Wahrheit und sittliche Werte, philosophisch untersucht angesichts des Todes. Aus Platons 'Phaidon'.

Deutsche Übersetzung nach: Platon, Hauptwerke, ausgewählt und eingeleitet von Wilhelm Nestle, Stuttgart 1973, S. 69 - 111, hier in starker Kürzung und mit einigen verdeutlichenden Textmodfikationen wiederegegeben (S. 72 - 88 und 100 - 107; d. Hg.).


[Zunächst wird die philosophische Gesprächssituation geschildert, aus der heraus sich ein ausführlicher Bericht des Sokratesschülers Phaidon über die ethischen und erkenntnistheoretischen Grundüberzeugungen und das Verhalten des Sokrates an seinem letzten Lebenstag ergibt].

... Als wir nun eintraten, fanden wir den Sokrates eben von den Fesseln befreit, und Xanthippe - du kennst sie doch - sein Söhnchen auf dem Arm haltend, saß neben ihm. Als uns Xanthippe nun sah, jammerte sie und redete allerlei dergleichen, wie die Frauen pflegen, wie: "O Sokrates, nun reden diese deine Freunde zum letztenmal mit dir und du mit ihnen." Da wendete sich Sokrates zu Kriton und sprach: "Kriton, kann jemand von euch sie nachhause begleiten?" Da führten einige von Kritons Leuten sie, die weiter schrie und wehklagte, hinaus.

Sokrates aber, auf dem Bette sitzend, zog das Bein an sich und rieb sich den Schenkel mit der Hand, indem er zugleich sagte: "Was für ein eigenes Ding, ihr Männer, ist es doch um das, was die Menschen angenehm nennen, wie wunderlich es sich verhält zu dem, was ihm entgegengesetzt zu sein scheint, dem Unangenehmen, daß nämlich beide zu gleicher Zeit zwar nie in dem Menschen sein wollen, doch aber, wenn einer dem einen nachgeht und es erlangt, er fast stets genötigt ist, auch das andere mitzunehmen, als ob sie beide an einem Ende zusammengeknüpft wären; und ich denke, wenn Aesop dies bemerkt hätte, würde er eine Fabel daraus gemacht haben, daß Gott beide, da sie im Streite liegen, habe aussöhnen wollen, und weil er dies nicht gekonnt, sie an den Enden zusammengeknüpft habe, und deshalb nun, wenn jemand das eine hat, ihm das andere nachkomme. So scheint es nun auch mir gegangen zu sein; weil ich von der Fessel in dem Schenkel vorher Schmerz hatte, so kommt mir nun die angenehme Empfindung hintennach."

Darauf nahm Kebes das Wort und sagte: "Beim Zeus, Sokrates, das ist gut, daß du mich daran erinnerst. Denn nach deinen Gedichten, die du gemacht hast, indem du die Fabeln des Aesop in Verse gebracht, und nach dem Hymnus an den Apollon haben mich auch andere schon gefragt, und noch neulich Euenos,wie es doch zugehe, daß, seitdem du dich hier befindest, du Verse machest, da du es zuvor nie getan hast. Ist dir nun etwas daran gelegen, daß ich dem Euenos zu antworten weiß, wenn er mich wieder fragt, und ich weiß gewiß, das wird er: so sprich, was ich ihm sagen soll."

"Sage ihm denn", sprach er, "O Kebes, die Wahrheit, daß ich es nicht tue, um etwa gegen ihn und seine Gedichte aufzutreten - denn das, ich weiß es wohl, wäre nicht leicht -, sondern um herauszufinden, was wohl ein gewisser Traum meine, und mich vor Schaden zu hüten, wenn es etwa eine musische Tätigkeit sein sollte, die dieser Traum mir anbefehle. Es war nämlich so: oft in dem nun vergangenen Lebens habe ich einen bestimmten Traum gehabt, der mir, bald in dieser, bald in jener Gestalt erscheinend, immer dasselbe sagte: 'Sokrates', sprach er, 'schaff und treibe musische Kunst!' Und ich dachte zuerst, der Traum wolle mich zu dem ermuntern und antreiben, was ich schon tat, und wie man die Laufenden anzutreiben pflegt, so ermuntere mich auch der Traum zu dem, was ich schon tat, nämlich Musenkunst zu treiben, weil ja die Philosophie die vortrefflichste Musenkunst ist und ich diese doch trieb. Jetzt aber, seit das Urteil gefällt ist und das Fest des Gottes meinen Tod noch verschoben hat, dachte ich aber, ich müsse, falls etwa der Traum mir vielmehr befähle, mich mit der volkstümlichen Musenkunst zu beschäftigen, auch dann nicht ungehorsam sein, sondern es tun. Denn es sei doch sicherer, nicht aus dem Leben zu scheiden, bis ich mein Gewissen beruhigt und Gedichte gemacht habe, um dem Traum zu gehorchen. So habe ich denn ein Gedicht auf den Gott gemacht, dem das gegenwärtige Opferfest galt, und außer dem, was ich dem Ge widmete, habe ich in dem Gedanken, ein Dichter müsse, wenn er ein solcher sein wolle, Fabeln dichten und dürfe sich nicht in nüchterner Prosa ergehen, und weil ich selbst mich nicht auf Fabeln verstehe, die nachsten besten Fabeln des Asop, die mir geläufig waren und die ich kannte, in Verse gebracht. Dies also, Kebes, sage dem Euenos; ich lasse ihm Lebewohl sagen, und wenn er verständig sei, soll er mir so bald als möglich nachkommen. Ich aber werde, wie es scheint, noch heute weggehen. Denn so wollen es die Athener."

Da sagte Simmias: "Was läßt du doch da dem Euenos ausrichten, Sokrates! Ich habe schon viel mit dem Manne verkehrt; aber nach dem Eindruck, den er auf mich macht, wird er auch nicht die mindeste Lust haben, dir zu folgen."

"Wieso", fragte er, "ist Euenos nicht ein Philosoph?"

"Auf seine Weise schon", sprach Simmias.

"Nun, so wird er auch das wollen, er und jeder, der diesen Beruf auf würdige Weise ausübt. Nur Gewalt wird er sich nicht selbst antun; denn man sagt, dies sei nicht recht. Und als er dies sagte, ließ er seine Beine von dem Bett wieder herunter auf die Erde, und so blieb er sitzen während der übrigen Unterhaltung.

Kebes fragte ihn nun: "Wie meinst du das, Sokrates, daß es nicht recht sei, sich selbst ein Leid anzutun, daß aber doch der Philosoph dem Sterbenden zu folgen wünsche?"

"Wie, Kebes? Habt ihr über diese Dinge nichts gehört, du und Simmias, als ihr mit dem Philolaos zusammen waret?"

"Nichts Genaues wenigstens, Sokrates."

"Auch ich kann freilich nur vom Hörensagen davon reden; was ich aber gehört habe, will ich euch nicht vorenthalten. Auch ziemt es sich ja wohl am besten, daß der, welcher im Begriff ist, dorthin zu wandern, nachsinne und sich die Wanderung dorthin ausmale, wie man sie sich wohl zu denken habe. Was könnte man auch noch weiter tun in der Zeit bis zum Untergang der Sonne!"

"Weshalb also sagt man, es sei nicht recht, sich selbst zu töten, Sokrates? Denn ich habe dies auch schon, wonach du eben fragtest, von Philolaos gehört, als er sich bei uns aufhielt, und auch schon von andern, daß man dies nicht tun dürfe. Genaues aber habe ich nie von jemand darüber gehört."

"So mußt du dich noch weiter bemühen", sagte er, "du kannst es ja wohl noch hören.

Vielleicht kommt es dir angesichts dessen aber seltsam vor, daß folgendes allein unter allen Dingen schlechthin so sein soll - und keineswegs nur manchmal und ausnahmsweise für den Menschen Gültigkeit habe - , nämlich: daß es besser sei, tot zu sein als zu leben. Da wirst du es gewiß merkwürdig finden, daß es für die Menschen, für die es besser wäre, tot zu sein als zu leben, doch nicht zulässig sein soll, sich selbst diese Wohltat zu erweisen, sondern daß sie auf einen andern warten sollen, der dies tut."

Da sagte Kebes etwas lächelnd und in seiner Mundart: "Das mag Gott wissen."

"Das mag nun freilich unvernünftig erscheinen", sagte Sokrates, "aber vielleicht ist doch einige Vernunft darin. Denn was darüber in den Geheimlehren gesagt wird, nämlich daß wir Menschen zwar wie in einer Haft sind, aber daß man sich aus dieser dennoch nicht einfach selbst befreien oder entweichen dürfe, das scheint mir doch eine gehaltvolle Lehre zu sein, wenn auch nicht so leicht zu durchschauen. Und auch dies, Kebes, scheint mir ganz gut gesagt zu sein, daß die Götter unsere Aufseher und wir Menschen ihr Eigentum sind. Oder dünkt es dich nicht so?"

"Doch, gewiß", sagte Kebes.

"Würdest nicht auch du, wenn ein Sklave, der dir gehört, sich selbst töten würde, ohne daß du ihm angedeutet hättest, daß du seinen Tod wünschest, ihm zürnen und, wenn du noch eine Strafe wüßtest, ihn bestrafen?"

"Sicherlich", sagte er.

"Demnach wäre es vielleicht doch nicht so unvernünftig gedacht, daß man nicht eher sich selbst töten dürfe, bis Gott irgendeine Notwendigkeit dazu schickt, wie die jetzt uns gewordene?"

"Das erscheint insoweit gewiß ganz plausibel", sagte Kebes. "Was du jedoch vorher sagtest, daß jeder wirkliche Philosoph gern werde sterben wollen, dies, Sokrates, kommt in dem Falle ungereimt heraus, daß es, wie wir eben sagten, richtig ist anzunehmen, die Gottheit beaufsichtige uns und wir seien ihr Eigentum. Denn dann hat es hat doch gar keinen Sinn, daß gerade die besonnensten Menschen Lust bekommen sollten, aus einem Dienste wegzulaufen, in welchem sie doch unter der Aufsicht der allerbesten Aufseher, die es geben kann, nämlich der der Götter, stehen. Denn gerade ein solcher Mensch wird ja nicht annehmen, daß er, frei geworden, besser werde für sich sorgen können; sondern nur jemand, der gedankenlos ist, könnte plötzlich diesen Einfall haben, er müsse seinem Herrn entlaufen, und würde nicht bedenken, daß man doch dem Guten nicht entlaufen, sondern so viel als möglich dabei bleiben soll, und daß also sein Weglaufen ganz unvernünftig wäre. Wer aber Verstand hat, würde wünschen, immer bei dem zu sein, der besser ist als er. Und so käme ja wohl, Sokrates, das Gegenteil von dem heraus, was eben gesagt ward: den Vernünftigen nämlich ziemte es, ungern zu sterben, und nur den Unvernünftigen gern."

Als dies Sokrates gehört hatte, schien er mir seine Freude zu haben an des Kebes Eifer in der Sache, und indem er uns ansah, sagte er: "Immer findet doch Kebes irgendwelche Gegengründe heraus und will sich gar nicht leicht überzeugen lassen von dem, was man behauptet."

Darauf sagte Simmias: "Wahrhaftig, Sokrates, auch mir scheint jetzt etwas an dem zu sein, was Kebes vorbringt. Denn weshalb doch sollten wohl wahrhaft weise Männer besseren Herren, als sie selbst sind, entlaufen und sich von ihnen losmachen?

Und zwar scheint mir Kebes mit seiner Rede auf dich zu zielen, daß du es so leicht erträgst, uns zu verlassen, und auch jene guten Herrscher, wie du selbst gestehst, die Götter."

"Ihr habt recht", sprach er. "Ich denke nämlich, ihr meint, ich solle mich hierüber verteidigen wie vor Gericht."

"Allerdings", sagte Simmias.

"Wohlan denn", sprach er, "laßt mich versuchen, ob ich mich mit besserem Erfolg vor euch verteidigen kann als vor den Richtern. Nämlich", sprach er, "Simmias und Kebes, wenn ich nicht glaubte, zuerst zu andern Göttern zu kommen, die auch weise und gut sind, und dann auch zu verstorbenen Menschen, welche besser sind als die hiesigen, so täte ich vielleicht unrecht, mich nicht über meinen Tod zu grämen. Nun aber wisset nur, daß ich zu wackeren Männern zu kommen hoffe; und wenn ich auch das nicht so ganz sicher behaupten kann, so nehme ich doch an, daß ich zu Göttern komme, die ganz treffliche Herren sind, und dies wenigstens , glaubt mir, wenn irgend etwas von solchen Dingen, möchte ich bestimmt behaupten. Deshalb gräme ich mich nicht so, sondern ich hin der Hoffnung, daß auf die Toten noch etwas wartet und, wie man ja schon immer gesagt hat, etwas weit Besseres auf die Guten als auf die Schlechten."

"Wie nun", sagte Simmias, "gedenkst du diese Meinung für dich zu behalten und so von uns zu gehn, oder möchtest du uns auch etwas davon mitteilen? Mich wenigstens dünkt, dies müsse ein gemeinsames Gut sein auch für uns; und zugleich wird ja eben das deine Verteidigung sein, wenn du uns von dem, was du sagst, überzeugst."

"So will ich es denn versuchen", sprach er. "Zuvor aber laßt uns doch von unserm Kriton hören, was es doch ist, was er mir schon lange sagen will?"

"Was sonst, Sokrates", sprach Kriton, "als daß der, welcher dir den Trank bereiten soll, mir schon lange zuredet, man müsse dir andeuten, doch ja so wenig als möglich zu sprechen. Denn er sagt, durch das Reden erhitze man sich, und das vertrage sich nicht mit dem Trank; sondern man müsse bisweilen zwei-, auch dreimal trinken, wenn man dergleichen tue."

Darauf sagte Sokrates: "Ach, laß ihn! Mag er nur sein Geschäft besorgen, um mir auch zwei- und, wenn nötig, dreimal zu geben."

"Das wußte ich wohl eigentlich schon", sagte Kriton; "aber er ließ mir schon lange keine Ruhe."

"Laß ihn", sprach er. "Euch Richtern aber will ich nun Rede darüber stehen, daß ich mit Grund der Meinung bin, ein Mann, welcher wahrhaft philosophisch sein Leben vollbracht, müßte getrost sein, wenn er im Begriff ist, zu sterben, und der frohen Hoffnung, daß er dort Gutes in vollem Maß erlangen werde, wann er gestorben ist. Inwiefern sich das nun so verhalten dürfte, Simmias und Kebes, das will ich versuchen, euch deutlich zu machen. Es scheint nämlich den andern Menschen zu entgehen, daß, wer die Philosophie richtig anfaßt, auf nichts anderes ausgeht, als zu sterben und tot zu sein.

Ist dies wahr, so wäre es doch wohl ungereimt, das ganze Leben hindurch einzig danach zu streben, dann aber, wenn das kommt, wonach man längst strebte und worauf man ausging, sich darüber zu grämen."

Da lachte Simmias und sagte: "Beim Zeus, Sokrates, wiewohl ich jetzt eigentlich nicht die geringste Lust zum Lachen habe, hast du mich doch zum Lachen gebracht. Ich denke nämlich, wenn die gewöhnlichen Leute dies hörten, würden sie glauben, dies sei ganz vortrefflich gegen die [scil. von ihnen gehaßten] Philosophen gesagt, und ganz besonders meine Landsleute würden dir vollkommen darin beistimmen, daß die Philosophen in der Tat sterben möchten, und daß es ihnen ihrerseits ganz klar sei, daß ihnen das auch recht geschähe."

"Da hätten sie ,Simmias, auch ganz recht, allerdings ohne klar zu sehen warum. Denn weder wissen sie, in welchem Sinne die wahrhaften Philosophen sich den Tod wünschen, noch in welchem Sinne sie ihn verdienen.

Wollen wir uns nun", sprach er, "nicht weiter mit solchen Leuten beschäftigen. Wollen wir vielmehr untereinander darüber reden, ob wir zurecht annehmen, daß der Tod [scil. aus philosophischer Perspektive] eine wesentliche Bedeutung habe."

"Allerdings", fiel Simmias ein.

"Und zwar die Trennung der Seele von dem Leibe? Das heißt: tot sein bedeutet, daß der Leib abgesondert von der Seele für sich allein ist und daß auch die Seele abgesondert von dem Leibe für sich allein ist? Oder sollte der Tod etwas anderes sein als das?"

"Nein, sondern genau das."

"So bedenke denn, Guter, ob auch dich dasselbe bedünkt wie mich; denn hieraus, glaube ich, werden wir das besser erkennen, wonach wir fragen. Scheint dir, daß es sich für einen philosophischen Mann gehöre, sich Mühe zu geben um die sogenannten Lüste, wie um die am Essen und Trinken?"

"Nichts weniger, Sokrates", sprach Simmias. -

"Oder um Liebeslust?"

"Keineswegs."

"Und die übrige Körperpflege - glaubst du, daß ein Philosoph sie groß achte? Wie schöne Kleider und Schuhe und andere Arten von Schmuck am Leibe zu haben, glaubst du, daß er es achte oder verachte, soweit es über das ganz Unerläßliche hinausgeht?"

"Verachten, dünkt mich wenigstens, wird es der wahrhafte Philosoph."

"Dünkt dich also nicht überhaupt eines solchen Mannes ganze Beschäftigung sich nicht auf den Leib zu richten, sondern soviel nur möglich sich von ihm abzukehren und der Seele zuzuwenden?"

"Das scheint mir richtig."

"Also ist das das erste Merkmal des Philosophen, daß er die Seele so viel wie möglich aus der Gemeinschaft mit dem Körper löst im Unterschied von den andern Menschen?"

"Offenbar."

"Und die meisten Menschen meinen doch, Simmias, wem das nicht Lust bereite, und wer daran keinen Teil habe, für den lohne es sich nicht zu leben, sondern wer sich nicht um sinnliche Lüste kümmere, der sei fast so gut wie tot."

"Damit hast du vollkommen recht."

"Wie steht es nun aber mit dem Erwerb der Erkenntnis selbst? Bildet der Leib dabei ein Hindernis oder nicht, wenn man ihn an der Untersuchung sich beteiligen läßt? Ich meine beispielsweise folgendes: gewähren wohl Gesicht und Gehör den Menschen einige Wahrheit? Oder leiern uns selbst die Dichter nicht immer wieder vor, daß wir nichts genau hören noch sehen? Und doch, wenn unter den sinnlichen Wahrnehmungen selbst diese nicht genau und deutlich sind, dann die andern vollends nicht; denn die leisten doch wohl alle noch weniger; oder kommt es dir nicht auch so vor?"

"Freilich", sagte er.

"Wann also erfaßt die Seele die Wahrheit? Denn wenn sie mit dem Leibe versucht, etwas zu betrachten, dann offenbar wird sie von diesem betrogen."

"Richtig."

"Wird also nicht in dem Denken, wenn irgendwo, ihr etwas von dem Seienden offenbar?"

"Ja."

"Und sie denkt offenbar am besten, wenn nichts von diesem sie trübt, weder Gehör noch Gesicht, noch Schmerz und Lust, sondern wenn sie möglichst ganz für sich ist, den Leib gehn läßt und soviel irgend möglich ohne Gemeinschaft und Verkehr mit ihm dem Seienden nachgeht."

"So ist es."

"Also auch dabei verachtet die Seele des Philosophen im äußersten Maße den Leib, flieht von ihm und sucht für sich allein zu sein?"

"So scheint es."

"Wie steht es nun aber mit folgendem, Simmias? Sagen wir, daß das Gerechte an sich etwas [scil. Wesenhaftes] sei oder nichts?"

"Wir behaupten es allerdings, beim Zeus."

"Und nicht auch das Schöne und Gute?"

"Wie sollte es nicht?"

"Hast du nun schon jemals hiervon das mindeste mit Augen gesehen?"-

"Keineswegs", sprach er. "Oder mit sonst einer Wahrnehmung, die vermittels des Leibes erfolgt, es getroffen? Ich meine aber solche Dinge wie Größe, Gesundheit, Stärke, mit einem Worte von allem insgesamt das Wesen, also das, was jede Sache wirklich ist; wird davon etwa vermittels des Leibes das eigentlich Wahre geschaut, oder verhält es sich nicht vielmehr so, daß wer von uns es am meisten und genauesten darauf anlegt, alles, was er untersucht, selbst unmittelbar zu denken, der auch am nächsten daran herabkommt , alles angemssen zu erkennen?"

"Allerdings."

"Und am besten kann doch derjenige so etwa bewerkstelligen, der vor allem auf gedanklichem Wege daran herangeht, d. h. ohne seinen Gesichtssinn oder irgendeinen andern Sinn bei seinem Nachdenken hinzuzuziehen, sondern alles rein für sich zu fassen trachtet; mit anderen Worten, derjenige, der sich des reinen Gedankens bedient, der soviel wie möglich geschieden ist von Augen und Ohren oder, um zugespitzt zu sagen, von dem ganzen Leibe, der, wenn er mit dabei ist, die Seele nur verwirrt und sie nicht Wahrheit und Erkenntnis gewinnen läßt. Ist es nicht ein solcher, Simmias, der, wenn überhaupt irgendjemand, das Wahre treffen wird?"

"Unbestreitbar hast du recht, Sokrates", sprach Simmias.

"Muß sich nun aufgrund all dessen bei den echten Philosophen nicht etwa folgende Auffassung bilden, die sie untereinander ungefähr so ausdrücken: Es scheint sozusagen einen Pfad zu geben, der uns hinausführt, während, solange wir bei unserer Forschung neben der Vernunft noch den Leib zu beachten haben und unsere Seele mit diesem Übel befleckt und verbunden ist, wir niemals hinreichend das gewinnen werden, wonach wir trachten; das ist aber, wie wir meinen, die Wahrheit. Denn der Leib macht uns tausenderlei zu schaffen wegen der Notwendigkeit seiner Ernährung. Auch wenn uns Krankheiten zustoßen, hindern uns diese daran, das Wahre zu erjagen, und auch mit Gelüsten und Begierden, Angsten und mancherlei Trugbildern und allerlei Possen erfüllt uns der Leib. Wahrhaftig, wie man zu sagen pflegt: wegen des Leibes ist es uns verwehrt, auch nur irgend etwas richtig zu erkennen.

Kriege und Unruhen und Schlachten gehen auf nichts anderes zurück als auf den Leib und seine Begierden. Um den Besitz von Geld und Gut handelt es sich bei allen Kriegen, und das Gold müssen wir haben des Leibes wegen, weil wir seiner Pflege dienstbar sind. Deshalb, wegen aller dieser Bedürfnisse, haben wir keine Zeit, uns mit der Philosophie zu befassen. Und schließlich, wenn uns der Leib auch einmal in Ruhe läßt und wir uns anschicken, etwas zu untersuchen, so kommt er uns bei unsern Untersuchungen immer wieder in die Quere, beunruhigt, verwirrt und stört uns so, daß wir seinetwegen das Wahre nicht sehen können.

Und deswegen es ist uns wirklich ganz klar, daß, wenn wir je etwas rein erkennen wollen, wir uns von ihm losmachen und mit der Seele selbst die Dinge selbst schauen müssen. Erst dann, wie es scheint, wird uns das zuteil werden, was wir wünschen und worauf, wie wir behaupten, unser Streben gerichtet ist: Erkenntnis; dann nämlich, wenn wir gestorben sind, im Leben aber nicht, wie dieser Gedankengang zeigt. Denn wenn wir nicht imstande sind, in Verbindung mit dem Leibe irgend etwas rein zu erkennen, so gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder wir können überhaupt nie zu einem Wissen gelangen, oder aber erst nach dem Tode. Denn alsdann wird die Seele für sich allein sein, abgesondert vom Leibe, vorher aber nicht.

Solange wir aber leben, werden wir, wie sich zeigt, nur dann dem Erkennen am nächsten sein, wenn wir soviel wie möglich nichts mit dem Leibe zu schaffen noch gemein haben, soweit es nicht ganz unerläßlich ist, und wenn wir uns nicht von seinem Wesen erfüllen lassen, sondern uns von ihm rein halten, bis der Gott selbst uns befreit. So werden wir dann rein und von dem Unverstand des Leibes befreit wahrscheinlich mit andern solchen zusammensein und durch uns selbst alles ungetrübt erkennen, und dies ist eben wohl das Wahre. Denn dem Nichtreinen wird es nicht vergönnt sein. Dergleichen meine ich, Simmias, werden notwendig alle wahrhaft Wißbegierigen denken und untereinander reden. Oder dünkt dich nicht so?"

"Ganz gewiß, Sokrates."

"Wenn das nun wahr ist, Freund", sprach Sokrates, "so ist ja große Hoffnung, daß, wenn ich dort angekommen bin, wohin ich jetzt gehe, ich dort, wenn irgendwo, zur Genüge dasjenige erlangen werde, worauf alle unsere Bemühungen in dem vergangenen Leben gezielt haben; und so kann ich die mir jetzt aufgetragene Wanderung mit guter Hoffnung antreten und auch jeder andere, der überzeugt ist, daß er innerlich gerüstet und gewissermaßen gereinigt ist."

"Allerdings", sprach Simmias.

"Und er gibt sich somit als Reinigung nicht das, was wir in unserer Unterhaltung schon lange so bezeichnet haben, nämlich daß man die Seele soviel als möglich vom Körper losmache und sie daran gewöhne, sich aus allen Winkeln des Körpers zu sammeln und zu konzentrieren, so daß sie ganz für sich ist, und sowohl gegenwärtig als in Zukunft, soweit es möglich ist, für sich zu wohnen, gewissermaßen losgelöst von den Fesseln des Körpers?"

"Allerdings", sagte er.

"Heißt aber dies nicht Tod, Erlösung und Absonderung der Seele von dem Leibe?"

"Allerdings", sagte jener.

"Und sie davon zu lösen streben in besonderm Maße", sagte er, "wie wir behaupten, nur die wahren Philosophen. Eben dies ist es auch, worin die Philosophen sich üben: Befreiung und Absonderung der Seele von dem Leibe; oder nicht?"

"Offenbar."

"Also wäre es ja, wie ich anfänglich sagte, lächerlich, wenn ein Mann, der sich in seinem ganzen Leben darauf eingerichtet hätte, so nahe als möglich an dem Gestorbensein zu leben, hernach, wenn eben dieses kommt, sich ungebärdig stellen wollte? Wäre das nicht lächerlich?"

"Was sollte es anders sein?"

"In der Tat also, Simmias, üben sich die wahren Philosophen im Sterben, und der Tod ist ihnen unter allen Menschen am wenigsten furchtbar.

Erwäge weiter folgendes. Wenn sie auf alle Weise mit dem Leib entzweit sind und begehren, die Seele für sich allein zu haben, und dann, wenn dies eintritt, sich fürchten und grämen sollten, wäre das nicht die helle Unvernunft, wenn sie dann nicht mit Freuden dahingehn wollten, wo sie Hoffnung haben, dasjenige zu erlangen, wonach sie im Leben trachteten? Sie trachteten aber nach Erkenntnis, und des Zusammenseins mit demjenigen entledigt zu werden, was ihnen zuwider war. Sollte es etwa nur so sein, daß viele, denen menschliche Geliebte und Weiber und Kinder gestorben sind, freiwillig haben in die Unterwelt gehen wollen, von deer Hoffnung getrieben, diejenigen, nach denen sie sich sehnen, wiederzusehen und mit ihnen zusammenzusein? Wer vielmehr wahrhaft nach Erkenntnis trachtet und leidenschaftlich erfaßt hat, daß er sie nirgends sonst in nennenswertem Maße erreichen werde als in der Unterwelt, der sollte sich wegen des Sterbens grämen, und er sollte nicht freudig dorthin gehn? Das ist doch unglaublich, Freund, sofern er wirklich ein Philosoph ist. Denn es wird seine feste Überzeugung sein, daß er nirgend anders die Wahrheit rein antreffen werde als dort.

Wenn sich aber dies so verhält, wie ich eben sagte, wäre es nicht große Unvernunft, wenn ein solcher den Tod fürchtete?"

"Gewiß eine große, beim Zeus", sagte jener.

"Falls du also einen Mann sich grämen siehst, weil er sterben soll, ist dir das dann nicht ein ausreichender Beweis, daß er demnach kein Philosoph war, sondern seinen Körper liebte? Wer aber diesen liebt, der liebt auch das Geld und die Ehre, eines von beiden oder auch beides."

"Es verhält sich genau so, wie du sagst."

"Wird nun Männern von solcher Gesinnung nicht auch das, was man Tapferkeit nennt, vorzüglich zukommen, Simmias?", fragte er.

"Ganz gewiß", antwortete er.

"Und nicht auch die Besonnenheit, d. h. das, was auch die Menge Besonnenheit nennt, nämlich sich von Begierden nicht fortreißen lassen, sondern sich gleichgültig gegen sie verhalten und sittsam sein? Kommt nicht auch diese Eigenschaft denen allein zu, welche den Leib am meisten geringschätzen und ein philosophisches Leben führen?"

"Notwendig", sagte er.

"Denn", fügte jener hinzu, "wenn du die Tapferkeit und Besonnenheit der anderen einmal richtig betrachtest, so wird sie dir ganz wunderlich vorkommen."

"Wieso, Sokrates?"

"Du weißt doch", sagte er, "daß die andern alle den Tod unter die großen Übel rechnen."

"Allerdings."

"Folgt daraus nicht, daß nur aus Furcht vor noch größeren Übeln dieTapfern unter ihnen den Tod erdulden, wenn sie ihn erdulden?"

"So ist es."

"Also weil sie sich fürchten, und nur aus Furcht sind alle tapfer, ausgenommen die Philosophen. Das ist aber doch ungereimt, daß einer aus Furcht und Feigheit tapfer sein soll." "Das stimmt."

"Und wie steht es mit den Sittsamen unter ihnen? Hat es mit denen nicht dieselbe Bewandtnis? Aus einer gewissen Zügellosigkeit sind sie besonnen, wiewohl wir freilich sagen, dies sei unmöglich. Aber es geht ihnen doch wirklich ganz ähnlich bei dieser einfältigen Besonnenheit. Denn aus Besorgnis, andere Lüste entbehren zu müssen, verzichten sie auf die einen, während sie von den andern beherrscht werden. Dabei nennt man es doch Zügellosigkeit, sich von den Lüsten beherrschen zu lassen. Auf sie trifft es nun zu, daß sie von Lüsten beherrscht anderer Lüste Herr werden, und dies ist doch dem ganz ähnlich, was eben gesagt wurde, daß sie gewissermaßen aus Zügellosigkeit besonnen wurden."

"Das leuchtet ein."

"Mein bester Simmias, das ist also doch wohl nicht die richtige Art, die Tugend einzutauschen: Lust gegen Lust, Schmerz gegen Schmerz, Furcht gegen Furcht auszuwechseln, immer das Größere gegen das Kleinere, wie Münzen. Erkenntnis aber ist allein die rechte Münze, gegen die man alles das umwechseln soll. Nur was man mit ihr kauft oder verkauft, ist in Wahrheit Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit, kurz gesagt die Tugend. Diese ist verbunden mit Erkenntnis, mag nun Lust und Furcht und alles übrige der Art dabei sein oder nicht dabei sein. Wird das aber ohne Erkenntnis gegeneinander eingetauscht, so ist eine solche Tugend nur Spiegelfechterei und in Wirklichkeit etwas Knechtisches, Ungesundes und Unwahres.

In Wahrheit ist Tugend vielmehr eine Reinigung von all dem eben Erwähnten, und Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und die Erkenntnis selbst sind nichts anderes als ein Reinigungsprozeß. Diejenigen, welche uns die Mysterien eingerichtet haben, mögen gar keine üblen Leute gewesen sein, wenn sie seit alters darauf hinwiesen, daß, wer ungeweiht und ungeheiligt in der Unterwelt anlangt, in den Schlamm zu liegen komme, daß aber der Gereinigte und Geweihte, wenn er dort angelangt ist, bei den Göttern wohnen werde. Denn, wie die Leute sagen, die die Mysterien verwalten: 'Viele zwar schwingen den Thyrsos, doch wenige davon sind vom Gotte ergriffen.' Diese aber sind nach meiner Meinung niemand anders als die, die sich auf rechte Weise der Weisheit beflissen haben.

Einer von ihnen zu werden, habe ich im Leben, so gut ich konnte, nichts unterlassen, sondern mich mit aller Kraft bemüht. Ob ich mich aber auf die rechte Weise bemüht und etwas zuwegegebracht habe, das werden wir, dort angekommen, sicher erfahren, wenn Gott will, binnen kurzem, wie mich dünkt."

"Dies", sprach er, "Simmias und Kebes, ist meine Verteidigung darüber, daß euch und die hiesigen Gebieter zu verlassen mir mit Recht nicht schwer fällt und daß ich mich nicht darüber gräme, in der Überzeugung, vortrefflichere Gebieter und Freunde anzutreffen als hier; den meisten aber ist dies unglaublich. Wenn es mir nun gelungen sein sollte, euch besser zu überzeugen als die athenischen Richter, so ist es gut."

Als Sokrates so gesprochen hatte, fiel Kebes ein und sagte: "Sokrates, das meiste dünkt mich überzeugend und schön gesagt. Deine Ansicht über die Seele aber begegnet bei den Menschen starkem Unglauben. Sie fragen sich, ob sie nicht, wenn sie vom Leibe getrennt ist, nirgends mehr ist, sondern an jenem Tage umkommt und untergeht, an welchem der Mensch stirbt, und ob sie nicht, sobald sie von dem Leibe sich trennt und ausfährt wie ein Hauch oder Rauch, auch zerstoben ist und verflogen und nirgends mehr etwas von ihr ist. Denn ware sie noch irgendwo für sich, in sich gesammelt und befreit von diesen Übeln, die du eben beschrieben hast, dann allerdings wäre ja große und schöne Hoffnung, Sokrates, daß alles wahr sei, was du sagst. Aber dies bedarf vielleicht doch einer starken und überzeugenden Beweisführung, daß die Seele nach dem Tode des Menschen noch existiert und noch irgendwie Kraft und Bewußtsein hat."

"Du hast ganz recht, Kebes", sagte Sokrates; "aber was sollen wir machen? Sollen wir jetzt miteinander durchsprechen, ob es wahrscheinlich ist, daß es sich so verhalte, oder ob nicht?"

"Ich mindestens", sagte Kebes, "möchte gerne hören, was für eine Meinung du hierüber hast."

"Wenigstens glaube ich nicht", sprach Sokrates, "daß irgend jemand, der es hört, und wäre es auch ein Komödienschreiber, sagen dürfte, daß ich leeres Geschwätz treibe und Reden führe über ungehörige Dinge. Ist es euch recht, so wollen wir daher die Sache untersuchen.

So laßt uns also betrachten, ob die Seelen, nachdem die Menschen gestorben, in der Unterwelt sind, oder ob nicht. Es gibt nun freilich eine alte Lehre, die wir erwähnt haben, daß, wie sie von hier dorthin gekommen sind, sie auch wieder von dort hierher zurückkehren und wiedergeboren werden aus den Toten. Und wenn sich es so verhält, daß die Lebenden wiedergeboren werden aus den Gestorbenen, so sind ja wohl unsere Seelen [scil. zeitweilig] dort. Denn sie könnten nicht wiedergeboren werden, wenn sie nicht existierten. Ein hinreichender Beweis wäre dafür, wenn wirklich offenbar würde, daß die Lebenden nirgend anders herkämen als von den Toten. Wenn dies aber nicht offenbar ist, dann bedürften wir eines andern Grundes."

"Gewiß", sagte Kebes.

"Betrachte es nur nicht allein an Menschen", fuhr jener fort, "wenn du es leichter verstehen willst, sondern auch an der gesamtenTier- und Pflanzenwelt und überhaupt an allem, was eine Entstehung hat, laß uns zusehen, ob etwa alles so entsteht, nirgend andersher, als jedes aus seinem Gegenteil, was nur ein solches hat, wie z. B. das Schöne das Gegenteil vom Häßlichen ist und das Gerechte vom Ungerechten, und tausenderlei anderes sich ebenso verhält. Das also wollen wir untersuchen, ob notwendig alles, was einen Gegensatz hat, aus nichts anderern selbst entsteht als aus diesem seinem Gegensatz. Wenn z. B. etwas größer wird, so muß es doch wohl aus etwas, das vorher kleiner war, dann größer werden?" - "Ja."

"Nicht auch wenn es kleiner wird, wird es aus vorher Größerem hernach kleiner?"

"So ist es", sagte er.

"Und ebenso aus Stärkerem schwächer und aus Langsamerem schneller?"

"Gewiß".

"Und wie? Wenn etwas schlechter wird, nicht aus Besserem? Und wenn gerechter, nicht aus Ungerechterem?"

"Wie sonst?"

"Dies also", sprach er, "mag dafür genügen, daß alle Dinge so entstehen, das Entgegengesetzte aus dem Entgegengesetzten."

"Freilich."

"Und ferner: Gibt es nicht noch etwas dabei, das zwischen allen diesen Gegensatzpaaren sich vollzieht, nämlich zwei Arten von Werden, d. h. von dem einen zu dem andern und von diesem wieder zu jenem zuruck? So vollzieht sich zwischen dem Größeren und Kleineren Wachstum und Abnahme, und so nennen wir auch das eine Wachsen, das andere Abnehmen."

"Ja", sagte er.

"Ist es nicht auch so mit Trennung und Verbindung, Abkühlung und Erwärmung, und so mit allem? Wenn wir auch nicht immer Worte dafür haben, so muß es sich doch tatsächlich überall so verhalten, daß eines aus dem andern entsteht, und daß es ein Werden von jedem zu dem andern gibt."

"Gewiß."

"Wie ist es nun, fuhr er fort, gibt es zum Leben auch einen Gegensatz wie zum Wachen den Schlaf?"

"Gewiß", sagte er.

"Und was?"

"Den Tod", sagte er.

"Also entstehen diese auch aus einander, sofern sie Gegensätze sind, und es gibt zwischen ihnen beiden ein doppeltes Werden?"

"Nichts anderes."

"Das eine Paar nun von denen, die ich eben nannte, will ich dir sagen, es selbst und die zugehörigen Formen des Werdens; du aber sage mir dann das andere! Ich sage nämlich, das eine sei Schlafen und das andere Wachen, und aus dem Schlafen werde das Wachen und aus dem Wachen das Schlafen, und dies Werden beider sei das Einschlafen und das Aufwachen; habe ich es dir hinlänglich erklärt oder nicht?"

"Vollkommen."

"Sage du mir also nun das Entsprechende von Leben und Tod. Sagst du nicht, der Gegensatz zum Leben sei der Tod?"

"Das sage ich."

"Und daß beides auseinander entstehe?"

"Ja."

"Was entsteht also aus dem Lebenden?"

"Das Tote", sprach er. "Und was aus dem Toten?"

"Notwendig", sprach er, "muß man eingestehn, das Lebende."

"Aus dem Gestorbenen also, Kebes, entsteht das Lebende und die Lebenden?"

"So stellt es sich heraus", sprach er.

"Also sind", sprach er, "unsere Seelen in der Unterwelt."

"So scheint es."

"Und nicht wahr, auch von dem Werden, das hiezu gehört, ist das eine deutlich genug? Denn Sterben ist doch deutlich genug, oder nicht?"

"Freilich", sagte er."Was sollen wir aber nun tun?", sprach er. "Wollen wir nicht auch das entgegengesetzte Werden hinzunehmen, sondern soll die Natur auf dieser Seite lahm sein? Oder müssen wir nicht notwendig auch ein dem Sterben entgegengesetztes Werden annehmen?"

"Auf jeden Fall", sagte er. "Und was wäre das?"

"Das Wiederaufleben."

"Wäre nun nicht, fuhr er fort, wenn es ein Wiederaufleben gibt, dieses das Werden der Lebenden aus den Toten, das Wiederaufleben?" "Freilich."

"Es stimmt also auch auf diese Weise, daß die Lebenden ebenso aus den Toten geworden sind wie die Toten aus den Lebenden. Ist dies nun so, so schien es uns ja ein hinreichender Beweis, daß die Seelen der Verstorbenen irgendwo sein müssen, von wo sie wiedergeboren werden."

"Mich dünkt, Sokrates, nach dem, was wir uns zugegeben haben, müsse es sich so verhalten."

"Und auch nach jenem Satz, Sokrates, wenn er richtig ist, den du oft vorzutragen pflegtest, daß unser Lernen nichts anderes ist als Wiedererinnerung, müssen wir doch irgendwie in einer früheren Zeit das gelernt haben, woran wir uns jetzt wieder erinnern. Dies wäre aber unmöglich, wenn unsere Seele nicht schon irgendwo gewesen wäre, ehe sie in diese menschliche Gestalt eintrat. Also scheint auch darnach die Seele etwas Unsterbliches zu sein."

"Ist es nun nicht so, Simmias?", fragte er diesen: "Wenn das, was wir immer im Munde führen, das Schöne, das Gute und jede sonstige derartige Wesenheit, zum einen existiert, darüber hinaus aber schon vor unserer Geburt existieren muß, da wir darauf alle unsere sinnlichen Wahrnehmungen zurückführen als auf etwas von Anfang in uns Angelegtes, mit dem wir unsere Sinneseindrücke nur vergleichen, müssen dann nicht ebenso notwendig auch unsere Seelen schon vor der Geburt existieren? Wenn dieses nicht zutrifft, kann jenes auch nicht richtig sein.

"Ganz bestimmt, Sokrates", sagte Simmias, "scheint mir beides gleich notwendig zu sein, und sehr passend gelangt nun unser Gedankengang zu dem Ergebnis, daß unsere Seele vor der Geburt in gleicher Weise existiere wie jene Wesenheit, von der du jetzt redest. Denn nichts ist mir so klar als eben dies, daß alles dergleichen wahrhaft in dem allerhöchsten Sinne ist, das Schöne und das Gute und was du sonst eben anführtest; und mir wenigstens genügt der Beweis vollkommen.

Ob sie aber, nachdem wir gestorben sind, noch existieren wird, das scheint auch mir selbst, Sokrates, noch nicht bewiesen zu sein, sondern es droht noch, wie auch Kebes eben sagte, jene gewöhnliche Vorstellung, daß nach dem Tode des Menschen seine Seele sich auflöse, und das bedeute für sie ihr Ende."

"Müssen wir uns da nicht", sagte Sokrates, "fragen: Bei welcher Art Dingen kommt denn dieser Vorgang, daß sie sich auflösen, vor, und für welche muß man also fürchten, daß ihnen dieses begegne, bei welchen aber kommt das nicht vor? Dann müssen wir untersuchen zu welchen von beiden die Seele gehört, und hieraus und demgemäß entweder für unsere Seele getrost oder besorgt sein." ...

[Es folgen nun eingehendere, wegen ihrer Länge hier nicht wiederzugebende Erörterungen

a) über den Zusammenhang von 'Zusammengesetztheit /Einfachheit' hier und 'Auflösbarkeit / Unveränderlichkeit' dort und

b) über die 'völlige Unvereinbarkeit und gegenseitige Unbeeinflußbarkeit des einfachen Gegensätzlichen'].

... "So sage mir denn, sprach er, noch einmal von Anfang an und antworte mir, nicht gerade das, was ich frage, sondern, indem du meinem Beispiel folgst, noch etwas anderes. Ich sage das nämlich, weil ich außer jener vorher gegebenen sicheren Antwort vermittels des jetzt Gesagten noch eine andere Sicherheit absehe. Denn wenn du mich fragtest, was im Leib vorhanden sein müsse, wenn er warm sein soll, so würde ich dir nicht jene einfältige sichere Antwort geben, Wärme; sondern eine feinere, vermöge des jetzt Gesagten, nämlich Feuer. Und wenn du mich fragtest, was im Leibe vorhanden sein müsse, wenn er krank wird, so werde ich nicht antworten 'Krankheit', sondern 'Fieber'. Oder wenn du mich fragtest, was in einer Zahl enthalten sein müsse, wenn sie ungerade ist, so werde ich nicht antworten 'Geradheit', sondern 'Einheit'. Siehe nun zu, ob du schon zur Genüge verstehst, was ich will."

"Völlig ausreichend", sagte er.

"Was muß im Leibe vorhanden sein, wenn er leben soll?"

"Eine Seele", antwortete er.

"Und verhält sich dies auch immer so?"

"Nicht anders", sagte er.

"Die Seele bringt also dem, dessen sie sich bemächtigt, immer Leben zu?"

"Das tut sie in der Tat."

"Gibt es nun etwas, das dem Leben entgegengesetzt ist oder nicht?"

"Ja."

"Und was?"

"Den Tod."

"Also wird wohl die Seele das Gegenteil dessen, was sie immer mitbringt, nie annehmen..."

"Wohl."

"Und was den Tod nie annimmt, wie nennen wir das?"

"Unsterblich", sagte er.

"Und die Seele nimmt doch den Tod nie an?"

"Nein."

"Unsterblich also ist die Seele?"

"Unsterblich."

"Gut", sprach er. "Wollen wir also sagen, dies sei erwiesen, oder wie dünkt dich?"

"Es ist vollständig erwiesen", Sokrates.

"Dann aber, ihr Männer, ist es recht wichtig zu bedenken, daß, wenn die Seele unsterblich ist, sie auch der Fürsorge bedarf, nicht für diese Zeit allein, welche wir das Leben nennen, sondern für die ganze Zeit [scil. ihrer Existenz als Seele]; insoweit wäre es schon ein einigermaßen furchterregendes Wagnis, wenn jemand sie vernachlässigen wollte. Denn wenn der Tod eine Entledigung von allem wäre, so wäre es eine glückliche Fügung für die Schlechten, wenn sie sterben, ihren Leib loszuwerden, und zugleich mit der Seele ihre Schlechtigkeit. Wenn diese sich nun aber als unsterblich zeigt, kann es ja für sie keine Sicherheit vor dem Übel geben und kein Heil, als nur, wenn sie so gut und vernünftig geworden ist als möglich. Denn nichts anderes kann sie doch mit sich nehmen, wenn sie in die Unterwelt kommt, als nur ihre Bildung und Erziehung, die ihr ja auch, wie man sagt, sobald sie gestorben ist, den größten Nutzen oder Schaden bringt, und zwar schon gleich am Anfang der Wanderung dorthin.

Denn man sagt ja, daß der Dämon, der jedem schon im Leben zugewiesen war, den Gestorbenen dann an einen Ort zu führen sucht, wo sich die Seelen versammeln und von wo sie dann, nach dem sie sich haben richten lassen, den Weg in die Unterwelt an treten mit jenem Führer, dem es aufgetragen ist, sie von hier dorthin zu geleiten. Nachdem ihnen dann dort zuteilgeworden ist, was ihnen gebührt, und sie die gehörige Zeit dageblieben sind, bringt ein anderer Führer sie wieder von dort hierher zurück nach vielen und großen Zeiträumen. Diese Reise ist aber wohl nicht so, wie der Telephos des Aischylos sie beschreibt. Denn jener sagt, es führe nur ein einfacher Pfad in die Unterwelt. Ich aber glaube, daß es weder nur ein einziger ist noch ein einfacher. Sonst würde es ja keines Führers bedürfen; denn wo nur ein Weg ist, kann man ja unmöglich fehlgehen. Folglich scheint er sich zu teilen und viele Windungen zu machen. Dies schließe ich aus dem, was bei uns als heilige Feier eingeführt und gebräuchlich ist. Die sittlich vervollkommnete und vernünftige Seele nun folgt und weiß wohl, was ihr widerfährt. Diejenige aber, die sich leidenschaftlich an den Körper klammert, treibt sich noch lange Zeit unstet um ihn und in der sichtbaren Welt herum und kann erst nach langem Sträuben und vielfacher Nötigung mit Gewalt von dem ihr zugewiesenen Dämon abgeführt werden. Kommt sie nun dahin, wo auch die andern sich befinden, so wird jedermann die unreine Seele - die ihrem Wesen Entsprechendes verübt hat, sei es, daß sie sich mit frevelhaftem Mord befaßt oder anderes begangen hat, was ähnlich schlecht und ähnlich schlechter Seelen Werk ist - meiden, ihr ausweichen und weder ihr Weggenosse noch ihr Führer werden wollen. Vielmehr irrt sie in völliger Ratlosigkeit umher, bis sie nach dem Ablauf bestimmter Zeiträume in die ihr angemessene Behausung gebracht wird. Diejenige Seele dagegen, die ihr Leben rein und maßvoll vollbracht hat, erhält Götter zu Weggenossen und Führern, und jede Seele von dieser Art erhält den ihr zukommenden Ort als Wohnung.

Es hat aber die Erde viele und wunderbare Orte und ist weder an Größe noch Beschaffenheit so, wie die Leute, die über die Erde zu reden pflegen, glauben, nach dem, wie ich mich habe überzeugen lassen."

Darauf sagte Simmias: "Wie meinst du das Sokrates? Denn über die Erde habe ich auch schon vielerlei gehört, aber freilich nichts Überzeugendes; darum möchte ich es gern hören."

"Nun, es ist wohl keine große Kunst, Simmias", sagte er, "zu erzählen, wie es ist; aber die Wahrheit zu erweisen, das scheint dabei das größte zu bewältigende Problem zu sein; vielleicht bin ich dazu auch gar nicht imstande, und wenn ich es wäre, so scheint mir mein Leben für die Länge dieser Auseinandersetzung nicht auszureichen. Aber darzustellen, wie nach meiner Überzeugung die Gestalt der Erde ist, und die Räume, die sie enthält, hindert mich nichts."

"Auch das", sprach Simmias, "soll uns genug sein."

"Zunächst einmal habe ich mich überzeugen lassen, daß sie, wenn sie rund ist und inmitten des Himmels ruht, weder Luft brauche, um nicht zu fallen, noch irgendeine andere derartige Stütze, sondern, um sie zu halten, sei die Gleichmäßigkeit des Himmels selbst nach allen Seiten und ihr eigenes Gleichgewicht hinreichend. Denn ein im Gleichgewicht befindliches Ding, in die Mitte eines andern solchen gesetzt, wird keinen Grund haben, sich irgendwohin mehr oder weniger zu neigen, und daher wird es in der nämlichen Lage ohne Neigung bleiben. Davon also", sagte er, "habe ich mich zuerst überzeugt."

"Sehr mit Recht", sprach Simmias.

"Ferner meine ich, daß sie sehr groß sei und daß wir, die wir vom Phasis bis zu den Säulen des Herakles wohnen, nur in einem kleinen Teil von ihr um das Meer herum wohnen, so wie Ameisen oder Frösche um einen Sumpf, und daß noch viele andere Menschen in ähnlichen Gegenden wohnen. Denn es ist anzunehmen, die Erde habe ringsum überall viele Vertiefungen, sehr mannigfaltig an Form und Größe, in denen das Wasser, der Nebel und die Luft zusammenrinnen, das Land selbst aber liege rein unter dem reinen Himmel, an welchem auch die Sterne sind und den die meisten, welche über dergleichen zu reden pflegen, Äther nennen. Ein Bodensatz davon dürfte in den Vertiefungen der Erde zusammenrinnen. Es mag nun sein, daß wir es nicht merken, daß wir nur in diesen Vertiefungen der Erde wohnen, und glauben, oben auf der Erde zu wohnen, wie wenn ein mitten im Grunde der See Wohnender glaubte, oben an dem Meere zu wohnen, und weil er durch das Wasser die Sonne und die andern Sterne sähe, das Meer für den Himmel hielte, aus Trägheit aber und Schwachheit niemals bis an die Oberfläche des Meeres gekommen. Nie wäre er aus dem Meere aufgetaucht und hätte aufgerichtet gesehen, wieviel reiner und schöner der dortige Ort ist als der, an dem er sich aufhält, und er hätte auch von einem andern, der dort gewesen, nichts gehört. Geradeso dürfte es auch uns ergehen. Denn wir dürften in irgendeiner Vertiefung der Erde wohnen und glauben, oben darauf zu wohnen, und nennen die Luft Himmel, als ob diese der Himmel ware, durch welchen die Sterne wandern. Damit aber wäre es so ähnlich wie im obigen Bilde, nämlich daß wir aus Trägheit und Schwachheit nicht bis an den äußersten Saum der Luft hervorzukommen vermöchten. Denn wenn jemand zur Grenze der Luft gelangte oder Flügel bekäme und hinaufflöge, so würde er dann auf ähnliche Weise hervortauchen und sehen, wie hier die Fische, wenn sie einmal aus dem Meer heraustauchen, sehen, was hier ist. Und so würde dann ein solcher auch das Dortige sehen, und dann, wenn seine Natur die Betrachtung auszuhalten vermöchte, erkennen, daß jenes der wahre Himmel ist und das wahre Licht und die wahre Erde.

Im Innern der Erde gibt es verschiedene Ströme, darunter den Acheron, welcher durch viele andere wüste Gegenden fließt, vorzüglich aber auch unter der Erde fortfließend in den Acherusischen See kommt, wohin auch die Seelen der meisten Verstorbenen gelangen. Nachdem sie gewisse bestimmte Zeiten dort geblieben sind, einige länger, andere kürzer, werden sie dann wieder ausgesendet zur Erzeugung der Lebendigen. Sobald nun die Verstorbenen an dem Orte angelangt sind, wohin jeden sein Dämon bringt, werden zuerst diejenigen ausgesondert, welche schön und heilig gelebt haben, und ferner diejeneigen, welche nicht. Diejenigen aber, für die ermittelt wurde, daß sie einen mittelmäßigen Lebenswandel geführt zu haben, begeben sich auf den Acheron, besteigen die Fahrzeuge, die es da für sie gibt, und gelangen auf diesen zum See. Hier wohnen sie und reinigen sich, büßen ihre Vergehungen ab, je nachdem sie sich vergangen haben, und werden dann losgesprochen. Sie erlangen aber ebenso auchfür ihre guten Taten einen Lohn, jeder nach seinemVerdienst.

Diejenigen aber, deren Zustand wegen der Größe ihrer Vergehungen für unheilbar erkannt wird ,weil sie etwa oft und in großem Umfang Raub an den Heiligtümern begangen oder dauernd ungerecht und gesetzwidrig Menschen umgebracht oder ähnliches getan haben, diese stürzt die Schicksalsgöttin, der das obliegt, in den Tartarus. Diejenigen wiederum, die zwar heilbare, aber doch schwere Verfehlungen begangen haben, werden zwar auch in den Tartarus gestürzt, wenn sie aber ein Jahr darin zugebracht, wirft sie die Woge wieder aus, und sie gehen an den Acherusischen See, um diejenigen herbeizurufen, die sie frevelhaft behandelt haben. Diese bitten sie, sie möchten sie in den See aussteigen lassen und aufnehmen. Gelingt es ihnen, jene dazu zu bestimmen, so sind ihre Leiden zu Ende; wo nicht, so werden sie in den Tartarus zurückgetrieben.

Diejenigen aber, für die erwiesen ist, daß sie sich durch ein frommes Leben ausgezeichnet haben, die sind es, welche von diesen Stätten in der Erde wie aus Gefängnissen befreit und losgelassen hinauf zu jener reinen Behausung gelangen und oben auf der Erde wohnen dürfen. Wer sich von ihnen durch Philosophie hinlänglich gereinigt hat, der lebt gänzlich ohne Leib für alle Zukunft und gelangt in noch schönere Behausungen als diese, die zu schildern weder leicht ist, noch die Zeit im Augenblick ausreicht. Aber schon um deswillen, was wir jetzt auseinandergesetzt haben, Simmias, muß man ja wohl alles tun, um der Tugend und Vernunft im Leben teilhaftig zu werden. Denn schön ist der Preis und die Hoffnung groß.

Allerdings, zu versichern, daß dies genau so sei, wie ich es dargestellt habe, dazu wird sich ein vernünftiger Mann nicht entschließen; daß es aber diese oder eine ähnliche Bewandtnis haben muß mit unsern Seelen und ihren Wohnungen, wenn doch die Seele offenbar etwas Unsterbliches ist, dies anzunehmen ist wohl richtig, und es lohnt sich auch, in einem Wagnis darauf setzend zu glauben, es verhalte sich so. Denn das ist ein schönes Wagnis, und man muß sich mit einem solchen Glauben gleichsam selbst überzeugen.

Darum spinne ich auch diese Erzählung aus. Also, seiner Seele wegen zuversichtlich sein muß deshalb ein Mann, der im Leben die unangemessenen Bedürfnisse, die es mit dem Leibe zu tun haben, und Schmuck und Pflege des Leibes hat fahren lassen, als etwas ihm selbst Fremdartiges, überzeugt, er werde sonst das Übel nur noch ärger machen, der dagegen der Lust am Lernen sich hingegeben und seine Seele geschmückt hat nicht mit fremdem, sondern mit dem ihr eigentümlichen Schmuck: Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Edelmut und Wahrheit. Der kann dann ruhig seine Fahrt nach der Unterwelt erwarten, um sie anzutreten, sobald das Schicksal ruft.

Ihr nun, setzte er hinzu, Simmias und Kebes und ihr übrigen, werdet ein andermal jeder zu seiner Zeit abgehen. Mich aber ruft jetzt schon, würde ein tragischer Dichter sagen, das Geschick, und es ist allmählich wohl Zeit, mich nach dem Bade umzusehen. Denn es scheint mir doch besser zu baden, ehe ich den Trank nehme, um nicht hernach den Weibern Mühe zu machen mit dem Waschen des Leichnams.

[Den Schluß des Dialogs bilden die im allgemeineren bekannteren Stellen des Dialogs, in denen der Abschied des Sokrates von seinen Freunden, seiner Familie und seinem Henker und der Vollzug seines Todes dargestellt werden.]


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)