Kap. 1: Traditionsgeleitete Gesellschaften, Moral und Ethik in der der Antike (Einleitung).

INHALT

1. Allgemeingeschichtliche Bedeutung des Themas für die Antike und für spätere Epochen.

2. Der Unterschied zwischen moralischen und ethischen Systemen.

3. Die Bedeutung des Unterschiedes zwischen sittlicher Norm und sittlicher 'Realität' für den Historiker.

4. Tradition als Verfahren der Normbildung und ihre strukturelle Bedeutung für antike, traditionsgeleitete Gesellschaften.

5. Literatur , Medien, Quellen.

1. Allgemeingeschichtliche Bedeutung des Themas für die Antike und für spätere Epochen.

Das Thema, um das es geht, ist teils geistesgeschichtlicher, teils allgemeinhistorischer Art. 'Sitte' (Moral) und 'Brauch' (Tradition) gehören nicht nur in der sprachlichen Wendung ('Sitte und Brauch') , sondern auch tatsächlich zusammen. Die 'Sitte' ist als eine spezifische, nicht aus einer Setzung oder Entscheidung, sondern aus einer dauernden 'Übung' ('Gewohnheit') hervorgehende Form normativer Erwartungszusammenhänge von historisch grundlegender Bedeutung insbesondere für sog. 'traditionsgeleitete' Gesellschaften, wie wir sie in allen Epochen des Altertums vor uns haben, und sagen deshalb etwas Grundsätzliches über deren 'altertümlichen' institutionellen Aufbau. Über Sitte und Brauch eines Landes etwas zu wissen heißt aber - für die Antike wie für die Gegenwart - auch, etwas über einen wichtigen Bereich individuell-menschlicher und kollektiv-sozialer Motivation zu wissen, welche die 'soziale Realität' - wenn auch nicht völlig bestimmt, so doch - maßgeblich mitbewegt. Denn den ökonomischen Bedingungen und in den politischen Machtverhältnissen gegenüber, die die 'soziale Realität' als ein Gefüge der materiellen menschlichen Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten im allgemeinen zu markieren pflegen, sind sie dennoch ein eigendynamisches 'ideelles' Bewegungsprinzip, das auch geschichtlich immer wieder einmal in seiner besonderen Wirksamkeit hervortritt.

Sitte und Brauch begründen sich zumeist religiös, aber - ebenso wie ihre religiösen Ausgangsvorstellungen und entgegen ihren oft kategorisch auftretenden Geltungsansprüchen - sind sie nicht auf alle Zeit fest und alternativlos, sondern unterliegen geschichtlichen Prozessen des Wandels und der Differenzierung, inneren Widersprüchen und der Konkurrenz mit anderen Formen der Religion und Sitte, die - vor allem bei intenisven Verkehrs- und Kulturkontakten zwischen unterschiedlichen Traditionen - die Frage sowohl nach der Erkennbarkeit und ideellen Begründbarkeit des Richtigen in einer Vielfalt der sittlichen Geltungsansprüche aufwerfen, als auch die Frage nach den jeweiligen gesellschaftlich-strukturellen Geltungsgründen ihrer spezifischen Normativität.

Diese Fragen bewegten bereits die Antike und sie bewegen auch unsere Gegenwart. In der Antike entwickelten sich daraus einerseits etwa - zuerst im klassischen griechischen Raum - die philosophische Teildisziplin der 'Ethik' mit ihren verschiedenen 'Schulrichtungen' und andererseits 'universal' angelegte religiös-sittliche Systeme wie die des Christentums und anderer sittenprägender Formen eines ökumenischen Henotheismus oder Monotheismus. Diese Entwicklungen haben erhebliche geistesgeschichtliche Nachwirkungen bis in unsere Zeit gehabt und geben Maßstäbe moralischer Orientierung und Modelle ethischer Reflexion vor, die als geistesgeschichtliches Erbe der Antike auch in vielen Fragen fortwirken, welche wir heute an unser sittliches Handeln und seine Begründungsmöglichkeiten stellen.

2. Der Unterschied zwischen moralischen und ethischen Systemen.

Übung 1 a.

AUFGABEN:

1) In welchen größeren thematischen Zusammenhängen steht, soweit Sie es erkennen können, der im folgenden wiedergegebene Textauszug aus einem Werk Ciceros? Was wissen Sie über den Autor, das zur Beantwortung dieser Frage beitragen könnte?

2) Was ist die moralische Fragestellung in dem von Cicero behandelten Fall? Nach welchen Maßstäben würden Sie ihn lösen? Wie löst ihn Cicero und auf welche Maßstäbe beruft er sich dabei?

3) Fällt Ihnen ein Beispiel für die geistesgeschichtliche Nachwirkung der Geschichte von Damon, Phintias und dem Tyrannen Dionysios ein?

Ein Gebot der Vätersitte: Cicero, De officiis 3, 44 - 46.

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Cicero, De officiis - Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Heinz Gunermann, Stuttgart 1978, S. 258 f.

Übung 1 b.

Aufgaben:

1) In welchen größeren thematischen Zusammenhängen steht, soweit Sie es erkennen können, der im folgenden wiedergegebene Textauszug aus einem Werk des Aristoteles? Was wissen Sie über den Autor, das zur Beantwortung dieser Frage beitragen könnte?

2) Wie beschreibt Aristoteles das Glück, die Tugend und die moralischen Anlagen des Menschen und worin sieht er den Sinn einer Philosophie über solche Fragen ('Ethik')?

Ethik als praktische Philosophie. Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 2 - 14 und 2, 1 f. (1095 a 9 - 1103 b 26).

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Nikomachische Ethik. Übersetzung und Nachwort von Franz Dirlmeier. Anmerkungen von Ernst A. Schmidt, Stuttgart 1975, S. 8 - 36.

Die beiden hier präsentierten Textbeipsiele antiken sittenbezogenen Denkens lassen anschaulich erkennen, wo für dieses Denken der Unterschied zwischen einer moralischen Ordnung mitmenschlichen Verhaltens einerseits und einem systematisch-philosophischen (ethischen) Begründen oder Erklären moralischer Normen andererseits liegt.

In Ciceros Ausführungen über die Vereinbarkeit von Freundschaftsanforderungen und solchen der Ehrenhaftigkeit ist von einem moralischen Grundsatz die Rede, nach dem der Richter in einer Sache aus Gründen der Verläßlichkeit niemals Freundespflichten vor das Gebot der unparteilichen Amtsführung stellen, also parteilich sein darf. Er sieht in diesem Grundsatz ein Element einer 'von der Vorfahren überkommenen Sitte' ('mores maiorum'). Er läßt gleichzeitig erkennen, daß es in seiner Umwelt - Rom im 1. Jht. v. Chr. - auch eine 'Realität' pflichtwidrigen menschlichen Handelns gibt, die sich an solche Grundsätze oder an gerade diesen Grundsatz nicht hält, obschon er an sich sehr wünschenswert sei ('si eum teneremus'). Ferner bezieht sich Cicero mit der Geschichte von Damon, Phintias und dem Tyrannen Dionysios (II.) auf ein dem 4. Jht. v. Chr. zugehöriges Beispiel besonders vorbildichen sittlichen Verhaltens in einer Frage, bei der es um Freundespflichten geht, welche sich eng mit solchen der Ehre verbinden und im Zweifel sogar eine Selbstaufopferung verlangen. Die im Handeln erwiesene, besonders prinzipientreue Gesinnung des Damon steht für Cicero im Zusammenhang mit des Damon und seines Freundes Phintias 'pythagoräischer' Philosophie. Der Pythagoräismus ist eine philosophisch-religiöse Lehre, die ein besonderes Maß an Sittenreinheit und Frömmigkeit als Schritt auf dem Wege zu einer Vervollkommnung des menschlichen Wesens und seiner Annäherung an die göttliche Sphäre sieht. Hier nimmt Cicero auf ein ethisches System Bezug.

Der Aristoteles-Text geht von der geistigen Lebenswelt aus, in der sich der Philosoph befindet - dem Athen des 4. Jhts. v. Chr - und stellt dort verschiedene Typen von Sittlichkeit fest, nämlich

eine solche, die im Mittelpunkt ihrer Prinzipien das Streben nach dem 'materiellen' Glück des Alltags sieht, ferner

eine solche, die als oberen Wert die Ehre, d. h. die verduiente soziale Geltung wegen öffentlichwirksamer Leistungen und Tugenden, anstrebt und schließlich

eine solche, die sich aus der 'Philosophie' ergibt.

Er benennt damit unterschiedliche moralische Traditionen und aus ihnen hervorgehende praktische Konsequenzen, die sich etwa in einer Stadt wie Athen beobachten lassen, kritisiert aber zugleich die beiden erstgenannten Typen als teilweise unrichtig. Nur über eine philosophische Reflexion sei vielmehr ein in seiner Richtigkeit überzeugender Grundsatz sittlichen Verhaltens entwickelbar, nach dem wirklich maßgebliches Ziel sittlichen Handlens ein 'vollkommenes, allein von der geistigen Handlungsfähigkeit des Menschen abhängiges, in ihm von Natur aus als Möglichkeit angelegtes, jedoch durch Lernen und Übung auszubildendes Gutes' ('die sittliche Tugend', das 'AGAJON', das 'HJOS') sei. Aristoteles hebt den praktischen Zweck dieser Art von Philosophie, der 'Ethik', hervor und macht damit deutlich, daß sie nicht nur beobachten und beschreiben, sondern anwendbare und richtige Orientierungen vermitteln will. Insoweit wird ein Spannungsverhältnis zwischen bestimmten in Athen verbreiteten Moraltraditionen einerseits und den moralisch-prakzischen Konsequenzen ethischen Philosophierens deutlich.

Der Unterschied zwischen normalem, alltäglichem sittlichen Verhalten der Menschen einerseits und und einem ethisch-systematisch reflektierten sittlichen Verhalten besteht in Ciceros ebenso wie in Aristoteles Augen darin,

daß sich das erste über ein typischerweise unmittelbares, inneres Norm- und Werterkennen, d. h. im allgemeinen ohne größere zusätzliche Reflexion, an einem im Lebensumkreis des Individuums als geltend und üblich anerkannten Gefüge von Normen orientiert,

daß demgegenüber das zweite - soweit etwa wegen erkannter Normwidersprüche oder -unklarheiten erforderlich, aber auch aus generellem Erkenntnisinteresse - die Frage nach den prinizipiellen Geltungsgründen, der praktischen Anwendbarkeit, den eventuellen Geltungsgrenzen und dem normativen Rang sittlicher Postulate stellt.

Im ersten Falle handelt es sich bei dem normativen Gefüge um einen oder mehrere Komplexe im sozialen Lebensbereich eines Individuums auf irgendeine Weise allgemein vorgegebener, unmittelbare Geltung beanspruchender Erwartungen etwa für sein familiäres, geschäftliches, religiöses oder staatsbürgerliches Tun ('soziales System'). Um es in seiner im ganzen alternativlosen Bindewirkung zu begreifen, vergleicht man es am besten mit einem objektiven Sprachsystem, dessen Lautbestand, Wortformen und Syntax sich nach vorgegebenen, individuell kaum abänderbaren Regeln richten und von einem die Sprache sprechenden Individuum prinzipiell spontan und widerspruchslos benutzt werden müssen, damit eine friktionslose Verständigung zustandekommt. Aus diesem Grunde ist das umgangssprachlich geläufigere Wort 'Ordnung' geeignet, den Charakter solcher Systeme zu kennzeichnen; es wird im folgenden immer wiedr statt - statt des strikter wissenschaftlichen Terminus 'soziales System' Anwendung finden.

Im zweiten Falle geht es primär um philosophische Systeme im engeren Sinne, d. h. primär um individuell konzipierte und systematisierte Verfahren 'vernünftiger' Entscheidung zwischen mehreren in einer Lebenssituation als möglich erkannten moralischen Orientierungen, die allerdings in aller Regel an den jeweils allgemein vorgegebenen Moralvorstellungen anknüpfen. Als ideelle Systeme, die sie sind - können sie - bei entsprechender Verbreitung - etwa über Philosophenschulen - auch eine gewisse allgemeine Anerkennung erhalten; doch ist das nicht Bedingung ihrer Existzenz. Die praktischen Konsequenzen, die sich aus der Anwendung ethischer Überlegungen ergeben, plegen zwar nicht, können jedoch in starkem Maße von denen abweichen, die sich aus der 'alltäglichen' Umsetzung spontaner Erkenntnis einer lebensraumspezischen Moralordnung ergeben. Aus diesem Grunde kommt es gelegentlich durchaus zu Konfikten zwischen traditionellem Werterleben und ethischen Morallösungen (Besipiel: die sokratischen 'Paradoxien'), die hin und wieder auch zur Reaktion moralsichernder Institutionen führt (Beispiel: der Asebie-Prozeß gegen Sokrates).

Moralische Ordnungen sind in Bevölkerungen, denen sie zuzuordnen sind, üblicherweise weit verbreitet, wobei sich ihre Regeln vor allem auf familiäre und sonstige soziale Nahverhältnisse, auf religiöse, politische und ständische Gemeinschaften mit stark auf persönlichem Kontakt aufgebauten Verbindungen und auf Verkehrsverhältnisse in überschaubaren Regionen oder Lebensbereichen mit den dort auftauchenden typischen Interessenkonflikten und Verständigungs- oder Konfliktbereinigungsbedürfnissen zu beziehen pflegen..

Philosophisch-ethische Systeme sind demgenüber im allgemeinen in einer Population nicht weitverbreitet. Da es sich im allgemeinen um systematisch-theoretische Ansätze zur Lösung moralischer Fragen handelt, erfordern sie eine im sozialen Verkehr untypische und unpraktische innere Distanzierung von unmittelbaren, spontan erkannten Geltungsansprüchen sittlicher Normen und Werte. In längeren gedanlichen Operationen versuchen sie, etwa Fragen der Normpriorität, der Normkollision, der Parallelexistenz von Normsystemen oder der intersubjektiven Legitimation von Normsystem zu lösen. Im allgemeinen erfordern sie deshalb auch ein erhebliches Maß an Bildung. Das gilt nicht nur für die Antike, sondern auch für die heutige Gegenwart und prinzipiell für alle philosophisch-ethischen Systemansätze, soweit wenigstens man sie strikt als 'philosophische' versteht.

Allerdings läßt sich in einem weiteren Sinne überall dort, wo intensiv und systematisch über die praxisorientierte Begründung moralischen Tuns nachgedacht wird, sinnvollerweise - in einem weiteren Sinne - von 'Ethik' sprechen; 'Ethik' in diesem - weiteren - Sinne ist zwar nicht mit dem in der antiken Philosophie üblichen - engeren - Begriff einer philosophisch-systematischen Begründung moralischen Tuns identisch. Aber es ist unübersehbar, daß es es in Antike und Gegenwart

neben einer vorwiegend 'philosophischen' Systematik des Nachdenkens über das Sollen (philosophische Ethik) auch

eine vorwiegend politisch-ideell begründete Form (politische Ethik),

eine spezifisch religiös-ideell begründete Form (religiöse Ethik) und

eine spezifisch sittentraditionell begründete Form (traditionalistische Ethik)

geben kann und gibt.

3. Die Bedeutung des Unterschiedes zwischen sittlicher Norm und sittlicher 'Realität' für den Historiker.

Es ist offenkundig, daß 'sittliches Sollen' nicht ausschließlich das menschliche Handeln bestimmt. Seine Erwartungszusammenhänge sind den handelnden Menschen zwar zumeist bekannt, aber aus verschiedenartigen Gründen nicht immer handlungsbestimmend. Als Gründe lassen sich hervorzuheben:

a) unklare Maßstäbe moralischer Erwartungen, die aus Normkollisionen innerhalb einer bestimmten Moral-Tradition ebenso hervorgehen können wie aus einem desorientierenden Nebeneinander als gültig empfundener unterschiedlicher Moralsysteme.

b) ökonomische Zwangslagen, die moralisches Handeln als 'unvertretbar unnütz' erscheinen lassen, politische oder sonstige eine moralwidrige 'Anpassung' erfordernde Machtverhältnisse und auch starke 'persönliche Bedürfnisse und Wünsche', die zu einer Mißachtung an sich bestehender klarer Normen eines als verbindlch angenommenen Moralsystems führen.

Diese Faktoren erzeugen eine 'Realität der Sozialbeziehungen', die in starkem Maße mit den an sich als gültig anerkannten Nomen nicht übereinstimmt. Ein Historiker darf das von ihm beobachtetet an sich moral-widrige Verhalten in einer historischen Bevölkerung aber nicht allein unter moralischen Aspekten als 'unerlaubte Abweichung' verstehen. Denn dies würde bedeuten, einen bewertenden Standpunkt historisch zu verabsolutieren, obschon deutlich ist, daß Moralsysteme von zwar längerfristiger, aber in vielen Elementen nicht dauerhafter Natur sind. Man würde also den Blick von bedingenden Faktoren, die bei ihrer Entstehung und Veränderung auch eine gewisse Rolle spielen, abwenden.

Allerdings haben auch Moralsysteme und ethische Systeme, vor allem solche mit starkem praktischen Impetus und einer gewissen Verbreitung, auf ihre Weise 'realen'Charakter. Sie sind - trotz der erwähnten eingrenzenden Bedingungen - relativ autonom existierende kollektiv-ideelle Erwartungszusammenhänge normativer Art, die ihrerseits Einfluß auf die 'soziale Realität' menschlichen Handelns nehmen, indem sie sich ggf. sogar ihren Zwängen oder dominanten Strömungen widersetzen. Im äußersten Falle wird dies an der bis zur Aufgabe des eigenen Lebens gehenden Mißachtung äußerer Nötigung im Typus des Märtyrerverhaltens erkennbar, wie er in der antiken Geschichte ebenso wie in anderen Geschichtsepochen und Kulturräumen - bis hin zur aktuellen Gegenwart - immer wieder einmal , manchmal spektakulär, hervortritt. Moralische und ethische Systeme dürfen vom Historiker deshalb nicht ohne weiteres als historisch unwichtiges, scheinhaftes Gedankenwerk abgetan oder als 'Ideologie' zur Bemäntelung irgendwelcher 'substanziellerer' Bedürfnisse und Interessen mißdeutet werden, sondern müssen in ihrem sozialsystemischen Charakter, in ihrer normativen Bindewirkung und in ihrer u. U. gewaltigen motivierenden Kraft verstanden undfür historische Erklärungen in Rechnung gestellt werden

4. Tradition als Verfahren der Normbildung und ihre strukturelle Bedeutung für antike, traditionsgeleitete Gesellschaften.

Wie die schon erwähnten objektiven Sprachsysteme gehen moralische Systeme aus langen, nicht von Menschen geplanten und zielgerichtet gestalteten Formationsprozssen als systemisch strukturierte Ordnungen sozialen Lebens hervor, die innere Anerkennung bei den zumeist in sie Hineingeborenen zu finden und über verschiedenartige Institutionen in ihrer Geltung stabilisiert und gegen Abweichungen durchgesetzt zu werden pflegen. In der zumeist generationsvermittelten Übertragung der Anerkennung solcher Ordnungen liegt ein Hinweis auf ihren Charakter als Element der 'Tradition', d. h. eines in verwandtschaftsähnlichen Verhältnissen größeren oder kleineren Umfangs üblichen Verfahrens des Lernens und der normativen Konsensbildung.

Kann man daher moralische Ordnungen als 'traditionsbestimmt' bezeichnen, so sind demgegenüber ethische Systeme der ideelle Untergrund eines auf bewußter Selektion aus Alternativen und daraus folgender Dezision beruhenden sittlichen Handelns. Sie können damit als Bezugssysteme eines Verfahrens 'nicht-traditioneller', sondern eher zielgerichtet gestalteter Lösung moralischer Fragen betrachtet werden, auch wenn dies im Alltag der moralischen Praxis zumeist nicht deutlich zu werden pflegt.

Dieser typologische Unterschied der Verfahren weist ebenso wie ihr unterschiedlicher Verbreitungsgrad in einer Bevölkerung darauf hin, daß im Rahmen einer Gesellschaft unterschiedliche Verfahrensweisen der Normbildung nebeneinander bestehen und sich entwickeln können. Je nachdem, in welcher Häufigkeit und Bedeutung für die Praxis sie auftreten, bestimmen sie auf charakteristische Weise das normativen Gefüges einer Gesellschaft.

In angemessen modifizierender Anlehnung an die von Max Weber entwickelte Typologie der Herrschafts-Legitimation lassen sich für die Geltung von Normen verschiedenen Legitimationstypen benennen, nämlich die Legitimation

a) aus der Behauptung eines höheren, die Norm erheischenden göttlichen Willens (religiöse Normlegitimation),

b) aus einer langen Übung, deren Ergebnis als erprobte, alternativlos richtige Lösung eines in Frage stehenden Problems gilt (traditionale Normlegitimation),

c) aus einem Verfahren der anerkannten Bildung gemeinschaftlsverbindlichen Willens unter denjenigen oder für diejenigen, die von einer Regelung betroffen sind (politische Normlegitimation), und schließlich

d) aus der Behauptung einer besonders vertrauenswürdigen und weitblickenden Vernunft, die einer Norm zugrundliege und ihr eine zwingende, sachliche Autorität verleihe (rationale Normlegitimation).

Wo die Form tradititionslegitimierter Normbildung in großem Umfang die politischen Verfahren, das Recht, das Wirtschaften, die Abläufe und Gesellungsformen des sozialen Lebens, die Alltagszivilisation, das religiöse und geisteskulturelle Leben bestimmt, spricht man vom Typus einer 'traditionsgeleitenen Gesellschaft'. Diesen Typus haben wir, wenn auch in unterschiedlicher Ausformung, in allen bekannten Gesellschaften der antiken Welt vor uns. Das gilt sowohl für stammesartig organisierte Völker mit einem Minimum an politischer Organisation, wie sie etwa Tacitus für den Bereich der 'Germania' beschriebt, als auch für kleinere Territorialreiche - wie z. B. das biblische Israel oder Juda - und Polis-Staaten - wie z. B. das klassische Athen - des schon hochkulturell geprägten und damit in starkem Maße auch geplanter menschlicher Gestaltung eröffneten antiken Mittelmeerraums als auch für große Reichsbildungen etwa der hellenistischen oder römischen Zeit, die in besonderem Maße geplante und weitgreifende Intergrations- und Organisationsleistungen voraussetzen.

Für das Verfahren der Normbildung durch Tradition lassen sich folgende typischen Elemente hervorheben:

a) Sie bezieht sich in der Antike zumeist auf einen ethnischen Zusammenhang: die Bevölkerung einer Landschaft, eines Stammes, einer Stadt oder eines Volkes, das aufgrund einer Herkunftslegende als verwandtschaftsähnlich ´gedacht wird. Sie kann auch religiösen Gemeinschaften oder ständischen Gruppen oder anderen Populationsausschnitten zugeordnet werden, die sich als verwandtschaftsähnlich vorstellen lassen. Die Etymologie solcher Worte wie griech.'EJOS' {'ethos'}, ‘HJOS' {'eethos'), 'AGAJOS' ('agathos'), lat. 'suus', suetus', 'consuetudo', 'mos' (einschließlich der Wortverbindung 'mos maiorum'), 'bonus' oder deutsch 'Sitte', 'Brauch', 'Herkommen' und 'gut' weist auf den ursprünglich ethnischen oder sonst verwandtschaftsförmig gedachten Bezug dessen hin, was mit dem heute wisssenschaftssprachlichen Begriff 'Tradition' gemeint ist. 'Tradition' in diesem Sinne ist etwas strukturell Grundsätzliches und Umfassendes, das über den heutigen Bedeutungsgehalt etwa des Wortes 'Sitte' weit hinausgeht.

b) Geltungsgrund ist, wie erwähnt, typischerweise die lange geübte, auf 'die Vorfahren' oder ihnen in ihrer Bedeutung ähnliche persönliche Autoritäten (Gründer, Weise, Könige, Heroen) zurückgeführte, in ihrer Richtigkeit und Nützlichkeit als alternativlos angesehene Praxis des familiären, privatgeschäftlichen und auch öffentlichen Lebens.

c) Die Vermittlung erfolgt typischerweise über die Familie und Verwandtschaft und andere Instanzen des sozialen Nahbereichs und wird dort auch zumeist sozial ebgesichert. Aber auch Gerichte und politische Autoritäten pflegen sich in ihren Dienst zustellen, soweit die Traditionsgeltung im großen und ganzen unumstritten ist.Wird die Traditionsgeltung nachhaltig in Frage gestellt, pflegen andere Normbildungsverfahren an ihre Stelle zu treten.

In den erwähnten antiken Formen traditionsgeleiteter Gesellschaft finden sich deshalb auch andersartige Normlegitimationsverfahren in größerem oder geringerem Umfang. Weit verbreitet ist neben dem traditionalen Typus auch der religiöse Typus, in der Regel sogar in der Weise, daß er mit dem traditionalen eine enge Verbindung eingeht; das gilt nicht nur für das insoweit exemplarische biblische Israel und Juda, sondern auch für das alte Ägypten, Babylonien und Assyrien, für Griechenland und Rom und für die den antiken Hochkulturen benachbarten 'Barbaren'-Völker, soweit sie bekannt sind, gleichermaßen. - Die politische Normlegitimation entwickelt sich in den griechischen Polis-Staaten, in der römischen Republik und im römischen Kaiserreich neben der tradititionalen zu beachtlichem Ausmaße, verdrägt jedoch nie die grundlegend bleibenden normativen Traditionen der gesellschaftlichen Ordnung; selbst in der wegen ihrer umfänglichen Rechtskodifikationen berühmten Spätantike steht hinter dem 'positiven', zumeist fallbezogen regulierende Kaiserrecht stets ein zumeist ein weitaus umfänglicherer Komplex normativer Tradition (Gewohnheitsrecht), der bei der Gesetzesanwendung als gültig vorausgesetzt wird. - Auch der Typus 'rationaler Normlegitimation' ist in der Antike gelegentlich in wichtigen Zusammenhängen präsent, wenn auch nicht in dem Maße wie etwa in heutigen 'wissenschaftlich-technologisch' orientierten Gesellschaften; in der Antike findet er sich etwa in einem spezifisch antiken 'Naturrechts- und Völkerrechtsdenken' wieder oder auch in den sittlichen Anforderungen ethischer Systeme, die, wenn man sie alle zusammennimmt, von gewisser prägender Bedeutung auch für ihre Zeit waren.

Die charakteristische Mischung der Normlegitimationstypen in antiken Gesellschaften tritt deutlich hervor, wenn man sie mit derjenigen in 'modernen' Gesellschaften vergleicht. Für heutige Gesellschaften zumindest 'westlichen' Typs gehört es nicht nur zum Selbstverständnis, sich als 'modern', d. h. als 'nicht-traditionell', und als 'säkularisiert', d. h. als 'nicht-religiös bestimmt, zu begreifen. Vielmehr gibt es tatsächlich auf fast allen Lebensgebieten tonangebende Normierungsverfahren entweder des 'rationalen' oder des 'politischen Legitimationstyps': Politischer Wille wird durch einen sich weitgehend allkomtenent füjlenden Staat gebildet, das Recht wird fast nur als 'Gesetzesrecht' erlebt, das soziale Leben unterliegt im öffentlichen Bewußtsein ständigen 'Umbrüchen' und 'Umorganisationen' in direkter oder indirekter Konsequenz menschlichen Planens und Gestaltens, das Wesen der Wissenschaft wird wesentlich in Neuentdeckungen gesehen, die Technologie erzeugt ebenfalls dauernde 'Neuerungen', und selbst das 'menschliche Bewußtsein' soll sich ständig 'wandeln' - wenn nicht 'revolutionär', so doch wenigstens in 'Zukunftsoffenheit', 'Toleranz' und 'Flexibilität -, um sich an irgendwelche 'vernünftigen' Programme, Grundsätze und Postulate irgendwelcher politisch oder rational zur Entwicklung von Maßstäben legitimierter Institutionen des gesellschaftlkichen Lebens 'anzupassen'.

Allerdings ist auch in 'modernen' Gesellschaften die 'Tradition' noch und weiterhin notwendig in erheblichem Umfang als Legitimationstypus wirksam, ebenso wie das auch für den 'religiösen' Legitimtationstypus gilt . Zu dem Bestand dessen, was auch in heutiger Zeit aufgrund der Tradition und der religiösen Grundüberzeugungen normativ gilt, gehört unter anderem auch das wirkungsgeschichtliche Erbe der Antike im Bereich der Relgion und staatlichen Ordnung, der Sprache und Bildung, der Kunst und Wissenschaft und nicht zuletzt der Moral und Ethik.

5. Literatur , Medien, Quellen.

Literatur:

Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Wirtschaft und Gesellschaft (EE 1921, hg. von J. Winckelmann), Tübingen 1972 (5) , S. 19 (Geltungsgründe der legitimen Ordnung: Tradition, Glauben, Satzung), S. 124 (Die drei Typen legitimer Herrschaft: rationale, traditionale und charismatische Herrschaft), S. 130 ff. (Traditionale Herrschaft und Wirtschaft), , S. 187 ff. (Rechtsordnung, Konvention und Sitte), S. 234 ff. Ethnische Gemeinschaftsbeziehungen), S. 245 ff. (Religionsspziologie).

Siegfried Wiedenhofer, Tradition, in: O. Brunner, W. Conze, R. Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Hiistorisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, 8 Bde., Stuttgart 1972 - 1990, Bd. 6 (Stuttgart 1990), S. 607 - 650.

Niklas Luhmann, Rechtssoziologie, Hamburg 1972, S. 132 ff. (Recht als Struktur der Gesellschaft), S. 207 ff. (Positives Recht).

F. R. Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung, München 1988, S. 157 ff. (Institutionelle Übersicht).

Shmuel M. Eisenstadt (Hg.), Kulturen der Achsenzeit. Ihre Ursprünge und ihre Vielfalt (mit Beiträgen zu allen Weltkulturen), hg. von , 2 Bde. ( Teil 1: Griechenland, Israel, Mesopotamien; Teil 2: Spätantike, Indien, China, Islam), Frankfurt 1987.

Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, Freiburg 1997 3.

Alexander Demandt, Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike, Köln 1993.

Hans Fenske, Dieter Mertens, Wolfgang Reinhard, Klaus Rosen, Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt M. 1996.

Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie mit Quellentexten. Auf Grundlage der verschiedenen Bearbeitungen von E. Metzke, H. Knittermeyer, E. Grassi und E. Kessler neu herausgegeben von H. Schnädelbach u. a., Bd. 1: Altertum. Durchgesehen und mit einem Nachwort versehen von M. Forschner, Hamburg 1990.

Alasdair MacIntyre, Geschichte der Ethik im Überblick. Vom Zeitalter Homers bis zum 20. Jahrhundert. Übersetzt von Hans-Jürgen Müller, (1966) Frankfurt M. 1991.

Jan Rohls, Geschichte der Ethik, Tübingen 1991 [Von der Antike bis zur Gegenwart]

Quellen:

Cicero, De officiis - Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Heinz Gunermann, Stuttgart 1978.

Aristoteles, Nikomachische Ethik. Übersetzung und Nachwort von Franz Dirlmeier. Anmerkungen von Ernst A. Schmidt, Stuttgart 1975.


LV Gizewski WS 2001/2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de))

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