Ein Gebot der Vätersitte: Cicero, De officiis 3, 44 - 46.

Lat. Text und deutsche übersetzung nach: Cicero, De officiis - Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Hein Gunermann, Stuttgart 1978, S. 258 f.


Deutsche Übersetzung:

(44) ... Deshalb haben wir von den Vorfahren den ausgezeichneten Brauch übernommen - hielten wir uns nur daran -, den Richter um das zu bitten, was er OHNE VERLETZUNG SEINES GEWISSENS tun könne. Dies meint Freundschaftsdienste, die, wie ich zuvor ausführte, von einem Richter auch einem Freunde gegenüber nur unter Beachtung der Gebote der Ehre geleistet werden dürfen. Denn müßte man alles tun, was Freunde wollen, dann müßte man ein solches Verhältnis nicht eigentlich als Freundschaft, sondern vielmehr als eine Verschwörung ansehen. (45) Ich spreche dabei übrigens von ganz gewöhnlichen Freundschaften; denn bei weisen und vollkommenen Männern kann solches nicht vorkommen. Die Pythagoreer Damon und Phintias etwa sollen gegeneinander von einer so beispielhaften [scil. weisen und vollkommenen] Selbstverleugnung gewesen sein. Als nämlich der Tyrann Dionysios für den einen von ihnen den Tag seiner Hinrichtung bestimmt hatte, der aber, der zum Tode verurteilt war, ein paar Tage für sich erbat, um die Seinen der Fürsorge von Freunden anzuvertrauen, stellte sich der andere als Bürge für sein termingerechtes Erscheinen unter der Auflage, selbst zu sterben, wenn jener nicht wiederkehre. Als dieser sich zu dem Termin wieder einfand, bat der Tyrann in Bewunderung für ihre Freundestreue, daß sie ihn als Dritten in ihre Freundschaft aufnähmen.

(46) Wenn also das, was unter Freunden als nützlicher Freundesdienst erscheint, mit dem, was ehrenvoll ist, zu vereinbaren sein soll, dann muß es immer so sein, daß der Nutzen zurücktritt und die Ehrenhaftigkeit in jeder Hinsicht Vorrang hat. Wenn aber unter Freunden etwas, was nicht ehrenhaft ist, gefordert wird, dann sollen Gewissen und Verläßlichkeit vor der Freundschaft eingestuft werden. So läßt sich die genaue Bestimmung der Pflicht, die wir suchen, treffen.


Latenischer Text:

(44) ... Itaque praeclarum a maioribus accepimus morem rogandi iudicis, si eum teneremus, QUAE SALVA FIDE FACERE possit. Haec rogatio ad ea pertinet, quae paulo ante dixi honeste amico a iudice posse concedi. Nam si omnia facienda sint, quae amici velint, non amicitiae tales, sed coniurationes putandae sint.

(45) Loquor autem de communibus amicitiis; nam in sapientibus viris perfectisque nihil potest esse tale. Damonem et Phintiam Pythagoreos ferunt hoc animo inter se fuisse, ut, cum eorum alteri Dionysius tyrannus diem necis destinavisset et ii, qui morti addictus esset, paucos sibi dies commendandorum suorum causa postulavisset, vas factui sit alter eius sistendi, ut si ille non revertisset, moriendum esset ipsi. Qui cum ad diem se recepisset, admiratus eorum fidem tyrannus petivit, ut se ad amicitiam tertium adscriberent.

(46) Cum igitur id, quod utile videtur in amicitia, cum eo, quod honestum est, comparatur, iaceat utilitatis species, valeat honestas. Cum autem in amicitia, quae honesta non sunt, postulabuntur, religio et fides anteponatur amicitiae; sic habebitur is, quem exquirimus dilectus officii.


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)