Republikanische Gesinnungstreue. Catos des Jüngeren freiwilliger Tod nach der Schlacht bei Thapsos (Plutarch, Cato d. J. 58 - 73).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen. Gesamtausgabe, 5. Bd. (Cato d. J. u. a.), übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser und Hanns Floerke (Neubearb.), München o. D. (um 1960), S. 91 - 102.


58. ... Noch an demselben Tage kam abends spät ein Bote nach einer Reise von drei Tagen aus dem Lager an und brachte die Nachricht, daß bei Thapsos eine blutige Schlacht geschlagen worden sei, in der Caesar einen vollkommenen Sieg davongetragen und sich der Lager bemächtigt habe; Scipio und Juba seien noch mit einigen wenigen entronnen, die übrige Macht aber gänzlich aufgerieben.

59. Über diese Nachrichten gerieten alle Einwohner von Utica, wie sich zur Zeit des Krieges und in der Finsternis der Nacht leicht denken läßt, in solchen Schrecken, daß sie beinahe von Sinnen kamen und sich kaum innerhalb der Mauern zurückhalten ließen. Cato aber erschien sogleich in der Öffentlichkeit, hielt alle diejenigen, die mit ängstlichem Geschrei durch die Gassen liefen, an, tröstete sie, so gut er konnte, und suchte ihrer Furcht wenigstens den Schrecken und die Bestürzung zu nehmen, indem er ihnen vorstellte, daß die Sache vielleicht gar nicht so schlimm, sondern durch das Gerücht vergrößert wäre. Auf diese Weise stillte er für den Augen blick noch den Tumult.

Am folgenden Tage ließ er in aller Frühe die dreihundert Männer, die seinen Rat ausmachten und die zwar alle Römer waren, aber sich des Handels und der Wechselgeschäfte wegen in Afrika aufhielten, mit ihnen auch die römischen Senatoren, die zugegen waren, und deren Söhne in den Tempel des Jupiter zusammenrufen. Während sie sich versammelten, ging er selbst mit einer so ruhigen und heitern Miene dahin, als wenn gar nichts Neues vorgefallen wäre, und las unterdessen in einer Schrift, die er in der Hand hielt. Dies war ein Verzeichnis der vorhandenen Kriegsmaschinen, Waffen, Lebensmittel, Geschosse und Soldaten.

Sobald nun alle zusammengekommen waren, wandte er sich zuerst an die Dreihundert, hielt eine lange Lobrede auf ihre bewiesene Bereitwilligkeit und Treue, daß sie ihn mit ihrem Vermögen, mit tätiger Hilfe und gutem Rate aufs beste unterstützt hätten, und ermahnte sie dann, sie sollten sich ja nicht voneinander trennen, noch jeder nach besonderen Aussichten nur auf seine eigene Flucht und Rettung bedacht sein. Denn wenn sie beisammen blieben, würde sie Caesar, im Falle daß sie den Krieg fortsetzten, weniger verachten, und falls sie verhandeln wollten, schonender behandeln. Darauf hieß er sie über ihre jetzige Lage nun selbst zu beratschlagen, mit der Versicherung, daß er sie nicht tadeln würde, welche Partei sie auch ergreifen möchten. "Glaubt ihr", fuhr er fort, "euch nach dem Glück richten zu müssen, so werde ich diese Veränderung als ein Werk der Notwendigkeit ansehen; entschließt ihr euch aber, dem Unglück Trotz zu bieten und euch für die Freiheit der Gefahr auszusetzen, so will ich euern Mut nicht nur loben, sondern auch bewundern und euch in diesem Kampf gern führen, bis ihr das letzte Schicksal eures Vaterlandes versucht habt. Dies ist aber nicht Utica, nicht Hadrumetum, sondern Rom, welches sich schon oft durch seine große Macht aus noch weit gefährlicheren Unfällen wieder emporgehoben hat. Zu eurer Rettung und Sicherheit vereinigen sich jetzt mehrere Umstände, der beste aber ist, daß ihr mit einem Manne Krieg führt, den dringende Umstände zu gleicher Zeit nach verschiedenen Gegenden rufen. Denn Spanien hat sich für den jungen Pompeius erklärt, und Rom selbst den ihm ungewohnten Zügel noch nicht völlig angenommen, sondern sträubt sich gegen die Unterdrückung und benutzt jede Veränderung, um sich gegen den Tyrannen aufzulehnen. Auch müßt ihr, anstatt der Gefahr auszuweichen, den Feind selbst zum Vorbild nehmen, der sein Leben nur zur Verübung der größten Ungerechtigkeiten daran wagt und dem also der ungewisse Ausgang des Krieges nicht so wie euch, im Falle des Sieges, das glücklichste Leben, oder, im Falle der Niederlage, den ruhmvollsten Tod bringen kann." Dies alles ermahnte er sie, für sich reiflich zu erwägen, und schloß mit dem Wunsche, daß zur Belohnung ihrer früheren Tapferkeit und Bereitwilligkeit jeder Entschluß, den sie fassen würden, zu ihrem Besten ausschlagen möge.

60. Diese Reden und Vorstellungen Catos flößten einigen Mut und Vertrauen ein, die meisten aber vergaßen über seiner Unerschrockenheit, edlen Gesinnung und Leutseligkeit beinahe ihre eigene Lage, so daß sie ihn, als den einzigen unüberwindlichen und über jedes Glück erhabenen Feldherrn, ersuchten, über ihr Leben, ihr Vermögen und ihre \Vaffen, wie er für gut fände, zu gebieten; denn es sei immer besser, durch Gehorsam gegen ihn umzukommen, als durch Verrat gegen eine so erhabene Tugend ihr Leben zu retten. Einer aus der Versammlung brachte nun in Vorschlag, die Sklaven für frei zu erklären. Die meisten stimmten ihm auch bei, aber Cato sagte, er werde dies nicht tun; denn es sei weder gesetzmäßig noch gerecht; wenn jedoch die Eigentümer selbst ihre Sklaven in Freiheit setzten, so wolle er die zum Kriege tauglichen gern annehmen. Da viele Versprechen gegeben wurden, befahl Cato, daß jeder, der das wünsche, sich aufschreiben solle, und verließ dann die Versammlung.

Gleich darauf erhielt er Briefe von Juba und von Scipio. Juba, der sich mit einigen Begleitern im Gebirge versteckt hatte, fragte an, was Cato zu tun gesonnen wäre; wenn er Utica verlassen wolle, würde er ihn erwarten, wenn er aber eine Belagerung auszuhalten gedenke, ihm mit einer Armee zu Hilfe kommen. Scipio hatte sich hinter einem Vorgebirge nicht weit von Utica vor Anker gelegt und wartete da in derselben Absicht.

61. Cato fand für gut, die Überbringer der Briefe so lange aufzuhalten, bis er über die Gesinnung und den Entschluß der Dreihundert Gewißheit hätte. Denn die römischen Senatoren bewiesen sich zwar sehr eifrig, setzten ihre Sklaven in Freiheit und bewaffneten sie, bei den Dreihundert hingegen, die Seehandel und Geldgeschäfte trieben und deren Vermögen größtenteils in Sklaven bestand, verloren die Worte Catos gar bald ihre Wirkung und blieben ohne Erfolg. So wie manche Körper die Wärme geschwind annehmen, sie aber ebenso geschwind wieder verlieren und nach Entfernung des Feuers erkalten, auf gleiche Weise setzte auch jene der Anblick Catos in Feuer und Begeisterung, als sie aber die Sache genauer erwogen, verdrängte die Furcht vor Caesar nicht nur die Achtung gegen Cato, sondern auch alles Gefühl für Ruhm und Ehre. "Wer sind wir denn", sagten sie, "und wessen Befehlen weigern wir uns zu gehorchen? Ist das nicht Caesar, dem jetzt die ganze römische Macht zu Gebote steht? Von uns aber ist keiner Scipio, keiner Pompeius, keiner Cato. Und doch wollen wir zu einer Zeit, wo alle Menschen aus Furcht sich tiefer herabsetzen als sie sollten, für die Freiheit der Römer kämpfen und von Utica aus gegen einen Mann Krieg führen, vor dem selbst Cato und Pompeius Magnus geflohen sind und ihm Italien überlassen haben? Wir sollen unsere Sklaven in Freiheit setzen, die wir selbst uns nur so vieler Freiheit zu erfreuen haben, als er uns lassen will? Nein, wir armseligen Leute wollen jetzt, da es noch Zeit ist, in uns gehen und den Sieger durch Abgeordnete demütig um Gnade bitten lassen." Eine solche Sprache führten diejenigen unter den Dreihundert, die noch am maßvollsten dachten; die meisten schmiedeten schon Anschläge gegen die Senatoren und wollten sich ihrer bemächtigen, weil sie dadurch Caesars Zorn desto leichter zu besänftigen hofften.

62. Cato argwöhnte zwar die vorgegangene Veränderung, stellte aber niemand darüber zur Rede; er schrieb jedoch an Scipio und Juba, sie sollten sich von Utica entfernt halten, weil den Dreihundert nicht zu trauen sei, und schickte die Boten damit ab. Von der aus der Schlacht entkommenen Reiterei näherte sich jetzt eine starke Abteilung der Stadt Utica und schickte drei Abgeordnete an Cato, die von seiten der Menge drei ganz verschiedene Anträge zu machen hatten. Einige nämlich waren gesonnen, sich Juba anzuschließen, andere wollten zu Cato stoßen, und ein dritter Teil fürchtete sieh, in Utica einzurücken.

Als Cato dies hörte, trug er dem Marcus Rubrius auf, die Dreihundert genau zu beobachten und sich die schriftliche Erklärung derer, die ihre Sklaven in Freiheit setzen wollten, in Güte und ohne Gewaltmittel geben zu lassen; er selbst ging dann mit den Senatoren zur Stadt hinaus, sprach mit den Anführern der Reiter und bat sie, so viele angesehene Männer vom römischen Senat nicht im Stiche zu lassen, noch einen Juba statt Catos zum Anführer zu wählen, sondern zu ihrer eigenen und anderer Rettung in die Stadt einzurücken, die im Sturm nie erobert werden könne und auf viele Jahre mit Lebensmitteln und den übrigen Bedürfnissen versehen sei. Da auch die Senatoren mit Tränen darum baten, gingen die Anführer wieder zu den Reitern, um mit ihnen zu sprechen; Cato aber setzte sich mit den Senatoren auf einen Hügel und erwartete die Antworten.

63. Inzwischen erschien Rubrius voller Unwillen und führte große Beschwerde über das widerspenstige und aufrührerische Verhalten der Dreihundert, die zum Abfall geneigt seien und die ganze Stadt aufwiegelten. Alle hielten sich nun für ganz verloren und brachen in Tränen und laute Klagen aus; Cato aber suchte ihnen Mut zu machen und ließ den Dreihundert sagen, sie sollten sich nur noch eine Weile gedulden. Jetzt kamen auch die Abgeordneten der Reiter mit ziemlich harten Forderungen zurück. Sie erklärten nämlich, sie verlangten ebensowenig in den Sold Jubas zu treten als sie sich vor Caesar fürchteten, wenn sie Cato zum Anführer hätten. Aber es sei gefährlich, sich mit den Uticanern, die doch Punier und als solche wankelmütig seien, in eine Stadt einzuschließen; denn wenn sie sich auch jetzt ruhig verhielten, so würden sie doch gewiß bei Caesars Annäherung sich gegen sie verbünden und an ihnen zu Verrätern werden. Wem also daran gelegen sei, daß sie dablieben und an dem Kriege teilnähmen, der möge erst alle Uticaner fortjagen oder umbringen, und sie dann in die von Feinden und Barbaren gesäuberte Stadt berufen.

Cato fand dies zwar äußerst grausam und barbarisch, antwortete jedoch mit Gelassenheit, er wolle die Sache mit den Dreihundert überlegen. Darauf ging er in die Stadt zurück und besprach sich mit den Männern, die nun nicht mehr, aus Achtung gegen ihn, auf leere Ausflüchte dachten, noch ihn durch gute Worte hinzuhalten suchten, sondern geradezu ihren Unwillen bezeigten, daß man sie zwingen wolle, gegen Caesar Krieg zu führen, wozu sie doch weder Lust hätten noch imstande seien. Einige äußerten sogar, man müsse die Senatoren in der Stadt zurückbehalten, da Caesar schon in der Nähe sei. Cato aber tat, als höre er das nicht, da er auch wirklich schwer hörte, und überging es mit Stillschweigen.

In diesem Augenblick meldete ihm jemand, daß die Reiter aufbrächen; daher ging er aus Besorgnis, die Dreihundert möchten nun gegen die Senatoren etwas Verzweifeltes unternehmen, sogleich mit seinen Freunden dahin, und da er sah, daß die Reiter schon eine gute Strecke fortgezogen waren, nahm er ein Pferd und eilte ihnen nach. Diese sahen ihn mit großer Freude heransprengen, hielten still, um auf ihn zu warten, und drangen in ihn, daß er sich mit ihnen rette. Da brach nun Cato, sagt man, in heiße Tränen aus, bat mit ausgestreckten Händen für die Senatoren, drehte sogar einigen die Pferde herum und faßte sie bei ihren Waffen, bis er es endlich so weit brachte, daß sie wenigstens noch diesen Tag dazubleiben und den Senatoren eine sichere Flucht zu bewirken versprachen.

64. Als er mit ihnen zurückkam und einige an die Tore stellte, den anderen die Bewachung der Burg anvertraute, gerieten die Dreihundert in Furcht, nun für ihren Wankelmut bestraft zu werden. Sie schickten daher an Cato und ersuchten ihn, zu ihnen zu kommen. Die Senatoren aber traten um ihn herum, wollten ihn nicht gehen lassen und erklärten, daß sie ihren Beschützer und Retter solchen treulosen und verräterischen Leuten nie preisgeben würden. Denn nun wurde die Tugend Catos von allen, die sich in Utica befanden, vollkommen anerkannt, geschätzt und bewundert, weil alle seine Handlungen ohne Trug und Falschheit waren.

Der Mann, der schon lange beschlossen hatte, sich selbst das Leben zu nehmen, unterzog sich den beschwerlichsten Arbeiten und übernahm für andere Kummer und Sorgen, um, wenn er erst alle in Sicherheit gebracht hätte, seinem Leben ein Ende zu machen. Sein Vorsatz, sich selbst zu töten, blieb aber nicht verborgen, obgleich er nie davon sprach.

Jetzt gab er den Bitten der Dreihundert Gehör und ging, nachdem er die Senatoren beruhigt hatte, ganz allein zu ihnen. Sie statteten ihm dafür ihren Dank ab und baten ihn zugleich, er möge in allen Fällen mit Vertrauen auf ihre Dienste rechnen, wenn sie aber keine Catonen und der erhabenen Denkungsart eines Cato nicht fähig seien, mit ihrer Schwachheit Mitleid haben; sie hätten zwar beschlossen, Abgeordnete an Caesar zu schicken und um Gnade bitten zu lassen, aber ihre erste und vornehmste Bitte sollte ihn betreffen, und wenn sie nichts ausrichteten, wollten auch sie die ihnen erteilte Verzeihung nicht annehmen, sondern bis zum letzten Atemzug für ihn kämpfen. Darauf lobte sie Cato wegen ihres Wohlwollens und erklärte, sie sollten nur ihrer eigenen Rettung wegen unverzüglich Gesandte abschicken, für ihn aber brauchten sie gar nicht zu bitten, und fügte hinzu: "Bitten gehören sich nur für Überwundene, und Fürbitten für Verbrecher. Ich bin nicht nur mein ganzes Lehen hindurch unbesiegt geblieben, sondern auch jetzt siege ich und bin durch gute und gerechte Handlungen der Sieger. Caesar selbst ist der Besiegte und schuldig Befundene, da er jetzt überführt und auf den Handlungen gegen sein Vaterland, die er sonst immer leugnete, ertappt worden ist."

65. Nach dieser Erklärung an die Dreihundert ging er weg, und als er nun erfuhr, daß Caesar mit seiner ganzen Macht gegen die Stadt anrücke, sagte er: "Ha! er rückt doch gegen uns als Männer an!" Darauf wendete er sich an die Senatoren und ermahnte sie, nicht länger zu säumen, sondern, solange die Reiter noch da seien, an ihre Rettung zu denken. Er ließ daher alle Tore der Stadt verschließen bis auf das einzige, welches nach dem Meere führte, verteilte die Fahrzeuge unter seine Freunde, sorgte für gute Ordnung, um Gewalttätigkeiten zu verhüten und den Aufruhr zu stillen, und versah die Mittellosen mit dem Notwendigsten.

Unterdessen lagerte sich Marcus Octavius, der mit zwei Legionen angekommen war, in der Nähe der Stadt und ließ Cato sagen, er wolle sich mit ihm wegen des Oberbefehls verständigen. Ohne darauf zu antworten, wendete sich Cato an seine Freunde und rief: "Dürfen wir uns noch wundern, daß unsere Sache einen so unglücklichen Ausgang genommen hat, da wir sehen, daß auch noch am Rande des Verderbens die Befehlssucht unter uns fortdauert?"

Jetzt wurde ihm gemeldet, daß die Reiter beim Abzug plünderten und den Uticanern, was sie könnten, als Beute wegnähmen. Er eilte daher sogleich hin und nahm den ersten, die er antraf, ihre Beute ab, worauf auch die andern, was sie hatten, geschwind von sich warfen und alle vor Scham ganz still und mit niedergeschlagenen Augen abzogen. Cato ließ nun in der Stadt die Einwohner zusammenkommen, verwendete sich für die Dreihundert und bat sehr, daß sie Caesar gegen diese nicht aufreizen, sondern lieber gemeinschafflich einander zur Rettung behilflich sein sollten. Von da begab er sich wieder nach dem Meere, wohnte der Einschiffung seiner Freunde und Bekannten bei, die er dazu beredet hatte, nahm von ihnen Abschied und begleitete sie bis ans Ufer. Seinen Sohn hatte er nicht beredet, ein Schiff zu besteigen, und glaubte auch, ihn von der Anhänglichkeit an seinen Vater nicht abwenden zu dürfen.

Unter andern befand sich auch bei ihm ein gewisser Statilius, ein noch junger Mann, der einen festen Charakter zeigen und den Gleichmut Catos nachahmen wollte. Diesem riet er, zu Schiffe zu gehen, weil er als ein heftiger Feind Caesars bekannt war. Da Statilius sich weigerte, wandte sich Cato an Apollonides den Stoiker und Demetrios den Peripatetiker und sagte: "Das ist nun eure Sache, diesen unbeugsamen Mann zu erweichen und zu dem zu bewegen, was ihm nützlich ist." Darauf half er den übrigen fortzukommen, beriet die, welche dessen bedurften, und brachte damit nicht nur die Nacht, sondern auch den größten Teil des folgenden Tages zu.

66. Lucius Caesar, ein Verwandter Caesars, sollte im Namen der Dreihundert als Gesandter abgehen; er bat daher Cato, ihm bei der Abfassung einer überzeugenden Rede zu helfen. "Denn für dich selbst", setzte er hinzu, "kann ich gar wohl mit Ehren Caesars Hände ergreifen und ihm zu Füßen fallen." Cato aber untersagte ihm, dieses zu tun. "Wenn ich", sprach er, "durch Caesars Gnade mein Leben erhalten wollte, brauchte ich bloß selbst zu ihm hinzugeben. Aber ich mag dem Tyrannen für die Ungerechtigkeiten, die er begeht, nicht noch Dank schuldig sein. Denn Ungerechtigkeit ist es, daß er als Herr und Gebieter denjenigen das Leben schenkt, über die er gar kein Recht hat zu gebieten. Wie du jedoch die Bitte für die Dreihundert am besten anbringen kannst, wollen wir, wenn es dir so gefällt, gemeinschafflich überlegen."

Nachdem er sich mit Lucius darüber besprochen hatte, empfahl er ihm beim Abschied seinen Sohn und seine Freunde, begleitete ihn eine Strecke und nahm von ihm freundschafflich Abschied. Darauf ging er wieder nach Hause, wo er seinen Sohn und seine Freunde zusammenkommen ließ und sich mit ihnen über mancherlei Dinge unterredete. Unter anderm verbat er dem Jüngling, sich je mit Staatsgeschäften zu befassen. "Die Umstände", sagte er, "erlauben nicht mehr, dies auf eine Catos würdige Art zu tun, auf eine andere Art aber ist es eine Schande."

Gegen Abend begab er sich ins Bad. Hier fiel ihm Statilius wieder ein, und er rief mit lauter Stimme: "Hast du, mein Apollonides, den Statilius fortgeschickt und ihm seinen Trotz ausgeredet? Ist der Mann abgesegelt, ohne einmal von uns Abschied zu nehmen?" Apollonides antwortete: "Nichts weniger, so sehr wir ihm auch deshalb zugeredet haben. Er ist stolz und unbeugsam und versichert, er wolle dableiben und tun, was du tust." Cato soll darauf lächelnd versetzt haben: "Nun, das wird sich gar bald zeigen.

67. Nach dem Bade speiste er zu Abend in Gesellschaft vieler Freunde, aber sitzend, wie er es seit der Schlacht bei Pharsalos immer zu tun pflegte; denn er legte sich nur noch zum Schlafen nieder. Nach dem Essen ergötzte man sich beim Weine durch angenehme Unterhaltung, indem bald diese, bald jene philosophisdie These vorgebracht wurde, bis denn auch das Gespräch auf die sogenannten Paradoxien der Stoiker kam, daß der Tugendhafte allein frei, alle Lasterhaften aber Sklaven seien. Als der Peripatetiker, wie leicht zu denken, dagegen Einwendungen machte, fiel ihm Cato heItig mit gehobener rauher Stimme ins Wort und setzte den Streit über jenen Satz eine lange Zeit mit so außerordentlicher Hitze fort, daß jedermann seine Entschlossenheit sah, sich durch einen freiwilligen Tod aus der gegenwärtigen Lage zu befreien. Diese Erörterung bewirkte in der ganzen Gesellschaft eine große Stille und Niedergeschlagenheit; daher brachte Cato, um seine Freunde zu erheitern und von jenem Verdacht abzulenken, wieder allerhand Fragen und Befürchtungen über die gegenwärtige Lage vor und tat, als wenn er um die, welche auf der See waren, und auch um die, welche durch eine dürre, von Barbaren bewohnte Wüste zogen, bekümmert wäre.

68. Nachdem er so die Tafel aufgehoben hatte, machte er noch mit seinen vertrauteren Freunden den nach Tisch gewöhnlichen Spaziergang und erteilte den wachhabenden Offizieren die nötigen Befehle. Nun begab er sich auf sein Zimmer, umarmte aber vorher seinen Sohn und jeden seiner Freunde auf eine weit zärtlichere Art, als er sonst zu tun pflegte, und erregte dadurch aufs neue Verdacht wegen seines Vorhabens. Darauf legte er sich zu Bett und nahm den Dialog des Plato 'Über die Seele' [= 'Phaidon'] zur Hand. Schon hatte er den größten Teil des Buches durchgelesen, als er über sich in die Höhe blickte und sein Schwert nicht da hängen sah; denn sein Sohn hatte es während der Abendmahlzeit weggenommen. Er rief daher einen Sklaven und fragte, wer das Schwert von seinem Platz genommen habe. Da dieser schwieg, fuhr er im Lesen fort und wartete eine Weile, damit es scheine, als habe die Sache keine Eile und ihm nicht viel daran gelegen sei, sondern daß er das Schwert bloß vermisse, und befahl dann, es ihm zu bringen. Da aber eine lange Zeit verstrich, ohne daß ihm jemand das Schwert brachte, und er nun das Buch bis zu Ende durchgelesen hatte, rief er wieder mit heftiger Stimme einen Bedienten nach dem andern und forderte sein Schwert. Dabei schlug er einen mit der geballten Faust ins Gesicht, so daß er seine Hand blutig machte, und schrie voll Zorn und Unwillen, sein Sohn und seine Diener wollten ihn dem Feinde wehrlos überliefern.

Endlich kam sein Sohn mit den Freunden weinend ins Zimmer gelaufen, fiel ihm um den Hals und beschwor ihn inständig. Cato richtete sich empor und blickte ihn grimmig an. "Wann und wo", sagte er, "bin ich denn, ohne es selbst zu wissen, für wahnsinnig erklärt worden, daß niemand mich mit Worten zurechtweist, niemand mich von meinen vermeintlichen üblen Absichten abzubringen sucht; statt dessen werde ich gehindert, meinen Grundsätzen zu folgen, und wehrlos gemacht. Warum legst du, mein teurer Sohn, deinen Vater nicht lieber gar in Fesseln und bindest ihm die Hände auf den Rücken, damit ihn Caesar, wenn er ankommt, nicht einmal imstande findet, sich zur Wehr zu Setzen? Denn gegen mich selbst brauche ich kein Schwert, da man schon durch ein kurzes Zurückhalten des Atems oder durch einen einzigen Stoß des Kopfes gegen die Wand seinem Leben ein Ende machen kann.

69. Bei diesen Worten verließ der Jüngling mit lautem Weinen das Zimmer, und alle die andern folgten ihm; nur Demetrios und Apollonides blieben zurück, mit denen Cato nun in einem weit sanfteren Tone sprach. "Habt auch ihr", sagte er, "vielleicht die Absicht, einen Mann, der schon so viele Jahre zählt, mit Gewalt im Leben zurückzuhalten, und sitzt ihr etwa hier, um mich stillschweigend zu bewachen? Oder bringt ihr hinreichende Gründe mit, daß es für Cato weder schrecklich noch schimpflich ist, seine Rettung, weil er keine andere vor sich sieht, vom Feinde zu erwarten? Nun, warum sagt ihr sie denn nicht, um uns zu überzeugen und eines andern zu belehren, damit wir die früheren Grundsätze und Lehren, denen wir im ganzen Leben treu geblieben sind, verwerfen und Caesar, der uns um soviel weiser gemacht bat, destomehr zu verdanken haben? Bis jetzt habe ich noch nichts über mich beschlossen; aber wenn ich einmal einen Entschluß gefaßt habe, so muß es auch in meiner Gewalt stehen, ihn auszuführen. Auch werde ich mich noch gewissermaßen mit euch darüber beratschlagen und die Gründe prüfen, deren ihr Philosophen euch zu bedienen pflegt. Geht also ohne Besorgnis weg und sagt meinem Sohne, er solle doch seinen Vater nicht zu dem zwingen, wozu er ihn nicht bereden kann!"

70. Demetrios und Apollonides gingen nun, ohne etwas dagegen einzuwenden, weinend aus dem Zimmer, und darauf wurde das Schwert durch einen kleinen Knaben hineingeschickt. Cato zog es sogleich aus der Scheide und betrachtete es genau. Da er die Spitze wie die Schärfe in Ordnung fand, rief er "Nun bin ich mein eigener Herr!", legte dann das Schwert neben sich hin und las wieder in dem Buche, das er zweimal ganz durchgelesen haben soll. Darauf fiel er in einen tiefen Schlaf, so daß die, welche vor dem Zimmer waren, ihn schnarchen hörten.

Um Mitternacht rief er zwei seiner Freigelassenen, den Arzt Kleanthes und Butas, den er besonders in politischen Angelegenheiten zu brauchen pflegte. Letzteren schickte er nach dem Meere, um nachzusehen, ob alle unter Segel gegangen seien, und ihm davon Nachricht zu bringen. Von dem Arzte aber ließ er sich die Hand verbinden, die von jenem Schlag gegen den Sklaven aufgeschwollen war. Dies machte alle wieder froher und ruhiger, weil man es für einen Beweis hielt, daß er noch Liebe zum Leben hätte. Gleich darauf kam Butas mit der Nachricht zurück, daß alle abgefahren seien, bis auf Crassus, der wegen gewisser Angelegenheiten hätte zurückbleiben müssen, aber nun gleich an Bord gehen würde, doch sei das Meer sehr stürmisch und unruhig. Als Cato dies vernahm, seufzte er aus Teilnahme für die, welche sich auf dem Meere befanden, und schickte Butas wieder an die Küste, um es ihm zu melden, wenn der eine oder der andere zurückgetrieben worden sei und Hilfe nötig haben sollte.

Schon krähten die Hähne, und er war wieder ein wenig eingeschlummert, als Butas zurückkam und die Nachricht brachte, daß im Hafen alles ruhig und stille sei. Cato befahl ihm daher, die Tür zu verschließen, und legte sich wieder aufs Bett, als wenn er noch für den Rest der Nacht schlafen wollte. Kaum aber war Butas hinausgegangen, als er das Schwert zog und es sich unter der Brust in den Leib stieß. Weil die verletzte Hand dem Stoß nicht den gehörigen Nachdruck geben konnte, starb er nicht gleich auf der Stelle, sondern fiel im Todeskampf vom Bett und verursachte durch das Umwerfen eines daneben stehenden geometrischen Tisches ein starkes Poltern, so daß die Bedienten, die es hörten, laut aufschrien und sein Sohn mit den Freunden sogleich hereinstürzte.

Man fand ihn in seinem Blute liegen und die meisten Eingeweide zum Leibe heraushängen; er lebte jedoch noch und sah um sich. Dieser Anblick versetzte alle in größte Bestürzung, der Arzt aber trat hinzu und suchte die Eingeweide, die unverletzt geblieben waren, wieder an ihren Ort zu bringen und die Wunde zuzunähen. Darüber erholte sich Cato wieder, und als er zur Besinnung kam, stieß er den Arzt von sich, öfinete mit seinen Händen die Wunde, zerriß die Eingeweide und starb.

71. Kaum konnte man glauben, daß sämtliche Hausgenossen diesen Unfall erfahren hätten, als schon die Dreihundert an den Türen erschenen, und bald darauf auch die Einwohner von Utica sich versammelten, die Cato ihren Wohltäter, ihren Retter, ihn den einzigen freien, den einzigen unbesiegten Mann nannten. Und dies taten sie zu einer Zeit, als die Nachricht einhef, daß Caesar gegen die Stadt anrücke. Aber keine Furcht, keine Schmeichelei gegen den Sieger, auch nicht einmal die unter ihnen selbst herrschende Uneinigkeit vermochten ihre Achtung und Ehrfurcht gegen Cato zu schmälern. Sie schmückten seinen Leichnam auf das prächtigste, veranstalteten ein feierliches Leichenbegängnis und begruben ihn nahe am Meer, wo noch jetzt seine Bildsäule mit einem Schwert in der Hand steht; dann erst überlegten sie, wie sie sich und ihre Stadt retten könnten.

72. Caesar, der von Überläufern erfuhr, daß Cato in Utica bleibe und, anstatt zu fliehen, die andern fortschaffe, auch mit seinem Sohne und seinen Freunden ganz sorglos umhergehe, konnte auf keine Weise die Absicht dieses Mannes verstehen, auf den er doch am meisten Rücksicht nahm, und rückte daher mit seiner Armee in größter Eile vor. Als er aber von seinem Tode Nachricht erhielt, soll er gesagt haben: "O Cato! Ich mißgönne dir diesen Tod, denn du hast mir auch deine Erhaltung nicht gegönnt." In der Tat scheint es auch, daß Cato, wenn er seine Erhaltung durch Caesar abgewartet hätte, nicht nur seinen eigenen Ruhm beschimpft, sondern auch den Caesars vergrößert hätte. Freilich bleibt es ungewiß, was in diesem Falle geschehen sein würde; doch läßt sich von Caesar immer das Bessere vermuten

73. Cato beschloß sein Leben mit achtundvierzig Jahren.

Seinem Sohne widerfuhr von seiten Caesars nicht das geringste Leid; aber er soll dem Vergnügen nachgegangen sein. ... Dies gab denn zu mancherlei Spöttereien Anlaß ... Aber alle diese üblen Nachreden tilgte und vernichtete er durch seinen Tod. Denn in der Schlacht bei Philippi kämpfte er mit für die Freiheit gegen Caesar und Antonius, und als die Armee zu weichen begann, wollte er weder fliehen noch sich verstecken, sondern forderte selbst die Feinde heraus, gab sich ihnen zu erkennen, ermunterte die Seinigen, die bei ihm standhielten, zum Angriff und fiel auf eine Art, daß auch die Feinde selbst seine Tapferkeit bewundern mußten.

Noch weniger stand die Tochter Catos, die mit Brutus, dem Mörder Caesars, vermählt war, ihrem Vater an Enthaltsamkeit und kühnem Mute nach. Denn sie nahm nicht nur an der Verschwörung teil, sondern endigte auch ihr Leben auf eine ihrer Geburt und Tugend würdige Art, wie in dem Leben des Brutus [von Plutrach] erzählt worden ist.

Statilius, welcher erklärt hatte, daß er dem Beispiele Catos folgen wolle, wurde damals von seinem Entschlusse, sich selbst zu töten, durch die Philosophen abgebracht; in der Folge aber bewies er die größte Treue und Ergebenheit gegen Brutus und fiel ebenfalls in der Schlacht bei Philippi.


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)