Kap. 8: Zur Entwicklung und Wirkungsgeschichte moralischer und ethischer Systeme der Antike.

INHALT

1. Übung.

2. Thesen zur Entwicklung und Typologie moralischer Ordnungen und ethischer Systeme in der Antike.

3. Zur Bedeutung antiker moralischer Ordnungen und ethischer Systeme für unsere Zeit (Aufsatz).

4. Literatur, Medien, Quellen.

1.Übung.

Übung 8.

AUFGABEN:

Geben Sie für die Zitaten-Paare der nachfolgenden Zusammenstellung jeweils das verbindende Moment zwischen neuzeitlichem und antikem Gedanken an und stellen Sie Vermutungen über mögliche Traditionslinien zwischen ihnen an.

2. Thesen zur Entwicklung und Typologie moralischer Ordnungen und ethischer Systeme in der Antike.

a) Die innere Legitimation antiker moralischer Systeme, die sich in ethnischen Zusammenhängen zu entwickeln pflegen, in manchen Fällen - insbesondere im Rahmen politisch-imperialer Expansionsprozesse - aber deren Grenzen erheblich überschreiten, beruht in aller Regel entweder auf einer Verbindung traditionaler und religiöser oder auf einer Verbindung traditionaler und politischer Legitimationsideen. In den polisartigen Gemeinwesen des antiken Mittelmeerraums entwickelt sich ferner - als etwas historisch Neues - die Verbindung einer politischen mit einer - in antikem Sinne - 'rationalen' Legitimation zu einem Legitimationsmodus, der das politisch-moralische Bewußtsein eines 'vernünftigen Gesetzesstaates' trägt.

b) In den historisch ebenfalls neuartigen philosophisch-ethischen Systemen der klassisch-griechischen Epoche haben wir im Ansatz den Versuch vor uns, Sollenordnungen 'rein rational', d. h. nicht-religiös und nicht-traditional zu legitimieren.Es handelt sich dabei um einen innerhalb der griechischen Kulur unter besonderen Voraussetzungen sich entwickelnden, in antikem Sinne 'rationalen', also nicht traditional-moralischen und nicht religiös-mythologischen, sondern strikt an argumentativ objektivierbaren Prinzipien orientierten Weg zur Begründung eines Sollens. Nur selten geht allerdings die antike ethische Philosophie aufgrund einer prinzipiellen Skepsis gegenüber Tradition und Religion so weit, - wie manche neuzeitliche Philosophieform - allein auf eine gedanklich konstruktive Entfaltung 'menschlicher Selbstbestimmung' zu setzen, was die Leitwerte von Sollensordnungen betrifft. In den meisten antiken Gestaltungen ('Schulen') der philosophischen Ethik kommt es trotz teilweise erheblicher ideeller Divergenz mit umgebenden Formen der Alltagsmoral und Religionssittlichkeit dennoch nicht zu größeren praktischen Friktionen mit diesen; ja teilweise entstehen aus popularisierten philososphisch-ethischen Ansätzen neue Formen der Religiosisät, wie z. B. in der popularisierten Stoa oder in einem mysterienreligiös gewordenen Neuplatonismus. Charakteristisch für die antiken Ethik-Traditionen erscheint ferner, daß sie primär die Gesinnung des Individuums und nur selten seine gesellschaftlich gepägten Lebensbedingungen betreffen; letzteres ist ansatzweise nur in der platonischen Philosophie der Fall.

c) Die Geistesgeschichte antiker Moral- und Ethik-Systeme ist gekennzeichnet durch einen immer wieder auftretenden großräumigen und langfristigen Prozeß des Wandels bestimmter anfänglich eher ethnisch gebundener Religions- und Sittensysteme zu 'universellen', die den Rahmen konkreter Völker zumindest der Idee nach überschreiten. Das steht als geistig-kulturelle Regelhaftigkeit im Zusammenhang mit der Eröffnung und intensiven Nutzung großer Verkehrsräume und der Bildung großer Reichs-Territorien im Verlaufe der antiken Geschichte. Begründet bereits in der sophistischen Lehre von einer zivilisationsunabhängigen Menschen-Natur, tritt es besonders deutlich in der hellenistischen Epoche, etwa in der stoischen Philosophie, und später in der Mission und Ausbreitung des Christenturms hervor.

d) Bei der Veränderung antiker Sittenordnungen spielt das Moment einer 'Urbanisierung' sowohl im engeren mittelmeerischen als auch im hellenistisch-nahöstlichen, als auch im römisch-imperial provinzialisierten Bereich eine wichtige Rolle. Die zuminmdest den ideellen Prämissen nach 'zivilisiernde', 'befriedende' Bedeutung antiker Zivilisation und Bildung, aber auch Religion - wie etwa des Christentums - und wird in der Antike immer wieder gegenüber einem im negativen Sinne 'barbarischen', 'bäuerischen' oder kriegerischen Wesen von Völkern zumeisr außerhalb des antik-hochkulturellen Kultur- und Verkehrskreises hervorgehoben.

e) In der antiken Geistesgeschichte ist aber immer wieder auch eine mehr oder minder starke Konfrontation 'ländlicher' oder gar 'barbarischer' mit 'urbanen' Formen der Sittlichkeit erkennbar, bei der eine antike Kommentierung positiv aufseiten eines Ideals 'traditioneller Einfalt und Reinheit der Sitten' oder sogar aufseiten eines Ideals naturwüchsiger, 'zivilisatorisch nicht verdorbener' 'barbarischer Lebensweise' steht. In beiden Fällen ist die Leitvorstellung derartiger in vielen Formen auftretender Zivilisations- und Sittendekadenz-Kritik in aller Regel eine 'einfache bäuerliche' - selten eine nomadische und niemals eine 'zeitgemäß-städtische' - Lebensordnung.

6. In dem antiken Nebeneinander verschiedenartiger religiös-sittlicher Traditionen treten sowohl in hellenistischen Reichen als auch im Imperium Romanum grundsätzlich sowohl Verhältnisse der 'Toleranz' als auch solche des Synkretismus als auch solche einer Polarisierung in Sittenfragen als typische, gleichermaßen vorkommende Formen der Sitten-Pluralität hervor. Der Dominanzanspruch des spätantiken Christentums und seine Aufnahme heterogener religiöser, moralischer und ethischer Elemente der antiken Sittengeschichte entwickelt sich auf der Basis einer bereits außerchristlich weit verbreiteten Ethik der Nächsten- und Gottesliebe, einer gemeinrömisch-zivilisatorisch und nur geringfügig jeweils ethnisch geprägten 'Alltagsmoral' und einer Vielzahl philosophisch-ethischer Traditionsmomente vor allem aristotelischer, platonischer, stoischer und kynischer Provenienz. Allerdings ist es das Modell eines dominierenden religiös-ethischen Systems innerhalb einer gesellschaftlichen Lebensordnung, das sich in der Spätantike gegenüber dem einer philosophisch- und religiös-moralischen Koexistenz durchsetzt.

Weitergehende Ausführungen zu diesen Thesen, insbesondere zu ihrer Bedeutung für die nachantike Wirkungsgeschichte des antiken Erbes, in:

Christian Gizewski, Zur Bedeutung antiker Moral und Ethik für unsere Zeit, Internet-Publikation, 2002: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Scriptorium/S25.htm , dort Abschnitt II.

3. Zur Bedeutung antiker moralischer Ordnungen und ethischer Systeme für unsere Zeit.

Zur Bedeutung antiker Moral und Ethik für unsere Zeit.

Ein im Zusammenhang mit der Lehrveranstaltung "Entwicklung moralischer und ethischer Systeme in der Antike im WS 2001/2002" und ihrem Skript stehender Aufsatz.

4. Literatur, Medien, Quellen.

LITERATUR

Christian Gizewski, Zur Bedeutung antiker Moral und Ethik für unsere Zeit, Internet-Publikation, 2002: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Scriptorium/S25.htm .

Shmuel M. Eisenstadt (Hg.), Kulturen der Achsenzeit. Ihre Ursprünge und ihre Vielfalt (mit Beiträgen zu allen Weltkulturen), hg. von , 2 Bde. ( Teil 1: Griechenland, Israel, Mesopotamien; Teil 2: Spätantike, Indien, China, Islam), Frankfurt 1987.

Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, Freiburg 1997 3.

R. de Vaux, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, 2 Bde., Freiburg 1960 2 .

Günter Stemberger, Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit (70 n. Chr. - 1040 n. Chr.), München 1979.

Hermann Strasburger, Zum antiken Gesellschaftsideal, Heidelberg 1976.

Carl Schneider, Geistesgeschichte der christlichen Antike (gekürzte Sonderausgabe des erstmalig 1954 erschienenen Werks), München 1970.

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Alexander Demandt, Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike, Köln 1993.

Alasdair MacIntyre, Geschichte der Ethik im Überblick. Vom Zeitalter Homers bis zum 20. Jahrhundert. Übersetzt von Hans-Jürgen Müller, (1966) Frankfurt M. 1991.

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Ernst Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen, Tübingen 1912 , ND Tübingen 1994, S. 16 - 178.

LV Gizewski WS 2001/2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)