Das ethisch bestimmbare Telos der Menschennatur und seine praktische Verwirklichung. Aristoteles, Nikomachische Ethik 10, 1176 b 1 - 1181 b 23.

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Nikomachische Ethik, Übersetzung und Nachwort von Franz Dirlmeier. Anmerkungen von Ernst A. Schmidt, Stuttgart 1969, S. 285 - 302.


6. Unsere Gedanken über die verschiedenen Formen der Trefflichkeit, der Freundschaft und der Lust haben wir nun ausgesprochen, und so bleibt noch die Aufgabe, das Wesen des Glücks im Umriß darzustellen, nachdem uns das Glück als Endziel der Menschennatur gilt. Unsere Darstellung kann aber an präziser Knappheit nur gewinnen, wenn wir das früher Gesagte wieder aufnehmen.

Wir haben gesagt: das Glück ist kein Zustand [scil. der Ruhe]; denn sonst könnte es auch dem gehören, der ein Leben lang schläft, der das Leben einer Pflanze lebt, oder dem, der sich im größten Unglück befindet. Wenn uns also diese Folgerungen nicht befriedigen, wenn das Glück vielmehr, wie früher gesagt, als ein Tätig-Sein zu bestimmen ist, die Formen dieses Tätig-Seins aber teils notwendig und als Mittel zum Zweck wählenswert, teils an sich wählenswert sind, so ist das Glück offenbar unter die an sich, nicht etwa als Mittel zum Zweck, wählenswerten Tätigkeiten zu setzen; denn das Glück ist frei von Mangel: es genügt sich selbst. Nun ist aber jenes Tätig-Sein wählenswert an sich, dem man außer der Funktion des Tätig-Seins nichts weiter abverlangt. Als solches aber gilt das ethisch wertvolle Handeln, denn das Edle und Wertvolle tun, das gehört zu den Werten, die wählenswert an sich sind.

Zu dem, was 'wählenswert an sich' ist, rechnet man nun allerdings etwa auch die genießerische Verspieltheit, die man ja nicht als Mittel zu einem Zweck erwählt; ja, sie ist uns eher ein Schaden als ein Nutzen, da man ihr zuliebe Leib und Besitz verkommen läßt. Von denen, die für glücklich gelten, laufen die meisten solchem Zeitvertreib nach. Leute, die bei solchen Gelegenheiten gesellige Gewandtheit zeigen, stehen daher bei den Tyrannen in hohem Ansehen: in allem, was Tyrannenlaune wünscht, verstehen sie es ja, sich angenehm zu machen. Und solche Leute kann man da brauchen. Nun hat es zwar den Anschein, als habe solches Treiben etwas mit Glück zu tun, weil die Mächtigen ganz darin aufgehen. Aber solche Menschen sind schwerlich ein Beweis dafür; denn nicht auf äußerer Macht beruht ethische und geistige Höhe, von denen die Aktivität wertvollen Handelns ausgeht. Und man darf nicht meinen, wenn solche Leute, die niemals reine und großgeartete Freude gekostet haben, der sinnlichen Lust nachlaufen, daß diese dann den Vorzug verdiene. Meinen doch auch die Kinder, daß Dinge, die in ihrem kindlichen Bereich etwas gelten, das Höchste seien. Es ist also wohverständlich, daß, wie Kindern und Erwachsenen, so auch den Schlechten und den Guten je anderes als wertvoll gilt.

Wie wir nun schon wiederholt gesagt haben, ist wertvoll und lustvoll das, was dem hochwertigen Menschen wertvoll und lustvoll ist. Jeder aber gibt der Tätigkeit den unbedingten Vorzug, die dem Grundzug seines Wesens entspricht: der hochwertige Mensch also dem Handeln, das im Sinne ethischer Trefflichkeit Form gewinnt. Folglich besteht das Glück nicht in Verspieltheit. Es wäre ja auch unverständlich, daß das Endziel ein Spiel und das ganze Leben ein Arbeiten und Ertragen von Härten sein soll - um des Spieles willen. Wir wählen doch, kurz gesagt, alles und jedes Mittel zum Zweck, nur nicht das Glück, denn das Glück ist Endziel. Ernste Tätigkeit und Mühe um des Spieles willen erscheint töricht und überaus kindisch. Dagegen, spielen um des Ernstes fähig zu sein - dieser Spruch des Anacharsis darf als richtig gelten. Denn das Spiel ist soviel wie Erholung, Erholung aber braucht der Mensch, weil er außerstande ist, ohne Unterbrechung zu arbeiten. Erholung ist somit kein Endziel, denn man gönnt sie sich um der Tätigkeit willen.

Ferner gilt, daß das glückliche Leben ein ethisch hochstehendes Leben ist. Ein solches aber erfordert Anstrengung und ist kein Spiel. Und wir stellen fest, daß ernste Dinge wertvoller sind als lächerliche und spielerische, und daß jeweils das Wirken des wertvolleren Teils oder des wertvolleren Menschen ernsthafter ist. Das Wirken des Wertvolleren aber ist überlegen und schließt schon mehr von Glück in sich. Sinnliche Lust kann übrigens der nächste beste, auch ein Sklave, nicht minder genießen als der höchstwertige Mensch. Anteil am Glück aber weist niemand dem Sklaven zu, außer er gibt ihm auch die Möglichkeit, ein eigenständiges Leben zu führen. Denn nicht in dem erwähnten Treiben besteht das Glück, sondern in einem Tätig-Sein im Sinne der Trefflichkeit, wie wir schon früher ausgesprochen haben.

7. Wenn das Glück ein Tätig-Sein im Sinne der Trefflichkeit ist, so darf darunter mit gutem Grund die höchste Trefflichkeit verstanden werden: das aber kann nur die der obersten Kraft in uns sein. Mag nun der Geist oder etwas anderes diese Kraft sein, die man sich gewiß als wesenhaft herrschend, führend, auf edle und göttliche Gegenstände gerichtet vorstellt - mag diese Kraft selbst auch göttlich oder von dem, was in uns ist, das göttlichste Element sein - das Wirken dieser Kraft gemäß der ihr eigentümlichen Trefflichkeit ist jedenfalls das vollendete Glück. Daß dieses Wirken aber ein geistiges Schauen ist, haben wir bereits festgestellt.

Das ist in Übereinstimmung, so dürfen wir behaupten, mit unseren früheren Erkenntnissen und mit der Wahrheit. Denn einmal ist das die oberste Form menschlichen Wirkens: es hat ja auch der Geist von dem, was in uns ist, den obersten Rang, und obersten Rang unter den Erkenntnisobjekten haben die des Geistes. Sodann aber hat dieses Wirken auch die größte Stetigkeit, denn in stetiger geistiger Schau können wir leichter verharren als in irgendeiner Tätigkeit [scil. nach außen].

Wie wir ferner annehmen, muß Glück mit Lust vermischt sein; am lustvollsten aber unter den Formen hochwertiger Tätigkeit ist zugestandenermaßen das lebendige Wirken des philosophischen Geistes. Jedenfalls gilt von der Philosophie, daß sie eine durch ihre Reinheit und Dauer großartige Lust gewährt. Und es ist wohl begründet, daß dem aus seiner Erkenntnis heraus Wirkenden ein lustvolleres Dasein beschieden ist als dem, der den Weg dazu erst sucht.

Auch das, was man sich selbst genügende Unabhängigkeit [griech. 'Autarkie'] nennt, ist vor allem bei der Verwirklichung der geistigen Schau zu finden. Denn was zum Leben notwendig ist, das braucht der Weise so gut wie der Gerechte und die übrigen [scil. hochwertigen Menschen]. Sind sie dann aber mit diesen Dingen zur Genüge versehen, so braucht der Gerechte immer noch Menschen, an denen und mit denen er gerecht handeln kann, und dementsprechend der Besonnene und der Tapfere und alle übrigen - der Weise dagegen kann sich der geistigen Schau hingeben, auch wenn er ganz für sich ist, und je weiser er ist, desto eindringlicher. Vielleicht gelingt es noch besser, wenn er Freunde hat, die mitwirken, aber gleichwohl wäre er der Unabhängigste.

Ferner gilt, daß diese Tätigkeit des Geistes die einzige ist, die um ihrer selbst willen geliebt wird, denn außer dem Vollzug der geistigen Schau erwartet man von ihr nichts weiter, während wir vom praktischen Wirken mehr oder minder großen Gewinn noch neben dem bloßen Handeln haben.

Ferner gilt, daß das Glück Muße voraussetzt. Denn wir arbeiten, um dann Muße zu haben, und führen Krieg, um dann in Frieden zu leben. Alle praktische Trefflichkeit nun entfaltet ihre Aktivität entweder in den Aufgaben des öffentlichen Lebens oder den Aufgaben des Kriegs. Das HandeIn in diesem. Bereiche verträgt sich aber erfahrungsgemäß nicht mit der Muße, kriegerisches Tun schon gar nicht - niemand wählt ja den Krieg um des Krieges willen, und niemand rüstet deshalb zum Krieg. Denn als durch und durch blutdürstig müßte der gelten, der sich Freunde zu Feinden machen wollte, damit Kampf und Blutvergießen entstehe. Aber auch wer im öffentlichen Leben steht hat keine Muße. Das Ziel ist hier, über die öffentliche Tätigkeit selbst hinaus Macht und Ansehen zu gewinnen oder jedenfalls das Glück für die eigene Person und die Polisgemeinde, ein Glück, das etwas anderes ist als öffentliche Tätigkeit: wir suchen es offenbar eben geradezu deshalb, weil es etwas anderes ist. Wenn nun

(a) unter den hochwertigen Tätigkeiten das Handeln im öffentlichen Leben und im Krieg durch Glanz und Größe zwar hervorragt, aber der Muße entbehrt, nach einem [scil. außerhalb liegenden] Ziel strebt und nicht an sich wählenswert ist, und wenn

(b) andererseits gilt, daß das Tätig-Sein des Geistes, als ein Akt des Schauens, durch seine ernste Würde sich auszeichnet, nach keinem außerhalb gelegenen Ziele strebt, ferner vollendete Lust - die ihrerseits wieder die Tätigkeit intensiviert - wesensmäßig in sich schließt; und wenn

(c) das Selbstgenügsame, das Ruhevolle und, innerhalb der menschlichen Grenzen, das Unermüdbare und alles, was sonst noch dem Menschen auf der Höhe des Glücks zugeschrieben wird, an diesem Tätig-Sein in Erscheinung tritt,

so folgt, daß dieses Tätig-Sein das vollendete Menschenglück darstellt, falls es ein Vollmaß des Lebens dauert - denn kein Teilaspekt des Glücks darf unvollkommen sein.

Ein solches Leben aber wäre übermenschlich; denn man kann es als Mensch in dieser Form nicht leben. Wir können es nur insoweit erfahren, als ein göttliches Element in uns wohnt. Und genau so groß, wie der Unterschied zwischen diesem göttlichen Element und unserer zusammengesetzten [scil. menschlichen] Wesenheit ist, so weit ist auch das Wirken des göttlichen Elements von den übrigen Formen wertvoller Tätigkeit entfernt. Ist also, mit dem Menschen verglichen, der Geist etwas Göttliches, so ist auch ein Leben im Geistigen, verglichen mit dem menschlichen Leben, etwas Göttliches. Wir sollten aber nicht den Dichtern folgen, die uns mahnen, als Menschen uns mit menschlichen und als Sterbliche mit sterblichen Gedanken zu bescheiden, sondern, soweit wir können, uns zur Unsterblichkeit erheben und alles tun, um unser Leben nach dem einzurichten, was in uns das Höchste ist. Denn obgleich von bescheidener Ausdehnung, ragt es doch an Wirkungsmacht und Werthaftigkeit bei weitem über alles hinaus. Man darf aber geradezu sagen, daß dieses Höchste unser wahres Selbst ist, nachdem es den entscheidenden und besseren Teil unseres Wesens darstellt. Und so wäre es also unverständlich, wenn wir uns nicht für unser ureigenes Leben, sondern für das eines fremden Wesens entscheiden wollten. Und was wir früher festgestellt haben, wird auch jetzt passen: was dem einzelnen wesenseigen ist, das stellt für den einzelnen von Natur das Höchste und das Lustvollste dar. Für den Menschen ist dies also das Leben des Geistes, nachdem dieser vor allem das wahre Selbst des Menschen darstellt, und dieses Leben ist denn also auch das glücklichste.

8. In einer nur nachrangigen Weise ist das Leben im Sinne der anderen Formen werthaften Tuns ein glückliches Leben. Denn ein Tätigsein in diesem Sinn hält sich im Bereiche des Menschlichen. Gerechtigkeit nämlich und Tapferkeit und die anderen ethischen Werte verwirklichen wir von Mensch zu Mensch, indem wir in Geschäftssachen, in der Stunde der Not, in den verschiedenartigsten Situationen und auch bei den Regungen des Irrationalen das beachten, worauf jeder billigerweise Anspruch hat. Das alles aber sind rein menschliche Dinge. Manches ist auch bekanntlich die Folge davon, daß wir einen Körper haben, und in mancherlei Hinsicht scheint ein enger Zusammenhang zu bestehen zwischen der Tüchtigkeit des Charakters und den Regungen des Irrationalen. Aber auch die sittliche Einsicht ist mit der Tüchtigkeit des Charakters untrennbar verbunden und diese wiederum mit der sittlichen Einsicht, nachdem ja die Grundprinzipien der sittlichen Einsicht aus der Tüchtigkeit des Charakters erwachsen und die Sicherheit über das Richtige der charakterlichen Tüchtigkeit von der sittlichen Einsicht abhängt. Indem aber die Tüchtigkeit des Charakters [scil. mit der sittlichen Einsicht und] auch mit den Regungen des Irrationalen zusammenhängt, gehört sie in den Bereich unserer zusammengesetzten Natur. Deren Wesensvorzüge aber halten sich im Bereiche des Menschlichen. Und dies gilt dann auch von einem Leben und einem Glück, das auf der Tüchtigkeit des Charakters beruht. Der Geist aber hat seinen Rang in der Absonderung [scil. von körperbedingten Beimischungen]. Nur soviel sei darüber angedeutet, denn eine genauere Behandlung ginge über die gegenwärtige Aufgabe hinaus.

Man darf aber annehmen, daß der Sonderrang des Geistes die äußeren Güter nur in geringem Ausmaß nötig macht oder in geringerem als das auf der Trefflichkeit des Charakters beruhende Glück. Nehmen wir ruhig an, daß beide die lebensnotwendigen Dinge brauchen, und zwar in gleichem Umfang - denn der Unterschied ist hier nicht allzu groß -, wenn auch der Mann des öffentlichen Lebens mehr mit den Dingen des Leibes und dergleichen beschäftigt ist. Aber was die Entfaltung der Aktivität anbetrifft, so ist der Unterschied allerdings beträchtlich. Denn der Großzügige muß Geld zur Hand haben, um großzügig handeln zu können, und der Gerechte ebenso wegen der Gegenleistungen - denn der bloße Wunsch ist etwas Verschwommenes, und auch Leute, die gar nicht gerecht sind, tun so, als hätten sie den Wunsch, gerecht zu handeln -, und der Tapfere bedarf der Macht, wenn er etwas Tapferes zum erfolgreichen Ende bringen will, und der Besonnene braucht entsprechende Gelegenheit. Denn wie sollte er oder von den anderen einer [scil. in seinem Werte] sonst erkennbar sein? Es ist übrigens eine Streitfrage, ob der [scil. gute] Wille oder die Tat entscheidend für die ethische Trefflichkeit ist, da ja beides für sie konstitutiv zu sein scheint. Zur Vollendung kommt sie natürlich erst durch beides, dies ist klar. Für das Zustandekommen der sittlichen Tat sind viele [scil. äußere] Gegebenheiten nötig, und je bedeutender und edler sie ist, desto mehr.

Für das Leben des Geistes dagegen ist nichts von alledem vonnöten, jedenfalls nicht für die reine Tätigkeit, ja man möchte sagen, dieses Äußere ist sogar ein Hindernis - auf jeden Fall für die reine Schau. Weil er [scil. der Geistesmensch'] jedoch ein Mensch ist und in einer Gemeinschaft von Vielen lebt, entscheidet er sich doch für die Tat im Sinne ethischer Trefflichkeit, und so ergibt sich, daß ihm dies Äußere doch nötig ist, damit er 'Mensch sein' kann.

Daß aber das vollkommene Glück ein Leben der aktiven geistigen Schau ist, wird auch von folgender Überlegung her deutlich: wir stellen uns vor, daß die Götter im höchsten Sinne selig und glücklich sind. Nun, welche Art von Handlungen haben wir ihnen beizulegen? Etwa Akte der Gerechtigkeit? Wird es nicht ein lächerliches Bild ergeben: die Götter bei Handelsgeschäften, bei der Rückgabe von hinterlegtem Gut und so weiter? Oder Akte der Tapferkeit, Aushalten in Gefahr und Wagnis um des Ruhmes willen? Oder Akte der Großzügigkeit? Wem sollten sie denn etwas schenken? Ein unmöglicher Gedanke, daß die Götter Geld oder dergleichen in Händen haben. Und wie sollten wir uns bei ihnen Akte der Besonnenheit vorstellen? Wäre es nicht geschmacklos sie zu preisen, wo sie doch keine schlechten Begierden haben? Und wenn wir alles der Reihe nach durchgehen, so zeigt sich, daß Detail-Vorstellungen von einem Handeln der Götter kleinlich und ihrer unwürdig sind. Und doch ist es eine allgemeine Annahme, daß die Götter leben und folglich auch, daß sie wirken. Denn man kann sich nicht denken, daß sie schlafen wie Endymion. Wenn man nun aber einem lebenden Wesen das Handeln und mehr noch das Hervorbringen nimmt, was bleibt dann anderes übrig als die reine Schau? So muß denn das Wirken der Gottheit, ausgezeichnet durch höchste Seligkeit, ein reines Schauen sein. Und folglich hat jenes menschliche Tun, das dem Wirken der Gottheit am nächsten kommt, am meisten vom Wesen des Glücks in sich.

Ein deutliches Zeichen dafür ist auch die Tatsache, daß die übrigen Lebewesen keinen Anteil am Glück haben, indem ihnen ein Wirken solcher Art völlig versagt ist. Denn während für die Götter das ganze Leben einen Zustand der Seligkeit bedeutet und für die Menschen, soweit ihnen ein gewisser Abglanz solch erhabenen Wirkens gegeben ist, kann von den anderen Lebewesen keines glücklich sein, da sie in keiner Weise an geistiger Schau teilhaben. Wie umfassend sich also die geistige Schau entfaltet, so weit auch das Glück, und je eindringlicher der Akt des Schauens, desto tiefer ist das Glücklichsein - ein Zustand, der nicht den Charakter eines Begleitumstandes hat, sondern auf der Schau [scil. unmittelbar] beruht, denn diese trägt ihren Wert und ihre Würde in sich. Wir dürfen also das Glück als ein geistiges Schauen bezeichnen.

9. Es wird aber auch die Gunst der äußeren Umstände vonnöten sein, da wir Menschen sind. Denn unsere Natur ist für sich allein nicht ausreichend, die geistige Schau zu verwirklichen. Es ist auch Gesundheit des Leibes vonnöten sowie Nahrung und sonstige Pflege. Indes braucht man sich nicht vorzustellen, daß ein beträchtlicher Aufwand erforderlich ist, um glücklich zu werden, wenn es schon nicht möglich ist, ohne die äußeren Güter das Glück zu erreichen. Denn nicht ein Übermaß ist für allseitige Unabhängigkeit und für das Handeln vorausgesetzt, im Gegenteil: auch ohne Herrschaft über Land und Meer ist edles Handeln möglich, und auch von einer maßvollen Grundlage aus kann man wertvoll handeln. Man kann dies deutlich beobachten, denn bekanntlich handelt der einfache Bürger nicht minder rechtlich als der Machthaber: er übertrifft ihn sogar. Und es genügt, wenn das Äußere in dem bezeichneten Umfang zu Gebote steht; denn das Leben des Mannes, der wertvoll handelt, wird glücklich sein.

Solon hat wohl die richtige Vorstellung von einem glücklichen Menschen gegeben, indem er als glücklich den ansprach, der [scil. nur] in maßvoller Weise mit äußeren Gütern versehen dennoch das nach seiner Anschauung Edelste getan und ein besonnenes Leben geführt habe. Denn es ist möglich, mit mäßigem Besitz das zu tun, was sich gehört. Auch Anaxagoras hat sich offenbar unter einem glücklichen Menschen nicht einen Reichen und nicht einen Machthaber vorgestellt, da er sagt, er wundere sich nicht, wenn der Glückliche in den Augen der Vielen als eine merkwürdige Figur erscheine. Denn die Vielen urteilen nach dem Äußeren, da sie für nichts anderes Sinn haben. So stimmen also die Ansichten der Weisen mit unserer Argumentation überein, und eine solche Übereinstimmung hat auch in der Tat eine gewisse Überzeugungskraft. Aber die Wahrheit wird in Dingen des menschlichen Handelns aus der Wirklichkeit des Lebens gewonnen; denn diese gibt den Ausschlag. Das bisher Festgestellte muß also an der Wirklichkeit des Lebens überprüft werden, und wenn es mit den Tatsachen übereinstimmt, muß man es gelten lassen. Ist es aber damit nicht in Einklang zu bringen, so dürfen wir es nur als [scil. dialektische] Argumentation auffassen.

Wer aber ein aktives Leben des Geistes führt und den Geist pflegt, von dem darf man sagen, sein Leben sei aufs beste geordnet und er werde von den Göttern am meisten geliebt. Denn wenn die Götter, wie man glaubt, sich irgendwie um menschliches Tun und Treiben kümmern, so darf man mit Grund annehmen, daß sie sich nicht nur über das freuen, was den höchsten Wert darstellt und ihnen am verwandtesten ist - das aber ist der Geist -, sondern auch, daß sie dem Menschen, der dieses Höchste am meisten liebt und schätzt, mit Gutem vergelten, weil er sich um das bemüht was ihnen, den Göttern, nahesteht und weil sein Handeln richtig und wertvoll ist. Daß dies aber im höchsten Grade bei dem Philosophen zu finden ist, darüber besteht kein Zweifel. Und so wird er von den Göttern am meisten geliebt. Als Liebling der Götter aber genießt er auch das höchste Glück. Und so ist also der philosophische Mensch auch von dieser Seite her in höchstem Maße glücklich.

10. Dürfen wir nun, nachdem diese Dinge und die Wesensvorzüge des Menschen, ferner Freundschaft und Lust im Umriß hinreichend dargestellt sind, unsere Aufgabe als beendet ansehen? Ist es nicht bekanntlich so, daß beim menschlichen Handeln das Ziel nicht darin besteht, die einzelnen Dinge zu betrachten und zu erkennen, sondern vielmehr sie handelnd zu verwirklichen? Auch bei den ethischen Werten reicht es nun nicht aus, von ihnen zu wissen, sondern man muß versuchen, sie zu haben und in die Tat umzusetzen oder auf irgendeine Weise ein trefflicher Mensch zu werden. Wenn nun dialektische Argumente allein schon genügten, um die Hörer zu rechtlichen Menschen zu machen, so wäre ihnen nach Theognis vielfacher und reicher Lohn gewiß, und man sollte sich diese [scil. Argumente] beschaffen. Leider aber scheint das gesprochene Wort zwar die Kraft zu haben, junge Leute von freiem Wesen anzuregen und zu begeistern und einen edelgeborenen und das Edle wahrhaft liebenden Charakter so weit zu fördern, daß er in der Trefflichkeit befestigt werden könnte, dagegen die Vielen zu edler Wesensbildung anzuregen, dazu scheint es nicht imstande zu sein. Denn diese sind von Natur dazu geneigt, sich nicht dem Ehrgefühl, sondern nur der Furcht zu beugen und nicht dazu, das Minderwertige von sich zu weisen, weil es Schande, sondern weil es Strafe bringt. Denn da sie dem Gefühl und der Leidenschaft leben, verfolgen sie nur solche Lust, die ihrem Wesen zugeordnet ist und die Mittel dazu, während sie das Gegenteil, die Unlust, meiden. An das Edle und wahrhaft Lustvolle verschwenden sie keinen Gedanken, da sie es nie gekostet haben. Welche Argumentation [scil. über Ethik] aber könnte solche Menschen umformen? Es ist ja nicht möglich, jedenfalls nicht leicht, das, was so lange mit dem Wesenskern verhaftet war, durch das Wort zu wandeln. Wir müssen uns wohl bescheiden, wenn wir uns, falls alles vorhanden ist, was als Voraussetzung für das Entstehen der Rechtlichkeit gilt, [scil. wenigstens] einen Teil der ethischen Tüchtigkeit sichern können.

Wie man zu einem wertvollen Menschen wird, dafür gibt es drei Ansichten: durch Naturanlage, durch Gewöhnung oder durch Belehrung. Nun ist klar, daß die Gabe der Natur nicht in unsere Macht gegeben ist, sondern den wahrhaft vom Glück Begünstigten durch göttliches Walten zukommt. Das belehrende Wort aber hat wohl kaum bei allen entscheidenden Einfluß, sondern die Seele des Hörers muß erst durch vorherige Gewöhnung dazu bereitgemacht werden, sich in Zuneigung und Haß vom Edlen leiten zu lassen, bearbeitet wie ein Stück Land, das den Samen nähren soll. Denn wer dem Gefühl und der Leidenschaft lebt, hört nicht auf das abratende Wort und wenn, so würde er es wiederum nicht verstehen. Wie aber sollte man einen solchen Menschen umstimmen können? Ja, man kann ganz allgemein sagen: Irrationaler Trieb weicht nicht dem Wort, sondern nur der Gewalt. Es muß also eine charakterliche Grundstruktur gewissermaßen schon von vornherein da sein, der ethischen Hochform schon verwandt sein; ein Charakter, der das Edle liebt und das Unedle verabscheut.

Indes, von Jugend auf eine richtige Führung zu ethischer Höhe zu bekommen, ist schwer, wenn man nicht unter einer entsprechenden Gesetzgebung aufwächst; denn die Vielen haben keine Neigung zu einem Leben der Besonnenheit und harten Ausdauer, besonders nicht in der Jugend. Daher muß schon die früheste Erziehung und müssen die Beschäftigungen festgelegt werden durch das Gesetz; denn wenn sie einem ganz vertraut werden, empfindet man sie nicht mehr als drückend. Es genügt aber wohl kaum, nur in der Jugend die richtige Erziehung und Betreuung zu erhalten, sondern, da man auch als Mann diese Dinge treiben und mit ihnen vertraut werden muß, brauchen wir Gesetze, die auch dieses regeln und damit überhaupt Gesetze, die das ganze Leben erfassen, denn die Vielen beugen sich eher dem Zwang als dem Wort und eher der Strafe als dem Vorbild edlen Handelns.

Daher sind manche der Ansicht, die Gesetzgeber sollten zur Trefflichkeit auffordern und anregen, indem sie auf das Schöne und Edle verweisen - wobei zu erwarten wäre, daß solche, die durch Gewöhnung schon ein tüchtiges Stück auf auf dem Wege [scil. zur Trefflichkeit] vorangekommen sind, auf die Anregungen hören; den Ungehorsamen aber und den wenig bildsamen Naturen sollten sie mit Züchtigung und Strafe beikommen und die Unverbesserlichen schließlich ganz aus der Gemeinschaft stoßen. Denn der Treffliche, dessen Leben auf das Edle gerichtet ist, werde sich dem Worte beugen, der Minderwertige aber, der nur nach Lust verlangt, werde durch Unlust gebändigt wie ein Tier, das unter dem Joch geht. Daher auch die Forderung, die Unlust müsse so gewählt sein, daß sie zu der Lust, die solche Menschen lieben, im schärfsten Gegensatz stehe.

Wenn also, wie gesagt, der Mensch, der sich zur Trefflichkeit entfalten soll, die richtige Erziehung und Gewöhnung erhalten und sodann sein Leben mit gehaltvoller Beschäftigung erfüllen muß und weder unfreiwillig noch freiwillig das Schlechte tun darf, und wenn sich dies nur unter der Voraussetzung verwirklichen läßt, daß man das Leben nach einer gewissen Sinnhaftigkeit und einer zweckmäßigen Ordnung einrichtet, einer Ordnung, die sich durchzusetzen die Kraft hat - so ist zu sagen: das Gebot des Vaters hat nicht jenes [scil. dafür nötige] Kraftvolle und Zwingende, wie übergaupt das Gebot eines einzelnen diese Qualiät nicht hat, es sei denn er wäre ein König oder etwas ähnliches. Das Gesetz jedoch hat jene zwingende Gewalt: es ist ein Ordnungsprinzip, das auf sittlicher Einsicht und Vernunft beruht. Und während Menschen, die den Wünschen ihrer Mitbürger opponieren, auch wenn sie mit dieser Opposition im Recht sind, gehaßt werden, wird demgegenüber das Gesetz nicht als drückend empfunden, wenn es befiehlt, was recht und billig ist.

Diese Lösung gibt es aber in der Realität nur ausnahmsweise. Zu den wenigen Ausnahmen gehört das Gemeinwesen der Spartaner, in dem der Gesetzgeber bekanntlich für die Erziehung und für Beschäftigungsformen Vorsorge getroffen hat. In der überwiegenden Mehrzahl der Gemeinwesen dagegen ist das gänzlich vernachlässigt worden, und jeder lebt dort dahin, wie es ihm gefällt, nach Kyklopenweise des Rechtes waltend über Weib und Kind. Am besten wäre es nun zwar, wenn eine öffentliche, und zwar eine zweckgerechte Vorsorge getroffen werden und wenn die Aufgabe so bewältigt werden könnte. Wenn aber die öffentliche Vorsorge ganz vernachlässigt wird, so tritt offenbar an den einzelnen die Pflicht heran, seinen Kindern und Freunden zur Erlangung der Tüchtigkeit behilflich zu sein oder wenigstens einen Entschluß [scil. in dieser Richtung] zu fassen. Und dazu ist er, nach dem Gesagten, wohl dann vor allem imstande, wenn er gesetzgeberische Fähigkeiten in sich herangebildet hat; denn öffentliche Vorsorge wird natürlich durch Gesetze geschaffen, und sie ist gut, wenn dies durch gute Gesetze geschieht. Ob durch geschriebene oder ungeschriebene, darauf kommt wohl nicht viel an; und auch nicht darauf, ob es sich um Gesetze zur Erziehung eines einzelnen oder einer Mehrheit handelt: es ist wie bei der Musik, der Gymnastik und den übrigen Erziehungsgegenständen. Wie nun in den Polisgemeinden Gesetz und Sitte eine Macht darstellen, so [scil. prinzipiell] in den Familien auch die Mahnworte des Vaters und die Familiengewohnheiten, und deren Wirkung wird noch erhöht durch die Blutsverwandtschaft und die Wohltaten; denn die Zuneigung der Kinder ist von vornherein gegeben, und ferner sind sie von Natur bereit zu gehorchen. Überdies ist die Einzelerziehung der öffentlichen überlegen: auch bei der Heilkunst ist es so. Im allgemeinen nämlich ist dem Fieberkranken Ruhe und Enthaltung von Speisen zuträglich, im Einzelfall aber vielleicht nicht, und auch der Boxlehrer läßt nicht alle seine Schüler dieselbe Kampfesart üben. Man darf also annehmen, daß es auf einem Einzelgebiet zu schärferer Profilierung kommt, wenn die Fürsorge individuell ist; denn der einzelne gelangt dabei leichter zu dem, was zweckdienlich ist. Am besten aber kann der Arzt oder Gymnastiklehrer oder sonst jemand die Vorsorge für das Einzelne treffen, wenn er die Kenntnis des Allgemeinen hat: daß also etwas gut ist für alle von einem bestimmten Typus. Denn daß die Wissenschaft als Gegenstand das Allgemeine hat, das wird mit Recht gesagt und ist eine Tatsache. Indes ist es auch ohne weiteres möglich, daß jemand in einem Einzelfall brauchbare Fürsorge trifft, ohne wissenschaftliche Erkenntnis zu haben. Er muß sich nur an Hand der Erfahrung eine genaue Vorstellung davon gebildet haben, was im besonderen Falle erfolgt, so wie bekanntlich manche Leute ganz gut ihr eigener Arzt sind, während sie einem anderen gar nicht zu helfen vermöchten. Gleichwohl aber wird man zu erwarten haben, daß jemand, der in Praxis oder Theorie ein Fachmann werden will, die Richtung auf das Allgemeine einschlägt und es so vollkommen wie möglich erkennt; denn, wie gesagt, die Wissenschaft hat als Gegenstand das Allgemeine.

Und so muß gewiß auch der, welcher die Menschen, mögen es viele, mögen es wenige sein, durch seine Maßnahmen besser zu machen beabsichtigt, versuchen, sich die Fähigkeiten eines Gesetzgebers anzueignen, wenn es so ist, daß wir durch Gesetze wertvolle Menschen werden können. Denn irgendeinen Menschen - ganz gleich auch wer er sei -, dessen Erziehung uns als Aufgabe gestellt ist, in eine gute Verfassung zu bringen, dazu ist nicht der nächste beste fähig, sondern, wenn überhauptjemand, dann der Wissende: genauso wie bei der Heilkunst und den übrigen Dingen, die Gegenstand von bessernden Maßnahmen oder praktischer Klugheit sein können.

Wir haben hernach nun ins Auge zu fassen, von welcher Grundlage aus und mit welchen Mitteln man gesetzgeberische Fähigkeiten in sich entwickeln kann. Können wir es wie bei den übrigen Dingen von den Männern des Staates lernen? Denn die Gesetzgebung gilt uns doch als ein Teil der Staatskunst. Oder tritt uns bei der Staatskunst etwas anderes entgegen als bei den sonstigen Formen des Wissens und Könnens? Denn bei letzteren ist es augenscheinlich so, daß dieselben Männer ihr Können an Schüler weitergeben und es selber im Leben praktisch verwerten, z. B. Arzte und Maler. Bei der Staatskunst aber ist es anders: da kündigen die Sophisten an, sie zu lehren, aber im öffentlichen Leben wirkt keiner von ihnen. Das ist den [scil. berufsmäßigen] Politikern überlassen, die dies anscheinend auf Grund eines sozusagen natürlichen Könnens tun und sich mehr durch die Erfahrung als durch theoretische Einsicht bestimmen lassen. Denn man sieht ja, daß sie über solche Dinge weder schreiben noch öffentlich sprechen - obwohl ihnen dies sicherlich mehr Ruhm einbrächte, als Gerichts- und Volksversammlungsreden zu verfassen - und daß sie weder ihre Söhne noch auch den einen oder anderen ihnen Nahestehenden zu Politikern gemacht haben. Und doch wäre dies nur konsequent gewesen - unter der Voraussetzung freilich, daß sie über die Fähigkeit [scil. zum Erziehen] verfügten. Denn weder hätten sie ihrer Polis ein besseres Erbe hinterlassen können, noch konnten sie für sich persönlich - und folglich auch für ihre nächsten Freunde - etwas Besseres aussuchen als diese Fähigkeit [scil. richtige Politik zu betreiben].

Allerdings darf man die Rolle der Erfahrung [scil. in der Politik] nicht unterschätzen. Denn sonst wäre es ja gar nicht möglich, daß jemand durch bloße [scil. praktische] Vertrautheit [scil. mit den Dingen des öffentlichen Lebens] zum Politiker wird. Und so liegt nahe, daß Jünglinge, die ein Wissen von der Staatskunst haben wollen, noch dazu auch Erfahrung brauchen.

Die Sophisten aber, soweit sie ihre Lehrgänge ankündigen, sind, wie sich zeigt, weit davon entfernt, [scil. wirkliche] Lehrer zu sein. Denn man kann rundheraus sagen: sie wissen gar nicht, welche Art von Ding die Staatskunst ist, noch welcher Art ihre Gegenstände sind. Denn sonst könnten sie sie nicht mit der Rhetorik auf gleiche Stufe oder noch tiefer stellen und könnten nicht meinen, es sei leicht, Gesetze zu geben; man brauche nur eine Auswahl der anerkannt guten Gesetze zusammenzustellen. Sie sagen nämlich, man könne die besten Gesetze einfach auswählen, als ob nicht auch die Auswahl Verständnis erforderte und ein richtiges Urteil von entscheidender Bedeutung wäre, wie z. B. in Fragen der Musik. Denn die in den Einzelheiten erfahrenen Fachleute haben das richtige Urteil über ein Werk, und sie verstehen, durch welche Mittel oder auf welche Weise ein Werk vollendet wird und inwieweit Teil mit Teil zusammenstimmt. Wer dagegen keine Erfahrung hat, muß sich damit bescheiden, wenn ihm wenigstens ein Gesamteindruck über Güte oder Nicht-Güte eines Werkes nicht versagt bleibt, z. B. bei der Malerei. Die Gesetze aber sind sozusagen Werke der Staatskunst. Und auf Grund dieser Werke sollte man sich zum Gesetzgeber entwickeln oder beurteilen können, welches die besten Gesetze sind. Denn offenkundig entwickelt man sich ja auch nicht zum Arzt auf Grund von [scil. medizinischen] Handbüchern. Und doch versuchen die Verfasser nicht nur, die Heilmethoden [scil. im allgemeinen] darzustellen, sondern auch, wie im Einzelfall Gesundung erzielt werden kann und wie der Einzelfall behandelt werden muß, wobei sie die verschiedenen Körperkonstitutionen klassifizieren. Dies aber mag für Männer mit Erfahrung nützlich sein; für den, der keine praktische Einsicht hat, ist es nutzlos. Und so mögen gewiß die Sammlungen von Gesetzen und Polisverfassungen recht wohl für solche brauchbar sein, die befähigt sind, sie zu studieren und kritisch zu sichten, was richtig oder unrichtig daran ist und welche Teile für welche besonderen Umstände passen: wer aber solche Bücher ohne festbegründete [scil. kritische] Haltung liest, dem wird, vom reinen Zufallstreffer natürlich abgesehen, ein richtiges Urteil versagt bleiben, wenngleich nicht ausgeschlossen ist, daß er vielleicht zu einem größeren Verständnis für solche Dinge gelangt.

Da uns nun die früheren Denker die Fragen der Gesetzgebung unerforscht hinterlassen haben, so ist es wohl am zweckmäßigsten, wenn wir selbst sie [scil. späterhin noch] genauer ins Auge fassen und uns mit dem Problem der Polisverfassung in seinem ganzen Umfang beschäftigen, um so nach unseren besten Kräften die Wissenschaft vom menschlichen Leben abzurunden. Zuerst werden wir dabei zu prüfen haben, was etwa frühere Forscher an richtigen Einzelheiten ausgesprochen haben, sodann mit Hilfe der Sammlung der Polisverfassungen studieren, welche Momente die Polisgemeinden und welche deren Verfassungen - jede für sich genommen - erhalten und zerstören und welches die Ursachen sind, warum die einen gut und die anderen schlecht verwaltet werden. Wenn nämlich diese (kritische) Betrachtung durchgeführt ist, werden wir vielleicht besser überschauen können, welche Verfassung am besten ist und welche Ordnung und welche Gesetze und Bräuche jeder einzelnen Verfassungsform den besten Zustand [scil. für die sittliche Entwicklung der Menschen und ihr wohlverstandenes Glück] gewahrleisten. Davon werden wir also noch sprechen müssen und machen damit hier nur den Anfang.


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)