Traditionelle und gesetzliche Rechte des Volkes, der Volkstribunen und des Senats im Verfassungskonflikt (Plutarch, Tiberius Gracchus 14 - 20).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen . Gesamtausgabe, 5. Bd. (Ti. und C. Gracchus u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 197 - 203


Deutsche Übersetzung:

14. Eben um diese Zeit starb Attalos Philopator und der Pergamenier Eudemos brachte das Testament nach Rom, in dem das römische Volk vom König zum Erben eingesetzt worden war. Sogleich beantragte nun Tiberius, um das Volk gänzlich zu gewinnen, daß die nach Rom geführten Schätze des Königs unter diejenigen Bürger, die Ländereien erhielten, zu ihrer Einrichtung und Anschaffung des nötigen Ackergerätes verteilt werden sollten; über die Städte aber, die zu Attalos' Reich gehörten, käme es nicht dem Senate zu, Verfügungen zu machen, sondern er wolle selbst in dieser Sache dem Volke sein Gutachten vorlegen.

Dies war für den Senat die größte Beleidigung. Ein gewisser Pompeius trat auf und erklärte: er wohne in der Nachbarschaft des Tiberius und deswegen wisse er sehr gut, daß ihm der Pergamenier Eudemos ein königliches Diadem und einen Purpurmantel überbracht habe, weil er sich in kurzem zum König von Rom machen wolle. Quintus Metellus machte Tiberius den Vorwurf, während des Zensoramtes seines Vaters hätten die Bürger, sooft er von einem Gastmahl nach Hause gegangen wäre, die Lichter ausgelöscht, aus Furcht, man möchte glauben, daß sie über die Zeit in Gesellschaften und Trinkgelagen sitzen blieben; er hingegen ließe sich die ganze Nacht durch von den frechsten und dürftigsten Leuten unter dem Pöbel vorleuchten.

Titus Annius, ein Mann von schlechtem und unbeherrschtem Charakter, der aber in verfänglichen Fragen und Antworten als unüberwindbar galt, forderte eines Tages Tiberius eine bestimmte Erklärung ab: ob er nicht einen durch die Gesetze heiligen und unverletzlichen Kollegen entehrt habe? Als hierüber großer Lärm entstand, sprang Tiberius auf, rief das Volk zusammen und ließ Annius vorführen, in der Absicht, ihn öffentlich anzuklagen. Annius, der an Beredsamkeit sowohl als an Ansehen ihm weit nachstand, nahm seine Zuflucht zu der ihm eigenen Geschicklichkeit und ersuchte Tiberius, ehe er zur Klage schreite, ihm eine ganz kurze Frage vorlegen zu dürfen. Tiberius bewilligte es ihm, und als alles still geworden war, sagte Annius: "Wenn du mich öffentlich beschimpfen und mißhandeln wolltest, und ich einen deiner Amtsgenossen zur Hilfe herbeiriefe, dieser dann aufstünde, um sich meiner anzunehmen, und du darüber in Zorn gerietest, würdest du ihn dann wohl seines Amtes entsetzen?" Über diese Frage soll Tiberius so betroffen und verlegen geworden sein, daß er, bei aller der großen Beredsamkeit und Schlagfertigkeit, die er sonst besaß, kein Wort hervorbringen konnte.

15. Für diesmal ließ er also die Versammlung auseinandergehen. Da er jedoch bemerkte, daß unter allen seinen Staatshandlungen das Verfahren gegen Octavius nicht nur den Großen, sondern auch selbst dem Volk sehr anstößig war - denn die große, die erhabene Würde der Volkstribunen, die bis auf diesen Tag unversehrt erhalten worden war, schien dadurch tief herabgesetzt und beschimpft zu sein -, hielt er vor dem Volk eine lange Rede, aus der einige Gedanken anzuführen, die von der Stärke und dem Nachdruck seines Vortrags einen Begriff geben können, seht nützlich seir dürfte. "Der Tribun", sagte er, " ist eine heilige und unverletzliche Magistratsperson, weil er dem Volk geweiht und angestellt ist, das Volk zu beschützen. Wenn er nun seiner Bestimmung untreu wird, wenn er sich gegen das Volk vergeht, dessen Machtäußerung hemmt und es sein Stimmrecht nicht ausüben lassen will, dann beraubt er sich selbst seiner Würde, weil er das nicht erfüllt, weswegen er sie bekommen hat. Denn wenn er auch das Kapitol zerstörte oder das Schiffsarsenal in Brand steckte, müßte er dennoch Tribun bleiben; ein solcher wäre freilich ein schlechter Tribun. Wenn er aber gar dem Volk seine Rechte raubt, so kann er nicht mehr Volkstribun sein Der Tribun kann einen Consul ins Gefängnis führen lassen; wäre es also nicht ungereimt, wenn das Volk nicht das Recht haben sollte, dem Tribun seine Macht zu nehmen, sobald er sie gegen denjeniger braucht, der sie ihm verliehen hat? Das Volk wählt ja den Consul so gut wie denTribun. Die Königswürde war, abgesehen davon, daß sie alle anderen Gewalten in sich begriff, durch die größten und heiligsten Zeremonien der Gottheit geweiht; dennoch vertrieb Rom Tarquinius, da er Ungerechtigkeiten verübte, und wegen des Frevels eines einzigen Mannes wurde die väterliche Regierungsform, der die Stadt selbst ihren Ursprung verdankt, beseitigt. Was ist wohl in Rom heiliger oder verehrungswürdiger als die Jungfrauen, die das unvergängliche Feuer warten und hüten? Dennoch wird jede von ihnen, die einen Fehltritt begeht, lebendig begraben. Denn wenn sie sich an der Gottheit versündigen, können sie die Unverletzbarkeit, die sie um der Götter willen genießen, auch nicht länger behalten. Ebensowenig verdient ein Volkstribun, der gegen das Volk ungerecht handelt, die ihm des Volkes wegen erteilte Unverletzbarkeit zu behalten. Denn er vernichtet ja selbst die Macht, aus der die seinige entspringt. Hat er das Tribunat rechtmäßig erhalten, weil die meisten Tribus ihm ihre Stimme gaben, warum sollte es ihm nicht mit noch größerem Rechte wieder genommett werden können, wenn alle Tribus einmütig ihn absetzen? Nichts ist wohl so heilig, nichts so unverletzbar wie die den Göttern geweihten Geschenke; aber niemand hat es noch dem Volke verwehrt, sie nach Belieben zu brauchen, sie wegzunehmen und anderswohin zu bringen. Folglich war es auch dem Volke erlaubt, das Tribunat, wie ein Weihgeschenk, auf einen andern zu übertragen. Und daß dieses Amt nicht so ganz unverletzlich ist, daß es einem gar nicht könnte abgenommen werden, erhellt schon daraus, daß viele schon von sich aus es niedergelegt und abgelehnt haben."

16. Dies waren ungefähr die Hauptpunkte in der Rechtfertigung des Tiberius. Da indes seine Freunde in Anbetracht der vielen Drohungen und der Verbindung seiner Gegner es für höchst notwendig erachteten, daß er um ein zweites Tribunat für das näcchste Jahr anhielte, suchte er durch neue VorschIäge die Gunst des Volkes zu gewinnen. So versprach er unter anderem, die Jahre des Kriegsdienstes zu vermindern, die Appellation von den Richtern an das Volk zu gestatten, ferner zu den Gerichten, die bisher aus lauter Senatoren bestanden, eine gleiche Anzahl von Rittern hinzuzufügen, indem er auf alle Art und Weise die Gewalt des Senats zu beschränken suchte, mehr aus Erbitterung und Streitsucht, als mit Rücksicht auf die Gerechtigkeit und das Wohl aller. Als aber jetzt über die Wahl abgestimmt werden sollte und seine Freunde merkten, daß die Gegenpartei die Oberhand hatte, weil nicht das ganze Volk beisammen war, erlaubten sie sich erst, um die Zeit hinzubringen, allerhand Schmähungen gegen die anderen Tribunen, hoben dann die Versammlung ganz auf und hießen sie, auf den folgenden Tag sich wieder einzustellen. Nun begab sich Tiberius in Trauerkleidern und sehr niedergeschlagen auf das Forum und bat das Volk flehentlich um Schutz, indem er vorgab, er schwebe in großer Furcht, daß seine Feinde bei Nacht in sein Haus einbrechen und ihn ermorden möchten, wodurch er einen solchen Eindruck auf die Leute machte, daß sie in großer Anzahl seine Wohnung umringten und die ganze Nacht durch dabei Wache hielten.

17. Mit Anbruch des folgenden Tages erschien der Mann, der die zu den Augurien gebrauchten Hühner zu besorgen hatte, und warf ihnen Futter vor. Aber sie kamen nicht aus ihrem Käfig hervor, sosehr er ihn auch schüttette, bis auf ein einziges, und auch dieses rührte das Futter nicht an, sondern hob den linken Flügel auf, streckte das Bein aus und lief in den Käfig zurück. Dieser Umstand erinnerte Tiberius an eine andere Vorbedeutung, die er schon gehabt hatte. Er besaß einen prächtigen und schön geschmückten Helm, dessen er sich in Schlachten zu bedienen pflegte. In diesen waren Schlangen gekrochen, hatten unbemerkt Eier hineingelegt und auch ausgebrütet. Desto mehr wurde nun Tibenus durch den Umstand mit den Hühnern beunruhigt. Dennoch ging er auf das Kapitol, weil er hörte, daß das Volk dort versammelt sei. Aber ehe er noch das Haus verließ, stieß er sich mit solcher Heftigkeit an die Türschwelle, daß der Nagel an der großen Zehe zerrissen wurde und das Blut zum Schuh herausdrang. Kaum war er ein paar Schritte fortgegangen, als man linker Hand Raben auf einem Dache miteinander streiten sah, und obgleich so viele Menschen, wie leicht zu denken, da vorübergingen, mußte doch ein Stein, der von einem der Raben heruntergestoflen worden war, gerade Tiberius vor die Füße niederfallen. Dieser Zufall machte auch die kühnsten und beherztesten unter seinen Freunden stutzig. Allein Blossius von Kyme, der zugegen war, sagte, es würde doch eine große Schande und Beschämung sein, wenn Tiherius, des Gracchus Sohn, der Enkel des Scipio Africanus, der Beschützer des römischen Volks, aus Furcht vor einem Raben dem Ruf der Bürger nicht Folge leisten wollte; dies schimpfliche Verhalten würden jedoch seine Feinde eben nicht von der lächerlichen Seite nehmen, sondern ihn beim Volk als einen Mann, der schon als Tyrann handele und mit den Bürgern sein Spiel treibe, verschreien. Zugleich kamen auch Tiberius viele von seinen auf dem Kapitol versammelten Freunden entgegengelaufen und ermahnten ihn, zu eilen, weil dort alles recht gut ginge. In der Tat nahm auch die Sache des Tiberius im Anfang eine sehr günstige Wendung, indem das Volk bei seinem Erscheinen ein frohes Geschrei erhob, und als er hinaufkam, sich begeistert um ihn herumstellte und dafür sorgte, daß kein Unbekannter sich ihm nähern konnte.

18. Allein als der Tribun Mucius jetzt anfing, die Tribus wieder zum Abstimmen aufzurufen, konnte man hei dem entstandenen Lärm und Getümmel nicht mehr nach der gewöhnlichen Ordnung verfahren, da die Hintenstehenden sich mit der Gegenpartei, die mit Gewalt hereindringen und sich unter den Haufen mischen wollte, herumstoßen und drängen mußten. Inzwischen stellte sich ein Mann aus dem Senate, namens Fulvius Flaccus, an einen in die Augen fallen202
den Ort, und weil er mit der Stimme nicht so weit reichen konnte, gab er mit der Hand ein Zeichen, daß er Tiberius etwas zu sagen wünschte. Dieser befahl sogleich dem Volke, ihm Platz zu machen, und wie nun Flaccus mit Mühe und Not bis zu ihm hinaufgestiegen war, meldete er, daß die Reichen im Senat, weil sie den Consul nicht gewinnen könnten, die Absicht hätten, Tiberius ohne fremde Hilfe aus dem Wege zu räumen und dazu eine Menge bewaffneter Freunde und Sklaven bei sich hätten.

19. Diese Nachricht teilte Tibenus seinen Anhängern mit, welche sogleich die Togen aufschürzten, die Lanzen der Polizisten, womit diese das Volk in Schranken zu halten pflegten, zerbrachen und die Stücke unter sich verteilten, um die gegen sie andringenden Feinde zurückzuschlagen. Diejenigen, die etwas entfernt standen, wunderten sich über diese Bewegungen, und da sie die Ursache davon wissen wollten, legte Tiberius die Hand an den Kopf, um durch dies Zeichen seine Gefahr zu erkennen zu gehen, weil er mit der Stimme nicht so weit reichen konnte. Einige von der Gegenpartei, die dies gesehen hatten, liefen sogleich in den Senat und verkündigten da, Tiberius habe das Diadem verlangt; der Beweis dafür sei, daß er den Kopf berührt habe.

Darüber entstand nun im Senat eine große Unruhe und Bestürzung. Nasica forderte den Consul auf, sich der Stadt anzunehmen und den Tyrannen zu stürzen. Jener antwortete ganz gelassen, er werde keineswegs den Anfang mit Gewalttätigkeiten machen, noch irgendeinen Bürger ohne Verhör umbringen lassen; sollte jedoch das Volk, von Tiberius entweder überredet oder gezwungen, etwas Gesetzwidriges beschließen, so werde er es nie als gültig annehmen. Nun aber sprang Nasica auf und schrie: "Weil nun der höchste Beamte an der Stadt zum Verräter wird, so folge mir nach, wer noch Lust hat, die Gesetze aufrechtzuerhalten!" Mit diesen Worten legte er den Zipfel seiner Toga um den Kopf und ging nach dem [scil. Versammlungsplatz des Volkes auf dem] Kapitol . Alle, die ihm nachfolgten, wickelten ihre Togen um den linken Arm und drängten fort, was ihnen in den Weg kam; denn die Würde dieser Männer fand auch jetzt noch so viel Achtung, daß niemand es wagte, sich ihnen zu widersetzen, sondern alle davon liefen und einander selbst zu Boden warfen. Die Begleiter der Senatoren hatten schon Keulen und Knüttel von zu Hause mitgebracht; dieSenatoren selbst aber ergriffen die Stücke und Beine der vom fliehenden Volk zerbrochenen Bänke und gingen gerade auf Tiberius los, indem sie auf die ihnen im Wege Stehenden und ihn Umgebenden hitzig einschlugen; diese wurden so bald zum Fliehen gebracht, viele von ihnen auch getötet. Tiberius selbst ergriff die Flucht, und da ihn einer bei den Kleidern faßte, ließ er die Toga fahren und lief Unterkleide davon, strauchelte aber und fiel über einige vor ihm liegende Tote nieder. Als er sich wieder aufrichten wollte, gab ihm, soviel man weiß, einer seiner Kollegen, Publius Satureius, mit einem Bankbein den ersten Schlag auf den Kopf; den zweiten Schlag aber schrieb sich ein gewisser Lucius Rufus zu, der sich dessen als einer herrlichen Tat rühmte. Von den anderen wurden mehr als dreihundert mit Knütteln und Steinen getötet, keiner aber du Eisen.

20. Dies war nun, wie man versichert, der erste Aufstand Rom seit dem Sturz der Königsherrschaft, der durch Mord und Bürgerblut gestillt und entschieden wurde. Alle anderen Konflikte, die doch auch weder unbedeutend noch aus geringfügigen Anlässsen entstanden waren, hatte man immer durch gegenseitige Nachgiebigkeit beizulegen gewußt; denn die Vornehmen fürchteten den Pöbel und das Volk hegte noch Achtung für Senat. Auch diesmal würde Tiberius allem Anschein nach bei einem milderen und freundlichen Verfahren gegen ihn nachgegeben haben, und wenn man ohne Mord und Blutvergießen ihm zu Leibe gegangen wäre, umso leichter gewichen sein, als er nicht mehr als ungefähr 3000 Leute um sich hatte. Allein man sieht schon, daß die ganze Verbindung gegen ihnin Wirklichkeit dem Zorn und Haß der reichen Landbesitzer entsprang und nicht jenen Ursachen, die sie zum [scil. rechtlichen] Deckmantel [scil. für ihr als nostandsbedingt ausgegebenes Handeln] brauchten. Ein starker Beweis dafür ist die grausame und gesetzwidrige Mißhandlung des Leichnams. Denn man erlaubte seinem Bruder, sosehr er auch darum bat, nicht, den Körper aufzuheben und bei Nacht zu begraben, sondern ließ ihn wie die übrigen Toten in den Tiber werfen.


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)