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Erling von Mende, Wirtschaft im Alten China.

VORBEMERKUNG DES HERAUSGEBERS: Der nachfolgend publizierte Aufsatz ist in einer umfänglicheren, mit mehr Quellenbeispielen und Abbildungen illustrierten Form und im Zusammenhang mit anderen empfehlenswerten Beiträgen zum Thema 'Altes China' (Naturraum.Vorgeschichte. Geschichte. Staat und Gesellschaft. Religion und Weltanschauung) erschienen in: Roger Goepper (Hg.), Das alte China. Geschichte und Kultur des Reiches der Mitte. Mit Beiträgen von Helmut Brinker, Klaus A. Dietsch, Jorinde Ebert, Klaus Flessel, Rainer Holzer, Dieter Kuhn, Erling von Mende, Norbert Pautner, Hans-Hermann Schmidt, Helwig Schmidt-Glintzer, Peter Thiele, Hartmit Walravens und Shun-chi Wu, C. Bertelsmann-Verlag, München 1988, S. 149 - 185. - Die WWW-Publikation an dieser Stelle erfolgt mit Zustimmung des Autors. Vom Herausgeber wurden aus Gründen der Internet-Darstellung kleinere Kürzungen oder sonstige Änderungen vorgenommen, auf die, soweit sinnvoll, eckige Klammern hinweisen. - Achtung. Der Abruf dieser Textdatei, aus dem Internet dauert wegen der Einbindung zahlreicher Graphik-Dateien in den Text bei normalen Übertragungsgeschwindigkeiten möglicherweise einige Minuten. Eine Vielzahl weiterer Graphik-Dateien ist aber über Querverweise ('links') zugänglich und verzögert somit den Abruf nicht..


ÜBERSICHT.

1. Geographischer Raum und klimatische Bedingungen.

2. Bevölkerungsentwicklung.

3. Soziale und staatliche Organisation und ihr Einfluß auf die Wirtschaft.

4. Verfügbarkeit und Landeigentum.

5. Geldwirtschaft.

6. Handel.

7. Steuersystem.

8. Urbanisation und Infrastruktur.

9. Technologien und Kenntnisse im landwirtschaftlichen Bereich.

10. China als Wirtschaftsraum. 


Hauptmerkmal der traditionellen chinesischen Wirtschaft ist vom Neolithikum bis zur Gegenwart das Primat der Landwirtschaft und darin vor allem des agrarischen Sektors. Nur sekundäre Bedeutung haben Handel, Handwerk und Industrie. Unterschiedlich sind jedoch die Bedingungen, unter denen das Wirtschaftsleben stattfand.

1. Geographischer Raum und klimatische Bedingungen.

Die neolithischen Kulturen im Tal des Weihe und am Mittellauf des Huanghe (Beispiel: Banpo bei Xi'an) in etnem gemäßigten Trockenklima kannten und kultivierten als wichtigste Nahrungspflanze die Hirse (Setaria italica). Die etwas älteren oder zeitgleichen Kulturen am Unterlauf des Yangzi (Beispiel: Hemudu bei Yuyao, Provinz Zhejiang) mit subtropischem Klima bauten Reis (Oryza sativa) an. Die südchinesischen Küstenkulturen (Beispiel:Dapenkeng auf Taiwan), die in vieler Hinsicht zum weiteren südasiatischen Raum gehören, zogen unter tropischen Bedingungen als Hauptnahrungspflanzen vor allem Knollenfrüchte. Weitere Unterschiede sind unter anderem Löß, alluviale Ebenen und Landverkehr im Norden, Gebirgslandschaften und Wasserverkehr im Süden.

Der archäologische Befund - zumindest fur die Kulturen in Nord- und Mittelchina - scheint darauf hinzudeuten daß es sich hierbei um Kulturen gehandelt hat, die unmittetbar Anteil an der Entwicklung der späteren und als solcher vertrauten chinesischen Kultur gehabt haben.

Historisch faßbar wird diese chinesische Kultur für uns auch in ihren wirtschaftlichen Aspekten zunächst nur im Norden, dem Zentrum der "Drei Dynastien" (sandai) Xia, Shang und Zhou. Deren Einfluß reichte jedoch auch in den Zeiten ihrer größten Macht im Süden kaum über den Yangzi hinaus, im Norden bis in die Provinz Liaoning, im Westen his an die Grenzen der Provinzen Gansu und Sichuan.

Erst seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, kurz dem Ende der Zhou-Zeit, setzte eine allmähliche Südexpansion ein. Diese führte in der Tang-Zeit zur kulturellen und wirtschaftlichen Einbeziehung der Südostküste in die chinesische Ökumene. In der Song-Zeit kam die Provinz Guangxi hinzu, unter den Mongolen die Provinz Yunnan, unter den Ming die Insel Taiwan und unter den Qing die Provinz Guizhou. Im Westen war die Integration der in der chinesischen Geschichte so wichtigen Provinz Sichuan ebenfalls erst mit der Song-Zeit abgeschlossen. Politische Macht wurde zum großen Teil über die genannten Gehiete schon früher ausgeübt oder behauptet. Im Norden und Nordwesten wurde die Grenze, die noch heute durch die Große Mauer definiert wird und die die chinesische Agrarwirtschaft von der zentralasiatischen Weidewirtschaft trennt, bereits in der Zhou-Zeit erreicht. Eine gewisse Ausnahme bilden lediglich die drei Ostprovinzen, die die Mandschurei ausmachen. In der Provinz Liaoning waren die kulturellen Übergänge seit Beginn der Kaiserzeit fließend., während Jilin und Heilongjiang seit dem 19. Jahrhundert eine intensive und erfolgreiche Besiedlung durch Chinesen erlebten. Alle anderen zu China gehörenden Gebiete sind erst durch die weltpolitische Situation beim Sturz der Qing-Dynastie 1912 Bestandteile des chinesischen Staates geworden. Bis dahin waren diese, nämlich die heutige Volksrepublik Mongolei und die automen Regionen Innere Mongolei, Ningxia, Xinjiang und Tibet, Interessensphären der verschiedenen dynastischen Reiche in China, in denen diese Reiche ihren Einfluß mit unterschiedlichem Erfolg und in unterschiedlicher Weise, oft aufgrund von Handelsinteressen, geltend zu machen versuchten, aber bis heute sind sie trotz vieler Versuche nicht Bestandteil des chinmesischen Wirtschaftssystems im engeren Sinne geworden.

Klimatisch wird die chinesische Landwirtschaft vor allem durch ihre Zugehörigkeit zum gemäßigten Trockengebiet und zu den Subtropen geprägt. Nur im äußersten Süden reicht China in die Tropen hinein, während es im Nordwesten die mongolische Trockenregion berührt.

Langfristige Klimaschwankungen haben offensichtlich für die Entwicklung der chinesischen Landwirtschaft keine erkennhare Rolle gespielt. Die Abweichungen vom heutigen Klima haben wahrscheinlich kaum mehr als zwei Grad im Jahresmittel betragen.

Wärmeperioden sind während der Shang-, Han- und Tang-Zeit, Kälteperioden während der frühen Zhou-, Liu-, Chao-, Süd-Song-Zeit und beim Übergang von der Ming- znr Qing-Dynastie anznnehmen. Dies bedeutet zum Beispiel, daß im Neolithikum die Wachstumsgrenze des Bambus etwa drei Grad nördlicher verlief als heute und noch in historischer Zeit während Wärmeperioden Bambus für Deichreparaturen am Huanghe benutzt wurde, wofür sonst Weidenzweige genommen werden mußten.

Anhaltspunkte für Klimaschwankungen während der Zhou-Zeit geben mehrere Lieder im "Buch der Lieder" (Shijing). Das Lied "Der siebente Monat", in dem die jahreszeitlichen Tätigkeiten genannt werden, spiegelt den Kälteeinbruch zu Beginn der Zhou-Zeit wider. Die darin gegebenen Hinweise auf das Wetter entsprechen aber den heutigen Bedingungen in Beijing, also etwa fiinf Grad nördlich des vermuteten Entstehungsortes dieses Liedes, der allerdings höher liegt als Beijing. Ein anderes Beispiel für die allmähliche Erwärmung seit der mittleren Zhou-Zeit ist die Erwähnung der Pflaume (Prunus mume; japanische Aprikose) im Lied "Zhongnan". In diesem Lied gehört sie zur Flora des Zhongnan-Berges unmittelbar südlich von Xi'an. Seit dem zehnten nachchristlichen Jahrhundert ist die Pflaume in Nordchina nicht mehr anzutreffen.

Ähnliche phänologische Daten enthalten die allgemeine historische Literatur und die umfangreiche landwirtschaftliche Literatur, beginnend mit den Schlußkapiteln des "Frühling und Herbst" des Lü Buwei (Lüshi chunqiu), auch wenn diese Daten nicht immer leicht zu deuten sind, da ihre zeitliche Zuordnung fraglich erscheint. Ein Beispiel aus dem zuletzt genannten Genre möge genügen: Nach dem Werk "Wichtige Fertigkeiten für das Volk" (Qimin yaoshu) mußte im frühen 6. Jahrhundert in Shandong der Stamm des Granatapfelbaums (punica granatum L.) von etwa Mitte November bis März mit Stroh umwickelt werden, um ihn vor dem Erfrieren zu schützen. Heute wächst er ohne solche Vorsichtsmaßnahmen in den Provinzen Henan und Shandong.

Angesichts des vorherrschenden Charakters der chinesischen Wirtschaft als Subsistenzwirtschaft sind wichtiger noch als die Langzeitschwankungen die kurzfristigen klimatischen Veränderungen, die vor allem vom Monsunklima abhängig sind und lokal oder in größeren Regionen auftauchen können. Hierbei zeigen sich einmal bestimmte Zyklen, in denen Dürren oder Überschwemmungen übereinstimmend oder gegenläufig in den beiden wichtigsten Regionen am Huanghe und Yangzi auftreten. Daneben finden wir aber auch im lokalen Bereich immer wieder solche Erscheinungen. In beiden Fällen kann es sich auch um außerklimatische, von Menschen verursachte Vorgänge handeln; unabhängig vom Verursacher störten jedoch diese Katastrophen häufig das wirtschaftliche Gleichgewicht, ohne daß der traditionelle chinesische Staat oder die Gesellschaft in der Lage war, den daraus erwachsenden Folgen wirkungsvoll zu begegnen, da die organisatorischen Mittel und die Infrastruktur weder qualitativ noch quantitativ ausreichten.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß die extremen klimatischen Bedingungen unterschiedliche Anforderungen an den Menschen in beiden Hauptregionen Nord- und Mittel-/Südchina stellten. Abgesehen von den folgenreichen Überschwemmungen und Laufveränderungen des Huanghe waren die kritischen Situationen im Norden eher die Dürre-, im Süden die Überschwemmungsjahre, so daß im ersteren Falle die Bewässerung, im zweiten die Entwässerung im Vordergrund stand. Neben den unmittelbar wetterbedingten Katastrophen sind vor allem für das nördliche China bis zum Yangzi die immer wiederkehrenden, unter anderem durch Witterungsbedingungen hervorgerufenen Heuschreckenplagen zu nennen.

2. Bevölkerungsentwicklung.

Für China haben wir wir eine Bevölkerungsstatistik, die bis in das Jahr 2. n. Chr. zurückreicht. Noch ältere Angaben lassen sich nur punktuell machen beziehungsweise indirekt erschließen, zum Beispiel durch Heeresgrößen. Danach scheint die späte Zhou-Zeit eine Bevölkerungsexplosion

Das Flachrelief vom Türpfosten eines 107 n. Chr. datierten Grabes in Mishi, Provinz Shaanxi, zeigt einen Bauern, der einen von zwei Ochsen gezogenen Pflug führt. Aufschlußreich ist die Wiedergabe der Bauweise des Pfluges. Im Nacken der beiden Zugochsen, die an ihren Nasenringen durch einen Strick miteinander verbunden sind, liegt eine Stange als Querjoch, in dessen Mitte die Pflugstange, der Grindel, unter Verwendung eines u-förmigen Verbindungsstücks befestigt ist. Am hinteren Ende geht ein Holz, der sogenannte Sterz, als Griff nach oben, den der Bauer mit beiden Händen hält. Kurz davor sitzt ein weiteres vertikales Holz, der Rumpf, unter dem unten an einem Stiel die dreieckige Pflugschar abgebracht ist. Dieser bereits hochentwickelte Pflugtypus heißt in China "erniu taigang", "zwei Ochsen verbindender Querbalkenpflug". Xi'an, Shaangxi Provincial Museum.

 Tabellen.

erlebt zu haben, wobei jedoch die andere Art der Kriegführung gegenüber älteren Perioden zu berücksichtigen ist. Allerdings gelten auch für die eigentlichen Bevölkerungsstatistiken eine Reihe von Vorbehalten. Diese hängen nicht nur mit der gelegentlich nur unvollständigen Überlieferung zusammen, sondern mehr noch mit der üblichen Intention der Statistiken als Steuerlisten, so daß je nach der Form der Steuererhebung statt vollständiger Bevölkerungszahlen oft nur Zahlen für die Haushalte oder für die steuerpflichtigen Männer vorliegen. Daher müssen Familiendurchschnittsgrößen angesetzt werden, die zwar ein erhebliches Maß an Wahrscheinlichkeit besitzen, aber dennoch zusätzliche Unsicherheitsfaktoren darstellen. Nicht zuletzt spielt auch das politische Durchsetzungsvermögen der jeweiligen Zentralregierung eine Rolle, da die zentrifugalen Kräfte im traditionellen China keineswegs unterschätzt werden dürfen und immer wieder ganze Provinzen oder ganze Reichsteile sich dem Einfluß der Zentrale entzogen oder unter Fremdherrschaft gerieten. Dies ist oft mehr noch als Kriege, Seuchen oder Hungersnöte die Erklärungsmöglichkeit für sonst unverständliche Schwankungen bei der Größe der Bevölkerung. Starke Einbrüche erfolgten zum Beispiel nach dem Aufstand des An Lushan im 8. Jahrhundert, beim Übergang von der Song- zur Yuan-Dynastie im späten 15. Jahrhundert oder nach dem Taiping-Aufstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach den Zensusdaten betrug der Bevölkerungsrückgang in den genannten Fällen etwa 70, 50 und 30 Prozent. Solche Rückgänge lassen sich nicht nur auf statistische Unvollkommenheiten zurückfiihren.

Die Gefährdung der Bevölkerung durch Katastrophen sei mit einigen Zahlen aus Ost-Zhejiang belegt (siehe oben, Tabelle I). Zwar müßten einzelne Angaben überprüft werden, da sie möglicherweise generalisierenden Informationen entnommen sind und keine Gültigkeit für die genannte Region haben; ebenso dürften politische Erwägungen und subjektive Beobachtungskriterien eine große Rolle spielen. Doch zeigen diese Zahlen, wenn auch nicht absolut, zumindest in der Tendenz, daß selbst eine wirtschaftlich blühende, vom Klima eher begünstigte Region marginale Veränderungen der Umweltfaktoren nicht ohne weiteres verkraften konnte.

Der Holzschnitt der späten Quing-Zeit, der ein Wassserbauprojekt des Kulturheroen Yu zum Thema hat, stellt hydrotechnische Arbeiten dar, wie sie üblicherweise im historischen China, zum Beispiel am Huanghe, bei Normalwasserstand durchgeführt wurden. Arbeiter sind mit der Vertiefung einer Flußsohle beschäftigt, indem sie Ablagerungen vom Gewässergrund entfernen. Dadurch wurde dem jährlichen Hochwasser mehr Platz geboten und Vorsorge getroffen, daß der Strom nicht so leicht über seine Ufer trat. Die ausgeschaufelten Sedimente häufte man an den Ufern an, ergänzt um Erdreich, das mit Tragkörben aus dem Hinterland herbeigeschafft wurde. Eine Verdichtung mit Handrammen sorgte dafür, daß die Ufererhöhungen bei Hochwasser der Strömung besser widerstanden.
 

Vergleichszahlen für eine Provinz nördlich des Huangzi, nämlich Hubei, weisen eine ungleich größere Katastrophenhäufigkeit auf. Allerdings muß berücksichtigt werden, daß keineswegs jedesmal die ganzen Provinzen betroffen waren, vielmehr in der Regel nur einzelne Bezirke. Um nur die beiden wichtigsten Katastrophenarten herauszugreifen, so gab es in Zhejiang-Ost zwischen 960 und 1644, in einem Zeitraum von 685 Jahren, 222 Jahre, in denen entweder Überscliwemmungen oder Dürren auftraten. Dreiundvierzigmal wurde diese Region im selben Jahr von Überschwemmungen und Dürren betroffen. Besonders katastrophal scheinen die Jahre 1158-1168, 1358 bis 1368, 1441 - 1449, 1524 -1 529, 1587 - 1591 und 1638 bis 1644 gewesen zu sein, in denen unterschiedliche Einwirkungen zu Hunger und Epidemien eskalierten, die umfangreiche Hilfsmaßnahmen notwendig macten; lediglich für die Jahre1358 - 1363 ist darüber nichts bekannt. Die Hilfsmaßnahmen des Staates konnten in einem teilweise gewährten oder völligen Steuererlaß beziehungsweise in einer Stundung bestehen, flankierenden Maßnahmen, die nicht unmttelbar die Not linderten, jedoch ähnlich wie die Ausgabe von Saatgut oder die Vergabe von Krediten eher die wirtschaftliche Erholung einer Region beschleunigen helfen sollten. Zur unmittelbaren Linderung der größten Not diente ein differenziertes Speicher- und Verteilungssystem, welches zwar wirksam sein konnte, oft jedoch aus den unterschiedlichsten Gründen der Mißwirtschaft versagte. Erfolgreicher waren in der Regel die im jeweiligen Notfall durch die Behörden mit Hilfe der regionalen Elite und religiösen Einrichtungen organisierten Maßnahmen, die Nahrungsausgabe, Arbeitsbeschaffung, polizeiliche Vorkehrungen auf hygienischem Gebiet oder zur Vermeidung von Plünderungen, Krankenpflege, die Betreuung von Waisen und die Bestattung von Toten umfaßten.

Keineswegs immer ist erkennbar, inwieweit die in Tabelle I aufgeführten Hilfeleistungen mit in denselben Quellen genannten Katastrophen in Zusammenhang steben; es scheint jedoch, daß während der drei Dynastien Song, Yuan und Ming ein Rückgang staatlicher Hilfe in Katastrophenfällen zu beobachten ist (siehe oben, Tabelle II), nicht weil eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Bevölkerung oder eine Schwächung der Zentralmacht anzunehmen ist, sondern weil diese sozialen Leistungen in immer größerem Maße von der lokalen Elite wahrgenommen wurden und manche drohenden Katastrophen durch einen größeren und beweglicheren Markt aufgefangen werden konnten. In diesem besonderen Falle mögen auch ein eventueller Bevölkeningsriickgang während der Ming-Zeit und ein sinkendes Interesse an der Region Ost-Zhejiang eine Rolle gespielt haben.

Da die Auswirkungen der Naturkatastrophen auf die Bevölkerung im traditionellen China nur schwer erfaßbar sind, sei eine Statistik der Verluste nach den absichtlich hervorgerufenen, besonders schweren Überschwemmungen des Huanghe von 1938 - 47 wiedergegeben, die, berücksichtigt man die leicht verbesserte Infrastruktur, auch repräsentativ für eine ähnliche Katastrophe früherer Jahrhunderte sein kann (siehe oben, Tabelle III). Die Untersuchung von Krankheiten und Epidemien in der chinesischen Geschichte und ihrer Bedeutung für die Bevölkerungsentwicklung steckt noch in den Anfängen. Endemische, regelmäßig auftretende Krankheiten werden anscheinend in den historischen Quellen kaum mitberücksichtigt. Dies erklärt möglicherweise auch die relativ niedrige Zahl der Epidemien in Tabelle I. Die Cholera zum Beispiel wurde in China erst seit 1820 registriert, und zwar sechsundvierzigmal bis 1934, darunter zehnmal über fast ganz China verbreitet. Ähnliches gilt für Typhus, Ruhr und andere vor allem durch Schmutz und Schmierinfekte übertragene Krankheiten. Bei den in den historischen Quellen genannten Fällen ist es jedoch nicht klar, ob es sich jedesmal um Formen der Pest im engeren Sinne gehandelt hat: möglicherweise war es in manchen Fällen nur ein verstärktes Auftreten endemischer Krankheiten, gefördert durch die von Hunger bedingte Schwäche. Lassen sich einige Epidemien während der Tang-Zeit mit gewisser Wahrscheinlichkeit aufgrund bestimmter Kontakte und Wanderungsbewegungen der Pest als solche identifizieren - das gleiche gilt für die Beulen- und Lungenpest am Anfang des 20. Jahrhunderts in der Mandschurei - so erweist sich die Identifizierung der Epidemien in den Jahren 1587 - 1589 und 1639 - 1644, obgleich sie recht gut untersucht worden sind, als schwierig. Hierbei kann es sich um Pest gehandelt haben; möglich sind auch - und wahrscheinilicher - epidemische Meningitis im ersten Falle und Kinderlähmung im zweiten. Die Untersuchung dieser beiden Epidemien macht deutlich, welchen negativen Einfluß sie auf die Bevölkerungsentwicklung gehabt haben. Ohne daß man die einzelnen Gründe für Bevölkerungsverluste gewichten könnte, sprechen Augenzeugenberichte aus den betroffenen Gebieten von einem Rückgang der Bevölkerung um 80 bis 90 Prozent. Wenn es sich dabei auch nicht um statistische Erhebungen, sondern um subjektive Eindrücke handelt, so wird doch ersichtlich, daß diese Epidemien, gepaart mit anderen Naturkatastrophen, zu einem spürbaren Bevölkerungsrückgang geführt haben. Ähnlich dürfte die Situation im Kriegsfalle gewesen sein, wenn es auch unmöglich erscheint, diese Verluste, sei es durch Tod oder Flucht, zu quantifizieren. Die Invasionen wid Eroberungen nichtchinesischer Völker in Nordchina seit dem frühen 4. Jahrhundert und wiederum - und noch erfolgreicher - vom 10. bis zum 11. Jahrhundert führten nicht nur zu unmittelbaren Verlusten, sondern auch zu großen Wanderungs- beziehungsweise Fluchtbewegungen nach Süden.

[Anläßlich der Überschwemmung der Präfektur Yanzhou im Jahre 1742 fertigte ein unbekannter Beamter eine Serie von 16 Bildern an, von denen 4 oben wiedergegeben sind. Das Bild oben links zeigt die überschwemmte Präfektur-Hauptstadt: Teile der Stadtmauer sind eingestürzt, die Straßen stehen unter Wasser, und viele Gebäude sind in den Fluten versunken. Das Bild oben rechts zeigt die auf Veranlassung der Behörden stattfindende Bergung von Flutopfern. Bild links unten zeigt die von der Präfekturverwaltung organisierte Ausgabe von Reis und Baumaterial an die geschädigte Bevölkerung. Das Bild unten rechts gibt die Wiederaufbaumaßnahmen für die Wohnungen der Flußanwohner wieder. Meist verfügte die Obrigkeit in solchen Fällen die kostenlose Abgabe des Saatguts für die Neubestellung der Felder sowie einen zeitlich befristeten Steuererlaß. Sie hatte sich ferner mit den Bittgesuchen der Geschädigten zu befassen. Weitere Blätter der Serie zeigen den Informationsbesuch des Provinzialgouverneurs, die Instandsetzung der Stadtmauer und der Brücke über den Xi'an-Fluß. Die Präfekturbürokratie hatte über ihre Maßnahmen einen Abschlußbericht zu erstellen, der nach Beijing wietergeleitet werden konnte.]

Die Bevölkerungsverluste infolge des An-Lushan-Aufstandes (755-763) lassen sich nicht mehr im einzelnen aufschlüsseln. Betroffen waren aber die Kernlande der Tang, die heutigen Provinzen Shaanxi, Shanxi und Henan und das wirtschaftlich wichtige Gebiet, das etwa der heutigen Provinz Hebei entspricht. Auch in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts kamen diese Gebiete nicht zur Ruhe, und die Kontrolle der Zentralregierung über einen großen Teil von ihnen wurde erst zu Beginn des 9. Jahrhunderts wiederhergestellt. Einigermaßen zuverlässige Zahlen über die Bevölkerungsentwicklung während des 8. Jahrhunderts vermitteln die Angaben über die hauptstädtischon Gebiete Chang'an und Luoyang und einige weitere diesen benachbarte Präfekturen aus der Kaiyuan-Ära (713 -741) und Yuanhe-Ära (806 - 820), da für diese Gebiete mangelnde politische Kontrolle und damit statistische Unsicherheiten nicht allzusehr ins Gewicht fallen dürften. Kleinere administrative Veränderungen können unberücksichtigt bleiben (siehe oben, Tabelle IV).

In Nordchina entsprach der Bevölkerungsverlust etwa dem Durchschnitt für Gesamtchina, in einigen Provinzen jedoch wurden nur noch zehn Prozent der früheren Haushalte registriert, südlich des Yangzi war das Bild mit wenigen Ausnahmen günstiger. In der Regel erreichten die Registrierungen in den meisten Provinzen fünfzig Prozent und mehr, kleinere Gebiete konnten sogar einen Zuwachs verzeichnen.

Beobachtungen dieser Art lassen sich immer wieder im Verlauf der chinesischen Geschichte machen, wenn auch selten über ein so großes Gebiet und in einem solchen Umfang. Bestätigung finden die Angaben aus der Tang-Zeit jedoch durch ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte Chinas. In den Mitte des 19. Jahrhunderts vom Taiping-Aufstand heimgesuchten Provinzen waren die Bevölkerungsverluste ähnlich groß wie im späten 8. Jahrhundert (siehe oben, Tabelle V).

Es scheint also mehrfach aufgrund äußerer Einwirkungen wie Naturkatastrophen und Kriegen beziehungsweise Bürgerkriegen starke Bevölkerungsschwankungen gegeben zu haben. Ein Versuch, dennoch die Bevölkerungsentwicklung im traditionellen China zu quantifizieren, könnte etwa folgendes Ergebnis bringen: Im ersten nach-christlichen Jahrtausend lag die Obergrenze der Bevölkerung bei etwa 6o Millionen, in der Song-Zeit wurde die 100-Millionen-Marke, unter den Ming die 150-Millionen-Marke erreicht. 1741 war die nach den Krisen des späten 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts reduzierte Bevölkerung wiederum auf fast 150 Millionen angestiegen. Zwischen 1760 und 1850 wurde sie von knapp 200 Millionen auf etwa 430 Millionen mehr als verdoppelt. Die Bevölkerungsstatistiken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehen wieder von einer Bevölkerung von weniger als 500 Millionen aus. Hierzu haben nicht nur der Taiping-Aufstand, sondern auch die zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen in anderen Provinzen Chinas beigetragen.

3. Soziale und staatliche Organisation und ihr Einfluß auf die Wirtschaft.

Das traditionelle chinesische Wirtschaftsleben fand innerhalb des Rahmens eines sich wandelnden sozialen Systems und von zumindest in Teilaspekten immer wieder veränderten staatlichen Organisationsformen statt.

Das soziale System ist in der Sinologie wieder und wieder neu diskutiert worden, zusätzlich belastet durch die ideologische Bedeutung der Frage, wieweit China die angenommene Klassenentwicklung der westlichen Welt ebenfalls durchlaufen habe. Dies hat zu einer kontroversen Suche nach der Sklavenhalter- und Feudalgesellschaft in der chinesischen Geschichte und einer frustrierenden Disskussion um Ansätze des Kapitalismus geführt.Sehr vereinfacht versuchte man, die Sklavenhaltergesellschaft in den ersten tausend Jahren (1500 - 500 v.Chr.) der schriftlich fixierten chinesischen Geschichte, die Feudalgesellschaft innerhalb eines Zeitraums von fast dreitausend Jahren (1000 v.Chr. bis 1800 n.Chr), die Ansätze einer kapitalistischen Gesellschaft, die nie zur Vollendung gelangte, in den vergangenen achthundert Jahren (seit dem 11./12. Jahrhundert) aufzuspüren. Wahrend die Diskussion über die beiden zuerst genannten Gesellschaftssysteme zur Zeit in ruhigeren Bahnen verläuft und aufgrund neuer archäologischer Befunde und Textanalysen einer nüchterneren Betrachtungsweise unterliegt, ist vor allem in China selbst die Kapitalismusdiskussion in den fünfziger Jahren und jetzt wieder seit Ende der siebziger Jahre zentrales Thema der chinesischen Wirtschaftshistoriographie.

Insgesamt kann man davon ausgehen, daß die Shang-Gesellschaft, deren sich entwickelnde Staatlichkeit durch die Herrschaft dynastischer Gruppen definiert werden kann, in Lineages organisiert war. Die Frage der Sklaverei muß auf Sklaven aus Nicht-Shang-Völkern reduziert werden, wobei jedoch Kriesgefangene eher zu Opferzwecken als zu Arbeitsleistungen benötigt wurden. Daß Sklaverei und unterschiedliche Formen der Zwangsarbeit notwendig gewesen seien, um den shang-zeitlichen Bergbau zu betreiben, läßt sich vorläufig nicht belegen. Gewiß trifft auch für Shang-China die Annahme zu, daß die Gewinnung von Bodenschätzen wie in anderen traditionellen Wirtschaftssystemen ein arbeitsintensives, unangenehmes und gefährliches Unterfangen war und daß daher eine staatliche Organisation, die auch Zwangsmaßnahmen durchsetzen konnte, und ein Potential rechtlich diskreditierter Arbeitskräfte benötigt wurden. Für die Shang-Zeit ist jedoch zu bedenken, daß der größte Teil des Kupfer- und Zinnbedarfs aus Minen gedeckt wurde, die nicht in ihrem eigentlichen Machtbereich lagen. Auch spätere Organisationsformen geben keinen Hinweis darauf, daß Zwangsarbeit die typische Arbeitsform im Bergbau gewesen sei. Im Rahmen des seit der Han-Zeit meist bestehenden staatlichen Bergbaumonopols, das den Abbau verschiedener Metalle, von Kohle und Salz (in Sichuan) umfaßte, wurden in vom Staat betriebenen Minen wohl auch Strafgefangene eingesetzt, in erster Linie wurde die Arbeit jedoch im Rahmen des Arbeitsdienstes der männlichen steuerpflichtigen Bvölkerung durchgeführt. Aber auch die Annahme, daß in Privatbetrieben Sklavenarbeit vorgekommen sei, ist kaum stichhaltig.Wahrscheinlicher und häufiger war die Rekrutierung landloser umherwandernder Leute.

 "Wenn früher die reichen und mächtigen Familien die Kontrolle über Bodenschätze oder Meeresprodukte [Salz] erlangten, förderten sie Erz und Kohle, verhütteten sie und machten eisernes Gerät daraus, und sie sotten Salz. Eine einzige Familie [konnte] mehr als tausend Leute um sich sammeln. Dies rekrutierten sie ausschleßlich aus der verbannten Bevölkerung, die sich weit von ihrer Heimat entfernt und ihre Gräber aufgegeben hatte und sich auf die großen Familien verlassen mußte."

Aus dem Yantielun ("Erörterungen über Salz und Eisen"), 81 v. Chr.)

.In der Song-Zeit lernen wir die Organisationsformen kennen. wie sie wahrscheinhch schon vorher, gewiß aber bis zum Ende des traditionellen China im Bergbau üblich waren: auf der einen Seite Großbetriebe mit Lohnarbeit, zum Beispiel in den Provinzen Hebei und Henan, auf der anderen bäuerliche Abeitsgenossenschaften etwa in Shandong, die sich nur saisonal für einige Tage oder Wochen bildeten, um in der landwirtschaftlich ruhigeren Zeit zusätzliche Einkünfte zu erwirtschaften. Gleichzeitig steht außer Frage, daß die Minenarbeiter bis auf eine dünne Schicht von Facharbeitern im traditionellen China mit Mißtrauen angesehen wurden und man auch von staatlicher Seite in ihnen einen potentiellen Unruheherd sah. Dieser Auffassung wurde allerdings von einigen wenigen Beamten entgegengetreten.

"Die einfachen Leute sorgen sich nur um materiellen Gewinn. Wenn eine Mine produktiv ist, kommen sie unaufgefordert dorthin, wenn die Mine erschöpft ist, gehen sie aus eigenem Antrieb wieder fort. [ ... ] Diejenigen, die behaupten, daß es schwierig sei, eine große Menge wieder zu zerstreuen, wenn man sie erst einmal gesammelt habe, sprechen aus Unkenntnis der Situation im Bergbau. [ ...] Die gegenwärtige Situation zeigt, daß dort, wo sich tausend Leute gesammelt haben, die Mine in der Lage ist, diese Zahl von Personen zu unterhalten. Wo sich einige hundert Leute gesammelt haben, reicht die Produktion aus, wiederum diese Zahl zu unterhalten. Niemand geht zu einem Ort, wo kein Gewinn zu machen ist."

Aus einer 1848 von Lin Zexu verfaßten Stellungnahme über die Minenarbeiter.

Zweifellos gehörte der Bergbau zu den unangenehmen Tätigkeiten innerhalb des traditionellen Wirtschaftssystems; denn abgesehen von den natürlichen Gefahren und der Schwere der Arbeit wurden gerade hier die technische Entwicklung und deren Anwendung im Bereich der Arbeitssicherung vernachlässigt. Dies gilt vor allem für Pumpen- und Ventilationsanlagen. Auch bedeutet der fehlende Nachweis von Sklavenarbeit im chinesischen Bergbau nicht, daß es nicht gerade in diesem Wirtschaftsbereich zu den unmenschlichsten Arbeitsbedingungen und Formen der Arbeitskräftebeschaffung gekommen wäre. Andererseits waren die Bergarbeiter kaum jemals die befürchtete Keimzelle für Aufstandsbewegungen, da ihre normale Organisation in kleineren Arbeitsverbänden und ihr meist gewinnbezogenes Lohnsystem sie weitgehend von anderen Bevölkerungsgruppen abgrenzten.

Wirtschaftsleistungen wurden in der Shang-Zeit innerhalb der Lineages von deren Angehörigen für diese erbracht. Die Landwirtschaft lag in Form von Dienstverpflichtungen in den Händen der großen Masse der Lineage-Angehörigen und wurde, wie zumindest einige shang-zeitliche Schrifteichen anzudeuten scheinen, kollektiv unter rhythmischem Singen durchgeführt. Dies ist in China ein bis heute gebräuchlicher Versuch, monotone Arbeit durch Gesang zu erleichtern. 'Texte' solcher 'Arbeitslieder' sind bereits aus der frühen Kaiserzeit bekannt.

Neben der Landwirtschaft oblagen der Masse auch Weide- und Jagdaufgaben. Diese beiden Bereiche sind insofern interessant, als sie im späteren chinesischen Wirtsschaftssystem keine nennenswerte Rolle mehr spielten. Während die shang-zeitliche Weidewirtsctiaft vor allen Dingen aus rituellen Grüden notwendig war - es sind umfangreiche Tieropfer nachweisbar -, besaß sie im kaiserlichen China nur mehr eine sehr untergeordnete Bedeutung, da dann der Massenbedarf an Tieren sich fast ausschließlich auf Pferde zu militärischen Zwecken beschränkte, die mit Ausnahme kurzer Perioden, in denen Randgebiete Nordchinas von Fremddynastien als Weiden genutzt wurden, von nichtchinesischen Völkern in Nordost- und Innerasien - meist gegen Zahlung von Textilien - erworben wurden. Bei den wichtigsten später gehaltenen Tieren - Hühnern, Schweinen und Rindern (als Zugtiere) - war Herdenhaltung nicht üblich.

 

[Tonmodell eines Schweinekobens mit grüner Glasur. Grabbeigabe aus der Han-Zeit. Paris, Musee Guimet.]

Die Jagd enthielt in der Frühzeit der chinesischen Geschichte wirtschaftliche, militärische und möglicherweise aristokratische Komponenten. In einer sich immer mehr agrarisch entwickelnden Gesellschaft ging im Laufe der Zeit die Bedeutung der Jagd zurück, und sie wurde im rein chinesischen Kontext als Störfaktor für die normalen jahreszeitlichen landwirtschaftlichen Aufgaben empfunden. In der frühkaiserzeitlichen Dichtung wird dann der Jagdpark, in vager geographischer Ausdehnung über ganz China beziehungsweise die gesamte bekannte Welt, einerseits zur ideologischen Metapher kaiserlicher Gewalt, gleichzeitig aber auch Metapher für kaiserliche und aristokratische Willkür.

"Chen Tang [traditionell als Gründer der Shang-Dynastie angesehen] liebte zwar die Jagd, aber das Volk wurde dadurch in seinen Bedürfnissen nicht benachteiligt [Herzog] Wenwang [von Zhou] hatte einen Jagdpark von hundert Quadtratmeilen, doch das Volk hielt ihn noch für zu klein[, weil ihm erlaubt wurde, dortige Erzeugnisse sich anzueignen]; der Park des [Herzogs] Xuanwang von Qi hatte nur vierzig Quadratmeilen, aber das Volk hielt ihn für zu groß [, weil es ihn nicht betreten durfte; der Unterschied lag darin, daß] Wenwang ihm die Erzeugnisse zukommen ließ, während Xuanwang sie ihm wegnahm.."

Aus "Poetischen Beschreibungen der vom Kaiser mit der Yülin-Garde veranstalteten Jagd" von Yang Xiong (53 v. Chr. bis 18. n. Chr.)

 

Die Jagd zu Pferde gehörte seit jeher zu den Lieblingsbeschäftigungen des chinesischen Adels. Der Ausritt einer Jagdgesellschaft ist das Thema einer Wandmalerei an der Ostwand der Zugangsrampe zum Grab des Kronprinzen Zhanghuai in Quian Xian, Provinz Shaanxi. Einige der Reiter halten vor sich im Sattel Jagdhunde, andere tragen Beizvögel auf dem Arm; bei zweien sitzen auf einem Kissen hinter dem Sattel ein Leopard und ein Gepard. Daß diese schnellen Tiere in der Tang-Zei t zur Jagd abgerichtet wurden, belegen auch andere Darstellungen.

In der Regel handelte es sich um große Treibjagden, bei denen auch das militärische Element weiterhin eine Rolle spielte. Als Mittel zur sportlichen und militärischen Ertüchtigung und als Bestandteil der eigenen Kultur war die Jagd in der späteren chinesischen Geschichte nur unter den mongolischen und tungusischen Fremddynastien von größerer Bedeutung. Die Jagdgebiete lagen aber mit wenigen Ausnahmen nicht mehr im eigentlichen China, sondem, wie im Falle der Qing-Dynastie, mit Ausnahme des Nanyuan bei Beijing in der Gegend von Chengde, Shenyang und im Xing'an-Gebirge. Die dennoch erhobene chinesische Kritik an den mandschurischen Jagden wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß an der Jagd des Jahres 1711 etwa 12000 Mann beteiligt waren und im Jahre 1741 rund 6000 Mann den Kaiser auf die Jagd im Gebiet von Chengde begleiteten; 10000 Pferde, 700 bis 800 Kamele, 2500 mongolische Treiber und 200 Troßwagen wurden dafür benötigt.

Ein weiterer sekundärer Wirtschaftszweig der Shang-Zeit und aller folgenden Perioden war der Fischfang, der jedoch in unterschiedlicher Weise als herrscherliches Regal betrachtet wurde oder frei war.

Bereits für die Shang-Zeit ist eine spezialisierte Bevölkerungsgruppe, die der Handwerker, archäologisch und epigraphisch nachweisbar. Möglicherweise lassen sich 32 Embleme auf Bronzgefäßen als Berufsbezeichnungen deuten. von denen einige, zum Beispiel die Bronzegießer und Steinmetzen, Jadeschneider und Wagner, einen relativ hohen sozialen Status hatten, wie sich aus dem archäologischen Befund ergibt: Ihre Häuser ruhten auf Terrepise-Fundamenten. Hiermit ist bereits in der frühesten historischen Epoche eine in der späteren traditionellen Gesellschaft ausdrücklich benannte Klasse nachweisbar, die in der konfuzianischen ständischen Giederung ihren Platz fand und stets eine rechtliche Sonderstellung einnahm. Auf der einen Seite fanden handwerkliche Geschicklichkeit und Erfindungsgabe immer wieder Anerkennung, so daß zum Beispiel in der Sui-Dyiiastie He Chou, der Sohn eines Jadeschneiders, aufgrund seiner technischen Fähigkeiten hohe militärische Ränge erhielt und umgekehrt Yuwen Kai, der der Aristokratie entstammte, keineswegs an Ansehen verlor, weil er vor allem an technischen Problemen interessiert war. Während der Ming-Dyiiastie stiegen die Baumeister Kuai Xiang und Xu Cao zum Vizeminister beziehungsweise Minister auf; Zhang Lian und sein Sohn Zhang Ran erwarben sich zu Beginn der Qing-Dynastie bleibenden Ruhm als Baumeister und Landschaftsarchitekten. Einer der letzten Ming-Kaiser hinwiederum, Zhu Youliao, war bekannt für seine Vorliebe für Holz und Lackarbeiten. Auch auf regionaler und lokaler Ebene konnten Handwerker durch Würdigung ihrer technischen Fertigkeiten in den Lokalmonographien zu bleibendem Ruhm gelangen. Auf der anderen Seite war dieser Stand aufgrund seines Spezialwissens und seiner Bedeutung für die Befriedigung der Bedürfnisse der jeweils herrschenden Schicht in seinen Rechten besonders gefährdet.

Weniger als andere Stände konnten sich die Handwerker den unterschiedlichen Formen der Dienstverpflichtung entziehen, wenn auch ihre anscheinend enge rechtliche Bindung an die Herrschaftsschicht sich bereits in der Chunqiu-Zeit zu lösen begann. Sie waren oft die ersten, die von Umsiedlungsmaßnahmen der Zentralregierung betroffen waren. Da in der chinesischen Subsistenzwirtschaft in erster Linie der Staat als Abnehmer handwerklicher quasiindustrieller Produkte in Frage kam und die wichtigsten Bereiche industrieller Fertigiing in der traditionellen Gesellschaft, wie Waffen, Münzen.,Textilien, Porzellan, aus strategischen, etatistischen oder fiskalischen Gründen fast immer als Regalien des Staates angesehen wurden, trat der Staat als wichtigster Unternehmer auf und schuf sich so besondere Zugriffsmöglichkeiten auf die Handwerker. Dies führte so weit, daß in der Yuan-Dynastie ständische Elemente in die chinesische Gesellschaft eingeflihrt wurden, um auf diese Weise das handwerkliche Arbeitskräftepotential für den Staat zu erhalten. Das ständische System wurde auch in der Ming-Dynastie beibehalten, jedoch verfiel es bereits während dieser Zeit mehr und mehr angesichts einer immer komplexeren Gesellschaft und der Einbeziehung Chinas in den Weltmarkt. Zwar kannte auch China etwa seit der Tang-Zeit ein Zunftsystem; dieses entwickelte jedoch nie eine solche Stärke, daß es einen handwerklichen ständischen Rechtsstandpunkt gegenüber dem bestehenden Herrschaftssysteim hätte durchsetzen können.

Obwohl im Shang-System bereits feudale Elemente anzunehmen sind, kann erst die West-Zhou-Zeit eigentlich als das feudale Zeitalter der chinesischen Geschichte angesehen werden. ln dieser Zeit sind die politischen Voraussetzungen dafur, die Delegierung begrenzter Souveränität durch den Herrscher, erfüllt. Aber schon in der darauffolgenden Chunqiu-Zeit, in der sich zunächst nur das Gewicht vom Lehnsherren auf die Vasallen verlagerte, machten sich in einzelnen Staaten antifeudale zentralistische Tendenzen bemerkbar. Im landwirtschaftlichen Bereich enthielten sie den Versuch. zur Stärkung der Einkünfte der Zentralregierung eine Naturalrente und private Nutzung des Landes durch die Bauern einzuführen und die Lehen in Pfründen umzuwaudeln. In diesem Zusammenhang scheint der südliche Chu-Staat eine besondere Rolle gespielt zu haben. Hier wurden bereits zu Beginn des 7. Jahrhunderts v. Chr. in neu eroberten Gebieten administrative Einheiten mit der heute noch gebräuchlichen Bezeichnung 'xian' geschaffen, deren Verwalter vom Herrscher selbst bestellt wurden und deren Ämter offensichtlich nicht immer erblich waren.

 "Als Wei Yan Marschall von Chu wurde, beauftragte ihn Zi Mu, das Steueraufkommen festzustellen und die militärischen Ressourcen festzuhalten. Am Tage Jiawu hatte Wei Yan Bodenqualität und Anbaufläche registriert, hatte er die Bodenschätze und den Waldbestand geschätzt, das gleiche für die Gewässer und Sümpfe getan, ebenso wie er die Höhen markiert und versalzte Böden gekennzeichnet hatte. Er hielt die Marken fest, die überschwemmt wurden. Dafür plante er Enrwässerungsbecken. Flächen von Ödland deichte er ein, legte zwischen den Deichen kleinere Felder, auf tiefliegendem Gelände Weiden, auf fruchtbarem Gelände Feldsysteme an. Danach berechnete er die Einkünfte und revidierte die Steuern. Er bestimmte die Abgabenleistungen an Kampfwagen und Pferden, die Dienstleistungen für Wagenbegleitmannschaften und Infanterie und die Zahl der Panzer und Schilde. Nachdem er seine Aufgabe vollendetr hatte, ernichtete er Zi Mu, und alles war anwendbar."

Aus dem Zuozhuan, Xiang gong 25. Jahr (548 v. Chr.)

Ähnliche Tendenzen zeigten sich jedoch auch in den Staaten Nordchinas, in Jin, Lu und Zheng. Weitere Endpunkte setzten zunächst der Staat Qi im Norden der Shandong-Halbinsel mit der Errichtung staatlicher Monopole und mit verschiedenen landwirtschafflichen Reformen, dann aber vor allen Dingen der Staat Qin im Westen mit seinem Zentrum in der heutigen Provinz Shaanxi seit der Mitte des 4. Jahrhunderts v.Chr. Hier kam es zu einer radikalen Reform des gesamten Gesellschaftssystems, zu der eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen beitrug. Das Land wurde administrativ in Bezirke (xian) gegliedert. Titel und aristokratische Privilegien wurden abgeschafft und durch einen militärischen Verdienstadel ersetzt. Ebenfalls nach militärischem Vorbild wurde die bäuerliche Bevölkerung in Familienverbände mit kollektiver Verantwortung zusammengefaßt. Sowohl politische als auch ökonomische Bedeutung hatte die Reform des Feldersystems, indem die alten Feldgrenzen, die sogenannten 'qianmo' - wahrscheinlich nur in einer Richtung - beseitigt wurden und so der statische feudale Landbesitz im Interesse der Zentralregierinig dynamisiert wurde. Hiermit parallel wurden eine extensive Landerschließungspolitik betrieben und die landwirtschaftliche Produktion durch zusätzliche Anreize, wie die Befreiung von der Arbeitsdienstverpflichtung unter bestimmten Bedingungen, gefördert. Andere flankierende Maßnahmen waren dieVereinheitlichung der Maße und Gewichte und eine alle Bereiche der Gesellschaft erfassende Kodifizierung von Gesetzen und Verordnungen .

 "Tuch hat eine Länge von acht Fuß [etwa 1,85 m] und eine Breite von zwei Fuß fünf Zoll [etwa 57 cm]. Wenn das Tuch von schlechter Qualität ist oder seine Länge und Breite nicht dem vorgeschriebenen Maß entspricht, darf es nicht zirkuliert werden. Elf Kupferlinge entsprechen dem Wert eines Tuches. Wenn Kupferlinge als Äqivalent für Gold oder Tuch ausgezahlt oder eingenommen werden, so geschieht das gemäß [dieser] Verordnung. Bei Kauf oder Verkauf muß jeder Gegenstand mit dem Preis versehen sein. Dies ist nicht notwendig bei Gegenständen, die einen geringeren Wert als einen Kupferling haben."

Verordnungen aus der Qin-Zeit.

Hieraus wird deutlich, daß wir eine andere Wirtschaftsstruktur als die der Shang- und frühen Zhou-Zeit vor uns haben. Das Feudalsytem hatte einem zentralistischen Hemchaftssystem mit relativ hochentwickelter Bürokratie Platz gemacht Damit einher gingen eine weitreichende private Verfügbarkeit über die Produktionsmittel und Produkte, eine immer stärkere Diversifizierung und gleichzeitig Interdependenz verschiedener Teile der Bevölkerung, die Entwicklung eines Geldmarktes, die Entstehung einer Kaufmannsschicht, eine Verbesserung der Infrastruktur und des Marktsystems sowie eine erste Blüte der chinesischen Stadt

4. Verfügbarkeit und Landeigentum.

Noch in der Chunqiu-Zeit kann man nicht von einer freien Verfügbarkeit über den Boden sprechen. Die wenigen Hinweise im Zuozhuan auf Landübertragungen zeigen, daß es sich hierbei um Tauschaktionen im weitesten Sinne zwischen den Repräsentanten der einzelnen Staaten gehandelt hat und diese im Rahmen eines fortbestehenden modifizierten Gemeineigentums stattfanden. Obwohl in der Theorie der Zhou-Herrscher Eigentümer des ganzen Landes war und diese Auffassung niemals ganz aus der chinesischen Eigentumsdiskussion verschwand, wurde diese Eigentumsvorstellung zunächst durch die Lehnsfiirsten praktisch unterlaufen. Für die bäuerliche Bevölkerung läßt sich eine Entwicklung feststellen von der Pacht über Nutzungsrechte, die ihr mit der allmählich seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. eingeführten direkten Besteuerung eingeräumt werden mußten, bis zu Besitzrechten, die sich in der Zhanguo-Zeit, unter anderem durch die umfangreichen Landreklamationen. herausbildeten. Die Besitzrechte beinhalteten auch die freie Verfügung über das Land. Ein Eigentumsbegriff entwickelte sich jedoch weder rechtlich noch terminologisch im europäischen Sinne. Dies gilt für das traditionelle China bis zu seinem Untergang.

Immer wieder versuchte der Staat, den unerwünschten Folgen der freien Verfügbarkeit, vor allem der Landkonzentration, zu steuern, und er war dazu kurzfristig auch oft in der Lage. Als wichtigste Mittel dienten hierbei staatlich festgelegte Obergrenzen für die Größe des Landbesitzes, denen durch Enteignungen auch noch im 13. Jahrhundert n. Chr. Nachdruck verliehen werden konnte, und verschiedene Landverteilungssyteme, in erster Linie das 'juntian' ('gleiche Felder') - System, das erst in der Tang-Zeit als nicht durchführbar endgültig aufgegeben wurde. Eher nur unterstützende Wirkung hatten staatliche Maßnahmen zur allgemeinen Förderung der bäuerlichenWirtschalt durch Steuervergünstigungen, Kreditvergabe, Verteilung von Saatgut sowie die Einführung neuer Saaten und Technologien.

Auch im privaten Bereich setzte sich allenfalls ein eingeschränkter Eigentumsbegriff durch, der kein Individualeigentum einschloß, sondern, wiederum auf einer unteren Ebene, Gemein- beziehungsweise Familieneigentum darunter verstand.

"Wenn man zusammenlebt und gemeinsam Wohlstand teilt, was wäre davon nicht eigener Besitz? Jedoch wird alles gemeinschaftlich von den Übergeordneten und Ältesten verwaltet. Untergeordnete und jüngere Familienmitglieder können es nicht willkürlich nutzen. [Tun sie es doch,] ist es gesetzlich nicht Raub, sondern Aneignung, das heißt, es ist im Einklang mit dem Gesetz, wenn Untergeordnete und jüngere Familienmitglieder den [gemeinsamen] Wohlstand nutzen. Aber sie können willkürlicher Nutzung angeklagt werden, wenn sie [vorher] nicht ihre Übergeordneten und Ältesten fragen."

Aus einem Kommentar zu den Gesetzen der Ming-Dynastie.

Ein weiteres Indiz für einen eingeschränkten Eigentumsbegriff liefern die Kaufverträge, die neben dem endgültigen Verkauf häufiger einen befristeten Verkauf (Nießbrauch) vorsehen, darüber hinaus den Verkauf der Feldoberflächen (Nutzung) oder des Feldgrundes, des besteuerten Besitzes, vorsehen. Ebenso war es üblich, daß Kaufverträge durch den Familienältesten autorisiert wurden oder daß zumindest im Vertrag bezeugt wurde, daß keine anderen Familienmitglieder irgendwelche Rechte an dem zu verkaufenden Land hätten.

Im Zusammenhang mit den Eigentumsvorstellungen stehen auch die Anbaumethoden und Feldertypen, die sich im Laufe der chinesischen Agrarentwicklung herausgebildet haben. Hier lassen sich verschiedene Unterscheidungsmerkmale feststellen. So gibt es Brandrodungsfelder und ständig genutzte Felder. Zwar gilt die erstgenannte Form als die primitivere und ursprünglichere, doch spricht manches dafür, daß in China diese beiden Formen eher regionale Besonderheiten kennzeichnen, nämlich die südchinesische beziehungsweise nordchinesische Feldnutzungsweise. Brandrodung scheint in China vor allem ein Merkmal der südlichen Yao-Kultur zu sein, während im Norden sowohl die geographischen und klimatischen Gegebenheiten als auch die historischen Traditionen bereits im Neolithikum einen permanenten Anbau wahrscheinlich erscheinen lassen. Insgesamt jedoch ist im Lauf der Geschichte die Brandrodung wegen Landknappheit, aber auch infolge verbesserter agarischer Kenntnisse und Technologien zugunsten ständig genutzter Felder aufgegeben worden. Heute ist sie daher nur mehr ein Charakteristikum einiger nationaler Minderheiten in Südchina; von Chinesen wurde sie in der jüngeren Vergangenheit lediglich in landwirtschaftlich marginalen Gebieten oder Grenzregionen eingesetzt, oft mit gravierenden ökologischen Folgen, so zum Beispiel am Oberlauf des Han-Flusses, wo während der Qing-Zeit durch extensiven Maisanbau die Berge entwaldet wurden.

Auf soziale Organisationsformen gehen Feldersysteme wie das 'jingtian'- ('Brunnenfeld'-) und 'juntian'- ('gleiche Felder'-) System zurück. Die Existenz des 'jingtian'-Systems ist zwar umstritten, doch ist es möglicherweise noch in den heutigen Feldstrukturen Nordchinas erkennbar und bietet zumindest eine plausible formale Beschreibung des Landsystems im chinesischen Feudalismus; auch das 'juntian'-System kann zur Erklärunf der regelmäßigen Feldstrukturen in Nordchina beitragen.

Besitzrechte werden ebenfalls in der chinesischen Terminologie unterschieden. So bildete sich im Laufe der Zeit der Unterschied zwischen Privat- (mintian) und Staatsland (gongtian) heraus. Daneben entstanden korporative Besitzformen, Stifungsland, dessen Erträge erzieherischen, sozialen oder religiösen Zwecken dienten. Das Staatsland erfüllte eine ganze Reihe von Funktionen und kam unter verschiedenen Bedingungen zustande, überwiegend durch staatliche Landgewinnungsmaßnahmen und durch Enteignung. Seine Bedeutung lag vor allem in der Versorgung des Militärs durch die sogenannten 'tuntian' ('Militärfelder'), die bis in die frühe Kaiserzeit zurückzuverfolgen sind und zu manchen Zeiten bis zu zehn Prozent der gesamten Anbaufläche ausmachen konnten. Die 'guantian' ('Amtsfelder') dienten zur Versorgung lokaler Amtsträger. Staatsland wurde in großem Umfangin der späten Kaiserzeit durch die darauf sitzenden Pächter, deren Besitzrechte durch langjährige Nutzungsrechte gestärkt wurden, privatisiert.

Der überwiegende Teil, mehr als 85 Prozent, der gesamten Abaufläche befand sich jedoch in privater Hand. Über die Besitzverhältnisse lassen sich freilich nur tentative Angaben machen, obwohl gerade die Beantwortung dieser Frage von großer sozialgeschichtlicher Bedeutung ist. Die Diskussionen über Umfang und Stellenwert von Pacht, Kleinbesitz, Großgrundbesitz oder Latifundien sind keineswegs abgeschlossen. Fraglos hat es immer wieder Tendenzen zur Konzentration von Landbeitz gegeben, da eineseits die wirtschaftliche Stellung eines Großteils der bäuerlichen Bevölkenuig so schwach war, daß auch nur kleinere negative Schwankungen bei den Ernteerträgen zunächst zur Verschuldung und dann zum Verlust des Landbesitzes führten, und es andererseits aus steuerlichen Gründen zu manchen Zeiten vorteilhaft sein konnte, sich mit dem Eigenbesitz an Land unter den Schutz von Mitgliedern der Herrschaftselite zu begeben.

Trotz des Vorkommens der verschiedensten Mischformen von Landbesitz läßt sich einmal mehr für die späte Kaiserzeit ein Nord-Süd-Gegensatz feststellen, indem der Norden eher kleinbäuerlich, der Süden von Großgrundbesitz geprägt war. Jedoch war der Großgrundbesitz im Süden in den seltensten Fällen ein zusammenhängender Besitz; überwiegend in viele Parzellen über ein größere. Gebiet verteilt, konnte er kaum analog zu einer Gutsherrschaft geführt werden. Auf der kleinbäuerlichen Ebene war gerade ausreichender oder zumindest Teileigenbesitz die Regel, wobei Defizite durch Pachtland oder durch außerlandwirtschaftliche Tätigkeiten ausgeglichen werden mußten. Insgesamt besaß der chinesische Staat trotz einer Reihe inhärenter negativer Erscheinungen, wie des unausgewogenen Steuersystems oder der oft vorhandenen Interessenkollision innerhalb der Herrschaftselite in ihrer Doppelrolle als Bürokraten und Großgrundbesitzer, in der Regel ein Interesse daran, die Uberlebensfähigkeit der bäuerlichen Gesellschaft zu gewährleisten.

Eine weitere Unterscheidung ist aufgrund der veichiedenen Anbaumethoden beziehungsweise angebauten Pflanzen in Naß- (tian) und Trockenfelder (di) möglich, wobei wiederurn die ersteren für den Süden, die letzteren für den Norden charakteristisch sind. Die Terrassenfelder (titian), die die heutige Landschaft Südchinas in starkem Maße prägen, sind in China relativ jungen Datums und wurden in größerem Umfang erst seit dem 12. Jahrhundert angelegt, als der Bevölkerungsdruck auf ein fast halbiertes Reichsgebiet zu immer umfangreicheren Landgewinnungsmaßnahmen zwang. Im Norden traten bereits sehr früh zwei Feldertypen auf, deren Bezeichnungen einen Hinweis auf ihre Anlage und Intention geben, einmal die 'outian' ('Grubenfelder'), die den Pflanzen besonderen Schutz gewähren sollten und gartenbauähnlich bearbeitet wurden, zum anderen die 'daitian' ('WechselfeIder'), auf denen von Jahr zu Jahr, um den Boden nicht zu erschöpfen, Ackerfurche und Ackerbeet ihren Platz tauschten. Im Süden entwickelten sich neben den eigentlichen Naßfeldern und Terrassenfeldern eine ganze Reihe von Feldformen, die die intensive Bodennutzung in diesem Teil Chinas, vor allem seit der Song-Zeit, bezeugen. Hierzu gehören in erster Linie die Polder ('wei-', 'hu-' oder 'yutian'), die in manchen Gebieten am Mittel- und Unterlauf des Yangzi, aber nicht nur dort, den größten Teil der Anbaufläche ausmachen. Ihre Größe schwankt zwischen 5 und 6000 Hektar. Sie wurden meist in Sumpfgebieten, am Uferrand von Flüssen und Seen angelegt und durch Deiche vor Überschwemmungen geschützt. Wegen der damit verbundenen Kosten geschah dies in der Regel durch die großen Familien oder durch den Staat selbst. Die Erträge waren wegen des fruchtbaren Bodens besonders hoch, und die Polder galten daher als wichtige Nahrungsmittelquelle, wenn die normalen Naßfelder unter Überscnwemmungen oder Dürren zu leiden hatten. In sehr viel kleinerem Maßstab entsprachen die sogenannten 'guitian' ('Kastenfelder') den Poldern. Ihren Namen verdanken sie den Wehren an jeder Seite, die ihnen aus der Vogelperspektive das Aussehen eines Kastens verliehen. Daneben gab es 'butian', kleine, meist in Stadtnähe angelegte Gemüsefelder, die durch Hecken begrenzt wurden und deren Bewässerung durch Brunnen oder Wassertransporte von Menschenhand erfolgte, sowie 'jia-' oder 'fengtian', auf floßartig zusammengebundenen Hölzern angelegte Plantagen für Wasserpflanzen.

Auch die Meerlandgewinnung wurde bereits in alter Zeit vorgenommen, dies waren die 'tutian' ('Sumpffelder'). Man bepflanzte die Ufer zunächst mit EngeIwurz (Angelica kiusiana), die die von der Flut angespülten Sedimente festhalten sollte, und danach mit Panicum crusgalli, das dem Boden das Salz entzog. Dann erst waren sie für normale Saaten brauchbar und gaben Erträge, die etwa denen der Normalfelder entsprachen. Diese Art der Landgewinnung wurde auch von der ärmeren Bevölkerung praktiziert, welche die so gewonnenen Felder als Eigenbesitz (yonye) zum Anbau von Hanf oder Maulbeerbäumen nutzte.

Ein nur temporärer Typ waren die 'shatian' ('Sandfelder') an den Flußufern im Yangzi- und Huai-Gebiet. Hierbei wurde der stark schwankende Wasserstand der Flüsse genutzt. Nur durch Schilfhecken geschützt wurden hier Klebhirse (Setaria italica glutinosa) zu Futterzwecken, Maulbeerbäume und Hanf gepflanzt. Bei Hochwasser oder einer Verlagerung des Flußbetts wurden diese Felder aufgegeben. Interessant ist dieser Feldtyp vor allem, weil er sich trotz gelegentlicher Versuche am ehesten einer Besteuerung entziehen konnte.

5. Geldwirtschaft.

Auch die Geldwirtschaft beginnt im eigentlichen Sinne erst in der späten Zhou-Zeit, im Verein mit einer immer weitergehenden Privatisierlmg des Wirtschaftsbereichs und einer immer größeren Differenzierung und Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft.

 Die für China typische runde Bronzemünze mit einem quadratischen Loch kam erst kurz vor der Gründung des Kaiserreiches auf. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. waren "Spatengeld" /bu) und "Messergeld" (dao) im Umlauf. In der Shang-Zeit dienten möglicherweise Kaurimuscheln als Gedlwährung. Gold und Silber waren zwar über lange Zeit Währungsreserven beziehungsweise Währungsstandard, wurden aber nur selten auch gemünzt in Umlauf gebracht.

Die frühe Geschichte des chinesischen Geldes ist umstritten. Überlegengen, die die Kaurimuschel als Geldwährung der Shang-Zeit ansehen, oder Annahmen, daß bereits in der Chunqiu-Zeit Metallgeld im Unilauf gewesen sei, sind nur schwer beweisbar. Aufgrund archäologischer Funde und literarischer Belege läßt sich eine nennenswerte Verbreitung erst mit dem Beginn der Zhanguo-Zeit im fünften vorchristlichen Jahrhundert annehmen. Dabei kann man zwei 'Währungsbereiche' unterscheiden:

'Spatengeld' (bu)vor allem in den heutigen Provinzen Shaanxi, Shanxi, Henan und Hebei, 'Messergeld' (dao) in den Provinzen Shandong und Hebei. Diese Bezeichnungen charakterisieren die Form des Geldes. Es war aus Bronze gegossen - Guß blieb die allgemeine Herstellungsart bis zum Ende der Kaiserzeit - und läßt sich in zwei Gewichtsklassen einteilen: das kleinere Gewicht von 12 bis 14 Gramm, das größere von 34 bis 37 Gramm. In der Regel trugen diese Münzen Ortsangaben, und mehrere Hortfunde deuten darauf hin, daß sie über ein recht großes Gebiet im Umlauf waren. Mit dem Beginn der Kaiserzeit geriet dieser Geldtyp außer Gebrauch; er wurde nur noch einmal, während der archaisierenden Reformen Wang Mangs 9 n.Chr., wiederbelebt Währungspolitisch ein Sondergebiet war der Staat Chu, in dem sogenanntes 'Goldkuchengeld' und bronzenes 'Ameisennasengeld' im Umlauf waren. Hierbei handelt es sich um einen der sehr seltenen Fälle der Einbeziehung von Gold in ein chinesisches Währungssystem. Zwar waren Gold und seit der Han-Zeit SilberWährungsreserven beziehungsweise war Silber während der gesamten Kaiserzeit Währungsstandard, doch gab es nur kurze Perioden während der Han-Dynastie und der nichtchinesischen Jin-Dynastie im 12. Jahrhundert, in denen Silber auch gemünzt in Umlauf gebracht wurde. Selbst die seit dem 16. Jahrhundert nach China fließenden ausländischen Silbermünzen, der spanische Carolus-Taler und später der mexikanische Dollar, wurden lediglich aufgrund ihres Metallwertes als Zahlungsmittel akzeptiert. Neben dem Geld im engeren Sinne nahmen auch einzelne Massengüter bereits in der Zhanguo-Zeit Währungscharakter an: Getreide, Hanftuch und Seidenballen. Innerhalb Chinas behaupteten sich diese 'Währungen' bis zur Mitte der Tang- Zeit gegenüber dem Geld, aber auch darüber hinaus dienten sie bei größeren Transaktionen mit der nichtchinesischenWelt als Zahlungsmittel, sowohl bei Geschenken und Tributleistimgen gegenüber den zentralasiatischen und nordasiatischen Völkern als auch im Handelsverkehr. Noch während der Ming-Dynastie wurde zur Deckung des Pferdebedarfs bei den Mongolen, Dschurdschen oder Koreanern mit Seide gezahlt. So berichtet eine koreanische Quelle vom Beginn des 15. Jahrhunderts, daß ein langer Lastzug aus China mit Seide als Kaufpreis für 10000 Pferde unterwegs sei.

Die für China typische runde Münze mit einem quadratischen Loch [siehe Eingangsbild] tritt ebenfalls bereits kurz vor Gründung des Kaiserreiches in der Provinz Henan auf, während die Form derAufreihung auf Schnüren noch älteren Datums ist und möglicherweise mit der Art und Weise zusammenhängt, in der bereits in der Shang-Zeit die Kaurimuscheln auf Schnüre gereiht dargebracht beziehungsweise verschenkt wurden. Zur Standardmünze wurde nach mehrerenVersuchen seit 118 v. Chr. die 'wushu'-Münze (5,56 Gramm), die sich trotz der Einfiihrung weiterer Währungseinheiten wegen ihrer Handlichkeit bis zur Tang-Zeit größter Beliebtheit erfreute. Mit dieser Münze bildete sich in der Han-Zeit auch die allgemeine Bezeichnung für Geld, 'qian', heraus. In der Tang-Zeit erhielt die 'qian'-Münze dann die Form und das Gewicht, welche sie bis zum Ende der Kaiserzeit behielt: eine Vier-Zeichen-Legende, die sie als offizielles Zahlungsmittel auswies, und ein Gewicht von 2,4 shu (4,176 Gramm). Theoretisch zu Schnüren mit tausend Münzen zusammengefaßt, wurden jedoch zu unterschiedlichen Zeiten geingere Mengen als volle Schnüre anerkannt. Zum Teil war dies eine Folge der Auffassung, daß auch Metallmünzen ihren Warencharakter nicht ganz verloren hatten und bei Geldtransaktionen jedesmal 'Gebühren' anfielen. Gleichzeitig bedeutete es, daß Quasiwechselkurse festgelegt wurden, die den Zahlungspflichtigen vor allem gegenüber dem Fiskus benachteiligten.

Auch China, das mit kurzen Unterbrechungen während der gesamten Kaiserzeit am staatlichen Münzregal festhielt, kannte das Problem der Münzverschlechterung und die daraus erwachsenden inflationären Tendenzen sowie das Mißtrauen gegenüber dem staatlichen Geldstandard, das dadurch verstärkt wurde, daß einerseits keine echte Währuungsreserven vorhanden waren, andererseits aber immer wieder versucht wurde, mit fiktiven Geldwerten zu operieren. Außerdem litt China häufig unter Metall-, vor allen Dingen Kupferknappheit, die trotz strengen Staatsmonopols, der Einfuhr aus Japan während der Ming- und Qing-Zeit und der Erschließung der ergiebigen Kupferminen in Yunnan seit dem friihen 18. Jahrhundert oft nicht behoben werden konnte, da Kupfer auch im täglicnen und religiösen Bereich eine große Rolle spielte und ebenso als Zahlungsmittel in dem sich seit der Song-Zeit immer stärker entwickelnden Außenhandel vom chinesischen Binnenmarkt abgezogen wurde.

In der Ming-Zeit setzte sich Silber als Berechnungsgrundlage für Steuerzahlungen durch. Diese führte ähnlich wie die arbiträre Festsetzung der Kupferschnüre zu einer übermäßigen Belastung der Steuerpflichtigen, die der offiziellen Festlegung der Relation von Silber und Kupfer ausgesetzt waren.

Bedeutsam für die Entwicklung des Geldes ist das Papiergeld. Ausgangspunkt dafür war das 'feiqian' ('Fliegendes Geld') der Tang-Zeit, das aufkam, als im Teehandel zwischen Südchina und der Hauptstadt Chang'an ein System von Kreditbriefen oder Wechseln geschaffen wurde. In der Song-Zeit wurden, zunächst in der Provinz Sichuan, Schuldscheine für deponierte Gelder als Zahlungsmittel bei Handelstransaktionen üblich. Im Jahre 1023 trat an die Stelle des bis dahin privaten ein staatliches Monopol, das in den ersten fünfzig Jahren seines Bestehens jährlich eine begrenzte Anzahl befristeter Schuldscheine (jiaozi) auslieferte. Die Deckung wurde in der Regel durch Gold oder Silber garantiert. Versuche, unter anderem Reis als Rechnungsgrundlage zu benutzen, schlugen fehl. Erst seit 1072 begann auch hiermit eine lnflationsspirale, die dazu führte, daß im Jahre 1107 das Zwanzigfache der eigentlich vorgesehenen Summe im Umlauf war; auch nach dem Versuch einer Währungsreform 1128 und der erneuten Beschränkung dieses Mediums auf Sichuan ließ sich die lnflationstendenz nicht aufhalten.

Ein weiteres scheckähnliches Medium waren die 'huizi' der Süd-Song-Zeit, die ursprünglich bis zu einer Höhe von zehn Millionen Schnüren ausgegeben werden sollten. 1232 waren jedoch 329 Millionen Schnüre in Form von 'huizi' im Umlauf, und nach 1247 bewirkte die Aufhebung der Befristung, daß die 'huizi' bis zum Ende der Song-Dynastie praktisch wertlos wurden.

Neben diesen geldähnlichen Ausgaben gab es auch Berechtigungsscheine für Monopolwaren wie Salz oder Tee, die wie Anteilscheine gehandelt wurden, als Sicherheit dienten und oft den Besitzer wechselten. Den Höhepunkt der Papiergeldentwicklung erlebte die Yuan-Zeit. Unter den Mongolen wurde in zwei Schritten 1262 und 1280 Papiergeld als allein gültige Währung eingeführt. Konvertibilität, eine vorsichtige Ausgabenpolitik und weitgehende Deckung verschafften diesem Geld über Jahrzehnte Popularität über die chinesischen Grenzen hinaus. Erst nach 1550 brach dieses Währungssystem zusammen, und eine galoppierende Inflation führte zurück zur Kupferwährung oder bis zum Naturaltausch. Danach wurden bis zur Neuzeit nur zaghafte Versuche unternommen, die Möglichkeiten von Papiergeld zu nutzen.

Ein drittes Element charakterisiert den traditionellen chinesischen Geldmarkt, die Entwicklung bankenähnlicher Institute. Pfandhäuser, die in der Tang-Zeit meist von Klöstern betrieben wurden, übernahmen schon bald Aufgaben als Depositenkassen. In der Qing-Zeit sind sie oft mit Handelsbanken vergleichbar, indem sie Kredite auf Warentermingeschäfte oder ähnliches gewährten. Ebenfalls bereits in der Tang-Zeit treten Finanzierungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit auf, und einen weiteren Ausgangspunkt für Bankaktivitäten bildeten seit der gleichen Zeit Depositenkassen sowie Gold- und Silberläden. Erst in der Qing-Zeit erschienen die Wechselbanken, die sogenannten Shanxi-Banken, da sie meist von Kaufleuten aus Shanxi geführt wurden.

Das Ausmaß, das der Geldmarkt im traditionellen China seit der Tang-Zeit annahm, und die Vielfalt seines Instrumentariums scheinen ein weiteres Indiz für die sozialen und wirischaftlichen Umwälzungen in diesem Zeitraum zu sein, ähnlich wie das erste Auftreten in der Zhanguo-Zeit in Verbindung mit anderen Erscheinungen einen qualitativen Sprung in der chinesischen Gesellschaft signalisiert. Auf der anderen Seite muß aber auch bedacht werden, daß neben der Geldwirtschaft die Naturalwirtschaft einen wichtigen Platz einnahm. Dies gilt nicht nur für den lokalen bäuerlichen Bereich, sondern bis in die Ming-Zeit hinein auch für die Steuereinnanmen des Staates, der dadurch, daß ein Teil der Steuern in Naturalien - Nahrungsgetreide und Seide - gezahlt wurde, bestimmten Versorgungsaufgaben leichter nachkommen konnte.

6. Handel.

Bei aller Eigenständigkeit der chinesischen Kultur steht außer Frage, daß auch sie in einem weiteren Beziehungssystem gesehen werden muß und daß selbst in der frühen Zeit, wenn nicht Handelskontakte bestanden, so doch ein Güteraustausch stattfand, der durch Raub,Tribut oder Geschenke zustande kam. Bereits in der Shang-Zeit kamen Metalle oder Kaurimuscheln von außerhalb, das gleiche ist von Jade beziehungsweise Nephrit anzunehmen, die wohl aus Zentralasien stammten. Diese Lieferungen scheinen am ehesten Tributcharakter gehabt zu haben.

Die bis heute gebräuchlichen Bezeichnungen für Kaufleute, 'shangren' oder 'guren', erscheinen erst in der Chunqiu-Zeit, doch bildeten sie damals noch keine eigene Kaufmannsschicht. Vielmehr waren sie eher Agenten für die Aristokratie, und zwar oft über eine rein kaufrnännische Tätigkeit hinaus als politische Gesandte. Diese Verbindung blieb bis zum Ende der Kaiserzeit erhalten, wenn auch umgekehrt die Gesandtschaftsrolle in den Vordergrund trat und die kaufmännischen Aktivitäten einer strengen Reglementierung unterworfen waren. Die Verbindung des Handels mit diplomatischenAufgaben deutet darauf hin, daß in dieser Zeit der Fernhandel im Vordergrund gestanden haben muß. Wenn dieser auch in erster Linie zwischen den Lehnsstaaten der Zhou abgewickelt wurde, so läßt doch ein Seidenfund aus Urartu in Ostanatolien, wahrscheinlich aus dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, zumindest auf mittelbare Fernhandelsbeziehungen schließen.

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Einmal mehr bedeutete die Zhanguo-Zeit, in der China prominentes Mitglied eines Fernhandelssystems ist, das außer ihm West-, Südasien und Sibirien (Pazyryk) umfaßt, einen Entwicklungssprung. Die Zhanguo-Zeit war in vieler Hinsicht die Hochzeit des privaten chinesischen Unternehmers. Auf der einen Seite hatten die Unternehmer ihre Abhängkeit von der Aristokratie abgeschüttelt, auf der anderen Seite waren sie noch nicht der staatlichen Kontrolle und ideologischen Diskreditierung unterworfen, die sie mehr oder weniger während der ganzen Kaiserzeit verfolgten und die nur durch die Kraft des Faktischen beziehungsweise durch ein enges Bündnis mit der Herrschaftselite wettgenacht werden konnten. Die harsche Beurteilung des Unternehmens setzte erst mit der Konfuzianisierung des chinesischen Kaiserreiches im ersten vorchristlichen Jahrhundert ein. Daher finden wir auch nirgends in der chinesischen historischen Literatur so unbefangene Darstellungen wie in den beiden frühesten 'annalistischen' Werken, dem 'Shiji' des Sima Qian und dem 'Hanshu' des Ban Gu.

Eingeleitet werden die Unternehmergestalten der Zhanguo-Zeit durch Fan Li, der zunächst als Minister des südlichen Yue-Staates Erfolg hatte, bevor er später als Unternehmer in Qi tätig wurde. Diese Verbindung ist noch typisch für die Übergangshase von der Chunqiu- zur Zhanguo-Zeit. Der reine Unternehmer erscheint in einer Gestalt wie der Bai Guis, dessen Biographie das 'Shiji' schildert.

"Bai Gui stammte aus Zhou [aus der Gegend von Luoyang]. Unter dem Fürsten Wen von Wei war Li Ke [Li Kui] [der Meinung, man müsse] die Kräfte des Bodens bis zum letzten ausschöpfen. Dagegen hatte Bai Gui Vergnügen daran, die saisonalen [und jährlichen] Veränderungen zu beobachten, und darum sagte er:<Was andere fortwerfen, nehme ich, was andere nehmen, gebe ich weiter> Und: <Wenn die Ernte reich ist, kaufe ich Getreide und gebe dafür Seiden und Lacke. Wenn Kokons [auf den Markt] geworfen werden, dann kaufe ich Rohseide und gebe Nahrungsmittel dafür. Wenn das 'Taiyin' [eine fiktive Position des Planeten Jupiter] in 'Mao' [Osten] steht, gibt es eine reiche Ernte, das nächste Jahr jedoch wird schlechter werden Erreicht es 'Wu' [Süden], wird es Dürre geben, aber die nächste Ernte wird schön. Erreicht es 'You' [Westen], wird es reiche Ernte geben, das nächste Jahr jedoch wird schlechter werden. Erreicht es 'Zi' [Norden], wird es große Dürre geben, das nächste Jahr wird aber schön und wasserreich..> Wenn es also 'Mao' [Osten] erreichte, dann lagerte [Bao Gui] das Doppelte einer normalen Ernte ein. [ ...] Er vermochte es, wenig zu essen und zu trinken, seine Wünsche und Begierden zu beherrschen und an der Kleidung zu sparen. Mit seinem Gesinde teilte er Freude und Leid. Wenn er eine Gelegenheit sah, glich er einer wilden Bestie oder einem Raubvogel beim Fassen der Beute. Darum sagte er: < [ ...] Wer nicht klug genug ist, um Veränderungen abzuschätzen, nicht kühn genug, um Entscheidungen zu fällen, nicht Menschlichkeit aufbringt bei Geschäften oder Beharrungsvermögen, der mag noch so sehr danach streben, meine Kunst zu erlernen, ich werde sie ihm n icht mitteilen..> Daher bezeichnet die Welt den Bai Gui als Vorfahren aller Geschäfts[leute]. Bai Gui setzte sein Kapital ein, und der Grund dafür, daß er es vermehrte, war allein, daß er nie nachlässig war."

Aus dem 'Shiji' ['Aufzeichnungen des Historikers']

Zwar ist dort nur von Großunternehmern die Rede, aber ihre Tätigkeiten sind vielfältig genug, um zu zeigen. daß Unternehmertum in fast jedem Bereich möglich war, als Salzproduzent, bei der Verhüttung von Eisen. als Viehzüchter oder bei der Erschließung von Zinnoberlagerstätten, vor allem aber auch im Handel selbst. Bemerkenswert ist auch, daß unter den Großunternehmern dieser Zeit eine Witwe erscheint.

Das entsprechende Kapitel im 'Hanshu' enthält überdies Angaben darüber, wie groß die Umsätze bei ausgewählten Waren sein mußten, damit ein Unternehmer mit den Einkünften der aristokratischen Familien aus Pfründen konkurrieren konnite. Dies scheint nicht sehr schwer gewesen zu sein.Außerdem wird ein 'Volkslied' wiedergegeben, in dem kein Hinweis auf Vorbehalte gegenüber den unternehmerischen Tätigkeiten zu finden ist:

"Sucht ein Armer nach Reichtum, ist landwirtschaftliche Tätigkeit nicht so gut wie das Handwerk, das Handwerk nicht so gut wie der Handel. Stickerein anzufertigen ist nicht so gut wie am Markttor zu lehnen"

Daß Lü Buwei. der für den späteren Ersten Kaiser Shi-huangdi die Regentschaft führte, scheiterte, lag nicht an seiner kaufmännischen Herkunft, und Sang Hongyang stieg als Sohn eines Kaufmanns zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. zum kaiserlichen Ratgeber auf und wurde damit zur politisch entscheidenden Kraft und zum Vertreter einer etatistischen Wirtschaftspolitik. Zwar unterlagen Kaufleute schon kurz nach Gründung der Han-Dynastie einer ganzen Reihe restriktiver Bestimmungen, wie zum Beispiel Kleiderordnungen, und sie wurden steuerlich erheblich belastet, dennoch scheinen gerade sie und andere Teile überwiegend städtischer Bevölkerungsschichten von der Wirtschaftsentwicklung profitiert zu haben, so daß in der Monopoldiskussion des Jahres 81 v. Chr. ('Diskussion über Salz und Eisen') die Gegner der staatlichen Wirtschaftspolitik den Ist-Zustand als extremes Stadt-Land-Gefälle bezeichnen und eine intensive Förderung des landwirtschaftlichen Sektors fordern konnten. Obwohl das Monopol selbst nicht aufgehoben wurde, im Gegenteil im Laufe der Zeit eine Ausweitung erfuhr, können diese Diskussion und die Politik der nächsten fünfzig Jahre als entscheidend für die Aufrechterhaltung des Primats der Landwirtschaft in der chinesischenWirtschaftspolitik der folgenden 2000 Jahre angesehen werden.

Ähnlich wie im Handwerksbereich gelang es dem Unternehmertum beziehungsweise den Kaufleuten nicht, über den keineswegs zu unterschätzenden informellen Bereich hinaus auch formal das von ihnen getragene Wirthchaftsleben zu kontrollieren und mitzugestalten. Auf der anderen Seite wurden sie ideologisch, gesellschaftlich und oft auch rechtlich diskriminiert - neben einer erheblichen Besteuerung, staatlichen Quotenregelungen und anderen unmittelbar den Wirtschaftsprozeß berührenden Restriktionen durften zu manchen Zeiten Kaufleute keinen Grundbesitz erwerben, oder ihre Söhne wurden an der Teilnahme an den Staatsprüfimgen gehindert -, doch gab es regional und in verschiedenen Perioden große Unterschiede. Aufgrund einer differenzierteren Wirtschaft war Südchina meist in größerem Maße vom Handel abhängig. Ein Großteil der Küstenprovinzen, besonders Guangdong und Fujian, aber auch Zhejiang, Jiangsu und Shandong waren Ausgangspunkt weitverzweigter Handelsnetze, die nicht nur das Ausland mit China, sondern auch die chinesischen Produktionsgebiete mit den Konsumenten verbanden. Darüber hinaus war auch die Seidenstraße mehr als 1500 Jahre lang eine, wenn auch nicht quantitativ mit dem Seehandel zu vergleichende Handelsader.

Einen Fernhandel hat es in China praktisch immer gegeben, lediglich die Träger wechselten einander ab, und es scheint, daß es meist nicht Chinesen waren, die ihn tatsächlich ausübten. Der Handel mit dem Römischen Reich während der Han-Zeit ist gewiß überwiegend über eine Reihe von Zwischenstationen sowohl auf dem Seeweg als auch auf der Seidenstraße abgewickelt worden; dennoch war auf beiden Seiten klar, daß man zu einem Welthandelssystem gehörte und auch für fremde, nicht unmittelbar zukontrollierende Märkte produzierte. Dies gilt für die Seidenproduktion in China ebenso wie für die Glasindustrie in Syrien und die Byssusseide aus Skythopolis (Beth Schean), mit denen man auch dem Abfluß von Edelmetallen aus dem Römischen Reich begegnen wollte.

Sowohl im Norden als auch im Süden wurde in der Zeit der Teilung bis zur Sui-Dynastie der Fernhandel aufrechterhalten. In dieser Zeit drang die Kenntnis von der Herstellung der Seide nach Byzanz. In der Tang-Zeit war die Hauptstadt Chang'an die wohl größte und internationalste Stadt der damaligen Welt. Der Fernhandel, aber auch große Teile des Binnenhandels lagen damals in den Händen zentralasiatischer Kaufleute. In den Küstenstädten war es nicht anders. Hier trat neben das ältere iranische Element jetzt auch das arabische. Und auch unter den Tang gab es ausgesprochen exportorientierte Unternehmungen wie zum Beispiel in der Keramikherstellung, die die Märkte von Westasien bis Korea und Japan versorgten. Eine besondere Entwicklung zeigte sich seit der späten Tang-Zeit. Möglicherweise aufgrund der unsicheren politischen Lage in China ging der Außenhandel zunächst in der Provonz Fujian, später an der gesamten Küste mehr und mehr in chinesische Hände über. Sogar die Existenz einer chinesischen Faktorei in Korea ist bekannt. Ein Schiffsfund vor der koreanischen Küste aus dem 15. Jahrhundert gibt eine Vorstellung von den Exportgütern, darunter als ein Massengut immer noch Keramik; ein anderer Schiffsfund in Quanzhou ermöglicht die Rekonstruktion song-zeitlicher Handelsschiffe. Der Übergang des Außenhandels in chinesische Hände führte zur Gründung staatlicher Kontrollbehörden in den Hafenstädten und zur Einbeziehung des Seehandels in das staatliche Monopol, das sich meist darauf beschränkte, Berechtigungsscheine über zu verschiffende Warenmengen zu verkaufen.

Seit der Song-Zeit verschwand die chinesischeAußenhandelsschiffahrt nie wieder ganz, jedoch führte eine Verbotspolitik seit etwa der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dazu, daß die chinesische Schiffahrrt immer mehr in die Illegalität gedrängt wurde beziehungsweise die Kaufleute der besonders unternehmungsfreudigen Provinz Fujian entgegen chinesischer Tradition und chinesischem Recht sich zur Auswanderung auf die südostasiatischen Inseln oder auf die Halbinsel Malakka entschlossen. Diese Verbotspolitik hatte auch zur Folge, daß Portugiesen, Spanier, Niederländer und Engländer sehr bald nach ihrer Aukunft in Ostasien nicht nur den Fernhandel mit Europa, sondern auch den regionalen Handel mit südostasiatischen Produkten nach China kontrollieren konnten.

Mit der sich abschwächenden Kontrollmöglichkeit des Staates über die Kaufleute seit dem Ende der Tang-Dynastie wuchs, abgesehen vom Handel mit Waren, die dem Staatsmonopol unterlagen, der Freiraum des privaten Kaufrnanns. Zeitweilig verwischten sich auch die Grenzen zwischen Herrschaftselite und Unternehmertum beziehungsweise versuchte die Herrschaftselite, den Kontakt zu den Unternehmern durch keineswegs ehrenrührige Heiraten oder durch den Einstieg jüngerer Söhne in kommerzielle Unternehmungen zu stärken. Hinzu kam eine gesellschaftliche 'Revolution', die zu einem Überhang an qualifizierten Leuten führte, denen zum Teil keine andere Möglichkeit offenstand, als Handel zu treiben. Diese Tätigkeit bot sich jedoch nicht so sehr auf lokaler Ebene, obwohl auch dort mit der Entstehung regelmäßiger periodischer Märkte das kaufnännische Element stärker wurde, sondern vielmehr auf interregionaler Ebene aufgrund regionaler Spezialitäten, spezieller Fertigungsbetriebe oder der größeren Verbreitung von Industriepflanzen beziehungsweise des Anbaus von Nahrungspflanzen in Monokultur. Diese Entwicklung führte in der Ming-Zeit, verstärkt durch den Bevölkerungsdruck, zu quantitativen und qualitativen Veränderungen im Bereich des Handels und der 'industriellen' Fertigung. Die Steuerungsmechanismen des Staates reichten nicht mehr aus, um zum Beispiel die Textilindustrie im unteren Yangzi-Tal zu kontrollieren. Staatliche Eingriffe hätten eine komplizierte Konstruktion, in der Tausende von Arbeitskräften untergekommen waren, nur zerstören können. Da dem Staat in erster Linie an der Erhaltung der politischen Stabilität lag, verzichtete er auf Eingriffe und ließ die Entwicklung einer unabhängigen Wirtschaft zu. Daß es dennoch nicht zur Entwicklung des vieldiskutierten Kapitalismus in China kam, mag an dem fehlenden Ansporn zu technischen Innovationen gelegen haben, mehr aber noch in psychologischen Verhaltensweisen, die die vollständige Emanzipation des chinesischen Kaufnanns verhinderten, begründet gewesen sein. So besteht die Selbstdarstellung chinesischer Kaufleute vor allen Dingen in einem kulturellen und sozialen Mäzenatentum, in dem die Grundlage, nämlich der wirtschaftliche Erfolg, sekundär erscheint.

7. Steuersystem.

Mit den drei bisher skizzierten Gruppen, Bauern, Handwerker und Kaufleute, ist nicht nur der quantitativ größte Bevölkerungsteil genannt, sondern auch derjenige, der mit seiner Wirtschaftskraft die Einkünfte des traditionellen chinesischen Staates gewährleistete. Die Herrschaftselite war nur in sehr begrenztem Umfang steuerpflichtig, religiöse Organisationen waren über lange Zeiträume der chinesischen Geschichte von Steuern befreit. Beide repräsentieren ein erhebliches Wirtschaftapotential, wie sich an den Klosterenteignungen der Tang-Zeit oder dem bekannten Besitz von Angehörigen der höheren und höchsten Bürokratie seit der Song-Zeit ablesen läßt. Seitdem man von einer direkten Besteuerung der chinesischen Bevölkerung, die in einzelnen Teilstaaten seit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert bekannt ist, sprechen kann, scheint sie den größten Teil der bäuerlichen Bevölkerung an den Rand des Existenzminimums oder sogar darüber hinaus gedrängt zu haben.

"Die Fürsten leben von den Abgaben, die Beamten von den Lehen, die 'shi' [sozial gehobene Stände] von ihren Feldern, die Masse der bäuerlichen Bevälkerung von ihrer Kraft, die Handwerker vom Staat, die niederen Bedeinsteten von ihren Aufgaben und die Hausdiener von Zuwendungen."

Aus dem 'Guoyujin'.

Ein klassischer Fall ist die Rechnung, die Li Kui im 5. Jahrhundert v.Chr. aufmachte. Danach konnte ein Bauer, der 100 'mu' Land bebaute, jährlich 150 'shi' Getreide ernten. Jedes 'shi' hatte einen Wert von 30 Münzen. Bei einem fünfköpfigen Haushalt entfielen von den Brutteeinnahmen in Höhe von 4500 Münzen 2700 auf Nahrung, 1500 auf Kleidung, 500 wurden für religiöse Zwecke verbraucht, und 450 mußten für eine wahrscheinliche Steuer in Höhe von zehn Prozent des Ertrages aufgebracht werden. Im Laufe der Zeit entwickelte China ein äußerst komplexes Steuersystem, das praktisch alle denkbaren Bereiche erfaßte. Wenn auch die Einkünfte aus ihnen manchmal, wie zum Beispiel aus den Staatsmonopolen, beträchtlich sein konnten, so war die regelmäßigste und meist auch wichtigste Einnahmequelle des Staates doch die Steuer, die von der bäuerlichen Bevölkerung erbracht wurde.

Trotz einer ganzen Reihe von Veränderungen, Erleichterungen oder Erschwernissen mit wechselnder Terminologie lassen sich drei Hauptabschnitte nennen. In der ersten Periode bis 780 gab es eine dreigeteilte Individualbesteuerung in Getreide, Textilien und als Arbeitsdienst, ausgehend von der Annahme, daß jeder bäuerliche Steuerpflichtige im Rahmen des 'juntian'-Systems die gleichen Produktionsvoraussetzungen hat Dieses Steuersystem war ganz auf eine agrarische Gesellschaft zugeschnitten, und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen konnten nur durch ein immer komplizierteres Netz von Zusatzsteuern aufgefangen werden.

Als es 780 zu einer Reform des Steuersystems kam, war dies weniger eine Erleichterung fiir den Steuerzahler als der Versuch, nach der Zerrüttung des Reiches durch den An-Lushan-Aufstand die Finanzen des Staates wieder in Ordnung zu bringen. Das neue 'Zwei-Steuern-System' fußte auf der Steuereinheit der Familie nach einer geschätzten Festsetzung ihres Vermögens und auf einer Landsteuer, die aufgrund der Gesamtfläche des bebauten Landes berechnet wurde. Die Steuern sollten überdies zu dem Zeitpunkt eingetrieben werden, zu dem die Zahlungsfähigkeit des Steuerzahlers am wahrscheinlichsten war. Hierfür wurden Termine zwischen dem 4. und 6. Monat und dem 10. und 12. Monat des Mondkalenders üblich.

 "Daher erbitte ich die Einrichtung eines 'Zwei-Steuern-Systems' [liangshuifa], um die verschiedenen Steuertypen zu vereinheitlichen. Wenn wir besonderen Arbeitsdienst benötigen oder Geld eintreiben, sollten wir zunächst die notwendige Summe errechnen und diese dann von der Bevölkerung als Steuer erheben, das heißt, wir sollten die Ausgaben schätzen, um die Einkünfte zu berchnen. Hauhalte sollten entsprechend ihrem tatsächlichen Wohnsitz registriert werden, ohne Unterscheidung, ob es sich um lokale oder eingewanderte Familien handelt. Personen sollten nach ihrem Reichtum oder ihrer Armut unterschieden werden, nicht danach, ob sie 'Erwachsene' oder 'Heranwachsende' sind. Im Falle reisender Kaufleute ohne festen Wohnsitz sollten sie ein Dreißigstel Steuer in der Präfektur oder in dem Distrikt bezahlen, in dem sie sich befinden. Die Summe, die ihnen abverlangt wird, soll so geschätzt werden, daß sie mit der von der lokalen Bevölkerung erhobenen Steuer vergleichbar ist, um so ungerechte Vorteile für sie zu vermeiden. [ ...] Die Getreide- und Textilsteuer sollen ebenso wie der 'vermischte' Arbeitsdienst abgeschafft werden, aber die Gesamtfestsetzung der arbeitsdienstpflichtigen Individuen sollte nicht aufgehoben werden."

Aus der Eingabe Yang Yans zur Einleitung der Reform des Steuersystems im Jahre 780.

Diese Steuerreform (Quellenteit 5.171) änderte nichts an zwei Schwächen des chinesischen Steuersystems, nämlich an der regional ungleichen Besteuerung und an der Art und Weise, wie die Steuern eingetrieben wurden. Da es sich dabei fast immer um Quotierungen handelte und die unterste Steuerbürokratie weitgehend einer zentralstaatlichen Kontrolle entzogen war, vielmehr aus der lokalen Selbstverwaltung hervorging, war dem Mißbrauch weiterhhin Tür und Tor geöffnet. Zwar kannte China nur unter den Mongolen die Steuerpacht, doch hatten Quotenregelung und Unmöglichkeit der Kontrolle ähnliche negative Folgen. Die Belastung für die Bevölkerung ergab sich nicht so sehr aus der regelmäßigen Besteuerung, sondern einmal aus der Quotenregelung für ein bestimmtes Gebiet, die angesichts einer Reihe von Möglichkeiten zur Steuerflucht und eines schwerfälligen Apparates, der auf Veränderungen der Struktur eines Gebietes nicht so schnell reagieren konnte, zu erheblichen Mehrlasten für die steuerpflichtige Bestbevölkerung führte, zum andern aus den zahlreichen Sondersteuern, die auch im Bereich der landwirtschaftlichen Steuern, etwa in Form unterschiedlicher Transportgebühren oder von Vorkaufsrechten des Staates, erhoben wurden. Ebenso konnten die Umrechnungen von Getreide, Textilien, Kupfer, Silber für den Steuerzahler 'tödlich' sein. Nicht zuletzt war in der Grauzone der Steuererhebung ein großes Maß anWillkür möglich. Der Staat war sich jedoch der fiskalischen Belastung der Bevölkerung bewußt, und unter allen Dynastien wurde das Instrument der Steuerbefreiung gezielt eingesetzt, nicht nur um Katastrophen zu lindern oder diesen sogar vorzubeugen, sondern auch um dadurch Anreize für Landgewinnungsarbeiten oder den Einsatz neuer Methoden zu schaffen. Möglicherweise war dies auch das einzige Instrument, das dem trotz allem 'protoobürokratischen' Staat zur Verfügung stand, um eine gesellschatliche Stabilität zu gewährleisten.

Das 780 eingeführte 'Zwei-Steuern-System' war bis Mitte des 16. Jahrhunderts in Kraft. Im Gegensatz zum noch älteren dreigliedrigen Steuersystem berücksichtigte es stärker die veränderte ökonomische Lage in der zweiten Hälfte der Tang-Zeit und war der Kommerzialisierung der Gesellschaft in den nächsten Jahrhunderten adäquater. Auch das um 1550 eingeführte 'Einpeitschensystem' (richtiger wohl: 'Vereinheitlichtes Steuersystem') diente in erster Linie der Rationalisierung. Das differenzierte Steuersystem zur Befriedigung der Bedürfnisse des Staates an Naturalien und Arbeitsdienst wurde angesichts der differenzierteren Gesellschaft und der Entwicklung zur Geldwirtschaft obsolet, und die verschiedenen Steuern konnten zu einer auf der Grundlage von Silber zu berechnenden Steuer zusammengefaßt werden.

8. Urbanisation und Infrastruktur.

Geschlossene Siedlungen sind seit dem Neolithikum bekannt, von einer Urbanisierung wird seit der Shang-Zeit gesprochen, wobei jedoch die Ansichten über Ausmaß und Funktion auseinandergehen, da man sich vor allen Dingen an der wahrscheinlich sakralen Metropole bei Anyang orientiert. Aber sowohl für die Shang- Zeit als auch für die West-Zhou-Zeit läßt sich annehmen, daß sich städtische Formen um die Sitze der Clanführer beziehungsweise später der Lehnsherren entwickelten.

Aus der Chunqiu-Zeit sind mindestens 78 befestigte Städte aus den Quellen bekannt, von denen eine ganze Reihe inzwischen identifiziert und archäologisch untersucht worden sind. Dabei lassen sichWerkstätten- und Wohnbereiche ebenso erkennen wie Straßenzüge oder Kanalisationsanlagen. Detlich wird bei fast allen Grabungen, daß die Städte dieser Zeit ein besonderes, kleineres Areal miteinschlossen, das der Aristokratie vorbehalten war, und daß der landwirtschaftliche Raum außerhalb und innerhalb der Stadtmauern, die eine Ausdehnung von einigen hundert Metern Seitenlänge bis zu einigen Kilometern haben konnten, in die Stadtkonzeption miteinbezogen wurde. In der Zhanguo-Zeit entwickelte sich die aristokratische Stadt auch zum Markt, jedoch wurde diese wirtschaftliche Stadtentwieklung durch den stärker werdenden Zentralismus zuerst der Teilstaaten, später des ersten Kaiserreiches der Qin gebremst Dadurch, daß nun die bestehenden Städte zusammen mit Neugründungen zu administrativen Einheiten wurden, wurde ein größeres Umland Teil dieser Einheit und die für die europäische Stadt so wichtige Trennung von Stadt und Land aufgehoben. Auf diese Weise machten die chinesischen Städte auch keine selbständige Entwicklung durch, sondern waren vor allem Sitz des unmittelbaren Vertreters der Zentralregierung.

Die Zugehörigkeit der Stadt zu einem weiteren Umland wird unter anderem dadurch deutlich, daß ihre Anlage nicht primär aus strategischen Erwägungen erfolgte, sondern daß dafür der weitere Raum berücksichtigt wurde, etwa Gebirge und Flußsysteme. Wichtiger noch waren die Lage innerhalb des Umlandes, die Verkehrssituation, die damit verbundene Versorgung und ähnliches.

 

Oben: Plan von Chang'an zur Tang-Zeit. 1 'Daming Gong', 2 Alter Palast (Gongcheng), 3 Kaiserstadt (Huangcheng), 4 'Xingqing Gong', 5 Ostmarkt (Dongshi), 6 Westmarkt (Xishi), 7 Große Wildganpagode, 8 Kleine Wildganspagode. Unten: Plan von Pingjiang (heute Suzhou) in der südlichen Song-Zeit. Abreibung einer 2 m hohen Stele aus dem Jahre 1229. Der Große Kanal umfließt die Stadt und versorgt das innerstädtische Kanalnetz mit Wasser.

Daneben läßt sich anhand der Städtegründungen und ihrer primär administrativen Funktion auch die allmähliche Erschließung des heutigen China aufzeigen. Diese erfolgte teils aus politisch-strategischen Gründen, wie der Sicherung einer Nord-Süd-Verbindung bis zum heutigen Guangzhou unter den Qin, teils zur Wahrnehmung ökonomischer Interessen, wie unter den Han mit der Sicherung der Handelswege durch den sogenannten Gansu-Korridor oder der Erschließung der Alluvialebenen in der heutigen Provinz Hebei, die für die Versorgung der wachsenden Bevölkerung wichtig waren. Ähnliche, ebenfalls ökonomisch bedingte Entwicklungen finden wir in der Yuan-Zeit in der Provinz Yunnan, in der Qing-Zeit in Guizhou und der südlichen Mandschurei.

Daß die Stadt Kontrollinstanz und weniger Zentrum ökonomischer Aktivitäten war, wird an ihrer inneren Struktur ersichtlich. Bis zum Ende der Tang-Zeit bestand die chinesische Stadt aus mehreren voneinander abgeschotteten Vierteln. Das war in kleineren Städten ebenso der Fall wie in der tang-zeitlichen Hauptstadt Chang'an, die sich aus 110 ummauerten Vierteln zusammensetzte. Diese waren zwar weitgehend arbeitsteilig organisiert, konnten aber nur die Hälfte des Tages miteinander kommunizieren. Das gleiche galt für die Marktgebiete.

Wieder führten die revolutionären gesellschaftlichen Veränderungen seit dem Ende der Tang-Zeit auch in der chinesischen Stadt zu strukturellen Änderungen. Nicht nur die Schranken zwischen den Stadtvierteln fielen, sondern auch die Mauern insgesamt verloren an Bedeutung. Als Produktions- und Handelszentren gewannen die Städte an Anziehungskraft, so daß nicht nur in der Nord-Song-Hauptstadt Kaiifeng ein großer Teil der Bevölkerung in Stadtteilen außerhalb der Mauern lebte, sondern auch die Städte in den Provinzen gesprengt wurden. So befanden sich zum Beispiel in der Süd-Song-Zeit nur noch drei Stadtviertel innerhalb der Mauern der Präfekturstadt Tingzhou im Inneren der Provinz Fujian, während 23 oder 17 Stadtviertel außerhalb lagen. Gleichzeitig verloren auch die staatlich kontrollierten Märkte an Bedeutung und wurden von allgemeinen Geschäftsstraßen abgelöst. Das Geschäftsleben in Kaifeng wird besonders deutlich auf dem Gemälde von Zhanig Zeduan "Flußaufwärts beim Frühlingsfest".

Wichtiger noch wird die Verbreitung regionaler und lokaler Marktsysteme unterhalb der Verwaltungsstädte, die als nicht ummauerte Handelsstädte gelegentlich in ihrer Bevölkerungszahl und in ihrem Steueraufkommen die Verwaltungsstädte übertreffen konnten. Ein Problem waren jedoch die Kommunikationsmöglichkeiten. Der Ferntransport von Massengütern konnte effektiv nur über den Wasserweg abgewickelt werden. Daher entstanden die zahlreichen Kanalbauten, allen voran der Kaiserkanal. Allerdings wurde damit kein flächendeckendes Verkehrsnetz geschaffen, sondern die verschiedenen Dynastien seit der Sui-Dynastie legten sie unter dem Gesichtspunkt der Versorgung des politischen Zentrums an, das meist im unterversorgten Norden lag. Dadurch wurde auch die wirtschaftliche Entwicklung der betroffenen Regionen bestimmt So lagen mit ganz wenigen Ausnahmen die Handelszentren der Nord-Song-Zeit, gemessen an ihren Steuerquoten, am Kaiserkanal, beginnend mit Hangzhou im Süden, über Suzhou, Yangzhou, Chuzhou nach Kaifeng. Eine Schiffahrtsverbindung von Nord nach Süd hatte bereits der erste Qin-Kaiser geschaffen, als er oberhalb von Guilin das Yangzi-Flußsystem durch einen Kanal mit dem des Xijiang ('Westfluß') verband. Darüber hinaus waren die natürlichen Flußsysteme Chinas nur in Ost-West-Richtung benutzbar, und eine Küstenschiffahrt wurde nur periodisch über die Yangzi-Mündung nach Norden hinaus durchgeführrt, weil Winde und Piraterie diese Route zu unsicher machten. Aber weit problematischer waren die Landverbindungen. Ältere Straßennetze sind anzunehmen und erscheinen in den Quellen, archäologisch nachweisbar sind sie nicht.

Die Begeisterung, die noch der Gesandte MacCartney Ende des 18. Jahrhunderts über die chinesischen Straßen äußerte, dürfte nur für die großen, durch Arbeitsdienstverpflichtungen aufrechterhaltenen Verkehrs- und Poststraßen gelten. Im lokalen Bereich waren Straßenbau und -erhaltung weitgehend der Eigeninitiative überlassen und dem Mäzenatentum der lokalen Elite. Landknappheit, Arbeitsaufwand und rechtliche Traditionen, die öffentliches Land für Straßen nicht kannten, behinderten zusammen mit geographischen Schwierigkeiten den Ausbau eines engmaschigen Straßennetzes. Daher waren viele Wege zu bestimmten Jahreszeiten gar nicht passierbar, andere nur mit Traglasten auf dem Rücken von Menschen.

Die Kommunikation ist bis heute eines der Hauptprobleme Chinas. So hatten die großen Hungersnöte Ende des 9. Jahrhunderts in Shanxi und Shandong so verheerende Folgen, weil verfügbare Nahrungsmittel nicht schnell genug in die Notstandsgebiete gebracht werden konnten. Dies bedeutet auch, daß die Handelsentwicklung seit der Song-Zeit in einem relativ engen regionalen, wenn nicht lokalen Kontext gesehen werden muß.

9. Technologien und Kenntnisse im landwirtschaftlichen Bereich.

Es scheint möglich, drei qualitative Sprünge in der chinesischen Landwirtschaft anzunehmen. Der erste geschah in der Zhanguo-Zeit mit der Einführung des Eisenpfluges, des etwas späteren Einsatzes von Tierkraft und vor allen Dingen der Vergrößerung der Anbaufläche gerade auch durch die Anlage der ersten bekannten größeren Bewässerungssysteme, wie zum Beispiel des Zhengguo-Kanals in Shaanxi und des Guanxian-Bewässerungssystems in Sichuan.

In der politisch zerrütteten Zeit zwischen der Han- und der Sui-Dynastie wurden durch neue Ackergeräte wie Eggen und Sämaschinen sowie neue Trockenanbaumethoden und Fruchtwechsel höhere Erträge erzielt Eine weitere Steigerung wurde in der Zeit zwischen 800 und 1300 n.Chr. durch verbesserten Reisanbau, durch neue Saaten, verbesserte Düngung und die Ausdehnung der Bewässerung erreicht. Seit dieser Zeit konnte bis zur Neuzeit ein Produktionswachstum nur durch allerdings begrenzte Neulandgewinnung und zum Teil durch die Sicherung bestehender Be- und Entwässerungssysteme gefördert werden. Insgesamt jedoch waren die Anbaumethoden aufgrund der Landsituation und der angebauten Nahrungspflanzen sehr arbeitsintensiv und ließen eine Rationalisierung nur in sehr begrenztem Umfang zu. Sie war wahrscheinlich angesichts der Bevölkerungssituation und gesellschaftlichen Struktur auch nur bedingt nötig, da das traditionelle China auch unter den Bedingungen einer Subsistenzwirtschaft in der Regel in der Lage war, seine Menschen zu ernähren.

10. China als Wirtschaftsraum.

Im Bereich der Landwirtschaft und hinsichtlich der Bedürfnisse einer vorindustriellen Gesellschaft kann man von einer weitgehenden lokalen Autarkie sprechen, die immer wieder in Zeiten der Teilung und inneren Zerrissenheit wirksam geworden ist. Darüber hinaus lassen sich größere Wirtschaftsregionen innerhalb Chinas feststellen, die zu verschiedenen Zeiten unabhängig voneinander unterschiedliche Blüten erlebt haben.Wenn aber auch die lokale und regionale Vielfalt Chinas so groß ist, daß man sich scheut, von einer 'Wirtschaft Chinas' zu sprechen, so zeigt doch die historische Entwicklung neben einer Reihe von Zufälligkeiten oder eher politisch motivierten Erscheinungen eine offensichtliche Intention, durch die Erschließung neuer Gebiete, den Einsatz neuer Wirtschattsformen und die allgemeine Verbreitung bestimmter Güter ein zusammengehöriges Wirtschaftssystem zu schaffen. Dies wird einmal deutlich durch die Einbeziehung eines immer größeren Gebietes in das politisch-administrative System, verbunden mit technisch-wirtschaftlichen Aktivitäten, die zwar Teilschwerpunkte verlagern konnten, aber nicht zur Aufgabe älterer Schwerpunkte führten. Die wirtschaftliche Vormachtstellung Nordwestchinas ging bereits seit der Han-Zeit verloren, ohne daß sich die politische Macht ebenfalls verlagert hätte. Die früheste Erschließung Sichuans stärkte den Qin-Staat in Shaanxi. Hebei und Henan taten das gleiche für die Han-Dynastie. Sui Yangdi erkannte die Bedeutung des Yangzi-Gebietes für den Norden, die Song-Dynastie erschloß das südlichste China, weil sonst die Ressourcen des Rumpfreiches der Süd-Song nicht ausgereicht hätten. Zum anderen gab es im chinesischen Wirtschaftssystem immer Bedürfnisse, die nur aus bestimmten Gebieten befriedigt werden konnten. Dies gilt für Bodenschätze, wie das bereits genannte Kupfer aus Yunnan, oder Holz aus Fujian, für Zucker und Tee aus dem südlicheren China und Salz aus den Küstenprovinzen ebenso wie für die spätestens seit der Ming-Zeit einsetzende Tendenz zu Monokulturen, so daß zum Beispiel Nahrungsmittelüberschußgebiete am Unterlauf des Yangzi aufgrund des Baumwollanbaus zu Importgebieten wurden. Oder man bedenke die Reismengen, die jährlich im Norden verschifft wurden und, auch wenn sich der Exportanteil der Gesamtproduktion nicht schätzen läßt, einen ganz erheblichen Transportaufwand erforderten. Insofern kann man von einer Wirtschaftseinheit China sprechen, die allerdings trotz mancher Engpässe die Möglichkeit bewahrte, sich auf ihre Teilregionen zurückziehen zu können.

Trotz aller temporären und für die Betroffenen schrecklichen Katastrophen und Tragödien muß man angesichts seiner Überlebensfähigkeit auch das chinesische Wirtschaftssystem innerhalb der gesamten Zivilisationserscheinungen als recht erfolgreich bezeichnen.


Textbearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1997/98