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Raimund Theodor Kolb, Landwirtschaft im Alten China.

Vorbemerkung des Herausgebers.

Die hier vorgenommene Präsentation eniger Ausschnitte aus einer spezialisierten sinologischen Forschungsarbeit ist ein internetpublizistisches Experiment, das weiterer Bearbeitung harrt.

Fachlich soll sie dem Leser vor allem Eindrücke von den Problemen der wissenschaftlichen Quellendeutung und Literaturbearbeitung eines Teilgebiets der landwirtschaftsbezogenen Altertumsgeschichte Chinas vermitteln und dabei auch die Selbstverständlichkeit zum Problem machen, mit der einige in der Forschung erarbeitete resumierende Auffassungen - von manchmal zentraler Bedeutung - über die Altertumsgeschichte aufgenommen und weitergetragen zu werden pflegen.

Technisch ist es im Rahmen dieses WWW-Skripts nicht sinnvoll, weil mit unverhältnismäßig großem und wegen der Allgemeinzugänglichkiet des vorliegenden Buches unnötigen Arbeitsaufwand verbunden, die Publikation als ganze mit ihrem wissenschaftlichen Apparat, einschließlich des umfassenden - 24-seitigen - Literaturverzeichnisses, wiederzugeben. Insoweit ist es ein Experiment - und hier auch als solches gedacht - , eine in sich geschlossene, mit einem differenzierten wissenschaftlichen Apparat ausgestattete Forschungsarbeit unter den Begrenzungen, die das elektronische WWW-Medium trotz aller Vielfalt seiner Anwendungsmöglichkeiten auch wieder enthält, und in einer Auswahl zu veröffentlichen. Die Verantwortung dafür trägt der Herausgeber.

Die aus der Arbeit entnommenen Ausschnitte, nämlich: 'Einleitung', 'Politische Grenzen' (Abs. 1.1), 'Ackerbaugebiete' (Abs. 1.2), 'Status der landwirtschaftlichen Produzenten und die Organisation ihrer Arbeit' (Abs. 6), 'Hirse' (Abs. 7.1), 'Tierhaltung' (Abs. 8), 'Düngung' (Abs. 9), 'Spaten' und 'Pflug' (Abs. 10.2.1 und 10 .2.5), 'Dorf' (Abs. 13), 'Zusammenfassung' und 'Glossar', werden hier in folgender Weise präsentiert:

1) Sie werden in etwas anderer Anordnung als im Buch, mit leichten, jeweils durch eckige Klammern als vom Herausgeber zu verantwortend kenntlich gemachten Textanpassungen an dieses Medium und zumeist in programmkonvertierter Form dargeboten. Das Glossar (S. 174 - 186 des Buches) wird zum komfortableren Gebrauch einmal in einer Reihe durch die folgenden elektronische Verweise aufrufbarer Graphiken 174.GIF | 175.GIF | 176.GIF | 177.GIF | 178.GIF | 179.GIF | 180.GIF 181.GIF |182.GIF | 183.GIF | 184.GIF | 185.GIF und zum anderen in einer ebenso zugänglichen PDF-Datei, nämlich dem Gesamtglossar wiedergegeben.

2) Die Abbildungen der im Text immer wieder erörterten (im Abbildungsteil des Buches, S. 223 - 228, zusammengestellten) landwirtschaftlichen Geräte finden sich in den Tafeln

Tafel1.GIF | Tafel2.GIF | Tafel3.GIF | Tafel4.GIF | Tafel5.GIF

3) Die zahlreichen chinesischen Schriftzeichen der Buchpublikation können - wie auch solche aus anderen nicht-lateinischen Lautzeichensystemen - im Internet nicht ohne unverhältnismäßigen Aufwand unmittelbar in den Text einer WWW-Seite eingestellt werden. Hier können sie daher nur durch einen allgemeinen Hinweis '[*] ' auf das Glossar als im Buch-Text vorliegend kenntlich gemacht werden. Der Leser muß sich ggf. die Mühe machen, die Zeichen im Glossar zu suchen, soweit das aufgrund der verbleibenden Texthinweise möglich ist, oder im Buch nachzusehen.

4) Abgekürzte Literaturhinweise werden an dieser Stelle wegen des hier verfolgten spezifischen, d. h. einführenden Darstellungszweckes nicht aufgelöst. Der Leser muß insoweit ebenfalls auf die Buchpublikation und ihr ausführliches Literaturverzeichnis verwiesen werden.

5) Einige Illustrationen, die in der Buchfassung nicht enthalten sind, wurden den hier präsentierten Auszügen beigegeben.

6) Für die Wiedergabe an dieser Stelle waren eine OCR-Konversion und in ihrer Folge aufwendige Korrekturnacharbeiten durchzuführen. Bei aller Mühe, in einem mehrfachen Arbeitsgang Schreibfehler zu beseitigen, ist damit zu rechnen, daß dennoch einige einstweilen im Text geblieben sind. Sie dürften aber als Fehler zumeist erkennbar sein. Ihre Minimierung in weiteren Korrekturlesungen ist beabsichtigt.

Übersicht über die Originalschrift.

 
Systemata mundi. Institut zur Erforschung fremder Denksysteme und Organisationsformen. Materialien Bd. 3, Berlin 1992, ISBN 3 - 9255500 - 02 - 2.

(Arbeit finanziert vom Deutschen Archäologischen Institut, Berücksichtigung des Forschungsstandes bis 1988.

Bildmotiv: Ein l e i - Gabelspaten)

  INHALT DES BUCHES:

 

Vorwort

Einleitung 1

1.1 Politische Grenzen 8

1.1.1 Zone direkter Herrschaft 8

1.1.2 Jagdgebiete 9

1.1.3 Zonen indirekter Herrschaft 10

1.1.4 Nicht-Shang-Gebiete (fang) 10

1.2 Ackerbaugebiete 14

2 Klima 19

3 Bodenbeschaffenheit 31

4 Naturkatastrophen 35

5 Nutzung des Wasserdargebotes 40

6 Status der landwirtschaftlichen Produzenten und die Organisation ihrer Arbeit 51

7 Anbauprodukte 67

7.1 Hirse 67

7.1.1 Rispenhirse 68

7.1.2 Kolbennirse 70

7.2 Weizen und Gerste 74

7.3 Reis 77

7.4 Leguminosen 81

7.5 Hanf 82

7.6 Gemüse und Früchte 83

7.7 Maulbeerbäume 86 8 Viehzucht 88

8.1 Rind 90

8.2 Schwein 94

8.3 Schaf 97

8.4 Ziege 98

8.5 Hund 99 

8.6 Pferd 101

8.7 Hirsch 105

8.8 Geflügel 105

8.9 Seidenraupe 106

8.10 Elefant 109

9 Düngung 110

9.1 Menschliche Fäkalien 111

9.2 Stallmist 113

10 Bodenbearbeitunq und ihre Geräte 116

 

10.1 Roden 117

10.2 Umbrechen und Lockern 120

10.2.1 l e i (Grabstock/Gabelspaten) 120

10.2.2 s i (Spaten) 124

10.2.3 x i a n (Schaufel) 126

10.2.4 j u e (Hacke) 126

10.2.5 l i (Pflug) 127

10.3 Jäten 136

10.4 Säen und Pflanzen 139

10.5 Ernte 143

10.6 Dreschen 146

10.7 Worfeln 147

11 Vorratshaltung 148

12 Fischfang 154

13 Dorf 159

 

Zusammenfassung 166

Glossar 174

Zeitschriftenabkürzungen 187

Literaturverzeichnis 188

Abbildungen landwirtschaftlicher Geräte 223

Übersicht über die hier wiedergegebene Auswahl.

I. Zu Forschungsstand und Quellen für die Bearbeitung der shangzeitlichen Landwirtschaftsgeschichte (im Buch: 'Einleitung').

II. Zum Territorium der landwirtschaftsbasierten Shang-Kultur (im Buch: 'Politische Grenzen' - Abs. 1.1 - und 'Ackerbaugebiete' - Abs. 1.2).

III. Zur Sozialstruktur der einfachen ländlichen Bevölkerung in der Shang-Zeit ( im Buch: 'Status der landwirtschaftlichen Produzenten und die Organisation ihrer Arbeit' - Abs. 6).

IV. Zu Erzeugnissen und Verfahren der Feldbearbeitung in der Shang-Zeit (im Buch: 'Hirse' und 'Reis'- Abs. 7.1 und 7.3, 'Düngung' - Abs. 9, 'Grabstock/Gabelspaten' und 'Pflug' - Abs. 10.2.1 und 10 .2.5).

V. Zur Tierhaltung in der Shang-Zeit (im Buch: 'Tierhaltung' - Abs. 8).

VI. Zur ländlichen Siedlungsform des Dorfes in der Shang-Zeit (im Buch: 'Dorf' - Abs. 13).

VII. Zusammenfassung (auch im Buch: 'Zusammenfassung').


I. Zu Forschungsstand und Quellen für die Bearbeitung der shangzeitlichen Landwirtschaftsgeschichte. 

[Seite 1] Die Landwirtschaft des vorqinzeitlichen China (d.h. vor -221) erfuhr seitens der westlichen Sinologie bis heute nur eine mehr oder weniger stiefkindliche Zuwendung. Für keine der historisohen Perioden, in die der fragliche Zeitraum gegliedert wird (1), liegt eine Darstellung des Kulturaspektes Landwirtschaft vor, die auf umfassender Auswertung der jeweils spezifischen Quellen beruht. (2) Dies ist insoweit bemerkenswert, als das "Hauptmerkmal der traditionellen chinesischen Wirtschaft ... vom Neolithikum bis zur Gegenwart das Primat der Landwirtschaft und darin vor allem des agrarischen Sektors" ist (Mende 1988: 149).

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der landwirtschaftlichen Hinterlassenschaft der frühesten historischen Periode Chinas, den epigraphischen und archäologischen Daten der Agrikultur, Viehzucht, Fischerei und Serikultur der Shang-Yin (ca. -1200 bis ca. -1030). (3)

Im wesentlichen bestimmen chinesische Historiker, Archäologen und Epigraphiker den gegenwärtigen Forschungsstand zum Thema. Nach wie vor lesenswert sind die älteren synoptischen Studien von Hu Houxuan (1945 b: 7-289) und Chen Menngjia (1956: 523-49). Neben verstreuten Aufsätzen in verschiedenen, [Seite 2] regelmäßig erscheinenden archäologischen Publikationen wie "Kaogu" (Archaeology), "Wenwu" (Cultural Relics), "Kaogu xuebao" (Acta Archaeologica Sinica) etc. sind es vor allern Autoren der Zeitschriften "Nongye kaogu" (Agricultural Archaeology), "Nongshi yanjiu" (Agrohistory Research) und "Zhongguo nongshi" (Agricultural History of China), die neue Fragen und Erkenntnisse zur Shang-Yin-Landwirtschaft vorstellen. Eine beachtlich umfassende Bearbeitung der epigraphischen Quellen lieferten Wen Shaofeng und Yuan Tingdong (Wen/Yuan) in ihrer Monographie "Yinxu buci yanijiu - Kexue jishu pian" (1983: 166-257), sprengten dabei jedoch nicht selten den Rahrnen hinreichend gesicherter lexikalischer Interpretation. In allgemeinen haben wir es mit sehr verkürzten, lediglich selektiv einzelne Aspekte und Probleme berücksicntigenden Darstellungen zu tun, wie z.B. bei Amano (1962), Cheng Te-k'un (1960), Shirakawa (1972) oder Chang Kwang-chih (1980).

Mit epigraphischen Quellen sind zunächst Skapula- und Plastroneninschriften (SPI) gemeint, die, mit wenigen Ausnahmen (cf. Chen Mengjia 1956: 6), Zeugnisse pyromantischer Divinationen darstellen. Die Erforschung der SPI hat seit der Entdeckung ihrer historischen Bedeutung im Jahr 1899 eine beträchtliche Zahl an Publikationen hervorgebracht. (4)

Zum Hauptquellenmaterial der Arbeit.

 

 

Bauchpanzer einer Schildkröte und Schulterblatt eines Rindes, die als Orakelknochen verwendet wurden, aus der späteren Shang-Periode (frühes 13. Jht. v. Chr.), Grabfunde aus Anyang in der Provinz Henan. Archäologisches Institut, CAAS, Peking. Quelle: Roger Goepper, Lei Congyun u. a., Das Alte China. Menschen und Götter im Reich der Mitte 5000 v. Chr. bis 220 n. Chr., Katalog einer Ausstellung in der Villa Hügel, Essen 1995, S. 208 ff. Die Beschriftung links enthält Divinationen für verschiedene Tage, u. a. die folgende: "Der Prinz begibt sich in die kleinen Hügel, um mit dem Netz Wildschweine zu jagen. Er wird welche fangen". Die Beschriftung rechts wird so gelesen: "Für den ehrwürdigen älteren Bruder Ri Bing wird als Opfer ein Schwein dargebracht. Auch für die verstorbene Mutter mit Namen Ding wird ein Schwein geschlachtet. Auch für die verstorbene Mutter Mu ein Schwein. Auch für Vater Yi ein Schwein" (ibid.).

Der König der Shang-Yin bediente sich der pyromantischen Divination (5), um mit dem Jenseits, d.h. einem Pantheon, bestehend aus dem Höchsten Gott Di und dessen himmlischer Verwaltung (6) sowie den Göttern der Natur und ihrer [Seite 3] Erscheinungen und den Ahnengeistern, zu kommunizieren. Die Themen, über die er sich auf diesem Wege Entscheidungshilfe bzw. Rückhalt zu verschaffen suchte, lassen sich in sechs Hauptgruppen gliedern: Rituelle Opfer (Adressat, Modus etc.), Wetter (Regen, Wind, Überschwemmungen etc.), Kriegführung, Landwirtschaft, sonstige königliche Angelegenheiten (Jagd, Reisen, Krankheit, Nachwuchs etc.) und Verlauf der kommenden Dekade bzw. konmender Tage/Nächte (s. Chen Mengjia 1956: 42-43). (7)

Der Anteil der Landwirtschaft an der Divination ist, gemessen am heute verfügbaren SPI-Korpus, deutlich geringer als etwa der rituellen Opferungen, Jagd oder Kriegführung (cf. Heji Bd. 1, 4, 8, 11 und 12), jedoch vielfältig genug, Einsicht in verschiedene Aspekte des Themas zu gewähren. Manche dieser sind nur von wenigen oder gar einem singulären Text dokumentiert, so daß man geradezu zwangsläufig die "fallacy of the lonely fact" (D. H. Fischer) begeht, will man den betreffenden Aspekt nicht fallenlassen. Es muß genügen, jeweils darauf aufmerksam zu machen.

Eine vollständige Divinationsinschrift - zumeist haben wir es leider mit fragmentarischen Texten zu tun - besteht aus vier Abschnitten, d.h. einer Einleitung, die den Tag der Divination, den Namen des verantwortlichen Priesters und den Ort der Handlung anzeigt; auf sie folgt die Proposition, häufig ein alternatives, d.h. Positiv-Negativ-Satzpaar mit dem Gegenstand der Divination; die Prognose des Königs ist meist lapidar gehalten (günstig, weniger günstig etc.); die abschließende Verifikation, gewöhnlich in die Rückseite des Schriftträgers geschnitten, konnte in Periode I (s.u.) erstaunlich detailliert ausfallen. In späteren Perioden wurde sie knapp gehal- [Seite 4] ten und im wesentlichen auf Wetter und Jagd beschränkt (Cf. Keightley 1978: 42-44, 118-20).

Von den mehr als 4000 Skapula- und Plastronengraphemen (SPO) konnten bisher ca. 1000 semantisch erschlossen werden (8) , darunter jene Schlüsselgrapheme, die für ein Textverständnis unentbehrlich sind. Allerdings geschah dies nicht in jedem Falle übereinstimmend, so daß bisweilen eine sorgfältige lexematische Überprüfung unter Zuhilfenahme der etymologischen und kombinatorischen Metnode erfolgen muß.

Anhand der Skapula- und Plastroneninschriften wird die Shang-Yin-Geschichte in fünf Perioden gegliedert:

 Periode / König

I / Wu Ding

II / Zu Geng und Zu Jia

III / Lin Xin und Kang Ding

IV / Wu Yi und Wen Ding

V / Di Yi und Di Xin

In der Shang-Archäologie unterscheidet man hingegen vier Perioden: Periode I umfaßt die ersten drei Könige der Yinxu-Ara, Pan Geng, Xiao Xin und Xiao Yi. Die Zeit von Wu Ding, Zu Geng und Zu Jia entspricht Periode II. Periode III schließt die epigraphischen Perioden III und IV ein; Periode IV wird mit obiger Periode V gleichgesetzt (Zou Heng 1980: 31-92).

Die Problenatik der Datierung des SPI-"Archivs", d.h. die mittels epigraphischer, archäologischer und physischer Kriterien festgestellte Zuordnung der Inschriften zu einer der fünf genannten Perioden bzw. einem der neun Könige, muß hier nicht dargestellt werden. (9) Für eine diachronisohe Analyse der ca. 170 Jahre Shang-Yin-Landwirtschaft sind die vorhandenen epigraphischen Daten nicht ausreichend. Etwa drei Viertel aller relevanten lnschriften sind in die Wu-Ding-Ära (Periode I) datiert (10), in der einige themati- [Seite 5] sche Aspekte ausschließlich auftreten.

Bei der inhaltlichen Bewertung der Divinationstexte ist selbstverständlich zu beachten, daß das "Archiv' nicht die Welt der Shang-Yin, schon gar nicht die der einfachen Bevölkerung, wiedergibt. Es steht für "religious-political records of decision making, incantation, reassurance, and communication at the highest level of theocratic government" (Keightley 1978: 136). Die Landwirtschaft fand in den Divinationstexten folglich nur insofern Niederschlag, als sie von Interesse für die Shang-Könige war. Die Gültigkeit ihrer Aussagen wird von den Grenzen der königlichen Domäne und jener Gebiete hestimmt, die als agrarisch und viehwirtschaftlich bedeutsam erachtet wurden. Wir erfahren so gut wie nichts iiber die bäuerlicne Arbeit und ihre Organisation jenseits der Königsdomäne. Innerhalb dieser wird den grundlegenden Bedingungen bäuerlichen Daseins nur im Rahmen der Dienstleistungen für den König Aufmerksamkeit zuteil.

Als weitere epigraphische Quellen treten in Periode V Bronzeinschriften hinzu. Sie berichten von der Belohnung verdienter Persönlichkeiten durch den König und eignen sich somit besonders für prosopographische Studien. Bisweilen wird auch der Umstand angegeben, der zu dieser Ehrung führte. Akatsuka (1977) hat 102 Inschriften aus der Di-Yi-/Di-Xin-Zeit identifiziert und analysiert. Zwei von ihrien äußern sich unmittelbar zur Landwirtschaft. (11)

Der literarischen Überlieferung aus der Westlichen-Zhou-Zeit ist für die Erhellung shangzeitlicher Gegebenheiten grundsatzlich mit großer Vorsicht zu begegnen. Zwar ist ein solches Vorgehen heuristisch gerechtfertigt, da die frühen Zhou, zumindest seit der Regentschaft König Wu Dings, unter dem kulturellen Einfluß der Shang standen. Andererseits begründeten letztere ihren Herrschaftsanspruch (Mandat des Himmels) auf ethnozentrische Weise mit einer Reihe von tatsächlichen oder unterstellten Hypertrophien der Shang-Kultur bzw. dem moralischen Fehlverhalten ihrer Schlüsselpersonen, denen der Himmel seine Unterstützung entzogen hätte. Daten aus diesen Quellen müssen stets vor dem Hintergrund authentisch-shangzeitlicher epigraphischer [Seite 6] und archäologischer Fakten betrachtet werden.

Die Einbeziehung archäologischer Funde und Grabungsberichte in die Rekonstruktion der Shang-Yin-Landwirtschaft stößt auf einige maßgebende Schwierigkeiten. Für die Yinxu-Phase der Shang-Kultur sind wir im wesentlichen auf die Ergebnisse der seit 1928 im Anyanggebiet durchgeführten Grabungen angewiesen. Dort entdeckte man auf einem Gelände von ca. 24 qkm, das von einem Fluß, dem Huan-Fluß durchzogen wird, die einstige weltliche Metropole der Shang-Yin, Yin bzw. Yinxu genannt. Am besten dokumentiert ist die Gegend um Xiaotun, insbesondere dessen nördliches Areal, wo man auf Relikte von Palast- und Hausfundamenten, Entwässerungsvorrichtungen, Wohn- und Speichergruben, Gruben mit beschrifteten Skapulae und Plastronen, Manufakturen, Opferbestattungen und Gräbern mit teils sehr reicher Ausstattung stieß (KGX:582-83; Chang Kwang-Chih 1980: 73-110). Doch selbst die Beschreibung dieses Areals "must be based on data of very uneven completeness and, therefore, contain significant elements of conjecture and uncertainty" (Chang Kwang-chih 1980: 73). (12)

Relikte bäuerlicher Ansiedlungen innerhalb des Shang-Yin-Territoriums, d.h. diesseits und jenseits der königlichen Domäne, wurden vereinzelt nachgewiesen. Leider sind die in den Grabungsberichten angeführten Daten, vor allen zu Häusern, Vorratsgruben und Dorfformen, zu lückenhaft, um auch nur eine derartige Siedlung rekonstruieren zu können.

Wenig Aufmerksamkeit erfuhren bisher die nicht-metallenen landwirtschaftlichen Geräte der Shang-Yin. Für sie liegt noch keine umfassende Studie vor. (13) Ihre Erstellung kann aber nicht Aufgabe unseres Themas sein, das die Shang-Yin-Landwirtschaft in möglichst vielen ihrer Aspekte histo- [Seite 7] risch vorzustellen sucht und dabei das Geräteinventar als einen, wenn auch bedeutenden Gesichtspunkt, berücksicntigt.

Ganz offensichtlich konzentrierte sich das Augenmerk der chinesischen Archäologen, die allein befugt sind, im Land Grabungen durchzufiihren, bisher auf die kulturellen Äußerungen der Shang-Yin-Elite, d.h. bronzene und sonstige rituelle / zeremonielle bzw. wertvolle kunsthandwerkliche Artefakte aus Jade, Elfenbein etc., Monumentalarchitektur (Palastfundamente, Nekropolen), Kampfwagengespanne, Bronzewaffen und schriftliche Zeugnisse.

Viele Wünsche läßt ferner die Erfassung der Relikte von Flora und Fauna in den Grabungsberichten offen, die Beziehungen zwischen den nichtmenschlichen biotisehen Gegebenheiten und der menschlichen Nahrungsaneignung aufdecken könnte. Zusammen mit archäopedologischen Erkenntnissen, die ebenfalls noch auf sich warten lassen, wären entscheidende Voraussetzungen für die Rekonstruktion agroökologiscner Systeme erfüllt. (14) Statt dessen haben wir uns zumeist mit mehr oder weniger unbestimmten Angaben, wie z.B. "fünf größere, zu Mamalia gehörige Knochenfragmente" (KG 1958.9: 31) oder "in der Aschengrube befanden sich Süßwassermuschelschalen, Schnecken, Fischgräten..." (KG 1961.2: 89), zu begnügen.

Das fiir die Rekonstruktion des Klimas der Shang-Yin-Zeit innerhalb des Shang-Yin-Territoriums (Absatz 2) - und in gewissem Maß auch der dortigen Viehzucht (Absatz 8) - vorhandene osteologisehe Material stammt nahezu ausschließlich aus Yinxu / Anyang, vorgestellt anhand der Ergebnisse von Analysen Teilhard de Chardins und C. C. Youngs (1936) nebst einer ergänzenden Studie Yang Zhongjians (C.C. Young) aus dem Jahr 1949.

Angesichts des archäologischen Kenntnisstandes zur Problematik unseres Themas, ist es unerläßlich, sich im wesentlichen auf die Aussagen der Skapula- und Plastroneninschriften zu stützen, wenngleich mit unterschiedlicher Gewichtung bei seinen einzelnen Aspekten.

ANMERKUNGEN ZU I:

(1) Shangyin, Westliche-Zhou (ca. -1030 bis -771), Chunqiu (-770 bis -476) und Zhanguo (-475 bis -221).

(2) Dies betrifft auch Francesca Brays Beitrag zu Joseph Needhams "Science and Civilisation in China", der unter den Titel "Agriculture" (Vol. 6, Part II, Cambridge 1984) erschienen ist und in wesentlichen landwirtschaftliche Handbücher bzw. stilistische Kompilationen aus späterer Zeit berücksichtigt, z.B. das "Qimin yaoshu" (Essentielle Techniken für die Bauernschaft; ca. 535), "Nongsang jiyao" (Zusammenfassung des Wichtigsten zu Landwirtschaft und Serikultur; 1273), "Wang Zhen nongshu" (Wang Zhens Abhandlung zur Landwirtschaft; 1313) und "Nongzheng quanshu" (Umfassende Abhandlung zur landwirtschaftlichen Verwaltung; 1639). Vorhanzeitliches historisches Material findet sich bei Bray nur sporadisch erwähnt und kaum problematisiert.

(3) Die bislang ausführlichste Darstellung zu diesen Thena in einer westlichen Sprache findet sich in "Shang China" (1980) von Chang Kwang-chih. Behandelt werden die landwirtschaftliche Produktion (220-30) sowie die natürlich vorkommenden und kultivierten Pflanzen (144-49) nebst wilden und domestizierten Tieren (142-44) . Abgesehen davon, daß die archäologischen Fakten in diesem Buch keineswegs ausführliche Beachtung erfuhren, fehlt es gänzlich an kritischer Auseinandersetzung mit dem epigraphischen Material.

(4) Xiao Nan führt in einer Bibliographie mit dem Berichtszeitraum von 1949 his Anfang 1979 allein 98 Monographien und 728 Aufsatze in chinesischer Sprache an (1979: 42-66). Bis Juni 1986 erschienen in China weitere ca. 1000 Titel zu diesem Thema (s. Wang Yuxin 1989, Bibliographie). Für den Einstieg in seine Problematik ist die Lektüre von Chen Mengjia (1956), Shima (1958), Serruys (1974), Keightley (1978), Gao Min (1987: 259-389) und Wang Yuxin (1981, 1989) besonders zu empfehlen. Kurze deutschsprachige Zusammenfassungen finden sich bei Chang Tsung-tung (1970) und KoIb (1991 b).

(5) Die im Rahmen der Divination als Schriftträger vorgesehenen Bauchteile von Schildkrötenpanzern und Schulterblätter von Mammalia (überwiegend Rindern) wurden zunächst geebnet, poliert und wahrscheinlich in Essig geweicht. Sodann bohrte man in geringen Abständen einfache und doppelte Löcher in ihre Rückseite, um in diese erhitzte Stifte einzuführen, die auf der Vorderseite Risse entstehen ließen. Die Risse waren Gegenstand der Divination. Schließlich gravierten Schreiber den Divinationstext ein, was gelegentlich auch nach einer Vorzeichnung mit Pinsel und Tusche geschah.

(6) Sie stellt eine Replik der protobürokratischen irdisehen Shang-Yin-Verwaltung dar.

(7) In den 13 Bänden des "Jiaguwen heji" (Heji), der umfassenden Sammlung des SPI-Materials, wird nach folgenden thematischen Gesichtspunkten gegliedert: Sklaven und einfaches Volk, Sklavenhalteraristokratie, Staatsbeamte, Militär / Strafgesetze / Gefängnisse, Kriegführung, Territorien, Tribute, Landwirtschaft, Jagd / Fischfang / Viehaltung, Handwerk, Handel /Verkehr, Astronomie / Kalender, meteorologische Phänomene, Bauvorhaben, Krankheit, Geburten, Verehrung von Geistern und Göttern, Ritualopter, Glück / Unglück verheißende Träume, Methoden der Divination, Schriftzeichen und Vermischtes (Bd. 1: 5). Diese Aufteilung ist insoweit irreführend, als sie das Material nicht in der Reihenfolge seiner divinatorischen Bedeutung anführt. So müßten sich heispielsweise "rituelle Opfer" an erster Position vorfinden. Zum anderen geht sie von der nicht belegbaren These aus, der Shang-Staat sei von aristokratischen Sklavenhaltern despotisch regiert worden, um so eine Übereinstimmung mit der stalinistischen Periodisierung, dem zweiten Grundtyp der Produktionsverhältnisse, der Sklaverei, herbeizuführen. Außerden sei noch darauf hingeweisen, daß in den SPI keine Handelsaktivitäten belegt sind.

(8) Xu Zhongshu führt in seinem Lexikon "Jiaguwen zidian" insgesamt 1110 Grapheme an (1988). Nur verstärkte Einbeziehung von Eigennanen könnte diese Zahl erhöhen.

(9) Bei Chen Mengjia (1956: 135-206), Keightley (1978: 91-133) und Wang Yuxin (1989: 154-214) finden sich die Datierungskriterien eingehend vorgestellt und bewertet.

(10) Die Agrikultur - Viehzucht, Fischfang und Serikultur sind im"Archiv" von quantitativ geringer Präsenz - findet sich in Periode I von 704, Periode II von 17, Periode IV von 149 und in Periode V von 9 Inschriften vertreten. Für Periode III liegt keinerlei Materia1 vor (cf. Heji Bd. 1, 4, 8, 11 und 12).

(11) Die Inschrift des "Zuoce You Shi ding" (Sandai 4.11) hat die Durchführung einer Inspektion agrarisch genutzter Flächen in Norden der Königsdomäne zum Inhalt. Ein weiterer Text (cf. Absatz 11) führt das Ausmessen von Speichern an (Sandai 6.48).

(12) Von guter Qualität, jedoch unser Thema wenig tangierend, sind die Grabungsberichte bzw. Forschungsergebnisse zu den sieben vermutlichen Königsgräbern von Houjiazhuang / Xibeigang (nordwestlich von Xiaotun) aus der Feder von Liang Siyong end Gao Quxun, die zwischen 1962 und 1976 in Taipei erschienen.

(13 )Symptomatisch für das geringe Interesse an shangyinzeitlichen Geräten aus Stein, Holz, Knochen und Muschelschalen sind Peng Bangjiongs "Shangdai nongye xintan". Sie bestreiten zwar nicht deren Existenz, stellen ansonsten aber nur bronzene Gerätetypen vor (1988a: 49-52).

(14) Francesca Bray bedauerte in diesem Zusammenhang, daß "archaeological retrieval techniques are still unsophisticated and no really detailed studies of the relationship between economy and environment ... are as yet contemplated in China" (1984: 46).

II. Zum Territorium der landwirtschaftsbasierten Shang-Kultur.

TERRITORIUM DER SHANG-YIN.

[Seite 8] Archäologische Funde aus den Provinzen Shandong, Jiangsu, Hurei, Hunan, Anhui, Jianqxi, Sichuan, Shanxi, Shaanxi und Hebei dokumentieren, ungeachtet lokaler Charakteristika, den prägenden Einfluß der Shang-Yin-Kultur, der sich über das Gebiet des Mittel- und Unterlaufs des Gelben Flusses bis südlich des Yangzi erstreckte (XFX: 239-44). Die Bestimmung der politisch-räumlichen Ausdehnung des Staates der Shang-Yin kann freilich nur über eine Auswertung der Divinationsinschriften erfolgen.

Zur Lokalisierung der archäologischenFunde in den könglichen und den Lehens-Domänen in der Shang-Zeit, auf die sich die Arbeit bezieht. 

Entnommen aus: Caroline Blunden, Mark Elvin, Weltatlas der alten Kulturen - China. Aus dem Englischen übersetzt von Dagmar Ahrens-Thiele und Renate Soeder, (1983), München 1992 6 , S. 54 f.

Zone direkter Herrschaft.

Die Zone direkter Herrschaft entsprach der Domäne des Königs, d .h. einem Gebiet, "within which the Shang king had direct access to economic resources" (Chang Kwang-chih 1980: 216). Für diese These sprechen die Syntagmen w o t i a n "meine/unsere Felder" (Qian 5.16.1: S 289.1), w o b e i t i a n "meine/unsere nördlichen Felder" (Yi 5584:ibid.), w o x i b i t i a n "meine/unsere Felder an der westlichen Grenze" (Jinghua 2: S 435.1) und w o d i a n "mein/unser Stadtumland" (S 389.4), zu dem auch Erntedivinationen vorliegen (s. u.). Die Verwaltung der Domäne oblag einem protobürokratischen Apparat, der Palastverwaltung, die auch über Spezialisten für die Organisation der Landwirtschaft verfügte (s. Absatz 6), und ihren Sitz in der weltlichen Metropole Yin bei Anyang/Nord-Henan, unweit des Huan - Flusses hatte. Yin war die Residenz der letzten zwölf Shang-Könige und wurde c i y i "diese Stadt" (s 43.1-2) genannt (Chen Mengjia 1956: 321). (1) Als religiöses Zentrum ist d a y i S h a n g "große Stadt Shang" (S 279.2-3) bzw. t i a n y i S h a n g "himmlische Stadt Shang" (S 42.4), z h o n g S h a n g "Stadt der Mitte" (S 279.3) oder [Seite 9] kurz S h a n g genannt (S 280.1,3), nahe dem heutigen Shangqiu in West-Henan lokalisiert (Chang Kwang-Chih 1980: 213).

Über die Größe der königlichen Domäne, deren Grenzen während der Yin-Periode gewiß auch Wandlungen unterworfen waren, lassen sich nur sehr vage Aussagen treffen. Vorausgesetzt, die Shang-Könige duldeten zwischen ihrer weltlichen Hauptstadt Yin, dem religiösen Zentrum Shang sowie ihren früheren Residenzen bei Zhengzhou (Erligang) und Yanshi (Erlitou) in Henan keine Zonen, die ihrem unmittelbaren Zugriff entzogen waren, käme mithin ein Gebiet in Frage, das südlich von Anyang begann, bis über den Huanghe (Gelben Fluß) hinaus reichte und im Osten einen Teil Südwest-Shandongs umfaßt haben könnte. Im Norden läßt sich eine Ausdehnung bis Xingtai in Süd-Hebei annehmen. Möglich, daß die königliche Domäne in den SPI vom sogenannten östlichen, westlichen, nördlichen und südlichen "Gebiet" [*] ( t u [*]) erfaßt wird, für das zahlreiche Erntedivinationen vorliegen (S 172.2-4).

Jagdgebiete.

Die mehr oder weniger überzeugend georteten Jagdgebiete lassen erkennen, daß die Region um Qinyang [**], südwestlich von Anyang gelegen, für die Jagd favorisiert wurde (cf. Huang Ranwei 1965), und somit vermutlich auch unmittelbar der Kontrolle des Shang-Königshauses unterstand. Der Umfang dieser Region kann anhand der in den SPI vorgegebenen Tagesetappen für die Überwindung bestimmter Wegstrecken nicht genau bestimmt werden, da sich Routen auf Umwegen nicht ausschließen lassen. Unabhängig von dieser Überlegung, wurden von Huang Ranwei weitere Jagdareale in Nord/Nordwest-Henan, Ost-Henan, Südwest-Shanxi, Nord-Anhui, Nord-Jiangsu sowie in der Grenzregion von West-Shandong und Süd-Hebei bestimmt (ibid.). Als nördlichster Punkt tritt der Datong-Distrikt in Nord-Shanxi in Erscheinung, ca. 450 km Luftlinie von Anyang entfernt (ibid.: 60 a). Belegbar ist ferner, daß die Shang auch Jagden weitab von ihrer Metropole Yin - teils auch im Rahrnen von Feldzügen (cf. Kolb 1991b: Absatz 9) - veranstalteten. Allerdings geben die namentlich erwähnten Jagdgebiete, mit Ausnahrne der Qinyang-Region, allein den machtpolitischen Anspruch der Shang, nicht aber die politisch-territoriale Zugehörigkeit wieder.

Zonen indirekter Herrschaft.

[Seite 10] Mit den zum herrschenden Zi-Klan gehörigen [*] ( Z i [*]) sowie den königlichen Gemahlinnen [*] ( F u [*]), war ein Personenkreis gegeben (cf. S 145.4-146.2; 436.2-438.2; Shima 1958: 443-45; 452-54), den die Interessen der Shang-Könige schon allein aufgrund verwandtschaftlicher Bindungen unmittelbar berühren mußten. Nicht wenige der Z i , Chang Kwang-chih nennt sie faute de mieux "princes" (1980: 192), und F u verfügten über eigene Gebiete, zu deren geographischer Lage bisher keine Erkenntnisse gewonnen wurden. Zonen indirekter Herrschaft stellen auch die Gebiete der [*] (H o u [*]) dar, die ein Vasallenverhälttnis an das Königshaus band, das ihnen innerhalb ihrer jeweiligen Territorien limitierte Macht zugestand. (2 )Dafiir hatten sie vor allem die Aufgabe militärischer Vorposten bzw. Bollwerke wahrzunehmen. H o u - Gebiete sind für Nordost- und Zentral-Shaanxi, Nord- und Süd-Shanxi, Nord-Henan und Nord-Anhui nachgewiesen (Shina 1958: 441). Neben 35 H o u identifizierte Shima noch 40 [*]( B o [*]); ibid.: 427, 435), die jedoch nicht durchgängig, wie Chang Kwang-chih unterstellt (1980: 217), als Shang-Vasallen betrachtet werden dürfen. Ihre Gebiete waren Ziel von Shang-Feldzügen (Yi 5253: S 466.3; Hou 1.18.6: S 465.4). Bei Gefangennahme (Wai 141, Jia 3510: S 466.4) drohte ihnen der Opfertod (Hou 2.33.9, Jing 4034: ibid). Unter ihnen haben wir uns die Anführer von nicht zur Shang- Ökumene zählenden Stämmen bzw. Ethnien, sog. f a n g (s.u.), vorzustellen. Welche B o in Periode V (Di-Yi-/Di-Xin-Ära) zu den d u o B o "Vielen B o " gerechnet wurden, die dem Königshof offensichtlich ergeben waren, ist unkannt. Insoweit ist die Eingliederung der B o -Territorien in das Staatsgebiet der Shang problematisch.

Nicht-Shang-Gebiete ( f a n g).

An den Grenzen der zeitweise ca. 50 [*]( f a n g [*]), worunter Ethnien bzw. Stammesgebiete verschiedener Größe und Komplexität zu verstehen sind, [Seite 11] endete der Machtbereich des Shang-Staates. Einige dieser f a n g setzten den Expansionsbestrebungen der Shang-Könige erheblichen Widerstand entgegen. Der Tu - f a n g , Gon g- f a n g und F a n g (s. u.) stellten, insbesondere in Periode I (Wu-Ding-Ära), eine ernste Bedrohung für die Sicherheit des Shang-Staates dar. Es ist durchaus möglich, daß die politisch-rnilitärisch potentesten unter den f a n g selbst Staaten darstellten - Keightley spricht von "statelets" (1978: 180). Die weitaus größte Zahl von ihnen tritt in Periode I auf und ist in späteren Divinationen nicht mehr enthalten. Doch angesichts der höchst ungleichgewichtigen Dokumentation der einzelnen Perioden im SPI-Korpus (3), ist die Schlußfolgerung, sie seien alle von den Shang erobert und ihre Territorien in das der Shang inkorporiert worden, solange hypothetisch, bis dafür jeweils ein schlüssiger epigraphischer Nachweis erbracht werden kann; ein solcher hätte ebendort nicht-militärische Unternehmungen wie Jagden, Neulanderschließung bzw. Ackerbau, unter Führung der Könige selbst oder durch einen ihrer Vasallen, zu belegen. Von einem bestimrnten Zeitpunkt an regelmäßig erfolgende Tributlieferungen könnten ebenfalls als ein Indiz betrachtet werden. Für viele der mächtigeren f a n g fehlen entsprechende Hinweise. Einige von ihnen erfreuten sich nachweislich noch in Periode V b (Di-xin-Ära) ihrer Unabhängigkeit: Qiang - f a n g , Ren- f a n g end Zhou- f a n g . (4) Von einigen f a n g ist wiederum bekannt,daß ihr Verhältnis zu den Shang weder stetig freundschaftlich noch stetig feindlich war. Aus ihrer geographischen Lage ergibt sich folglich keine verbindliche Vorstellung von den Grenzen des politischen Einflußbereiches der Shang. Auf erhebliche, wenn nicht unüberwindliche Barrieren stieß er mit einiger Sicherheit bei folgenden 'statelets':

Gong [*] - f a n g, nordwestlich des Taihang-Gebirges (Chen Mengjia 1956: 274; Shima 1958: 441, Abb. 2), innerhalb der Ordoskrümmung des Gelben Flusses und zwar in Norden der Provinz Shaanxi (Chang [Seite 12] Kwang-chih 1980: 248); (5)

Tu [*] - f a n g, östlich von Zhi [*] (Chen Mengjia 1956: 272), demGebiet eines machtvollen Shang-Vasallen, in Nord-Shanxi (Shima 1958: 441);

Qiang [*]- f a n g im Nordwesten von Anyang, südlich des Gong - f a n g , in Nord-Shaanxi (Shima 1958: 441; cf. Pulleyblank 1983: 419); (6)

Zhou [*] - f a n g , während der vordynastischen Phase im Jing- und Wei-Flußgebiet in Shaanxi und Gansu (Zou Heng 1980: 352); danach um Baoji und Qishan in Shaanxi und allmählicher Verlagerung des Schwerpunktes in das Fengxi-Gebiet nahe den heutigen Xian in Shaanxi (ibid.: 353);

Ren [*]- fang , ethnisch den Yi [*], genauer den Hua [*] - Yi zugehörig, im Huai-Flußgebiet bis hinein nach Süddost-Shandong (Chang Kwang-chih 1980: 252; Chen Mengjia 1956: 305; Shina 1958: 441). Der Ren- f a n g tritt nur in Periode V in Erscheinung und sollte nicht mit dem Yi [*]- f a n g aus der Wu-Ding-Zeit verwechselt werden.

Yu [*] - f a n g (Periode V), nordöstlich von Anyang (Shima 1958: 374-75), in Zentral-Hebei (aiang Kwang-chin 1980: 252);

Ji [*] - f a n g, im heutigen Hejin-Distrikt der Provinz Shanxi, ca. 50 km östlich der Stadt Houma, also westlich von Anyang. Als Unikum ist für diesen f a n g die Errichtung von Verteidigungsanlagen überliefert (He 131: S 403.3).

Zhao [*] - f a n g, vermutlich in Nachbarschaft des [**] (Yang [*] - fang; s. Jing 4382: S 357.1). In letzterem f a n g fanden auf Geheiß des Königs Wu Ding Neulanderschließungen statt [Seite 13] (Jia 3510: S 215.4). Er scheint bereits in Periode I unterworfen worden zu sein. Da Chen Mengjia keine Unterscheidung zwischen dem Qiang- und Yang-SPG traf (1956: 287), vermutete er, und ihm folgend Chang Kwang-chih (1980: 251), Yang in Zentral-Shaanxi (ibid.). Anläßlich eines Feldzuges gegen den Zhao- f a n g wird ein Ort erwähnt, nämlich [*] (Bei [*]), der laut Shima am Fen-Fluß, unweit des heutigen Houma, gelegen war (1958: 382-83; Keightley 1983: 538, Map 17.1). Man darf folglich annehmen, daß der Zhao - f a n g westlich des Fen-Flusses, in West-Shanxi zu suchen ist.

Fang [*], in Zentral- und Süd-Shanxi. Dies jedenfalls lassen all jene Orte erkennen, von denen die militärischen Unternehmugen dieses 'statelet" ausgingen (cf. Chen Mengjia 1956: 272). Neben den Gong- f a n g , Tu- f a n g und den Qiang wird der Fang am häufigsten im SPI-"Archiv" erwähnt.

Nicht nur, daß die Grenzen der Zonen direkter und indirekter Machtausübung nur sehr vage erfaßt werden können, auch innerhalb dieser Zonen selbst herrschte keine Einheitlichkeit. Keightley rekonstruierte die wichtigsten Regionen des Shang-Yin-Staates, basierend auf den Ergebnissen der Analysen Shimas (1958) und archäologischen Daten zur Oberen Erligang- und Anyang - Phase. Es entstanden acht, teils in weiter Entfernung voneinander liegende Insel-Regionen, verteilt über Nord- und Südwest-Shanxi, Süd-Hebei, Ost-Shaanxi, Süd-, Südwest- und Südost-Shandong, Ost- und Südost-Henan, Nord- und Mittelwest-Anhui sowie Nord-Jiangsu (1983: 544, Map 17.3).

Zumindest in drei Fällen sind Keightleys Erhebungen korrekturbedürftig: Der Zhou- f a n g kann nicht als "Shang place" gelten. Auch wenn maritale Beziehungen zwischen Zhou und Shang bestanden (Fu Zhou, s. S 299.4) und die Zhou bisweilen als Befehlsempfänger der Shang-Könige erscheinen (ibid.), so verraten SPI mit den Zhou als Objekt und SPG [*] ( p u [*]) "schagen" (7 ) bzw [*] (8 ) als Handlung in VO-Syntagmen (S 299.4), daß die Zhou militärischen Aggressionen seitens der Shang ausgesetzt waren. Dies wird auch durch SPI Tie 18.1 (S 299.4) deutlich, in der die Proposition getestet wird, ob die [*], als Befehlsempfänger der Shang ausgewiesen (S 329.3), den Zhou eine Niederlage beibringen. Im Falle von [*] (Yue [*]), einem "statelet", das überwiegend als Adressat von Shang-Befehlen dokumentiert ist (S 349.4 - [Seite 14] 350.4) und dessen Anführer ein Vasall der Shang war, kann auch nicht von einem "Shang place" gesprochen werden. Und schließlich ist mit SPG [*] nicht nur eine Ortsbezeichnung, sondern zugleich der Name eines f a n g gegeben, der von den Shang militärisch bedroht wurde (cf. Nandi 10).

ACKERBAUGEBIETE.

Ackerbaugebiete sind durch Erntedivinationen ausgewiesen. Ye Wenzian ermittelte 63 entsprecnende Ortsnamen und analysierte sie (1988: 8 -14), wobei er vier verschiedene Kategorien unterschied:

Zum Gebiet der Domäne wurde bereits Stellung genommen. Yes vierte Kategorie entstand rein spekulativ. So interessieren uns im weiteren die Gebiete der affinalen Verwandtschaft der Könige und die der Vasallen.

Der von Ye angefertigten Karte läßt sich entnehmen, daß die Lokalisierung von 21 Ortsnamen für ausreichend gesichert erachtet wird. Mit einigen Ergänzungen und Korrekturen gibt die folgende Karte seine Vorgaben wieder:

 

[Seite 15]

LEGENDE:

1 Shu [*] Yi 5280: S 198.2

2 Cha [*] Yi 4658: ibid.

3 Chang [*] Yi 8812: S 11.2

4 Zhi [*] Qian 4.33.7: S 196.4

5 Yin/Anyang

6 [*] Yi 1966: S 452.3

7 Fu [*] Yizhu 940: S 196.1

8 Jing [*] Lin 2.13.12: S 197.1

9 Quan [*] Cui 883: S 217.1

10 Que [*] Jing 541: S 196.2

11 [*] Ren 1932: S 383.2

12 Long [*] Qian 4.53.4: S 196.4

 

 

13 Yong [*] Yicun 734: S 196.1

14 Hu [*] Xu 2.28.5: S 225.1

15 Shang/Shangqiu

16 Ge [*]Yi 4718: S 327.2

17 Qin [*] Bing 10: S 196.1

18 Yang [*] Qian 6.30.4: S 196.2

19 Yang [*] Jia 2061: S 196.1

20 Gong [*] He 172: ibid.

21 Ya [*] Bing 10: ibid.

22 Fu [*] Zhui 304: S 196.1

23 [*] Yi 4631: ibid.

24 Sang[*] Jia 1369: S 196.4

25 [*] He 248: S 196.2

 

In den Divinationsinschriften sind nur wenige Gebiete genannt, die das Interesse eines Shang-Königs an der Ernte bestimmter Zerealien wiedergeben: [Seite 16]

Kolbenhirse in [*] (Cui 890: S 197.3), [*] (Yi 7750: S 106.1) sowie [*] und [*] (Qian 4.53.7: S 198.3);
 
Rispenhirse in [*] (Xu 4.28.4: S 197.3), [*] (Xu 5.34.5: S 198.2), [*] (Xu 2.28.6: S 198.3), [*] (Qian 5.20.2: S 198.1), [*] (Ba 14: 8198.3) und [*] (Chen 113: S 142.3);
 
Weizen in [*] Fu (cf. 5. 15/7), nordwestlich von Anyang (He 458: S197.3),
 
Reis (Wildreis) in [**] (Yi 3212: S196.3).

Letztgenanntes Gebiet scheint für den Shang-Königshof von besonderer ackerbaulicher Bedeutung gewesen zu sein (cf. S 142.3). Zwei Inschriften berichten von einem Vasallen namens F u (s.o.), der dort den Bodenumbruch durchführte (He 222, Yi 3212: ibid). Vermutlich lag fragliches Gebiet ebenfalls in Mittelwest-Shanxi.

Von den "Prinzen", den Z i , Mitgliedern des gleichnamigen königlichen Klans, trugen 32 Namen, die zugleich als Ortsbezeichungen auftreten; drei von ihnen deuten auf landwirtschaftliche Gebiete hin:

Ge [*] (Yi 4718: S 196.2), Shang [*] (Bu 593: S 195.2) und [*] (Yi 1966: S 196.2; cf. 5. 15/6).

Für nur einen der Z i ist eine Erntedivination überliefert:

Cui 877/ S 197.3 : Z i Yu [*] ...Regen (?). Es wird elne gute Ernte eingebracht.

Unter den königlichen Gemahlinnen finden wir allein F u Jing [**] organisatorisch mit dem Ackerbau befaßt und zwar 16 mal im Zusammenhang mit der Ernte von Rispenhirse (S 198.1-2) und 5 mal ohne nähere Angaben (S 195.2). Immerhin gab es ca. 80 F u, von denen 21 persönliche Namen trugen, die auch Orte bezeichneten. Doch von diesen sind nur drei als Ackerbaugebiete erkennbar: Ge, Jing und Yang (cf. S. 15/8, 16 und 19).

"The King", so schreibt Chang Kwang-chih, "was concerned about harvests in the lands of his consorts, his princes, and his lords" (1980: 236). Vom SPI-"Archiv" wird diese These nur in einigen wenigen Fällen bestätigt. Zutreffend ist jedoch, daß für die f a n g (s.o. Absatz 1.1.4) keine landwirtschaftlich relevanten Divinationen vorliegen (Chang Kwang-chih, ibid.). Changs Annahme, dem Königshof seien im Rahmen einer zentripetalen Wirtschaftsordung Ernteanteile aus den Gebieten der Vasallen ( H o u , B o ) geliefert worden, kann anhand von SPI nicht verifiziert werden. [Seite 17]

Ein Blick auf das, was Yinxu, die Metropole des Shang-Yin-Staates und königliche Residenz, an Tributen, Argaben bzw. Requisitionswaren erreichte, gibt wie folgt zu erkennen:

Das Fehlen von Divinationen zur Anlieferung von Agrarprodukten bedarf, insbesondere angesichts der zahlreichen Erntedivinationen zu Gebieten außerhalb der Domäne, einer Erklärung. Yang Shengnan glaubt sie im Ackerbausystem der Shang-Yin vorgegeben. Demnach gehörte ein bestimmter Teil des Ackerlandes innerhalb der Gebiete der Vasallen zum Königshof und wurde auf dessen Geheiß hin, in einer Art corvee bestellt (1983: 155). Mit dieser Behauptung verbleibt Yang leider gänzlich in Reich der Spekulation.

Offensichtlich gehörten Agrarprodukte nicht zu den wertvollen und prestigeträchtigen Gütern. Reichtum wurde in erster Linie am Besitzstand von Vieh und Pretiosen gemessen.

Die Divinationen zeigen die rituelle Verantwortung des Königs als höchsten Priesters und Mittlers zwischen Diesseits und Jenseits. Ihm oblag es, durch geeignete Opfer die Fruchtbarkeit der Böden zu garantieren und entsprechend günstige Witterungsbedingungen zu erwirken. Die Rechtmäßigkeit seines Herrschaftsanspruches stand in enger Beziehung zur Einbringung guter Ernten. Die in SPI-Korpus enthaltenen Erntegebiete stellen die Zentren der Agrikultur des Shang-Staates dar.

Die vorgesteilten Kriterien lassen, unter Berücksichtigung archäologischer Fakten aus der frühen und mittleren Shang-Zeit (Erlitou- und Erligang-Phase), hinsichtlich der räumlichen Ausdehnung des Staates der Shang-Yin folgende vorsichtige Bestimmung zu:

1. Des Kerngebiet, d. h. die Zone direkter Herrschaft, erstreckte sich im wesentlichen über den Norden der heutigen Provinz Henan und zwar von Shangqiu im Osten bis über Zhengzhou hinaus nach Yanshi in Westen. Das 3. und 4. Stratum der Erlitou-Kultur bei Yanshi repräsentiert die frihe Shang-Zeit. Sie wiederum korrespondiert mit dem Un- [Seite 18] teren Erligang- Stratum bei Zhengzhou. Unterstellt wird damit, daß die Zentren des voryinzeitlichen Shang-Staates zur Kernregion der dynastischen Phase von Yinxu/Anyang genörten. Das Qinyang-Gebiet einschließend, reichte der unmittelbare Herrschaftsraum über die weltliche Metropole in den Norden, bis in das Gebiet von Xingtai und vielleicht sogar bis in die Umgebung von Shijiazhuang, nach Süd-Hebei hinein.
 
2. Die Regionen indirekter Herrschaftsausübung waren mit den Territorien der Vasallen gegeben. Nur eine relativ kleine Zahl von ihnen konnte mehr oder weniger zuverIässig lokalisiert werden. Sie befanden sich in Nord-, Nordost- und Zentral- Shaanxi, Nord-, Zentral- und Süd-Shanxi, Nord-, Nordwest- und West-Henan sowie in Nord- und Nordost-Anhui.
 ANMERKUNGEN ZU II:

(1) Merkwürdigerweise wird y i n in den SPI nicht als Bezeichnung für die Metropole geführt. Das entsprechende SPG [*] (S 6.4) zeigt nach Auffassung von Kang Yin eine Person, der zu Heilzwecken eine Nadel in den Unterleib gestochen wird (1983: 103). Es diente nicht der Selbsthezeichnung der Shang-Yin, sondern wurde von den Zhou, auch mit der Lehnsohreibung y i [*] (Jagdgebiet der Shang-Yin), für sie geführt (Gulin, Bd. 10: 5202 f, 521O c).

(2) Zu den Pflichten der Hou gehörten neben militärischen auch landwirtschaftliche Unternehmungen, die auf Anordnung des Shang-Königs durchzuführen waren. Mit wenigen Ausnahmen war Verlaß auf ihre Loyalität (Kolb 1991b: Absatz 2). Ein gesicherter historischer Nachweis für die Existenz eines Lehensverhältnisses zu dieser Zeit läßt sich anhand der SPI nicht führen.

(3) Mehr als die Hälfte aller SPI ist in Periode I und nur 7 Prozent in Periode V (cf. Keightley 1978: 139-40).

(4) Die Qiang unterstützten die Zhou beim Sturz der Shang-Dynastie (Qu Wan-li 1972: 58). Di Xin, der letzte Shang-König, konnte seine militärisahen Erfolge gegen den Ron- f a n g in Südost-Shandong und Nord-Jiangsu (s.u.) nicht mehr territorial nutzen.

(5) Tan Qixiang (1982: 11-12) und Lin Zehua (1979: 54) lokalisierten das Gong-Gebiet nördlich der Ordosschleife, also ca. 1000 km Luftlinie von Anyang entfernt, was selbst bei Nutzung schiffharer Abschnitte des Gelben Flusses (nach Einmündung des Wei nimmt der Huanghe einen gefährlichen Verlauf durch Schluchten) eine - eingedenk damaliger Infrastruktur und Logistik (s. Kolb 1991b: Absatz 10 u. 11) - außergewöhnliche Entfernung darstellt. Die Frequenz der Kampfhandlungen zwischen den Shang und den Gong geben dieser Ortsbestimmung wenig Plausibilität.

(6) Die Tatsache, daß Qiang es waren, die den Shang vorzüglich ais Ritualopfer dienten und deshalb unablässig Ziel von Rauhzügen waren, läßt eher auf ein weites Siedlungsgebiet schließen. Wahrscheinlich waren sie auch in Süd-Shanxi und benachbarten Regionen Henans und Shaanxis anzutreffen (Chen Megjia 1956: 1956: 282). Pulleyblank erkannte Rong [*] als allgemeinen Terminus fur Tibeto-Burmanen, zu denen auch die Qiang gezählt werden (1983: 419).

(7) P u könnte auf militarische Expeditionen zur Beschaffung wertvoller Mineralien hindeuten (Kolb 1991b: Absatz 5.3)

(8) Für dieses Graphem liegt noch keine semantische Erschließung vor. Dargestellt wird eine beidhändig gehaltene Axt unter einem Dach (= Haus) und fließendes Blut (drei Punkte). Als Verbum, vorausgesetzt wir haben es mit einem Assoziativum zu tun, ist damit sehr wahrscheinlich ein kriegerischer Akt gemeint. Auch könnte dieses Graphem eine variante Schreibung von p u (s.o.) vorstellen.

III. Zur Sozialstruktur der ländlichen Bevölkerung in der Shang-Zeit. 

[Seite 51] Als unmittelbare landwirtschaftiche Produzenten begegnen uns in den Skapula- und Plastroneninschriften die sogenannten [*] ( z h o n g r e n [**]), d.h. die "Masse der Menschen" bzw. "das einfache Volk", oft auch einfach z h o n g oder r e n genannt.

Die anhand des epigraphischen Materials sehr ausführlich und zugleich kontrovers geführte Diskussion zur Frage der Position der z h o n g r e n innerhalb der sozialen Pyramide der Shang-Yin, in einigen Fällen zuungunsten der Fakten von ideologisdien Richtlinien diktiert, gelangte mehrheitlich zu dem Resultat, daß es sich dabei um Angehörige patrilinearer Klans bzw. Lineagen gehandelt haben muß, die als kooperativ auftretende Verwandtschaftsgruppen die Gesellschaft im wesentlichen prägten (cf. Kolb 1 991b: Absatz 4). Deshalb ist auch dann von ihrer Präsenz auszugehen, wenn im Zusanmenhang mit Anordnungen des Königs bei Unternehmungen nur die Namen von Klans/Lineagen bzw. deren Anführer in den SPI erscheinen.

Die Segmentierung der Lineagen (1) schuf Statusunterschiede zwischen Stamm- und Zweiglineagen, aber auch innerhalb der Lineagen selbst, was die unterschiedliche Größe der Gräber ihrer Mitglieder und die Ausstattung mit Beigaben manifest werden läßt. (2)

[Seite52] Fest steht, daß das Gros der z h o n g r e n innerhalb der königlichen Domäne, die Bauernsoldaten, jederzeit zu königlichen Fronarbeiten, Jagden und Feldzügen mobilisiert werden konnte. Da dies bereits andernorts eingehend Darstellung fand (Zhang Yongshan 1982; Kolb 1991b), wird das Augenmerk bei den nun folgenden Ausführungen allein den landwirtschaftlichen Unternenmungen bzw. Aufgaben vorbehalten bleiben.

Die Versuche chinesischer Historiker, z h o n g r e n als Bezeichnung für Sklaven innerhalb einer Sklavenhaltergesellschaft zu verifizieren, sollten im Hinblick auf die politisch gegängelte Geschichtsschreibung gewertet werden, deren Verständnis von einer unilinearen Kulturentwicklung ausgeht und deren Periodisierung das Stadium einer Sklavenhaltergesellschaft vorsieht. Keines der angeführten Argumente hielt einer Überprüfung stand (cf.Kolb 1991 b: Absatz 4). Vergeblich wird man in den SPI nach Belegen suchen, die den z h o n g r e n jene Eigenschaften zuschreiben, die Sklaverei definieren, nämlich "the slave's property status, the totality of the power over him, and his kinlessness" (Finley 1983: 77). Es liegen keine Hinweise für eine unspezifische, nicht-öknomische Ausbeutung (Mißhandlung, rituelle Opferung) von Angehörigen dieser großen und komplexen sozialen Gruppe vor. Man darf davon ausgehen, daß in der Landwirtschaft der Shang-Yin, zumindest innerhalb der Domäne des Konigs, keine Sklaven eingesetzt wurden (s.u.). Kriegs- [Seite 53] gefangene bzw. auf eigens durchgeführten Raubzügen erbeutete Personen sahen fast ausschließlich ihrem Opfertod im Rahmen von Ritualen entgegen.

Im Kontext mit neun verschiedenen ackerbaulichen Tätigkeiten werden die z h o n g r e n direkt oder indirekt in den SPI genannt:

[**] p o u t i a n [**] ), Erschließung von Neuland bzw. Rodung im 5., 6. und 12. Monat (cf. Absatz 10.1);

Jia 3510 / S 25.2 : Divination am Teg guisi. Bin testet die Proposition: Den z h o n g r e n wird befohlen, in den Yangfang einzudringen ... um dort Land urbar zu machen. Test der Proposition: Es soll kein Befehl an die z h o n g r e n ergehen. Im 6. Monat.

[**] (x i e t i a n [**]), kollektive Bearbeitung des Bodens mit Gabelspaten (cf. Absatz 10.2.1);

Xu 2.28.5 / S 2.1 : Der König erläßt einen allgemeinen Befehl an die z h o n g r e n, indem er sagt: Bearbeitet kollektiv die Felder. Vielleicht wird es eine gute Ernte geben. Im 11. Monat.

[*] ( j i [*]), Umbrechen des Bodens mit dem Gabelspaten (ibid.).

Lüshun-M / S 27.1 : Divination... Proposition: Die zhongren...brechen Boden in Sang mit Gabelspaten um.

[**] (f e n t i a n [**]), Düngung von Feldern mit menschlichen Fäkalien (cf. Absatz 9.1);

(s h u [*]), Aussäen von Rispenhirse (cf. Absatz 7.1.1.1; 10.4);

Tian 55 / S 198.3 : Test der Proposition: Es wird aufgerufen, Rispenhirse in Norden (der Domäne) zu säen. Es wird eine gute Ernte geben.

[*] (c a i [*]), Pflücken bzw. Schneiden der Ähren vom Halm (cf. Absatz 10.5);

Nanfang 3.17 / S 247.4 : Test der Proposition: F u Jing soll nicht aufgerufen werden, Rispenhirsähren vom Halm zu schneiden.

[*] h a o [*]), Jäten (cf. Absatz 10.3);

Yizhu 454 / S 163.4 : Test der Proposition: Der Regen ist nicht ausreichend. Es wird gejätet. Eine rituelle Bitte wird nicht durchgeführt. [Seite 54]

[*] (y i [*] ), Pflanzen (cf. Absatz 10.4);

Ye 2.38.7 / S 209.1 : Divination am Tag .. wu. Zhong(?) testet die Proposition: ... Bäume pflanzen.

(z u n [*] ), Aufschütten von Erdreich zu Beeten (cf. ibid.);

Heji 9 : Divination am Tag xinwei. Zheng testet die Proposition: Es wird gesagt, die z h o n g r e n schütten Beete auf.

Sehr wahrscheinlich aber wurden nicht nur diese neun, sondern alle in den SPI genannten landwirtschaftlichen Arbeiten innerhalb der Domäne von frondienstpflichtigen z h o n g r e n ausgeführt.

Eine singuläre Inschrift dokumentiert die Sorge des Königs, es könnten Verluste unter seinen z h o n g r e n während des Bodenumbruchs entstenen:

Heji 8 ... Divination am Tag ... Die z h o n g r e n brechen den Boden mit Gabelspaten um. Es wird keine Verluste geben. (3)

Welche Gründe diese Besogonis hervorgerufen haben könnten, bleibt letztlich rätselhaft.

Die Existenz von Sklavenarbeit in der Shang-Yin-Domänenlandwirtschaft wird am ausfiihrlichsten von Li Shaolian begründet (1988: 68-69). Seine Argumente bedürfen einer kritischen Auseinandersetzung:

Die bei Anyang/Yinxu entdeckten 3640 Steinsicheln - aus einer einzigen Grube (E 181) stammen allein 440 dieser Erntewerkzeuge, die zum Teil Spuren ihres Gebrauchs erkennen lassen - bewogen Li zu der für ihn zwingenden Folgerung, diese Sicheln gehörten dem nahegelegenen Königshof zu und ihre Benutzer seien Sklaven gewesen.

Diese Interpretation ist leider rein spekulativ und überdies von allen möglichen Deutungen, die am wenigsten nachvollziehbare. Zunächst ist anzumerken, daß sich in Grube E 181 von Yiaotun / Locus-Nord u.a. 760 Fragmente [Seite 55] bzw. Teile tierischer Knochen, 102 Artefakte aus Knochen, 335 Muschelschalen, 78 Muschelobjekte, verschiedene steinerne Objekte, 1179 Plastronenfragmente und 63 Kaurimusdieln befanden (Chang Kwang-Chih 1980: 99). Eine spezifische Lagerung von Erntegerät liegt mithin nicht vor. Vielmehr wird angenommen, daß fragliche Grube zu einer nahegelegenen Manufaktur gehörte, der sie als Depot diente (ibid.). Dort könnten beispielsweise abgenutzte Erntesicheln aufbereitet worden sein.

Li führt des weiteren drei lnschriften an, die Sklavenarbeit beim Ackerbau belegen sollen und hier zunächst mit seiner Übersetzung zitiert werden:

Xu 5.16.8 / (Cf. S 18.1) : Divination am Tag wuchou. Que testet die Proposition: Am nächsten Tag wird den Qiang befohlen, neun Felder zu bearbeiten.

Der strittige Satzteil lautet y u a [*] Qian g[*] y u b [*] j i u [**] (?). Letzteres Graphem kann nicht mit "Feld" übersetzt werden, da es als variante Schreibung von [*] t i a n nicht in Frage kommt (cf. JGWB: 13.9). Y u a bezeichnet ein exorzistisches Ritual (cf. Ku 1701: S 14.2; Serruys 1974: 69; Li Xiaoding, LXD: 589) und kann auch für das Homophon [*] "abwehren" stehen (Li, ibid.), eine Bedeutung, die sinnvoll erscheint, fails die beiden letzten Grapheme eine Ortsbezeichnung darstellen. Ding Shan lokalisierte [*], d.h. [*] , in der Nähe des zhanguozeitlichen Zhongshan [**] (1956: 104-105), also innerhalb der Grenzen der heutigen Provinz Hebei. Da die Qiang zu den Feinden der Shang-Yin gehörten, kommt ein exorzistisches Ritual für sie nicht in Betracht. Demnach lautet die Proposition wie folgt:

Am nächsten Tag wird aufgerufen, die Qiang in Neun- (?) abzuwehren.

Cui 1222 / S 18.2 :Test der Proposition: Der König befiehlt den Vielen-Qiang, Felder zu bearbeiten.

Diesem häufig als Beweis fiir Sklavenarbeit zitierten Textbeispiel liegt eine fenlerhafte Lesung zugrunde: SPG [*] stellt eine Variante des "Schaf"-Radikals [*] dar und nicht etwa des Qiang [*] -Graphems. Der königliche Befehl war an die Vielen-Yang gerichtet, deren Gebiet ( f a n g ) bereits unter König Wu Ding Opfer der kolonisatorischen Expansion der Shang-Yin geworden war. Vorliegende SPI entstammt Periode IV (Wu Yi/ Wen Wu Ding; s. Yu Xingwu 1979: 237). Einer der Häuplinge ( B o ) des Yang- f a n g wurde in Periode I (Wu Ding) rituell geopfert (Hou 2.33.9: S 215.4), ein Schick- [Seite 56] sal, das nicht wenige unbotmäßige B o jenseits der Shang-Ökumene liegender Gebiete ( f a n g ) in Rahmen von Straffeldzügen ereilte. In Periode I erschlossen die Shang bereits Neuland in Yang (Jia 3510: S 215.4). Auch Tribute gelangten von dort an ihren Königshof (Yi 4512: ibid.). Hinweise auf ritueli´le Opferung von nicht-aristokratischen Yang-Bewohnern liegen nicht vor. Man kann davon ausgehen, daß sie keine Sklaven waren, sondern Untertanen wie alle im Machtbereich des Shang-Staates befindlichen Klans und Stämme.

Auch die dritte Inschrift wurde von Li nicht exakt ertaßt:

Ren 144 : ... am nächsten Tag ... hai. Vielleicht säen / ernten (4) die l i Rispenhirse.

SPG [*] (l i [*]), von Shima Kunio nicht unter Ran 144 (S 198.3) angeführt, stellt ein Gefäß dar, mit dem Speisen gedämpft wurden. In den SPI steht es sowohl in dieser Kernbedeutung als auch für einen f a n g (Li xiaoding, LXD: 848). In Periode I trug zudem ein Angehöriger des königlichen Zi-Kians den Namen Li (Hou 2.8.1: 395.4). Li Shaolian zitiert ferner das Syntagma q u l i "l i ergreifen", ebenfalls das Resultat ungenauer Lesung: SPG [*] kann nicht als Schreibvariante von l i geltan. (5)

Somit läßt sich festhalten, daß für Sklavenarbeit in der shangzeitlichan Landwirtschaft keine epigraphischen Fakten angeführt werden können.

Die höchste Position innerhalb der landwirtschaftlichen Organisation nahm der König ein. Zahlreiche SPI zeugen von seiner engen rituellen, zeremoniellen und auch praktischen Beziehung zum Ackerbau:

Xu 1.53.3 / S 198.1 : Divination am Tag dingyou. Zheng testet die Proposition: In diesem Frühjahr soll der König keine Rispenhirse säen. ... In diesem Frühjahr sät der König Rispenhirse im Süden... (Auslassung).

Qian 5.20.2 / ibid.: Divination am Tag wuyin. Bin testet die Proposition: Der König begibt sich auf den Weg und führt die [Seite 57] z h o n g r e n zum Säen von Rispenhirse nach Jing. (6)

Yi 6584 / S 27.1: Der König soll nicht mit dem Gabelspäten den Boden umbrechen ...

Letztzitierte Inschrift kann als Hinweis auf das in der Westlichen-Zhou-Zeit praktizierte j i t i a n [**], das "rituelle Umbrechen des Ackerbodens durch den König" zu Beginn der Ackerbausaison verstanden werden (s. Ling Ding, Gulin, Bd. 5:2711).

Im übrigen führte der Shang-König auch Inspektionen während der Feldarbeit durch:

Hou 2.28.16 / ibid.: Divination am Tag gengzi. Test der Proposition: Der König wird wahrscheinlich den Bodenumbruch mit Gabelspaten besichtigen. Er zieht in Betracht, sich auf den Weg zu machen. Im 12. Monat.

Bu 496 / S 198.1: Test der Proposition: Der König soll sich nicht auf denWeg machen, das Säen von Rispenhirse zu inspizieren ...

Für die Schlusselpersonen mit dem Status eines H o u , Z i , Bo und T i a n liegen keine entsprechenden Propositionen vor. Lediglich eine der 80 Gemahlinnen König Wu Dings mit Namen [*** ]( F u Jing [**] ) erscheint häufig im Zusammenhang mit Ackerbau. Gegenstand von 24 Divinationen (S139.3) sind Aussaat und Ernte von Rispenhirse:

Xu 4.27.4 / S 139.3 : Test der Proposition: F u Jing sät Rispenhirse. Es wird eine gute Ernte geben.

Ning 3.25 / ibid.: Divination am Tag guiyou. Bin testet die Proposition: F u Jing wird vielleicht keine gute Rispeenirseernte einbringen. Im 2. Monat.

Unklar bleibt, ob F u Jing diese Arbeiten innerhaib der Domäne oder in einem eigenen, ihrer Verwaltung unterstellten, Gebiet durchführte. Jeden- [Seite 58] falls tritt Jing nicht als Ortsname in Erscheinung (Cf. S 139.2-4).

Zwar gab es einen Jing [*] genannten f a n g in Nord-Shaanxi, doch ist auch im Fall der gleichnamigen F u Jing, die von zwei SPI im Kontext mit der Aussaat von Rispenhirse erwähnt wird (Hou 2.40.15, 2.6.9: S 412.3), nicht mit Bestimmheit zu sagen, wo sie diese Arbeiten leitete.

Anführer von Lineagen werden, insofern sie keinen Verwaltungs-Titel tragen, lediglich bei der Erschließung von Neuland, den p o u t i a n (s. Absatz 10.1), namentlich angeführt. Anläßlich dieser Tätigkeit konnte es auch zur Mobilisierung von Massenaufgeboten unter den d u o y i n ([****]), den 'Vielen-Lineagenanführern", kommen.

Ren 2363 /S 173.2: Am Tag guihai. Test der Proposition: Der König befiehlt den Vielen-Lineagenanführern, Neuland in ... zu erschließen. Es wird eine gute Ernte geben.

An der Titulierung bzw. Zuständigkeit lassen sich darüber hinaus folgende landwirtschaftlich relevante Ämter in den SPI erkennen.

[**] (x i a o c h e n [**] ) "Kleine Diener".

Das c h e n - SPG zeigt ein geöffnetes Auge und deutet damit auf den Vorgang des Beobachtens hin, mithin die Funktion des Aufsehers. Der Titel täuscht über die tatsächliche Bedeutung seiner Träger während der Shang-Yin-Zeit hinweg. Ihre Aufgaben (7) waren vielfältig. So hatten sie die z h o n g r e n zur Aussaat zu führen:

Qian 4.30.2 / S 1=9.4: Test der Proposition: Es wird in Betracht gezogen, daß die Vielen-Diener die z h o n g zur / bei der Aussaat befehlen / befehligen. lm 1. Monat.

Die x i a o j i c h e n "Kleine Ackerbaudiener" waren, wie der Titel besagt, für den Bodenumbruch auf den Domänenfeldern zuständig. [*] (Wu [*]) aus dem Kreis der Schlüsselpersonen des Staates war in diesen Amt tätig (Qian 6.17.5, 6.17.5: [Seite 59] S 31 - 2) - Diesem Amt untergeordnet war das der xi a o - z h o n g r e n c h en (Cun 2.476: S 31.2), über deren Aufgaben nichts bekannt ist. Die x i a j i u [*] c h e n waren vermutlich für die agrarische Nutzung hügeligen Geländes zuständig. Für das Schneiden der Halme nach der Ährenernte hatten die x i a [**] c h e n zu sorgen (s. Absatz 10.5).

[**] ( d i a n c h e n [**]) "D i a n -Diener".

Chen Mengjia deutete d i a n als agrarisches Umland der Metropole Yinxu (1956: 324). Somit könnten die gleichamigen Diener mit der Landwirtschaft ebendort befaßt gewesen sein, deren Ertrag für Königshof und Bevölkerung eminent wichtig war. Für die d i a n ist eine Gliederung gemäß den vier Himmelsrichtungen überliefert. Chens These wird von mehreren Inschriften bestätigt:

Shi 10.2 / S 389.4. Test der Proposition: In meinen d i a n wird es eine gute Ernte geben.

Yi 6583 / ibid.: Test der Proposition: Es werden Rinder in den d i a n erhoben.

Yi 8461 / ibid.: Divination am Tag bingwu. Bin testet die Divination: Es wird auf gerufen, Rinder in den vielen d i a n (= alle d i a n ) zu inspizieren.

Das Svntagma z o u [*] [*]( ) d i a n kann als "Gras in den d i a n schneiden" verstanden warden. Überhaupt scheint dort eine intensive Viehhaltung betrieben worden zu sein, was angesichts der großen Zahien geopferter Rir)der nicht weiter verwundern kann. Das d i a n -Amt bestand auch noch in der Westlichen-Zhou-Zeit fort (Zhang Yachu/Liu Yu 1986: 53). Chen Mengjia nimmt an, das yinzeitliche Amt hätte dem des d i a n s h i im "Zhouil" entsprochen, das für die Fronarbeiten auf den königlichen Feldern und die Beschaffung von Getreide für die Opferrituale verantwortlich gewesen sein soll (ZL, j. 4: 21b). Die zeitliche Diskrepanz von ca. 1000 Janren mahnt jedoch zur Skep- [Seite 60] sis gegenüber solchen Analogieschlüssen.

[**] (z h o u c h e n [**] ) "Z h o u -Diener"

Laut "Shuowen" sind mit z h o u bewohnbare Inseln in Flüssen gemeint (SW, j. 11 b: 574). Dieses Amt könnte demnach für deren Verwaltung, die Landwirtschaft einschloß, zuständig gewesen sein. Aus den SPI lassen sich hierzu leider keinerlei Informationen gewinnen (Cf. S 180.2).

[**] (n i u c h e n ) "Rinder-Diener"

SPI He 104 (S 109.4) verrät, daß "Rinder-Diener" Gras zu schneiden bzw. Heu einzubringen hatten.

"Rinder- und Schafhirten" (cf. Absatz 8.1, 8.3) Auch die Rinderhirten hatten Gras zu schneiden:

Tian 36 / S 214.4: ... Zheng testet die Proposition: Xue führt Rinderhirten heran, ... Gras zu schneiden.

Auf der Weide mußten die Herden vor Raubzügen und Viehdieben geschützt werden. Die Hirten gingen deshalb bewaffnet ihrer Arbeit nach (Yu Xingwu 1979: 262):

Yizhu 758 / S 214.3: Divination am Tag jiaxu. Bin testet die Proposition: In Yang. Rinderhirten werden Qiang fangen.

Die Aussagen der SPI zu landwirtschaftlich relevanten Ämtern reichen nicht hin, eine organisatorische Systematik zu erkennen. Man darf davon ausgehen, daß nur aristokratische Mitglieder prominenter Lineagen für ein Amt am Königshof in Frage kamen. Wurden bestimmte Lineagenanführer ohne Portefeuille mit der Durchführung landwirtschaftlicher Aufgaben betraut, oblag ihnen die Organisation der Arbeit der einsatzfähigen Bauern ihrer jeweiligen Verwandtschaftsgruppe.

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage der Organisation der Feldarbeit stößt man geradezu zwangsläufig auf den Begriff o u g e n g [**], der bis heute zu den besonders kontrovers diskutierten gehört. Erstmals treffen wir auf ihn in den Liedern des "Shi jing". So heißt es in "Yixit"-Lied (Mao 277) aus der Ära König Chengs der Zhou:

"Führe diese Bauern an,
Alle Arten von Getreide auszusäen. [Seite 61]
Bearbeitet zügig euer privates Land,
die ganzen dreißig li.
Widmet euch der Feldarbeit,
ihr zehntausend Mann führt o u durch"
(Qu Wanli 1980: 402) .(9)

Das "Daishan"-Lied, ein Tanzlied, wurde anläßlich der rituellen Eröffnung der Ackerbausaison durch den Zhou-König in Frühjahr gesungen:

"Beseitigt das Gras, die Sträucher und Bäume,
bereitet den Boden für das Saatgut vor.
Tausend o u - Gruppen jäten
in den feuchten Niederungen und entlang den Rainen"
(Mao 290; Cheng Junying 1985: 647).

Das "Zhouli" deutet als einzige vorhanzeitliche Quelle auf eine der möglichen Formen der ou - Organisation hin:

"Die j i a n g r en [** ] sind für die g o u [*]- und x u [*]- Kanäle zustandig. (10) Die Spaten (si [*]) sind fünf cun [*] (11) breit. Zwei Spatner bilden einen o u. Ein o u gräbt in einer Breite und Tiefe von je einem c h i einen Graben, q u a n [*] genannt" (ZL, j. 42: 22a).

Die nun folgenden Ausführungen stellen die wichtigsten Interpretationen von o u g e n g vor und bewerten sie hinsichtlich ihrer praktiscnen Bedeutung. Besondere Aurmerksamkeit verdienen jene Ansätze, die Erfahrungen bzw. Materialien aus der ethnographischen Feldforschung innerhalb Chinas oder Ergebnisse archäologisch-experimenteller Arbeit in die Argumentation einbeziehen.

Diese Form der Arbeitsteilung verleitet zu der Frage, worin eigentiich die [Seite 62] o u g e n g genannte Zusearnenarbeit bestand, da, wie Jia Gongyan weiter präzisierte, die Spatenträger hintereinander arbeitend vorgehen konnten (ibid.).

Die experimentelle Zusammenarbeit in dieser Anordnung erwies sich in jeder Hinsicht als effektiv (s. Zhang Bo 1987: 21). Allerdings standen die beiden Spatner bei ihrer Arbeit nebeneinander bzw. in einem stumpfen Winkel zueinander (ibid.).

He Ciquan schrieb dazu: "Im Zeitalter hölzerner Ackerbaugeräte war es nicht nur wahrscheinlich, sondern notwendig, daß zwei Personen einen Spaten ins Erdreich traten" (1982: 115). Auch Xu Zhongshu favorisierte diese Erklärung:

"Im Altertum bedeutete o u g e n g, daß zwei Personen gemeinsam einen Spaten hielten"( ibid.).

Experimente hierzu führten zu folgenden Ergebnissen:

1. Der 1.50 m lange Schaft des Spatens bot vier Händen keinen bequemen Halt.
2. Des Auswiegen der auf den Stelztritt einwirkenden Kräfte bereitete große Schwierigkeiten.
3. Des Umbrechen erforderte die doppelte Kraft bei der halben Leistung, die eine einzelne Person mit dem Spaten erzielen kann.
4. Länge und Breite der steinernen Arbeitsteile drangen nicht tiefer als ca. 14 cm in den Boden. Um mit einem solchen Spaten Erdreich aufzubrechen, war die Kraft einer einzelnen Person ausreichend (ibid.).

Sowohl die shangzeitlichen Archetypen von j i [**], Darstellungen von jeweils einer Person mit Gabelspaten, als auch die hanzeitliche Evidenz, d .h. Grabreliefs und literarische Hinweise - in "Huainanzi" steht lapidar: "Eine Person tritt den Gabelspaten und bricht den Boden um" (HNZ, j. 9: 28) - sprechen ebenfalls gegen diese Interpretation.

Hu Deping und Du Yaoxi beschrieben ebendiese Arbeitsweise arhand von Beobachtungen bei den Monba in Caona-Distrikt in Tibet, die Stelztrittgrabstöcke verwenden (1980: 67-68).[Seite 63]

Sowohl das "Daishan"-Lied (s.o.) als auch das "Guoyu" belegen eine Methode des ou g e n g , die nicht auf den Bodenumbruch beschränkt war, sondern auch beim Jäten und der Rodung Anwendung fand:

"Zum Beispiel bildeten die Bauern o u (bzw. gingen in o u voran) um Gestrüpp und Unkraut zu schneiden und auszurotten" (GY, j .19: 601).

Bei letzterer Tätigkeit verwendete man Äxte, Sicheln und Hacken.

Von Fall zu Fall ist ferner in Betracht zu ziehen, daß g e n g nicht nur die Kernbedeutung "Boden umbrechen / bearbeiten" besitzt, sondern als allgemeiner, alle Ackerbauarbeiten umfassender Terminus auttreten karn:

"Bei drei Jahren Ackerbau ( g e n g ) kann man gewiß für ein Jahr Nahrungsmittel speichern; bei neun Jahren Ackerbau, kamn man gewiß für drei Jahre Nahrungsmittel speichern" (LJ, j. 12: 11 a)

Grundsätzlich mag das Arbeiten in kleineren Gruppen, in denen man sich gegenseitig unterstützte und aufmunterte, auch dort erfolgt sein, wo dies technisch nicht unbedingt erforderlich war.

Wan nimmt bei seiner Interpretation Bezug auf das "Lunyu":

"Tang Ju und Jie Ni arbeiteten ( g e n g ) beide zusammen ( o u ) auf dem Feld ... (Jie Ni) zerschlug ohne Unterlaß die Schollen" (LY, j. 18: 14a).

Auch hier zeigt sich, daß bei o u g e n g sehr wohl auch zwei verschiedene Arbeitsgeräte eingesetzt werden konnten.

Aus den o u g e n g soll sich, laut Sun Changxu, das Pflügen mit Rindern entwickelt haben. Diese These läßtt eine Reihe von sehr wichtiger Fakten außer Acht:

1. Beim Pflügen liegt ein "gleichmäßiger, ununterbrochener", nach vorne gerichteter "Arbeitsgang" vor (Berner 1960: 770), während mit dem Spaten rückwärtsgehend, von Stich zu Stchi gearbeitet wird.
2. Wird ein Spaten durch das Erdreich gezogen, so entsteht ein wildes Durcheinander von aufgeworfenen Schollen (Zhang Bo 1987: 20).
3. Um einen Spaten in Pflugmanier durch das Erdreidi zu ziehen ist eine Mindestkraft erforderlich, die von einer Person nicht aufgebracht werden kann (cf. Absatz 10.2.5).[Seite 64]

Tatsächlich wird bei einer solchen Arbeitsanordung das Arbeitsteil des Spatens nicht nach vorne, sondern nach oben gerissen, was bei schwerrn Böden die Hebearbeit des Spatners erleichtert (cf. Berner 1960: 768).

Diese Methode, u. a. auch für Afghanistan und Korea belegt (Hirschberg/Janata 1966: 253-54), ist heute noch im Distrikt Yongji der Provinz Jilin in Nordost-China zu beobachten. Dort werden zwei Spaten zu einem Arbeitsgerat verbunden und von drei Personen (zwei Personen ziehen) oder sechs Personen (jeweils zwei Personen ziehen auf beiden Seiten) bedient. Demgemäß wird o u in eingangs zitiertem "Zhouli"-Text nicht als Spatenpaar, sondern als Verbindung zweier Spaten verstanden (Guo Ran 1982: 153). Da die Doppeispatennutzunq sehr wahrscheinlich eine Variante der Spatenarbeit darsteilt, fällt es nicht leicht, o u etymisch auf diese Weise zu fassen. Die im Yongji-Distrikt eingesetzten Spaten weisen außerordentlich kleine, längliche Blätter auf. Bei einem entsprechend massiven Schaft könnte genauso gut ein breites Arbeitsteil Verwendung finden (cf. Hirschberg/Janata 1966: 253, Abb. 219). Die genannte Form der Zusammenbeit wird sowohi in Afghanistan und Korea als auch im Yong i-Distrikt vorzüglich beim Ziehen von Bewässerungsgräben gewählt (s. Guo Ren 1982:152-53).

Die gegenseitige Ablösung bei der Arbeit vermag der folgende Satz aus den 'Zuozhuan" zu belegen:

Y on g - c i - b i - o u [****] (ZZ, Zhao 16, j. 47: ha).

Wang Niansun (1744-1832) definierte y o n g mi t g e n g [*] "wechseln", d i e [* ] "abwechselnd" und d a i [* "sich ablösen", wobei er sich auf den "Hanshu"-Kommentar von Yan Shigu stützte: "Y o n g meint tätig sein, d.h. zusammenarbeiten (und dabei) die Arbeit tauschen" (1972, Bd. 1, zhi 4.4: 25). Fraglicher Satzteil läßt sich demnach im Kontext wie folgt übersetzen:

"Indem sie zusammenarbeitetan und sich bei der Arbeit ablösten / die Arbeit tauschten, rodeten sie dieses Gelände. Sie schnitten p e n g, k a o, l i , und d i a (Scharfes Berufskraut / Artemisia apicea und zwei Gänsefußarten / Chenopodiaceae)."

(I) O u bezeichnet eigentlich ein zweizinkiges lardwirtschaftliches Gerät, das vorwiegend bei der Rodung eingesetzt wurde und dessen Ent- [Seite 65] wicklung in engem Zusammenlang mit der des Gabelspatens zu betrachten ist (Dang Mingde 1984: 76-77).

Laut Dang wurde von Zhao Guo in der Han-Zeit (Wu-Di-Ara: -140 bis -86) aus diesem Gerät eine Sämaschine entwickelt. Als Brückenform soll der o u l i [*] (Pfug) in Frage kommen. "Guoyu"-Syntagma z u o [*] o u dient ihm als Beleg, wobei z u o hier die Bedeutung "herstellen" zugeschrieben wird. Da keine weiteren relevanten Belegstellen existieren, und z u o zudem die Bedeutungen "aufstellen, errichten, bilden; vorangehen" beinhaltet (cf. ZWDCD, Bd. 1: 918), steht die Interpretation auf schwachen Füßen. Auch wird nicht deutlich, was denn nun dieses o u - Gerät letztlich vom Gabelspaten unterschied, zumal entsprechende Illustrationen allesamt Gabelspatentypen zeigen.

Das zhouzeitliche semantisehe Feld von o u gibt als Kernbedeutung den Begriff "Paar" zu erkennen (cf. Yang Bojun 1981: 113, 241, 328, 1109). So kann o u g e n g ursprünglich die paarweise bzw. paarweise-alternierende Zusammenarbeit beim Ackerbau bezeichnet haben. Literarisehe und ethnographische Fakten machen wiederum deutlich, daß eine solche Form basaler Zusammenarbeit weder auf zwei Personen noch auf ein bestinmtes Gerät beschränkt gewesen sein mußte. Das Korpus an Skapula- und Plastronen- sowie Bronzeinschriften enthält kein Graphem, das zweifelsfrei für den Archetyp von o u herhalten könnte. SPG [*] (Yicun 966: S 482.1), Darsteliung zweier Gabelspaten, nebst seinen Formvarianten, tritt nicht in landwirtschaftlichem Kontext auf. Spekulativ ist ferner die Annahme, daß SPG [*] ( x i [*]), u.a. "kollektive Feldarbeit" bezeichnend, auf o u g e n g hinweise (cf. Zhang Bingquan 1970: 300). Guo Ren interpretiert x i e als Terminus fiir eine Arbeitsanordung, bei der eine Person das Gerät in den Boden stach und zwei das Arbeitsteil an Seilen zogen (s.o.). Was Guo offensichtlich übersah, ist die Tatsache, daß Triplogramme bereits in den SPI auf eine Mehrzahl verweisen, ohne sich dabei auf genau drei Gegenstande, Personen etc. zu beschränken.

Praktische Experimente mit Spaten sprechen für die Überlegenheit der Teamarbeit beim Bodenumbruch. Arbeiten zwei Personen unnittelbar neneneinander mit je einem Spaten, kann die Arbeitsleistung gegeniüber dem vereinzeiten Vorgehen zweier Personen beim Bodenumbruch um das 1.21- fache, beim Roden urn das 1.23-fache steigen (s. Zhang Bo 1987: 22).

Wir gehen davon aus, daß o u g e n g eine archaische Form der Zusammenar- [Seite 66] beit in der Landwirtchaft, insbesondere beim Ackerbau, darstellt, die ihre Wurzeln im Neolithikum besitzt und auch während der Shang-Yin-Zeit weithin praktiziert worden ist.

 ANMERKUNGEN ZU III:

(1) Gemeint ist die Bildung neuer Lineagen unter Bezugnahme auf einen jeweils rezenteren Ahnen. Hinweise auf ein solches System (zong a) während der Shang-Yin-Zeit sind epigraphisch nur für die königliche Lineage innerhalb des herrschenden Zi-Klans vorhanden. So unterschied man in ihrem Falle zwischen d a s h i "Große Ahnentafel" (Stammlineage) und x i a o - s h i "Kleine Ahnentafel" (Zweiglineagen; s. Chen Mengjia 1956: 465-66, 473; Chang Kwang-chih 1980: 189).

(2) Zunächst läßt sich die Unterscheidung zwischen aristokratischen end nichtaristokratischen Mitgliedern treffen. Erstere sind Eigner der großen und mittelgroßen Gräber (ca. 50-600 m2 Fläche) mit ein, zwei oder vier Rampen und einer Ausstattung, die deutlich ihren Status wiedergibt: z. B. bronzene Ritualgefäße, Kampfwagenaccessoires, Artefakte aus wertvollen Materialien wie Jade oder Elfenbein etc. und Begleitpersonen (s. SZKG: 96-104).

Die nicht-aristokratischen Lineagenmitglieder fanden ihre letzte Ruhestätte in kleinen Gräbern zwischen 1.8 x 0.8 m2 und 3.5 x 2 m2 Fläche (s. Yang Baocheng/Yang Xizhang 1983: 30; SZKG: 104-105). Häufigste Beigaben sind g u - und j u e - Weingefäße aus Ton und in einigen Fällen bronzene Wa fen sowie Ritualgefäße in geringer Zahl. Zudem liegen Kleingräber ohne jegliche Beigaben vor (ibid.). Das bislang eindrucksvollste Beispiel eines Lineagenfriedhofs der Shang-Yin-Zeit wurde zwischen 1969 und 1977 im Westarealvon Yinxu ausgegraben (s. KGXB 1979.1: 27-146). Unter insgesamt 939 Gräbern wurden 8 Gruppen identifiziert, die in der Assemblage ihrer tönernen Gefäße distinktive Merkmale zeigen. Mit Ausnahme von Gruppe V sind alle durch Embleme auf Bronzegefäßen als Klan/Lineage repräsentiert. Innerhalb einer jeden Gruppe sind die Einzelgräber höchst unterschiedlich ausgestattet.So weisen die Gruppen I (144 Gräber), II (305 Gräber), VIII (55 Gräber) folgende Relationen auf: 'Tongefäße (95%/60%/62%), Bronzegefäße (19%/1O%/ 1%), Bronzewaffen (34%/15%/11%), Kauri (56.6%/41%/27%) und keine Beigaben (21%/17.4%/3.6%). Funde landwirtschaftlicher und handwerklicher Geräte sowie Waffen deuten auf Bauern, Handwerker oder Soldaten hin (Yang Baocheng/Yang Xizhang 1983: 31).

Des früheste Beispiel eines solchen Friedhofes liegt für das longshanzeitliche Stratum von Chengzi in Zhucheng-Distrikt der Frovinz Snandong vor. Ebendort ließen sich innerhaib des fraglichen Areals deutlich drei Sektoren ausmachen. In jedem Sektor traten jeweils alle vier Klassen auf, in die man die insgesamt 87 Einzelgräler differenzierte (s. Chang Kwang-chih 1986: 249; 251, Tafel 207).

(3) Syntagma [*] (bu sang[**]) wird von vielen Historikern/Epigraphen bu wang [*] gelesen, wobei wang im Sinne von tao [*] "fliehen, entkommen" gedeutet wird (vgl. Chen Mengjia 1956: 607 - 608; Wang Yuxin 1981: 111; Chen Lan 1986. B u s a n g stellt die Kurzschreibung von b u s a n g z h o n g dar (cf. S 190.4-191.1). Die intransitive Lesung von s a n g ist nicht vertretbar (s. Koib 1 991b: Absatz 4.1); überzeugender ist sangshi [*] "verlieren" (Kato Joken, Gulinbu, Bd. 1: 492-94) bzw. s a n g w a n g "durch den Tod verlieren" (Yu Xinqwu 1979: 77; Zhao Cheng 1988: 334).

(4) Die Zerealiangrapheme stehen in den SPI sowohl in nominaler als auch verbaler Bedeutung, nämlich "X pf1anzan/säen", und nicht zugleich im Sinn von "X ernten" wie Li hier unterstellt (1988: 69; cf. Absatz 10.4).

(5) Die Untersuchung des frühzhouzeitlichan Bedeutungsfeldes von l i ergab, daß damit Personan bezeichnet wurden, die über bestimmte angesehene Fähigkeitan verfügten (s.Kolb 1991b: Absatz 19).

(6) Die nämliche Tradition wird in Quellen der Westlichen-Zhou-Zeit dokumentiert. Die Zhou hetrachteten eine Ackerbaugottheit, den "Hirse-Herrscher" (Hou Ji), als ihren mythologischen Stammvater. Legge folgend heißt es in "Yixi"-Lied (Mao 277) des "Shijing":

"Oh! yes, king Ching
Brightly brought himself near.
Lead your husbandmen
To sow their various kinds of grain" (Bd. 4: 584).

(7) Zu nennen sind vor allem die Teilnahme an Feldzügen bzw. die Durchführung militärischer Unternehmungen (cf. Kolb 1991 b: Absatz 4.2) sowie Aufgaben in Rahmen von Opferritualen. Außerden dienten sie als Ärzte am Königshof. Die Tatsache, dßB sie Abgaben entrichteten, verweist auf zugewiesene Gebiete innerhalb der Domäne (cf. Zhang Yongshan 1983: 61.64). Man darf bei den x i a o c h e n von einer sehr heterogenen Gruppe königlichen Dienst- und Verwaltungspersonals ausgehen.

(8) Drei Sektoren sind nachweisbar, nämlich ein westlicher (Lin 2.11.16: S 390.1), nördlicher (Ren 2307: S 390.2) und südlicher (Yichu 577: 5 390.1).

(9) Waley übersetzte mit "Ten thousand of you in pairs" (1954: 161) und Legge mit "With your thousand men all in pairs" (Bd. 4: 584). G e n g wird dabei die anachronistische Bedeutung "labour with ... ploughs" bzw. "ploughing" gegeben (ibid.; 5. Absatz 10.2.5).

(10) F. Brays Übersetzung "The smith makes the irrigation implements" (1984: 166) befindet sich nicht im Einklang mit den Text (cf. ZLZY, j. 85: 3479; Needham 1971: 255).

(11) Einem c u n entspricht 1/10 c h i [*]. Der zhouzeitliche c h i besaß eine durchschnittliche Länge von ca. 23 cm (s. Liang Fangzhong 1980: 540), d.h. 5 c u n entsprachen ca. 11.5 cm.

IV. Zu Erzeugnissen und Verfahren der Feldbearbeitung in der Shang-Zeit.

A. ZU DEN FELDFRÜCHTEN.

Hirse.

[Seite 67] Von den Anfängen seßhafter Landwirtschaft bis in die Chunqiu-Periode (-722 bis -481) waren s h u [*] und j i [*] die wichtigsten Zerealien Chinas (Chang Te-tzu 1983: 68). Während bei der Bestimmung von s h u als Gattung Rispenhirse (Panicum miliaceum) weitgehend Einigkeit herrscht, kann j i P. miliaceum (cf. Bray 1984: 440, table 11), Flatterhirse (P. m. conv. effusum (Li Huilin 1983: 29; CH, nongye 1982: 172) oder Kolbenhirse bezeichnen (Qi Sihe 1981: 7-14; You Xiuling 1984: 227; Wang Guimin 1985: 26-27; Xu Coyun 1984: 152-55; Chang Kwang-chin 1980: 147). (1)

Fest steht, daß vor der Nord-Wei-Periode (386-534) die Kommentatoren einhellig j i als s u [*] (Kolbenhirse) interpretierten (cf. You Xiuling 1984: 278, Tabelle 2), Tao Hongjing [*** ] (1. Hälfte 5. Jhdt.) dies erstmals in Frage stellte und Su Gong [**](Tang-Zeit) begann, j i im Sinne von "Rispenhirse" zu definieren. Von der Song-Zeit an wurde dann häufiger an die ursprünglicne Interpretation angeknüpft (ibid.: 279-82).

In neolithischen Siedlungen dominiert eindeutig die Kolsenhirse. (2) Sie darf zurecht als "staple diet of early farming communities in the north" (Bray 1984: 434) bezeichnet werden. Für die Shang-Yin-Zeit kann gegenwärtig weder epigraphisch noch archäologisch eine zweifelsfreie Wertung hinsichtlich der im Anbau bevorzugten Hirsegattung vorgenommen werden.

Rispenhirse.

[Seite 68] S h u wird in den SPI mit [*]bzw. [*]mwiedergegeben, der Darstellung einer Zerealie mit ein bis drei überhängenden Rispen, häufig ergänzt durch das "Wasser"-Radikal: [*]. Mehr als hundertmal wird Rispenhirse in den Divinationen angeführt. Für Yu Xingwu stellte sie deshalb die bedeutendste Zerealie der Shang-Yin-Zeit dar, mithin das Hauptnahrungsmittel der einfachen Bevölkerung (1979: 243, cf. Zhang Bingquan 1970: 303-304). Nur zweimal erscheint p. miliaceum als Opfergut (Yi 7596: S 96.1, Bing 54: S 96.2). Eine diametrale Auffassung vertreten Wen/Yuan, wobei sie sich zunächst auf den Zheng-Kommentar zum "Lianggeng"-Lied (Mao 291) des "Shijing" berufen, in dem es heißt, daß in üppigen Erntejahren selbst das einfache Volk s h u aß; außerdem sehen sie in den häufigen Rispenhirse-Divinationen einen Hinweis auf die Bedeutung dieses Getreides für den Königshof und erklären anstelle dessen Kolbenhirse zur Volksnahrung der Zeit (1983: 171-72).

Leider bietet die Shang-Archäologie keine Lösung dieser Streitfrage. Nur ein Kolbenhirsefund und zwei Rispenhirsefunde liegen bis dato vor. (3) Chang Kwang-chih deutet die zahlreiche Erwähnung von s h u in den SPI als "result of a major change of preferred cereals from Neolithic to the Shang" bzw. "an indication of inadequate archaeology" (1980: 146). Der früheste Rispenhirsefund stammt vom Oberlauf des Wei-Flusses in Osten der Provinz Gansu und besitzt ein Alter von 7150 +/- 90 Jahren (Wei Yanghao 1986: 249). Die Eignung der Hirse für den Anbau in semiariden Gebieten und ihr Vorherrschen in Nordchina sollte nicht vergessen lassen, daß sie auch in gemäßigtem und feuchtem Klima gedeihen kann (Taysi 1965: 353) und deshaib kein Indikator für semiaride Steppenlandschaft ist (cf. Ho Ping-ti 1975: 33). Als optimale Keim- und Wachstumstemperatur für Panicum-Hirsen wurde 12 - 13 o, respektive 26 - 28 o ermittelt (Taysi 1965: 358). Bekannt ist ihre Empfindlichkeit gegen niedere Temperaturen, naßkalte Witterung und Staunässe. Infolgedessen ist ihr Anbau auf leichten Böden, z.B. Löß, besonders enpfehlenswert (cf. Michaelis 1965: 128).

Für die Ausbringung der kleinkörnigen Hirsesaat ist bei ganzflächiger Bodenbearbeitung vorab ein sorgfältiges Zerschlagen der Schollen notwendig. In [Seite 69] Hanglagen ist folglich bei den feinkrümeligen Saatbeeten die Gefahr der Auswaschung der Saat gegeben. Da das Wachstum der jungen Hirsepflanzen zunächst zugunsten der Wurzelentwicklung verläuft, sollte das Unkraut mehrmals beseitigt werden (cf. NZQS, j. 25: 618), auch um Übewucherung zu verhindern (Schütt 1972: 55). Anhand der SPI kann nachgewiesen werden, welch große Bedeutung diesem Arbeitsgang beigemessen wurde (s. Absatz 10.3). Bei dichter Einsaat und demzufolge gestiegenem Wasserbedürfnis kann ausbleibender Regen die Ernte verzögern bzw. beeinträchtigen. Die folgende Divinationsinschrift beschäftigt sich mit diesen Thema:

He 229 / S 170.1: Divination am Tag xinwei. Zhong testet die Proposition: Für eine gute Rispenhirseernte wird genügend Regen fallen.

Hauptanbauzeit für Rispenhirse waren laut SPI der erste und zweite Monat eines Jahres (s. Absatz 10.4). Über das Saat-Ernte-Verhälltnis der Vor-Han Zeit ist, im Gegensatz zur Kolbenhirse, nichts bekannt. (4) Der durch den Hirseanbau entstehenden Sorghum-Müdigkeit des Bodens (Taysi 1965: 371), im wesentlidien ein Stickstoffmangel, konnte wirkungsvoll mit Fäkaliendüngung begegnet werden (s. Absatz 1).

Eine Besonderheit der Rispenhirsen ist die hohe Ausfallgefahr. Zu Beginn der Ausreife hat unverzüglich die Ernte zu erfolgen. Eine singuläre SPI könnte als Hinweis auf das Wissen um dieses Faktum verstanden werden:

Bu 492 / S 198.1 :Test der Proposition: Der König soll sich nicht auf den Weg begeben, Rispenhirse zu inspizieren ... (5)

Als Anbaugehiete werden der Süden und Norden der Domäne (Xu 1.53.3: S 188.1; Tian 55: S 198.3) sowie die Orte/Gebiete Jiong [*] (Qian 5.20.2: S 198.1), Zi (?) [**] (Chen 113: ibid.), [*] (Cun 1.178: 5 198.2), Pang [*] (Xu 5.34.5: ibid.) und [*] (Xu 2.28.6: ibid.) gennant. (6)

Kolbenhirse.

[Seite 70] SPG [*] , von Periode III an [*] (7) geschrieben, darf als Archetyp von [*], dem späteren j i [*], gelten (Yu Xigwu 1979: 244-46). (8) Insgesamt 36 mal kommt es in den SPI vor und stellte somit für den Königshof eine wichtige Zerealie dar. Mit einiger Gewißbeit kann davon ausgegangen werden, daß es sich dabei um Setaria italica handelte (Chang Kwang-chih 1980: 147; You Xiuling 1984: 277; Wang Guimin 1985: 26; Peng Bangjiong 1989 b: 402). Wie alle anderen Zerealiengrapheme besitzt auch j i eine verbale Bedeutung: "Kolbenhirse aussähen / anpflanzen" (Jia 592, Ren 2368: S 198.1).

Das häufige gemeinsame Auftreten von s h u (Rispenhirse) und j i in den Liedern des "Shijing" läßt zunächst auf ein gemeinsames Anbaugebiet schließen. (9) In der Tat gedeihen beide Hirsearten auf der nordchinesischen Lößebene, doch Setaria - Hirsen stellen größere Ansprüche an die Bodenverhältnisse (Taysi 1965: 359). Sie sind nicht geeignet, längere Trockenperioden zu überstehen (Michaelis 1965: 123). Als Wachstumszeit werden 70 - 90 Tage genannt ( ibid. ). Fogg heobachtete bei austronesischen Gruppen in zentralen Bergland Taiwans den Anbau der Kolbenhirse und deren vorzügliches Gedeihen unter semitropisonen Bedingungen. Für ihn steht fest, daß Setaria italica anfangs von Hoabinh-Gruppen, die Gartenbauer mit Taro als Hauptnahrungsmittel waren, domtestiziert und nach Nordchina eingeführt wurde (1983). (10)

[Seite 71] Gegen Foggs These spricht zunächst der Umtand, daß S. viridis, die Wildform von S. italica, in ganz China nachgewiesen ist (CH, shengwu 1981: 346). Außerdem wurde der frühe nordchinesische Ackerbau in einem milderen und feuchteren Klima betrieben. (11) Schließlich, und dies scheint das gewichtigere Argument, stammen alle Kolbenhirsefunde des chinesischen Neolithikums aus Norddiina (China nördlich des Yangzi-Flusses), nämiich den Provinzen Henan, Hebei, Shandong, Shaanxi, Shanxi, Liaoning, Heilongjiang, Gansu, Qinghai Xinjiang und Jiangsu (cf. NYKG 1987.1: 413-15). Der früheste Fund liegt für die Cishan-Kultur vor, d.h. für die Zeit zwischen -5400 und -5100 (KGX: 209). In 80 Grubenspeichern stieß man auf die Reste eingelagerter Kolbenhirse in bis zu zwei Meter dicken Schichten (ibid.).

Auf die Bedeutung des richtigen Zeitpunktes für die Ernte wurde bereits hingewiesen. Zum Ausfall der Spelzfrüchte können aber audi heftige Regenfälle oder Winde führen. Die folgende Inschrift gibt die Sorge urn einen solchen Vorfail wieder:

Jia 444 / S 411.2: Divination am Tag dinghai. Veranlassung der Ernte. Es windet (12) im Osten

Ein im QMYS zitierter Text des hanzeitlidien "Fan Sheng zhi shu" schreibt vor:

"Setaria should be harvested as soon as half of it is ripe ... Glutinous panicum, on the other hand, had to be left until it was really ripe before harvesting: 'Non-glutinous should have a green neck, glutinous a drooping head', said the proverb' (Bray 1984: 447-48).

Hinsichtlich des Ertrags liegen uns Zahlen für die Zhanguo-Periode (-475 bis -221) vor. Der Reformer Li Kui (2. Hälfte 5. Jhdt.) benannte ihn mit 1.5 s h i [*] pro mu [*] (HS, j. 24a: 448), was in etwa 600 - 700 kg pro Hektar entsprochen haben könnte (Bray 1984: 448). Zu Beginn unseres Jahrhunderts lagen die Hirseerträge in China bei 400 bis 1200 kg/ha (Buck 1937: 222; Bray, ibid.).

[Seite 72] Mit einiger Sicherheit darf davon ausgegangen werden, daß den Shang-Yin-Bauern eine größere Zahl an Hirsearten bekannt war (Bray 1984: 442), als dies terminologisch zum Ausdruck kommt. Angebaut wurden sowohl klebrige als auch nicht-klebrige Sorten, erstere vor allem für die Herstellung von Alkohol (cf. Fogg 1983: 97-98). Bei Gaoheng/Taixi und Anyang stieß man auf shangzeitliche Brauereien (Guo Shengqiang 1983: 365).

Vom exzessiven Trinkverhalten der Shang liest man in Texten der Westlichen-Zhou (ca. -1030 bis -771). So heißt es im "Weizi"-Kapitel des "Shujing" aus der Frühzeit (s. Jiang Shanguo 1988: 211-12):

"Wir (= die Shang-Elite) versanken in haltloser Trunkenheit. Durch das (entstandene) Chaos verloren wir die tugendhafte Ausstrahlung der Ahnen auf Erden" (Qu Wanli 1979: 68).

Em weiterer Text aus dieser Zeit und gleicher Quelle, die ermahnenden Worte König Chengs der Zhou an Kang Shu (Feng), anläßlich dessen Belehnung mit Wei, einem von Shang bevölkerten Gebiet, weist abschreckend auf den Verfall und das Ende der Shang-Yin-Herrschaft infolge unmäßiger Hingabe an den Alkohol ("Jiugao", ibid.: 110). Entsprechend rigoros sollte dieser nun bekämpft werden:

"Wenn es Personen gibt, die Euch (= Kang Shu) berichten, die Masse der Bevölkerrng trinke Alkohol, könnt ihr keine Nachsicht üben. Die Übeltäter sind zu ergreifen und an den Hof der Zhou zu überstellen, wo sie mit dem Tod bestraft werden" (ibid.: 111).

König Kang, Nachfolger Chengs auf den Thron, hob die Verdienste der ersten Zhou-Könige bei diesen Bemühungen hervor. Die Inschrift des Da Yu ding [***] in seine Zeit datiert, fiihrt ihn mit weiterer Kritik an:

"Die Lehensträger an den Grenzen der Shang-Domäne und die Diener innerhalb deren Verwaltung waren der Trunksucht verfallen, deshalb ging ihr Heer verloren" (s. Gao Ming 1987: 445).

Eine singuläre SPI bestätigt Trunkenheit innerhalb der Shang-Aristokratie am Beispiel von Bi [*], einer Schlüsselperson der Wu-Ding-Ära:

Jia 2121 / S 180.4 13 : Divination am Tag jiazi. Bin testet die Proposition: Bi liegt trunken auf den Krankenlager. (13) Er führt die königliche Unternehmung nicht durch.

[Seite 73] Masse und Vielfalt der bisher entdeckten shangyinzeitlichen Weingefäße werden als Argunent fur die große gesellschaftliche Bedeutung des Alkohols angeführt, gar als weltgeschichtlich einmalig herausgestellt (Ma Chengyuan 1982: 29). Beispielsweise befanden sich unter den 440 Bronzegefäßen, die im Grab der Wu-Ding-Gattin Fu Hao geborgen wurden, ca. 150 Trinkgefäße, Weinbehälter etc. (Guo Shengqiang 1986: 95). Allerdings wissen wir nicht, wie groß der Anteil jener Gefäße war, die ausschließlich rituellen Belangen dienten, d.h. in den zahlreich überlieferten Libationsopfern Verwendung fanden (S 391.3-395.1).

Auch in der einfachen Bevölkerung scheint der Genuß qeistiger Getränke weit verbreitet gewesen zu sein. So fanden sich beispielsweise in nahezu jedem der zwischen 1953 und 1958 bei Dasikongcun geöffneten Kleingräber gu [*] - und jue [*] - gefäße aus Ton (Guo Shengqiang 1986: 95), d.h. Weinbecher und Gefäße für das Wärmen von Wein.

Allgemeiner Terminus sowohl fiir alkoholische Getränke als auch Libationsopfer war [*] bzw. [*] (weitere Schreibungen s. Yu Xinywu 1979: 318).

Mit [*] (l i [*]) wurde süßer Wein bezeichnet, den man in frisch vergorenem und gelagertem Zustand schätzte:

Cui 232 / S 401.3 : Divination am Tag bingxu. Es wird neuer süßer Wein verwendet. Es wird alter süßer Wein verwendet.

Zudem wurde [*] ( c h a n g ) bei Libationsopfern dargebracht, ein mit duftenden Kräutern gebrautes Getrank (Wen/Yuan 1983: 369). Ausgangsmaterial könnte schwarze Hirse gewesen sein (cf. SW, p. Sb: 219). Bis zu 100 [*] ( [*] y o u ) genannte Gefäße mit c h a n g konnte ein einziges Opfer beinhalten (Qian 5.8.4: S 408.1). Besonderes Personal war für seine Her- und Bereitstellung verantwortlich (Jia 278: S 408.2).

Unklar ist, ob die Shang-Yin bereits g a o l i a n g (Sorghum vulgare) kultivierten. Andropogon sorghum, d.h. chinesischer Gaoliang, wurde am Donghuishan in Minle-Distrikt der Provinz Gansu archäologisch nachgewiesen. Die Körner sollen identisch mit den heutigen sein (Li Fan et al. 1989: 61). Als Alter wurde 5000 +/-159 ermittelt (ibid.). Der Jingoun-Fund (Neolithikum) aus dem Jahr 1931 ist dubios (Ho Ping-ti 1975: 380; Chang Kwang-chih 1977: 95, Anm. 37). Ein weiterer Fund stammt aus Changwu in der Provinz Shaanxi, datiert in die späte Shang- bzw. frühe Westliche-Zhou-Zeit (NYKG 1987.1: 420). Angeblich soll Sorghum erst relativ spät, nämlich seit der Yuan-Zeit (1278-1368) in großemUmfang angebaut und vom 15. Jahrhundert an besteuert [Seite 74] worden sein (Ho Ping-ti 1975: 382). Ein Shang-Terminus für diese Hirsepfanze konnte bislang nicht bestimmt werden. 

Reis.

[Seite 77] Wildreisarten sind für ein Gebiet festgestellt, das sich vom Norden Australiens über Melanesien, Süd- und Südostasien, Yunnan und Süd-China erstreckt (Chang Te-tzu zit. in Bray 1984: 482, Fig. 231). Als Kernzonen früher Domestikation kommen die Flußtäler Ober-Assams, Thailands, Burmas, Yunnans, Nord-Vietnams sowie Sudchinas in Frage (Bray 1984: 485). Der bislang älteste domestizierte Reis Chinas stammt aus Hemudu/Yuyao-Distrikt in der Provinz Zhejiang. Radiokarbondaten verweisen auf eine Besiedlung zwischen -5005 +/- 130 und -3380 +/- 130 (XFX: 145). Im 4. Stratum entdeckte man auf einer Fläche von ca. 400 m2 karbonisierte Reiskörner sowie Spelzen end Stroh in einer Anhäufung von bis zu 50 cm. Nach Yan Wenmings Schätzung waren dort einmal [Seite 78] mehr als 120 Tonnen Reis gelagert worden (1982: 22). (22) Als Art wurde Oryza sativa indica, Subspezies x i a n , d. h. langkörniger, nichtglutinoser Naßreis, identifiziert (RAD: 25). (23)

Er muß das Hauptnahrungsmittel der Hemudu- Bevölkerung gewesen sein. In acht weiteren, am Unterlauf des Yangzi qelegenen neolitnischen Grabungsstätten sowie elf Siedlunqen an dessen Mittellauf stieß man auf Reis (Yan Wenming 1982: 21-24). Ferner wurde er noch innerhalb der heutigen Provinzen Yunnan, Henan, Shaanzi und Shandong angebaut (NYKG 1987.1: 424).

Fur die Shang-Zeit liegen lediglich vier Reisfunde vor, nämich aus Yinxu/ Anyang, Baijiazhuang/Zhengzhou, Jiaozhuang/Provinz Jiangsu und Haimenkou/ Jianchuan in Yunnan (ibid.). Aus den "Shijing" wissen wir, daß Reis in den Provinzen Shaanxi, Shanxi und Shandong wuchs; (24) archäologisch ist Oryza für die Zhou-Zeit in Jiangsu und Hubei bestätigt (ibid.). Infolge der Entwaldung und der Aridisierung des Klimas in Nordchina, verschlechterten sich die Voraussetzungen fur den Naßreisanbau. Heute wird er hauptsächlich im Einzugsgebiet des Yangzi und südlich davon geerntet (Cheng Lu/Lu Xinxian 1984: 31, Taf. 4).

Die graphisohe Repräsentenz des Naßreis-Terminus in den SPI wird weitgenend im Sinne von Tang Lan interpretiert. (25) Dennach ist SPG mit [*] mit [*] Reis in einem Gefäß) zu transkribieren und d a o (+d'og) [*] zu lesen, das wiederurn [Seite 79] fur d a o (+d' og) [*] "Reis" steht (Tang Lan 1934/1981a: 34). (26)

Oryza sativa kann nur dort erfolgreich aufgezogen werden, wo die Temperaturen nicht unter 10 o C sinken und wenigstens 20 o wähend der dreimonatigen Hauptwachstumszeit gegeben sind (Kurten 1965: 316). Diese Bedingungen wurden vom wärmeren und feuchteren Klima der Shang-Zeit für das gesamte Territorium der Shang-Yin erfüllt. (27)

Da erst für die Östliche-Han-Zeit (25-220) das ertragssteigernde Umpflanzen aus Anzuchtbeeten nachgewiesen ist (Amano 1962: 183; Ho Ping-ti 1975: 72), darf man davon ausgehen, daß die Shang-Bauern den Reis direkt aussäten. Dies könnte bereits auf irrigierten Feldern geschehen sein (cf. Absatz 5), ansonsten kämen Feuchtgebiete in Frage. Als Aussaatzeit vermerken die SPI den 2. und 3. Monat:

Hou 1.31.11 / S 395.1: Test der Proposition: Es wind wahrscheinlieh keine gute Reisernte geben. Im 2. Monat.

Ku 1564 / ibid.: Wir werden eine gute Reisernte bekommen. Im 3. Monat.

Ren 2331 / S 395.2: Divination am Tag jichou. Test der Proposition: Reisaussaat in ... Im 2. Monat.

Neben dem bereits erwähnten x i a n -Reis, wurde im Neolitnikum auch schon die g e n g [*] genannte Spezies (0. sativa japonica) geerntet, die durch Yunnan, Sichuan und Shaanxi in die zentrale nordchinesische Ebene gelangt war (Cheng Te-tzu 1983: 72; Yan Wenming 1982: 28).

Aus einer singulären lnschrift wissen wir zudem von einer n i genannten Reispflanze: [Seite 80]

Yi 3212 / S 194.2 : Divination am Tag dingchou. Zheng testet die Proposition: Pu wird aufgerufen, n i in Zi zu säen. Es wird eine reiche Ernte geben.

SPG [*] wurde erstmals von Chen Mengjia - allerdings ohne inhaitliche Erschließung - als archaische Schreibung von n i [*] vorgestellt (1956: 533). (28) Die entsprechenden lexikalischen Ausfiihrungen stammen von Yu Xingwu (1979: 251-52). (29) Des "Shuowen" definiert wie folgt:

"N i ist ein Reis, der in diesem Jahr reift und im nächsten von selbst wächst" (SW, p. 7a: 326).(30)

Leut Ho Ping-ti koönnte es sich dabei urn Oryza perennis gehandelt haben, aus dem domestizierter Reis hervorging (1975: 65). (31)

Reis- und Hirsedivinationen erscheinen bisweilen auf einem Schriftträger (Hou 1.31.11, Xu 2.39.3, Yicun 400). Fur Tang Lan ist dies ein Hinweis auf die gleichstehende Bedeutung beider Zerealien (1981 a: 34) - Zhang Bingquan (1970: 305) und Xu Yunfenq (1983: 318) teilen seine Auffassung. In Falle ihrer Verifikation, ließen sich daraus Folgen fiir die demographische Entwicklung ableiten. Wie Chang Te-tzu feststellte, führte die Ausbreitung des [Seite 81] Reisanbaus "generally ... to larger population increases than was the case with other food crops because rice has the highest digestible energy and is labor intensive" (1983: 76). Nach herkömmlicher Ansicht war Reis in Alten China eme aristokratische Zerealie (Ho Ping-ti 1975: 65, 76), also keine weithin angebaute Nutzpflanze.

 ANMERKUNGEN ZU IV A:

(1) Bei You Xiuling findet sich eine ausführliche Darstellung des Ursprungs und Verlaufs der nomenklatorischen Konfusion, die seit mehr als 1000 Janren Gegenstand der Erörterung ist. Einen knappen tabellarischen Überblick bietet Bray 1984: 440, Table 11. Cui Dongbi (174O - 1816) führt als Ursache der Verwechslung von s h u und j i den Umstand an, daß nicht-glutinöse Rispenhirse j i [*] genannt wurde und damit der Lautung für Kolbenhirse sehr nahe stand. Da in den Lokaldialekten des Nordens kein 5. Ton gesprochen wurde, kam es folglich zu irrtümlicher Vertauschung beider Termini (zit. in Xu Choyun 1982: 153).

(2) Sechs Rispenhirsefunde aus den Provinzen Liaoning, Shaanxi, Shandong, Gansu, Qinghai end Jilin stehen nicht ganz 40 Funden aus Hebei, Henan, Shandong, Shaanxi, Shanxi, Liaoning, Heilongjiang, Gansu, Qinghai, Xinjiang und Jiangsu gegenüber (NYKG 1987.1: 413-417).

(3) Die s h u - Funde aus Caoyuangzhuang/Xingtai in Hebei und Taixi/Haocheng ebendort sind in die mittlere Shang-Zeit datiert (Tang Yunrning 1982: 82). Kolbenhirse aus derr Shang-Yin-Periode fand man bei Yinxu/Anyang (NYKG 1987.1: 415).

(4) Des Verhältnis schwankt heute zwisdien 1:50 und 1:100 (cf. Bray 1984: 448).

(5) Des "Rispenhirse"-Graphem besitzt auch die verbale Bedeutung "R. pflanzen", deshalb ist hier keine Eindeutigleit gegeben.

(6) Jiong wird auch in Kontext mit "Hühnergras" erwähnt (5. Ansatz 10.3). In Zi (?) wurde auch noch Reis angebaut (s. Absatz 7.3). Pang war ein Gebiet, in dem Wu-Ding-Gattin Pu Han Truppen aushob (S 241.3) und Garnisonen emgerichtet waren (S 241.4). Letztgenanntes Gebiet im Text diente auch der koniglichen Jagd und der Vienzcht (S 264.3).

(7) Im JGWB erscheint dieses Graphem als Urform von s u [*] (Kolbenhirse; 7.10).

(8) Yu veweist auf [*] bzw. [*] als Vorläufer von q i [*] und die Wandlung von [*] zu [*], Kompositum aus h e [*] und q i (1979: 245). Chen Mengjia folgend steht SPG [*] ( h e ) für g u z i [**] (S. italica) und in erweiterter Bedeutung für Zerealien im allgemeinen (1956: 526). Im Gegensatz zu Kolbenhirse, Rispenhirse, Weizen und Reis tritt h e nicht in Syntagna s h o u 'X' n i a n "X -Ernte empfangen" auf. Außerden kann n i a n "Ernte" durch h e ersetzt sein: s h o u h e (cf. 5 192.4-193.1).

(9) In dieser Quelle wird Rispenhirse 19mal und Kolbenhirse 18mal, weit häuufiger als andere Getreidearten, angeführt. Dabei erscheinen beide Hirsen insgesant 12mal in der gleichen Verszeile (S. Qi Sihe 1981: 3, 4).

(10) Für F. Bray steht hingegen fest, daß "many botanists and archaeologists would argue that it is precisely under oondition of stress, where traditional food resources are short in supply, that donestication takes place, and this would point to the north rather than the south of China as the area where millets were first domesticated" (1984: 436).

(11) In den Ausgrabungsstätten der Cishan- und Peiligang-Kultur nebst verwandten Kulturen herrschen an Wildrelikten Sika-Hirsch, Elaphurus menziesianus und Wasserhirsch vor (Chang Kwang-chih 1986: 93), alles Tiere, die ein dicht bewaldetes, wärmeres end feuchteres Habitat bevorzugen. Auch die Yangshao-Periode besaß ein milderes Klima; dafür sprechen z.B. Hydropotes inermis und Rhizomys sinensis, entdeckt bei Banpo und Beishouling (ibid.: 17; 1986: 112).

(12) SPG [*](= [*]; +b'iwam/ f a n ) steht für das lautverrandte f e n g (+pium) [*] "Wind".

(13) Betreffendes Syntagma liest sich [***] ( j i u z a i n i [***] ). Yu Xingwu sieht zwischen der Trunkenneit und den Krankenlager einen ursächlichen Zusammenhang: Weil Bi unmäßigig trank, war mit seiner Erkrankung zu rechnen (1979: 318-19).

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(21) Die von Wen/Yuan in diesem Zusammenhang zitierten SPI sind allesamt nicht korrekt wiedergegeben. Es handelt sich bei ihnen um fragmentarische Inschriften, in denen m a i eher als Eigenname zu lesen ist (1983: 174; cf. S 202.1).

(22) Li Runquan erklärt die Bewohner der Zengpiyan-Höhle hei Guilin/Provinz Guangxi und der Xianrendong-Höhle/Wannian-Distrikt in Jianqxi auf grund der dort freigelegten Mahlsteine und Muschelspaten zu den frühesten Reisbauern Chinas (1985: 166). Damit wareen die Hemudu-Daten um 1-2000 Jahre übertroffen, obgleich in potentiellen Reisanbaugebieten gelegen, treten doch in den Funden keinerlei Spuren von Reis auf. Die Mahlsteine konnten zum Zerreiben von Körnern wildwachsender Gräser und die Spaten beim Gartenbau bzw. bein Anbau von Knollenfriichten, den vermutlich ersten kultivierten Pflanzen in Süddchina, Verwendung gefunden haben.

(23) Cheng Te-tzu macht auf die beträcht1ichen Unterschiede in der Dimension der Körrner aufmerksarn, die sich zwischen Spontanea- und beute kultivierten Arten bewegen (1983: 72).

(24) Die Lieder 'Baihua", "Qiyue" und "Fengnian" deuten auf Shaanxi (Chen Junying 1985: 476, 268, 633), während "Baohua" für Shanxi und "Migong" fiir Shandong sprechen (ibid.: 210, 665).

(25) Wang Guimin 1985: 27; Yen Wenming 1982: 19; Shima Kunio, S 395.1; Li Xiao-ding, LXD: 2357-358; Chang Kwang-chih 1980: 148; Peng Lin 1985: 737; Zhou Fagao, Gulinbu, Bd. 4: 2365-366; Peng Bangjiong 1988a: 54.

(26) Yu Xingwu (1957a: 94-96), und ibe folgend Wen/Yuan (1983: 177-79) sowie - in Widerspruch mit sich selbst - Peng Banjiong (1988a: 54;1989b: 410), erblicken im SPG-Archetyp die Lehnsehreibung für s h u [*] bzw. d o u [*] "Sojabohne". Angeblich soll [*] lautgleieh mit h o u [*] sein, das wiederum phonetisch verwandt mit d o u bzw. s h u ist (Peng Bangjiong 1989a: 410). Chen Nengjia interpretierte mit j u [*] "Sehwarze Hirse" (1956: 527).

(27) Ho Ping-ti mceht auf Ergebnisse von Experimenten und Analysen aufmerksam, aus denen hervorgeht, daB die höchsten Reiserträge pro Morgen nicht in den Siidprovinzen, sondern in Lößland Shaarnxis erzielt werden. Im Juli/August herrschen dort Durchschnittstemperaturen zwischen 24 o end 26 o C. Hinzu kommt eine stärkere Sonneneinstrahlung als in´m Süden (1975: 71). Tregear gibt für das heutige Xian/Shaanxi folgende Monate mit Durehsehnittstemperaturen uber 20 o C: Mai 23.9 o, Juni 27.8 o, Juni 30 o, August 27.8 o und September 22.2 o (1980: 20). Während der Shang-Yin-Zeit lagen vermutlich sieben Monate über der kritischen 20 0 C-Grenze.

(28) Hu Houxan sah in diesem SPG bingegen den Archetyp von p i [*] gegeben, b a i [*] gelesen, einen Terminus für Hirse (1 945b; 5. Yu Xingwu 1 957a: 100). You Xiuling nimmt diese Lesung an und definiert b a i mit Eichinocloa frumentacea, einer Hühnergrasart (1988: 19; cf. Chang Te-tzu 1983: 79). You nimmt darüberhinaus an, daß b a i eine wichtige Nutzpflanze in der frühen chinesischen Agrikultrr darstelte (ibid.). Früheste Erwähnung findet b a i in "Zuozuan" (ZZ, Ding 10, j. 56: 1 b). Kommentator Du Yu erklärt mit "birseähnlichem Gras" (ibid.). Heute wird damit ein Gras bezeichnet,das als Unkraut in Reisfeldern vorkommt und u.a. bei der Herstellung von Alkohol Verwendung findet. E. C. var. frunentacea ist eine in China nur wenig angebaute Nutzpflanze (CH, shengwu 1981: 345-46).

29) SPG [*] ist mit n i [*] gleichzusetzen, einem Assoziativgraphem, das eine Person zeigt, die auf einer anderen sitzt. Die morphologische Verwandtscnaft mit SW-Graphem [*] ist augenfällig. Auch Peng Bangjiong versteht unter n i Reis, allerdings kultivierten Trockenreis (1989b: 412).

(30) Der Duan-Kommentar führte eine Reihe von Bezeichnungen für Wildreis an und erwäihnt, daß er in Hungerzeiten gesammelt wird (ibid.).

(31) Weitere, in China beheimatete Wildreisarten sind: Oryza sativa f. spontanea, 0. meyeriana Baill., 0. officinalis Wall. ex Watt, 0. rufipogon Griff. und 0. nivara Sharma et Shastry (CH, nongye 1982: 168; Cheng Te-tzu 1983: 70-71).

B. ZUR DÜNGUNG.

[Seite 110] Einige Historiker, darunter Li Jiannong (1962: 6-7), Fu Zhufu (1980: 42-45), Chen Anren (1978: 105) und Amano (zit. in Hu Houxan 1955: 98) vertreten die Auffassung, die Shang-Yin-Agrikultur hätte im wesentlichen auf Brandrodungsfeldbau basiert und die Verbringung von Dünger auf Felder sei noch nicht bekannt gewesen. Ihre Argumentation stützt sich vor allem auf SPG [*], heute f e n [*] geschrieben, eine Komposition aus den Radikalen "Feuer" und "Wald", die als Assoziativum das Abbrennen von Waldungen beinhaltet. Xu Shen definierte mit s h a o t i a n [**] (SW, p. 10 a: 488), wobei der Duan-Kommentar offenläßt, was unter diesem Syntagma zu verstehen ist (ibid.). Da h u o [*] t i a n (cf. LJ, j. 12: 1Oa) und f e n l i n [*] ("Han Feizi", zit. in ZWDCD, Bd. 5: 1754) die Jagd mit Feuer benennen, sollte fragliches Shang-Graphem anhand seines kontextuellen Umfeldes auch dahingehend überprüft werden:

He 194 / :S. 176.2: Am nächsten Tag guimao wird viellechit Feuer gelegt ... Es wird eine (große) Strecke geben. Am Tag guimao wurde tatsächlich Feuer gelegt. Gefangen/erlegt wurden ... 11 Wasserbüffel, 15 Wildschweine, 20 [*] (und) [*].

In der Lin-Xin/Kang-Yin-Ära (Periode III) tritt f e n in der varianten Schreibung [*] auf. Auch für dieses Graphem sind Jagdkontexte gegeben.

He 80 / S 488.1: ....vielleicht Feuer gelegt. Es wird kein Unglück (1) geschehen.

Ren 2052 /ibid.: (Auslassung) wird Feuer gelegt. Es gibt kein Unglück. Es wird eine (große) Strecke geben.

Keine der f e n - Divinationen gibt einen ackerbaulichen Zusammenhang zu erkennen. Die Interpretation im Sinne von "shifting cultivation" vermag nicht zu überzeugen. Gemäß Wang Yuns (1784-1854) "Shuowen judu" definiert Hu Houxuan das shangzeitliche f e n mit "Jagd mittels Abbrennen der Vegetation" (1955: 98).

Deraus sollte nun nicht voreilig der Schluß gezogen werden, innerhalb des Shang-Yin- Territoriums sei keine Brandrodung betrieben worden. Ganz abgesehen [Seite 111] davon, daß auch heute noch bestimmte Ethnien in China (z.B. in Yunnan) auf diese Weise Feldbau betreiben, war die Brandrodung Teil des Prozesses zur Gewinnung neuen Kulturlandes (cf. Absatz 10.1). Die Laubholzbewaldung der großen nordchinesisdien Ebene (s. Wang Chi-wu 1961: 67; cf. Absatz 2) (2) verstärkte im Brandrodungsfall vorübergehend die Fruchtbarkeit des Bodens, sodaß die erste Ernte, auch ohne Düngung, hervorragende Ergebnisse zeitigen konnte. Bei sorgfältigem Jäten war auch noch ein zweiter lohnewswerter Ertrag erzielbar (3) . Erst dann wurden Maßnahmen zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit fällig.

Ein Rotationssysten unter Einbeziehung von Leguminosen, z B. der Sojabohne, war unbekannt. Der Anbau einer solchen Fruchtfolge wurde sehr wahrscheinlich erst zwischen dem 5. und 3. Jahrhundert v. Chr. praktiziert (Chang Te-tzu 1983: 70. (4)

Menschliche Fäkalien.

Schlusselgraphem für den Nachweis der Verbringung menschlicher Fäkalien auf Kulturland ist SPG [*] (bzw [*], [*]. p ; Cf. S 6.1). Es stellt eine Person dar, die ihren Dickdarm entleert. Hu Houxuan entdeckte in diesem Graphem den Archeyp von [*] s h i (5) mit der Bedeutung f e n [*] "Kot" bzw. "mit [Seite 112] Kot düngen" (1955; 1963; 1986). Im Verb-Objekt-Syntagma mit t i a n [*] "Feld, Felder" verweist es auf Düngung mit menschlichen Fäkalien. (6)

Yicun 2.166 / S 6.1: (Divination) an Tag gengchen. Test der Proposition: Am nächsten Tag guiwei werden die Felder des westlichen Stadtumlandes (7 ) gedüngt. 13. Monat.

Qian 5.17.6 / ibid.: Wenn es ausreichend Dünger gibt, dann wird Neuland erschlossen. (8)

Yicun 1.777 / ibid.: Test der Proposition: [* ]wird befohlen ... diese (9) Felder zu düngen.

Yi 2877 / ibid.: Vielleicht wird nicht gedünggt. Es wird regnen.

Aus den zitierten Divinationsinschriften lassen sich, neben dem allgemeinen Interesse des Shang-Königs an der Düngung der Domänenfelder, folgende Sachverhalte ablesen:

Die Fäkalien wurden an bestimmten Tagen auf die Felder verbracht. Die Düngung geschah im Umkreis der Städte und Siedlungen, wo die meisten Fäkalien anfielen. Insofern leisteten größere Ansiedlungen einen wichtigen Beitrag zur Intensivierung des Ackerhaus. Transportprobleme setzten dabei der Applikation gewiß einen engen Radius.

Die Düngung erfolgte nicht, wenn Regen zu erwarten war. Dies könnte im Zusammenhang mit zu befürchtenden Auswaschungen oder Verunreinigungen von Wasserläufen etc. gesehen werden.

Vor den Rodungsarbeiten wurde ermittelt, ob genügend Dünger fiir die neuen Ackerflächen zur Verfügung stehen wird. [Seite 113]

Der Fakaliendünger wurde vermutlicn, wie auch heute noch, in Holzbottichen bzw. Körben zu den Feldern ausgetragen. Im "Shuowen" wird [*] (j i [*]) als Korb für die Verbringung von f e n "Abfall, Kot" beschrieben (SW, p. 4 b: 160). Noch deutlicher geht dies aus SPG [*] hervor, der archaischen Schreibung von f e n [*] (Xu Zhongshu 1988: 438-39; Chen Liangzuo 1971: 836-37). Das singulär auftretende SPG zeigt somit eme tatauierte Person, die Fakälien in einem Korb fortträgt. (10)

Von den etwa 16 Nährstoffen, die eine Pflanze für gesundes Wachstum benötigt, liefert der Dünger aus menschlichen Fäkalien, neben organischen Bestandteilen, vor allem Stickstoff, Phosphorpentoxyd und Kaliumoxyd sowie in geringen Mengen Calcium und Schwefel (Zhang Yaodong et al. 1983: 81; FAO 1977: 27). Vor der Verbringung muß der Fäkaliendünger eine gewisse Zeit gelagert werden. (11) Andernfalls geht von seinen Bakterien, Viren, Helmintheneiern etc. eine beträchtliche gesundheitliche Gefährdung aus. (12 ) Deren Vernichtung besorgt die während des Zersetzungsprozesses auf steigende Hitze (Bray 1984: 290 - 91) und der freiwerdende Ammoniak (Zhang Yaodong et al. 1983: 83).

Ohne Abdeckung beträgt der Stickstoffverlust bei diesem Vorgang bis zu 68.73 %, bei korrektem Verschluß hingegen nur ca. 8.4% (ibid.: 82-83).

Wo und wie die Shang-Yin Fäkalien zu Dünger aufbereiteten, ist gegenwärtig nicht zu beantworten.

Stallmist

Mit SPG [*], das zwei Schweine in einem Stall zeigt, ist die frühe Schreibung von h u n [*] gegeben, emem Graphem, dem Xu Shen die Bedeutung [Seite 114] "Schweine-Latrine"' zuordnete (SW, p. 6 b: 281). Hanzeitliche Tonmodelle (Grabbeigaben) belegen, daß Schweinestall und Abtritt eine Gebäudeeinheit bilden konnten (s. Wang Zhongshu 1984: 35, Bray 1984: 291, Fig. 116). Für die Zhou-Zeit wird sie von einer Anekdote aus dem Guoyu bestätigt. So soll Da Ren, Mutter von Zhou-König Wen der Westlichen-Zhou, ihren Sohn im Schweinestall geboren haben, als sie dort ihre Notdurft verrichten wollte (GY, Jin 4: 387). Des syntagma b a n [*] h u n wird auf zweierlei Weise interpretiert. Hu Huoxan liest b a n als Hinweis auf das Mischen der Fakälien (1955: 105), während Wen/Yuan mit [*] "entfernen, fortschaffen" deuten (1983: 217). Somit ergeben sich fur SPI Hou 2.3.15 (S 272.3) zwei Mölichkeiten der Übersetzung:

Test der Proposition: Der Mist in den Schweineställen wird gewendet (und später auf die Felder) verbracht.

Test der Proposition: Die Schweineställe werden ausgemistet (und der Mist auf die Felder) verbracht.

Hu Houxuan sieht in seiner Interpretation zugleich den Beweis, daß die Shan-Yin den Mist aus Stroh, Schweinekot und rnenschlichen Fäkalien erst einige Zeit lagerten,bevor sie ihn auf den Feldern verteilten (1986: 107).

Schweine sind außerordentlich effiziente Düngerproduzenten. So können 20 bis 30 Tiere in einem Jahr das Äqilivalent zu einer Tonne Ammoniumsulfat liefern (FAO 1977: 2). Wir wissen von Gehegen/Stallungen, die innerhalb der königlichen Domäne für die Schweinehaltung eingerichtet waren (cf. Absatz 8.2). Anläßlich von Ritualopfern wurden auch Schweine in großen Stückzahlen geopfert. Haufig ist von 100 Tieren die Rede (cf. S 466.2-3). Mist aus ihren Ställen stand somit reichlich zur Verfügung.

Die Haltung großer Viehherden (cf. Absatz 8) läßt des weiteren an Überpferchung als Düngungsmethode denken. Hinweise auf die Nutzung des Mistes von Rindern, Pferden oder Schafen liegen in den SPI nicht vor.

Unbekannt ist ferner, ob zu dieser Zeit bereits Gründüngung praktiziert wurde. Sie hätte insbesondere im feuchteren Klima die Bodenqualität erhöht und die Erträge gesteigert. Die frühesten Aufzeichnungen hierzu entstammen der frühen Westlichen-Zhou-Zeit, den "lianggeng"-Lied des "Shijing" (Mao 291):

"C h a [*] - und l i a o [*] - Gräser verfaulen (auf den Feldern) [Seite 115]
Rispen- und Kolbenhirse gedeihen üppig." (13)
(s. Sun Zuoyun 1979: 80-81)

Das Lied wurde nach der Herbsternte im Rahmen von Opferritualen gesungen (Cheng Junying 1985: 648).

Die Shang-Yin verfügten mit menschlichem Fäkaldünger über ein Mittel, mit dem sich vor allem der Ertrag von Blattgemüse, Faserpflanzen und Maulleerbäumen steigern ließ (Zhang Yandong et al. 1983: 83). Frage ist jedoch, ob es stets in der richtigen Weise Anwendung fand. Die Beziehung zwischen Landurbarmachung und Düngung mit "night-soil" gint zu denken. Bei der Urbarmachung wurde u. a. Vegetation abgebrannt. Dabei enstand Pflanzenasche. Trifft Fäkaldünger auf Pflanzenasche, entsteht Verlust an Stickstoff (ibid.: 84). Mit der Abdeckung durch Stallmist war man grundsätzlich in der Lage, Bodenerosion und Verdunstung einzuschränken und die phyikalischen Eigenschaften des Bodens zu verbessern.

Die hervorragenden Eigenchaften organischen Düngers wurden im Falle Chinas durch Experinente und Bodenanalysen hestatigt:

"Chinese soils are in general more responsive to nitrogen than to phosphate and to phosphate than potash, and ... most of these soils have no micro-nutrient deficiencies as a result of long term use of organic manures" (FAO 1977:1).

Für den Shang-Yin-Ackerhau war die Düngung, angesichts der auf neolithisehem Niveau bedindlichen Gerätschaft, ein wichtiges Mittel zur Intensivierung und Ertragssteigerung (cf. Absatz 10).

 ANMERKUNGEN ZU IV B:

(1) SPG [*] ( c a i [*] ) tritt nur in Zusammnhng mit Jagddivinationen auf und beinhaltet "Unglück (auf der Jagd)" (cf. Koib 1991b:Absatz 4.1).

(2) Brandrückstände von Nadelhölzern "did not create topsoil essential for successful agriculture" (Coles 1979: 104).

(3) Ergebnisse archäologisdch-experimenteller Arbeit zeigen, daß ein neu erschlossener Ackerboden nach zwei Jahren, infolge der Auswaschung der Brandrückstände und Erschöpfung des Bodens durch den Pflanzenwuchs, nicht mehr ökononisch zu bewirtschaften war. Entsprechende Experimente in Großbritannien erbrachten im 4. Nutzungsjanr nur noch das, was an Saatgut eingebracht worden war: Saat-Ernte-Verhaltnis 1:1 (Coles 1979: 104-105).

(4) Die ersten systematisdien Angaben hierzu finden sich im "Qimin yaoshu" (QMYS) aus der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts n. Chr. (s. Bray 1984: 430).

(5) Zhang Zhenglang sieht im fraglichem Shang-Graphen ein Phonosemantem mit x i a o [*] als Lautgeber. Für ihn vollzog sich eine morphologisdie Entwicklung von [*] über [*] zu x i a o [*] , das er in den SPI z h a o [*] "Unkraut) schneiden/beseitigen" liest. Als Nomen soll x i a o für das entsprechende Jätgerät stehen (1978: 70-74). Chen Mengjia führt den Satzteil s h i w o y u s h i [****] als gewichtiges Argument gegen Hu Houxans Deutung an (1956: 538). W o kann auch als Eigenname gelesen werden. Yu s h i heißt soriel wie "eine königlidie Unternehmung durchführem". Folgende Überssetzung bietet sich mithin an: "Es wird gedüngt. W o führt die königliche Unternehmung aus"'

(6) Hus Interpretation wird heute weitgehend gefolgt, z.B. von Li Xiading (LXD: 2753-754), Wen/Yuan (1983: 215-16), Xu Zhongshu (1988: 943-44), Meng Shikai (1980: 78) und Chen Liangzuo (1971: 839).

(7) D a n [*](= [*]) hat hier s h a n [*] "leveled area" gelesen zu werden (GSR: 59/147a; Houxuan 1955: 103). Gemeint ist landwirtschaftliches Nutzland im Einzugsbereich der Stadt (hu, ibid.).

(8) A d p o u t i a n , d.h. Erschließung von Neuland, 5. Absatz 10.1.

(9) SPG [*] steht hier zur Hervorhebung des Objektes (s. Kolb 1991b: Absatz 4.1).

(10) Lou Zhenyu erkannte das Graphem als Archetyp von p u [*] "Diener" (s. LXD: 773).

(11) Ambika Singh spricht von 25 Tagen (FAO 1975: 24), während Zhang Yaodonq et al. 7 bis mehr als 14 Taqe empfiehlt (1983: 81). An anderer Stelle fordert er einen Monat im Frühling/Herbst und einen halben im Sonmer (ibid.: 83).

(12) Im Magen- und Darmtrakt des 1975 bei Jingzhou (Provinz Hubel) entdeckten Leichnams eines Distriktrmagistraten, der -167 bestattet worden war, fanden sich Eier verschiedener parasitarer Würmer, z.B. von Saug- end Peitschenwurm, die uber fäkaliengedüngte Nahrungsmittel dort hinein gelangt sein könnten. Als Todesursache stehen allerdings Gallenblasen- und Rippenfellentzündung fest (Jingzhou cheng 1984: 44-45).

(13) Der Guo-Pu-Kommentar des "Erya" verstent unter c h a "Bittergemüse" (Sonchus oleraceus; s. ZWDCD, Bd. 7: 1571, 1425). Sowohl c h a als auch l i a o (Knöterich; Polygonum lapathifolium; s. CH, shengwu 1981: 222) sind eßbare Pflanzen.

 

C. ZUR BODENBEARBEITUNG.

[Seite 120] Die Bearbeitung des Ackerbodens dient der Beseitigung von Unkraut, der Zuführung von Kulturpflanzenrückkständen, der Veränderung der Bodenstruktur zur verbesserten Aufnahme und Nutzung von Wasser und schließlich der Schaffung eines geeigneten Saatbeets. In diesem Ranmen haben wir uns mit Grabstock/Gabelspaten, Spaten, Schaufel, Hacke und Pflug zu beschäftigen. 

l e i [*] (Grabstock/Gabelspaten).

Der als Hebel wirkende Grabstock gilt - neben der Hacke - als das älteste Ackerbaugerat (Chen Wenhu 1981: 414; Curwen/Hatt 1953: 63). Zwar läßt sich [Seite 121] mit einem l e i keine Scholle umbrechen, es sei denn in einer Form von Teamarbeit (cf. Absatz 6: o u g e n g ), aber man kann damit das Erdreich lockern bzw. umrühren und Pflanzlödcher bohren (s. Berner 1960: 766-67). Ursprünglich gruben einmal Jäger und Sammler mit ihm Knollenfrüchte aus. Um das Gerät besser in den Boden drücken zu können, befestigte man an seinem oberen Ende einen Stelztritt (Stelztrittgrabstock). Der Terminus l e i beinhaltet darüberhinaus den zweizinkigen Grabstock, auch Gabeispaten genannt, mit den sich, gleich den Spaten, feste Schollenstücke heben und wenden ließen.

Die frühesten Spuren eines Grabstockes fanden sich als Abdruck an den Wänden zweier Aschegruben (H 121, 124) der Cishan-Kultur, datiert zwischen -5405 +/- 100 und -5110 +/- 100 (XFX: 36; Yang Baocheng 1989: 215). (10)

Der Gabelspaten tritt archäologisch erstmals in der frühen Longshan-Periode, der Miaodigou-II-xultur in Henan (11) in Erscheinung (Yang, ibid.).

Für die Shang-Yin-Zeit konnten Abdrücke in Gruben bei Yinxu nachgewiesen werden (NYKG 1981.2: 161; Chen Wenhua 1981: 413). Als Länge, Durchmesser und Zinkenabstand errechnete man u.a. 19 cm / 7 cm / 8 cm (H 305 von Xiaotun) und 18 cm / 4 cm /4 cm (H 112 von Dasikongcun; s. SZKG: 39). 1984 stieß man in M 260 von Wuguancun/Anyang auf den Abdruck eines weiteren Gabeispatens, der eine Zinkenlänge von 20 - 25 cm besaß (Yang Baocheng 1989: 215). (12)

Während im 'Guanzi" (GZ, j. 22: 358) (13) und "Yantielun" (YTL, j. 5: 194) (14) l e i und s i [*] "Spaten" als zwei verschiedene Ackergeräte angeführt [Seite 122] werden, liest man im "Shuowen"-Lexikon:

L e i : Ein gekrümmtes Holz für den Bodenumbruch" (SW, p. 4 b: 185).

S i (15) : Das vordere Ende des l e i (SW, p. 6a: 261).

Diese SW-Definitionen verleiteten bis in die Gegenwart hinein anzunehmen, l e i und s i seien die beiden Komponenten ein und desselben Ackergeräts , l e i s i (16) genannt.

Es waren die Qing-Gelehrten Xu Hao (1810-1879) in "Shuewen duanzhu jian" und Zou Hanxun (1805-1854) in "Dushu ouzhi", die als erste die ursprüngliche Bedeutung wiederfanden (s. Yang Kuan 1965: 2).

Die große Bedeutung, die dem Gabelspaten im Ackerbau der Shang-Yin-Zeit zukommt, findet Ausdruck in einer Reihe von SPG bzw. Divinationsinschriften:

Das l e i -Radikal zeigt in seinen zahlreichnen Varianten einen mehr oder weniger gekonnten Gabelspaten, teils mit Trittstock und/oder mit Griff versenen: [********] (cf. Xu zhongshu 1983a: 66) bzw. [**](Cf. Gulin fulu: 542). Darüber hinaus liegt noch eine weitere Variante vor, nämlich [*],ein Graphem, das einen leicht gekrümmten Trittbrettgrabstock zeigt und die ursprüngliche Schreibung von l i [*] "Kraft, Stärke" (17) darstellt. Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem l e i- Graphem wird dem Archetyp von f a n g [*], einem Graphem mit weitem zhouzeitlicben Bedeutungsfeld (18 ) zuerkannt (Xu zhongshu 1983a: 69): [****] etc. (cf. JGWB: 360-61). In den SPI beinhaltet f a n g die vier nach den Himmelsrichtungen benannten Teile des Shang-Territoriums und die Gebiete teils loyaler teils feindlicher Ethnien/Stämme jenseits der Grenzen [Seite 123] des Shang-Staates. (19) Zumindest fragwürdig ist, ob SPG [*] bzw. [*] und [*] einem Gabelspaten gleicht (s. Xu Zhongshu 1983a: 68), da diese Graphemvarianten in Komposita die Bedeutung "Messer, Sichel" besitzen. (20)

Mit [*] (S 27.1) liegt die archaische Schreibung von j i [**] vor. Das SPG stellt eine Person mit Gabelspaten dar und besitzt die Bedeutung "mit Gabeispaten den Boden bearbeiten".

He 220 / S 27.1: Divination am Tag bingchen. Zheng testet die Proposition: Es wird aufgerufen, in Dui mit Gabelspaten den Boden zu bearbeiten. Es wird eine reiche Ernte geben.

In einigen weiteren Inschriften weist l i (s.o.) auf den Einsatz von Gabelspaten hin:

Yi 4517 / S 481.4: Ban soll nicht aufgerufen werden, sich mit [*] zu vereinigen, um mit Gabelspaten zu arbeiten.

Xia 18 / ibid.:... nicht auch die Gabelspaten zu heben, (um den Boden zu bearbeiten).

Ku 203 / ibid.: Test der Proposition: In [*] soll der Boden nicht mit Gabelspaten bearbeitet werden.

SPG [*] ( n a n [*], [*] ), Komposition aus Radikalen mit den Bedeutungen "Feld" und "Gabelspaten", läßtt als Kernbedeutung ebenfalls die Arbeit mit diesem Ackergerät annehmen (s. Yu Xingwu 1979: 260). Während der Chunqiu-Periode (-770 bis -476) stand n a n für "Mann" (ZZ, j. 7:13 b, Huan 18) und einen feudalen Rang (ZZ, j. 16: 9a, xi 29). Leider verhindert die Lückenhaftigkeit der entsprechenden shangzeitlichen Texte einen Einblick in die frühe Bedeutung dieses Terminus (cf. S 300.3).

Kollektive Arbeit mit Gabelspaten kommt sehr wahrscheinlich in SPG [*] ([*] ) zum Ausdruck und zwar in folgender Inschrift: [Seite 126]

Xu 2.28.5 / S. 127.2 : ....allgemeiner Befehl an die z h on g r e n, der besagt: Bearbeitet die Felder mit Gabelspaten. Wahrscheinlich wird es eine gute Ernte geben. Im 11. Monat.

Aufgrund der Vergänglichkeit von Holz, das zu seiner Überdauerung entweder sehr feuchten oder sehr trockenen Boden benötigt, kann der lei archäologisch nicht repräsentativ erfaßt werden. Doch allein schon die epigraphische Präsenz weist den Gabelspaten als eines der wichtigsten Bodenbaugeräte unseres Berichtszeitraums aus. 

li (Pflug).

[ S. 127] Die Frage nach den Zeitpunkt des Aufkommens von Pfllügen bzw. Pfluggespannen in China, der erstmaligen Nutzung nichtmenschlioher Arbeitskraft in der Landwirtschaft, wird bis heute höchst kontrovers diskutiert. Der dabei in Betracht gezogene Zeitraum erstreckt sich von der Yangshao-Periode, d.h. von ca. -4000 /-3000 bis in die Westliche-Han-Zeit (-206 bis +23). Francesca Bray hat sich auf dieses Problem der altchinesischen Agrargeschichte ausführlich eingelassen (1984: 141-79). Das Resultat ihrer Bewertung und Interpretation des umstrittenen archäoologischen, literarischen und epigraphischen Materials lautet wie folgt:

"Taken all together, these factors strongly indicate that the Lungshanoid farmers had knowledge of the ox-drawn plough, more especially as this implement had by now (the late -4th millenium) become common throughout most of the rest of Asia, from which the Chinese culture-area was not completely isolated' (1984: 159).

Für eine autochthone Entwicklung des Pflugs in China während der Yangshao-Zeit spricht sich Wang Xingguang aus, wobei er einräumt, daß der Pflubhau auch in der Shang-Yin- und Zhou-Zeit noch sehr primitiv war, also Spaten und Hacke im Ackerhau dominierten. Hierfür waren seiner Auffassung nach vier Gründe maßgebend:

1. Lockere Böden im Ursprungsgebiet der chinesischen Landwirtschaft, im Einzugsgebiet des Mittel- und Unterlaufs des Huanghe, gestatteten ohne große Mühen die Bodenbearbeitung mittels Spaten und Hacke. Auf den schweren Büden der Naßfelder im Yangzi-Einzugsbereich war die Verbreitung des Pflugs gehemmt (cf. Xu Jinxiong 1984: 64).
2. Die Herstellung von Spaten, Hacken etc. befand sich auf qualitativ hohem Niveau und war überdies vergleichsweise einfach. [Seite 128]
3. Die frühen Pflüge wurden von Menschen gezogen. Die Technik der Domestikation war noch sehr begrenzt. Nur selten traten Pfluggespanne mit Rindern in Frscheinung. Die menschliche Zugkraft reichte nicht aus, um dem Pflug zum Dorchbruch zu verhelfen.
4. Die steinernen Pflugscharen zerbrachen leicht- Den auf sie wirkenden Kräften war das Material Stein nicht gewachsen (1989: 223).

Wir werden uns im folgenden mit Wang Xingguangs, vor allen aber F. Brays Argumentation auseinandersetzen und dabei ergänzend die Auffassung anderer Fachgelehrter berücksichtigen.

Der Stand agrarischer Produktion and ihre Steigerrng sollte im komplexen Zusaumhangbhetrachtet werden. Bestimmend wirkten z.B. klimatische Veränderungen, Organisationsfomnen der Produktion, Bodennutzungssysten, Technik des Pflanzens, Jätens and Erntens, Verfügbarkeit von üinger und Methoden seiner Anwendung, Technologie der Vorratshaltung und die Siedlungsweise. Des Geräteinventar steilt nur einen von vielen konstitutiven Faktoren dar. Das Pfluggespann forciert die Ausdehnung des Kulturlandes, muß aber nicht gleichbedeutend mit dessen intensiver Nutzung sein. (27) Zudem existiert eine enge Beziehung zwischen Pfluggebrauch und dem Brachesystem. Tests mit Repliken prähistorischer Stabpflüge, der frühesten Pflugform, ergaben, daß leichte/sandige Böden mühelos auf gebrochen werden konnten, nicht aber älteres Brachland (Coles 1979: 108). (28) Außerdem läßt der Stabpflug aufgrund seiner dreieckigen bzw. keilförmigen Schar stets einen Streifen Lad zwischen den Furchen unberührt zurück, was Querpflügen erforderlich macht. Die Bedeutung des Stabpfluges ist darin zu sehen, daß er flache Furchen zieht, die besonders für die Aussaat von Zerealien geeignet sind, and daß er diese Furchen wieder bedecken kann (Bray 1984: 138). [Seite 129]

Die Feldarbeit auf dem Gebiet der königlichen Domäne der Shang-Yin und vermutlich auch innerhaib der Territorien der Vasallen wurde kollektiv von dazu aufgerufenen Lineagen durchgeführt. Für ihre Organisation stand spezialisiertes Verwaltungspersonal zur Verfügung (Absatz 6). Ferner ist bekannt, daß Dünger verbracht wurde (Absatz 9) und großangelegte Neulanderschließungen stattfanden (Absatz 10.1). Auch die Existenz von Wassebhau (Irrigation, Wasserschutz) läßt sich belegen (Absatz 5). Es besteht mithin kein Anlaß, die Leistungsfähigkeit der Shang-Yin-Lanlwirtschaft in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem angeblichen Einsatz von Zugochsen vor Pflügen zu betrachten.

Experimente beim Anbau von Weizen erbrachten zwischen früh- und späitneolithischer Technik 22% Produktionssteigerung; der Einsatz von Pfluggespannen und metallener Gerätschaft bewirkte nur noch einen Anstieg um etwa 18% (Russel 1988: 130-32).

Der Leser mag entscheiden, ob er der behaupteten Ähnlichkeit beider Grapheme, nämlich [*] und [*] beipflichten kann; uns fällt dies nicht leicht.

Bray führt weiter aus, daß keines der Wagen-/Karren-Grapheme der SPI auch nur die Spur eines Pferdes erkennen läßt (ibid.). Folgerichtig soll l e i , das mutmaßliche Pflugpiktogramm, für Pfluggespann stehen. Der Aufmerksamkeit der Autorin entging Shang-Syntagma [**]( c h e m a [**]), die gängige Bezeichnung für "Kampf-/Jagdwagengespann". (29 ) Für "Karren" liegt kein shangzeitlicher Terminus vor.

Für die Existenz von Pfluggespannen zu jener Zeit werden noch weitere epigraphische Belege angeführt:

SPG [**] (cf. - Brays Schreibversion Fig. 50) steht in keinerlei morphologischer Bezienung zur archaischen Schreibung von j a n g (= r a n g [*]), die mit [*] erstmals in den Bronzeinschrif ten der Zhou-Zeit auftritt (cf. Gulin, Bd. 10: 5225). Das Graphem ist mit [*] zuüibertragen und stellt eine Koposition aus je zwei "Hunde"- und "Gabelspaten"-Radikalen dar. (30) Yu xingwu ernittelte als Wurzelbedeutung x i e [*] im Sinne von "Hunde, die Gabelspaten bewachen" (1979: 258, 259). (31) Daraus könnte man nun schließen, daß Bauem, wenn sie zur Feldarbeit gingen, Hunde zu ihren Schutz mitführten.

Die Gleicnsetzung von [*], einem hanzeitlichen Graphem, das eine dreieckige Pflugschar zeigt, und [*], ist willkürlich und nicht überzeugend. Xu ließ die verscniedenen Varianten dieses Radikals außer Acht, nämlich [*], [*] und [*] (cf. S 100.1). Aus ihnen geht eindeutig der Vorgang des Pflanzens von Bäumen hervor. SPG [*] etc. und [*] sind die Archetypen von y i [*] "pflanzen, kultivieren" (LXD: 869-76). Außerdem steht das "Schweine"-Radikal in keiner assoziativen Beziehung zum Pfluggespann.

Die SPG-Radikale [*], [*] , [*] etc. stellen Messer bzw. Sicheln dar (Gao Hong) in [Seite 131] 1976: 169; Kang Yin 1983: 136). Fragliches Kompositum, mit w u [*] transkribiert (JGWB: 2.6), bezeichnet das "Schlachten emes Rindes" (Xia Mailing 1984: 139-40; Chen Wenhua 1981: 417; SZKG: 38; Chen Mengjia 1956: 523). Allenfalls ließe sich noch der Vorgang der Kastration assoziieren (s. Gulin fulu: 484-86). Die Punkte sind als Hiweiis auf strömende/spritzendes Blut zu verstehen. Für diesen Terminus ist kein ackerhaulicher Kontext gegeben (cf. S 358.1-3).

Wie bereits in Absatz 10.1 dargelegt, bezieht sich dieses Graphem auf die Erschließung von Neuland. Radikal [*] ist Archetyp von y o n g [*] bzw. [*] mit dem Etymon "Kübel; Behälter" (Yu Xingwu 1979: 359-61; Wen/Yuan 1983: 197; Zhao Cheng 1988: 363). (33) Laut Xu soll der vertikale Strich die Sterze darstellen. Pflüge wurden, so seine These, bei der Rodung, gleich Hacken, eingesetzt urd von Pferden gezogen (ibid.). Weder morphologisch noch ergologisch vermag er hier zu überzeugen. Pflüge sind nicht das geeignete Gerät für die Urbarmachung. Sie können bestenfalls auf Böden nach einer Kurzzeitbrache wirkungsvoll eingesetzt werden (s. Hansen 1988: 51).

Wang Yuxin gelang der überzeugende Nachweis, daß dieses Graphem mi t l i [*] zu transkribieren ist und die Bedeutung "Rappen" trägt (Absatz 8.6).

Die Komponente wird als Piktogramm eines Pflugs besenrieben (ibid.), ohgleich eine Komposition aus den Radikalen "Dolchaxt" und "Gabeispaten" vorliegt. Das Graphem gibt die behauptete Bedeutung nicht zu erkennen. In den SPI erscheint es lediglich einmal als Eigenname (Qian 6.55.7: S 442.3). (34) [Seite 132]

Als archaische Schreibung von "Shuowen"Graphem [**] (SW, p. 13 b: 701), ebendort im Sinne von "bestellte Felder" interpretiert, wurde dieses SPG in Yi 3290 mit "Bewässerungsgräben ziehen" übersetzt (s. Absatz 5). (35)

Dem polysemen Radikal [*] (36) wird von Fan eine weitere Bedeutung unterstellt. Nur wenn man glauben will, die Shang-Bauern hätten trunken gepflügt, ergeben Ackerformen in S-Linien einen Sinn.

Dieses ShangGraphem, heute c h e n [*] geschrieben, besitzt eine Fülle an Schreibvarianten (cf. JGWB: 14.18), die sich zum Teil beträchtlich voneinander unterscheiden. Entsprechend rnannigfaltig fielen die Deutungen aus. (37) Ein breiterer Konsens zeichnet sich heute dafür an, daß etymisch die Arbeit des Jätens gemeint ist. (38) Auch die komplizierte Schreibung [*] (h a o [*] ) gibt keinen Anlaß, an die Darstellung eines Pflugs zu glauben (s. Absatz 10.3).

Die bisher ausgegrabenen "steinernen Pflugscharen", s h i l i [**] genannt, stammen aus den Provinzen Zhejiang, Jiangsu, Guangxi, Henan sowie aus der Umgebung von Shanghai (NYKG 1981.2: 162; Yu Fuwei/Ye Wansong 1981: 33). [Seite 133]

Größere Stückzahlen liegen insbesondere für Nord-Zhejiang vor (ibid.). Bei diesen s h i l i handelt es sich um steinerne Dreiecke, die sich nach ihrer Größe in drei Kategorien gliedern lassen (cf. Ji Shuxing 1987: 156- 57):

Große Dreiecke: Die Länge der Seiten beträgt über 35 cm und die der Basen über 25 cm. Es sind Seitenlangen bis zu 64 cm und Basislängen bis 46 cm nachgewiesenc

Standardgröße: Die Seitenlängen bewegen siCh zwischen 12 und 35 cm, die Basislängen betragen um 20 cm.

Kleine Dreiecke: Die Seiten sind weniger als 12 cm, die Basen ca. 6 - 7 cm lang.

Die Dicke dieser Steindreiecke beträgt um 1.5 cm. Offenbar der Befestigung auf einem Gegenstand dienend, be inden sich Löcher in den Platten, die entlang einer gedachten Linie, ausgenend von der Basis bis dorthin, wo die Seiten zusammentreffen, verteilt sind. Auch dreieckige Anordnungen der Löcher liegen vor. Chen Wenhua zählt fünf Kriterien auf, anhand derer sich Spatenblatt und s h i l i unterecheiden lassen:

1. Der Schaft des steinernen Spatens war am oberen Ende des Blattes befestigt, ~während der Schaft des s h i l i bis zu dessen Spitze reichen konnte.

2. Die Spatenblätter sind kleiner, robuster und in Erdreich weniger zerbrechlicn. Die s h i l i sind relativ groß, dünn und mithin weniger belastbar.

3. Schleifspuren sind beim Spatenblatt beidseitig, beim s h i l i hingegen nur auf einer Seite zu sehen. Daraus läBt sich auf eine unterschiedliche Funktion beider Arbeitsteile SchIleßen.

4. Aus den Schleifspuren ergibt sich ferner, daß Spatenblätter nahezu senkrecht in den Boden gestoßen/getreten wurden, während die vermeintlichen "Pflugscharen' in spitzem Winkel ins Erdreich drangen.

5. Der s h i l i konnte nicht von einer einzelnen Personen gehandhabt worden sein, eine weitere ging voraus end zog ihn (5. 1981: 417-18).

Chen steht mit seiner Auffassung, dem von Rindern gezogenen Pf lug sei eine Entwicklungsphase vorausgegangen, in der Menschen die Zugkraft aufbrachten, nicht allein. (39)

Es kann nicht bestritten werden, daß Menschen in China und anderswo Pflüge zogen und ziehen. Des 'Tiangong kaiwu' (1637) gibt heispielsweise die Empfeh- [Seite 134] lung, dort, wo keine Ochsen zur Verfugung stehen, dem Pflug eine Art Deichsel anzufügen, so daß zwei Personen, hintereinander vorwärtsgehend, ihn ziehen können (TGKW, j. 1: 3). Überlegenswert ist, ob diese Mölichkeit nicht grundsätzlich eine Ausnahmesituation darstellt, d.h.immer nur dann genutzt wurde, wenn aus bestimmten Gründen (z B. Hungerzeiten, Kriegseinwirkung, Seuchen) keine Zugtiere vorhanden waren. In jedem Falle waren leichte Böden und Pflüge mit sehr schmaler Sohle und Schare bzw. Hakenpflüge die conditio sine qua non für den Einsatz solcher Gespanne. Man kann der von Haudricourt/Delamarre aufgestellten These folgen, daß das Ziehen von Pflügen für den Mensehen zu anstrengend war, umals eine Alternative zur Arbeit mit traditionellen Handgeräten betrachtet zu werden (1962:62).

Vorrangige Frage ist jedoch, ob mit den s h i l i überhaupt Pflugscharen vorliegen. Ji Shuxings Experimente und Analysen, die unter Berücksiditigung der verschiedenen s h i l i - Größenen, der unterschiedlichen pedologisohen Gegebenheiten und der mensonlidien Zugkraft durchgeführt wurden, liefern einige Hinweise. Nur eine geringe Zahi an s h i l i, d.h. nur solche mit Seitenlängen zwischen 15 und 25 cm, kommtt als Schar in Frage. Die großen Typen erforden eine zu große Zugleistung; ihr Material ist dem Bodenwiderstand nicht gewachsen. Die kleinen s h i l i reichen wiederum bestenfalls 4 - 5 cm in den Boden und erfüllen darnit nicht die Erwartungen an einen Pflug. (40) Offensichtlion stelien die s h i l i keine selbstständigen Scharen, sondern Scharverstärkungen dar (1987: 155-70); denn selbst für Ocsengespanne wäree der Kräfteversohleiß bei den meisten s h i l i , im Falle ihres Gebrauchs als Scharen, zu groß gewesen. Experimente mit Stabpflügen aus Eschenholz zeigten, daß in nicht-sandigen Böden selbst die Zugkraft zweier Odisen von ca. 200 kg nicht ausreicht, den Pflug gleichmäßig voranzuziehen. Das plötzliche Eintauchen der Schar in den Boden brachte das Gespann, trotz aller Anstrengung, jeweils abrupt zum Stehen (s. Coles 1979: 109 -110).

Aufgrund fehlender archäologisoher Daten für die Existenz des Pfluggespanns im chinesischen Neolithikun liegt es nahe, zu prüfen, ob die s h i l i nicht Verstärkungen von Furchenstöcken oder Tretpflügen waren, wie sie beispielsweise heute noch bei den Zhuang in Guangxi gesehen werden können (s. Song Zhaolin 1981: 64). Abgesehen davon wurden sie vorwiegend [Seite 135] in Gegenden mit ausgesprochen schweren und klebrigen Böden entdeckt, die ihre Verwendung als Pflugschar wohi kaum zugelassen hätten.

Mit dem Furchenstock kann man durch "ruckweises Vorwärtsdrücken" (Hirschberg/ Janata 1966: 254) den Boden aufreißen, während der Tretpflug sowohl das Aufreißen des Erdreichs als audi das Wenden der Schollen gestattet (Song Zhaolin 1981: 66). Die Arbeit wird rückwärtsgerichtet ausgeführt. Beide Geräte lassen ihre Herkunft vom Spaten ableiten. Die umgekehrte Arbeitsrichtung des Pfluggespanns spricht gegen seine genealogische Beziehung mit den genannten Geräten (Berner 1960: 770; Narr 1961: 283-84), obgleich verführerische Graphiken dies zu suggerieren suchen (cf. Chen Wenhua 1981: 420).

Bei der Arbeit mit dem Tretpflug könnte die o u g e n g - Methode angewandt worden sein (s. Absatz 6). In diesem Fall hätten mehrere Personen nebeneinander den Boden umgebrocnen (s. Song Zhaolin 1981: 66). (41)

Für die Shang-Zeit liegt bislang nur ein s h i l i -Fund aus Wuan in der Provinz Hebei vor (NYKG 1988.1: 401). (42)

Zusammenfassend kann man festhalten, daß keines der für die Existenz von Pfuggespannen während der Shang-Yin-Zeit angeführten Argumente einer kritischen Überprüfung standhält. Sehr wahrscheinlich waren Tretpflüge bzw. Furchenstöcke bekannt.

Frage ist nun, für welche Zeit wir die ersten gesicherten Hinweise auf Pfluggespanne in der chinesischen Agrikultur besitzen.

Eine Reihe von Historikern glaubt die Antwort in literarisehen Textstellen bzw. Namensgebungen der Chunqiu-Periode (-770 bis -476) gefunden zu haben (z.B. Qi Sihe 1981: 85-94; Sun Changxu 1959: 73-76; Xu Choyun 1982: 170). In allen angeführten Fälln liegt jedoch Ambiguitat vor, wie Xu Zhongshu ausführlich und schlussig bewies (1983 b: 133-36; cf. Ho Ping-ti 1975: 114- [Seite 136] 15; Xu Jinxiong 1984: 55-56). Zwei Bronzegefäße, das eine in die mittlere Chunqiu-Periode datiert, mit vier Rindernasen, durch die jeweils ein Ring gezogen ist, das andere in Gestalt eines Rindes, ebenfalls mit Nasenring (späte Chunqiu-Periode), werden als Darstellungen von Pflugochsen interpretiert (Xu Zhuoyun loid.; Yang Kuan 1981: 57; Amano 1962: 733).

Auf die Existenz zhanguozeitlicher Pflüge, F. Bray spricht von Rahmenpflügen, wie sie uns für die Han-Zeit überliefert sind (1984: 163), sollen eiserne Scharkappen aus den Provinzen Hebei, Henan, Shandong, Shaanxi, Shanxi und der Inneren Mongolei verweisen (Yang Kuan 1981: 56; Li Bo 1981: 39-40). Doch auch für diese V-förrnigen Kappen läßt sich nicht ausschließen, daß sie einst zu Tretpflügen gehörten.

Das früheste Modell eines Pfluges (Rahmenpflug) stammt aus der Provinz Gansu und wurde in die späte Westliche-Han-Zeit datiert (Jiro 1986: 406-407). Bildliche Darstellungen der Östllichen-Han-Zeit (25-220) zeigen von zwei Rindern gezogene Plüge mit großer dreieckiger Schar (Wang Zhangshu 1984: 31, 33).

Alles in allem darf man davon ausgenen, daß Pflüge bzw. Pfluggespanne im Ackerbau der Vor-Han-Zeit, wenn überhaupt existent, wofür wenig spricht, eine untergeordnete Rolle spielten. Gabelspaten, Spaten, Hacken und Schaufel waren die wichtigsten Geräte fur den Bodenumbruch und das Anlegen von Saatbeeten .

 ANMERKUNGEN ZU IV C:

(10) Weitere Abdrücke fanden sich in H 33 von Jiangzhai/Lintong-Distrikt sowie in den Gruben 51, 69, 109 und 114 von Banpo/Xiaan in der Provinz Shaanxi, zwei yangshaozeitlichen Siedlungen (Yang Baocheng 1989: 215).

(11) Mit -2780+1-145 liegt bis heute nur ein kalibriertes Radiokarbondatum für diese Kultur vor (5. XFX: 70).

(12) Der erste konservierte Gabelspaten fand sich in einen zhanguozeitliohen Brunnen in Jiangling-Distrikt in der Provinz Hubei. Er weist eme Länge von 109 Cm auf, wobei 59 cm auf den Gabelteil entfallen, an dessen Enden sich eiserne Verstärkungen in Kappenform befinden (WW 1980.10: 47).

(13) "Ein Bauer sollte, wenn er erfolgreich arbeiten will, einen Gabeispaten (l e i ), einen Spaten ( s i ) und eine Sichel ( y a o ) besitren."

(14) Mit c h a [*] ist in diesem Text s i gemeint (5. Chen Wennua 1981: 413; Li Genpan 1986: 125).

(15) Für s i steht das Homophon [*](cf. Duan-Kommentar).

(16) Cf. WZNS: 198; IJ, j. 17: 24b, Zheng-Kounentar; WW 1980.10: 47; Zhou Xin 1980: 10-11; Xu Guangqi, NZQS, j. 21: 521; CH, nongye 1982: 137.

(17) In Bronzeinadiriften der Westlicnen-Zhou-Zeit wird l i [*] gelegentlich noch deutlich in l e i -Form geschrieben (Cf. Gulin, Bd. 14: 7544-545; Xu zhongshu 1983a: 68).

(18) Karlgren führt in seiner Gr~ta Serica Recensa folgende Bedeutungen an: "square; quarter, region, place; on all sides, everyrere; take a place, occupy; side by side; on the side; two boats side by side and lashed together, raft; put side by side, compare; square tablet.~' Hinzu kommt noch eine beachtliche Rolle als Lehnscbreibung (GSR: 196/7~-f).

(19) Als Etymon komnt "Erdreich aufbrechen" in Frage (Xu Zhongshu 1983a: 70).

(20) Beispiele sind [*] ( l i ) "Ähren mit Messer/Sichel schneiden" und [*] ( w u [*] ) "Rind mit den Messer schlachten". Nicht überzeugend. belegt ist Xu Zhongshus Benauptung, w u würde die Bedeutung "buntscheckige Rnnder" besitzen (Cf. 1983a: 69). Überwiegend wird dieses Kompositum getrennt geschrieben, d.h. das "Messer"-Graphem als Verbum vor das Objekt "Rind" gesetzt (cf. S 358.2).

..................................................................................................................................................

(27) In Oberitalien galt vor Einführung des Traktors und anderen modernen Gerats der Grundsatz, "daß der gespatete Acker mehr als das Doppelte an Ertrag liefert als der gepflügte" (Berner 1960 777). Bei der Spatenarheit wird der Boden algestochen, losgelöst und umgelegt und damit zugleich besser gewendet als beim Pfluügen. Zudem erfährt er gleichzeitig noch eine gewisse Lockerung (s. Krafft 1875, Bd. 1: 94).

(28) Allerdings mußte der Pflüger von drei Personen begleitet werden, die seine beiden Ochsen führten und antriehen, wenn sie langsarner wurden oder die Schar ein wenig zu tief in den Boden geriet (Coles 1979: 108).

(29) Cf. Jing 1, Yicun 980, Tie 114.1 und Xucun 1.743 (S 465.2-3).

(30) Eine Variante findet sich in der yinzeitlichen Bronzeinschrift des Fu Ding zum [***], bestehend aus drei "Hunde"- und zwei " l e i" -Radikalen. Im Gulin wird es nicht als Kompositum angeführt (Bd. 12: 1312; cf. Yu Xingwu 1979: 257).

(31) Hu Houxuan 1945b), Li Xiaoding (LXD: 3138), Li Genpan (1986: 129), Chang Kwang-chih (1977: 289) und Tan Buyun (1988) vertreten dagegen die Auffassung, dieses SPG stelle das Pflügen mit Hunden dar. Tan verweist dabei auf die frühe Domestikation des Hundes und die nicht zu unterschätzende Zugkraft großer Hunde, für die er "mehr als 100 kg" angibt (1988: 27). Diese Zugkraft vermag gerade ein Ochse aufzubringen. Die Idee, es könnte von Hunden gezogene Pflüge gegeben haben, während Rinder ausschließlich für die Tötung im Rahmen von Opferritualen gehalten wurden, ist ein wenig abstrus (cf. ibid.: 28). Abgesehen davon opferte man auch Hunde in großen Stückzanlen (Absatz 8.5).

(32) Brays Wiedergabe dieses Graphems ist ungenau.

(33) Xu Zhongshu vermutet hingegen das Piktogramn einer Knochenplatte mit Divinationsrissen (1988: 354; cf. Gao Hongjin 1976: 350).

(34) WenIYuan iibersetzen diesen Divinationstext mit "Divination am Tag ... Xuan testet die Proposition: Es wird aufgerufen, Leute zu versammeln, um in einer Garnison Pflüge zu ziehen" (1983: 193). Unter Berücksichtigung weiterer vergleichbarer Texte (cf. S 442.3) muß die Proposition wie folgt gelesen werden: "Es wird aufgerufen, in X einen s h i (militärische Organisationseinheit; s. Kolb 1991b:Absatz 5.2) auszuheben."

(35) Zudem kann es einen Ortsnamen und die Bezeichnung für ein Opferritual heinhalten (Li Xiaoding, LXD: 4028).

(36) Es kann z B. für "Mund" (befragen; mitteilen), "Gefäß", "Wohngrube" und "Fenster" stehen.

(37) Zu nennen sind: Muschelschale/Muscheläxte für das Jäten (Yang Shuda 1954: 28); Axt (Li Genpan/Lu Xun 1981: 24); Person mit ausgestreckten Armen in Felsenhöhle (Ding Su 1983: 158); mit Gabelspaten arbeitende Person (Shang Chengzuo, Gulin, Bd. 15: 8282); Hand, die einen Stein bzw. eine Muschel hält - Etymon "jaten" (Gao Hongjin, ibid.; Qu Wanli, ibid.: 8286); Person, die unter einer Kuppe stenend in das Gestein bohrt (Zhou Gucheng, ibid.: 823); Erntesichel mit Handschlaufe (Xu zhongshu 1988: 159).

(38) Neben den bereits genannten Vertretern dieser Interpretation (cf. Anmerkung 37) sind noch Wang Guimin (1985: 30), Li Xiaoding (LXD: 842) und Wen / Yuan(1983: 214) anzuführen.

(39) Auch Li Genpan (1986: 129), Fan Chuyu (1983: 148-49), Song Zhaolin (1986: 126), Xu Zhuoyun (1982: 168) und Wei Si (1982: 106) sprechen sich dafür aus.

(40) Ji Shuxing weist daraufhin, daß selbst fünf Personen nicht in der Lage gewesen wären, einen großen s h i l i zu ziehen (1987: 155).

(41) Im Hochland von Schottland, wo der caschrom noch Anfang des 19. Jahrhunderts eingesetzt wurde, arbeiteten "gewöhnlich ... 8-12 Personen nebeneinander, indem sie das Holz- oder Eisenblatt flach in den Boden stießen, den Stiel nach links seitwärtss herunterdrückten, so daß die aufgebrochene Erde zur Seite fiel,und dann jeweils einen Schritt zurücktraten, um den gleichen Vorgang zu wiederholen" (Kothe 1954: 184-85).

(42) Die neun bei Majishan/Zhenjiang in der Provinz Jiangsu entdeckten Exemplare sind unzureichend datiert. Die im Kontert geborgenen Artefakte entstammen einem Zeitraum, der von der frühen Shang- his in die Zhanguo-Zeit reicht (WW 1983.11: 42, 51, 71).

V. Zur Tierhaltung in der Shang-Zeit.

 [S. 88] Zur Shang-Yin-Zeit besaß man nördlich des Yangzi bereits eine mehr als 400Ojährige Erfahrung auf dem Gebiet der hauswirtschaftlichen Nutztierhaltung. (1) Laut einer anachronistischen Qilelle, dem Vorwort des "Shujing" aus der Qin- bzw. Westlichen-Han-Zeit (-221 bis +23; s. Zhang Xicheng 1957: 237-46; Chen Mengjia 1985: 102), haben die Shang von König Xie bis König Cheng Tang achtmal ihren Regierungssitz verlegt (Qu Wanli 1979: 192). Sieben weitere Hauptstädte sind für die dynastische Phase danach überliefert (Chang Kwang-chih 1980: 7). Guo Moruo schloß daraus auf eine nomadische Lebenshaltung der Shang-Bevölkerung (1956: 14). Doch ebensowohl können die Wanderungen als Antwort auf militärisch-strategische Erfordernisse, Einwirkungen von [Seite 89] Naturkatastrophen oder notwendige Erschließung neuen Kulturlandes verstanden werden (Chen Mengjia 1956: 635; Zhu Xianhuang 1986: 40).

Hohe Stückzahlen an Haus- und Herdentieren, die von der Shang-Yin-Elite anläßlich ritueller Opfer dargebracht wurden, konfrontieren uns mit einer Viehhaltung, deren Größenordnung für das traditionelle China, außerhalb nomadisch genutzter Gebiete, historisch einmalig ist. (2)

Die königlichen Befehle zur Requisition von Vieh jenseits der Domäne sowie die Viehtribute der Vasallen (3), ebenfalls in beeindruckenden Stückkzahlen (4), verraten, daß nicht nur innerhalb der königlichen Domänenwirtschaft intensiveViehhaltung betrieben wurde.

Eines der daraus entstandenen Probleme war die größere Anfälligkeit der Tiere gegen epidemische Erkrankungen - typisch für die Massentierhaltung.

Yi 4599 / S 82.1: Test der Proposition: Es ist Vater Yi (= xiao Yi, verstorbener Vater Koönig Wu Dings), der die Rinder verfluchte.

Offenbar war eine Seuche unter Rindern ausgebrochen, und nun wurde die hierfur verantwortliche Person aus dern Pantheon ermittelt. In der Seudiengefahrr mag auch einer der Griinde zu suchen sein, derentwegen der König Viehherden inspizieren ließ. Als Schlüsselgraphem steht [*] ( s h e n g [*]):

Yi 8461 / S 104.1:Divination am Tag bingwu. Test der Proposition: Es wird aufgerufen, die Rinder der d u o d i a n (5) zu inspizieren. Test der Proposition: Es soll nicht aufgerufen werden, die Rinder der d u o d i a n zu inspizieren.

Wir wissen nichts über die Lage und Ausdehnung der yinzeitlichen Weiden. Hält man sich jedoch vor Augen daß ein Hektar guten Graslandes gerade 2.5 [Seite 90] Rinder tragen kann (Nicol 1956: 91), vermitteln die hohen Opfertierzahlen einen beachtlichen Bedarf an Weideflächen.

Die aligemeine Bezeichnung für herbivores Vieh, das geweidet wurde, war [*] (+ts ' i u / c h u [*]), Assoziativum aus den Radikalen "Hand" und "Gras"; das SPG tragt die Kernbedeutung "Gras schneiden" (Yu xingwu 1979: 263). Zugleich steht es als Lehnschreibung für [*] (+t ' i o k / c h u ) "Haustier" (ibid.: 264).

Auf königlichen Befehl wurde an bestimmten Orten Gras geschnitten und eingebracht:

Jia 206 / S 91.3: Divination am Tag wuxu. Oue schneidet Gras in ..... .

Innerhalb der Domäne waren für diese Tätigkeit sogenannte "Rinder-Diener" (He 104: S 91.2) sowie Rinder- und Schafhirten, die [*] ( m u [*] ) bzw. [*] ([*] ), zuständig.

Fünf Divinationsinschriften belegen zudem das königliche Interesse am Einfangen entlaufenen Viehs, das [*] (6) [*] ([**]) bezeichnet wurde:

Xu 1.29.1 / S 91.1: Divination am Tag jiawu: Zheng testet die Proposition: Das entlaufene Vieh wird von Bing eingefangen.

Das Trinken von Milch bzw. der Verzehr von Milchprodukten scheint angesichts einer historisch manifesten "curious avoidance" in China (Ho Ping- ti 1975: 114) eher unwahrscheinlich. 

Rind [*].

Nicht nur im SPI-Korpus, auch in archäologischen Fundstätten tritt das dome- [Seite 91] stizierte Rind am zahlreichsten in Erscheinung.(7) Neben Plastronen wurden vor allem Rinderskapulae bei den pyromantischen Divinationen verwendet (Keightley 1978: 6). (8) Hinweise auf Rinder als Zugtiere, sei es vor Karren oder Pflügen, liegen gegenwärtig nicht vor (cf. Absatz 10.2.5). (9) Sie dienten vorwiegend als Opfertiere, die zudem Fleisch sowie Knochen, Horn und Häute fur die manufakturelle Verarbeitung lieferten. Auch Grabbeigaben von Rinderteilen sind nachgewiesen (Chen Zhida 1985: 290).

Einige Shang-Yin-Grapheme stehen im Zusammenhang mit der Aufzucht und Haltung von Rindern:

Man untersohied zwischen männlichen [*] ([*]; S 213.2-4) und weiblichen Tieren [*] ([*] ; S 213.4-214.1). Letzterer Terminus stellt ein Phonosemantem mit der Lautung b i dar (Yu Xingwu 1979: 330).

Das Halten von mehr als einen Bullen in einer Herde ist problematisoh. Den Shang-Yin war dies offensichtlich nicht unbekannt. SPG [*], Komposition aus den Radikalen "Rind", "Messer" und "männliches Geschlechtsorgan" (S 214.4), bezeichnet die Kastration, bei der das Skrotum mit dem Messer geöffnet wurde, um die Testikel zu entfernen.

Rinder wurden sowohl auf Weiden als auch in Stallungen gehalten. Letztere Tatsache belegt SPG [*] (S 213.1-2), der Archetyp von l a o [*] "Stall".

Mit den SPG [*], [*] [*] und [*] könnten ein- bis vierjährige Tiere bezeichnet worden sein (cf. S 212.3).

Die Proposition [****] ( q u n i u b u c h i [****]) in Yizhu 152 (S 212.3) zeigt, daß man Alter und gesundheitliche Verfassung ahnand des Gebißzustandes festzustellen wußte. Die vollständige In- [Seite 92] schrift lautet:

Divination am Tag wuyin. Xuan testet die Proposition: Rinder werden requiriert - Der Zustand der Gebisse wird nicht untersucht (cf. Wen / Yuan 1983: 253-54).

SPG [*] (S 252.1), archaische Form von j i e [*] , könnte - den "Shuowen" folgend- das Abtrennen von Rinderhörnern darstellen (SW, p. 4 b: 188). Im Jahr 1960 wurden bei Baijiafen (West) / Anyang mehr als 40 Rinderhörner mit Längen zwischen 20 und 40 cm entdeckt. Chen Zhida erachtet sie als Relikte eines Hörneropfers (1985: 289). Ebensogut könnten sie aber das Depot einer Manufaktur darstellen.

Die Kombination der Radikale "S~chaf" und "Rind", SEP [*] (= [*]), deutet auf die rotbraune Färbung einer bestimmten Rinderrasse (Li Xiaoding, LXD: 3084). Mit [*] ( h u a n g ) "gelb", [*] ( b a i [*]) "weiß" und einer allgemein dunklen Tönung ( y o u [*]) sind weitere Feilfarben angeführt (5 364.4; 466.2; 471.4). Wei Si interpretiert dazu SEP [*] (= [*]) als Terminus fiir "holzfarbenes Rind" (1986: 157). SPG [*] soll für "Rind mit farbigem/geschecktem Gesicht" stehen (ibid.).

Mit [* ] bzw. [*] (S 358.1) ist nicht etwa, wie Guo Moruo annahm, der Archetyp von l i [*] "Pflug; pflugen" gegeben (1973: 21; cf. Absatz 10.2.5), sondern eine Zusarnmenschreibung zweier Radikale mit den Bedeutungen "Messer" und "Rind", wobei die Punkte herausströmendes Blut andeuten. Als Lesung kommt t u "schachten" in Betracht (Wei Si 1986: 157). Nenen diesem allgemeinen Terminus sind noch wenigstens sieben weitere Methoden ritueller Rindertötung überliefert:

[*] (mao [*]): "Zerschneiden" (Qian 5.39.6: S 508.2);

[*] ([*]): "Verbrennen" (Cui 240: S 204.2);

[* ]( fa [*]): "Enthauptung" (Yicun 1.1786: S 332.2);

[*] (sui [*]): "Extremitätenabtrennung" (Ren 1547: 5 345.4);

[*] ( fu [*]): "Tötung durdh Pfeilschuß" (CLiI 533: S 372.1);

[**]: "Ertränken im Fluß" (Qian 1.24.3: S 213.2);

[**]: "Erschlagen mit Stock" (Yicun 2.96: S 212.3).

Was mit dem Fleisch der Opfertiere letztlich geschah, enthalten uns die SPI vor. Lediglich in Falle des Brand- und Ertränkungsopfers gingen die Tiere als menschliche Nahrung und Rohstoffquelle verloren. Anläßlich solcher [Seite 93] Opfer wurden allerdings selten mehr als fünf Tiere getötet, meist weniger (cf. S 202.4-205.4; 214.3-4).

Die frühesten Informationen zu chinesischen Rinderrassen sind in "Erya" festgehalten, einem vermutlich während der Zhanguo-Zeit (-475 bis -221) entstandenen Wörterbuch. Sieben Rassen werden darin unterschieden (cf. EY, j. 11: 14b -15a).

Das rn a n i u [**]war, laut Guo-Kommentar, in Ba [*] , d.h. im Südwesten, in der heutigen Pravinz Sichuan, in Gebiet urn Chongqing heimisch. Weitere Bezeichnungen sind l a i [*] n i u und m a o [*] n i u (s. Li Ruimin 1986: 150; ZWDCD, Bd. 6: 141). Gerneint ist darnit Poephagus grunniens, der Grunzochse (Yak), dessen Habitat heute in Qinghai und Tibet in einer Höhe über 3000 m liegt (CH, shengwu 1981: 576). Er tritt in schwarzer, dunkelroter und schwarz-weißer Färbung auf (ibid.).

Dem b a o [*] n i u , für das noch eine Reihe weiterer Ternini vorliegt, entspricht das l i u [*] n i u , d.h. Bos indicus (Li Ruimin 1986: 147), ein Buckelrind in rötlchier, dunkelbrauner, schwarzer oder gescheckter Färbung. Aufgrund ihrer natürlichen Charaktereigenschaften ist diese Rinderrasse besonders leicht zu domestizieren (CH, shengu 1981: 575).

Vom b a [*] n i u weiß man, daß es in Gaoliangjun in der Provinz Guangdong beheimatet war (Gu0-Kommentar). Es handelt sich bei ihm um den Vertreter einer kleinwüchsigen Hausrindrasse, der selbst unter Obstbäumen hindurchlaufen konnte und daher auch als g u o x i a n i u [***] "Unter-den-Früchten-Rind" bezeichnet wurde (Guo-Kommentar; Li Ruirnin 1986: 151).

Das w e i [*] n i u , ein besonders großes und schweres Rind, soll, dem Guo-Kommentar folgend, in Shu , d.h. in der Gegend um Chengdu in der Provinz Sichuan gelebt haben. Wie Li Ruirnin zeigen konnte, war es auch im Gebiet der heutigen Provinzen Hubei end Shaanxi verbreitet (1986: 151-52).

Das l i e [*] n i u wird vorn Guo.Kommentar als Yak bestimmt.

Beim t on g [*] n i u soil es sich um eine hörnerlose Rinderrasse gehandelt haben (Guo-Ka~entar). Auch in diesem Fall haben wir es rnit einer Yakrasse zu tun (Li Ruimin 1986: 149).

Für das j i u [**] n i u liegen keine Angaben vor.

[Seite 94] Im Zusammenhang mit den verschiedenen Fellfarben von Rindern in den SPI wurde bereits auf die Existenz unterschiedlicher Rassen hingewiesen. Einige SPG, die neben den "Rind"-Radikal bestimmte Markierungen zeigen, z B. [*] und [*], beide mit den Adjektiva "gelb' und "dunkelfarbig" auttretend (S 212.3,4), könnten ebenfalls in diesem Sinn interpretiert werden.

Von den sieben im"Erya" erwähnten Rinderrassen waren fünf südlich des Yangzi bzw. in Südwest-China beheinatet. Archäololgisch sind fiir den fraglichen Zeitraum nur zwei Vertreter der Unterfamilie Bovinae nachgewiesen.

Als Vorläufer des h u a n g n i u [**] genannten Hausrindes, das nach den Kriterien Größe, Buckelvorkommen sowie Buckelgröße und - position 13 Formen unterscheiden läßt (Epstein 1969: 1-19), gilt Bos exiguus Matsumotu, das archäologisch erstmals in der Cishan-Kultur (ca. -5400 his -5100; KGX: 209) auftritt (Xie Chongan 1985: 284). Teeilhard de Chardin und C. C. Young klassifizierten die bei Anyang entdeckten shangzeitlichen Rinderknochen als ebenfalls zu Bos exiguus gehörig (zit. in Chang Kwang-chih 1980: 139). Archäologiscnhdominiert jedoch der Wasserbüffel, Bubalus mephiistopheles, für den eine Stückzahl von über 1000 angegeben wird (Yang Znongjian / Liu Dongshen 1949: 147). Ihre Entwicklung soll von Bubalus bubalus, dem indischen Arni-Büffel, ausgegenagen sein (Xie Chongan 1985: 284). In Nordchina ist der domestiziete Wasserbüffel erstmals für die Dawenkou-Kuitur am Unterlauf des Gelben Flusses (oa. -4300 bis -2500; KGX: 81) nachgewiesen (XFX: 195). Des wärmere und feuchtere Klima bot auch in der Shang-Yin-Zeit noch gute Lebensbedingungen für den Wasserbüffel, der heute im Süden, Südosten und Westen (Sichuan) Chinas beheimatet ist. 

Schwein [*].

Der früheste Fund eines domestizierten Scnweins stammt aus der Zengpiyan-Höhle bei Guilin in der Provinz Guanqxi (Xie Chongan 1985: 290) (10), für die [Seite 95] unkalibrierte Radiokarbondaten zwischen ca. -7000 und -5500 vorliegen (KGX: 642). Bestimmt wurde mit Sus domesticus Brisson (Xie Chongan 1985: 290). Für Yinxu / Anyang ist Sus scrofa (eurasisches Wildschwein) und Sus vittatus var. frontalis (Bindenschwein) nachgewiesen (s. Chang Kwang-chih 1980: 138). Bis dato noch nicht in shangzeitlinhen Fundstätten aufgetreten, wahrscheinlich jedoch in dieser Zeit existent, vielleicht sogar domestiziert, war Sus lydekkeri, eine in den Provinzen Hebei, Henan, Shandong und Shaanxi heimische Wildschweinart (Gao Shiwu 1986: 174).

In den Divinationsinschriften sind Schweine überwiegend als Opfer- und Herdentiere angeführt. Hinzu kommen Jagd-SPI, die auf Wildschweine deuten (z B. Cui 948, Jia 3339, He 205: S 218.2).

Die rituelle Bedeutung des Schweineopfers manifestiert sich nicht nur in beeindruckenden Stückzahlen, sondern auch in SPG [*], dem Archetyp von j i a [*], das im 'Shuowen' mit "Wohnsitz" erklärt wird (SW, p. 7: 341). (11) Einen Eindruck von der morphologischen Beschaffenheit des yinzeitlichen Schweins liefern 13 Tonschweine aus Dalian in der Provinz Heilongjiang (NYKG 1986.1: 426) sowie ein bronzenes Weingefäß aus den Distrikt Xiangtan in Hunan in Gestalt elnes Ebers (Liu Dongyuan 1986 b: 262).

Im Bereich der königlichen Domänenwirtschaft, und nur zu ihr liegen bekanntlich epigraphische Quellen vor, wurden Schweine sowohl in Gehegen [*] (S 221.1) als auch in Stallungen [*] bzw. [*] (S 272.3) gehalten. (12) Gehege wurden auf königlichen Befehi an bestimmten Orten errichtet:

Yi 811 / S 221.1 Test der Proposition: Es wird befonlen, in Zhuan Gehege zu errichten. Es sollen keine Gehege in Zhuan errichtet werden.

Den Mist aus den Stallungen verbrachte man auf die Felder (cf. Absatz 9.2).

Hinsichtlich der Fütterung ist auch die Waldmast in Betracht zu ziehen.

Die Laubwälder jener Zeit waren reich an Eicheln, Haselnüssen, Kastanien und anderen Früchten. in seiner Eigensehaft als Allesfresser end überlegener [Seite 96] Futterverwerter (13) war des Schwein, gesamtgesellschaftlich bewertet, des wichtigste Haustier.

Auf ihrer Futtersuche jenseits der Dörfer konnte man die Schweine freilich nicht unbeaufschtigt lassen, es sei denn auf einqezäunten Flächen. Aufgrund des Wildschweinvorkommens waren die gartenbaulich genutzten Felder vermutlich durch Gatter geschützt. Nicht von ungefähr kommt es, daß des Piktogramm eines Wildschweins, SPG [*] , als Lehnschreibung für s u i [*] steht, mit dem ein von überirdischen Mächtten verursachtes Unglück bezeichnet wurde. Die yangshaozeitliche Siedlung von Jiangzhaishan im Lintong-Distrikt der Provinz Shaanxi besaß innerhalb ihres von Gebäuden umgebenen Dorfplatzes zwei kreisförmige Stellen für die nächtliche Unterbringung des Viehs (XBX: 55; Tafel 15). Vermutlich trieb man auch die Schweine des Abends dorthin, um sie vor Diebstahi und Raubtieren zu schützen. Kaum anders wind man es in den yinzeitlichen Dörfern gehalten haben (cf. Absatz 13).

Wie bei den Rindern, so wird auch im Falle der Schweine in den SPI zwischen männlichen und weiblichen Tieren unterschieden. [*] ist der Terminus für "Eber". (S 220.1) und [*] (S 220.2) sowie [**] (S 395.2) bezeidinen die "Sau"(Wei Si 1985: 292; Tang Ian, IXD: 2993-994; Li xiaoding, IxD: 2294-995). Die Kombination aus den Radikalen "Kind" und "Schwein", SPG [*] , steht für "Ferkel" (Wen/Yuan 1983: 250 ). Auf königliche Veranlassung wurden Ferkel in Ställe bzw. Gehege verbracht:

Yizhu 279 / S 412.1 Test der Proposition: [*]wird veranlaßt, zu befehlen, daß Ferkel requiriert und in Ställen/Gehegen untergebracht werden. (14)

Zwei Hände, die ein Schwein halten, d.h. SPG [*], beinhalten die verbale Bedeutung "aufziehen" (S 217.3). In einer varianten Schreibung ist eine trächtige Sau dargestelt:[*] (5 221.1). (15)

[Seite 97] Zudem scheint auch beim Schwein die Verschneidung praktiziert worden zu sein: SPG [*] (S 218.3), archaische Schreibung von [*] c h u , das ein "Schwein mit gefesselten Vorderlaufen" darstellen soll (SW, p. 9 b: 460), steht als Lehnschreibung für z h u o [*] "kastrieren" und bezeichnet damit einen "Borg" (Wen Yiduo, IXD: 2985). Verschnittene Schweine fallen nicht nur größer und fetter, sondern audi wohlschmeckender aus.

Neben Haus- und Opfertieren treten Schweine auch als Grabbeigaben auf. Leider befanden sich die freigelegten yinzeitlichen Sdiweineskelette, z.B. das vom Yinxu-Westareal Grab 1029, in einem derart verrotteten Zustand, daß nicht einmal eine Größenbestimmung möglich war (Chen Zhida 1985: 290).

Schweineembleme auf Ritualgefäßen belegen die Wertschätzung dieses Haustieres in aristokratischen Kreisen (ibid.). 

Schaf [*].

Nach bisherigen Erkenntnissen wurde das Schaf in China relativ spät domestiziert. Jedenfalls stieß man in den frühesten neolithischen Fundstätten auf keinerlei Relikte gezähmter bzw. gezüchteter Ovis-Arten. (16) Auch in Banpo wurden nur wenige Exemplare von Ovis sp. entdeckt, so daß eine Domestikation zu dieser Zeit noch fraglich erscheint (XFX: 196). Gleiches gilt für den yangshaozeitlichen Fund im Westareal von Zhengzhou in Henan (ibid.). Bestens für die Longshan-Periode lassen sich in Nordchina zuverlässig Hausschafe nachweisen, z.B. Ovis shangi Teillard and Young in Chengziva/Shandong (ibid.), das dem yinzeitlidien Hausschaf verwandt war (ibid.). In Südchina war das Hausschaf in der Liangzhu-Kultur (ca. -3300 his -2200; KGX: 271) weiter verbreitet (XFX: 197). (17)

Während der Shang-Yin-Zeit dienten Hausschafe als Opfertiere, Fleisch- und Knochenlieferanten sowie Grabbeigaben. (18)

[Seite 98] Wie im Falle von Rindern und Schweinen lassen sich in den SPI weibliche [*] und männliche Tiere [*] unterscheiden.

Bei den im Fu-Hao-Grab entdeckten Jadeschafen handelte es sich sehr wahrscheinlich um Nachbildungen von Ovis aries, einer Hausschafrasse (Chen zhida 1985: 290)

Sowohl das "Schaf-SPG als auch das Piktogramm des "Ji gu" [**] deuten auf eine Ovisrasse mit mächtigen Hörnern: [*] (Gulin fulu:468).

Li Chi vertrat die Auffassung, daß aufgrund der großen Stückzahlen geopferter Schafe und Rinder ein Teil der Shang-Yin-Bevölkerung nomadisch gelebt haben muß (1977: 199). Gegen die Transhumanz-These spricht SPG [*] (S 213.1), das piktographisch einen Schafstall wiedergibt. Eine besondere Rolle könnten Schafherden für die Subsistenz der Bevölkerung des Qiang- f a n g (cf. Absatz 1.1.4) gespielt haben. Die Qiang werden in den SPI von einem Graphem repräsentiert, das eine Person mit Schafhörnern zeigt: [*] (514.3).

Der Weidegang der königlichen Schafherden oblag den sogenannten [**] "Schafhirten" (cf. Absatz 6). 

Ziege.

"The only conspicuous absence in prehistoric China", so schrieb Ho Pingti in Bezug auf Wildfomen späterer Haustiere, "was the wild goat (capra hircus aegagrus)" (1975: 108). Es kann nicht bestritten werden, daß die Ziege erstrnals im Nahen Osten domestiziert wurde und ihre Wildform in China nicht heimisch war (cf. ibid.). Früheste Relikte treten dennoch bereits in yangshaozeitlichen Fundstätten auf (Chang Kwangchih 1986: 113).

Die Hausziege (Capra hircus L.) ist für die 2. Phase der Mioadigou-Kultur in der Provinz Henan nachgewiesen, fiir die mit -2780 +/-145 ein kalibriertes Radiokarbondatum vorliegt (XFX: 70, 196).

Von größerer viehwirtschaftlicher Bedeutung kann die Ziege während der Shang-Yin-Zeit indes nicht gewesen sein; jedenfalls sprechen weniger als zehn Exemplare, die bis heute entdeckt wurden (Chang Kwang-chih 1986: 139), nicht für eine solche Vermutung.

Hund [*].

[ Seite 99] Kalibrierte C14-Daten für die Cishan-Kultur Nordchinas (ca. -6000 bis -5600; XFX: 36) und die Hemudu-Kultur Südchinas (-5005 +/-130 bis -3380 +/-130; XFX: 145) attestieren des frühe Vorkommen des domestizierten Hundes (Canis familiaris).

Die enge Bezienung zwischen Mensch und Hund in der Shang-Yin-Zeit ist archäologisch und epigraphisch evident. Im Königsgrab 1001 von Xibeigang, nordwestlich von Anyang, stieß man auf neun kleine Gräber nit j eweils einer erwachsenen männlichen Person, einer Doldiaxt sowie einem Hund, alle innerhalb der Grabkammer des bestatteten Eigners gelegen. Vermutlich begleiteten diese neun Männer ihren Herrn als Leibgardisten und Jagdgefährten ins Jenseits (SZKG: 107). Es könnte sich bei ihnen um sogenannte [*] ( q u a n [*] ) "Hundeführer" gehandelt haben, die in den SPI auch in militärischem Kontext Erwähnung finden (s. Kolb 1991 b: Absatz 4.4) und im yinzeitlichen Bronzeemblem des "He quan gu" ([***] ) piktograhisch festgehalten sind: [**] (Xu Zhongshu 1986: 11). Ein SPG, dessen Bedeutung unbekannt ist, zeigt Mensch und Hund einander zugewandt: [**] (Hou 1.25. 12: S 217.3). Ein weiteres SP-Graphem, Assoziativum aus je zwei "Hunde-" und "Gabelspaten"-Radikalen, [**]=([**]), ist nadi Yu Xingwu ein Beleg dafür, daß Hunde den Menschen nicht nur auf die Jagd, den Weidegang, Kriegszüge und ins Jenseits begleiteten, sondern ihm überdies auch zur Bewachung seiner Ackergeräte dienten (1979: 253-59). (19)

Für die Präsenz von Hunden auf der Jagd spricht zunächst SPG [*], Archetyp von s h o u [*] bzw. [*]; der rechte Graphemteil zeigt einen "Schild" und der linke das "Hund"-Radikal. (20) Es kann sowohl die Bedeutung "jagen" als auch "auf die Jagd gehen" annehmen (S 445.4-447.1). Ferner läßt SPG [*], Komposition aus den Padikalen "Nase" und "Hund", vermuten, daß man die Spürnase des Hundes zu schatzen wußte, z.B. auf der Jagd (Wei Si 1988: 21).

Im JGWB wird SPG [*] als archaische Schreibung von t u [*] vorgestellt [Seite 100] (7.24), das sich im "Shuowen" wie folgt inhaltlich bestimmt findet: "Hund, der plötzlich aus einem Erdloch hervorkommt" (SW, p. 7b: 349). Wei Si sieht darin einen Hinweis auf die Wachfunktion von Hunden (1988: 24). (21)

Über die Aufzucht bzw. Haltung von Hunden in Gehegen ist nichts bekannt. (22) Ihre rituelle Opferung ist in Stückzahlen bis zu 200 Individuen dokumentiert (Xu 2.17.5: S 468.2). Bereits fiir Zhengzhou sind aus der Erligang-Phase der Shang-Zeit Gruben mit Hundeopfern nachgewiesen. Innerhaib der mit ca. -1500 datierten (KGX: 649) Stadtumwallung und des Palastareals wurden acht Gruben mit Hunden, angeordnet in drei Reihen, entdeckt. In den Gruben befanden sich zwischen 6 und 23 Individuen, insgesamt 92. Eine Grube enthielt zudem zwei menschliche Skelette, und in einer anderen fanden sich Goldplättchen mit gui-Drachemtuster (KGX: 650; Chang Kwang-chih 1980: 277).

Eine Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Tieren geben die SPI nicht zu erkennen.

Luo Zhenyu deutete SPG [*] als ursprüngliche Schreibung von m a n g [*] "langhaariger Hund" (LXD: 3093). Ansonsten ist über Hunderassen nichts zu erfahren.

Die Frage, ob Hunde den Shang-Yin als Fleischlieferanten dienten, ist vielleicht mit SPG [*] (Qian 8.11.2; Xu zhongshu 1988: 1101) beantwortet. Das Graphem, transkribiert mit [*] x i a n , zeigt einen "Kochtopf" und einen "Hund". Als Assoziativum gelesen, könnte es etymisch den Verzehr von gekochtem Hundefleisch beinhalten (Xu Zhongsnu, ibid.;Wei Si 1988: 22). (23 ) Aus den verfügbaren archäologischen Berichten lassen sich hierzu keine erhellen- [Seite 101] den Daten gewinnen, z.B. Spuren vn Messereinschnitten in den Knochen, wie sie beirn Abtrennen des Fleisches und der Sehnen entstehen.

Anzunehmen ist, daß die Hunde als Omnivoren frei in den Siedlungen und deren näherer Umgebung umherstreiften, Unrat und auch Aas fraßen und damit zugleich für eine gewisse Hygiene sorgten. 

Pferd [*].

Die Existenz von Wildpferden läßt sich in China bis in das Palaäolithikum zurückverfolgen. Ein s a n m e n m a [*] gennannes Pferd, vermutete Wildform des heutigen, war in den Provinzen Hebei, Henan, Shanxi und Shandong heimisch (Liang Jiarnian 1989: 34; XBX: 4).

Strittig ist, wann in China erstmals Pferde domestiziert wurden. Chou Ben-shun erachtet zurecht die vorliegenden neolithischen Relikte für zu fragmentarisch, zu ungenau datiert und definiert, um schlüssige Aussagen zu gewinnen (1988: 105; cf. XEX: 195-96). (24) Weithin übereinstimmend wird heute die Domestikation des Pferdes in China zwischen -3000 und -2000 veranschlagt (Chow Ben-shun, ibid.; Liang Jiamian 1989: 35; Chang Kwang-chih 1986: 282; Creel 1977: 161; An Lan 1988: 361).

Gesicherte Daten zu domestizierten Pferden innerhalb der zentralen Ebene Nordchinas sind erst für die Shang-Yin-Zeit verfügbar. Während das wilde Przhevalski-Pferd, "the basic stock of early Chinese horses" (Creel 1977: 167), bei rezenten Individuen eine Widerristhöhe von durchschnittlich 134 cm aufweist, ergaben Messungen an Shang-Yin-Pferdeskeletten 133 cm bis 143 cm. Im übrigen besitzen auch sie noch relativ schwere Köpfe, dicke Nacken, stehende Mähnen (cf. Pferde-Grapheme), einen kurzen Leib sowie relativ kurze Beine (Chow Ben-shun 1988: 106).

Archäologisch treten die Shang-Yin-P erde ausschließlich in aristokratischern [Seite 102] Kulturkontext auf, d.h. als Zugtiere vor Kampf- bzw. Jagdwagen und als rituelle Qpfer bzw. Grabbeigaben in oder nahe bei Großgräbern. Als Beispiel seien die 28 Pferdeskelette, verteilt auf fünf Gruben, in der Nord- und Süddra:pe von Grab WKGM 1 von Wuguancun, nordwestlich von Anyang, angeführt (SZKG: 99; XFX: 227). Die Funktion als Zugtier wird eindrucksvoll von 16 ausgegrabenen Kampfwagengespannen belegt (Yang Baocheng 1984).

Chen Zhidas Vermutung, Preis und Schwieriqkeiten der Aufzucht von Pferden hätten ihrer Verbreitung in der nicht-aristokratischen Bevölkerung entgegengestanden, kann durchaus geteilt werden (1985: 289).

Eine beachtliche Zahl an semntisch erschlossenen Komposita rnit "Pferd"-Radikal gibt die Bemühungen um vorteilhafte Aufzucht, Haltung und Nutzung von Pferden wieder:

Fellfarben

b a i [*] (= [*]) rn a "weißes Pferd; Schimmel" (S 221.4);

l i [**] (= [*] ) (25) "schwarzes Pferd; Rappen" (S 222.3);

c h i [*](= [*]) rn a "rotes Pferd; Fuchs" (Tie 10.2: S 374.3);

xi ' [**] (= [*]) "Pferd rnit gelbem Rücken und schwarzem Bauch" ("Yu pian" zit. in Tang Lan 1981a: 22) (26)

b o [**](=[**]) "scheckiges Pferd; Schecke" (S 222.3);

Morphologische Charakteristika

[**] (= ([**] ; S 22.3) kann als j i a o [**] gelesen werden und bezeichnet dann ein Pferd mit besonders großer Widerristhöhe [Seite 103] (Tang Lan 1981 a: 23). Das "Shuowen" spricht von 6 c h i [*], was etwa 138 cm entspricht. (27) Damit gehört dieses Pferd aber immer noch zu den Kleinpferden (Ponys), die eine Widerristhöhe von unter 150 cm besitzen.

[**] ( = [*]) könnte als Komposition des "Pferd"-Radikals mit demTerminus für "Rinderstall" auf ein kräftiges und gutmütiges Tier hinweisen (Wen/Yuan 1983: 255; S 222.2).

Das "Sohwein"-Radikal in SPG [*](= [*]; S 222.3) ließe sich, falls ein Assoziativum vorläge, als Hinweis auf ein gedrungenes, dickleibiges Pf erd verstehen (ibid.).

[**] ( = [*]; S 222.3), Zusammenschreibung der Radikale "Hirsch" und "Pferd", könnte dem Tier hirschartige Eigenschaften zugestehen (Wang Yuxin 1980: 101). Vielleicht handelte es sich dabei um ein Wildpferd ("Guangya" zit in ZWDCD, Bd. 10: 388). Auch ein besonders großer Hirsch könnte als etymische Bedeutung in Frage kommen.

Fortbewegung

t a [**] (= [**] ; S 222.3) deutet vermutlich auf eine gleichmäßig rasche Gangart hin, den Trab ("Jiyun" zit in ZWCD), Bd. 10: 343).

s h i [**] ( =**; S 222.4) könnte ebenfalls auf eine rasche Gangart Bezug nehmen ('Jiyun" zit. in ZWDCD, Bd. 10: 343).

Stallungen und Aufzucht

Der allgemeine Terminus für "Stallung" ist [*] (= [*], d.h. j i u [*]; S 222.2). In Stallungen erfolgte auch die Aufzucht: [Seite 104]

Ning 1.521 / S 222.2 ... Der König zieht Pferde in diesen Stallungen auf ...

Archetyp von x u [*] "aufziehen" ist SPG [*] (Chen Mengjia 1956: 556). Eine weitere Inschrift verrät, daß Stallungen von einem Dornenzaun umgeben sein konnten:

Jing 4831 / ibid.: Divination ... Der König wird vielleicht Befestigungen aus dornigem Gestrüpp (28) bei den Stallungen errichten.

Chen Banghuai stellte eine Lehnschreibung für j i u (+kiug) "Stallung" (s.o.) vor, nämlich +g'iug [*] "alt" (1959: 10 b). Der Propositionsteil [*****] aus Tong 733 (S 222.4 / ?) könnte demnach wie folgt übersetzt werden:

Die s h i - Pferde (s.o.) aus der linken y i - y i Stallung / den linken y i - y i - Stallungen

Unter y i y i wäre dann eine Numerierung zu verstehen.

Neben den Bezeichnungen fiir "Stute" [* ] und "Hengst" [* ]waren in Verbindung mit "klein" und "Kind" auch Termini für Jungtiere vorhanden (Tong 730: S 222.3).

Wang Yuxin entdeckte das SPG fiir "Wallach", das den Prozeß der Verschneidung eines Hengstes piktographison wiedergibt: [*] (29) (1980: 104).

Pferde wurden nicht nur in Stallungen innerhalb der könlglichen Domäne aufgezogen, sondern gelangten auch auf dem Tributwege oder durch Requirierung dorthin (cf. S 221.4). Die größte genannte Stückzahl fiir Pferde beläuft sich auf 50 (Xu 1.29.4: S 222.1). [Seite 105]

Chang Kwang-chih schrieb zur Herkunft des Shang-Yin-Pferdes: "It was probably not raised locally and had to be imported" (1980: 143). Diese Auffassung darf nach vorliegenden epigraphischen Erkenntnissen in Zweifel gezogen werden. Natürlich ist damit nicht ausgeschlossen, daß ein bestimmtes Kontingent an Pferden importiert werden mußte. Die besten Pferde im Alten China stammten stets von benachbarten Nomadenvölkern (Creel 1977: 169). 

Hirsch [*].

Teilhard de Chardin und C. C. Young rechneten Elaphurus menziesianus, den Milu- bzw. Davidshirsch, zu den domestizierten Tieren (s. Li Chi 1977: 108). Eine Reihe archäologischer und epigraphischer Daten belegen Existenz und Nutzung von Hirschen (Chen Zhida 1985: 291). (30) Ein Domestikationsnachweis ist mit ihnen nicht erbracht.

Das SPI-Korpus weist den Davidshirsch als beliebtes Jagdtier aus, dokumentiert durch ungewöhnlich große Strecken. (31)

SPG [*], frühe Schreibung von y o u [*], das in der späten Zhou-Zeit einen königlichen "Tierpark" bezeichnet (ZL, j. 16: 23 b), gibt in den Divinationsinschrifen keinen Zusammenhang mit der Hege von Wildtieren zu erkennen (cf. S 186.1; 299.2). 

Geflügel.

Knochenfunde in Stätten der Cishan- und Peiligang-Kultur sprechen für die Domestikation des indischen Bankivahuhns (Callus gallus) um ca. -6000 (XFX: 196). Im Gegensatz zum Neolithikum sind shangzeitliche Haushuhn- (Callus gallus domesticus L.) Funde rar (cf. NYKG 1985.2: 410-11). Bisher stieß man ausschließlich in als Grabbeigaben gedachten Tongefäßen auf sie (Chen Zhida 1985: 291). Über ihre Gestalt wissen wir nur von einer yinzeitlichen Jadearbeit, entdeckt bei Mangzhang/Luoshan in der Provinz Henan (NYKG, [Seite 106] ibid.).

Während mit [**] ein Terminus für Huhn vorliegt, fehlen entsprechende SPG für Ente und Gans. Zu diesen Vögeln steht auch kein shangzeitliches osteologisehes Material zur Verfügung. Bei der Bestimmung ihrer Morphologie ist man ganz auf Jade- und Tonplastiken bzw. Bronzegefäße angewiesen. Der dicke Leib der Jadeente aus dem Fu-Hao-Grab verrät Mästung und damit Domestikation, wofür auch die Größe von Enteneiern aus der Westlichen-Zhou-Zeit spricht, die bei Jurong in der Provinz Jiangsu geborgen wurden (Liang Jianian 1989: 83).

Seidenraupe.

Der Ursprung der chinesischen Seidenraupenzucht wird kontrovers diskutiert. Guo Fu bezient sich hei seiner These auf den Fund einer Kakonnachbildung aus Ton in Nanyangzhuang/Hebei (Alter: 5400 +/-70) sowie einen von Menschenhand halbierten Kokon (Datierung: ca. -4090 his -3610), der 1926 von Li Chi bei Xiyincun im Xia-Distrikt der Provinz Hebei entdeckt und der Yangshao-Kultur zugeordnet wurde. (32) Für Guo nahm folglich die Domestikation der Seidenraupe in Gebiet des Mittel- und Unterlaufs des Gelben Flusses ihren Anfang (1987: 307, 309). Die Aufnahme der bei Banpo etc. freigelegten yanqshao-zeitlichen (ca. -5000 bis ca. -3000) Knochennadeln sowie tönernen und steinernen Spinnwirteln in die Diskussion (s. Zhou Kuangmin 1982: 135; Guo Fu 1987: 307), erseheint wenig sinnvoll, da auch Garne aus anderen Materialien mit diesen Geräten verarbeitet bzw. hergestelit worden sein könnten.

Nach Zhou Kuangmin wurden bereits in der Hemudu-Kultur am Uniterlauf des Yangzi Seidenraupenkokons fuf die Herstellung von Textilien verwendet. Seine Argumentation stützt sich auf allerlei Werkzeuge, die mit Spinnen und Weben in Verbindung gebracht werden können, und auf eine elfenheinerne Schale mit Webmuster und Seidenraupendekor (1982: 135-36). Folgt man ihr, so liegt mit der entsprechenden Datierung von -4887 +/- 96 der früheste Hinweis auf die Nutzung von Seidenraupen vor.

Fraglich ist, ob zuverlässige Kriterien gefunden werden können, die - in einer Frühphase der Domestikation - Bombyx mori L. von seinen Wildformen [Seite 107] B. Manerina bzw. Theophila mandarina hinsichtlich Morphologie, Kokogröße und Fadenqualität unterscheiden lassen.

Des Stadium der Seidenraupenzucht ist erstmals mit den Seidenfragmenten von Qianshanyang im Wuxinq-Distrikt der Provinz Zhejiang gegeben. Die Fundstätte ist der Liangzhu-Kultur zugeordnet, die mit ca. -3300 bis ca. -2600 datiert wurde (KGX: 374). Die Fäden der Gewebe stammen zweifellos von domestizierten Seidenraupen (Kuhn 1982: 369; Wei Dong 1983: 253; XFX: 155; Xia Nai 1972: 13).

Die Shang-Yin-Zeit erlebte einen deutlichen Anstieg in der Produktion von Seidengeweben (Wei Dong 1983: 250). Als Beleg können die Spuren von Seidenstoffen in der Patina von Bronzegegenstanden, die Kleidung verschiedener Jadefiguren sowie epigraphische Erkenntnisse angeführt werden (s. Kuhn 1982: 371-88; Hu Houxuan 1972; Wei Dong, ibid.).

Kuhns ingeniöse Darstellung der Produktion und ihrer Bedingungen in den staatlichen "silk-workshops" der Shang-Dynastie (1982: 397-405) macht zugleich auch deutlich, daß wir zu diesem Thema weitgehend auf Spekulationen und historische Daten aus späterer Zeit angewiesen sind. Im Gegensatz zu Knochen/Horn/Zähne, Stein, Jade, Ton und Bronze verarbeitenden Manufakturen (cf. SZKG: 43-54), liegen bis dato noch keine Funde vor, die auf die Existenz von Seidenmanufakturen schließen lassen könnten. Auch fehlt es an entsprechenden epigraphischen Erkenntnissen. Wir wissen nicht, ob den königlichen d u o g o n g (Viele Handwerker) auch jene Spezialisten angehörten, die Seidenfäden verspannen und Stoffe herstellten. Die "Vielen Handwerker" könnten sowohl aus ausgewählten Spezialisten oder Klans gebildet worden sein, die traditionell der Ausübung bestimmter handwerklicher Berufe verbunden waren.

Falls unter "state-monopoly" ein Monopol des Shang-Königs innerhalb seiner Domäne zu verstehen ist, kann man Kuhns folgender These zustimmen: "There was an evident and participating interest of the royal household in the matters of sericulture which can only be explained by the state-monopoly in this branch of econonic activity" (1982: 407). Daraus läßt sich aber nicht zwingend auf die manufakturelle Herstellung von Seidenstoffen in staatlichen "workshops" schließen (ibid.). Auch "Heimarbeit" auf der Basis von Klans ware vorstellbar. Auch jenseits der königlichen Domäne, in den Gebieten der Vasallen, wird Seide fiir die örtliche Aristokratie hergestelit worden sein.

Wir wollen uns nun den epigraphischen Hinweisen zur yinzeitlichen Seidenraupenzucht zuwenden, wohei die Wiftspflanze Maulbeerbaum nicht weiter berück- [Seite 108] sichtigt wird, da sie bereits in Absatz 7.7 Erwähnung fand.

Hinsichtlidi der SPI-Repräsentation von Bombyx mori L. herrscht keine einhellige Meinung. So betrachten z.B. Ye Yusen, Guo Moruo, Wen Yiduo, Shang Chengzuo, Chen Banghuai, Hu Houxuan (s. Wen/Yuan 1983: 372), Zhou Kuangmin (1982: 134; 1983: 193), Wei Dong (1983: 251) und Dieter Kuhn (1982: 372) [*] (S 242.4) als Archetyp von c a n [*, ] während Wen/Yuan in Anlehnung an Sun Yirang glauben, in [*] die archaische Schreibung von s h u gefunden zu haben, das im SW mit "Seidenraupen im Maulbeerbaum" (p. 13 a: 672) erklärt wird (cf. Xu Zhongshu 1988: 1424; Li Xiaoding, LXD: 3912).

Nach Wei Dong zeigt SPG [*] Seidenraupen unter menschlicher Aufsicht (1983: 251).

Wen / Yuans Interpretation ist insoweit zu beanstanden, als sie in Radikal [*] die Segmentierung der Raupe sehen, obgleich damit ohne jeden Zweifel der Archetyp von m u [*] "Auge" gegeben ist. Zudem tritt s h u in den SPI lediglich als Eigenname in Erscheinung (cf. 106.2-3, 107.1). Für den c a n -Archetyp spricht die deutlich erkennbare Raupendarstellung. Doch auch dieses Graphem ist in keiner Inchrift zu sehen, die seine vermutete Bedeutung bestätigen könnte (cf. S 242.4-243.1). (33)

Gleichgültig welcher Auffassung man folgen möchte, mit [*], der Darstellung eines Maulbeerbaums mit Körben, ist auf das Sammeln seiner Blätter hingewiesen, einen Beleg für die Aufzucht von Seidenraupen (cf. Absatz 7.7). Mikroskopische Untersuchungen von Seidenfragmenten der Shang-Yin-Periode ergaben, daß man zu dieser Zeit zwar Seidennaupenaufzucht betrieb, die Zuchtergebnisse allerdings noch keinen Faden optimaler Qualitat zeitigten (Nunome Junro zit. in Kuhn 1982: 384).

Was mit den aus abgekochten Kokons (34) freigehaspelten Raupen (35) geschah, ist [Seite 109] unbekannt. Die große Tradition der Entomophagie in China läßt an Verzehr denken. Darüber hinaus könnten sie auch als Düngerrnittel oder Futter für Haustiere und Fische in Teichen gedient haben. 

Elefanten [*].

Die Existenz von Elefanten innerhalb des Shang-Yin-Territoriurns ist sowohl archäologisch als auch epigraphisch bestätigt. Schon im Paläolithikum waren sie in dieser Gegend heimisch (Wang Yuxin/Yang Baodieng 1982: 483). Wärmeres und feuchteres Klima, ausgedehnte Wälder und Grasland boten den Elefanten ein ihren Bedürfnissen angemessenes Habitat.

Zwei Elefantengräber konnten bisher in Yinxu freigelegt werden; das eine, 1935 entdeckt, enthielt zudem die Reste eines menschlichen Skeletts, vielleicht des Elefantenfiihrers, während im 1978 geöffneten Grab ein Schwein mitbestattet worden war (ibid.: 467).

Elefanten wurden gejagt (Qian 3.31.3: S 223.3) und als Tribut an den Königshof geliefert (Hou 2.5.11: ibid.). Ihre Knochen und Stoßzähne fanden im Kunsthandwerk Verwendung (Lin Dunyuan 1986c: 327). Auf königliches Geheiß erfolgte die Inspektion ihrer Herden (Cui 610: ibid.).

Über die Morphologie des shangzeitlichen Elefanten geben drei tiergestaltige c u n - Gefäße Auskunft (s. Ma Chengyuan 1988: 199-200).

Im "Lüshi Chunqiu" wird behauptet, die Shang hätten Elefanten gezähmt, um damit die Ost-Yi zu unterdrücken (LSCQ, Bd. 1, j. 5: 247). Obgleich keine authentischen Hinweise auf militärische Nutzung von Elefanten vorliegen, an ihrer Dornestikation besteht kein Zweifel. Im bereits ersten Grab von 1978 fand sich am Körper bzw. Skelett eines Jungtieres auch eine bronzene Glocke (Wang Yuxin/Yang Baocheng 1982: 476). Im übrigen geht die Zähmung auch aus SPG [*] hervor (S 223.3-4).

Unklar ist nach wie vor, welche Aufgaben gezähmten Elefanten in der ShangYin-Zeit zugedacht waren.

 ANMERKUNGEN ZU V:

(1) Der Domestikationsbeginn bestimmter Tierarten läßt sich zeitlich nicht exakt bestimmen. Die ersten Veränderunungen, die domestizierte Tiere von ihren wilden Vorfahren unterscheiden, z.B. kleineres Skelett und Zahnsystem, Zunahme der Schwanzwirbelzahl und Verringerung der Hirngröße, können manchmal erst nach bis zu 50 Generationen nachgewiesen werden (Herre/Röhrs 1977: 249). Als weiterer Hinweis auf Donestikation wird die Sclachtung größerer Zahlen an Jungtieren angeführt. Unter bestimmten Umständen konnte jedoch auch bei Jägern und Sammlern ein hoher Prozentsatz an Jungtieren getötet werden (Higgs/Jarman 1969: 35). Comberg fragt zurecht, "ob die ersten Vorgänge der Domestikation überhaupt je geklärt werden können" (1980: 29). Für die zweite Hälfte des 6. Jahrtausends sind in Nordchina Schwein (Peiligang-Kultur) bzw. Schwein, Hund, Rind und Huhn (Cishan-Kultur) als Haustiere nachgewiesen (XFX: 35, 36). Der Fund von 67, eindeutig Domestikationsmerkmale tragenden Kieferknochen von Sus domesticus Brisson aus der Höhle von Zengpiyan bei Guilin/Guangxi, datiert mit ca. -5500 bis ca. -7000 (KGX: 642), deutet gegenwärtig auf das Scnwein als frühestes chinesisches Haustier (Xie Chongan 1985: 284). Da es kein Herdentier ist, erfordert seine Haltung Seßhaftigkeit. Auch der Hund war für die Zähmung/Züchtung prädestiniert, da er, wie das Schwein, als Omnivore in den Siedlungen und deren unmittelbarer Ungebnng von menschlichen Abfällen leben kann; zudem ist seine Wildform, der Wolf, leicht zähmbar (Heiser 1973: 43). Der Umstand, daß die heutigen Jäger und Sammler keine Hunde fiir die Jagd nutzen, legt die Vermutung nahe, sie könnten anfangs als Fleischtiere gedient haben (Higgs/Jarman 1969: 37). Rinder waren im Gegensatz zu den Sehafen nicht in der Lage, sich auf unwegsames Terrain zurückzuziehen und infolgedessen in besonderem Maße mit den Menschen konfrontiert (Coles 1979: 116). Dennoch treten beide Mammalia etwa gleichzeitig in China als Haustier in Erscheinung (s.o.). Der Wasserbüffel wird nördlich des Yangzi, d.h. in Nordchina, erstmals in der Dahankou-Kultur gesehen (Fundstätte: -3835 bis -2240; XFX: 195). Relativ spät erfolgte die Zähmung/Züchtung des Pferdes; sie ist erst für die Shang-Yin belegt. Eme entsprechende Entwicklung, so wird vermutet, könnte in der vorausgegangenen Longshan-Periode eingesetzt baben (XFX: 195-96; Wang Yuxin 1980: 99).

(2) Bei einen einzigen Ritualopfer konnten z.B. 1000 Rinder (Tie 301: S 6.1), 300 Schweine (Cui 338: S 466.3), 500 Schafe (Yi 5405: S 468.1) oder 100 Hunde (Jing 4065: 5 216.3) getötet werden.

(3) Die entsprechenden Schlüsselverben sind [*]( y i [*]) "heranbringen, heranführen',[*] ( l a i [*]) "senden", [*] ( go n g [*] , [*]) "erheben" und [*] ( q u [*]) "requirieren".

(4) Es werden z.B. 300 Schafe (Tian 31: S 468.1), 400 Rinder (Ming 1517: ibid.) und 200 Hunde (Tie 188.3: S 468) genaunt.

(5) Mit d u o d i a n "Viele d i a n " ist das gesamte landwirtschaftlich genutzte Land um die weltliohe Metropo1e Yinxu bei Anyang gemeint (s. Absatz 1.1.1).

(6) Das Graphem zeigt laut Hu Houauan eine Person, die gezwungen wird, ihren angestammten Platz zu verlassen. Es soll die archaisohe Sanreibung von w a n g [*] darstellen, hier im Sinne des Homophons [*] "flüchten, entlaufen" zu lesen. Unter c h u versteht Hu nicht Vieh, sondern für die Viehfütterung verantwortliche Sklaven (1976: 2-3). In dem Aufsatz, der diese Deutung entäalt, versuchte er, entgegen all seinen bisherigen Ausfdnrungen, offensichtlich politisahen Notwendigkeiten folgend, krampfhaft nach Argumenten fiir die Existenz einer Shang-Yin-Sklavenhaltergesellscnaft. Die Bedeutungserschließung bestimmter Schlüsselgrapheme wurde entsprechend willkürlich vorgenommen und auf die Anwendung der kombinatorisehen Methode, d.h. die Überprüfung der ermittelten Bedeutungen in allen vorhandenen Kontexten, verzichtet.

(7) Relikte shangzeitlicher Rinder wurden bisher in den Provinzen Gansu, Henan, Hebei, Liaoning und Yunnan geborgen. Bei Anyang stieß man auch auf Knochen von Wasserbüffeln sowie ein Wasserbüffelskelett (s. NYKG 1986.2: 433).

(8) Die Zahl der Skapulafragmente läßt auf einige 10 000 Rinder schließen (Wei Si 1986: 154).

(9) Die durchbohrte Nase eines Jaderindes aus den Fu-Hao-Grab bei Xiaotun/Anyang kann nicht als Hinweis auf die Nutzung von Rindern als Zugtiere verstanden werden. Auch andere Jadetiere besitzen kleine Löcher für ihre Befestigung als Schmuckgegenstände (XFX: 327). Weder entsprechende Pflugscharen noch Karren sind fur die Shang-Zeit archäologisch nachgewiesen. Außerden wird man wertvolle Zugtiere wohl kaum in so großer Zahi rituell geopfert haben.

(10) Hinsientlich ihres Alters weisen die zu 67 Individuen genörigen Relikte folgende Proportionen auf: 65% ein- his zweijäihrig, 20% jünger als ein Jahr und 15% älter als zwei Jahre (Qin Shengmin 1984: 339). Die Gebisse sind schwächer ausgebildet als bei den wilden Vorfahren, selten treten lange Hauer auf (Xie Chongan 1985: 283). Berücksichtigt man, daß Wildschweine ein Durchschnittsalter von zehn Jahren erreichen (Chang Kwangchih 1986: 03) und Jungtiere, infolge einer hohen natürlichen Sterblichkeitsrate (Krankheit, widriges Wetter etc.) sowie ihrer Rolle als Beute für Carrnivoren, nur eine kleinee Minderheit in den Herden darstellen, deutet der Zenqpiyan-Fund in der Tat auf Domestikation.

(11) Unzutreffend ist Guo Baojuns Behauptung, j i a stünde für "Schweinestall" (1978: 41). Vielmehr ist mit diesem SPG auf das häusliche Schweineopfer hingewiesen, das nach Wang Renxiang (1981: 82) und Shirakawa (Guiinbu, Bd. 4: 2374) in der nicht-aristokratischen Bevöikerung verbreitet war. Wang Renxiangs Opfer-Hierarchie, derzufolge "Rinder von den Sklavennaltern, Schafe von den Schamanen und Schweine von der einfachen Bevölkerung dargebracht" wurden (zit. in Wei Si 1985: 292), wird von den SPI nicht bestätigt.

(12) Bei derÜbertragung kann nicht zwischen Gehegen end Stallungen unterschieden werden. Beide Formen der Unterbringung werden von h u n [*] erfaßt.

(13) Das Sdiwein setzt ca. ein Fünftel des Futtergewichtes in Fleisch um, während ein Rind für 100 Pfund Futter 7 Pfund Fleisch ansetzt (Harris 1978: 145).

(14) Die Interpretation von SPG [*] als archaische Schreibung von z h u [*] "aufhäufen, lagern, speichern, aufbewahren", hier mit "unterbringen" übersetzt, ist gewagt (cf. Wen/Yuan 1983: 250). Eigentlich besitzt z h u in SPG [*] seine frühe Schreibung.

(15) Laut "Shuowen" ist mit h u a n [*], das beiden SPG entsprechen soll (LXD: 2983), die "Körnermast von Schweinen in Gehegen" gemeint (SW, p. 9b: 460).

(16) Der tönerne Schafskopf aus der Peiligang-Kultur (ca. 2. Hälfte des 6. Jahrtausends) soll einem Wildschaf nachgearbeitet worden sein (XFX: 196).

(17) Eigentlich gilt das Schaf heute als das älteste domestizierte Tier (Herre / Röhrs 1977: 256).

(18) Bis zu 300 Schafe konnten anläßlich emes Opfers dargebracht werden (cf. Tian 51: S 468.1). Die Gräler M 338 und M 339 im Palasttempelgelände von Yinxu bergen u.a. geopferte Schafe (Cnen Zhida 1985: 290). Im Westareal von Yinxu wurde in M 429 und M 467 je ein Schaf als Grabbeigabe entdeckt (ibid.).

(19) Finige Autoren deuten dieses SPG als einen Hinweis auf von Hunden gezogene Pflüge. Ihre Argunente finden sich in Absatz 10.2.5 berücksichtigt.

(20) Da die Sbang-Yin Jagden auch als militärisches Training bzw. Manöver betrachteten (s. Kolb 991b: Absatz 9), wirft die "Schild"-Komponente keine weiteren Fragen auf. Man ging schließlich in Kriegsbewaffnung auf die Jagd.

(21) Da in fraglichem Graphem eher die Cauda eines Schweines denn eines Hundes zu erkennen ist, bleibt diese Interpretation fraglich. Der Schwanz des Hundes ist graphematisch zwar nicht stets nach oben gerichtet, ohne Ausnahme jedoch beträchtlich länger (cf. S 216.1 - 221.2). Für die Existenz von Wachhunden sprechen die im Fu-Hao-Grab entdeckten Hundeskelette. Von den sechs Hunden befand sich "one in the pit below botom and the other on top of the chamber" (Chang Kwang-chih 1980: 88; Chen Zhida 1985: 291).

(22) Wei Sis Deutung von SPG [*] als "Hundegehege"1 ist problematisch. Anstelle des "Hunde"-Radikals könnte ebensogut das des "Schweins" gelesen werden (cf. Cui 960: 5 272.3).

(23) Laut Chen Zhida kann der Hund kein wichtiges Fleischtier gewesen sein, da in archäologischen Stätten nur selten verstreute Hundeknochen festgesteilt wurden (1985: 291).

(24) Der Fund von Relikten in Banpo (ca. -4800 bis ca. -4300; KGX: 34) beschränkt sich auf zwei Zähne und einen Fußknochen (XFX: 195). Die von Li Youheng / Han Defen 1959 vorgenommene Bestimmung mit Equus przhevalski (s. Chow Ben-shun 1988: 105) scheint darnit unzureichend begründet. Auch die longshanzeitlichen Relikte von Chengziyai in Shandong und Baiying / Tangyin in Henan sind nicht geeignet, auf die Existenz von Hauspferden zu schließen (KGX: 701). Fraglich ist auch, oh im Fall des unteren Mahlzahns eines pferdes, der in Dahezhuang / Yongjing in Gansu entdeckt wurde und der Qijia-Kultur (ca. -2000; XFX: 118; KGX: 369) entstammt, die Feststellung gerechtfertigt ist, zwischen dem zugehörigen Pferd und dem heutigen Fferd würrden keine Unterschiede bestehen (5. Liang Jiarnian 1989: 35).

(25) L i entspricht laut "Guangyun" dem späteren [*], einem Graphem, das in "Shi jing" die Bedeutung "Rappen" besitzt (s. Cheng Junying 1985: 325; GSR 235/878f). Das "Shuowen" definiert mit "tiefschwarzes Pferd" (ZWDCD, Bd. 10: 421).

(26) In "Shuowen" liest man "Pferd mit behaarten Schienenbeinent' (ZwDCD, Bd. 10: 392). Vermutlich war damit eine lange Fesselbehaarung gemeint.

(27) Der hanzeitliche c h i besaß eine Länge von ca. 23 cm (cf. Liang Fangzhong 1980: 540).

(28) Wen / Yuan bevorzugten bei ihrer Deutung von SPG [*] das "Fangyan" (Dialektwörterbuch aus dem 1. Jhdt. n. Chr.). Darin heißt es, im Gebiet von Wu (Provinz Jiangsu) sei t u [*] die Bezeichnung für "Holz mit Dornen" gewesen (1983: 248).

(29) Graphem [*] gibt zu erkennen, daß bei der Prozedur die Testikel mittels eines Strickes abgebunden wurden - eine noch heute in China übliche Praktik (s. Wang Yuxin 1980: 104).

(30) Aufgezählt werden: Divinationsinschriften mit Hirschfang als Proposition (cf. S 228.1-3); Hirschknochen aus dem 1950 freigelegten Großgrab von Wuguancun bei Anyang; verstreute Hirschgeweihfunde in Yinru-Stätten; Hirsch-Emblem auf großem quadratischen BronzegefäB (ding) aus Grab 1004 von Xibeigang/Anyang; Jadehirsch aus dem Fu-Hao-Grab in Xiaotun Locus Nord.

(31) Bing 80 berichtet von 350 (S 227.2) und Yu 12.3 von 200 erlegten Tieren dieser Hirschart (ibid.).

(32) Nunomes Untersuchungen ergaben, daß die Xiyincun-Kokons aufgrund ihrer Größe weder zu Bombyx mori noch zu B. Mandarina, der Wildform, gehörten, sondern von Rodontia menciana Maore stammsten (s. Kuhn 1982: 370), ebenfalls einem Maulheerschädling aus der Familie der Bombycidae.

(33) Keightley übersetzt Nanminq 468 (S 243.1) wie folgt: "Divining on the day bing-yin: 'It should be that we cry out,"Lead Qiang (captives) and silkworms (?) to the X-altar stand (and) sacrifice (them)'"' (zit. in Kuhn 1982: 378-79). Da c a n auch als Ortsname (Ning 3.79: S 104.1; Jia 806: S 107.1) auftreten und damit zugleich die dort lebende Bevölkerung bezeichnen kaen, bietet sich eine weitere Übersetzungsmölichkeit an: 'Test der Proposition: Es wird der Aufruf veranlaBt, (gefangene) Qiang und Can zum Altar von X zu führen (und dort) zu opfern.

(34) SPG [*] S 388.4) soll diesen Arbeitsgang ausdrücken (Wen / Yuan 1983: 375).

(35) Von SPG [*] (xi [*]) wird angenommen, es zeige das gleichzeitige Abhaspeln mehrerer Kokons (Wen/Yuan 1983): 375).

VI. Zur ländlichen Siedlungsform des Dorfes in der Shang-Zeit.

 [Seite 159] Die shangyinzeitlichen Bauern lebten innerhalb der städtischen Gebiete (1) und in Dörfern, deren materielles Inventar auf eine spätheolithische Technik der Nahrungsaneignung weist.

Beide Siedlungsforren zeigen keinerlei Spuren von Befestigungsanlagen. (2)

Aus den SPI wissen wir, daß das agrarische Umland der säkularen Metropole Yinxu unter königlicher Verwaltung intensiv bewirtschaftet wurde (s. Absatz 6). Aus ihm wurde die Nahrungsmittelversorgung der Stadt bestritten. Das wenig entwickelte Verkehrswesen gestattete nicht, leicht verderbliche Waren aus dem weiter entfernten Hinterland herbeizuschaffen. (3) Außerdem konnten gerade in städtischen Umland, aufgrund der größeren Menge anfallender Fäkalien und des reichlich vorhandenen Mistes aus den königlichen Stal- [Seite 160] lungen, hohe Erträge erzielt werden.

Gänzlich andere Bedingungen herrschten jenseits der städtischen Agrarggürtel in der dörflichen Landwirtschaft. Leider sind wir hier vollkommen abhängig von spärlichen Informationen der Archäologie.

Obgleich schon einige shangyinzeitliche dörfliche Siedlungsareale auf dem ehemaligen Territorium des Shang-Yin-Staates freigelegt werden konnten (S. 235-39; SZKG: 73), stieß man offenbar bei keinem von ihnen auf genügend Relikte von Hausfundamenten, um Grundrisse der Häusergruppierungen zu erstellen.

Yinzeitliche Hausfundamente finden sich lediglich im Grabungsbericht zu einem Dorf angeführt, das 1958 im Pingyin-Distrikt der Provinz Shandong ausgegraben wurde. Dieses Dorf lag zwar nicht innerhalb des ShangTerritoriums, zeigt in seinem materiellen Kulturinventar jedoch engste Verwandtschaft mit dem von Anyang/Yinxu (KG 1961.2: 93). Auf nur 230 m2 Fläche (SZKG: 73) befanden sich ursprünglich 21 Häuser mit zurneist halbunterirdischen Fundamenten. Laut Bericht gediehen die Ausgrabungen jedoch nicht so weit, daß die ganze Siedlungsform verstanden werden konnte (KG 1961.2: 87). Vier Hausfundamente unterschiedlichen Typs werden beschrieben:

Reste von Hauswänden waren nicht festzustellen. Dort, wo sich gelb-grünliche Erde vorfand, war ursprünglich einmal pflanzliches Flechtwerk vorhanden (KG 1961.2: 88). Von den 34 Aschegruben innerhaib des Dorfes dienten die meisten der Aufnahme von Abfall. In drei dieser Gruben fanden sich Knochen von Mammalia; zwei von ihnen bargen jeweils Scherben von Tongefäßen, Sicheln aus Muschelschalen, das Skelett eines Rindes in der Mitte und nördlich davon zwei Anhäufungen von Hundeknochen. In einer weiteren Grube stieß man auf ein Pferdeskelett (ibid.).

Das steinerne Geräteinventar des Dorfes umfaßt eine f u -Axt, eine Dechsel, zwei Messer, acht Sicheln und einen Stößel. Zudem wurden noch ein Messer, eine f u -Axt und drei Pfeilspitzen aus Bronze entdeckt nebst Messern, Sägermessern und Sicheln aus Muschelschalen sowie einigen Werkzeugen aus Knochen bzw. Geweih (ibid.: 88. 89,Tafel 4; 92).

Zur besseren Beurteilung dieses Inventars sollten wir einen Blick auf entsprechende Funde in anderen shangyinzeitlichen Dörfern werfen.

Östlich der Stadt Tangshan, bei Guye, in Ost-Hebei, außrhaIb des Shang-Yin-Territoriums:

14 f u -Äxte, 7 SicheIn, 3 Messer, 2 Hämmer und 3 Dechseln aus Stein; 16 Geräte aus Knochen, darunter Pfeilspitzen, Nadeln und Webschiffchen; 1 Nadel, 1 Ring und 1 Schaber aus Bronze (KG 1984.9: 776-78).

Bei Xiaqiyuan, südwestlich von Cixian in Süd-Hebei, ca. 30 km Luftlinie von Yinxu/Anyang, innerhalb der Shang-Yin-Domäne:

4 c h a n - Spaten, 22 Sicheln, 10 Messer, 3 f u -Äxte, 2 Dechseln und 1 Meißel aus Stein; 2 c h a n - Spaten, 2 Messer, 1 Meißel und 31 Ahle aus Knochen; 3 Sägemesser und 7 Sicheln aus Muschelschalen; 1 Pfeilspitze aus Bronze (KGXB 1979.2: 208-209).

Bei Yingguocun, Ca. 20 km nordwestlich von Xingtai / Provinz Hebei, innerhalb der vermuteten Grenzen der Shang-Yin-Domäne

neben 1 Bronzepfeilspitze und 21 Skapulafragrenten / Divinationsrelikten: 7 f u -Äxte, 35 Messer, 25 Sicheln, 94 c h a n -Spaten, 1 Meißel,1 Stößel, 1 Schleifstein und eine Spinnwirtel aus Stein; 68 Geräte bzw. Pfeilspitzen aus Knochen und 25 Geräte aus Muschelschalen (WW 1960.4: 44-45).

In der Nähe von Jiacun, ca. 10 km südwestlich von Xingtai / Hebei, stieß man 1957 in einen Grabungsareal von ca. 180 x 260 m auch auf spätshangzeitliche Relikte. Dazu gehörten ein Herd mit einem tönernen l i - Gefäß (Kessel fiir Fleisch und Zerealien) und eine Vorratsgrube quadratischen [Seite 162] Grundrisses (2 x 0.80 m). In deren südöstlicher Wand befanden sich 11 Trittlöcher in Abständen zwisoben 35 und 75 cm. Da die Grube während der Grabungsarbeiten einstürzte, konnte nur eine Tiefe von 6.5 m ermittelt werden. In der Grube fanden sich Bruchstiicke von c h a n -Spaten, Haarnadeln und Divinationsplastronen. Außerhalb der Grube- exakte Angaben zu den Fundstellen felilen - barg man 28 Objekte aus Stein, 34 aus Knochen, 34 aus Muschelschalen und 2 aus Bronze, darunter:

6 Sicheln, 13 Messer, 1 c h a n -Spaten und 1 Meißel aus Stein; 1 Messer und drei Pfeilspitzen aus Knochen; 7 Messer, 3 Sägemesser und 5 Ahle aus Muschelschalen; 2 Pfeilspitzen aus Bronze (WW 1958.9: 29-31).

Für Sancunling im Neiqiu-Distrikt sowie fur Fengjian bei Quyang in Hebei liegen ausschließlich nicht-metallene Gerätefunde vor (WW 1960.5: 85; An Zhimin 1955: 39).

Die angefiihrten archäologischen Fakten bestätigen die bereits oben (cf. Absatz 10) vertretene These, daß bronzene Geräte in der Landwirtschaft der Shang-Yin nahezu bedeutungslos für die Produktion waren.

Neben den beschriebenen Hausfundamenten und deren Inventar wurden bei Zhujiaqiao im Pingyin-Distrikt / Shandong noch acht Gräber entdeckt, von denen zwei Beigaben, d.h. jeweils zwei Tongefäße, enthielten (KG 1961.2: 92). Anhand einiger Tonscherben ließ sich die Verwendung der Töpferscheibe nachweisen. Sie war bereits in der Longshan-Zeit weithin in Gebrauch (Chang Kwang-chih 1977: 152). Soweit das vorliegende Kulturinventar eine solche Mutmaßung zuläßt, scheint der Status der Dorfbewohner ziemlich egalitär gewesen zu sein. Eine Arbeitsteilung in Handwerk ist nicht zu erkennen. Neben landwirtschaftlichen Produkten, d.h. Zerealien, sehr wahrscheinlich Gemüse, und Vieh, dienten Fische, Muscheln und Schnecken als Nahrung. Auffallend ist im Zhujiaqiao-Dorf das Fehlen von Vorratsgruben, woraus man schließen könnte, das ganze Jahr über seien genügend Lebensmittel zur Verfügung gestanden und / oder in irdischen Gefäßen in den Häusern gelagert worden.

Eingehendere Erkenntnisse lassen die vorliegenden Grabungsberichte leider nicht zu. Deshalb mag es vorteilnaft sein, sich den Resultaten von Grabungen in longshanzeitlichen Siedlungen der Provinzen Henan und Shandong zuzuwenden, deren genetische Bezienung zur vordynastischen Shang-Kultur außer Zweifel steht (Chang Kwang-chih 1980: 340-41; RAD: 23; KGX: 193, 436). Chang Kwang-chih spricht von "Lung-shan - Shang continuities", die sich im wesentlichen in "cultural elements at the 'popular' level" manifestieren (ibid.: 340).

Wir unterstellen, daß die Grundlagen der dörflichen Kultur spätneolithischer [Seite 163] Zeit nicht jenen der Shang-Yin-Zivilisation überlegen waren.

Im Gegensatz zu shangyinzeitlichen sind für longshanzeitliche Siedlungen Umwallungen nachgewiesen, so im Falle von Wangchenggang / Dengfeng-Distrikt und Pingliangtai / Huaiying-Distrikt in Henan sowie Chengziyai in Shandong. Die Grabungsberichte sprechen hier von "Stadtsiedlungen". Uns scheint die Bezeichnung "befestigte Siedlungen" die geeignetere zu sein. In der Wangchenggang-Siedlung stellen polierte c h a n - Spaten ca. 40% aller steinernen Geräte (Li Xiandeng 1983: 10; WW 1983.3: 11, Tafel 6). Darüberhinaus sind noch in großer Zahl steinerne Erntemesser und Sicheln nachgewiesen, leider ohne exaktere Angaben in Bericht (WW 1983.3; Li Xiandeng 1983). Dies läßt auf eine mehrheitlich bäuerliche Einwohnerschaft scnließen.

Die Umwallung Pinglitais, für die eine Altersangabe von "über 4335 +/- 175" vorliegt (WW 1983.3: 36), umschloß mit ca. 185 m Seitenlänge eine Fläche von ungefähr 35 000 m2, die Wangchenggangs hingegen nur 7600 m2 (s. Chang Kwang-chih 1986: 273). Die Basisbreite des Pinglitai-Walls erreichte immerhin 13 m. Je eine Straße in Norden und Süden führte in die Siedlung, für die insgesamt 10 Hausfundamente substantiiert sind. Sie zeigen einen zumeist recnteckigen Grundriß und befinden sich entweder auf ebener Erde oder einem erhöhten Fundament errichtet. Als Baumaterial dienten ungebrannte Lehmziegel. Haus F 1 besaß mit ca. 55 m2 eine relativ große rechteckige Grundfläche, aufgeteilt in drei Räume, jeder mit einer Türöffnung nach Süden versehen (WW 1983.3: 30). Zwei Gräben im Westteil des Hauses konnten bezüglich ihrer Funktion nicht bestimmt werden. Vertiefungen für Holzpfosten liegen nicht vor. Ansonsten grub man irdische Gefäße versehiedenen Typs aus. Innerhalb der Umwallung befanden sich drei Brennöfen für Tonwaren sowie 16 Grabstellen von Kleinkindern. Zwei Aschegruben bargen Tonscherben. Besonders erwähnenswert ist eine Wasserableitungsvorrichtung aus tönernen Rohrteilen, 30 cm unter dem Zufahrtsweg des Südtores. Über eine Tafel hinaus (ibid.: 26, Tafel 12), fehlen detaillierte Angaben zu landwirtschaftlichen Geräten. Abgebildet sind Steinmeißel, Teinhacke sowie Erntemesser und -sichel aus Muschelschalen (ibid.).

Der späten Longshan-Periode wird die Grabungsstätte von Wuqiang /Shanqiu-Distrikt in Henan zugerechnet. Im 5. Stratum, das keinerlei Hinweise auf eine Umwallung zeigte, stieß man auf 5 Hausfundamente, deren schlechter Erhaltungszustand allerdings keine genaue Rekonstruktion der Grundrisse zuließ. Haus F 4 nahm eeie Fläche von ca. 3 x 3 m2 ein. In seiner Mitte befand sich ein Pfosten. Errichtet war es auf ebener Erde, wenngleich der Wohnbe- [Seite 164] reich etwas tiefer gelegt war. Neben zahlreichen Tongefäßen verschiedenen Typs, einer Spinnwirtel, einer Dechsel aus Stein, sechs Erntemessern aus Muschelschalen sowie zwei Divinationsplastronen, sind Aschegruben mit Geräten aus Knochen, Muschelschalen und Geweihen nebst Knochen von Mammalia, Schneckenhäuser und Muschelschalen nachgewiesen (KG 1983.2: 117, 120-21).

Für die Longshan-Zeit ist überdies das B~ohren von Brunnen belegt (cf. Absatz 5). Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert der Brunnen von Baiyingcun in Henan, dessen Wände an allen vier Seiten mit je 46 Holzstangen ausgekleidet waren und in eine Tiefe von 13 Meter reichten. In ihrer Spätphase, datiert mit ca. -2200 bis ca. -2100 (KGX: 33), bestand die Siedlung aus 46 in dichten Reihen beieinanderliegenden Häusern mit rundem Grundriß (Durchmesser: 3 - 6 rn) und halbunterirdischem Fundament. Steinerne und knöcherne c h a n - Spaten, steinerne Erntesicheln, gezähnte Sicheln aus Muschelschalen sowie rechteckige Stein- und Muschelmesser mit j eweils einem Loch stehen für das landwirtschaftlicne Geräteinventar. An Haustieren gab es Schwein, Hund, Katze, Rind, Ziege und Huhn (ibid.).

In größeren longshanzeitlichen Siedlungen, z.B. Wangchenggang, sind die Häuser entweder auf Stampflehmfundamenten errichtet oder halbunterirdisch angelegt. Kleinere Siedlungen entbehren dieser Differenzierung.

Die Longshan-Kultur Shandongs ging aus der Dawenkou-Kultur hervor, die zwischen ca. -4300 und ca. -2500 radiokarbondatiert ist (KGX: 81). Ihr werden drei bei Dadunzi entdeckte Tonmodelle von Häusern zugerechnet, die alle konische Dächer mit überhägenden Dachkanten besitzen. In den quadratischen Häusern befindet sich in der Vorderseite eine Tür und in den übrigen drei Wänden jeweils eine Fensteröffnung Eines der Häuser zeigt die Konturen eines Hundes. In Rundhaustyp sind weder Türen noch Fenster zu sehen - vielleicht ein unvollendetes Modell (s. XFX: 93; KGX: 82).

Bei Sanlihe im Jia-Distrikt wurde ein Hausfundament der Dawenkou-Kultur freigelegt, in dem eine 1.4 m tiefe Grube eingelassen war, die etwa 1 m3 Hirsekörner (Setaria italica) enthielt. Hierbei könnte es sich um ein Speicherhaus gehandelt haben (XFX: 93).

Schon für die Dawenkou-Kultur läßt sich aufgrund kunsthandwerklicher Erzeugnisse - z B. Jadespaten, Elfenbeinkamm, Elfenbeinröhre mit durchbrochener Handarbeit und knöcherne Röhre mit türkisfarbenen Intarsien - handwerkliches Spezialistentum annehmen. Die Existenz der Longshan-Kultur der Provinz Shandong wird von mehr als [Seite 165] 200 Fundstätten (ca. -2500 bis ca. -2000) dokumentiert. Neben der Chenqziyai-Siedlung, die bereits 1930-31 freigelegt worden ist, sind die Grabungsstätten von Yaoguanzhuang, Donghaiyu, Sanlihe und Chengzi als bedeutendste anzuführen (cf. XEX: 97-98; KGX: 433-36). Mit Ausnahme erstgenannter Siedlung fehlen Hinweise auf Befestigungsanlagen. Allerdings wurden die Siedlungen allesamt nicht vollständig ausgegraben.

In allen genannten Orten stieß man auf zumeist polierte steinerne Geräte, d.h. f u -Äxte, Dechseln, Meißel, halbmondförmige und rechteckige Messer (Erntemesser), Sicheln und c h a n - Spaten in weitgehend übereinstimmender Größe und Form (XFX: 102). Zudem wurden noch c h a n - Spaten aus Muschelschalen und Knochen, Muschelmesser und Messer aus gezähnten Muschelschalen entdeckt, eine bemerkenawerte Vielzahl landwirtschaftlioher Produktionsgeräte. Das gleiche gilt für die Geräte der Jagd und des Fischfangs, zwei Formen der Nahrungsaneignung, die offensiditlich noch von beträchtlicher Bedeutung waren (KGX: 434).

Die Häuser der Shandong-Longshan-Kultur konnten rund oder rechteckig, auf ebener Erde, erhöhten Stampflehmfundamenten oder halbunterirdisch angelegt sein. Jeweils in Innern befand sich eine Feuerstelle. Große Zahien an Vorratsgruben sind für die Siedlungen nachgewiesen, häufig mit ovalem oder rundem Grundriß sowie einer runden Erhöhung am Boden (KGX: 435).

Die zumeist schwarzen Tongefäße dieser Kultur zeigen als Besonderheit eine dünne Wandung (bis hin zu Eiersohalenqualität) und ein Ebenmaß, das, die Häufigkeit der Funde berückksichtigend, auf den allgemeinen Gebrauch der Töpferscheibe schließen läßt (Yan Wenming 1981: 47).

Mit dieser Aufzählung kultureller Charakteristika aus Siedlungen der Longshan-Kultur Henans und Shandongs, die keineswegs Vollstädigkeit für sich beanspruchen, sollte lediglich ein Blick auf ausgewählte materielle Aspekte bäuerlichen Lebens geboten werden, wie ihn der gegenwärtige Forschungsstand zu shangyinzeitlichen Dörfern leider nicht zuläßt. In jedem Fall aber läßt er erkennen, daß ihr materielles Inventar im wesentlichen den der spätneolithischen Vorläuferkulturen Henans und Shandongs entsprach.

 ANMERKUNGEN ZU VI:

(1) Als Beipiele seien hier Dasikongcun, Gaolouzhuang, Bijiazhuang und Sipanmo bei Yinxu genannt (SZKG: 64). Im Westareal von Yinxu, das zwischen 1969 end 1970 freigelegt wurde, stieß man auf z h o n g r e n - Gräber, deren Eigner Infanteristen, Handwerker und Bauern gewesen waren (s. Absatz 6).

(2) Die Vorstellung Chang Kwang-chihs, "the Shang state network consisted of hundreds of walled towns in hierarchical interrelationship" (1980: 240), ist weder archäologiscn noch epigraphiscch nachvollziehbar. Lediglich einige wenige Umwallungen aus der frühen und mittleren Shang-Zeit konnten bisher ausgegraben werden, nämlich bei Dongxiafeng im Xia-Distrikt der Provinz Shanxi (ibid.: 345, Anm. 52), Yanshi in Henan (KG 1984.10: 872-73),Zhengzhou / Henan (SZKG: 57-61) und Panlongcheng in der Provinz Hubei (KGX: 361). Keightley folgerte aus der vorliegenden Evidenz: "It would not be easy for 'hundreds' of rammed-earth town walls to leave no archaeological trace; thus the possibility exists that the Shang polity was mainly composed of unwalled 'residential hamlets' and that the political architecture of North China plain was closer in style to the Neolithic model, rather than to the Middle and Late Chou model" (1982: 553-54). Bei Xiaotun / Yinxu wurde lediglich ein Graben von ca. 750 m Länge, 7 - 21 m Breite und 5 - 10 m Tiefe festgestellt, der, so wird vermutet, einst der Verteidigung gedient hatte (KGX: 612).

(3) Bis heute liegen keine arcgäologischen Erkenntnisse zu shangzeitlichen Gütertransportfahrzeugen vor. Epigraphisch sind Hinweise auf von Menschenkraft gezogene Troßwagen bzw. -karren, sogenannte n i a n [*] vorhanden (Kolb 1991b: Absatz 11). Auch der Transport von Gütern auf Flußschiffen läßt sich belegen (ibid.). Soweit ersichtlich, wurden nur Kampf- bzw. Jagdwagen von Tieren, d.h. Pferden gezogen. Chang Kwang-chih entwarf folgendes Bild des Überlandtransports: "..... human caravans carrying ore, bags of grain, chunks of rock, clay, and other heavy or light loads must have been seen strewn along long stretches of roads linking the various settlements (1980: 240).

VII. Zusammenfassung.

Der Versuch, die Landwirtschaft Chinas fiir den Zeitraum von ca. -1200 bis ca. -1030 in rnöglichst vielen ihrer Aspekte zu rekonstruieren, war - neben der Interpretation archäologischer Fakten - im wesentlichen auf die Auswertung von Skapula- und Plastroneninschriften (SPI), Produkte pyromantischer Divinationen, angewiesen. Die Erkenntnisse aus diesen frühesten chinesischen Schriftquellen sind hinsichtlich ihrer landwirtschaftlichen Aussage allerdings auf die königliche Domäne beschränkt, ein Gebiet, das sich über Nord-Henan, von Shangqiu im Osten über Zhengzhou nach Yanshi in Westen erstreckte, im Süden die Qinyang-Region als bevorzugtes Jagdgebiet einschloß und im Norden bis Xintai, vermutlich sogar bis Haocheng (nahe Shijiazhuang) reichte. Für die von den Shang-Yin-Herrschern jenseits der Domäne beanspruchten Territorien, deren Verwaltung in Händen von Vasallen lag und die mithin nur indirekten Zugang zu den ökononischen Ressourcen gestatteten, liegen zwar vereinzelt archäologisohe Funde vor, aber ihre Bedeutung als Acherbaugebiete wird allein von Ernte-SPI überliefert. Die von ihnen angeführten Orte befanden sich zurn Teil in beträchtlicher Entfernung von der weltlichen Metropole bei Anyang, nämlich in Nord-Shaanxi, Nordwest- und Süd-Shanxi, Nord-Henan, Ost-Shandong und Nord-Anhui.

Archäologisohe und epigraphische Daten, vor allem die Erkenntnisse zu Flora und Fauna, deuten auf ein um 2 - 3 o wärmeres und zugleich feuchteres Klima als heute. Die pedologischen Gegebeheiten der Ackerbauregionen waren weithin von Walderden und in geringem Maße auch alluvial geprägt. Die große nordchinesische Ebene besaß zu jener Zeit noch eine Decke aus laubwechselnden Bäunen, in der, Inseln gleich, die landwirtschaftlidien Nutzflächen eingelassen waren. Die Instabilität des Verlaufs des Gelben Flusses (Huanghe) während Pleistozän und Holozän, Ursache fortwährender Überschwemmungen, hatte östlich des Taihang-Gebirges viele Feuchtgebiete, Tümpel und Seen entstehen lassen, die ein reiches Wasserdargebot darstellten.

Die SPI berichten von Gefahren, die den Shang-Yin-Königshof, aber auch der Bevölkerung, aus der Natur erwuchsen. Überschwemmungen, unerwünschte Niederschläge, Trockenheit, Sürme, Seuchen, Malaria und nicht zuletzt Wanderheuschreckenplagen zwangen den König, als höchsten Priester und Mittler zwischen [Seite 167] Diesseits und Jenseits, mit den j eweils angenommenen Verursachern des Unheils, Vertretern des Pantheons, auf dem Wege der Divination und ritueller Opfer zu kommunizieren, um sich deren Wohlwollen zu verschaffen.

Entgegen bisheriger Auffassung betrieben die Shang-Yin Wasserbau, jedoch nicht in einem Umfang, dessen organisatorische Probleme zum Ausgangspunkt der Entwicklung einer despotischen Herrschaft hätte werden können. Diese Feststellung trifft für das gesamte chinesisohe Altertum zu, also jene Zeit, in der die wichtigsten Elemente des politischen Herrschaftsmodells entstanden. Eine Reihe von Graphemen nimmt Bezug auf Felderirrigation, das Ziehen von Bewässerungsgräben, die Speicherung von Wasser in natürlichen und künstlich angelegten Reservoirs und schließlich die Eindeichung von Flüssen. Vertikale Wasserförderung im Dienst des Ackerhaus ist gegenwärtig nur an Brunnen nachzuweisen, aus denen Wasser mittels Winden nach oben gezogen und von dort, vermutlich in Eimern auf nahegelegene Felder verbracht wurde. Einige Indizien sprechen für die Praktizierung des Grubenfeldsystems, bei dem punktuell gepflanzt / gesät, gedüngt und bewässert wurde. Die Bewässerung mit Schöpfeimer und Schwingbalken (shaduf), die früheste und einfachste Form, Feldern Wasser zuzufiihren, wird für die chinesisehe Ökumene erstmals im "Tiandi"-Kapitel des "Zhuangzi" angeführt und ist damit für das 4. vorchristliche Jahrhundert bezeugt (Needham 1974: 332).

Die landwirtschaftlichen Arbeiten innerhalb der königlichen Domäne lagen in Händen sogenannter z h o n g r e n ("Masse der Menschen" einfache ländliche Bevölkerung), die verwandtschaftlich zu kooperativ auftretenden Patrilineagen gehörten. Sklavenarbeit in der Landwirtschaft läßt sich nicht belegen. Zahlreiche Divinationstexte zeigen die enge rituelle, zeremonielle und praktische Verbindung des Shang-Königs zu Ackerhau und Viehzucht, für die er gleichermaßen die wichtigsten Entscheidungen traf. Arbeiten, die nicht bestimmten Lineagen und deren Anfiihrern aufgetragen waren, wurden Mitgliedern der höffischen Verwaltung befohlen, die hierzu jederzeit z h o n g r e n ausheben konnten. Die Rede ist von "Kleinen Dienern" (x i a o c h e n ), den "Dienern des agrarischen Umlandes der Metrogole" (d i a n c h e n), "Flußinsel-Dienern" ( z h o u c h e n ), "Rinder-Dienern" (n i u c h e n ) sowie Rinder- und Schafhirten. Die fronpflichtigen Bauern wurden vermutlich von den "Kleinen z h o n g r e n - Dienern" zur Arheit geführt. Für den Bodenumbruch waren die "Kleien Ackerbau-Diener" (x i a o j i c h e n ) zuständig. Die agrarisehe Nutzung hügeligen Geländes [Seite 168] oblag den "Kleinen Hügel-Dienern" ( x i a o q i u c h e n ). Selbst für die Ernte gab es spezielle Beauftragte - überliefert sind "kleine Halmernte-Diener". Grasfutter für das Vieh in den Ställen hatten 'Rinder-Diener" und Hirten beizubringen.

Leider sind die Angaben zur königlichen Domänenverwaltung zu lückenhaft, um eine organisatorische Systematik zu erkennen.

Die Arbeit auf den Feldern erfolgte in einer Form der Zusammenarbeit, die später o u g e n g genannt wurde und bis heute Gegenstand kontroverser Deutungen ist. Ursprünglich kann damit sehr wohl eine paarweise bzw. paarweise-alternierende Zusammenarbeit gemeint gewesen sein. Die Berücksichtigung ethnographischer Fakten, praktischer Experimente sowie literarischer Belegstellen führte zum Ergebnis, daß sich o u g e n g weder auf eine bestimmte Teamstärke noch die Verwendung eines bestimmten landwirtschaftlichen Geräts festlegen läßt.

Zum Anbau gelangten Rispenhirse (Panicurn miliaceum), Kolbenhirse (Setaria italica), Weizen/Gerste sowie Naßreis. Über die Kuitivierung von Leguminosen liegen keine verläßlichen Fakten vor. An Faserpflanzen dominierte der Hanf. Hinzu kamen verschiedene Obst- und Gemüsearten, von denen Pfirsich, Aprikose, Kirsche, Pflaume, Essigpflaume, Kastanie, Bocksdorn und Maulbeeren entweder archäologison oder epigraphisch nachgewiesen sind. Ergänzend wurden domestizierte Nutzpflanzen des Neolithikums und des zhouzeitlichen "Shijing" angefiihrt.

Über die Bedeutung des Sammelns wilder eßbarer Pflanzen, Pilze, Wurzeln und Früchte waren den SPI keinerlei Informationen zu entnehmen.

Maueleerbäume kultivierte rnan für die Aufzucht von Seidenraupen. Die Herstellung seidener Gewebe geschah vermutlich in königlichen Manufakturen, die mit ihren Produkten den Königsnof und die ihrn ergebene Elite des Staates versorgten.

Die hohen Stückzanlen an Vieh, die anläßlich eines einzigen rituellen Opfers dargebracht werden konnten, bis zu 1000 Stückk sind dokumentiert, offenbaren eine fiir das historisohe China, außernalb traditionell nomadisch genutzter Gebiete, einmalige Größenordnung in der Viehhaltung. Die Shang-Götter und -Ahnen waren in erster Linie Carnivoren. Um ihre Geneigtneit zu erwirken, aber auch die Rechtmäßigkeit der Herrschaft und Macht des Königs den Untertanen vor Augen zu fiihren, wurden diese Opfer durchgeführt.

Von den Erfahrungen in der Aufzucht und Haltung von Vieh zeugt eine Vielzahl [Seite 169] termini technici, die auf Entwicklungsgang, Morphologie und Verhaltenswei sen eingehen.

Als wichtigste und wertvollste Fleischtiere treten sowohl archäoologisch als auch epigraphisch Rinder in Erchieinung. Sodann sind Schweine, ebenfalls in Ställen und Gehegen gehalten, anzuführen. An beiden Tiergattungen wurde die Verschneidung praktiziert. Da auch Schafe in Stallungen gehalten wurden, spricht wenig fur Transhumanz, d.h. die Vorstellung, Hirten hätten jahreszeitlich bedingte Wanderungen mit ihren Herden unternommen. Überdies wissen wir von der großenBeachtung, die die Beschaffung von Heu, vermutlich zwecks Winterfütterung, in den Divinationen fand.

Bewaffnete Hirten des Königs führten die Rinder- und Schafherden auf die Weiden und schützten sie dort.

Von eher geringer Bedeutung muß die Ziegenhaltung gewesen sein. Die Ziege ist epigraphisch nicht belegt und archäologisch mit weniger als 10 Exemplaren vertreten.

Die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund ist sowohl der Komposition einiger Grapheme als auch aufschlußreichen Begleitbestattungen zu entnehmen. Hunde dienten als Begleiter auf der Jagd, auf dem Weidegang und bei militärischen Unternehmungen sowie als Wächter über Haus und Hof und das Ackergerät auf dem Feld. Der Verzehr von Hundefleisch wird epigraphisch angedeutet.

Pferde sind nahezu ausschließlich als Begleitbestattungen in Großgräbern, diesen zugeordneten Gräbern sowie Streitwagengräbern zu finden. Ihre weltlichen Aufgaben beschränken sich auf das Ziehen von Streit- bzw. Jagdwagen. Damit standen sie ausnahrnslos im Dienst der Aristokratie, der auch ihre Au zucht oblag. Termini von Fellfarben, sonstigen morphologischen Eigenschaften, Bewegungsweisen und Stallungen nebst Aufzucht lassen den Schluß zu, daß Pferde nicht nur auf dem Tributweg an den Königshof gelangten.

Offen bleibt, ob m i l u -Hirsche (Davidshirsche) domestiziert wurden.

An Geflügel ist allein das Huhn epigraphisch bestimmt. Für Ente und Gans fehlt überdies das osteologisdie Material. Allerdings sprechen Tonplastiken und Bronzegefäße dafür, daß sie bereits domestiziert waren.

Auch wenn hinsichtlich der graphischen Repräsentation der Seidenraupe in den SPI keine einhellige Meinung herrscht, an ihrer Aufzucht besteht kein Zweifel. Für sie sprechen zunächst die Funde und Hinweise auf Seidengewebe, obgleich die Qualität des Fadens noch nicht optimale Eigenschaften erreicht hatte. Außerdem gibt es ein Graphem, das einen Maulbeerhaun mit Körben zwischen den Zweigen zeigt, die als Behälter für gepflückte Blätter, die Nahrung [Seite 170] der Seidenraupen, dienten.

Schließlich ist noch der Elefant zu erwähnen, der ebenfalls domestiziert worden war. Im wärmeren und feuchteren Klima der Shang-Zeit fanden Elefantenherden auch in Anyang-Gebiet ein artgerechtes Habitat vor.

Die Viehställe und -gehege lieferten Stallmist und Exkremente fiir die Düngung der königlichen Domänenfelder. Man darf darf davan ausgehen, daß nicht nur der Mist von Schweinen, wie sich anhand von drei SPI belegen läßt, auf die Felder verbracht wurde. Wichtigstes Düngemittel scheinen menschliche Fäkalien gewesen zu sein. Ein VO-Syntagma, die Darstellung eines Menschen, der seinen Dickdarm entleert, gefolgt vom "Feld"-Graphem, gibt diese Form der Düngung zu erkennen. Bestimmte Tage waren für sie vorgesehen. Regnete es, wurde vom Düngen abgesehen. Bei Rodungsarbeiten stellte man vorab fest, ob für die erschlossene Fläche genügend Fäkaliendünger vorhanden sei. Die königliche Anordnung zum Dügen konnte auch an Vasallen ergehen. In Anbetracht unzureichender Transporinittel - es existieren keinerlei Hinweise auf Karrengespanne mit Zugtieren - verbrachte man den Dünger vermutlich nur in einen bestimmten Umkreis von Dörf ern und Städten.

Gründüngung war erst in der nachfolgenden Westlichen-Zhou-Zeit bekannt.

Die landwirtschaftlicnen Geräte der Shang-Yin befanden sich in wesentlichen auf neolithischem Niveau, d.h. für ihre Herstellung verwendete man Holz, Stein und Muschelschalen. Bronzenes Gerät wurde in so geringer Zahl entdeckt, daß an seiner praktiscnen Bedeutung gezweifelt werden darf. Sehr wahrscheinlich diente es rituellen bzw. zeremoniellen Belangen.

Für Rodungsarbeiten standen steinerne Äxte und Dechseln zur Verfügung, mit denen sich, so jedenfalls Erkenntnisse der experimenteilen Archäologie, ein in allgemeinen durchaus zufriedensteilendes Ergebnis erzielen läßt.

Als Werkzeuge für den Umbruch und das Lockern des Bodens dienten Grabstock, Gabelspaten ( l e i ) und SSpaten ( s i , c h a ), beide Gerätetypen mit und ohne Stelztritt, sowie Schaufeln ( x i a n ) und Hacken ( j u e ).

Die Analyse der versehiedenen Argumente seitens der Befürworter shangzeitlicher Pfluggespanne ergaben, daß für die Shang-Yin-Zeit allenfalls das Vorkommen von Tretpflügen bzw. Furchenstöcken in Betracht gezogen werden kann.

Gejätet wurde mit Spaten ( j i a n ) und Hacke ( c h u ). Zahlreiche "Jät"- Termini und -Divinationen dokumentiern die Sorge des Königs, die Kulturpflanzen auf seinen Feldern könnten durch Unkraut in ihrem Wachstum beein- [Seite 171] trächtigt werden.

Die Aussaat erfolgte mit der Hand. Die Unterhaltung gartenbaulich bearbeiteter Grubenfelder, d.h. das vereinzelte Pflanzen / Säen ist überliefert. Zudem sind Hinweise auf das Pflanzen / Verpflanzen von Setzlingen bzw. Jungpflanzen sowie das Aufschütten von Saatbeeten vorhanden.

Für die Erstellung eines Pflanz- und Aussaatkalenders waren die Zeitangaben in den SPI nicht ausreichend. Rispenhirse ist mit dem 1., 2., 3., 4., 12. und 13. Monat eines Jahres und Naßreis mit dem 2. und 3. Monat ausgewiesen.

Unter den landwirtschaftlichen Themen in den Divinationsinschriften dominiert die Ernte. Reiche Ernten waren mit dem Machtanspruch des Königs verknüpft. Auch in diesem Fall hatte er für die Geneigtheit des Pantheons zu sorgen. Entsprechende rituelle Bitten finden sich vorwiegend an den Berggott Yue und den Flußgott He gerichtet. Diesen Göttern schrieb man auch das Vermögen zu, mit emem Fluch Mißernten herbeiruführen. Im Falle übernatürlicher Schadenseinwirkung wurde zum Mittel des Exorzisms gegriffen.

Die Ernte selbst erfolgte in zwei Arheitsgängen. Zunächst schnitt man die Ähren mit Sicheln oder Messern von den Halmen, wodurch sich die Ausfallquote der Körrner verringern und obendrein Platz bei der Zwischenlagerung bis zum Drusch einsparen ließ. Sodann trennte man die Halme knapp über dem Boden ab. Sie fanden Verwendung als Viehfutter, Streumaterial in Ställen, Abdeckmaterial beim Hausbau und bei Speichergruben und als Lagerstatt.

Als Dreschgeräte dienten Sparren aus Holz sowie Mrser und Stößel. Anstelle von Mörsern konnten auch Erdgruben Verwendung finden. Vermutlich praktizierte man auch das Austreten der Körner durch Mensch und Tier.

Das Worfein, Trennung von Spreu und Korn, wurde mit geflochtenen Wannen ausgeführt.

Die Vorratshaltung erfolgte in Grubenspeichern und oberirdischen Speicherbauten. Erstere befanden sich sowohl in Innern von Wohnhäusern als auch im Freien und erreichten beachtliche Kapazitäten. Vor der Beschickung wurde das Getreide unter der Sonne oder durch Feuerhitze getrocknet. Seit dem mittleren Neolitnikum war das Ausbrennen der Gruben zwecks Entziehung von Feuchtigkeit und Vernichtung von Schäddlingen bekannt.

Die oberirdischen Speicher lassen zwei Typen unterscheiden. L i n könnte auf eine Konstruktion aus Dach und Säulen ohne Seitenwände weisen. Die Inspektion von l i n fand vom 9. bis zum 12. Monat, d.h. in der Zeit nach der Ernte, statt. Vielleicht stellten sie Zwischenlager für ungedroschenes Getreide dar. Besondere Beachtung schenkte der König seinen südlichen [Seite 172] l i n. Die Komposition des C a n g - Graphems zeigt ein Dach, einen Türflügel und einen Vorratsbehälter mithin ein Speicherhaus. Aus einer singulären Bronzeinschrift der Ära des letzten Shang-Yin-Königs ist zu ersehen, daß die Vermessung von Speichern auf königlichen Befehl erfolgte.

In Gegensatz zu den städtischen Siedlungen und den unmittelbar in ihrer Umgebung gelegenen Dörfern, besitzen wir für die von Städten unabhängig wirtschaftende bäuerliche Bevölkerung unseres Berichtszeitraumes nur späirliche archäologische Informationen. Die in Jiacun bei Xingtai im Süden der Provinz Hebei entdeckte spätshangzeitliche Grube gibt mit ihrer Anlage und Größe Anlaß zu der Vermutung, daß die Technik unterirdischer Speicherung, so wie sie für die Metropole Yinxu substantiiert ist, auch in der "Provinz" bekannt war.

Innerhalb und außerhalb der Shang-Yin-Domäne wurde Fischfang betrieben. Das Fischen mit Netzen ist durch entsprechende Gewichte und das mit Leine durch Angelhakenfunde bewiesen. Beide Methoden sind überdies epigraphisch bestätigt. Im ürigen unterstellten wir der Shang-Yin-Bevölkerung die Kenntnis bereits in Neolithikum üblicher Fangtechniken: Schießen mit Pfeilbogen, Stechen mit Lanzen, Harpunieren und Auslegen fixierter Fanggeräte.

Von den wenigen bisher bestimmten shangzeitlichen Speisefischen verweist allein der Großkopf auf die Mölichkeit des Küstenfischfangs. In Anyang entdeckte Walknochen werden als Indiz für eine ehemalsls bequemere Verbindung zur Küste interpretiert. Die Zahl der bekannten Speisefische wurde durch die in zhouzeitlichen "Buch der Lieder" zitierten ergänzt.

In ihren Gemüsepflanzungen unterhielten die Shang-Könige Teiche, die befischt wurden.

Im Rahmen der königlichen Domänenwirtschaft scheint der Fischfang allerdings eine eher unbedeutende Rolle gespielt zu haben.

Über das dörfliche Leben, jenseits des agrarischen Umlandes der Stadte, ist wenig bekannt. Die bisherigen Siedlungsgrabungen waren in keinem einzigen Fall erfolgreich genug, die Ordnung eines spätshangzeitlichen Dorfes herauszuarbeiten. Von besonderer Bedeutung ist nach wie vor das bei Zhujiaqiao im Pingyin-Distrikt / Shandong entdeckte Dorf, das zwar außerhalb des Territoriums des Shang-Yin-Staates gelegen war, aber enge Verwandtschaft mit dem Kulturinventar der Metropole Yinxu besitzt. Hausfundamente und Anordung der Pfostenlöcher lassen vier Haustypen unterscheiden, die durchaus in neo- [Seite 173] lithischer Tradition stehen. Das im Grabungsareal geborgene Geräteinventar gibt eine spätneolithische Technik der Nahrungsaneignung wieder, die auch von den übrigen spätshangzeitlichenDorfrelikten bestätigt wird.

Um die lückenhaften Informationen zu diesen Aspekt unseres Berichtszeitraumes zu vervollständigen, schien es uns angebracht, Daten aus Siedlunqen der Longshan-Kulturen Henans und Shandongs, die in genetischer Beziehung zur Shang-Kultur stehen, zu berücksichtigen.

Angesichts der regen Aktivitäten der chinesisehen Archäologie bestehen zu Recht Hoffnungen auf künftig ertragreichere Funde von Zeugnissen der Little Tradition der Shang-Yin-Kultur, abseits der städtischen Zentren. Zu hoffen ist ferner, daß die Erforschung von Flora, Fauna und Böden in und um shangzeitliche Siedlungsareale vorangetrieben wird, um zu besseren und zuverlässigeren Einsichten in die jeweiligen lokalen ökologischen Systeme zu gelangen.


Autor: Raimund Kolb

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1997/98