Zivilisationskritik und Bedürfnislosigkeit als Hauptmaximen kynischer Ethik. Antisthenes und Diogenes bei Diogenes Laertios 6, aus 1 - 38).

Deutsche Übersetzung nach: Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Unter Mitarbeit von Hans Günter Zekl neu herausgegeben sowie mit Vorwort, Einleitung und neuen Anmerkungen zu Text und Übersetzung versehen von Klaus Reich, (1921) Hamburg 1990 3, S. 295 - 312; mit starken Kürzungen; d. Hg.).


ANTISTHENES.

1. Antisthenes, des Antisthenes Sohn, war geborener Athener. Er stammte aber, wie es hieß, nicht aus vollgültiger Ehe. Als ihn einer darüber höhnte, soll er erwidert haben. "Auch die Göttermutter ist eine Phrygerin." Man glaubte nämlich, seine Mutter sei eine Thrakerin gewesen. So gab er denn auch durch seine rühmliche Haltung in der Schlacht bei Tanagra dem Sokrates Anlaß zu der Äußerung, schwerlich wäre aus einer Ehe eines Atheners mit einer Athenerin ein so trefflicher Mann hervorgegangen.

Und er selbst sagte höhnend von den Athenern, wenn sie sich nicht wenig darauf zugute täten, erdgeborene Ureinwohner zu sein, hätten sie, was ihre Abstammung anlange, nichts voraus vor Schnecken und Heuschrecken.

Er war zuerst ein Schüler des Rhetors Gorgias. Daher das rednerische Gepräge seiner Dialoge, besonders in dem Dialoge 'Wahrheit' sowie in den 'Protreptika' [d. h. den 'sittlichen Mahnungen']. ...

Späterhin schloß er sich an Solarates an, wovon er so großen Gewinn hatte, daß er seine eigenen Schüler aufforderte, seine Mitschüler bei Sokrates zu werden. Im Peiraieus wohnhaft, legte er Tag für Tag den Weg von vierzig Stadien zurück, um den Sokrates zu hören. Seinem Vorbild verdankte er jene Beharrungskraft und jene Reinigung der Seele von aller Leidenschaft, womit er den Grund zur kynischen Schule legte.

Und daß Mühsal ein Gut sei, legte er dar an den Beispielen des großen Herakles und des Kyros, indem er so Hellenen und Barbaren zum Zeugnis heranzog. ...

Er gab als erster eine Definition der 'Rede' durch die einfache Formel: "Rede ist der Ausdruck dessen, was ein Ding war oder ist."

Immer wieder sagte er: "Lieber verrückt werden als der Lust erliegen." Und: "Man darf sich nur mit solchen Weibern näher einlassen, die einem Dank dafür wissen."

Zu einem Pontischen Jüngling, der sein Schüler werden wollte und sich erkundigte, was er dazu brauche, sagte er: "Ein neues Büchlein, ein neues Griffelchen und ein neues Täfelchen," wobei er mit dem "neu" [griech. "kai nou"] immer zugleich auch auf den Verstand [griech. "nous] hinwies....

Als er einst hörte, daß Platon sich absprechend über ihn äußerte, sagte er: "So geht es den Königen: sie tun Gutes und lassen Böses über sich sagen."

Als er in die Orphischen Mysterien eingeweiht wurde und der Priester sagte, die dieser Teilhaftigen hätten im Hades viele Freuden zu erwarten, erwiderte er: "Warum also stirbst du nicht ?"

Als man ihn einmal höhnte, daß er nicht von zwei Freien abstamme, sagte er: "Und auch nicht von zwei Ringkämpfern; trotzdem bin ich ein Ringkämpfer."

Auf die Frage, wie es käme, daß er nur wenige Schüler hätte, antwortete er: "Weil ich sie mit silbernem Stabe hinaustreibe." Auf die Frage, warum er mit seinen Schülern so hart verfahre, sagte er: "Halten es doch auch die Ärzte so mit ihren Patienten." ...

" Es ist doch widersinnig, sagte er, den Weizen vom Unkraut zu säubern und im Kriege die unbrauchbaren Leute auszusondern, dagegen von der Staatsverwaltung die Schurken nicht auszuschließen." ...

Den Athenern gab er den Rat, durch eine Abstimmung die Esel für Pferde zu erklären, und als sie dies als unsinnig abwiesen, sagte er: "Bei euch kann man ja auch Feldherr werden, ohne etwas gelernt zu haben, d. h. durch bloßes Handaufheben."

Als einer zu ihm sagte: "Du hast zahlreiche Lobredner," erwiderte er: "Was habe ich denn Böses getan ?"

Als er aber einmal ein Loch in seinem Mantel all zu sichtlich hervorkehrte, sagte Sokrates, der das bemerkte, zu ihm: "Deine Eitelkeit blinkt mir aus deinem Mantel entgegen."

Als, nach dem Bericht des Phanias in seinem Buche über die Sokratiker, einer die Frage an ihn richtete, was er tun müßte, um ein tüchtiger Mann zu werden, antwortete er: "Wenn du von den Wissenden lernst, daß das Schlechte, was dir anhaftet, zu meiden ist." ...

Sein philosophischer Standpunkt gibt sich in folgenden Sätzen kund:

Die Tugend, so führte er aus, sei lehrbar. Adel und Tugend seien nicht nach Personen getrennt. Die Tugend sei ausreichend zur Glückseligkeit und brauche außerdem nichts als die Sokratische Willenskraft. Die Tugend bestehe im Handeln und bedürfe weder vieler Worte noch Lehren. Der Weise sei sich selbst genug, denn alles, was andere hätten, habe er auch.

Die Ruhmlosigkeit sei ein Gut und stehe auf gleicher Stufe mit der Mühsal.

Der Weise werde sich in Sachen der Staatsverwaltung nicht nach den bestehenden Gesetzen richten, sondern nach dem Gesetze der Tugend. ...

Auf die Feinde müsse man wohl achthaben; denn niemand bemerke unsere Fehler eher als sie. Die Gerechten müsse man höher schätzen als die Verwandten. Für Mann und für Frau sei die Tugend dieselbe ....

Seinen Unterricht erteilte er in dem Kynosarges, einem Gymnasium nicht weit vor dem Tor, wovon nach einigen die Schule auch ihren Namen bekommen haben soll. Er selbst aber wurde "Haplokyon" [d. h. "schlechtweg Hund"] genannt. Er verdoppelte, wie Diokles berichtet, als erster seinen alten Mantel, und beschränkte sich ganz auf ihn; dazu führte er Stock und Quersack mit sich. ...

Er war auch der Wegweiser zu des Diogenes leidenschaftsloser Seelenruhe, zu des Krates Selbstbeherrschung wie zu des Zenon Beharrlichkeit und hat selbst den Grund zu der Staatstheorie gelegt.

Xenophon bemerkt, er sei ein sehr angenehmer Unterhalter gewesen, im übrigen aber außerordentlich enthaltsam.

Seine umlaufenden Schriften umfassen zehn Bände. ...

Ich habe folgende Verse auf ihn gemacht:

Eine Hundenatur, Antisthenes, warst du im Leben. Mit deinem

bissigen Wort trafst du die Menschen ins Herz.

Schwindsucht raffte dich hin, wird mancher sagen: wozu das?

Eines Führers bedarf jeder zum Hades hinab. ...

DIOGENES.

Diogenes, des Wechslers Hikesias Sohn, stammte aus Sinope. Diokles erzählt, sein Vater habe ein öffentliches Wechslergeschäft gehabt und sei wegen Falschmünzerei flüchtig geworden. Eubulides aber berichtet in seinem Buch über Diogenes, dieser sei selbst der Täter gewesen und sei mit seinem Vater in die Fremde gegangen. ...

Nach Athen gelangt, wandte er sich dem Antisthenes zu. Als dieser aber ihn von sich wies, da er niemanden um sich leiden mochte, erzwang er sich doch endlich den Zutritt durch seine geduldige Beharrlichkeit. Und als Antisthenes einmal seinen Stock gegen ihn erhob, reckte er ihm seinen Kopf hin mit den Worten: "Schlage nur zu, denn du wirst kein Holz finden, das hart genug wäre, mich fortzutreiben, solange ich dich noch reden höre." Von da ab ward er sein Zuhörer.

Als armer Flüchtling mußte er so sparsam wie möglich leben. Wie Theophrast in seinem Megarikos berichtet, ward er aufmerksam auf eine hin-und herlaufende Maus, die weder eine Ruhestätte suchte noch die Dunkelheit mied noch irgend welches Verlangen zeigte nach sogenannten Leckerbissen. Das gab ihm einen Wink zur Abhilfe für seine dürftige Lage. Nach dem Bericht einiger war er es, der zuerst seinen Mantel durch Übereinanderschlagen gleichsam verdoppelte, um jedem Bedarf zu genügen und auch das Bett zu ersetzen. Auch rüstete er sich mit einem Ranzen aus, der seine Nahrung barg, und so war ihm jeder Ort recht zum Frühstück, zum Schlafen, zur Unterhaltung, kurz für alles.

So pflegte er denn, mit seinem Finger auf die Säulenhalle des Zeus und auf das Zeughaus [scil. das Pompeion] hinweisend, zu sagen, diese Bauten hätten die Athener ihm zur Wohnstätte errichtet. Nach einem Krankheitsanfall bediente er sich eines Stabes zur Stütze, den er dann aber gewohnheitsmäßig immer mit sich führte, nur in der Stadt nicht, wohl aber auf seinen Wanderungen, ebenso wie auch den Ranzen, wie Olympiodoros berichtet, der leitende Beamte Athens, und der Rhetor Polyeuktos und Lysanias, des Aischrion Sohn. Als er einen brieflich gebeten hatte, ihm ein Häuschen zu besorgen und dieser zu lange auf sich warten ließ, nahm er das Faß im Metroon [scil. Tempel der Göttermutter Kybele und Staatsarchiv] zu seiner Wohnung, wie er selbst in seinen Briefen bezeugt. Im Sommer pflegte er sich auf dem glühend heißen Sande umherzuwälzen, im Winter die schneebedeckten Bildsäulen mit seinen Armen zu umfangen, nichts verabsäumend, um sich widerstandsfähig zu machen.

Besonders stark war er darin, anderen seine Verachtung kundzugeben. Des Schulhauptes Eukleides 'Halle' nannte er 'Galle' und des Platon 'Belehrung' 'Verkehrung'.

Die Dionysischen Wettkämpfe nannte er große Wunderwerke für Narren. Die demokratischen Politiker ['Demagogen'] bezeichnete er als Bediente des Pöbels.

Auch hörte man ihn sagen, wenn er im Leben Steuermännern begegne und Ärzten und Philosophen, dann käme ihm der Mensch wie das verständigste unter den Geschöpfen vor; wenn dann aber wieder Traumdeutern und Sehern nebst ihrem gläubigen Anhang oder Leuten, die sich auf ihre Berühmtheit oder ihren Reichtum wer weiß was einbildeten, dann erscheine ihm nichts erbärmlicher als der Mensch.

Nicht selten sagte er, er glaube, man müsse sich zum Leben entweder mit Verstand ausrüsten oder mit einer Schlinge [scil.um sich zu erhängen]. ...

Als Platon ihn einst zu Gaste geladen hatte nebst Freunden, die von Dionysios her eingetroffen waren, trampelte er auf dessen Fußteppichen herum mit den Worten: "Ich trete des Platon anmaßliche Hohlheit mit Füßen," worauf Platon sagte: "Welchen Grad von Aufgeblasenheit, O Diogenes, gibst du damit kund, der du dir einbildest, nicht aufgeblasen zu sein." ...

Als sich einer bei ihm in der Philosophie unterweisen lassen wollte, gab er ihm einen Hering mit der Weisung, ihm zu folgen; der aber warf aus Scham den Fisch weg und machte sich davon. Einige Zeit darauf begegnete ihm Diogenes und sagte lachend: "Die Freundschaft zwischen dir und mir hat ein Hering zerstört." ...

Als er einmal ein Kind sah, das aus den Händen trank, riß er seinen Becher aus seinem Ranzen heraus und warf ihn weg mit den Worten: "Ein Kind ist mein Meister geworden in der Genügsamkeit." Auch seine Schüssel warf er weg, als er eine ähnliche Beobachtung an einem Knaben machte, der sein Geschirr zerbrochen hatte und nun seinen Linsenbrei in der Höhlung eines Brotstückes barg.

Er machte folgenden Schluß: Den Göttern gehört alles; nun sind aber die Weisen Freunde der Götter, unter Freunden aber ist alles gemeinsam; alles also gehört den Weisen.

Als er einst sah, wie ein Weib sich in höchst anstößiger Weise vor den Göttern niederwarf, wollte er ihr ihren Aberglauben austreiben, trat, wie Zoilos aus Perga berichtet, an sie heran und sagte: "Schämst du dich nicht, o Weib, dich vor dem etwa hinter dir stehenden Gotte - denn alles ist seiner voll - bloßzustellen?"

Dem Asklepios stellte er als Weihgeschenk einen anstürmenden Fechter auf, der die vor dem Gott aufs Gesicht Niederfallenden umzubringen drohte.

Die Flüche der Tragiker, pflegte er zu sagen, seien für ihn eingetroffen. er sei

Der Vaterstadt, dem Haus, der lieben Heimat fern.

Ein Bettler, Flüchtling, kämpfend um sein täglich Brot.

Dem Schicksal, sagte er, stelle ich den Mut, dem Gesetz die Natur, der Leidenschaft die Vernunft entgegen.

Als er im Kraneion sich sonnte, trat Alexander an ihn heran und sagte: "Fordere, was du wünschest," worauf er antwortete: "Geh mir aus der Sonne."


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)