Kap. 4: Sitte als politisch anerkanntes Recht und ihre Institutionen in der Antike.

INHALT

1. Zu Herkommen, politischer Loyalität und Gesetzgebung in antiken Gemeinwesen im allgemeinen.

2. Das Verfassungsherkommen und die Formen politischer, militärischer und ständischer Moral in Griechenland und Rom.

3. Das Herkommen im Sittenaufsichts- und Strafrecht.

4. Das 'Gewohnheitsrecht', insbesondere in der Familienordnung und im Privatgeschäftsverkehr.

5. Das Herkommen in antikem 'Völkerrecht'.

6. Literatur, Medien, Quellen.

1. Zu Herkommen, politischer Loyalität und Gesetzgebung in antiken Gemeinwesen im allgemeinen.

Die Verbindung von traditionaler und politischer Legitimation ist die zweite in der Antike weit verbreitete Form komplexer Begründung normativer Ordnungen. D. h.: der Hinweis auf ein valides Herkommen in Verbindung mit dem auf ein gerechtfertigtes Interesse des allgemeinen Wohls oder eine Notwendigkeit der Anwendung und Hinnahme von Herrschaft vermag - ähnlich wie die Verbindung von traditionaler und religiöser Legitimation - in einer antiken gesellschaftlichen Ordnung im allgemeinen ausreichend zu begründen, warum bestimmte Rechte bestehen und bestimmte Pflichten einzuhalten sind.

Politische Institutionen sind in antiken Gesellschaften ebenso tief verwurzelt wie Religionen. Ihre Entstehung gilt in der geschichtstheoretischen und kulturantropologischen Modellbildung für die Entwicklung menschlicher Gesellschaften als eines der typischen Merkmale, die die Existenz einer 'Hochkultur' indizieren. Mit ihnen beginnt also die Geschichte der Hochkulturen. In diesen dienen sie der überwandschaftlichen Organisation größerer menschlicher Populationen für administrative, wirtschaftlich-reproduktive, militärische und kultisch-religiöse Zwecke. In der Geschichte des vorderorientalisch-mediterranen Altertums gibt es sie vom Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. an. Entsprechend ihrer zentralen Aufgabe in gesellschaftlichen Ordnungen bestimmen sie die Geschichte der Hochkulturen maßgeblich und haben folglich eine lange, auch in den historischen Quellen deutlich hervortretende Tradition.

Typologisch lassen sich

a) 'Herrschaftssysteme', in denen 'Regierung' i. w. S. weitgehend 'für' eine Bevölkerung, d. h. ohne deren politische Mitwirkung und ohne eine Legitimierung durch sie, ausgeübt wird, und

b) 'Gemeinwesen', in den 'Regierung' prinzipiell als Angelegenheit aller Rgeierten oder zumindest eines größeren Teils von ihnen verstanden wird,

unterscheiden. Handelt es sich beispielsweise bei den - oftmals auf weiträumigen Eroberungen beruhenden und im wesentlichen militärisch gesicherten - großen altorientalischen Reichsbildungen um 'Herrschaftssysteme', so haben etwa die Stadtstaatenbildungen des antiken mediterranen (greichischen, etruskischen, römischen und karthagischen) Bereichs regelmäßig einen 'Gemeinwesen'-Charakter, und zwar zumeist selbst dann, wenn es sich um 'Monarchien' oder 'Aristokratien' handelt. Abgrenzungsfragen brauchen an dieser Stelle nicht eingehender erörtert zu werden: in der Regel enthalten politische Systeme in irgendeinem Umfang aber jeweils sowohl Elemente eines 'Herrschaftssystems' als auch solche eines 'Gemeinwesens'; für eine typologische Einordnung kommt es auf die Bedeutung dieser Elemente in ihrem Verhältnis zueinander an.

Besonders deutlich wird der Unterschied der System-Typen an ihren Rechtsordnungen. Während in Herrschaftssystemen wegen fehlenden Rechenschafts- und Abstimmungsnotwendigkeiten gegenüber den Regierten das, was rechtlich gilt, entweder als Tradition vorausgesetzt oder fingiert wird und zwar häufig 'interne' Regierungsanweisungen, eher selten jedoch Klarstellungen des Rechts für eine Gesamheit der Regierten vorkommen, so ist demgegenüber die Ordnung des Rechts in 'Gemeinwesen' eine allgemein interessiertende, prinzipiell öffentlich diskutierte und dabei ggf. auch umstrittene Angelegenheit (lat. 'res publica'), die in besonderem Maße der Entwicklung einer kontinuierlichen - sowohl klarstellenden als auch neuregelnden - 'Gesetzgebung' förderlich ist.

Dennoch geht auch in Gemeinwesen der antiken Welt - selbst in Athen und Rom - aus einer Gesetzgebung in diesem Sinne - verglichen mit dem aufgrund des Herkommens geltenden Recht - nur einen kleines Teil der gesamten Rechtsordnung hervor. Das Wesentliche an dem gesetzten Recht ist allerdings auch nicht seine Menge, sondern sein Charakter als verfahrensmäßig disponible, politisch regulierbare normative Materie. Aus Anfängen spätestens des 8./7. Jhts. v. Chr., in denen etwa die kodifikatorische Klarstellung des traditionell Gültigen vorrangige Bedeutung hat, entwickelt sich erst in einem längeren Prozeß eine Gesetzesgebungspraxis, in der die Neuordnung rechtlicher Materien - notfalls auch gegen die Tradition - zu einer politischen Alltagsangelegenheit wird. Diese Entwicklung hängt maßgeblich vor allem ferner mit der Ausdifferenzierung und Erweiterung der politischen Struktur bedeutender Stadtstaaten wie Athen und Rom zusammen; ihre besondere innere und äußere politische Entwicklung erfordert - mehr als die Lage anderer Gemeinwesen - eine zumindest in Teilen stark dynamische, anpaßbare Rechtsordnung.

Schemata der solonischen und der kleisthenischen Verfassung in Athen .

Schema der römischen Verfassung in der Zeit der späten Republik.

Abbildungen entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1 (Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. Graphische Geslatltung der Abbildungen von Harald und Ruth Bukor, S. 54 und 74.

Das Herkommen bildet vielmehr generell auf verschiedene Weise - sowohl in Stadtstaaten wie Athen und Rom als auch in anderen antiken Gemeinwesen - die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung und auch des politischen Systems. Dabei handelt es sich

a) um ein Herkommen, das sich im Laufe langer Zeiträume aus gleichförmigen Abläufen in den politischen Institutionen entwickelt und etwa die Kompetenzen von Amtsinhabern, die Rechte von Bürgern oder die Verfahren politischer und gerichtlicher entscheidung betrifft;

b) um ein Herkommen außerhalb der politischen Institutionen, das jedoch durch diese geschützt und stabilisiert wird - wie etwa Ordnungen de s religiösen Kults, des Familien- und Verwandtschaftslebens oder der Besitzrechte oder des Geschäftsverkehrs.

Dem Herkommen als Legitimationsprinzip steht im poltischen Bereich antiker politischer Systeme das der politisch verändernden Setzung kraft Verfahrens gegenüber, wie es vor allem etwa in der Gesetzgebung hervortritt.

In starkem Maße prägt das Herkommen erstens also die Verfassungspraxis der hohen Politik da, wo es keinen politischen Streit und nichts Neues zu regeln gibt - und das ist oft der Fall. Auch in der heutige Gegenwart gibt es ja Elemente des Herkommens an bedeutender Stelle in der Verfassungsordnung, denkt man etwa an die sog. 'Grundwerte' der Verfassung; aber insgesamt sind sie heute weitaus geringer im Umfang als in antiken Gemeinwesen.

Das Herkommen prägt ferner weitgehend die im allgemeinen konservative Moral der politischen Standespersonen, des Militärs und der Staatsbürger im allgemeinen. In klassisch-griechischer und in römisch-republikanischer Zeit ist das Herkommen ('ethos' - 'eethos'; 'mos maiorum') darüber hinaus sogar auch Ausgangsbasis einer philosophisch untermauerten Ethik öffentlichen Handelns; als Beispiele können dafür die politisch-ethischen Systementwürfe Platons und Ciceros genannt werden.

Im Strafrecht und im Sittenaufsichtsrecht spielt das Herkommen insebsondere in den grundlegenden Wertungen und Rechtsprinzipien - bis hin zu den Straf- und Sittenwidrigkeitstatbeständen, die gesetzlich nur parteill geregelt zu sein pflegen - eine dominante Rolle. D. h.: eine Vielzahl tief in die Individualrechte eingreifender Rechtssätze ist nicht, wie in unserer Gegenwart, gesetzlich bis ins Detail geregelt, sondern ihre Feststellung und Interpretation erscheint den anwendenden Beamten, Gerichten und straf- oder sittenrechtlich agierenden Privatpersonen aufgrund des Herkommens als weitgehend unproblematisch und jedenfalls nicht im Wege der Gesetzgebung erforderlich; die Interpretation dieses Herkommens - wie der Gesetze - erfolgt in Rom etwa durch die 'Jurisprudenz', d. h. durch den Stand der besonders rechtskundigen Juristen: ihre Sache ist es, Definitionen zu geben und komplizierte Rechtsfragen systematisch-theoretisch zu lösen.

Von starker, angesichts etwa der relativ gut erhaltenen römischen Gesetzes-Überlierung im allgemeinen unterschätzter Bedeutung ist das Herkommen ferner als 'hergebrachte Rechtssitte' oder 'Gewohnheitsrecht' sowohl in der rechtlichen Ordnung des Familien- und Verwandtschaftslebens als auch im Privatgeschäftsverkehr. Wie in unserer Gegenwart zum Beispiel 'gute Sitten' oder 'Orstbräuche' nicht gesetzliche Elemente des Herkommens in der Privatrechtsordnung darstellen, so ist in antiken Gemeinwesen die Berücksichtigung landschaftlicher, ethnischer, örtlicher oder ständischer Rechtsgewohnheiten, sofern sie gesetzlich oder aus anderen Gründen nicht deutlich ausgeschlossen ist, üblich und zulässig.

Sogar - und notwendigerweise - im politischen Verkehr verschiedener Völker und im kommerziellen Verkehr ihrer Angehöriger miteinander - gilt ein gewisses in den Herrschaftssystemen oder Gemeinwesen einseitig anerkanntes Herkommen, das man als 'antikes Völkerrecht' bezeichnen kann.

Übung 4 a.

AUFGABEN:

In der (in Abschnitt 2) nachfolgenden Beschreibung der athenischen Verfassung durch Aristoteles drückt sich das Herkommen des Staates an vielen Stellen deutlich aus. Zugleich wird deutlich, daß das Herkommen vielfältige gesetzliche Modifikationen erfahren hat.

a) Welcher Zeit ordnen Sie die beschriebenen verfassungsrechtlichen Zustände Athens zu?

b) Stellen Sie zusammen, was Sie als Tradition des attischen Verfassungslebens ausmachen können.

c) Welche Arten gesetzlicher Eingriffe in die Tradition können Sie feststellen?

2. Das Verfassungsherkommen und die Formen politischer, militärischer und ständischer Moral in Griechenland und Rom.

Nach den Gründungslegenden Athens und Roms, wie sie in der Literatur des griechisch-klassischen 5. Jhts. v. Chr. (z. B. bei Thukydides, Aischylos, Euripides, Aristophanes; in späterer Zeit etwa bei Plutarch) einerseits, der späten römischen Republik und der frühen Kaiserzeit (z. B. bei Cicero, Dionysios von Halikarnassos oder Livius; in späterer Zeit twa bei Plutarch) andererseits überliefert sind, sind die Grundzüge der poltischen Verfassung dieser Gemeinwesen seit ihren Anfängen gegeben; sie werden von berühmten Gründer-Königen geschaffen. In Athen ist schon Kekrops, der älteste, noch vor der deukalionischen Flut regierende König Attikas, nicht nur der Erde Attikas entsprossener und den Göttern - als Schiedrichter im Streit zwischen Athene und Poseidon über Attika - ebenbürtiger Ur- und Übermensch, sondern auch Erbauer der Akropolis und erster Gesetzgeber des attischen Volkes. Der spätere athenische König Theseus gilt den Athenern des 5. Jhts. v. Chr. jedoch als eigentlicher Gründer-König ihres Gemeinwesens; er ist nicht nur - wie Herakles - als Vollbringer legendär allgemeinnützlicher, seine Umwelt von ungezügelt bösartigen Riesen und Ungeheuern befreiender Heldentaten, nicht nur als Befreier Athens aus der lähmenden Abhängigkeit von dem kretischen Minotaurus und als Heerführer im Kampfe gegen ein nach Attika eindringendes Amazonenheer, sondern auch als Begründer des attischen 'Synoikismmos'(Thukydides 2, 14) - der Zusammenfassung ganz Attikas in einem Gemeinwesen - und als Begründer aller dazugehörigen politischen Institutionen Athens (wie des Archontats, des Areopags, der Ekkesie oder der politisch-religiösen Festspiele), ja sogar schon als entschiedener Verfechter der Demokratie. Für die Anfänge Roms ist etwa bei Dionysios von Halikarnassos (2, 9 ff.) von Romulus nicht nur als Erbauer der Stadtmauern und Anwerber einer Stadtbevölkerung aus Heimatlosen und Nachbarn der Römer, sondern auch als Schöpfer der grundlegeneden Züge einer römischen Verfassung mit einem König, einem Senat und einem Volk als staatstragenden Elementen, des Patrizier- und des Plebejerstandes, des Patronats und der absoluten 'patria potestas' gegenüber Frau und Kindern die Rede. Den auf Romulus folgenden Königen werden andere Gründungs- und Gesetzgebungsakte von grundsätzlicher und traditionsstiftender Bedeutung (Auspizien- und sonstiges Kultwesen, Politische Symbole, Kriegswesen, Gerichtswesen, Bürger- und Zensusrecht,verschiedene Grundsätze des Straf- und Privatrechts) zugeschrieben.

Daß alle wichtigen Grundlagen der späteren Gemeinwesen Athen und Rom als schon ihrer Frühzeit angelegt, ja von weisen Gesetzgebern vorausschauend eingeführt worden seien, ist zwar historisch unwahrscheinlich. Es läßt aber erkennen, in welcher Weise und in welchem Maße dem politischen Herkommen sowohl in Athen als auch in Rom Bedeutung beigemessen wird. Da die legendären Gründungsakte nicht in zuverlässigen Quellen schriftlich fixiert, sondern als 'von Anfang an geltend' nach letzlich unbelegbarer allgemeiner Überzeugung überliefert sind, ist der Hinweis auf eine uralte Überlieferung in manchen Fällen sicherlich nichts weiter als der Hinweis auf ein tatsächlich die Gegenwart bestimmendes Herkommen der politischen Praxis, das jedoch auch auf andere als die berichtete legendäre Weise entstanden sein kann und zumeist auch entstanden sein dürfte. Generell muß man ja davon ausgehen, daß auch das, was als 'Herkommen' eine jeweilige Gegenwart bestimmt, sich in ständigem historischen Wandel befindet, auch wenn dieser langsam und eher unmerklich vor sich geht, d. h. nicht so deutlich markiert ist wie bei einer durch dauernde Gesetzgebung veränderten politischen Ordnung. Mit dem, was in Athen und Rom als 'uraltes Herkommen' gilt, dürften dabei also überwiegend nicht das gemeint sein, was im Kern unverändert den legendär angenommenen Gründungsakten einer jeweiligen Anfangszeit entstammt, sondern das, was sich aus der faktischen politischen Praxis späterer Jahrhunderte als regelhaftes, tonangebendes 'Herkommen' (lat. mos maiorum) 'entwickelt hat.

Das Herkommen in diesem Sinne wird dort in seinem legitimierenden Einfluß begrenzt, wo es aus politischen Gründen zu ständigen oder zu tiefgreifenden Neuregelungen kommt. Das ist weitgehend bei den verschiedenen Formen antiker Gesetzgebung der Fall, d. h. bei einer politischen Normierung, die typischerweise Rechte, Pflichten und Verfahrensweisen nach Adressatenkreis und Regelungsgegenstand allgemein faßt und sich einer veröffentlichten Schriftform bedient. In älteren Zeiten werden Neuregelungen einfach auch als bindende politische Beschlüsse ohne die später übliche Gesetzesform vorgenommen; dies ergibt sich allen schon aus der relativ späten Verbreitung des alltäglichen Schriftgebrauchs im mediterranen Bereich seit Beginn des 1. Jahtausends v. Chr. Wo derartige politische Beschlüsse bzw. eine Gesetzgebung sich nicht im wesentlichen darauf beschränken, ein Herkommen klarzustellen, liegt eine Veränderung vor, sei es durch Uminterpretation, sei es durch eingehendere Regelung, sei es durch Neuformulierung von Regelungstatbeständen. Eine Legitimation solcher 'Neuerungen' ergibt sich naturgemäß nicht aus einem 'Herkommen', sondern aus aus politischen Gründen in Verbindung mit i. w. S. 'rational' abgeleiteten Anderungsnotwendigkeiten, und dies isteine andersartige Form komplexer Legitimation, nämlich die - in der heutigen Gegenwart übliche, in der Antike aber nur langsam sich verbreitende - Verbindung politischer und rationaler Legitimation. In Athen und in Rom werden derartige Veränderungen, wenn sie allzu sehr mit der Vergangenheit brechen, gelegentlich in einem nicht nur abwertenden, sondern sogar feindseligen Sinne als 'neoterimsos' bzw. 'res novae' bezeichnet und können heftigen politischen Widerstand erzeugen. Daran ist dann erkennbar, daß und mit welcher Spannung sich unterschiedliche Legitimationsprinzipien gegenüberstehen. Sie pflegen sich mit parteilichen politischen Interessen zu 'Ideologien' antiken Typs zu verbinden, aber auch 'rein ideell', als Überzeugungen von richtigem Leben und richtiger Ordnung, heftig zu kollidieren.

Für Athen ebenso wie für Rom sind schon in den frühest quellenmäßig belegbaren Epochen ihrer Geschichte größere, politisch geplante und durchgesetzte Veränderungen im Gefüge der politischen Institutionen bekundet, und diese setzen sich in der weiteren Geschichte fort. Die Ersetzung des Königtums in Athen durch eine Aristokratie, deren Modifikation durch die gesetzgeberischen Reformen Drakons und Solons, die kleisthenische, die perikleische Verfassungsreform und alle späteren - Aristoteles zählt bis zu seiner Zeit in seiner Schrift über den 'Staat der Atehener' insgesamt elf - , dazu die Vielzahl der die öffentlichen Angelegenheiten immer wieder betreffenden Einzelgesetze, von denen wir Kentnis haben, machen deutlich, daß dem Herkommen in Athen beginnend mit dem 7. Jht. v. Chr. ein zunächst allmählich und dann schnell zunehmendes Gewicht der neuregelnden politischen Beschlüsse bzw. einer neuregelnden Gesetzgebung gegenübertritt. In ähnlicher Weise wird für Rom - sieht man von den nur hypothetisch rekonstruierbaren, aber dennoch nicht unwahscheinlichen Verfassungsänderungen während der 'Königszeit' einmal ab - seit der Ersetzung des Königtums durch eine Regierung von Jahresbeamten eine Vielzahl wichtiger institutioneller Änderungen überliefert, und mit dem 12-Tafel-Gesetz d. J. 451/450 setzt auch eine in den folgenden Jahrhunderten immer stärker werdende, in der überkommenen Literatur und in Inschriften belegbare Tendenz zu einer formell gesetzgeberischen Neuregelung der politischem Verhältnisse durch 'leges' ein.

Dennoch wird dadurch die politische Tradition als Legitimationsprinzip im staatlichen Lebens beider Gemeinwesen nicht etwa gegenstandslos, auch wenn sie - wie schon erwähnt - jeweils allmählichen, nicht-verfahrensmäßig bewirkten historischen Veränderungen unterliegt. Das zeigt sich allerdings erst in eingehenderen Analysen bestimmter Regelungskomplexe, wie sie hier nur ansatzweise und exemplarisch möglich sind.

In Athen läßt sich das etwa in der Zeit, in der Aristoteles seine Schrift über die poltische Verfassung der Athener erstellt, an der Art ablesen, in der Elemente früher Verfassungsordnung nach elf größeren Verfassungsänderungen in der um das Jahr 325 v. Chr. gültigen Verfassung Athens, , wenn auch erheblich modifiziert, aufbewahrt geblieben sind. Obschon zu dieser Zeit zum Beispiel die Ämter der 9 Archonten, des 'archon eponymos', des 'archon polemarchos', des 'archon basileus' und der sechs Thesmotheten, die in der vordrakontischen, aristokratischen Verfassung Athens die Spitze des Staates bilden, an den Rand der politischen Bedeutsamkeit gerückt sind, sind sie doch für traditionsreiche und auf ihre Weise durchaus wichtige Aufgaben bei der Organisition des politisch-religiösen Kultus, der öffentlichen Festspiele und vor allem der Rechtsprechung zuständig geblieben.

Tradition und Gesetz in der athenischen Verfassung: Aristoteles über das Amt der Archonten (Athenaion Politeia 55 - 61).

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Der Staat der Athener. Übersetzt und herausgegeben von Peter Dams, Stuttgart 1972, S.61 - 67.

In Rom zeigt sich beispielsweise, daß bei aller Veränderung, die die Kompetenzen des Senatorenstandes und des Senats im Laufe der Jahrhunderte der republikanischen Entwicklung durchmachen und insbesondere zugunsten der Volksgesetzgebung und des Volkstribunats erleiden, in 'kritischen Situationen' des Staates dem Senat ebenso wie den einzelnen Angehörigen des senatorischen Standes ein rechtmäßiges Notstandshandeln eingeräumt wird, auch wenn es in Umfang und Art seiner Durchführung umstritten zu sein pflegt. Die Tradition einer 'geteilten Souveränität', die der Selbstbenennung der Republik als 'Senatus populusque Romanus' Ausdruck findet, tritt hier ganz praktisch hervor. Allerdings macht sie auch eine gewisse Brüchigkeit der römisch-republikanischen Staatskonstruktion deutlich, die insbesondere in der Endphase der Republik auflösend wirkt und später von der Zusammenfassung der Souveränität in der Hand eines Kaisers abgelöst wird.

Traditionelle und gesetzliche Rechte des Volkes, der Volkstribunen und des Senats im Verfassungskonflikt (Plutarch, Tiberius Gracchus 14 - 20).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen . Gesamtausgabe, 5. Bd. (Ti. und C. Gracchus u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 197 - 203.

Recht deutlich tritt die motivierende und begründende Kraf des jeweiligen Herkommens auf der Ebene der politischen Gesinnung ('Gesinnungskonservativismus) hervor. Siehe dazu Kap. 5.

3. Das Herkommen im Sittenaufsichts- und Strafrecht.

Traditionelle Sitte und Sittenaufsicht in Rom (Plutarch, Cato Censorius 15 - 20).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen . Gesamtausgabe, 2. Bd. (Cato d. Ä. u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 292 - 298.

Unbestimmter Straftatbestand einer nicht besonders geregelten (schweren) Körperverletzung nach dem römischen 12-Tafelgesetz d. J. 451/450 v. Chr, Tafel 8 :

"SI INIURIAM [ALTERI] FAXSIT, VIGINTI QUINQUE [SESTERTIORUM] POENAE SUNTO."

Aus: S. Riccobono [Hg.], Fontes Iuris Romani Anteiustiniani, Bd, 1 - Leges -, Florenz 1978, S. 54.


Zum Vergleich: § 223 des heutigen deutschen Strafgesetzbuches (StGB):

"Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrae bestraft. Der Versuch ist strafbar."


'Naturrechtliche' Juristendefinition des nicht gesetzesdefinierten, sondern traditionsrechtlichen Begriffs 'furtum' nach Paulus in Dig. Iust. 37, 2, 1, 2:

"Furtum est contrectatio rei fraudulosa lucri faciendi gratia vel ipsius rei vel etiam usus eius possessionisve. quod lege naturali prohibitum est admittere."


Zum Vergleich: § 242 des heutigen deutschen Strafgesetzbuches (StGB):

"Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, sich dieselbe rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Der Versuch ist strafbar."

4. Das 'Gewohnheitsrecht', insbesondere in der Familienordnung und im Privatgeschäftsverkehr.

Übung 4 b.

AUFGABE:

Übersetzen Sie möglichst schnell, sinnorientiert und so gut Sie es mit ihren gegenwärtigen Mitteln können, schriftlich den nachfolgenden lateinischen Text (aus den Digesten Justinians, Buch 1, Titel 3 - De legibus -, Prapagraph 32). Es kommt nicht auf Fehlerfreiheit an, und diese wird auch nicht bewertet.


Iulianus libro LXXXIII digestorum. De quibus causis scriptis legibus non utimur, id custodiri opportet, quod moribus et consuetudine inductum est. et si qua in re hoc deficeret, tunc quod proximum et consequens est. si nec id quidem appareat, tunc ius, quo urbs Roma utitur, servari oportet. Inveterata consuetudo pro lege non immerito custoditur, et hoc est ius quod dicitur moribus constitutum, nam cum ipsae leges nulla alia ex causa nos teneant, quam quod iudicio populi receptae sunt, merito et ea, quae sine ullo scripto populus probavit, tenebunt omnes, nam quid interest suffragio populus voluntatem suam declaret an rebus ipsis et factis? quare rectissime etiam illud receptum est, ut leges non solum suffragio legis latoris, sed etiam tacito consensu omnium per desuetudinem abrogentur.

5. Herkommen in antikem 'Völkerrecht'.

Lateinischer Text und Deutsche Übersetzung nach: Gaius Iulis Caesar, De bello Gallico . Der Gallische Krieg. Lateinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deissmann, Stuttgart 1991, S. 70 - 77.

6. Literatur, Medien, Quellen.

LITERATUR:

R. de Vaux, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, 2 Bde., Freiburg 1960 2 .

Hermann Strasburger, Zum antiken Gesellschaftsideal, Heidelberg 1976.

Alexander Demandt, Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike, Köln 1993.

Jochen Bleicken, Die athenische Demokratie, Paderborn u. a. O. 1988 2.

Hans-Julius Wolff, Das griechisches Rechtsdenken, 4 Bde., Frankfurt M. 1950 - 1970.

Hans Julius Wolff, Gewohnheitsrecht und Gesetzesrecht in der griechischen Rechtsauffassung, in: E. Bernecker (Hg.), Zur griechischen Rechtsgeschichte, Darmstadt 1968.

Jochen Bleicken, Die Verfassung der römischen Republik, Paderborn u. a. O., 1978 2.

Jochen Bleicken, Lex publica. Gesetz und Recht in der römischen Republik, Berlin 1975.

M. Bretone, Geschichte des römischen Rechts, München 1992.

M. Kaser, Das römische Privatrecht, 2 Bände, Bd. 1: Das altrömische, das vorklassische und das klassische Recht, Bd. 2: Die nachklassischen Entwicklungen, München 19712/19752 (Handbuch der Altertumswissenschaft X 3.3.1/2).

Th. Mommsen, Römisches Strafrecht, Leipzig 1899 (ND München 1992).

Ludwig Friedländer, Sittengeschichte Roms (Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der Zeit von Augustus bis zum Ausgang der Antonine, 4 Bde., 1862 - 1871), ND Aalen 1963.

Medien:

Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1 (Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. Graphische Geslatltung der Abbildungen von Harald und Ruth Bukor, S. 54 und 74.

Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stofe und Motive in der bildenden Kunst, Literatur und >Musik des Abendlandes bis zur Gegenwart, Hamburg 1974, s. v. Kekrops, Theseus, Romulus.

QUELLEN:

Aristoteles, Der Staat der Athener. Übersetzt und herausgegeben von Peter Dams, Stuttgart 1972, S.61 - 67.

Plutarch, Lebensbeschreibungen . Gesamtausgabe, 2. Bd. (Cato d. Ä. u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 292 - 298.

Plutarch, Lebensbeschreibungen . Gesamtausgabe, 5. Bd. (Ti. und C. Gracchus u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 197 - 203.

Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico . Der Gallische Krieg. Lateinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deissmann, Stuttgart 1991, S. 70 - 77.

12-Tafelgesetz d. J. 451/450 v. Chr, Tafel 8 nach S. Riccobono [Hg.], Fontes Iuris Romani Anteiustiniani, Bd, 1 - Leges -, Florenz 1978, S. 54.

Digesten Justinians 1, 3, 32 und 37, 2, 1, 2.


LV Gizewski WS 2001/2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)