Ethik als praktische Philosophie. Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 2 - 14 und 2, 1 f. (1095 a 9 - 1103 b 26).

Deutsche Übersetzung mit einigen verdeutlichenden Modifikationen und unter starker Kürzung der Passagen aus Buch 1 nach: Aristoteles, Nikomachische Ethik. Übersetzung und Nachwort von Franz Dirlmeier. Anmerkungen von Ernst A. Schmidt, Stuttgart 1975, S. 8 - 36


Deutsche Übersetzung:

Aus Buch I:

2. Nachdem also jede Erkenntnis und jeder Entschluß nach einem bestimmten Gut zielt, wollen wir wieder einsetzen mit der Frage : "Was ist das Ziel der Politik [scil. als Kunst, die menschliche Gemeinschaft richtig zu ordnen] und welches das höchste von allen Gütern, die man durch Handeln erreichen kann?

In seiner Benennung stimmen fast alle überein. Das Glück - so sagen die Leute, und so sagen die feineren Geister, wobei gutes Leben und gutes Handeln in eins gesetzt werden mit Glüklichsein. Aber was das Wesen des Glückes sei, darüber ist man unsicher, und die Antwort der Menge lautet anders als die des Denkers. Die Menge stellt sich etwas Handgreifliches und Augenfälliges darunter vor, z. B. Lust, Wohlstand, Ehre: jeder etwas anderes. Bisweilen wechseIt sogar ein und derselbe Mensch seine Meinung: wird er krank, so sieht er das Glück in der Gesundheit, ist er arm, dann im Reichtum. Im Bewußtsein aber der eigenen Unwissenheit bestaunen die Leute jene, die etwas vortragen, was bedeutsam klingt und über ihre Fassungskraft hinausgeht.

Einige aber dachten, es gehe neben den vielen greifbaren Gütern noch ein Gut, von selbständiger Existenz, das zugleich für all die genannten Güter die Ursache dafür sei, daß sie Güter sind. Alle vorgetragenen Ansichten zu prüfen ist wohl nicht sehr sinnvoll. Wir beschränken uns daher auf solche, die besonders weit verbreitet sind oder wenigstens auf philosophisch-systematischem Nachdenken beruhen. ...

3. ...Eine Meinung darüber, was oberster Wert und was Glück sei, gewinnt man wohl nicht ohne Grund zunächst aus den bekannten Lebensformen. In der Mehrzahl entscheiden sich die 'Leute', d. h. die besonders grobschlächtigen Naturen, für den Genuß und finden deshalb ihr Genügen an dem Leben des Genusses. Es gibt nämlich drei Hauptformen: erstens die soeben erwähnte, zweitens das Leben im Dienste des Staates, drittens das Leben als Hingabe an die Philosophie.

(a) Die Vielen also bekunden ganz und gar ihren knechtischen Sinn, da sie sich ein animalisches Dasein aussuchen. Und doch bekommen sie einen Schein von Recht, weil es unter den Hochgestellten so manchen gibt, der ähnliche Passionen hat wie Sardanapalis.

(b) Edle und aktive Naturen entscheiden sich für die Ehre. Denn das ist im ganzen gesehen das Ziel eines Lebens für den Staat. Doch ist dieses Ziel wohl etwas äußerlich und kann nicht als das gelten, was wir suchen. Hier liegt nämlich der Schwerpunkt mehr in dem, der die Ehre spendet, als in dem, der sie empfängt. Den obersten Wert aber erahnen wir als etwas, was uns zuinnerst zugeordnet und nicht leicht ablösbar ist. Außerdem ist anzunehmen, daß man nach Ehre strebt, um sich des eigenen Wertes zu vergewissern. Deshalb sucht man von Urteilsfähigen geehrt zu werden, von Menschen, die uns kennen, und zwar auf Grund der Tüchtigkeit. Jedenfalls ergibt sich aus diesem Verhalten ganz klar, daß die Tüchtigkeit der höhere Wert ist, und man darf dann vielleicht eher in ihr das Ziel des Lebens für den Staat erkennen. Und doch ist auch sie noch nicht ganz Ziel im vollen Sinn. Denn man kann sich die Möglichkeit vorstellen, daß jemand die Tüchtigkeit zwar hat, aber dabei schläft oder ein Leben lang untätig, ja darüber hinaus mit größtem Leid und Unglück beladen ist. Wer aber ein solches Leben führt, den wird niemand als glücklich bezeichnen, außer er möchte eine paradoxe Behauptung unter allen Umständen retten. Doch genug hiervon: auch in den Schriften für weitere Kreise ist das ausreichend behandelt.

(c) Die dritte Lebensform ist die Hingabe an die Philosophie. Darüber wird die Untersuchung später zu führen sein.

Das Leben des Geldmenschen hat etwas Forciertes an sich, und der Reichtum ist gewiß nicht das gesuchte oberste Gut. Er ist nur ein Nutzwert: Mittel für andere Zwecke. Daher kann man eher die vorher genannten Dinge (Lust und Ehre) als Endziele auffassen; denn sie werden um ihrer selbst willen geschätzt. Und doch sieht es so aus, als seien auch dies keine echten Ziele, obgleich viele Argumente zu ihren Gunsten Gemeingut geworden sind. Diese Gedankengänge wollen wir nun verlassen.

4. Es wird vielmehr zweckdienlich sein, das oberste Gut, sofern es als allgemeine Wesenheit gedacht wird, zu betrachten und zu zergliedern, wie das gemeint sei. ...

12. ... Wir stellen somit fest, daß ... das Glück zu dem gehört, was höchsten Preises würdig und vollkommen ist. Dies ist auch deshalb wichtig, weil das Glück seinem Wesen nach nur etwas Grundlegendes und Beständiges sein kann, wo wir doch darauf all unser Tun und Trachten einrichten. ...

... Glück [in diesem Sinne] ist ein Tätigsein der Seele zur Verwirklichung der in ihr angelegten Tüchtigkeit. ... Tüchtigkeit des Menschen bedeutet nicht die des Leibes, sondern der Seele, wie wir ja auch das Glück als eine Tätigkeit der Seele bezeichnen. ...

13. ... Nach diesen Überlegungen läßt sich nun auch die sittliche Trefflichkeit unterteilen. Wir sprechen nämlich teils von Vorzügen des Verstandes [dianoetischen Tugenden], teils von Vorzügen des moralischen Wesens [charakterlich-moralischen Tugenden]. Die Weisheit [des Philosophen], Intelligenz und sittliche Einsicht sind Verstandesvorzüge, Großzügigkeit und Besonneheit sind moralische Charakterwerte. Wenn wir nämlich den moralischen Charakter eines Menschen bezeichnen, so sagen wir nicht, er sei weise oder intelligent, sondern etwa, er sei von vornehm-ruhigen Wesen oder besonnen. Allerdings loben wir auch den Weisen wegen seines moralischen Verhaltens im Geistigen. ...

Aus Buch II:

1 Die Tüchtigkeit ist also zweifach: es gibt Vorzüge des Verstandes [scil. 'dianoetische'] und Vorzüge des Charakters [scil. 'moralisch-charakterliche']. Was die ersteren betrifft, so gewinnen sie Ursprung und Wachstum vorwiegend durch Lehre, weshalb sie Erfahrung und Zeit brauchen. Die letzteren sind das Ergebnis von Gewöhnung. Daher auch der Name [scil 'ethisch‘, von HJOS], der sich mit einer leichten Variante von dem Begriff für Gewöhnung [EJOS] herleitet. Somit ist auch klar, daß keiner der Charaktervorzüge uns von Natur eingeboren ist; denn kein Naturding läßt sich in seiner Art umgewöhnen. Es ist in der Natur des Steines zu fallen. Keine Gewöhnung wird ihn zum Steigen bringen, selbst wenn man ihn daran gewöhnen wollte, indem man ihn unzählige Male in die Höbe würfe. Und das Feuer läßt sich nicht nach unten zwingen und keinem Ding, das von Natur in bestimmter Richtung festgelegt ist, kann man ein anderes Verhalten angewöhnen. Also entstehen die sittlichen Vorzüge in uns weder mit Naturzwang noch gegen die Natur, sondern es ist unsere Natur, fähig zu sein sie aufzunehmen, und dem vollkommenen Zustande nähern wir uns dann durch Gewöhnung.

Ferner: was von Natur in uns anwesend ist, davon bringen wir zunächst nur die Anlage mit und lassen dies dann erst später aktiv in Erscheinung treten. Ein klares Beispiel bietet die Fähigkeit der Sinneswahruehmung. Wir haben ja nicht durch wiederholte Akte des Sehens oder Hörens die Fähigkeit der Wahrnehmung bekommen, sondern umgekehrt: die Fähigkeit war da und dann haben wir sie benützt - nicht etwa infolge der Benützung erst erhalten. Die sittlichen Werte dagegen gewinnen wir erst, indem wir uns tätig bemühen. Bei Kunst und Handwerk ist es genauso. Denn was man erst lernen muß, bevor man es ausführen kann, das lernt man, indem man es ausführt: Baumeister wird man, indem man baut, und Kitharakünsiler, indem man das Instrument spielt. So werden wir auch gerecht, indem wir gerecht handeln, besonnen, indem wir besonnen, und tapfer, indem wir tapfer handeln.

Dies wird auch bestätigt durch eine Tatsache des staatlichen Lebens: die Gesetzgeber suchen die Bürger durch Gewöhnung zu veredeln, und dies ist die Tendenz eines jeden Gesetzgebers. Wenn er dabei nicht richtig verfährt, so verfehlt er sein Ziel, und so kommt es zu dem Unterschied zwischen guter Verfassung und verfehlter Verfassung.

Ferner: aus denselben Ursachen und durch dieselben Mittel entsteht jeweils die sittliche Tüchtigkeit und vergeht sie auch wieder. Desgleichen Geschicklichkeit in Kunst und Handwerk. Durch das Spielen der Kithara entstehen die guten und die schlechten Musiker. Entsprechend ist es bei den Baumeistern und allen übrigen Berufen. Werkgerechtes Bauen wird gute, das Gegenteil schlechte Baumeister hervorbringen. Wäre dem nicht so, so wäre der Lehrer überflüssig, und es gäbe nur geborene Könner und geborene Stümper. So ist es denn auch bei den sittlichen Werten. Denn durch das Verhalten in den Alltagsbeziehungen zu den Mitmenschen werden die einen gerecht, die andern ungerecht. Und durch unser Verhalten in gefährlicher Lage, Gewöhnung an Angst oder Zuversicht, werden wir entweder tapfer oder feige. Dasselbe trifft zu bei den Regungen der Begierde und des Zorns: die einen werden besonnen und gelassen, die anderen hemmungslos und jähzornig, je nachdem sie sich so oder so in der entsprechenden Lage benehmen. Mit einem Wort: aus gleichen Einzelhandlungen erwächst schließlich die gefestigte Haltung. Darum müssen wir unseren Handlungen einen bestimmten Wertcharakter erteilen; denn je nachdem sie sich gestalten, ergibt sich die entsprechende feste Grundbaltung. Ob wir also gleich von Jugend auf in dieser oder jener Richtung uns formen, darauf kommt nicht wenig an, sondern sehr viel, ja alles.

2 Der Teil der Philosophie, mit dem wir es hier zu tun haben, ist nicht wie die anderen rein theoretisch - wir philosophieren nämlich nicht, um zu erfahren, was ethische Werthaftigkeit sei, sondern um wertvolle Menschen zu werden. Sonst wäre dieses Philosophieren ja nutzlos. Daher müssen wir unser Augenmerk auf das Gebiet des Handelns richten, auf die Frage, wie wir die einzelnen Handlungen gestalten sollen; denn diese beeinflussen, wie wir gesagt haben, in entscheidender Weise das Wie der sich herausbildenden charakterlich-moralischen Grundhaltungen. ...


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)