Quellen der Gesinnung einer antiken Persönlichkeit. Marc Aurel, Wege zu sich selbst, 1. Buch.

Deutsche Übersetzung und teilweise wiedergegebener griechischer Text aus: Kaiser Marc Aurel. Wege zu sich selbst. Übersetzt, mit einem Essay 'Zum Verständis des Werkes' und mit Erläuterungen herausgegeben von Willy Theiler, Hamburg 1965, S. 7 . 12. Griechische Textpassagen (Abschnitte 11 - 14 des ersten Buches) aus: Marc Aurel, Wege zu sich selbst. Griechisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel, Düsseldorf, Zürich 1998, S. 12 - 14.


 

ERSTES BUCH

1. Von meinem Großvater Verus: Gutmütigkeit und Freisein von Zorn.

2. Vom Ruf und Erinnerungsbild meines Vaters: Zurüchhaltung und Männlichkeit.

3. Von meiner Mutter: Frömmigkeit, Freigebigkeit und Abscheu nicht nur vor bösem Tun, sondern auch davor, auf einen solchen Gedanken zu verfallen; dazu Einfachheit in der Lebensweise und Abstehen vom Gehabe reicher Leute.

4. Von meinem Urgroßvater: daß ich nicht in öffentliche Schulen ging, und daß ich gute Lehrer zu Hause hatte, und daß ich erkannte, man müsse dazu reichlich Geld ausgeben.

5. Von meinem Erzieher: daß ich weder Grüner noch Blauer, Rundschildler oder Langschildler wurde; und Ausdauer, Bedürfnislosigkeit und Selbstzugreifen; und Meiden der Vielgeschäftigkeit; Unzugänglichkeit gegenüber Verleumdung.

6. Von Diognetos: Verzicht auf Scheinemst; und Ungläubigkeit gegenüber dem Gerede von Wundertätern und Zauberern über Beschwörungen, Dämonenaustreibung und dergleichen; und nicht Wachtelklopfen zu spielen und derartige Leidenschaften zu haben und das freie Wort zu ertragen. Und daß ich mit der Philosophie vertraut wurde; und daß ich zuerst Bakchios, dann Tandasis und Marcianus hörte; und daß ich als Knabe schriftliche Gespräche aufsetzte und daß ich Feldbett mit Fell begehrte und was dergleichen mit der griechischen Lebensweise zusammenhängt.

7. Von Rusticus: daß ich die Vorstellung bekam, der Verbesserung und Pflege des Charakters zu bedürfen; und daß ich nicht eifrigem Bemühen um die äußere Bildung verfiel oder der Schriftstellerei über Lehrsätze, dem Vortrag von Mahnreden, dem auffallenden Auftreten als Asket oder Weltbeglücker; und daß ich von rednerischer und dichterischer Betätigung und von geistreicher Unterhaltung abstand. Und nicht im Staatsgewand zu Hause herumzuspazieren und dergleichen zu tun; und die Briefe schlicht zu schreiben, wie der es ist, der eben von diesem meiner Mutter von Sinuessa aus geschrieben wurde. Und gegenüber Beleidigern und Fehlenden umstimmbar und versöhnlich zu sein, sobald sie selbst den Weg zurückfinden wollen und genau zu lesen und nicht Genüge darin zu finden, den Sinn nur im groben zu fassen, und nicht schnell den Schwätzern zuzustimmen und daß ich die Aufzeichnungen über Epiktet kenneniernte, die er mir von zuhause mitgab.

8. Von Apollonios: freie Haltung und unbedingtes Mißtrauen genüber dem Glücksfall, und auf nichts anderes auch nur für kurze Zeit zu blicken als auf die Vernunft; und stete Gleichmäßigkeit in heftigen Schmerzen, beim Verlust eines Kindes, in langen Krankheiten. Und daß ich an einem lebendigen Beispiel deutlich sah, daß derselbe Mann sehr energisch und gelassen sein kann; und nicht bei der Textauslegung an allem etwas auszusetzen; und daß ich einen Menschen sah, der offenbar die Erfahrung und Geschicklichkeit in der Übermittlung von Lehrsätzen für den geringsten seiner Vorzüge hielt; und daß ich lernte, wie man die scheinbaren Gefälligkeiten von Freunden hinnehmen muß, weder deswegen gedemütigt, noch taktlos sie übersehend.

9. Von Sextus: Herzensgüte und das Beispiel des väterlich besorgten Hauses; und den Begriff des naturgemaßen Lebens; und echten Ernst; und fürsorgende Rücksicht auf die Freunde; und das Ertragen von Laien und solchen, die aus Unwissenschaftlichkeit leere Meinungen hegen. Und Anpassungsfähigkeit an alle, so daß die Art seines Umgangs erquickender war als alle Schmeichelei und er doch zu eben dieser Zeit für eben diese Menschen höchst ehrfurchtgebietend war. Und sicheres und planvolles Finden und Ordnen der für das Leben notwendigen Leitsätze; und daß er niemals auch nur den Anschein von Zorn oder von einer anderen Leidenschaft bot, sondern daß er zugleich ganz leidenschaftslos und ganz liebevoll war; und die Art zu loben, und zwar geräuschlos; und reiches Wissen, ohne es zu zeigen.

10. Von Alexander dem Grammatiker: das Meiden von Scheltworten; und nicht die tadelnd anzugreifen, die einen falschen oder unkorrekten oder mißtönenden Ausdruck gebraucht hatten, sondern geschickt nur gerade jenes Wort, das hätte gesagt werden sollen, vorzubringen in der Art einer Antwort oder Bestätigung oder Besprechung - der Sache selbst, nicht des Wortes -, oder durch sonst eine ähnliche passende Nebenbemerkung.

11. Von Fronto: daß ich darauf achtete, was tyrannische Mißgunst, Hinterhältigkeit und Heuchelei ist, und wie im ganzen diese bei uns so genannten Patrizier irgendwie liebloser sind.

12. Von Alexander dem Platoniker: nicht oft und nicht ohne Not jemandem zu sagen oder in einem Brief zu schreiben: "ich habe keine Zeit", und auf solche Weise dauernd den mit den Beziehungen zu den Mitmenschen verbundenen Pflichten auszuweichen, unter Vorschützen der obwaltenden Umstände.

13. Von Catulus: nicht gering zu achten, wenn ein Freund einen Vorwurf macht, auch wenn es sich trifft, daß er es ohne Grund tut, sondern zu versuchen, ihn zum gewöhnlichen Verhältnis zurückzubringen; und aus vollem Herzen die Lehrer zu loben, wie es das über Domitius und Athenodotos Erzählte zeigt; und wahre Liebe zu den Kindern.

14. Von Severus: Liebe zu der Farnilie, zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit; ünd daß ich dank ihm Thraseas, Helvidius, Cato, Dion, Brutus kennenlernte und die Vorstellung eines demokratischen Staates bekam, der auf Grund von Gleichheit und Mitspracherecht verwaltet wird, und einer Monarchie, die vor allem die Freiheit der Untertanen hochhält. Und weiter von demselben: Schlichtheit und gleichmäßige Schätzung der Philosophie; und Drang zum Wohltun und weitgehende Freigebigkeit; und Zuversicht und Vertrauen darauf, von Freunden geliebt zu werden; und Offenheit gegenüber den von seiner Seite Mißbilligung Erfahrenden; und daß seine Freunde nicht auf Vermutungen angewiesen waren darüber, was er wollte oder was er nicht wollte, sondern daß es offen dalag.

15. Von Maximus: Selbstbeherrschung und in nichts zerfahren zu sein; und Wohlgemutheit sowohl unter ungewohnten Umständen als auch bei Krankheiten. Und gute Mischung des Charakters, Milde und Würde; und die Art, die vorliegenden Aufgaben nicht aufs Geratewohl durchzuführen. Und daß ihm alle bei dem, was er sprach, trauten, daß er so dächte, und bei dem, was er tat, daß er es ohne Hintergedanken täte; und sich über nichts zu wundern oder zu schrecken und nirgends in Hast zu sein oder zu zögern oder nicht zu helfen wissen oder niedergeschlagen zu sein oder falsch zu lächeln oder wiederum zornig oder argwöhnisch zu sein. Die Neigung, wohlzutun, zu verzeihen, die Wahrhaftigkeit; und eher Eindruck eines Unverbiegbaren als eines Zurechtgestreckten darzubieten; und daß weder je einer geglaubt hätte, von ihm verachtet zu werden, noch es gewagt hätte anzunehmen, er selbst verdiene ihm gegenüber den Vorzug; und in gutem Sinne witzig zu sein.

16. Von meinem Adoptivvater: Milde und unerschütterliches Beharren bei dem durch Prüfung für recht Befundenen; und Verachtung eitlen Scheines bei den scheinbaren Ehren; und Arbeitskraft und Ausdauer; und ein geneigtes Ohr für die etwas Gemeinnütziges Vorschlagenden; und unverrücklich jedem das Gebührende zuzuteilen und die Erfahrung, wo Anspannung, wo Abspannung nötig ist. Und daß er der Knabenliebe ein Ende machte. Und das Sichversetzen in andere; und daß er den Freunden erlaubte, nicht auf jeden Fall mit zu speisen und notwendig mit ihm zu reisen, sondern von denen, die wegen irgendwelcher Geschäfte zurückgeblieben waren, immer gleich freundlich angetroffen wurde. Und genaues Eindringen bei Beratungen und zugleich Beharrlichkeit, stand er doch nicht vorzeitig von Untersuchung ab, indem er sich mit oberflächlichen Vorstellungen begnügte. Und daß er sich die Freunde erhielt und nirgends sprunghaft oder in etwas vernarrt war; und Selbstgenügsamkeit in allem; und Heiterkeit. Und lange Voraussicht und Vorbereitung des Kleinsten, ohne ein Theater daraus zu machen; und daß die Akklamationen und jede Schmeichelei unter seiner Regierung beschränkt wurden; und daß er immer die Bedürfnisse des Reiches im Auge behielt und im öffentlichen Aufwand haushälterisch war, und daß er die bei solchen Dingen übliche Kritik der Leute ertrug. Und daß er weder hinsichtlich der Götter abergläubisch war noch hinsichtlich der Menschen nach Popularität haschte oder aus Gefallsucht schmeichelte oder der Menge Zugeständnisse machte, sondern daß er in allem nüchtern war, fest, nirgends geschmacklos oder neuerungssüchtig. Und daß er von den Dingen, die zur Annehmlichkeit des Lebens beitragen, deren Fülle das Glück spendet, ohne Aufhebens und zugleich ohne Bedenken Gebrauch machte, so daß er sie, wenn sie da waren, ganz ungezwungen benutzte, wenn sie nicht da waren, nicht vermißte. Und daß überhaupt nicht einer etwa sagte: er ist ein Klügler oder ein Witzbold oder ein Weltfremder, sondern, er ist ein reifer, fertiger Mann, über Schmeichelei erhaben, fähig, den eigenen und fremden Angelegenheiten vorzustehen. Dazu auch, daß er die wahren Philosophen ehrte, die andern nicht tadelte, aber auch nicht leicht von ihnen verführt werden konnte; ferner, daß er ein angenehmer Gesellschafter war und liebenswürdig ohne Übertreibung. Und daß er maßvoll für seinen Körper sorgte, weder wie einer, der am Leben hängt, noch auf schönes Aussehen bedacht, noch auch andererseits nachlässig, sondern so, daß er wegen der eigenen Aufmerksamkeit nur in sehr geringem Maße auf ärztliche Kunst oder auf Medizinen und äußerliche Anwendungen angewiesen war. Besonders aber, daß er ohne Neid denen den Vorrang einräumte, die eine bestimmte Fähigkeit besaßen, zum Beispiel stilistische oder eine solche aus der Erforschung von Gesetzen, Gewohnheiten oder andern Dingen, und daß er sich mit dafür einsetzte, daß alle nach ihren besonderenTalenten anerkannt würden; und daß, wenn er überall nach den heimischen Überlieferungen handelte, er auch darauf dem Anschein nach nicht ausging, die heimischen Überlieferungen zu wahren. Dazu, daß er sich nicht leicht vom Platz bewegte und hin- und herwarf, sondern am selben Ort und bei derselben Sache verweilte; und daß er nach den Anfällen des Kopfwehs gleich frisch und stark für die gewohnte Arbeit war. Und daß er nicht viele Geheimnisse hatte, sondern ganz wenige seltene, und zwar nur im Interesse des Staates; und die Verständigkeit und Mäßigkeit in der Ausrichtung von Festen, der Anlage von Bauwerken, den Verteilungen von Spenden usw., was einen Menschen verrät, der nur eben das im Auge behält, was getan werden muß, nicht den Ruhm auf Grund der Taten. Nicht zur Unzeit badend, nicht baulustig, ohne den Sinn für Speisen, Gewebe und Farben von Gewändern, für Jugendschönheit von Sklaven. Der Brief aus Lorium, als die Galerie angelegt wurde, die von dem untern Landsitz hinaufführt; und sehr vieles, was in Lanuvium geschah; wie er mit dem Zollpächter, der sich in Tusculum entschuldigte, umging und die ganze entsprechende Art sich zu geben. Nichts Unfreundliches oder auch Unerbittliches und Heftiges und daß jemand einmal sagen konnte: "bis zum Schwitzen", sondern alles war auseinandergehalten und überdacht wie in einem Schulvortrag, ohne Verwirrung, geordnet, fest, mit sich im Einklang. Man könnte auf ihn übertragen, was von Sokrates erzählt wird, daß er die Dinge sowohl abzulehnen als auch zu genießen imstande war, zu deren Ablehnung die meisten zu schwach, und derem Genuß sie zu sehr hingegeben sind; stark zu sein aber und in dem einen Fall standhaft, in dem andern nüchtern zu bleiben, ist Merkmal eines Mannes mit gerader und unbesieglicher Seele, wie zum Beispiel bei der Krankheit Maximus.

17. Von den Göttern: daß ich gute Großväter, gute Eltern, eine gute Schwester, gute Lehrer, gute Hausgenossen, Verwandte, Freunde, fast alle insgesamt, hatte; und daß ich nicht darauf verfiel, gegenüber einem von ihnen einen Fehler zu begehen, obgleich ich eine solche Anlage hatte, von der aus ich, wenn es sich traf, derartiges wohl getan hätte; es ist aber die Wohltat der Götter, daß kein solches Zusammentreffen von Umständen eintrat, das mich bloßstellen konte. Und daß ich nicht länger bei der Geliebten meines Grovaters erzogen wurde; und daß ich meine Jugendblüte bewahrte; und daß ich nicht vorzeitig die Mannbarkeit erlangte, sondern mir auch noch etwas mehr Zeit dazu nahm. Daß ich einem Herrscher und Vater unterstellt wurde, der mich von allem Hochmut befreien und zur Erkenntnis führen sollte, daß es auch für einen, der am Hofe lebt, möglich ist, weder eine Leibgarde nötig zu haben, noch auffallende Gewänder, noch Kandelaber und Bildsäulen von entsprechender Art und sonst dergleichen Prunk, sondern daß es freisteht, sich beinahe wie ein Privatmann einzuschränken, ohne sich deswegen mit geringerer Würde oder mit geringerem Eifer dem zu widmen, was zum Wohl Staates von der höchsten Stelle aus durchgeführt werden muß. Daß ich einen solchen Bruder bekam, der mich durch seinen Charakter zur Sorge für mich selbst aufwecken konnte und zugleich durch Hochschätzung und Liebe erfreute; daß mir keine Kinder zuteil wurden, die unbegabt waren oder körperlich verkrüppelt. Daß ich nicht mehr Fortschritte in der rednerischen und dichterischen Betätigung und andern Beschäftigungen machte, in denen ich vielleicht festgehalten worden wäre, wenn ich bemerkt hätte, daß ich gut vorwärts kam. Daß ich gleich die Erzieher in die Stellung brachte, die sie zu wünschen schienen, und sie nicht hinhielt mit der Hoffnung, ich werde es, da sie noch jung waren, später tun. Daß ich Apollonios, Rusticus, Maximus kennenlernte. Daß ich mir über das naturgemäße Leben deutlich und oft Vorstellungen machte, wie es beschaffen ist, so daß, soweit es auf die Götter und die Einwirkungen von dort drüben, die Unterstützungen und Eingebungen ankommt, nichts mich hindert, nunmehr nach der Natur zu leben, daß ich aber aus eigener Schuld und weil ich die Mahnungen und geradezu Belehrungen von seiten der Götter nicht beachte, noch davon entfernt bin. Daß mein Körper so lange in einem solchen Leben aushielt; daß ich weder Benedicta noch Theodotos anrührte, aber auch später, wenn ich in Liebesleidenschaften fiel, gesundete. Daß ich, obwohl ich oft dem Rusticus zürnte, doch nichts weiter tat, worüber ich wohl Reue empfunden hätte. Daß meine Mutter, die jung sterben sollte, doch die letzten Jahre mit mir zusammen wohnte. Daß, sooft ich einem Armen oder sonst Bedürftigen helfen wollte, ich niemals hören mußte, ich hätte nicht das Geld, womit das getan werden kann; und daß bei mir selbst nie ein ähnliches Bedürfnis eintrat, bei einem andern borgen zu müssen. Daß meine Frau so geartet war, so hingebungsvoll, so lieb, so schlicht; daß ich geeignete Erzieher für die Kinder gewann. Daß mir durch Träume Hilfsmittel zuteil wurden, unter anderem gegen Blutspucken und Schwindelanfälle; und das Wort des in Caieta sozusagen Wahrsagenden. Daß ich, als ich Sehnsucht nach der Philosophie bekam, nicht auf einen Sophisten fiel und mich nicht hinsetzte, Gemeinplätze zu verfassen oder Syllogismen aufzulösen oder mich mit meteorologischen Theorien abzugeben. Denn all dies bedarf der Götterhilfe und des Glücks.

Geschrieben im Quadenlande am Gran.

Die Abschnitte 11 - 14 des ersten Buches im griechischen Text.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2001/2002