Epikurs Lehren. Aus Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen 10, 139 - 154.

Deutsche Übersetzung nach: Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Unter Mitarbeit von Hans Günter Zekl neu herausgegeben sowie mit Vorwort, Einleitung und neuen Anmerkungen zu Text und Übersetzung versehen von Klaus Reich, (1921) Hamburg 1990 3, S. 287 - 295.


I. Was glückselig und unvergänglich ist, ist nicht nur selbst frei von jeder Störung, sondern bereitet auch keinem anderen irgendwelche Störung; es hat also nichts zu schaffen mit Zorn und Gefälligkeit; denn dergleichen zeugt durchweg von Schwäche.

In anderen Schriften aber erklärt er die Götter für nur mit der Vernunft erkennbar, die einen nach Maßgabe der Zahl in ihrem Dasein bestimmt, die anderen menschenähnlichich, dadurch erzielt, daß unausgesetzt einander ähnliche Bilder nach dem nämlichen Punkte hinströmen. Scholion.)

II. Der Tod hat keine Bedeutung für uns; denn was aufgelöst ist, ist ohne Empfindung; was aber ohne Empfindung ist, das hat keine Bedeutung für uns.

III. Grenze der Größe der Lust ist die Beseitigung alles dessen, was Schmerz erregt. Wo auch immer das Lusterregende auftritt, da findet sich, solange es verweilt, nichts, was Schmerz erregt oder Leid oder beides zu sammen.

IV. Der Schmerz verweilt nicht lange im Fleische, vielmehr hält er auf seinem Höhepunkt nur ganz kurze Zeit im Fleische an; aber auch wenn er bloß im Übergewicht gegen die Lust im Fleische ist, währt seine Dauer nicht viele Tage. Langandauernde Kränklichkeit aber zeigt immer noch ein Übergewicht der Lust im Fleische über den Schmerz.

V. Ein lustvolles Leben ist nicht möglich ohne ein einsichtsvolles, lobwürdiges und gerechtes Leben, und einsichtsvolles, lobwürdiges und gerechtes Leben nicht ohne ein lustvolles.

VI. Um vor den Menschen sicher zu sein, ist es gut, sich der natürlichen Mittel - Herrschaft und Königtum - zu bedienen, die dies möglich machen.

VII. Manche wollten sich berühmt machen und die Augen der Menge auf sich ziehen in dem Glauben, sie würden sich dadurch zur Sicherheit vor den Menschen verhelfen. Ist aber das Leben solcher Leute sicher, dann ist ihnen das natürliche Gut zuteil geworden; ist es aber nicht sicher, dann sind sie nicht im Besitze dessen, wonach sie von Anfang an ihrer eigenartigen Natur gemäß strebten.

VIII. Keine Lust ist an sich ein Übel; aber das, was uns zu gewissen Lüsten verhilft, führt mannigfache Störungen der Lüste mit sich.

IX. Wenn alle Lust sich zusammenhäufte und mit der Zeit auch das gesamte Gefüge der Welt durchdränge oder wenigstens die hauptsächlichsten Teile der Natur, so würden die Lustempfindungen niemals voneinander verschieden sein.

X. Wenn das, was die Schlemmer zu ihren Genüssen hintreibt, imstande wäre, die Beängstigungen des Geistes und das Zagen vor den himmlischen Erscheinungen sowie von Tod und Schmerzen zu bannen und außerdem auch die richtige Lehre einzuprägen über die Begrenzungen des Begehrens, so hätten wir keinen Grund, sie zu tadeln, da diese Genüsse allseitig nur eine Fülle von Lustempfindungen zeigen und nirgends eine Spur von Schmerz oder Seelenleid, in dem doch das Übel besteht.

Xl. Quälte uns nicht die Angst vor den himmlischen Erscheinungen und vor dem Tode als einer vielleicht doch für uns bedeutungsvollen Sache und ferner der Umstand, daß wir die Grenzen des Schmerzes und der Begierden nicht kennen, dann bedürften wir keiner Naturlehre.

XII. Es ist nicht möglich, sich von der Furcht hinsichtlich der wichtigsten Lebensfragen zu befreien, wenn man nicht Bescheid weiß über die Natur des Weltalls, sondern nur in Mutmaßungen mythischen Charakters bewegt. Mithin ist es nicht möglich, ohne Naturerkenntnis zu unverfälschten Lustempfindungen zu gelangen.

XIII. Es nützt nichts, sich die auf bloßer Menschenkenntnis beruhende Sicherheit zu verschaffen, solange die Dinge da droben und unter der Erde und überhaupt im ganzen weiten Weltenraum uns noch Mißtrauen und Angst einflößen.

XIV. Wenn auch die Sicherheit vor den Menschen bis zu einem gewissen Grade erreicht wird durch die Macht, andere zu vertreiben, sowie durch Benutzung der durch den Reichtum gebotenen Mittel, so erwächst doch die echteste Sicherheit daraus, daß man ein stilles und der großen Menge ausweichendes Dasein führt.

XV. Der naturgemäße Reichtum ist begrenzt und leicht zu gewinnen, aber der, auf den nichtige Wahnvorstellungen hinzielen, geht ins Unendliche.

XVI. Den Weisen beeinflußt der Zufall nur in geringem Maße, das Wichtigste und Wesentlichste regelt der Verstand während der ganzen Dauer des Lebens.

XVII. Der Gerechte ist am sichersten vor Störungen der Seelenruhe, der Ungerechte ist ihnen am meisten ausgesetzt.

XVIII. Wenn einmal die der Entbehrung entstammende Schmerzempfindung geschwunden ist, erfährt die Lustempfinduiig im Fleische keine weitere Erhöhung, sondern nur eine größere Mannigfaltigkeit; die höchste geistige Lust aber liegt in der Ergründung dessen, was dem Geiste die höchsten Beängstigungen verursacht sowie dessen, was damit verwandt ist.

XIX. Die unendliche Zeit schließt die gleiche Lust in sich wie die endliche, wenn man die Grenzen der Lust durch Vernunfteinsicht bestimmt.

XX. Für das Fleisch liegen die Grenzen der Lust in der Unendlichkeit, und eine unendliche Zeit wäre erforderlich, um die Grenze zu erreichen. Der Verstand dagegen, der sich klar geworden ist über Ziel und Grenze des Fleisches und die Furcht zerstreut hat, die sich an die Ewigkeit knüpft, verhilft uns zu einem vollkommenen Leben und bedarf nicht noch der unendlichen Zeit, indes flieht er weder die Lust noch endigt er, wenn das Schicksal den Ausgang aus dem Leben über ihn verhängt, in einer Weise, als ob ihm dadurch ein Stück des besten Lebens abginge.

XXI. Wer die Grenzen des Lebens kennt, weiß, daß dasjenige leicht zu beschaffen ist, was die durch Entbehrung verursachte Schmerzempfindung wegräumt und das ganze Leben zu einem vollkommenen macht; er verlangt also nicht nach Dingen, die nur Kampf und Mühsal mit sich führen.

XXII. Das in sich begründete Lebensziel sowie jede durch Anschauung gegebene Wahrnehmung, auf die wir unsere Urteile zurückführen, muß man im Geiste erwägend festhalten; wo nicht, so entzieht sich alles der strengen Beurteilung und wird voller Wirrnis sein.

XXIII. Wenn du allen Sinneswahrnehmungen ihr Recht bestreitest, so bleibt dir nichts, worauf du dich berufen kannst bei Beurteilung derjenigen Wahrnehmungen, die du für falsch erklärst.

XXIV. Wenn du irgendeine sinnliche Wahrnehmung schlechthin verwirfst und keinen Unterschied machst zwischen bloßer Mutmaßung bzw. erst noch zu Bestätigendem und dem, was bereits als Empfindung oder als Seelenerregung oder als Vorstellung des Geistes in irgendeiner deutlichen Form sich vorfindet, so wirst du durch deine haltlose Meinung auch die übrigen sinnlichen Wahrnehmungen in Verwirrung bringen und so jede Urteilsbegründung zunichte machen. Denn wenn du versuchst, nur mit - wie du meinst - mutmaßenden Vorstellungen all das, was der Bestätigung harrt und nicht harrt, zu begründen, so kann der Irrtum nicht ausbleiben: Du wirst in diesem Falle jede Bestreitung und jede Beurteilung des Richtig oder Nichtrichtig unmöglich machen.

XXV. Wenn du nicht jederzeit all dein Tun auf das natürliche Endziel beziehst, sondern vorher abbeugst und dich, sei es meidend oder erstrebend, einem andern Ziele zuwendest, so werden deine Taten nicht deinen Worten entsprechen.

XXVI. Die Bedürfnisse, die, wenn sie nicht befriedigt werden, keinen Schmerz verursachen, gehören nicht zu den notwendigen, lassen sich vielmehr leicht abstellen, wenn der Gegenstand des Begehrens schwer zu beschaffen oder erkennbar schädlich ist.

XXVII. Von allem, was die Weisheit zur Glückseligkeit des ganzen Lebens in Bereitschaft hält, ist weitaus das wichtigste der Besitz der Freundschaft.

XXVIII. Ein und dieselbe Erkenntnis verschafft uns einerseits die ermutigende Überzeugung, daß nichts Schreckliches ewig oder auch nur lange Zeit dauert, und anderseits Klarheit darüber, daß innerhalb unserer begrenzten Verhältnisse die volle Sicherheit vor allem auf Freundschaft beruht.

XXIX. Unter den Bedürfnissen sind die einen natürlich und notwendig, die anderen natürlich und nicht notwendig; noch andere weder natürlich noch notwendig, sondern Erzeugnisse nichtigen Wahnes.

Für natürliche und notwendige Gegenstände des Begehrens hält Epikur diejenigen, die von Schmerz befreien, wie der Trunk beim Durst; für zwar natürliche, aber nicht notwendige solche, die nur eine Mannigfaltigkeit der Lustempfindungen in sich schließen, ohne den Schmerz zu beseitigen, wie kostbare Speisen; für weder natürliche noch notwendige wie z. B. Bekränzungen und Errichtung von Statuen. Scholion.

XXX. Diejenigen natürlichen Bedürfnisse, die, wenn sie nicht befriedigt werden, keinen Schmerz verursachen, sind, wenn das Bemühen um sie besonders stark ist, nichts als Erzeugnisse leeren Wahnes, und es liegt nicht in ihrer eigenen Natur, wenn sie sich nicht in nichts auflösen, sondern an dem leeren Wahne des Menschen.

XXXI. Das das Gerechte [das Recht] ist ein mit Rücksicht auf den Nutzen getroffenes Abkommen zu dem Zweck der Verhütung der gegenseitigen Schädigung.

XXXII. Für alle Lebewesen, die keine Verträge abschließen konnten zur Verhütung gegenseitiger Schädigung, gibt es kein Gerechtes [Recht] oder Ungerechtes [Unrecht]. Und das gleiche gilt für die Völker, die nicht imstande waren, dergleichen Verträge zur Verhütung gegenseitiger Schädigung abzuschließen.

XXXIII. Der Gerechtigkeit kommt an sich kein Sein zu, vielmehr ist sie nur ein im gegenseitigen Verkehr in beliebigen Erdgegenden getroffenes Abkommen zur Verhütung gegenseitiger Schädigung.

XXXIV. Die Ungerechtigkeit ist an sich kein Übel, sondern wird es nur durch die argwöhnische Furcht, es werde nicht gelingen, sich dem Auge des berufenen Strafvollziehers zu entziehen.

XXXV. Wer heimlich einen Anschlag macht gegen das die gegenseitige Nichtschädigung betreffende Abkommen, der soll sich nicht etwa einbilden, daß sein Beginnen unbemerkt bleiben werde, mag er auch für den Augenblick 10000 gegen 1 wetten, daß er verborgen bleiben werde. Denn ob er es auch bis zum Tode bleiben wird, weiß niemand.

XXXVI. In Beziehung auf das Gemeinwesen gilt allen ein und dasselbe für gerecht, da es etwas für die wechselseitige Gemeinschaft Förderliches ist; allerdings können sich bei einer Sache je nach den besonderen örtlichen Verhältnissen und jeweiligen sonstigen Bedingungen unterschiedliche Auffassungen über die Gerechtigkeit ergeben.

XXXVII. Was allgemein bei den Betätigungen wechselseitiger Gemeinschaft als nützlich anerkannt ist, das nimmt auch als 'Recht' den ihm gebührenden Platz ein, mag es nun für alle dasselbe bedeuten oder nicht dasselbe. Gibt aber einer ein Gesetz, das nicht zum Vorteil der wechselseitigen Gemeinschaft aussehlägt, so hat dies nicht mehr die Natur des Gerechten. Und wenn das rechtsgemäße Nützliche einen Wandel erfährt, aber doch eine Zeitlang dem Rechtsbegriffe entspricht, so war es nichtsdestoweniger für jenen Zeitabschnitt rechtsverbindlich für alle, die sich nicht durch leere Redensarten den Kopf verwirren, sondern die Dinge scharf ins Auge fassen.

XXXVIII. Wo, ohne daß die Verhältnisse sich geändert hätten, das für gerecht Erachtete in der Praxis selbst sich nicht als mit dem Begriff in Einklang stehend erweist, da ist es auch nicht Recht. Wo aber bei veränderter Sachlage das nämliche Recht sich nicht als nützlich erweist, da war es Recht, solange es der wechselseitigen Gemeinschaft der Bürger sich nützlich erwies. Was aber aufhörte, diesen Nutzen zu bringen, das hört auch auf, Recht zu sein.

XXXIX. Wer sich am besten vor Befeindungen von außen zu sichern weiß, der macht das unter seiner Gewalt Stehende sich gleichsam stammverwandt, und was nicht unter seiner Gewalt steht, sich wenigstens nicht zum Feinde; mit Dingen aber, die ihm auch nicht einmal die Möglichkeit geben, belastet er sich überhaupt nicht. Er sucht vielmehr nur alles das für sich zu gewinnen, wovon er Nutzen verspricht.

XL. Wer die Möglichkeit hat, sich Sicherheit an erster Stelle durch die Beziehungen zu seinen Nachbarn zu schaffen, der lebt in Gemeinschaft mit ihnen in heiterster Stimung und unter der sichersten Bürgschaft, und er jammert nicht erbarmungswürdig über das allzu frühzeitige Ende eines Dahingeschiedenen, wenn dieser er in voIlen Zügen den Segen der Gemeinschaft genossen hat.


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)