes von Caroline Blunden, Mark Elvin, Weltatlas der alten Kulturen - China. Aus dem Englischen übersetzt von Dagmar Ahrens-Thiele und Renate Soeder, (1983), München 1992 6 .

Die Karte läßt drei Kategorien von Siedlungen erkennen, die in China schon im Altertum verschiedene Funktionen, Traditonen und auch Rechtsformen haben: ummauerte (größere) Städte als Fürsten- oder Verwaltungssitze mit zentralen religiösen Kultfunktionen für das umliegende Land, mit Wällen befestigte (kleinere) Orte mit militärischen und Marktfunktionen und nicht umwallte Dorfsiedlungen, die ebenfalls Marktorte sein können. Letztere prägen im Altertum das Leben der ländlichen Bereiche durch ihre Gemeinschaftsstruktur. Diese blieb auch später auf dem Lande traditionsbestimmend - bis hin zu den 'danwei'-Dorforganisationen ('Kommunen') im chinesischen Kommunismus.

 

Zu den Transportproblemen auf dem Landwege.

 

Tonmodell eines Ochsenkarrens, Grabbeigabe aus dem 2. Jht. n. Chr, und Bronzemodell eines einspännigen Reisewagens aus der späteren Han-Zeit, Fundort Wuwei, Provin Gansi; dasPferd zieht mit Brustgeschirr. Entnommen aus: E. v. Mende, Wirtschaft, und D. Kuhn, Wissenschaften und Technik in: R. Goepper (Hg.), Das alte China, München 1988; , S. 149 ff (167), und 247 ff. (265).

 

 

2. Die Stadt als Grundbesitzerstadt, Konzentrationsplatz der sozialen Oberschicht und als politisch-administrativer Vorort des umgebenden Landes.

Zur Anfangsgeschichte der chinesischen Stadt.

... In jedem Fall jedoch stellen die Dokumente das Nebeneinander eines China der Städte und eines China der Dörfer heraus. Städter und Dörfler sind aufs klarste voneinander getrennt: sind die einen ungehobelt, so sind die anderen vornehm. Während sich die einen rühmen, gemäß den Riten, die nicht bis zum gemeinen Volk hinabreichen, zu leben, wehren sich zum anderen die Landleute, in die öffentlichen Angelegenheiten hineingezogen zu werden: darüber sollen, wie sie sagen, die Fleischesser diskutieren. Städter und Bauern haben also weder gemeinsame Interessen noch gleiche Nahrung, sie sind sogar so weit voneinander entfernt, daß sie entgegengesetzten Orientierungssystemen den Vorzug geben: für die Vornehmen ist es die linke Seite, für die Bauem die rechte. Hat das Dorf allerhöchstens einen Ältesten, so sind die Vornehmen Vasallen ihres Fürsten, des Herrn der Stadt, an dessen Seite sie ein vollständig von Hofzeremoniell ausgefülltes Leben führen. Um ihren Herm geschart singen sie Lieder, die von Verachtung für "das Landvolk, diesen ungehobelten Pöbel" tönen: "Sie leben nur, um zu essen und zu trinken. Ihr Vornehmen aber, all Ihr Vasallen - versammelt Euch und verkörpert die Kraft des Fürsten!"

Allgemein gelten die Bauern als Pächter. ... Es gibt keinen Fürsten ohne Stadt, und von jeder Stadt wird berichtet, daß sie von einem Fürsten gegündet wurde. ...

... Geschützt hinter den heiligen Wällen der Stadt führen der Fürst und seine Getreuen das Leben von Vornehmen. In der dem Ritualplan gemäßen ldealstadt erhebt sich die fürstliche Residenz genau im Zentrum: wie die Stadt ist sie quadratisch angelegt und bildet, umschlossen von Mauern, für sich allein eine Stadt. Ihre Mauern müssen sehr hoch sein, ihre Tore von Pracht und Stattlichkeit zeugen. Auf dem flachen Gelände erstrecken sich die ebenerdigen Gebäude des Residenz weithin auf den hohen Aufschüttungen. Ihr Plan ist nach der Richtschnur ausgeführt worden, jedes Gebäude hat seinen ihm zugewiesenen Platz. Genau in der Mitte öffnet sich der Audienzsaal auf eine Prachtstraße, die zwischen Erdaltar und Ahnentempel hindurch geradeaus zum Südtor führt und auf der die Vasallen zur Huldigung des Herrschers ziehen, die von ihm mit nach Süden gewandtem Antlitz entgegengenommen wird. Wie die Residenz des Herrschers so ist auch der Palast der großen Familien jeweils eine Stadt für sich, mit dem Großen Saal als Zentrum, in dem das Oberhaupt der Familie nach Süden gewandt die Huldigung der Verwandten entgegennimmt. Und in all diesen umwallten kleinen Städten innerhalb der Stadt erheben sich weitere Mauern, die die Wohnstätten jedes einzelnen Familienoberhaupts voneinander abgrenzen; denn jeder Sohn der Familie muß, sobald er verheiratet ist, am Ende seines Hofes eine Empfangshalle besitzen. Die Gesamtanlage ist immer in derselben Art errichtet: Ganz hinten ist eine Mauer, die von kleinen Türtn durchbrochen wird, durch die man in lange und schmale Räume, die gänzlich von Manern abgeschlossen sind, eintritt: dies sind die eigentlichen Wohnräume. Zur Rechten und Linken erstrecken sich zwei Seitenflügel his zum Hof vor. Die Empfangshalle wird von der vorderen Mauer der Wohnräume und den Mauern der Seitenflügel umschlossen und von einem großen Dach, dessen Zentralträger auf zwei Einzelsäulen ruht, überdeckt; nach Süden, dem Hof zu, ist sie völlig offen. Sie bildet eine Art Veranda, die man vom Hof aus über zwei Treppen in den Ecken erreichen kann. Die östliche Treppe ist dem Herm des Hauses vorbehalten, der, ein wenig hinter den Stufen stehend und wie ein Fürst nach Süden gewandt, in seinem Haus Hof hält. Noch das Oberhaupt der kleinsten Familieneinheit nennt in seiner Wohnstätte einen Ahnenaltar und einen Erdgott sein eigen, und auch dieTür, die zu seinem Hof führt, ist nicht weniger heilig als ein Stadttor. Zu Hause ist er Herr und Meister. Doch wenn er vom Oberhaupt der Familie oder dem Herrn der Stadt empfangen wird, muß er sich in deren Hof am Fuße der Treppe aufstellen, das Gesieht in der Haltung eines Vasallen nach Norden gewandt. In der großen Stadt ist jede einzelne Wohnstätte ein Palast und nicht nur ein Gebäude, das von einer Residenz abgetrennt oder an ein anderes Gebaude angebaut wurde. Alle diese Residenzen sind vollständige Städte für sich, die jedoch alle von den fürstlichen Stadtmauern umschlossen sind. Ebenso sind ihre verschiedenen Besitzer durch das Band der Abhängigkeit vom gemeinsamen Herrscher, dem Herm der Stadt und ihrer Mauern, untereinander verbunden. Wenn in alter Zeit der Gründer den Bau der Befestigungswälle vollendet hatte und wenn er rechts und links die Wohnstätten aufgeteilt und für sich selbst eine große Halle errichtet hatte, berief er alle Familienoberhäupter, die mit ihm ein Schwurbündnis geschlossen hatten, zu einer Versammlung ein, "um sich Ruhm zu erwerben". Er ließ für sie Matten und Hocker herrichten und veranstaltete als gemeinschaftliche Einweihungsfeier ein großes Gelage. "Ein Schwein ließ er als Opfer bringen, - Den Wein schüttete er in die Kalebassen, - Er hieß sie essen und trinken. - Herr der Vasallen! Obeehaupt der Familie!" Währenddessen verhielten sie sich ihrem Fürsten gegenüber "ehrerbietig und würdevoll". Damit war dem Leben der Vornehmen am Hofe ein ritueller Beginn gesetzt.

Diese Darstellung bezieht sich auf die aristokratischen Bereiche einer 'Ideal- Stadt', nicht in dieser typologisch gemeinten Ausprägung auf die Wohnverhältnisse anderer Bevölkerungselemente in und vor ihren Mauern. Text entnommen aus: Marcel Granet, Die chinesische Zivilisation. Familie, Gesellschaft, Herrschaft. Von den Anfängen bios zur Kaiserzeit, übersetzt von Claudius Müller und einm Vorwort von Wolfgang Bauer, (1968), Franfurt M. 1985, S. 43 f. und 109 f.

 

Seltenheit der Städte in einem weiten Umland.

Topographische Karte des Marquisats von Dai aus dem vor 168 v. Chr. datierten Grab Nr., 3 von Mawangdui in Changshan, Provinz Hunan. Bemalte Seide, etwa 96 mal 96 cm. Oben rechts eine Rekonstruktion. Die Lankarte im Maßstab von 1 : 180000 zeigt den Fluß Xiangjiang mit der Xiaoshui-Flußebene. Städte sind durch Quadrate dargestellt, Dörfer und Gemeinden durch einen Kreis. Entnommen aus: Dieter Kuhn, Wissenschaft und Technik, in: R. Goepper (Hg.), Das alte China, München 1988, S. 247 ff. (261). Eine Auswerung ergibt, daß in einem genauer beschriebenen Gebiet von etwa 30000 Quadratkilometern 1 größere und 7 kleinere Städte bestehen sowie etwa 50 Gemeinden und Dörfer.

 

3. Die Stadt als Verkehrszentrum und Ansammlungsraum 'fremder Elemente' in einem umgebenden ländlichen Raume.

Handwerk, Nah- und Fernhandel, Verkehrverbindungen der Städte.

 

Ausschnitte aus der Querrolle "Flußaufwärts beim Frühlingsfest" von Zhang Zeduan. Das im 12. Jahrhundert entstandene Gemälde zählt zu den Hauptwerken der chinesischen Malereigeschichte und ist zugleich ein kulturgeschichtliches Dokument ersten Ranges. Die panoramaartige Schilderung der damaligen Haupstadt Bianliang, des heutigen Kaifeng, vermittel nicht nur detaillierte Einblicke in die Bauweise von Häusern, Brücken, Fahrzeugen und Schiffen der Song-Zeit, sondern veranschaulicht auch in höchst realistischer Weise das bunte Leben und Treiben einer damaligen Großstadt. Tusche und leichte Farbe auf Seide, 24,8 mal 528 cm, Peking, Palastmuseum.

Abbildungen und Erläuterung aus: E. v. Mende, Wirtschaft, in: R. Goepper (Hg.), Das alte China, München 1988; , S. 149 - 185 (184 f.).

 

4. Die Stadt als religiöses und zivilisatorisches und Zentrum eines ländlichen Raumes.

Die Einrichtungen einer traditionellen chinesischen Stadt.

 
 

Oben: Plan von Chang'an zur Tang-Zeit. 1 'Daming Gong', 2 Alter Palast (Gongcheng), 3 Kaiserstadt (Huangcheng), 4 'Xingqing Gong', 5 Ostmarkt (Dongshi), 6 Westmarkt (Xishi), 7 Große Wildganpagode, 8 Kleine Wildganspagode. Unten: Plan von Pingjiang (heute Suzhou) in der südlichen Song-Zeit. Abreibung einer 2 m hohen Stele aus dem Jahre 1229. Der Große Kanal umfließt die Stadt und versorgt das inerstädtische Kanalnetz mit Wasser.

Entnommen aus: E. v. Mende, Wirtschaft, in: R. Goepper (Hg.), Das alte China, München 198, S. 149 - 185 (180). Die auf dieser WWW-Seite publizerte Aufsatzfassung enthält die beiden Bilder nicht, gibt jedoch die Erläuterungen zu ihnen unter dem Titel 'Urbanisation und Infrastruktur' der Städte des chinesischen Altertums und ihrer Entwicklung.

 

Die höhere Geisteskultur religiösen, philosophischen und ästhetsichen Denkens als Überhöhung der Prinzipien einer ländlich geprägten Gesellschaft.

Namensliste der Gebäude des Kaiserpalastes in Peking.

Entnommen aus: Klaus Flessel, Geschichte, in: R. Goepper (Hg.), Das alte China, München 1988; , S.46 - 111 (98).

Die Namen der einzelnen Hallen, Tore, Gärten und anderen Baulichkeiten des Kaiserpalastes in Peking können als repräsenativ für die wichtigen Inhalte der philosophischen und religiösen Geistestraditionen Chinas und seine städtische Palastkultur gelten, die im Alten China ihren Anfang nehmen.

 

Die Entwicklung der Schrift und Literatur in der städtischen Palast- und Bildungswelt.

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Entnommen aus: Caroline Blunden, Mark Elvin, Weltatlas der alten Kulturen - China. Aus dem Englischen übersetzt von Dagmar Ahrens-Thiele und Renate Soeder, (1983), München 1992 6 , S. 182.

Schriftkunst und Literatur entwickelten sich parallel im Rahmen der städtischen Palastkultur des Alten China.

 


Bearbeiter: Christian Gizewski


LV Gizewski WS 1997/98