Kap. 5: Gesinnung, politische und traditionalistische Ethik in der Antike.

INHALT

1. 'Ideal-Gesinnung' und 'Real-Gesinnung' in der Antike.

2. Die verschiedenen Formen der Gesinnung in der öffentlichen Argumentation und in der Geisteskultur der Antike.

3. Politische Ethik und Gesinnung in militärischen, in Verfassungs- und Regierungsfragen.

4. Traditionalistische Ethik und Gesinnung.

5. Literatur, Medien, Quellen.

1. Ideal-Gesinnung und Real-Gesinnung in der Antike.

Übung 5.

AUFGABEN:

a) Welcher Epoche der Antike ordnen Sie den nachfolgenden Text zu und warum?

b) Wo sieht der prominente Textautor im Rückblick auf sein Leben die Hauptkräfte, die seinen Charakters prägten? Welche Werte und Tugenden stehen für ihn im Mittelpunkt? Welche Schwierigkeiten einer sittlichen Charakterausprägung sei es unter den Bedingungen seines persönlichen Lebens, sei es generell in seiner Epoche deutet er an?

c) Welche religiösen, philosophischen, politischen, bildungsbezogenen und allgemeinkulturellen Traditionen können Sie im Text in den beiden beigefügten Abbildungen des Kaisers erkennen?


Quellen der Gesinnung einer antiken Persönlichkeit. Marc Aurel, Wege zu sich selbst, 1. Buch.

Deutsche Übersetzung und partiell wiedergegebener griechischer Text aus: Kaiser Marc Aurel. Wege zu sich selbst. Übersetzt, mit einem Essay 'Zum Verständis des Werkes' und mit Erläuterungen herausgegeben von Willy Theiler, Hamburg 1965, S. 7 . 12.


Der Kaiser Mark Aurel in jungen und in älteren Jahren.

Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, Zürich 1993, S.180 f. Die Übereinstimmung der Gesichtszüge auf den zu verschiedenen Zeiten angefertigten Statuen läßt auf eine realistische Darstellung schließen.

a) Objektive und subjektive Seite moralischer Systeme.

Wie in der Einleitung zu diesem Skript dargelegt wurde, haben moralische Ordnungen eine überindividuell-objektive und eine individuell-subjektive Seite. Die überindividuell-objektive Seite ist ein die Interaktionen der Menschen regelndes Sozialsystem, das - nach Anlage und Umfang einem objektiven Sprachsystem vergleichbar - Komplexe normativer Erwartungen in größeren Populationen zusammenfaßt, abgrenzt, durch Kontroll- und Sanktionsverfahren stabilisiert und so in einen von individuellem Verhalten und plötzlichen Veränderungen unabhängigen, langfristig dauerhaften, stabilen Zustand der 'Allgemeingültigkeit' bringt. Die individuell.subjetive Seite besteht in einer inneren Fähigkeit und Bereitschaft individueller Menschen, moralische Normen zu erkennen, zu befolgen und ggf. auch weiterzuverbreiten oder gegen Abweichungen zu verteidigen. Diesen beiden Seiten werden in antiken griechischer Sprache mit den Worten 'HJOS' (i. S. von 'sittlicher Charakter') bzw. 'EJOS' ('Sitte'). im Lateinischen mit Worten wie 'mores' (plural), 'animus' oder 'ingenium' bzw. 'mos'ausgedrückt..

b) Der Begriff 'Ideal-Gesinnung' ('moralisches Bewußtsein', 'sittlicher Charakter', 'Gewissen').

Die moralische Disposition des Individuums in ihrer jeweiligen geistigen Form wirdheute im allgemeinen als 'Gesinnung', 'moralisches Bewußtsein', 'sittlicher Charakter' oder auch 'Gewissen' bezeichnet. In einem moralisch wertenden Sinne pflegt man darunter die Disposition eines Menschen zu verstehen, 'richtige', allgemeingültige Normen einer moralischen Ordnung beständig und konsequent zu respektieren, ja im Verhältnis zu anderen Menschen eigenaktiv zu vertreten: es ist damit also ein moralisch 'vorbildliches' Verhalten- und nur ein solches - gemeint.

In ähnlicher Weise plegt man pflegte man unter Synonymen, die in der griechischen und römischen Antike dem deutschen Worte 'Gesinnung'entsprechen - wie z. B. greich. 'eethos' oder lat. 'mores' (pl.), 'animus', 'ingenium' oder 'conscienta' - vor allem die Vorstellung

einer kaum erschütterlicher Beständigkeit,

einer vorrangigen, gemeinschaftsbezogenen Wert-, d. h. nicht primär einer individuellen Bedürfnisorientierung,

einer dabei erforderlichen weitgehenden Selbstverleugnung

und einer dabei möglicherweise zu erreichenden und ggf. anzustrebenden 'moralischen Größe' bei der Verteidigung sittlicher Werte

zu verbinden. Beispeile dafür sind antike, etwa durch die literarischen Quellen des griechischen und römischen Bereichs gut beglegten Idealvorstellungen vom dem vorbildlichen Philosophen ('dem Weisen'), dem vorbildlich vorausschauenden, energischen und fürsorglichen Staatsmann, dem unbeirrt pflichtbewußt seine persönlichen Interessen gegenüber dem Gemeinwohl hintanstellenden Beamten und Militär, dem vorbildlich freigiebigen Mäzen, dem vorbildlich gerechten Richter und nicht zuletzt dem vorbildich konsequenten Zeugen für die Richtigkeit einer religiösen Überzeugung ('dem Märtyrer'). Form und Inhalt einer so verstandenen Gesinnung sind im Hinblick darauf, daß sie weitegehend deckungsgleich mit normativen Anforderungen objektiver moralischer Systeme sind - welcher Art diese auch sein und welcher Epoche sie zugehören mögen -, lassen sie sich sinnvollerweise mit dem Begriff 'Ideal-Gesinnung' genauer erfassen.

c) Der Begriff 'Real-Gesittung' ('Personalität').

Prinzipiell sind auch heutige Formen individuellen moralischen Bewußtsein, die alle ja in irgendeiner Weise in einer überlieferungsgeschichtlichen Beziehung zur Antike stehen, von einem solchen Begriff einer 'Ideal-Gesinnung' bestimmt. Dennoch pflegt man aufgrund 'moderner' anthropologischer und psychologischer Theoriebildungen auch in einem eher deskriptiven, nicht-bewertenden Sinne bei der Beschreibung des moralischen Profils sei es historischer, sei es heutiger Persönlichkeiten begrifflich folgendes mitberücksichtigen: Die menschliche Persönlichkeit ist generell, was ihr Verhältnis zu bestimmten moralischen Systemen betrifft, nicht von vorbehaltloser Folgsamkeit und Übereinstimmung geprägt. Sie ist, noch schärfer formuliert, grundsätzlich nur partiell in der Lage, irgendeine 'Ideal-Gesinnung' zu haben. Wie früher (Kap, 1, 3) dargelegt, liegen die Gründe dafür einerseits in einer anthropologisch bestimmbaren Bedürfnisstruktur der menschlicher Persönlichkeit, die sich im Widerspruch zu jeweils zutreffenden moralischen Normerwartungen befinden kann, ja in gewissem - wechselndem - Umfang zu befinden pflegt; andererseits sind die oftmalige innere Widersprüchlichkeit bestimmter moralischer Systeme oder deren Konkurrenz mit anderen, in der Lebenssphäre eines Individuums Geltung beanspruchenden Ordnungen moralischen Verhaltens i. w. S. dafür verantwortlich. Die Strukturen der Seele, die die - positiven oder negativen - Entscheidungen und Gewohnheiten eines Individuums im Hinblick auf moralische Geltungsansprüche aus seiner Lebensumwelt enthalten, gehen über Umfang und Art einer 'Ideal-Gesinnung' deshalb weit hinaus. Um den wesentlichen begrifflichen Unterschied zwischen der deskriptiven und der moralisch bewertenden Bedeutung deutlich zu machen, lassen sie sich - etymologisch und sachlich sinnvoll - vielleicht besser als 'Personalität' oder - weniger prägnant, aber evtl. verständlicher - auch als 'Real-Gesinnung'bezeichnen. Die von einem Theoretiker des Seelenlebens wie Siegmund Freud entwickelten Kategorien für diese 'Personalitäts'- Strukturen ('Ich', 'Es', 'Über-Ich') weisen dabei - ungeachtet ihrer wissenschaftlichen Diskutierbarkeit und ihrer Brauchbarkeit für speziell historisch-biographische Zwecke - zumindest auf unterschiedliche Entwicklungsphasen und Formbereiche des individuellen menschlichen Seelenlebens hin, die sich in starkem Maße von der Einheitlichkeit und Unbedingtheit, welche 'Ideal-Gesinnungen' zu haben pflegen, unterscheiden.

Eine solche Unterscheidung ist also auch für die Beurteilung antiker Persönlichkeiten zweckmäßig. Aus ihr folgt die methodosiche Notwendigkeit, Prägefaktoren, von denen eine individuelle Personalität bestimmt oder mitbestimmt wird, systematisch zu berücksichtigen, d. h.nicht nur ihre 'Ideal-Gesinnung', d. h. das, was sie nach eigener oder fremder Überzeugung an Übereinstimmung mit geltenden Normen aufweist, zu betrachten.

Diese Prägefaktoren lassen sich danach ordnen, ob sie

eher einer natürlichen, zwar nicht determinierenden, aber doch vielfach verhaltensbetsimmenden psychophysischen Anlage des Individuums zuzuschreiben sind oder eher

aus Zwangsverhältnissen (elterlicher Gewalt und anderen erzieherisch oder durch enges menschliches Zusammenlenben oder durch Erwerbsnotwendigkeiten oder durch staatliche Anforderungen bedingten Unterordnungs- und Dienstverhältnissen),

aus Verhältnissen des Lernens und der Nachahmung,

aus Verhältnissen der Liebe und des persönlichen Vertrauens oder eher

aus selbstverantworteten, im Rahmen persönlicher Freiheit oder Machtmöglichkeiten vor sich gehender Erfahrungen und Entscheidungen

hervorgehen.

Die daraus jeweils hervorgehende Personalität hat - je nach den spezifisch historischen Momenten ihrer Prägung - spezifisch historische Attribute an sich. Zwar ist das Ganze der Persönlichkeit nicht allein aus historischen Bedingungen, sondern auch aus wissenschaftlich plausibel auch aus aus starken erbanlagenbedinten Momenten zu verstehen, wie sie etwa in der biologischen Zwillingsforschung hervorgetreten sind.

Soweit wir aber historische Momente der Personaliäts-Bildung in Rechnung zu stellen haben, lassen sich diese vor allem so zu zusammenfassen:

Es ist anzunehmen, daß schichtenspezifische Erziehungsmöglichkeiten und -stile sich jeweils unterschiedlich in der Personaltät auswirken können.

Die Volks-, Religions- und Standeszugehörigkeit, der 'berufliche' Horizont,und der 'Prestige'-Status eines Menschen prägen aber auch während seines Erwachsenenlebens seinen Charakter immer weiter.

Und in besonderer Weise und zu allen Lebensaltern wird die Personaliät eines Individuums durch seine Bekanntschaft mit Personen geformt, die es liebt oder denen es vertraut.

Was die generellen, gesellschaftlichen historischen Bedingungen betrifft, die einen Real-Charakter prägen, so ist es vorrangig von Bedeutung,

ob eine Gesellschaft in starkem Maße traditionsgeleitet oder dynamisch in ihren sozialen Strukturen ist,

ob sie sich im Zustand der Ruhe oder dem des inneren oder äußeren Konflikts befindet,

ob das Bewußtsein von der Welt und ihren Menschen aus einem relativ eng begrenzten Horizont erwächst oder sich ständig mit dem Phänomen der kulturellen und sittlichen Vielgestaltigkeit sozialer Ordnungen zu befassen hat.

Je nachdem lassen sich - in der Antike und vergleichbar in späteren Epochen - eher standesstolze oder plebejische, eher traditionsgeleitete oder eher pragmatisch-verständigungsorientierte, eher philosophisch-ethisch-prinzipielle und eher alltagsmoralische, eher 'gebildete' und eher 'ungebildete' , ja auch 'aristorkratische', 'plebejische' und 'sklaventypische' oder 'männliche' und 'weibliche' Typen der Gesinnung unterscheiden.

2. Die verschiedenen Formen der Gesinnung in der öffentlichen Argumentation und in der Geisteskultur der Antike.

Diese Unterscheidungen entsprechen auch einem in der Antike durchaus vorhandenen Bild von einer 'Zwiespältigkeit' oder 'Mehrschichtigkeit' menschlicher Gesinnung, für das es allerdings damals 'moderne' psychologisch-theoretischeen Begriffe naturgemäß nicht gibt. Es gibt jedoch in der griechischen und römischen Literatur - so etwa bei den Historikern - allenthalben Bezugnahmen auf verschiedene Formen einer 'Alltags'-Moral, welche ihrem Selbstverständnis nach 'Virtuosität' grundsätzlich auszuschließen pflegt, und sogar einige ihnen in starkem Maße entgegenkommende philosophisch-ethische Lehren, wie z. B. den 'Kynismus' oder den 'Epikuräismus'.

Im allgemeinen aber gehören die Autoren der uns aus der Antike überlieferten Literatur, die moralische und ethische Gegenstände bethandeln, ob es sich um Philosophen, Historiker, Rhetoren, 'Buntschriftsteller' oder - späterhin - christliche Theologen handelt , ihrem erkennbaren persönlich-geistigen Profil nach zu den Verteidigern einer 'Ideal-Gesinnung': Diejenigen Formen und Vorgänge des Seelenelebens, die moralischen Normen nicht oder nur in 'unvollkommener' Weise entsprechen, werden von ihnen zumeist als mehr oder weniger 'traditionslos', haltlos, 'dekadent', 'den Begierden', der 'Stofflichkeit' oder den Fehlleitungen des 'Fleisches' ausgeliefert, 'ungeistig', 'kulturlos' oder 'wertlos' eingeschätzt. Das entspricht der Sichtweise bestimmter, weitverbreiterer philosophischer und religiöser Systeme der Antike - z. B. des 'Pythagoreismus', der 'Akademie', des 'Peripatos', der 'Stoa' und in gewisser Weise auch des 'Christentums' (siehe dazu unten und Kap. 7 ) - und ihrer Popularisierungen.

Auch die kritischen oder affirmativen Maßstäben politisch-öffentlicher Argumentation, wie sie etwa in den uns erhaltenen Reden prominenter antiker Rhetoren - wie z. B. Demosthenes oder Cicero - oder in der Kaiserkritik und -panegyrik der Römerzeit vorliegt - spielt der Typus einer an Traditionen orientierten, unbeirrbar beständigen und im Hinblick auf ihre Wert-Referenzen alternativlos gebundenen Gesinnung, also einer 'Ideal-Gesinnung' eine deutlich zentrale Rolle. Dasselbe gilt für persönliche, gelegentlich systematisch ausgearbeitete Bekenntnisse zu hergebrachten, bewährten und bedingungslos zu verteidigenden Grundsätzen der Religion und der sittlichen Ordnung des alltäglichen Gemeinschaftslebens, ohne daß insoweit für die verschiedenen antiken Kulturtraditionen prinzipielle Unterschiede zu erkennen wären. Die Existenz von 'Real- Gesinnungen' wird dagegen zwar von uns überlieferten antiken Autotren der Sache nach durchweg nicht in Abrede gestellt, erscheint aber nicht selten mit einem peiorativen Anstrich, obschon es sich quantitativ um die auch in der Antike weitestverbreiteten Formen menschlichen moralischen Bewußtseins handelt.

Die unter den uns bekannten Autoren erkennbare weite Verbreitung einer Präferenz für einen nicht alltäglichen, ja in aller Regel mit seinen Anforderungen an die Grenze der menschlichen Natur oder über sie hinaus gehenden Typus der 'Gesinnung' mag teilweise durch die Wirkung späterer, für eine Selektion bei der Literaturüberlieferung maßgeblicher, sehr sittenstrneger Ideen-Systeme - vor allem des Christentums - liegen. Doch ist sie allein damit nicht angemessen erklärt. Vielfältige Formen antiker 'Sitten-Kritik', legendenhafter Idealisierung politischer, philosophischer, religiöser Persönlichkeiten und die sittengeschichtliche Idealisierung vorbildhafter Zustände einer moralisch als integer vorgestellten Vergangenheit weisen vielmehr darauf hin, daß es nicht nur einen 'moralischen Idealismus'eines 'höheren Geistesleben', sondern in den breiteren Bevölkerungsschichten auch Traditionen einer alltäglichen Sittenstrenge neben solchen einer 'pragmatischen Sittlichkeit' gibt. Dafür lassen sich folgende Gründe erkennen:

Ein prinzipieller moralischer Konservativismus und ein prinzipiell rigoroser Idealismus der Moral mögen eine anthropologische Ursache haben. Sie mag darin betsehen, daß menschliche Geistestätigkeit generell in starkem Maße von Momenten der Phantasie und der Idealisierung angetrieben wird und deshalb wenigstens in gewissem Umfang auch dazu neigt, archetypischen Vorstellungen vom Guten und der menschlichen Fähigkeit, es zu verwirklichen, anhängt.

Ein spezifisch historischer Grund für die Favorisierung eines formal elitären und tendenziell konservativen Moralbewußtseins dürfte der in der Antike überwiegend vorherrschende Typus einer in aller Selbstverständlichkeit von elitären Strukturen bestimmten, geistig trotz aller Vielfalt in den Lebensvollzügen zumeist relativ immobilen sozialen Lebensordnung sein.

Nicht zu vergessen ist aber auch ein sachlicher Grund: das vorwiegende Interesse an 'Ideal-Gesittungen' und ihren Werten bedeutet sachlich, daß die Frage nach der 'Wahrheit' oder 'Richtigkeit' moralischer Werte und Normen und die Frage ihrer praktischen Verwurklichung im Mittelpunkt steht, nicht aber eine 'Erklärung' ihres Zustandekommens und damit eine - dann naheliegende, wenn auch nicht nötige - 'Relativierung' ihrer Geltung.

Die Lebensbereiche, in denen und für die sich derartige 'Ideal-Gesinnungen' bilden, sind so vielgestaltig wie diese. Abstrakt läßt sich trotz dieser historischen Vielfalt aber überall dort, wo systematisch über die praxisorientierte Begründung moralischen Tuns nachgedacht wird, sinnvollerweise - in einem weiteren Sinne - von 'Ethik' sprechen; 'Ethik' in diesem - weiteren - Sinne ist zwar nicht mit dem in der antiken Philosophie üblichen - engeren - Begriff einer philosophisch-systematischen Begründung moralischen Tuns identisch. Aber es ist unübersehbar, daß es es neben, ja - zeitlich - vor und - im Sinne einer Gewichtung - 'über'

einer vorwiegend 'philosophischen' Systematik des Nachdenkens über das Sollen (philosophische Ethik)

eine vorwiegend politisch-ideell begründete Form (politische Ethik),

eine spezifisch religiös-ideell begründete Form (religiöse Ethik) und

eine spezifisch sittentraditionell begründete Form (traditionalistische Ethik)

gibt. Eine solche Typisierung entspricht der früher (in Kap. 2) vorgenommenen Unterscheidung zwischen Hauptmomenten der Legitimation sittlicher Ordnungen aus 'rationalen', 'politischen', 'religiösen' oder traditionsbezogenen' Leitideen. Dem Wesen einer Typisierung entspricht es, daß es reale Phänomene geben kann, die in ihr nicht völlig aufgehen oder Alemente mehrerer Typen in sich vereinigen.

Die hier unterschiedenen Formen i. w. S. ethischer Gesinnung reichen in den antiken Textzeugnissen gedanklich oft tief, pflegen aus ideengeschichtlichen Traditionen verschiedener Art hervorzugehen oder sich, wenn sie Neuerungen propagieren, mit vorgängigen Traditionen intensiv auseinanderzusetzen und können in ihren praktischen Konsequenzen gelegentlich sehr rigoros sein; für jede Form gibt es historisch nachweisliche, ihre historisch jeweilige Überzeugungskraft repräsentierende 'Märtyrer'.

In diesem Kapitel (5) geht es im folgenden nur um die Formen einerseits der schwerpunktmäßig politischen und andererseits der schwerpunktmäßig traditionsorientierten i. w. S. ethischen Gesinnung. Diese Formen haben in der aus den Antike überkommenen Belegtexten, wie schon erwähnt, zumeist - wenn auch nicht immer - einen eher konservativen und eher idealisierenden Charakter und werden deshalb an dieser Stelle zusammenhängend erörtert.

Um dieses Bild von einem in antiken Kultutraditionen vorwiegenden, Typus moralischen Bewußtseins zu differenzieren, ist es aber nötig, den Blick auch auf gegenläufige antike Phänomene zu richten. Diese finden sich vor allem - wenn auch nicht nur - im Bereich der antiken Philosophie . Dort haben wir zumeist einen Typus i. e. S.- 'philosophisch-ethischer' - Gesinnung vor uns, der jedenfalls zu erheblichen Teilen nicht traditionsbezogen, sondern im Gegenteil fundamental traditionskritisch ist. Das gilt in gewissem, ja bedeutendem Maße etwa für Sokrates und die Platoniker, die Aristoteliker und die Stoiker. Darüberhinaus unterwerfen einige antike Philosophenschulen auch den ethischen Idealismus anderer Schulen einer gewissen, mehr oder weniger weit gehenden Kritik. Eine solche finden wir ansatzweise bei etwa Aristoteles, vor allem aber bei den Kynikern, den Epikuräern und den Skeptikern. Darauf ist daher in Kap. 6 besonders einzugehen.

Ferner bringt es die Dynamik der Entstehung neuer religiöser Systeme - etwa in hellenistischer und römisch-imperialer Zeit - mit sich, daß in ihrem Rahmen eine Kritik 'traditioneller' Religionen und der mit ihnen verbundenen Moralsysteme stattfindet. Dabei übernehmen sie bei ihrer spezifischen Religions- und Sittenkritik Argumentationsfiguren auch der ethischen Philosophie. Besonders deutlich wird dies in der gegen die Traditionenen eines 'Heidentums' gerichteten Kritik und Polemik des Christentums. Aber der 'moralisch-neuernde' Charakter ist auch anderen neuen Religionssystemen dieser Epochen eigen.Mit ihrer radikalen Religions- und Sittenkritik pflegt sich allerdings eine um so intensivere Einforderung neuer 'Ideal-Gesinnung' zu verbinden. Damit wird sich das Kap. 7 befassen.

3. Politische Ethik und Gesinnung in militärischen, in Verfassungs- und Regierungsfragen.

Verteidigung gegen eine Übermacht ohne Kapitulationsbereitschaft in der Schlacht an den Thermopylen d. J. 480 v. Chr. (Herodot, Historien 7, 219 - 228 ).

Deutsche Übersetzung (mit kleinen Modifikationen) und griechischer Textteil( 7, 226 - 228) aus: Herodot, Historien. Griechisch-deutsch. Herausgegeben von Josef Feix, München 1964, S. 1034 - 1041.

Republikanische Gesinnungstreue. Catos des Jüngeren freiwilliger Tod nach der Schlacht bei Thapsos i. J. 46 v. Chr. (Plutarch, Cato d. J. 58 - 73).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen. Gesamtausgabe, 5. Bd. (Cato d. J. u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 91 - 102.

Tugend und Taten eines vorbildlichen Kaisers (Ammianus Marcellinus, Res gestae, Buch 25, Kap. 4).

Lateinischer Text und deutsche Übersetzung aus: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch-deutsch. Mit einem Kommentar versehen und übersetzt von Wolfgang Seyfarth, 4 Teile, Berlin 1968, 3. Teil (Buch 22 - 25), S. 167 - 173

4. Traditionalistische Ethik und Gesinnung.

Das Bekenntnis zur beispielgebenden sittlichen Tradition der Vorfahren. Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia, 2, 1 und 4. 4 und 5.

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Valerius Maximus. Facta et dicta memorabilia. Denkwürdige Taten und Worte. Lateinisch - Deutsch. Auswahl, Übersetzung, Erklärungen und Register von Ursula Sangmeister, Stuttgart 1991, S. 32 - 39 und 106 - 115.

Die religiös-ethisch begründete Beharrung beim Althergebrachten. Flavius Iosephus, Gegen Apion 2, 19 - 30.

Dt. Übersetzung des griechischen Textes nach: Des Flavius Josephus kleinere Schriften (Selbstbiographie - Gegen Apion - Über die Makkabäer). Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Heinrich Clementz, Halle um 1901, S. 176 - 184.

5. Literatur, Medien, Quellen.

LITERATUR

Hermann Strasburger, Zum antiken Gesellschaftsideal, Heidelberg 1976.

Alexander Demandt, Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike, Köln 1993.

K. J. Dover, Greek Popular Philosophy in the Time of Plato and Aristote, Oxford 1974.

Lothar Wickert, Entstehung und entwicklung des römischen Herrscherideals (1954), in: Hans Kloft (Hg.), Ideolohie und Herrschaft in der Antike, Darmstadt 1979, S. 339 - 360.

Günter Stemberger, Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit (70 n. Chr. - 1040 n. Chr.), München 1979.

Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft (1967), Hamburg 1975, S. 94 ff. (Sozialpsychologie und Psychoanalyse).

Jan Rohls, Geschichte der Ethik, Tübingen 1991, S. 408 ff (Zur Seelen- und Kulturlehre Freuds und den theoretischen Voraussetzungen anderer für gegenwärtiges Denken einflußreich gewordener moderner Moral-Theorien).

MEDIEN

German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, Zürich 1993.

QUELLEN

Kaiser Marc Aurel. Wege zu sich selbst. Übersetzt, mit einem Essay 'Zum Verständis des Werkes' und mit Erläuterungen herausgegeben von Willy Theiler, Hamburg 1965, S. 7 . 12. Griech. und dt. Übersetzung: Marc Aurel, Wege zu sich selbst. Griechisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel, Düsseldorf, Zürich 1998, S. 6 - 25.

Herodot, Historien 7, 219 - 228. Griechischer und deutscher Text: Herodot, Historien. Griechisch-deutsch. Herausgegeben von Josef Feix, München 1964, S. 1034 - 1041.

Plutarch, Lebensbeschreibungen. Gesamtausgabe, 5. Bd. (Cato d. J. u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 91 - 102.

Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch-deutsch. Mit einem Kommentar versehen und übersetzt von Wolfgang Seyfarth, 4 Teile, Berlin 1968, 3. Teil (Buch 22 - 25), S. 167 - 173.

Valerius Maximus. Facta et dicta memorabilia. Denkwürdige Taten und Worte. Lateinisch - Deutsch. Auswahl, Übersetzung, Erklärungen und Register von Ursula Sangmeister, Stuttgart 1991, S. 32 - 39 und 106 - 115.

Des Flavius Josephus kleinere Schriften (Selbstbiographie - Gegen Apion - Über die Makkabäer). Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Heinrich Clementz, Halle um 1901, S. 176 - 184.


LV Gizewski WS 2001/2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)