Kap. 6: Der Widerstand der 'Häresien' gegen die 'rechtgläubige Kirche' in Spätantike und Mittelalter.


I. Die theologische Begründung und Durchsetzung der wichtigeren christlich-theologischen Abweichungen von der kirchlichen Orthodoxie (Häresien) und ihre Selbstbehauptung in 'Sekten' und in Kirchen außerhalb des Römischen Reiches.

A. Der Montanismus (2. Jht. n. Chr.).

Der 'Montanismus' war eine besonders intensive Naherwartung des 'Reiches Gottes' seit etwa 160 n.Chr. in Kleinasien. Die Mitglieder glaubten, im Besitze von 'Offenbarungen des Heiligen Geistes' über nahe Weltende zu sein. Entsptechend streng war ihre Sittenauffassung auf eine Erneuerung und Vervollkommnung der christlich- persönlichen und kirchlichen Lebens eingestellt. Unbedingte Bereitschaft zum Martyrizm, weithin enthaltsame Ehe, häufiges Fasten, regelmäßige Buße waren die Ziele.

B. Der Manichäismus (3. Jht. n. Chr.).

Manis Lehre war durch die Unterscheidung von zwei Naturen, nämlich 'Licht' und 'Finsternis', gekennzeichnet. Nach seiner Auffassung bestand ferner die 'Heilsgeschichte' aus drei Epochen: der 'Vergangenheit', in der die beiden Naturen vollständig getrennt gewesen seien, der 'Gegenwart', in der der Bereich der Finsternis mit dem des Lichts vermischt sei, und der 'Zukunft', in der beide Bereiche endgültig getrennt sein würden. Das bedeutete eine Nähe zu 'dualistisch-spekulativen' und 'kosmos-orientierten' Religionen wie der damaligen Mithras-Religion des Iran. Die menschliche Frömmigkeit besteht im Manichäismus weitgehend in der 'Askese'.

Der im ganzen Römischen Reich - vom Orient bis nach Spanien - verbreitete Mithras-Kult enthielt einige dem Christentim ähnliche, aber auch andere ihm gegensätzliche Züge. Mithras wurde in ihm von einem Vatergott ausgesandt, um als Welterretter das Dunkle und Böse in der Welt zu überwinden. Er wurde aus 'einem Felsen heraus geboren': Er stürmte als Erwachsener mit Fackeln in beiden Händen aus eine Höhle heraus, daneben standen Hirten und Tiere. Mithras hielt mit zwölf kosmischen Gehilfen gemeinsame Mahle. Diesen waren im Mtthras-Kult Sternzeichen zugeordnet. Diese wurden in Höhlen aufgemalt und verehrt. Daß Mithras starb und wieder auferstand , scheint nicht zur ursprünglichen Form des Mithras-Kults gehört zu haben, sondern wohl eine Entlehnung aus dem Christentum.im 4. Jahrhundert n. Chr. Als 'Sol invictus' wird Mithras mit einem Strahlenschein um den Kopf dargestellt. In dieser Religion spielten ferner die kosmisch-religiöse Unterscheidung von Himmel und Hölle, ein endgeschichtliches Gericht über 'das Böse', eine Auferstehung der Toten eine Rolle. In der Mithras-Religion gab es auch einen wöchentlichen 'Sonnen-Feier-Tag' sowie ein Untertauch-Ritual mit vorgängiger Stierblut. Besprengung der Täuflinge. Es fanden gemeinsame kultische Mahle und kultische Feste zur Sommer- und Wintersonnwende, zu Frühlings- und Herbstanfang statt. Es gab eine kultische Priesterschaft mit einem 'papalen' Oberhaupt, das zum Zeichen seiner Amtsbefugnisse, eine 'Mithra', einen Ring und einen Hirtenstab trug..

C. Der Arianismus (4. Jht. n. Chr.).

Innerhalb des 'Arianismus', der seinen Namen nach seinem Hauptvertreter, dem christlichen Prssbyter Arius in Alexandoa (260 - 336 .n. Chr.) trägt, wurde der Monotheismus durch das Bekenntnis unterstrichen, daß 'nur 'der Vater' Gott sei, nicht jedoch der von ihm gesandte Messias. Die 'Arianer' standen somit im Gegensatz zu den 'Trinitariern', die die 'Dreifaltigkeit' 'eines' andererseits einzigen Gottes behaupteten. 'Arianisch' wie 'trinitarisch' war der Bezug auf die Bibel. Aber die Präsenz Gottes erschien den Arianern einerseits unvermittelt durch 'einen Sohn' und 'einen heiligen Geist', und andererseits verbot ihnen die Berufung auf die aristotelische Philosophie ein Aufgabe ihres menschlichen Versrandes (später lat. 'sacrificiun intellechtus' genannt). Im Konflikt mit den Aussagen des Konzils von Nicaea d, J. 325 n. Chr. entstanden verschiedene theologische Varianten des Arianismus, denen im Konzil von Konstantinopel d. J. 381 n. Chr. mit kaiserlicher Unterstützung erneut entgegengetreten wurde.

II. Die Unerklärlichkeiten, Widersprüche, geistigen und geistlichen Unzumutbarkeiten des rechtgläubigen christlichen Glaubensbekenntnisses von Nicaea (325 n. Chr,). Ihre praktische Behandlung durch 'Rechtsbeschluß' in der christlich-kirchlichen und römisch-staatlichen Organisation.

A. Die Selbstdarstellung des christlich-römischen Kaisertums und 'seiner' Kirche seit dem 4. Jht. n. Chr.

B. Der Text des 'Glaubensbekenntnisses der 318 Väter'

auf dem Konzil von Nicaea (325 n. Chr,) in seiner 'rechtsverbindlichen' und 'rechtgläubigen' ('orthodoxen') Fassung.

Teil einer kirchenrechtlichen Sammlung rechtsverbindlicher Konzilsbeschlüsse ('canones' = 'kanonisches Recht'), die späterhin in der 'katholischen' und der 'orthodoxen' Kirche auf verschiedene Weise fortgesetzt wurde.

C. Der Text des 'Glaubensbekenntnisses der 150 - geheiligten - Väter'

auf dem Konzil von Konstantiniopel (381 n. Chr,) in seiner 'rechtsverbindlichen' und 'rechtgläubigen' ('orthodoxen') Fassung.

Ebenfalls Teil einer kirchenrechtlichen Sammlung rechtsverbindlicher Konzilsbeschlüsse ('canones' = 'kanonisches Recht'), die späterhin in der 'katholischen' und der 'orthodoxen' Kirche auf verschiedene Weise fortgesetzt wurde.

D. Die begriffliche Widrsprüchlichkeut der Bekenntnisformeln.

Die Untersuchung der Begrifflichkeit und Bekenntnisformeln beider politisch-offiziös muverursachter kirchlicher Glaubensbekenntnisse läßt einerseits den jeweils kaiserlichen Willen erkennen, über einen vielfältigen Formelkompromiß 'Bekenntniseinheit' 'einer' 'christlichen Reichsreligion zu erreichen und - im weiten Bekenntnis , und macht andererseits bereits im 'Nicänischen Bekenntnis' nicht weniger als acht logische Widersprüche deutlich, welche hinzunehmen nach den 'Canones' des Konzils 'allgemeinen' Rechtspflicht wird,:nämlich

1. in der Vorstellung vom 'eingeborenen Sohn',

2. in der Vorstellung von der 'Empfängnis durch den 'Heiligen Geist',

3. in der Vorstellung von der 'Jungfrauengeburt',

4. in der Vorstellung von dem 'Tode Gottes',

5. in der Vorstellung von der 'Auferstehung eines Menschen von den Toten'

6. in der Vorstellung von einer 'Wiedervergöttlichung,'

7. in der Vorstellung von einer 'allgemeinen Kirche'

8. in der Vorstellung von der 'Auferstehung des Fleisches'

Im Glaubensbekenntnis von Konstantinopel kommen dann noch weitere hinzu, nämlich:

9. in der Vorstellung von einer wesensgemüßen 'Dreieinigkeit Gottes',

10. in der Vorstellung von einer einzigen, weltweiten und durch Gottes Beaftragung zur Mission berufenen kirchlichen Menschengemeinschat und

11. in der Vorstellung von einer göttlichen 'Sündenvergebung' dmittels einer durch offiziöses Glaubensbekenntnis für geheiligt erklärten menschliche Handlung, das 'Sakrament'.

D. Das Fehlen wesentlicher. biblisch-christlicher und jüdischer Frömmigkeits-Pflichten in den römisch-spätantiken Glaubensbenntnis-Formeln.

Nicht im Glaubensbekenntnis enthalten sind die zentralen ethischen Botschaften, für die Jesus in den Evangelien eintritt:: Nächstenliebe, Feindesliebe, Nichthängen an den Schätzen der Welt, Barmherigkeit, Mildtätigkeit, Bereitschaft zur Vergebung, Friedfertigkeit, Brüderlichkeit. Beharren in Glauben und Hoffnung auf Erlösimg vom Übel, tätige Liebe der Armen und Fremden.

III. Die Beendigung der Religionstoleranz in der kaiserlichen Gesetzgebung der Spätantike und der justinianischen Epoche im Osten und Westen des Reichs. Die Entstehung einer christlichen Staatsreligion rechtlich durchgesetzter Glaubensdisziplin.

'De summa trinitate et de fide catholica et de nemo de ea pubice contendere audeat.' (Codex Iustinianus 1, 1, 1 f.).

Aus der lateinisch und griechisch prblizierten Zusammenfassung der christlich-kauserlichen Religionsgesetzgebung der Zeit von 380 bis 524 n. Chr. über den christlichen Glauben als ausschließlich gültige Religion im Römischen Reich.

IV. Die Fortwirkung christlich-'häretischer' Traditionen im Christentum des Mittelalters und der Neuzeit.

A. John Wyclif (14. Jht.)

Englischer Pfarrer und Doktor der Theologie, der theologisch die Lehre von der 'Transsubstantiation' des 'Abendmahls' in einen 'realen Leib des auferstandenen Christus' ablehnte und zugleich Lehre vom 'Fegefeuer' als 'Läuterung der Toten vor dem Jümgsten Gericht' als biblisch unbelegbar verwarf. Eine Reliquienveregrung erschien ihm ebenfalls unakzeptabel. Zur Bestärkung all dieser Ablehnungen behauptete er eine 'Allgegenwart Gottes' in Mensch und Natur Mit Rückendeckug des englischen Königs warf er dem Papst den Verkauf von Kirchenämtern als 'Pfründen'. Er wurde zwar von einer englischen Synode in London d. J. 1381 als Ketzer verurteilt, aber wegen eines seinetwegen drohenden Volksaufstanes nicht weltlich angeklagt, weswegen er nicht den üblichen Ketzertof erlit, sondern als Pfasser bis zu seinem Tode amtierte..

B. Johannes Hus (15. Jht.)

Zeitweilig Rektor der Universität Prag. Wegen seiner theologischen Ablehnung einer erlösungsrelevanten Fü5bitte der Heiligen und der 'Gottesmutter Maria' wurde er am 6. Juli 1415 als nicht bußfertiger Ketzer in Gegenwart des Kaisers und der (ersten) Paostes Johannes XXIII.

C. Die 'Täufer' (seit dem 16. Jht.)

Eine reformatorische Nebenbewegzng, die die strikte Nachfolge Christi, die Brüderlichkeit und die Gewaltlosigkeit.aus einer 'streng wortgetreuen' Auslegung des Neuen Testamentes herleitete und als Prinzipien vertrat. Dem entsprach ein besonders strenges Verständnis der Sakramente 'Taufe' und 'Abendmahl' auch in ihrem Sakramentsverständnis (Erwachsenentaufe, Abendmahl als Gedächtnisfeier) zum Ausdruck kam. Hinzu kamen Forderungen nach Glaubensfreiheit, nach Trennung von Kirche und weltlicher Obrigkeit, nach Gütergemeinschaft und nach Absonderung von den Ingläubigen ('Gemeinschaft der Gläubigen'). Teilweise könnten sich ihre freikirchlichen Entwicklungen in europäisch-protestantischen Ländern, in erheblichem Umfang auch in den USA halten. Im religiösen Konflikt der Konfessionen in Deutschland und den Niederlanden wurden sie auch - wie etwa die 'Wiedertäufer' in Münster (1534 - 1536) - verfolgt und als Ketzer in der üblichen Weise bestraft.

Literatur, Medien und Quellen zum Thema 'Die Durchsetzung der Meinungs- und Geistesfreiheit seit der Antike. Diskursive LV im WS 2015/2016.


Bearbeitungsstand: 17. Dez, 2015.

Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de