Tradition und Gesetz in der athenischen Verfassung: Aristoteles über das Amt der Archonten (Athenaion Politeia 55 - 61).

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Der Staat der Athener. Übersetzt und herausgegeben von Peter Dams, Stuttgart 1972, S.61 - 67.


55. ...[Heutzutage werden die neun sogenannten 'Archonten' anders als in den Anfangszeiten der athenischen Verfassung nicht gewählt, sondern] erlost, die sechs Thesmotheten mit ihrem Sekretär und ebenso der eponyme Archont, der König und der Feldherr, der Reihe nach aus jeder Phyle. (2) Diese werden dann zunächst im Rat der Fünfhundert begutachtet, mit Ausnahme des Sekretärs; der wird nur vor dem Gericht begutachtet wie die übrigen Amtsträger - alle ausgelosten und gewählten Beamten werden vor Amtsantritt begutachtet -, die neun Archonten aber vor dem Rat und vor dem Gericht. Früher konnte einer sein Amt nicht antreten, wenn ihn der Rat ablehnte, jetzt gibt es aber die Berufung an das Gericht, und dieses ist für die Prüfung entscheidend. (3) Bei der Prüfung wird zuerst die Frage gestellt: "Wer ist dein Vater und aus welchen Gemeinden stammt er, wer ist der Großvater, wer die Mutter und wer der Vater der Mutter und aus welchen Gemeinden stammen sie?" Danach, ob er ein Heiligtum des Apollon Patroos und des Zeus Herkeios unterhalte und wo sie liegen; dann, ob er Familiengräber besitze und wo sie liegen, ob er seine Eltern gut behandle, ob er seine Steuern zahle und an den Feldzügen teilgenommen habe. Nach dieser Befragung ergeht die Aufforderung: "Nenne dafür Zeugen!" (4) Wenn er die Zeugen vorgewiesen hat, kommt die Frage: "Will jemand gegen diesen Klage führen?" Wenn ein Kläger auftritt, erfolgen Anklage und Verteidigung, sodann wird im Rat durch Handaufheben, im Gericht durch Stimmsteine abgestimmt. Früher gab nur ein Richter seine Stimme ab, nun aber müssen alle über sie abstimmen, damit es, wenn ein verbrecherischer Bewerber seine Ankläger beseitigt hat, doch noch in der Hand der Richter liegt, ihn abzulehnen. (5) Sind die Kandidaten auf diese Weise begutachtet, schreiten sie zu dem Stein, auf dem die Opferstücke liegen, an dem auch die Schiedsrichter den Eid leisten, bevor sie ihre Urteile in Streitfällen abgeben, ebenso die Zeugen, wenn sie ihre Aussagen bekräftigen. Zu diesem steigen nun die neun Archonten hinauf und schwören, gerecht und nach den Gesetzen zu regieren, keine Geschenke wegen ihrer Amtsstellung anzunehmen und, wenn sie das doch täten, ein goldenes Standbild zu weihen. Haben sie dort den Schwur geleistet, schreiten sie zur Akropolis und leisten dort wieder den gleichen Schwur. Danach treten sie ihr Amt an.

56. Der Archont, der König und der Feldherr nehmen sich zwei Beisitzer nach ihrer Wahl. Auch diese werden vor der Amtsübernahme vor Gericht geprüft und müssen Rechenschaft ablegen, wenn sie ihr Amt geführt haben. (2) Sobald der Archont antritt, läßt er zunächst verkünden, daß jeder sein Eigentum, über das er vor seinem Amtsantritt verfügte, behalten und bis zum Ende der Regierungszeit volle Verfügungsgewalt darüber haben soll. (3) Dann stellt er drei Chorführer für die Tragödien auf, die Reichsten unter allen Athenern. Früher stellte er auch fünf für die Komödien auf, jetzt werden diese von den Phylen bestimmt. Dann übernimmt er die von den Phylen bestimmten Chorführer der Dionysien für die Männer und Knaben sowie für die komischen Chöre und die Chorführer der Thargelien für die Männer und Knaben (für die Dionysien gibt es einen aus jeder Phyle, für die Thargelien einen aus zwei Phylen; die Phylen stellen ihn abwechselnd). Für diese leitet er den Vermögenstausch ein und bringt die Ausreden vor Gericht, wenn einer behauptet, er habe diesen Staatsdienst schon früher geleistet oder er sei von der Leistung frei, weil er einen anderen öffentlichen Dienst übernommen habe und die Zeit seiner Freistellung noch nicht abgelaufen sei, oder er habe noch nicht sein Alter erreicht. Die Chorführer der Knaben müssen nämlich über 40 Jahre alt sein. Er stellt auch die Chorführer für die Fahrt nach Delos auf und die Anführer der heiligen Gesandtschaft für die Dreißigruderer, mit dem die Jünglinge hinfahren. (4) Er besorgt auch die Festzüge, und zwar den für Asklepios, wenn die in die Mysterien Eingeweihten zu Hause bleiben, und den Festzug an den großen Dionysien zusammen mit den zehn Besorgern, die früher vom Volk gewählt wurden und die Aufwendungen für den Festzug aus eigenen Mitteln bestreiten mußten, die jetzt aber, je einer aus jeder Phyle, ausgelost werden und zur Ausrüstung 100 Minen erhalten. (5) Der Archont besorgt auch den Festzug zu den Thargelien und den für den Retter-Zeus. Ebenso richtet er den Wettkampf an den Dionysien und an den Thargelien aus. Dies sind also die Feste, für die er zu sorgen hat. (6) Ihm fallen auch durch das Los Anzeigen und Prozesse zu, die er untersucht und an das Gericht leitet, und zwar wegen Mißhandlung der Eltern (diese Prozesse kann jeder nach Belieben ohne eigenes Risiko einleiten), Mißhandlung von Waisen (diese werden gegen die Vormünder eingeleitet), Mißhandlung der Erbtöchter (diese werden gegen die Vormünder und die mit ihr zusammenlebenden Verwandten geführt), Mißbrauch des Waisenvermögens (auch diese Prozesse werden gegen die Vormünder geführt), wegen Wahnsinns, wenn jemand einen beschuldigt, im Wahn sein Vermögen zu verschleudern, Prozesse zur Wahl von Verteilern, wenn einer gemeinsamen Besitz nicht aufteilen lassen will, zur Einrichtung einer Vormundschaft, zur Feststellung der Vorrangigkeit einer Vormundschaft, zur Beweisführung, wenn sich einer als Vormund eingetragen hat, Rechtshändel um Erbschaften und Erbtöchter. (7) Er sorgt auch für die Waisen und die Erbtöchter, ebenso für die Frauen, die nach dem Tode ihres Mannes erklären schwanger zu sein. Er kann die, die diesen Unrecht tun, bestrafen oder vor Gericht bringen. Er vermietet auch die Häuser der Waisen und der Erbtöchter, bis sie das 14. Lebensjahr erreicht haben, nimmt die Mieten ein und treibt von den Vormündern, die für ihre Kinder nicht sorgen, das Kostgeld ein.

57. Der eponyme Archont sorgt also für all das. Der König aber besorgt zunächst die Mysterien zusammen mit den Besorgern, die das Volk wählt, zwei von den gesamten Athenern: einen von den Eumolpiden und einen von den Keryken. Außerdem die lenäischen Dionysien; sie bestehen aus Festzug und Wettkampf. Den Festzug veranstalten der König und die Besorger gemeinsam, den Wettkampf dagegen richtet der König allein aus. Er organisiert auch alle Fackelläufe und hat ebenso die Schirmherrschaft über alle, wie man so sagt, altüberkommenen Opferfeiern. (2) An ihn gehen durch das Los die Anzeigen wegen Gottesfrevels und wenn ein Streit um ein Priesteramt entsteht. Er entscheidet alle Streitigkeiten zwischen den Geschlechtern und Priestern über sakrale Angelegenheiten. Auch die Mordprozesse gehen durch Los an ihn, und er ist es, der den Ausschluß von den religiösen Bräuchen verkündet. (3) Die Prozesse wegen Mordes und Verletzung, wenn einer mit Absicht mordet oder verletzt, finden vor dem Areopag statt; auch wenn einer mit Gift oder durch Brandstiftung mordet. Darüber allein richtet der Rat. Über Totschlag und Mordabsicht oder wenn einer einen Sklaven, Ansiedler oder Fremden tötet, die Richter im Palladion. Wenn einer einen Mord gesteht, jedoch behauptet, er habe ihn im Recht begangen, etwa bei Ergreifung eines Ehebrechers oder unwissentlich im Krieg oder bei einem Sportunfall, sitzt man darüber im Delphinion zu Gericht. Wenn einer wegen eines Verbrechens verbannt ist, für das die Möglichkeit der Amnestie besteht, und beschuldigt wird, einen anderen getötet oder verletzt zu haben, sitzt man darüber im Phreatos zu Gericht, (4) und er verteidigt sich von einem in der Nähe verankerten Schiff aus. Richter sind die ausgelosten Kriminalrichter, außer in den Angelegenheiten, die vor den Areopag gehören. Den Prozeß leitet der König ein; die Gerichtssitzung findet im Heiligtum unter freiem Himmel statt. Der König nimmt den Kranz ab, wenn er Recht spricht. Der Angeklagte muß sich die übrige Zeit von den Heiligtümern fernhalten und darf sich nach dem Gesetz nicht einmal auf den Markt begeben. Dann aber betritt er das Heiligtum, um sich zu verteidigen. Wenn der König den Täter nicht kennt, macht er die Klage gegen den unbekannten Täter anhängig; so sprechen der König und die Phylenkönige Recht, auch über die toten und die übrigen Lebewesen.

58. Der Feldherr-Archont richtet die Opferfeiern für die Artemis Agrotera und für Enyalios aus, veranstaltet den Wettkampf zur Totenehrung und spendet die Totenopfer für die im Krieg Gefallenen und für Harmodios und Aristogeiton. (2) Ihm fallen die Privatprozesse zu, die die Ansiedler, die gleichbesteuerten Ansiedler und die Staatsgäste führen. Er muß sie übernehmen, in zehn Teile aufteilen und jeder Phyle ein Teil durch Los zukommen lassen, worauf die Richter der Phyle die Fälle den Schiedsrichtern übergeben. (3) Er selbst leitet Prozesse wegen böswilligen Verlassens des Patrons und Versäumnis der Patronatspflichten, wegen Erbschaften und Erbtöchterangelegenheiten bei den Ansiedlern ein, und auch sonst besorgt der Feldherr alle Angelegenheiten bei den Ansiedlern, die der Archont bei den Vollbürgern besorgt.

59. Die Thesmotheten haben zunächst die Aufgabe, den Gerichten vorzuschreiben, an welchen Tagen sie Recht sprechen sollen, sodann sie den Beamten zuzuweisen. Wie sie es nämlich zugeteilt haben, müssen es die Beamten übernehmen. (2) Außerdem bringen sie die Anzeigen vor die Volksversammlung und leiten auch die Verurteilungen durch das Volk und alle vorläufigen Anklagen beim Volk ein sowie Anklagen wegen Gesetzwidrigkeiten und nutzloser Gesetzeserlasse, gegen Auschußmitglieder und Vorsitzende sowie gegen Rechenschaftslegung der Strategen. (3) Es gehen auch Anklagen bei [ihnen] ein, für die eine Kaution hinterlegt wird, so wegen Usurpation des Bürgerrechts und Erschleichung des Bürgerrechts durch Bestechung - wenn einer durch Bestechung eine Klage wegen Erschleichung des Bürgerrechts abwendet -, wegen Denunziation, Bestechung, falscher Eintragung in die Listen, wegen falscher Bezeugung einer Vorladung vor Gericht, wegen Heimtücke, falscher Streichung als Schuldner und wegen Ehebruchs. (4) Sie leiten die Prüfungen für alle Amter ein, auch die von den Gemeindemitguedern abgelehnten Bewerber und die Ablehnungen vom Rat. (5) Sie leiten Privatprozesse ein, die mit dem Importwesen und den Bergwerken zusammenhängen, und gegen Sklaven, die einen Freigeborenen beleidigen. Sie teilen auch durch Los die privaten und öffentlichen Gerichte den Behörden zu, (6) machen Verträge mit anderen Städten rechtskräftig und leiten Prozesse ein, die aus den Verträgen entstehen, ebenso die Prozesse wegen falscher Zeugenaussage vor dem Areopag. (7) Alle neun Archonten, als zehnter der Sekretär der Thesmotheten, losen die Richter aus, jeder in seiner Phyle.

60. So verhält es sich also mit den neun Archonten. Es werden auch zehn Kampfordner ausgelost, einer aus jeder Phyle. Diese haben, wenn sie begutachtet sind, ihr Amt für vier Jahre inne und besorgen die Verwaltungsarbeit für den Festzug der Panathenäen, für den musischen und sportlichen Wettkampf und für das Pferderennen, lassen das heilige Gewand herstellen und zusammen mit dem Rat die Amphoren; den Wettkämpfern teilen sie das Öl zu. (2) Gesammelt wird das Öl von den heiligen Olbäumen. Der Archont treibt es von denen ein, die die Plätze besitzen, auf denen die heiligen Olbäume stehen, und zwar eineinhalb Kotylen von jedem Stamm; früher verkaufte die Stadt die Früchte. Wenn einer einen heiligen Ölbaum ausgrub oder fällte, richtete der Rat vom Areopag über ihn, und wenn er verurteilt wurde, erhielt er die Todesstrafe. Seitdem aber der Besitzer des Platzes das Öl abzuliefern hat, gibt es zwar das Gesetz noch, doch das Prozeßverfahren besteht nicht mehr; denn das Öl wird nach dem Umfang des Besitzes, nicht nach der Zahl der Stämme für die Stadt eingezogen. (3) Wenn der Archont nun den unter ihm erwirtschafteten Ertrag gesammelt hat, übergibt er ihn den Verwaltern auf der Akropolis, und er darf nicht eher den Areopag betreten, bevor er den Verwaltern alles abgeliefert hat. Die Verwalter bewahren es die übrige Zeit auf der Akropolis auf, an den Panathenäen jedoch messen sie es den Kampfordnern zu, die es dann den Wettkämpfern für ihren Sieg geben. Die Siegespreise bestehen bei den musischen Kämpfen in Silber und Gold, bei den athletischen in Schilden, beim gymnastischen Wettkampf und beim Pferderennen in Öl.

61. Alle kriegswichtigen Ämter werden durch Wahl besetzt, und zwar die zehn Strategen, früher aus jeder Phyle einer, jetzt aber aus allen zugleich. Diese werden auch durch Wahl ihren Amtsbereichen zugeordnet, einer, der die Schwerbewaffneten beim Ausrücken führt, einer, der über das Land wacht und, wenn Krieg auf das Land übergreift, die Kriegführung in der Hand hat; zwei für den Piräus, einer für Munichia und einer für Akte - sie sorgen für die Bewachung der Anlagen in Piräus; einer für die Abteilungen zur Ausrüstung von Kriegsschiffen, der die Liste der Kriegsschiffskommandanten aufstellt, den Vermögenstausch für sie vornimmt und auch die Prioritätsstreitigkeiten für sie vor Gericht bringt. Die übrigen Strategen werden für besondere Aufgaben verwendet. (2) Es findet über sie in jeder Prytanie eine Abstimmung statt, ob sie ihr Amt gut zu verwalten scheinen. Wenn gegen einen gestimmt wird, liegt das Urteil beim Gericht, und wenn er verurteilt wird, bemessen die Richter die Strafe, die er erleiden oder bezahlen muß; bei Freispruch tritt er sein Amt wieder an. Die Strategen sind auch ermächtigt, nach ihrem Dafürhalten Verhaftungen solcher Leute vorzunehmen, die die Ordnung verletzen, sie auszustoßen oder mit einer Geldstrafe zu belegen; doch das tun sie gewöhnlich nicht.


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)