Kap. 4: Der Angriff auf die ideelle Unfreiheit der Demokratie in der Logos-Philosophie.


I. Die Entstehung der Logos-Philosophie aus einer griechisch-antiken Religionskritik.

Übersicht über die antike Phulosophiegeschichte in der Darstellung von Karl Voränder.

II. Stärken und Schwächen der demokratischen Verfassung Athens.

[Vergrößerungsmöglichkeit]

III. Der sokratische Widerstand gegen eine gesetzlich verordnete, traditionell-religiöse, allgemein akzeptierte, aber dennoch philosophisch unbegründbare Polis-Doktrin.

Sokrates, geb. in Athen im Jahre 470 v Chr, dort gestorben 399 v Chr war ein Philosoph der klassischen Kultur-Epoche Athens des 5. und 4. Jht. v. Chr. Er hinterließ keine eigenen Schriften, wohl aber seine Lehre, die vor allem von seinen Schülern Platon und Xenophon überliefert wurde.

Sokrates dachte als Philosoph nicht über 'die Natur', wie die bekannteren Pholosophen vor ihm, sondern über das ideelle, politische und sittliche Herkommen der Polis Athen mit seinen Grundideen und Geltungsansprüchen nach. Wichtiges Instrument seiner philosophischen Erkennens war die 'ironische Frage' nach den Gründen und der Logik. der kulturellen und ideellen Gestaltungen der Menschenwelt in dieser Polis. Im systematisch-kritischen Fragen eines Gesprächs ('Dialog') sah er die Voraussetzung solcher Erkenntnis und generell der Wahrheitsfindung. Die Methoden dieser Erkenntnis werden in der Philosophie deshalb traditionell unter dem Oberbegriff der 'Dialektik' zusammengefaßt. Sokrates' Überzeugung, daß aus solchem Denken auch begründbar rechtes, 'ethisches' Handeln hervorgehe, war Basis für die philosophischen Tradition eines 'selbstbestimmten' ('autonomen'), d. h. sich selbst definierenden und unabhängog lenkenden Menschen, wie sie späterhin etwa im frühneuzeitlichen 'Humanismus', in der 'Aufklärung' des 18. Jhts. oder im zeitgeschichtlichen 'Marxismus' oder 'Existenzialismus' hervortritt.

'Autonomes' Denken dieser prinzipiell-philosophischen Art steht wegen seines Unabhängigkeits- und Selbstregulierungsstreben den Geltungsansprüchen politischer Herrschaftssysteme und aller Traditionen religiöser, sozialer und dogmatisch-geistiger Unterdrückung gegenüber, die es als systematisch-unrichtiges und irreführendes Denken (heutiger Begriff: 'Ideologie') kritisiert ('Ideologiektitk'). In der gesellschaftlichen Praxis provoziert es ggf. Rechtsauseinandersetzungen, politische Konflikte und äußerstenfalls sogar Kriege.

Sokrates, der in Athen auf der Agora als philosophischer Lehrer öffentlich auftrat, rief mit seinem povokant ironischen, 'autonomen' Denken und Sprechen nicht nur, wie von ihm erwünscht, 'Widerspruch' im philosophisch fruchtbaren, moderaten Sinne (griech. antiphase, antigraphe, antipoliteusis) hervor, sondern auch persönliche Feindschaft, unbegründet-traditionelles Widerstreben und politische Unterdrückungsbereitschaft. Aus diesen von ihm ungewollten, 'unphilosophischen' Voraussetzungen entwickelte sich eine seinem Wirken entgegengerichtete politisch-öffentliche Meinungsrichtung. Es kam aus dieser heraus auch zu einer rechtlichen Auseinandersetzung mit ihm, in deren Verlauf er von drei Athener Bürgern, die als solche ggf. auch Anklage wegen strafwürdigen Unrechts von Mitbürgern vor dem Athener 'Volksgericht', dem 'Areopag' erheben konnten, wegen 'Gottlosigkeit' ('Asebie') angeklagt. Die 501 Richter dieses Gerichts, einer Art Geschworenengerichts, wurden entsprechend der athenischen Verfassung ('Syntagma') der damaligen Zeit immer nur für ein bestimmtes Verfahren ausgelost. Das Gericht entschied nur den Fall, für den es bestimmt war. Ein Rechtsmittel gegen die Entscheidung, die mit einfacher Mehrheit getroffen wurde, gab es nicht, auch nicht bei einer Verurteilung zum Tode, wie sie in allen antiken Kulturen in Falle offenkundiger, vorsätzlich geäußerter Gottlosigkeit üblich war, um göttliche Vergeltung vom Gemeinwesen abzuwenden. In den 'Erinnerungen an Sokrates' überliefert Xenophon den Text der Anklage "Sokrates tut Unrecht, indem er die Götter nicht anerkennt, welche der Staat anerkennt, dafür aber neue Götter einführt. Er tut ferner dadurch Unrecht, daß er die jungen Leute verdirbt." konnten Bürger Klage vor dem Geschworenengericht erheben, das besetzt mit 501 ausgelosten Mitgliedern, ohne Möglichkeit eines Rechtsmittels, ein abschließendes Urteil fällte.

Platons 'Apologie' teilt mit, daß Sokrates sich so schlecht verteidigt habe, "wie es Angeklagte zu tun pflegen, die glauben sich selbst verteidigen zu müssen. In eigener Sache war auch Sokrates ein schlechter Anwalt. Stolz war seine Sprache, in den Augen seiner Richter wohl auch hochmütig. Nicht um Milde bat er, sondern stellte sich selbst als Bereicherung der Stadt Athen heraus." Trotzdem gelang es ihm, die Anklage zu widerlegen, die zunächst von Meletos, einem Dichter, vorgebracht wurde. Kaum ein Fünftel der Richter waren nach Sokrates Rede bereit, der Anklage zu folgen. Vielleicht war es dann aber sein Stolz, die es den anderen Anklägern, einem Gerber, und einem Redner, ermöglichten mit ihrer Darstellung der Anklage und ihres Zweckes 281 Richter von der Schuld des Sokrates zu überzeugen. Nur 220 Richter stimmten für Freispruch. Nach der grundsätzlichen Verurteilung war die Frage des Strafmaßes zu entscheiden. Von den Anklägern war die Todesstrafe beantragt worden. Sokrates hätte das Recht gehabt, um ein mildes Urteil zu bitten. Aber gerade das lehnte er in seiner zweiten Rede vor dem Geschworenengericht ab. Statt dessen wies er in seiner zweiten Verteidigungsrede daraufhin, daß ihm die höchste Ehrung zustehe für seine Verdienste. Dem folgte die Verurteilung zum Tode.

Platon hat im 'Dialog mit Kriton', einem Freund Sokrates, der ihn kurz vor der Urteilsvollstreckung noch zur Flucht aus der Stadt bewegen wollte, mitgeteilt, Sokrates habe gesagt: "Hältst Du es für möglich, daß eine Stadt weiterbestehen und nicht zusammenstürzen wird, in welcher gerichtliche Entscheidungen unwichtig werden, weil sie letztlich von Privatleuten manipuliert und ungerecht gemacht werden?" sondern von Privatleuten aufgehoben und vernichtet werden?"

Sokrates starb zwar durch Gift, einen Trank aus Schierlings-Saft, den trinken zu müssen er aufgrund einer - ihm unsinnig erscheinenden - Verurteilung glaubte. Er meinte, mit der selbst gewonnen Erkenntnis nicht soweit gehen zu sollen, dem Staat das Recht abszusprechen, ihn begründbar ungererecht und irrational zu verurteilen Allerdings machte er mit seiner Unnachgiebigkeit auch deutlich, daß ein selbstbestimmter Mensch den Staar prinzipiell nicht respektieren sollte, wenn dieser ihm nicht seine unbegrenzte geistige Freiheit läßt. Mit seinem - bewußt provokativen und insoweit todesmutigen - Auftreten vor einem in gewissem Umfang durch Tradition geistig beschränkten Gericht hat er jedenfalls für die späteren freiheitlichen Traditionen des Geistes größere Bedeutung erlangt, als wenn er sich einem solchen Gericht kommentarlos angepaßt hätte..

Der ganze Text deutsch-griechisch der platonischen Wiedergabe der Verteidigungsreden des Sokrates.

Platon, Apologie.

Zur durchgehenden Kommentierung im universitären Lehrbetrieb.

III. Das Erbe antiker Religionskritik in der geistesgeschichtlichem Tradition ('Humanismus', 'Aufklärung', 'moderne' 'Ideologie-Kritik'.

Literatur, Medien und Quellen zum Thema 'Die Durchsetzung der Meinungs- und Geistesfreiheit seit der Antike. Diskursive LV im WS 2015/2016.


Bearbeitungsstand: 17. Nov. 2015.

Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de

An allen, auch an den in der Abteilung AUDTORIUM der WWW-Seite 'AGiW' präsentierten Skripten und sonstigen wissenschaftlichen Werken behalten sich deren Autoren oder Herausgeber grundsätzlich die ihnen gesetzlich zustenden Urheberrechte vor. Dazu bitte ich, die Erläuterungen "ZUM ZWECK DES PROJEKTS" zu beachten. C.G.