Militärische Disziplin in der Schlacht an den Thermopylen d. J. 480 v. Chr. (Herodot, Historien 7, 219 - 228).

Deutsche Übersetzung (mit kleinen Modifikationen) und griechischer Textteil (7, 226 - 228) aus: Herodot, Historien. Griechisch-deutsch. Herausgegeben von Josef Feix, München 1964, S. 1034 - 1041.


 

Deutsche Übersetzung:  

... Der Seher Megistias hatte zunächst den Griechen in den Thermopylen nach Untersuchung der Opfertiere den Tod für den nächsten Morgen vorhergesagt. Nun erschienen auch noch Überläufer und teilten ihnen die Umgehung durch die Perser mit. Diese Warnung geschah noch während der Nacht. Als es Tag wurde, liefen als dritte auch die Späher von den Höhen herab. Da hielten die Griechen Rat, und ihre Meinungen gingen auseinander. Die einen wollten den Platz nicht aufgeben lassen, die andern aber widersprachen. Danach trennten sie sich; die einen zogen ab und zerstreuten sich in ihre Heimatstädte, die andern aber mit Leonidas waren bereit, an Ort und Stelle zu bleiben.

Erzählt wird auch, Leonidas selbst habe sie aus Sorge um ihre Rettung weggeschickt: ihm selbst und den anwesenden Spartiaten zieme es nicht, den Platz zu verlassen, zu dessen Verteidigung sie eigentlich abgesandt seien. Hier bin auch ich durchaus der Meinung, daß Leonidas den Bundesgenossen den Befehl zum Rückzug gegeben hat, als er merkte, wie lustlos sie waren und keineswegs guten Willen zeigten, mit ihnen zusammen ihr Leben zu wagen, daß es für ihn selbst aber nicht anständig gewesen wäre abzuziehen. Durch sein Bleiben hinterließ er sich großen Ruhm, und Spartas Glück wurde nicht getrübt. Als die Spartaner das Orakel in Delphi über diesen Krieg befragten, hatten sie gleich zu Beginn von der Pythia den Spruch erhalten: entweder Sparta würde von den Feinden zerstört werden oder ihr König fallen. Diesen Spruch verkündete ihnen die Pythia in Hexametern; er lautete so:

"Euch, ihr Einwohner Spartas, der Stadt mit weiträumigem Tanzplatz,
wird entweder der ruhmvolle Sitz durch persische Krieger fallen;
wenn aber nicht, dann wird aus Herakles' Stamme
eines Königs Tod das Land Lakedaimons beweinen.
Nicht wird den Feind der Stiere Gewalt noch der Löwen im Kampfe
Halten; ist er doch streitbar wie Zeus; ich sage, nicht früher,
bis er den einen von ihnen zerrissen, läßt er vom Kampf ab."

Das bedachte Leonidas. Weil er den Spartanern den Ruhm allein zukommen lassen wollte, schickte er die Bundesgenossen weg. Das glaube ich viel eher, als daß sie uneins geworden und so auf eigene Faust abgezogen seien.

Dafür spricht als Beweis - und gar nicht als unbedeutender - auch folgendes: Es ist bekannt, daß Leonidas auch den Wahrsager Megistias aus Akarnanien, der seinen Stamm auf Melampus zurückgeführt haben soll - er folgte dem Heere und sagte aus den Opfern die Zukunft voraus -, daß er auch diesen weggehen hieß, damit er nicht mit ihnen den Tod fände. Dieser verließ sie zwar trotz des Befehls nicht; seinen einzigen Sohn aber, der mit ins Feld gezogen war, schickte er nach Hause.

Die entlassenen Bundesgenossen zogen ab und gehorchten dem Leonidas. Die Thespier aber und die Thebaner blieben allein bei den Lakedaimomern. Die Thebaner taten es ungern und widerwillig; denn Leonidas hielt sie fest und betrachtete sie als Geiseln. Die Thespier aber blieben freudigen Herzens und erklärten, sie wollten Leonidas und seine Leute nicht verlassen und nach Hause gehen. Sie hielten aus und starben gemeinsam mit ihnen. Ihr Befehlshaber war Demophilos, der Sohn des Diadromas.

Nachdem Xerxes bei aufgehender Sonne geopfert hatte, wartete er noch eine Zeit; und ungefähr um die Stunde, in der der Markt voll wird, rückte er heran. So hatte es nämlich Ephialtes angegeben. Denn der Abstieg von dem Berg ist kürzer und weniger zeitraubend als der Weg um den Berg samt dem Aufstieg. Die Feinde näherten sich unter der Führung des Xerxes. Die Griechen um Leonidas zogen jetzt, da sie in den sicheren Tod gingen, noch viel mehr als am Anfang weiter nach der breiteren Stelle des Engpasses. Denn die Schutzwehr der Mauer wurde bewacht; die aber, welche in den vergangenen Tagen darüber hinaus vorgerückt waren, hatten in der Enge der Schlucht gekämpft. Jetzt stießen sie außerhalb der Enge zusammen, und dabei fiel eine Menge Feinde. Denn von hinten trieben die Hauptleute der einzelnen Abteilungen mit Geißeln jeden Mann an, immer und immer nach vorwärts. Viele von ihnen stürzten dabei natürlich ins Meer und ertranken; viel mehr aber traten einander lebendig zu Boden. Niemand kümmerte sich um den, der umkam. Weil die Griechen wußten, daß ihnen der Tod durch die, die den Berg umgangen hatten, bevorstand, setzte ein jeder seine ganze Kraft gegen die Barbaren mit Todesverachtung tollkühn ein. Nun waren aber an diesem Tage schon den meisten ihre Lanzen zerbrochen; da erledigten sie die Perser mit dem Schwerte. Leonidas fiel in diesem Getümmel, nachdem er heldenmütig gekämpft und mit ihm andere namhafte Spartaner. Die Namen dieser Helden habe ich erfahren; ich kenne sie von allen dreihundert. Aber auch von den Persern fiel natürlich eine große Zahl namhafter Männer, darunter auch zwei Söhne des Dareios, Abrokomas und Hyperanthes, die Phratagune, die Tochter des Atarnes, dem Dareios geboren hatte. Artanes war ein Bruder des Königs Dareios und ein Sohn des Hystaspes, des Sohnes des Arsames. Er gab dem Dareios seine Tochter und dazu sein ganzes Vermögen; denn sie war sein einziges Kind.

So fielen dort zwei Brüder des Xerxes im Kampfe. Über der Leiche des Leonidas kam es zwischen Persern und Lakedaimoiern zu einem heftigen Gefecht, bis schließlich die tapferen Griechen die Leiche an sich rissen und den Gegner viermal in die Flucht schlugen. Das dauerte so lange, bis die Leute mit Ephialtes eintrafen. Als die Griechen ihr Anrücken erfuhren, erhielt der Kampf ein anderes Gesicht. Die Griechen zogen sich nämlich nach der Enge des Weges zurück und wichen hinter die Mauer. Dort setzten sie sich alle miteinander dichtgedrängt auf dem Hügel fest außer den Thebanern. Diese Anhöhe liegt am Eingang zur Schlucht, wo jetzt zu Ehren des Leonidas der steinerne Löwe steht. An dieser Stelle wehrten sie sich mit den Schwertern, soweit sie noch welche hatten, dann aber mit Händen und Zähnen. Aber die Feinde überschütteten sie mit ihren Geschossen. Ein Teil drängte von vorne nach und riß die Schutzmauer nieder, die andern umgingen sie und umfaßten sie von allen Seiten.

So kämpften die Spartaner und Thespier. Aber der größte Held soll doch Dienekes aus Sparta gewesen sein. Er sagte, so erzählt man, noch ehe es zum Znsammenprall mit den Persern kam - er hatte von einem Trachinier erfahren, die Barbaren würden mit ihren Geschossen die Sonne durch die Menge ihrer Pfeile verdunkeln, so groß sei ihre Zahl -, unerschrocken darob und unbekümmert um die Menge der Meder: das sei nur gut für sie, was der Gastfreund ans Trachis melde. Wenn die Meder die Sonne verdunkelten, so könnte man ja im Schatten gegen sie kämpfen und nicht in der Sonne. Diese und ähnliche Ausdrücke, erzählt man, hat der Lakedaimonier Dienekes zu seinem Gedenken hinterlassen.

Nach ihm aber sollen sich zwei spartanische Brüder, Alpheos und Charon, die Söhne des Orsiphantos, als die tapfersten erwiesen haben. Von den Thespiern aber tat sieh Dithyrambos am meisten hervor, der Sohn des Harmatides.

Die Toten wurden an Ort und Stelle begraben, wo sie gefallen waren. Zu ihrer Ehre und zur Ehre derer, die vorher den Tod fanden, ehe Leonidas die andern weggeschickt hatte, ist folgende Inschrift eingemeißelt:

"Drei Millionen Feinde bekämpften an dieser Stelle
viermal tausend Mann Peloponnesisches Volk."

Diese Inschrift ist der Gesamtheit der Toten gewidmet. Für die Spartaner aber persönlich steht folgende Inschrift:

"Fremdling, melde daheim Lakedaimons Bürgern: Zur Stelle
Liegen wir, ihrem Befehl, den Sie uns gaben, getreu."*

 

[* in der bekannteren Übersetzung Friedrich Schillers:
"Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
uns lier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl."] 

Die letzten Abschnitte (7, 226 - 228) des Textauszugs in griechischer Fassung.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2001/2002