Traditionelle Sitte und Sittenaufsicht in Rom (Plutarch, Cato Censorius 15 - 20).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen . Gesamtausgabe, 2. Bd. (Cato d. Ä. u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 292 - 298.


15. ...Man erzählt auch von Cato, daß er einst einen Jüngling, der im Wege einer Klage dafür gesorgt hatte, daß den Feind seines verstorbenen Vaters die [scil. verdiente] Strafe der Ehrlosigkeit traf, als er ihm gleich nach Entscheidung des Prozesses auf dem Markte begegnete, mit diesen Worten umarmt habe: "Solche Totenopfer muß man seinen Eltern bringen, nicht Schafe oder Böcke, sondern die Tränen und Verurteilungen ihrer Feinde." Bei alledem blieb er selbst als Staatsmann nicht unangetastet, sondern wurde immer, sooft er seinen Feinden irgendeine Blöße gab, vor Gericht gezogen und in Prozesse verwickelt. Denn er soll nicht weniger als fünfzigmal verklagt worden sein, das letzte Mal noch mit sechsundachtzig Jahren. Bei dieser Gelegenheit sagte er auch die so oft zitierten Worte, es sei schwer, sich vor anderen Menschen als denen, mit welchen man gelebt habe, zu verteidigen. Aber auch damit machte er seinem Prozessieren noch kein Ende; denn vier Jahre später, mit neunzig Jahren, klagte er noch den Servius Galba an. Man kann also wohl sagen, daß er, wie Nestor, mit seinem [scil. im Streit] tätigen Leben das dritte Menschenalter erreicht hat. Denn er arbeitete, wie schon gesagt worden, dem großen Scipio in Staatsaneglegenheiten immer entgegen und lebte bis in die Zeiten des jüngeren Scipio, der von jenem ein Enkel durch Adoption, aber ein Sohn des Paulus war, der Perseus und die Makedonen überwunden hat.

16. Zehn Jahre nach seinem Konsulat bewarb sich Cato um die Censorwürde. Diese war der Gipfel aller Ehre und gewissermaßen die Vollendung der ganzen politischen Laufbahn; es war damit außer der übrigen großen Gewalt auch eine strenge Aufsicht über den Lebenswandel und die Sitten der Bürger verbunden. Denn die Römer waren der Meinung, daß die Ehe, die Erziehung der Kinder, das häusliche Leben und die Art tischzuhalten nicht jedem nach seinem Belieben und seiner Neigung ohne weitere Aufsicht und Untersuchung überlassen werden dürfe. Weil sie also glaubten, daß man aus diesen Dingen weit besser als aus den öffentlichen und politischen Handlungen den Charakter eines Bürgers erkennen könne, so wählten sie, damit niemand sich dem Vergnügen ergebe oder von der gewöhnlichen und eingeführten Lebensart abweife, zwei Männer zu Aufsehern, Sittenrichtern und Zuchtmeistern, wovon der eine immer aus den Patriziern, der andere den Plebejern genommen wurde; diese hießen Censores, und hatten die Gewalt, dem, der liederlich und unordentlich lebte, das Pferd zu nehmen oder ihn aus dem Senat zu stoßen. Auch untersuchten und schätzten sie das Vermögen der Bürger und bestimmten nach dieser Schätzung deren Klasse und Rechte. Außerdem hatte dieses Amt noch viele andere wichtige Vorzüge.

Deswegen aber waren auch fast alle der vornehmsten und angesehensten Männer des Senats gegen eine Bewerbung des Cato. Die Patrizier quälte der Neid, weil sie es für die äußerste Beschimpfung des Adels hielten, daß Leute von ganz niedriger und unbekannter Herkunft sich zu der höchsten Ehre und Macht empordrängten; andere, die sich eines schlechten Lebenswandels und einer Abweichung von den alten Sitten bewußt waren, fürchteten, daß die Strenge dieses Mannes bei einer solcher Gewalt nun vollends hart und unerträglich sein würde. Daher machten sie gemeinsame Sache, stellten gegen Cato sieben andere Männer zur Bewerbung und Amt auf, die dann dem Volk mit allerhand schönen Hoffnungen schmeichelten, in der Meinung, daß es selbst nachsichtige und gefällige Censoren verlange.

Cato seinerseits ließ sich nicht zu der geringsten Gefälligkeit herab, im Gegenteil, er drohte öffentlich auf der Bühne allen schlechten Bürgern, schrie, der Staat bedürfe einer großen Reinigung, und beschwor das Volk, wenn es vernünftig dächte, nicht den gefälligsten, sondern den schärfsten Arzt zu wählen. Ein solcher er, unter den Patriziern aber nur einer, Valerius Flaccus; mit diesem getraue er sich gegen die Schwelgerei und den Luxus durch Schneiden und Brennen wie gegen eine Art Hydra etwas Großes auszurichten. Von allen andern sehe er, daß sie sich dazu drängten, das Amt schlecht zu verwalten, weil sie sich vor denen fürchteten, die es gut verwalten würden. Das römische Volk zeigte sich auch wirklich so groß und großer Ratgeber so würdig, daß es, weit entfernt, sich vor der Härte und Strenge des Mannes zu fürchten, jene gefälligen Bewerber, von denen sich in allen Stücken die größte Nachgiebigkeit erwarten ließ, zurücksetzte und Flaccus mit Cato erwählte, gleich als wenn es nicht die Bitten eines Bewerbers um die Zensur, sondern die Befehle eines wirklichen Censors vernommen hätte

17. Cato ernannte nun seinen Kollegen und Freund, Lucius Valerius Flaccus, zum Vorsitzenden des Senats und stieß sandereseits aus dem Senate viele aus, unter andern auch den Lucius Quintius, der sieben Jahre vorher Consul gewesen war und, was ihm noch mehr Ansehen gab als das Konsulat, den Titius Flamininus, den Überwinder des Philippos, zum Bruder hatte. Die Ursache dieser Ausstoßung war folgende: Lucius hatte einen Lustknaben von ungemeiner Schönheit zu sich ins Haus genommen, führte ihn auf seinen Feldzügen überall mit sich herum und räumte ihm so viel Ehre und Gewalt ein wie keinem seiner vornehmsten Freunde und Verwandten. In der Provinz, wo er als Consul stand, lag einst dieser Knabe bei einem Gastmahl wie gewöhnlich an seiner Seite und sagte unter allerhand Schmeicheleien zu dem beim Weine gar leicht verführbaren Manne. "Ich liebe dich so sehr, daß ich, obwohl zu Hause Fechterspiele gehalten werden sollten, die ich noch nie gesehen habe, eiligst zu dir gereist bin, so sehr ich auch wünschte, einmal einen Menschen umbringen zu sehen." Um diese Liebkosung zu erwidern sagte Lucius: "Wenn es sonst nichts ist, brauchst du nicht so betrübt neben mir zu liegen; ich will deinen Wunsch bald erfüllen." Sogleich gab er Befehl, einen zum Tode verurteilten Missetäter und einen Lictor mit dem Beile hereinzuführen, fragte seinen Liebling nochmals, ob er Lust hätte, diesen Menschen umbringen zu sehen, und als dieser es bejahte, ließ er dem Missetäter den Kopf abschlagen. So erzählen die meisten den Vorfall; auch Cicero läßt in seinem Gespräch über das Alter Cato selbst ihn auf diese Weise erzählen. Livius hingegen sagt, der Getötete sei ein zu den Römern übergegangener Gallier gewesen, und Lucius habe ihn nicht durch den Lictor töten lassen, sondern ihn mit eigener Hand umgebracht; er beruft sich dabei auf die Rede Catos selbst.

Der Bruder des Lucius empfand dessen Ausstoßung aus dem Senat sehr bitter, wandte sich deshalb an das Volk und bestand darauf, daß Cato die Ursache seines Verfahrens angebe. Cato tat es und schilderte die Vorgänge bei jenem Gastmahl. Anfangs suchte Lucius alles abzuleugnen, als aber Cato ihm einen Eid abverlangte, trat er zurück, und für diesmal glaubte jedermann, daß ihm gar recht geschehen sei. Jedoch, als er nachher bei den öffentlichen Spielen auf dem Theater vor dem Platze der Konsularen vorbeiging und sich weit davon niedersetzte, hatte das Volk Mitleid mit ihm und nötigte ihn mit lautem Geschrei, sich an seinen vorigen Platz zu begeben, wodurch es das Geschehene soviel als möglich wieder gutmachen wollte.

Ferner stieß Cato einen anderen Manne, namens Manilius, der demnächst Consul zu werden hoffte, aus dem Senat aus, weil er sei Frau bei Tage vor den Augen seiner Tochter geküßt hatte, und äußerte dabei, ihn selbst habe seine Frau nur bei heftigem Donner umarmt, und er habe scherzweise gesagt, er sei glücklich, wenn Jupiter donnere.

18. Einen bitteren Vorwurf zog sich Cato auch dadurch zu, daß er dem Lucius, dem Bruder des Scipio, einem Manne, der schon mit einem Triumph geehrt worden war, das Pferd abnahm; denn es sah so aus, als habe er dies nur getan, um das Andenken des Scipio Africar zu beschimpfen. Die meisten aber beleidigte er besonders durch Beschränkung des Prachtaufwandes. Diesen geradezu auszurotten, fand er, weil schon zu viele davon angesteckt und verdorben waren, ganz unmöglich. Er wählte daher einen Umweg und verordnete, Kleidungsstücke, Wagen, weiblichen Schmuck und Hausgeräte, wenn das Stück den Preis von fünfzehnhundert Drachmen überstieg, bei der amtlichen Vermögensschätzung zehnfach höher anzusetzen, in der Absicht, daß Besitzer nach der höheren Schätzung auch höhere Abgaben bezahlen sollten. Diese bestimmte er nun auf drei von tausend As, damit die, welche sich bedrückt fühlten, wenn sie sparsam lebende, amtlich veranlagte Bürger von gleichem Vermögen geringere Steuern zahlen sähen, dem Luxus endlich entsagten. Die Folge davon war, daß der eine Teil der Bürger, welcher sich wegen des Prunkes Abgaben unterwarf , gegen ihn in demselben Maße aufgebracht wurde wie der andere Teil, welcher der Abgabe wegen den Prunk einstellte.

[Scil.: Das ist durchaus verständlich.] Denn die meisten glauben [scil. unsinnigerweise], daß sie ihres Reichtums beraubt werden, wenn man sie hindert, ihn sehen zu lassen, und daß man ihn nur in überflüssigen, nicht in notwendigen Dingen zeigen könne. Auch ein Philosoph wie [scil. der berühmte Stoiker] Ariston hat es dem Vernehmen nach als seltsam angesehen, daß man diejenigen, welche entbehrliche Dinge besitzen, für weit glücklicher hält als jene, die mit dem Notwendigen und Nützlichen wohl versehen sind; etwa in der Art des Thessalier Skopas, der einem Freunde, der um eine ihm eigentlich nicht nützliche Sache bat und dabei sagte, er fordere nichts Unentbehrliches oder Nützliches, zur Antwort gab: "Ja eben durch solche unnützen und überflüssigen Dinge bin ich glücklich und reich." [Scil.: Es ist aber doch so:] Das Streben nach Reichtum steht mit keiner dem Menschen angeborenen Neigung in Verbindung, sondern schleicht sich durch einen törichten und fremden Wahn in unsere Seelen ein.

19. Cato scherte sich indes um das Murren der Bürger so wenig. daß er nun mit noch größerer Strenge verfuhr. Er schnitt alle Rinnen ab, durch welche man das Wasser aus den öffentlichen Kanälen in Privathäuser und Gärten leitete, er riß alle Gebäude nieder, die zu weit auf die Straße vorgerückt waren, verminderte den Lohn für die amtlich verdungenen Arbeiten und trieb dagegen die Verpachtungen der Zölle aufs Höchste. Dies alles zog ihm großen Haß zu. Die Freunde des Titus Flaminius vereinigten sich gegen ihn und ließen nicht nur im Senat die von ihm abgeschlossenen Verdingungen der Tempel und anderer öffentlichen Bauten als dem Staate nachteilig aufheben, sondern hetzten auch die kühnsten unter den Volkstribunen auf, ihn vor dem Volke mit dem Antrag auf eine Strafe von zwei Talenten zu verklagen. Überdies machte man ihm großen Verdruß bei Erbauung der Basilika, die er auf öffentliche Kosten am Markt hinter dem Rathause aufführte und Porcia nannte.

Dennoch scheint es, daß das Volk mit seiner Verwaltung als Censor ungemein zufrieden gewesen ist. Denn es errichtete ihm eine Bildsäule im Tempel der Gesundheit mit einer Inschrift, die weder der Feldzüge noch des Triumphes des Cato gedenkt, sondern, wenn man sie kurz wiedergibt, des Inhalts ist, er habe als Censor den römischen Staat, der seinem Verfall nahe war und sich zu Sittenverderbuis neigte, durch treffliche Anordnungen, durch weise Gebräuche und Grundsätze wiederhergestellt und aufgerichtet. Vorher spottete er freilich selbst über diejenigen, die dergleichen Ehrenbezeugungen hoch anschlugen, und pflegte zu sagen, sie bedächten nicht, daß sie sich bloß mit den Arbeiten der Bildgießer und Maler brüsteten, während die Bürger von ihm die schönsten Bildnisse im Herzen trügen. Auch gab er einigen, die sich wunderten, daß so viele unbedeutende Leute Bildnisse hätten, er aber kein zur Antwort: "Mir ist es lieber, wenn man fragt, warum mir noch keine Bildsäule, als, warum mir eine gesetzt wurden ist."

Überhaupt hatte er den Grundsatz, daß ein guter Bürger sich gar nicht loben lassen dürfe, wenn es nicht dem Staate zum Nutzen gereiche; und dennoch hat niemand sich selbst so sehr gelobt als eben er. So sagte er, daß Leute, welche dumme Streiche begangen hätten und deshalb getadelt würden, zu sagen pflegten, sie verdienten keinen Tadel; denn sie wären keine Catonen. Oder: daß man die jenigen, die einige seiner Handlungen auf eine ungeschickte Art nachzuahmen suchten, verkehrte Catonen nenne. Pder: daß der Senat in den mißlichsten Fällen nur auf ihn, wie auf einen Steuermann im Sturme, die Augen richte und oft in seiner Abwesenheit die wichtigsten Geschäfte verschiebe. Dies wird freilich durch das Zeugnis anderer bestätigt; denn sein Wandel, seine Beredsamkeit, sein Alter gaben ihm in der Stadt ein großes Gewicht.

20. Cato war aber auch ein guter Vater, ein liebevoller Gemahl und ein trefflicher Hauswirt, der das Hauswesen als eine wichtige Sache betrachtete und sich seiner mit größter Sorgfalt annahm; daher glaube ich auch darüber noch das Nötige sagen zu müssen. Er wählte sich eine Gattin, die mehr von edler Geburt als reich war, weil er glaubte, daß die vornehmen wie die reichen Frauen ein gewissen Stolz und Dünkel besitzen, die von edler Geburt aber vor schändlichen Dingen mehr Scham haben und sich daher von ihrem Gatten weit leichter zum Guten leiten lassen. Er war auch der Meinung, daß der, welcher seine Frau oder seinen Sohn schlüge, sich au den ehrwürdigsten Heiligtümern vergriffe. In seinen Augen war es ein schöneres Lob, ein guter Ehegatte als ein großer Ratsherr zu sein. Daher bewunderte er an dem alten Sokrates nichts so sehr wie dies, daß er mit seiner bösen Frau und seinen schwachsinnigen Kindern immer zufrieden und vergnügt gelebt hat

Als ihm ein Sohn geboren worden war, kannte er kein dringenderes Geschäft, die öffentlichen ausgenommen, als selbst zugegen zu sein, wenn seine Frau das Kind badete und wickelte. Sie stillte es selbst und legte oft auch die Kinder der Sklaven an ihre Brust, um ihnen durch gmeinsame Nahrung eine zuneigung zu ihrem Sohn einzuflößen. Sobald der Knabe zu Verstande kam, nahm ihn Cato zu sich und lehrte ihn lesen, obgleich er einen Sklaven namens Chilo hatte, der ein geschickter Lehrer war und viele Kinder unterrichtete. ...


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)