Göttlicher Zorn wegen Verletzung heiligen Rechts und der Brauch der Spartaner. Aus Herodot, Historien (7, 133 - 137).

Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otte. Stuttgart 1971 4 , S. 482 - 484.


133. Daß Xerxes nicht auch von Athen und Sparta Erde und Wasser forderte, hatte darin seinen Grund, daß die Athener die ersten Boten des Dareios vom Felsen herabgestürzt und die Spartiaten sie in einen Brunnen geworfen hatten: dort könnten sie sich Erde und Wasser für den König holen. Darum schickte jetzt Xerxes nicht von neuem Boten nach Athen und Sparta. Ob sich die Ermordung jener Herolde an Athen gerächt hat, wüßte ich nicht zu sagen, außer daß ihnen Land und Stadt verwüstet und zerstört wurden. Doch glaube ich nicht, daß das die Strafe für die Ermordung der Herolde gewesen ist.

134. Was die Lakedaimonier betrifft, so kam wegen des Gesandtenfrevels der Zorn des Heros Talthybios, des Herolds Agamemnons, über sie. In Sparta hat nämlich Talthybios ein Heiligtum, und es leben dort auch Abkommen, die Talthybiaden, deren Familie sämtliche öffentlichen Gesandtschaften übertragen werden, die Sparta absschickt. Nach dem Gesandtenmord wollte kein einziges Opfer, das die Spartiaten veranstalteten, günstig ausfallen. Das währte längere Zeit. Die Lakedaimonier waren darüber tief bekümmert, sie hielten viele Volksversammlungen ab und ließen durch einen Herold ausrufen, ob ein lakedaimonischer Bürger sich für Sparta opfern wollte. Da meldeten sich Sperthias, Sohn des Aneristos, und Bulis, Sohn des Nikolaos, zwei reiche Spartiaten von guter Abkunft; die wollten Xerxes, dem Sohn des Dareios, Buße leisten für den Tod der in Sparta umgekommenen Herolde. So wurden denn die beiden Spartiaten ins medische Land geschickt, um den Tod zu erleiden.

135 Man muß den Mut dieser Männer bewundern und nicht minder die Worte, die sie gesprochen haben. Denn auf ihrem Wege nach Susa kamen sie zu Hydarnes, einem Perser von Geburt, der das persische Heer an der kleinasiatischen Küste befehligte. Der nahm sie auf und stellte beim Mahle die Frage an sie:

"Ihr Lakedaimonier, warum sträubt ihr euch eigentlich, des Königs Freunde zu sein? An mir und meiner Stellung könnt ihr sehen, wie der König tapfere Männer zu ehren weiß. Auch ihr steht im Rufe tapferer Männer bei ihm. Wenn ihr ihm euch ergäbet, so würde der König jeden Spartiaten zum Herren über eine Landschaft in Hellas machen."

Darauf erwiderten die Spartiaten:

"Hydarnes! Der Rat, den du uns gibst, ist kurzsichtig. Du kennst nur, was du uns rätst, nicht, wovon du uns abrätst. Du kennst die Knechtschaft, aber von der Freiheit weißt du nichts, nicht ob sie süß, noch ob sie bitter ist. Hättest du sie je gekostet, du würdest uns raten, nicht hloß mit Speeren für sie zu kämpfen, sondern auch mit Äxten."

136. Das war ihre Antwort an Hydarnes. Als sie nun nach Susa weiterzogen und vor das Angesicht des Königs traten, befahlen ihnen die Leibwächter, vor dem König niederzufallen, und wollten sie mit Gewalt dazu zwingen. Aber die Spartiaten weigerten sich: und wenn man sie mit dem Kopf auf den Boden stieße, würden sie es doch nicht tun; denn bei ihnen sei es nicht Brauch, sich vor Menschen niederzuwerfen, auch kämen sie aus einem anderen Grunde. Und als sie jene Zumutung zurückgewiesen hatten, begannen sie ihre Rede und sagten:

"König der Meder! Die Lakedaimonier schicken uns zur Sühne für die Herolde, die in Sparta ums Leben gekommen sind.".

Da erwiderte Xerxes großmütig, er wolle nicht handeln wie die Lakedaimonier, die durch den Mord an den Herolden das Recht, das alle Völker heilig hielten, verletzt hätten. Er wolle nicht denselben Frevel begehen, sondern, ohne sie zu töten die Lakedaimonier von der Blutschuld lösen.

137. Darauf legte sich alsbald der Groll des Talthybios, obwohl Sperthias und Bulis nach Sparta heimkehrten. Lange Zeit danach erwachte aber der Zorn des Heros von neuem - so erzählen die Lakedaimonier -, und zwar in dem Kriege der Peloponnesier mit Athen. Das Eingreifen des Talthybios scheint mir da ganz deutlich zu sein. Es war ganz berechtigt, daß sein Groll sich gegen jene Boten wandte und nicht eher schwand, als bis er sein Ziel erreicht hatte. Daß der Groll sich dann auf die Söhne dieser beiden zum König gewanderten Männer übertrug, auf Nikolaos, den Sohn des Bulis, und Aneristos, den Sohn des Sperthias, jenen Aneristos, der die von Tirynthiern besiedelte Stadt Halieis von einem mit Kriegern bemannten Handelsschiffe aus eroberte - das zeigt deutlich den göttlichen Finger. Sie wurden nämlich von den Lakedaimoniern als Gesandte nach Asien geschickt, aber unterwegs wurden sie von dem thrakischen König Sitalkes, Sohn des Tereus, und von dem Abderiten Nymphodoros, Sohn des Pythes, an die Athener verraten. In Bisanthe am Hellespontos ergriff man sie und schleppte sie nach Attika, wo sie getötet wurden, mit ihnen auch der dritte Gesandte Aristeas, Sohn des Adeimantos aus Korinth. Doch geschah dies alles erst viele Jahre nach dem Kriegszuge des Xerxes, und ich kehre zu meiner Erzählung zurück.


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)