Völkerrechtsargumentation in Verhandlungen zwischen Caesar und Ariovist (Caesar, Bellum Gallicum, 1, 43 - 46).

Lateinischer Text und Deutsche Übersetzung nach: Gaius Iulis Caesar, De bello Gallico . Der Gallische Krieg. Lateinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deissmann, Stuttgart 1991, S. 70 - 77.


Deutsche Übersetzung:

43 (1) Es gab dort ein weites, ebenes Gelände, auf dem sich eine recht große Anhöhe befand Sie lag etwa gleich weit von Ariovists und Caesars Lager entfernt. (2) Dorthin kamen die beiden, wie vereinbart, zur Unterredung. Caesar ließ die Legion, die ihn zu Pferde begleitet hatte, 200 Schritt von der Anhöhe entfernt halten. In gleicher Entfernung stellten sich die Reiter Ariovists auf (3) Ariovist verlangte jedoch, daß sie in Begleitung von je zehn Soldaten die Unterredung vom Pferd aus führten. (4) Als beide angelangt waren, erinnerte Caesar zu Beginn seiner Rede an die Gunstbeweise, die Ariovist von ihm und dem Senat erhalten habe, insofern als ihn der Senat mit dem Königs- und Freundestitel ausgezeichnet und großzügig beschenkt habe. Er legte dar, daß dies bisher nur wenigen zuteil geworden sei und gewöhnlich für große Verdienste verliehen werde. (5) Ariovist habe diese Ehrungen allein dem Entgegenkommen und der Großzügigkeit des Senats und seiner selbst zu verdanken; denn er habe weder einen Anlaß dazu gegeben, noch habe er sie aus einem vertretbaren Grund verlangen können. (6) Caesar fuhr fort, daß andererseits die von alters her bestehenden und zu Recht engen Beziehungen zwischen Rom und den Haeduern zu berücksichtigen seien, und legte dar, (7) daß der Senat wiederholt äußerst ehrenvolle Entscheidungen zugunsten der Haeduer getroffen habe, daß sie zudem die Herrschaft über ganz Gallien längst besessen hätten, ehe sie um einen Freundschaftsvertrag mit dem römischen Volk gebeten hätten. (8) Die Politik des römischen Volkes bestehe gewohnlich darin für seine Bundesgenossen und Freunde keinen Nachteil entstehen zu lassen, sondern ihren Einfluß, ihre Würde und ihre Ehre zu vermehren. Wer konne also zulassen daß ihnen entrissen werde, was sie zu Beginn der Freundschaft mit dem römischen Volk besessen hätten? (9) Darauf stellte Cacsar dieselben Forderungen, die er durch die Gesandten hatte übermitteln lassen. Ariovist solle weder die Haeduer noch ihre Bundesgenossen angreifen; er solle die Geiscln zurückgeben, und wenner schon keine Germanen in die Heimat zurückschicken könne, so solle er wenigstens nicht zulassen, daß weitere den Rheonm überschritten.

44 (1) Ariovist erwiderte nur kurz auf diese Forderungen Caesars, hob dagegen seine eigenen Leistungen hervor. (2)(2) Er sei nicht aus eigenem Antrieb über den Rhein gekommen, sondern die Gallier hätten ihn darum gebeten und herbeigeholt. Er habe die Heimat und seine Freunde aufgrund bedeutender Geldleistungen der Gallier und mit hochgespannten Erwartungen verlassen. Die Gallier selbst hätten seinem Stamm Wohnistze überlassen und freiwillig Geiseln gestellt. Nach Kriegsrecht verlange er Tribut, den die Sieger in der Regel den Besiegten auferlegten. (3) Nicht er habe die Gallier, sondern die Gallier hätten ihn angegriffen. Alle Stämme Galliens seien zum Krieg gegen ihn ausgezogen und hätten gegen ihn im Feld gestanden. In einer einzigen Schlacht habe er ihre gesamten Truppen vollständig geschlagen. Wenn sie einen zweiten Versuch wagen wollten, dann sei er wiederum zum Kampfe bereit; wenn sie in Frieden leben wollten, sei es unbillig, ihm den Tribut zu verweigern, den sie bis zu diesem Zeitpunkt freiwillig gezahlt hätten. (5) Die Freundschaft mit dem römischen Volk müsse ihm Ehre und Schutz bedeuten, dürfe sich jedoch nicht zu seinem Nachteil auswirken. In dieser Erwartung habe er sie gewollt. Wenn das römische Volk der Anlaß sei, daß ihm seine Tribute verringert und die unterworfenen Stämme abspenstig gemacht würden, werde er ebenso bereitwillig auf die Freundschaft des römischen Volkes verzichten, wie er sie einst angestrebt habe. (6) Was die große Zahl von Germanen angehe, die er nach Gallien bringe, so tue er das, um sich zu schützen, nicht, um gegen Gallien Krieg zu führen. Dafür zeuge die Tatsache, daß er nur auf Aufforderung hin gekommen sei und keinen Angriffskrieg geführt, sondern sich nur verteidigt habe. (7) Er sei früher nach Gallien gekommen als das römische Volk; niemals vorher habe ein Heer des römischen Volkes die Grenze der Provinz Gallien überschritten; was wolle Caesar eigentlich von ihm? (8) Warum dringe er in seinen Besitz ein? Dieses Gallien sei seine Provinz wie jenes unsere. Ebenso wie es ihm nicht gestattet werden dürfe, in unser Gebiet einzufallen, so unbillig sei es von uns, ihn in seinen Rechten einzuschränken. (9) Was die Tatsache angehe, daß Caesar behaupte, er nenne die Haeduer Freunde des römischen Volkes, so sei er kein so unerfahrener Barbar, um nicht zu wissen, daß die Haeduer die Römer im letzten Krieg gegen die Allobroger nicht unterstützt hätten und daß auch die Haeduer selbst in den jüngsten Auseinandersetzungen mit ihm und den Sequanern vom römischen Volk keinen Beistand erfahren hätten. (10) Ihm dränge sich daher der Verdacht auf, Caesar schiebe ein Freundschaftsverhältnis vor, um ihn mit dem Heer, das er in Gallien stehen habe, zu vernichten. (11) Wenn Caesar nicht weiche und das Heer aus diesem Gebiet abziehe, werde er ihn nicht als Freund, sondern als Feind ansehen. (12) Es werde führenden Männern des römischen Volkes und vielen Mitgliedern des Adels willkommen sein, wenn er ihn umbringe, das habe er von ihnen selbst durch ihre Boten erfahren. Ihrer aller Wohlwollen und Freundschaft könne er sich durch Caesars Tod erkaufen. (13) Wenn er dagegcn abziehe und ihm den ungehinderten Besitz Galliens überlasse, werde er es ihm großzügig vergelten und alle Kriege, die Caesar führen wolle, für ihn siegreich beenden, ohne daß es für Caesar mit Mühe oder Gefahr verbunden wäre.

45 (1) In seiner Erwiderung ging Caesar ausführlich darauf ein, warum er sein Vorhaben nicht aufgeben könne. Weder er noch das römische Volk ließen in der Regel zu, daß man so hochverdiente Bundesgenossen im Stich lasse; auch bestreite er, daß Ariovist einen größeren Anspruch auf Gallien habe als das römische Volk. (2) Nach der Untetwerfung der Arverner und Rutener durch Q. Fabius Maximus habe ihnen das römische Volk verziehen und ihr Gebiett weder zur Provinz gemacht noch ihnen Tribute auferlegt. (3) Wenn man es für notwendig halte, die längst vergangenen Zeiten in Augenschein zu nehmen, so sehe man, daß der Anspruch des römischcn Volkes auf Gallien am besten zu begründen sei. Wenn man sich nach dem Urteil des Senates richten wolle, so stehe Gallien die Freiheit zu; denn es sei der Wille des Senates gewesen, daß es seine eigene Verfassung behalte, obwohl es im Krieg überwunden worden sei.

46 (1) Während der Verhandlungen wurde Gaesar ge meldet, daß die Reiter Ariovists sich der Anhöhe weiter näherten, auf unsere Reiter zuritten und Steine und Wurfgeschosse auf sie schleuderten. (2) Caesar brach das Gespräch ab, zog sich zu seiner Truppe zurück und befahl, unter keinen Umständen ein Wurfgeschoß auf den Feind zurückzuschleudern (3) Denn obwohl er wußte, daß ein Gefecht mir der feindlichen Reiterei für seine ausgesuchte Legion gefahrlos sein würde, glaubte er, es nicht dazu kommen lassen zu dürfen damit die Feinde nach einer Niederlage nicht behaupten könnten, sie seien im Ver trauen auf eine friedliche Verhandlung hintergangen worden. ...


Lateinischer Text:

43 (1) Planities erat magna et in ea tumulus terrenus satis grandis. hic locus aequum fere spatium a castris utriusque, Ariovisti et Caesaris, aberat. (2) eo, ut erat dictum, ad conloquium venerunt. legionem Caesar, quam equis devexerat, passibus ducentis ab eo tumulo constituit; item equites Ariovisti pari intervallo constiterunt. (3) Ariovistus, ex equis ut conloquerentur et praeter se denos ad conloquium adducerent, postulavit. (4) ubi eo ventum est, Caesar initio orationis sua senatusque in eum beneficia commemoravit, quod rex appellatus esset a senatu, quod amicus, quod munera amplissime missa; quam rem et paucis contigisse et pro magnis hominum officiis consuesse tribui docebat; (5) illum, cum neque aditum neque causam postulandi iustam haberet, beneficio ac liberalitate sua ac senatus ea praemia consecutum. (6) docebat etiam quam veteres quamque iustae causae necessitudinis ipsis cum Haeduis intercederent, (7) quae senatus eonsulta quotiens quamque honorifica in eos facta essent, ut omni tempore totius Galliae principatum Haedui tenuissent, prius etiam quam nostram amicitiam adpetissent. (8) populi Romani hanc esse consuetudinem, ut socios atque amicos non modo sui nihil deperdere, sed gratia, dignitate, honore auctiores velit esse;quod vero ad amicitiam populi Romani attulissent, id iis eripi quis pati posset? (9) postulavit deinde eadem, quae legatis in mandatis dederat: ne aut Haeduis aut eorum sociis bellum inferret, obsides redderet, si nullam partem Germanorum domum remittere posset, at ne quos amplius Rhenum transire pateretur.

44 (1) Ariovistus ad postulata Caesaris pauca respondit,de suis virtutibus multa praedicavit: (2) transisse Rhenum sese non sua sponte, sed rogatum et accersitum a GalIis; non sina magna spe magnisque praemiis domum propinqnosque reliquisse sedes habere in Gallia ab ipsis concessas obsides ipsorum voluntate datos. stipendium capere iure belli, quod victores victis imponere consuerint (3) non sese Gallis, sed Gallos sibi bellum intulisse; omnes Galliae civitates ad se oppugnandum venisse ac contra se castra habuisse. eas omnes copias uno a se proelio pulsas ac superatas esse. (4) si iterum experiri velint, se iterum paratum esse decertare. si pace uti velint, iniquum esse de stipendio recusare, quod sua voluntate ad id tempus pependerint. (5) amicitiam populi Romani sibi ornamento et praesidio, non detrimento esse oportere, idque se hac spe petisse. si per populum Romanum stipendium remittatur et dediticii subtrahantur, non minus se libenter recusaturum populi Romani amicitiam quam adpetierit. (6) quod multitudinem Germanorum in Galliam traducat, id se sui muniendi, non Galliae inpugnandae causa facere. eius rei testimonium esse quod nisi rogatus non venerit et quod bellum non intulerit, sed defenderit. (7) se prius in Galliam venisse quam populum Romanum; numquam ante hoc tempus exercitum populi Romani Galliae provinciae finibus egressum. quid sibi vellet? (8) cur in suas possessiones veniret? provinciam suam hanc esse Galliam, sicut illam nostram. ut ipsi concedi non oporteret, si in nostros fines impetum faceret, sic item nos esse iniquos, quod in suo iure se interpellaremus. (9) quod a se Haeduos amicos appellatos diceret, non se tam barbarum neque tam imperitum esse rerum ut non sciret neque bello Allobrogum proximo Haeduos Romanis auxilium tulisse, neque ipsos in his contentionibus, quas Haedui secum et cum Sequanis habuissent, auxilio populi Romani usos esse. (10) debere se suspicari simulata Caesarem amicitia, quod exercitum in Gaallia habeat, sui opprimendi causa habere. (11) qui nisi decedat atque exercitum deducat ex his regionibus sese illum non pro amico, sed pro hoste habiturum. (12) quodsi eum interfecerit, multis se nobilibus principibusque populi Rornani gratum esse facturum - id se ab ipsis per eorum nuntios compertum habere -, quorum omnium gratiam atque amicitiam eius morte redimere posset. (13) quodsi decessisset et liberam possessionem Galliae sibi tradidisset, magno se illum praemio remuneraturum et quaecumque bella geri vellet sine ullo eius labore et periculo confecturum.

45 (1) Multa a Caesare in eam sententiam dicta sunt quare negotio desistere non posset; neque suam neque populi Romani consuetudinem pati ut optime meritos socios desereret, neque se iudicare Galliam potius esse Ariovisti quam populi Romani. (2) beIlo superatos esse Arvernos et Rutenos a Q. Fabio Maximo, quibus populus Romanus ignovisset neque in provinciam redegisset neque stipendium imposuisset. (3) quodsi antiquissimum quodque tempus spectari oporteret, populi Romani iustissimum esse in Gallia imperium; si iudicium senatus observari oporteret, liberam debere esse Galliam, quam bello victam suis legibus uti voluisset.

46 (1) Dum haec in conloquio geruntur, Caesari nuntiatum est equites Ariovisti propius tumulum accedere er ad nostros adequitare, lapides telaque in nostros conicere. (2) Cacsar loquendi finem fecit seque ad suos recepit suisque imperavit ne quod omnino telum in hostes reicerent. (3) nam etsi sine ullo periculo legionis delectae cum equitatu proelium fore videbat, tamen committendum non putabat, ut pulsis hostibus dici posset eos ab se per fidem in conloquio circumventos. ...


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)