Die Kardinaltugenden. Platon, Politeia, 4, 427 d - 435 c.

Deutsche Übersetzung aus: Olaton, Der Staat (Politeia). Eingeleitet, übersetzt und erklärt von Karl Vretska, Stuttgart 1958, S. 206 - 217.


6. "Nun ist unser Staat gegründet, Sohn des Ariston!" sprach ich. "Und jetzt schau ein mal in diesem Staat - nimm aber hinreichend Licht mit und ruf deinen Bruder und Polemarchos und die andern dazu - und schau, ob wir irgendwo die Gerechtigkeit finden und wo die Ungerechtigkeit ist, und wodurch sie sich unterscheiden und welche von beiden man zum Glück braucht, gleich ob man nun damit verborgen bleibt vor Göttern und Menschen oder nicht!"

"Oho!" warf Glaukon ein. "Du, du selbst versprachst doch nachzuforschen; denn es sei nicht pflichtgemäß, der Gerechtigkeit nicht in jeder Weise nach Kräften zu helfen."

"Sehr recht, daß du mich erinnerst! Also muß ich danach handeln, aber ihr müßt mit zugreifen."

"Gut, so wollen wir es halten!"

"Hoffentlich finden wir es. Beginnen wir so: Unser Staat ist, wenn er nur richtig gegründet ist, vollendet gut."

"Notwendig!"

"Somit auch weise, tapfer, besonnen und gerecht."

"Klar!"

"Welche von diesen Eigenschaften wir auch in ihm finden, das was wir noch nicht gefunden haben, ist notwendigerweise dennoch mitgegeben."

"Natürlich!"

"Das ist wie bei vier anderen [scil. eng zusammengehörigen] Dingen. Hätten wir davon irgendworin eines gesucht und es als erstes erkannt, wären wir damit zufrieden; erkennten wir aber zuerst die drei andern, wäre dadurch schon das Gesuchte erkannt. Es wäre in diesem Falle offenbar mit dem anderen gegeben!"

"Ganz recht!"

"Also können wir in gleicher Weise bei unseren Eigenschaften vorgehen, da sie vier sind."

"Klar!"

"Als erstes erkennt man im Staate die Weisheit; dabei zeigt sich etwas Sonderbares!"

"Was denn?"

"Weise scheint mir in der Tat unser geschilderter Staat zu sein, weil er wohlberaten ist, nicht?"

"Ja!"

"Und gerade dies, die Wohlberatenheit, ist doch irgendein Wissen; denn nicht auf Grund einer Unwissenheit, sondern auf Grund eines Wissens ist man wohlberaten."

"Klar!"

"Nun gibt es doch viele und verschiedene Wissensgebiete im Staat."

"Wie auch nicht!"

"Können wir den Staat wegen des Fachwissens der Zimmerleute weise und wohlberaten nennen?"

"Keineswegs, sondern höchstens bauverständig."

"Auch nicht wegen eines Fachwissens über Holzgeräte kann man ihn weise nennen, auch wenn er darin bestens beraten ist?"

"Nein!"

"Oder wegen eines Wissens in Erzbearbeitung oder ähnlichem?"

"Keineswegs!"

"Auch nicht, wenn er die Fruchtgewinnung aus der Erde versteht: dann wäre er höchstens ackerbaukundig?"

"Ja!"

"Wie nun?", fragte ich, "gibt es nun ein Wissen in unserem eben gegründeten Staat bei irgendwelchen Bürgern, das sich nicht über irgendeinen Teil des Staates berät, sondern über ihn als ganzen, über sein bestes Verhalten gegen sich selbst und gegen die andern Staaten?"

"Das gibt es!"

"Welches ist das und wer besitzt es?"

"Das ist das Wissen der Wächter", antwortete er. "Jene, die wir die vollendeten Wächter nannten, besitzen es."

"Und wie nennst du den Staat wegen dieses Wissens?"

"Wohlberaten und in Wahrheit weise!"

"Wohnen nun", fragte ich, "in unserem Staate mehr Schmiede als solche wahren Wächter?"

"Viel mehr Schmiede!"

"Unter all denen, die ein Fachwissen haben und danach heißen, sind diese wohl die geringsten an Zahl?"

"Weitaus!"

"Durch seinen kleinsten Stand und Bevölkerungsteil, den leitenden und herrschenden, und durch das ihm innewohnende Wissen wird also der ganze Staat weise, wenn er der Natur gemäß gegründet ist; und von Natur aus wird gerade jener Teil der kleinste, der berufen ist, an jenem Wissen teilzuhaben, das allein unter allen anderen Fachwissenschaften den Namen Weisheit verdient!"

"Sehr wahr!"

"So haben wir denn fast von ungefähr eine der vier Eigenschaften gefunden, sie selbst und ihren Platz im Staat."

"Ich glaube, das Ergebnis ist [scil. bereits] hinreichend sicher!"

7. ,,Die Tapferkeit selbst und ihren Ort im Staat, warum der Staat dann tapfer genannt wird, dies alles zu erkennen, ist nicht schwer."

"Wieso?"

"Wer würde", fragte ich, "wenn er einen Staat feig oder tapfer nennt, anderswohin blicken als auf den Teil, der zu Feld zieht und für ihn kämpft?"

"Nur darauf würde jeder schauen."

"Denn die andern Bewohner, ob sie nun feige oder tapfer sind, wären, denke ich, nicht entscheidend für die Art des Staates."

"Nein!"

"Auch tapfer ist also der Staat durch einen seiner Teile; denn in ihm besitzt er jene Kraft, die in jeder Lage ihre Überzeugung von der Notwendigkeit der [scil. militärischen] Abschreckung, wie sie der Gesetzgeber in der Erziehung festgelegt hat, unerschüttert auch bewahrt. Das nennst du doch Tapferkeit?"

"Ich verstand es nicht ganz, sag es noch einmal!"

"Ich nenne die Tapferkeit eine Art des Bewahrens."

"Welche?"

"Das Bewahren seiner Vorstellung von Wesen und Art der notwendigen Abschreckung, einer Vorstellung, die das Gesetz durch die Erziehung geweckt hat. Sie in jeder Lage zu bewahren, damit meinte ich, an ihr festzuhalten in Leiden und Freuden, in Lust und Angst und sie nie über Bord zu werfen. Wenn du willst, kann ich es durch einen Vergleich klarmachen."

"Bitte!"

"Du weißt doch", begann ich, "wenn die Färber die Wolle purpurn färben wollen, wählen sie aus verschiedenfarbigen Wollen zuerst die eine Art der weißen aus, bereiten diese mit aller Sorgfalt au, damit sie möglichst viel Farbe aufnimmt, und dann erst färben sie. Was man auf diese Art färbt, wird farbecht, und das Waschen mit oder ohne Lauge kann ihm seine Farbe nicht nehmen. Bei anderer Art weißt du ja, wie es dann geht, ob man andere Farben färben will oder die weiße, wenn man ohne Vorbereitung färbt."

"Ich weiß, es wäscht sich aus und wirkt lächerlich."

"Ähnliches nimm an - wollten auch wir erreichen mit all unseren Kräften, als wir die Soldaten auslasen und in Gymnastik und Musik erzogen. Nichts anderes - sei gewiß -war unser Ziel, als daß sie, von uns überzeugt, die Gesetze wie eine Farbe in sich aufnähmen, damit ihre Vorstellung unauswaschbar werde, die Vorstellung von ihrer Abschreckungsaufgabe und dem andern - dank ihrem Wesen und ihrer guten Erziehung - und die Farbe nicht ausgewaschen werde von der Lauge, die so kräftig auslaugt, denkt man an die Lust , die stärker ist als alles Soda und alle Asche, und das Leid und den Trieb und die Angst, die stärker sind als jede Lauge. Ein solches kraftvolles Bewahren seiner richtigen und gesetzmäßigen Vorstellung über die Herbeiführung furchterzeugender militärischer Wirkung und deren Gegenteil begreife und bezeichne ich als Tapferkeit - wenn du nicht anderer Meinung bist."

"Keineswegs", antwortete er. "Du hältst also offenbar einean sich richtige Vorstellung über diese Dinge, wenn sie - wie bei einem Tier oder Sklaven - nicht auf Grund einer entsprechenden Ausbildung entstanden ist, nicht für ganz gesetzmäßig und nennst sie folglich auch nicht Tapferkeit?"

"Du hast ganz recht!"

"Ich nehme danach deine Bestimmung der Tapferkeit an."

"Nimm sie nur an - wenigstens was die Tapferkeit des Bürgers betrifft - und du tust recht damit! Ein andermal wollen wir, wenn du Lust hast, noch besser darüber reden. Denn heute ist nicht dies das Ziel unserer Untersuchung, sondern die Gerechtigkeit. Und dafür genügt wohl unser Ergebnis."

"Vollauf!"

8. "Nun sind noch zwei Tugenden übrig", fuhr ich fort, "die wir im Staat finden müssen, die Besonnenheit und weswegen wir die ganze Zeit suchen - die Gerechtigkeit."

"Richtig!"

"Wie könnten wir nun die Gerechtigkeit finden, um uns nicht mehr mit der Besonnenlseit abgeben zu müssen."

"Das weiß ich nicht, aber ich möchte sie gar nicht früher zutage treten sehen, wenn wir dann auf die Besonnenheit verzichten sollten. Willst du mir einen Gefallen erweisen, dann betrachte erst die Besonnenheit!"

"Natürlich will ich; ich täte dir sonst unrecht."

"Uberlege nun!"

"Also gut! Azf den ersten Blick gleicht sie einem harmonischen Zusammenklang, mehr als die anderen Eigenschaften."

"Wieso?"

"Besonnenheit ist doch eine gewisse Ordnung und eine Beherrschung der Lüste und Triebe: man sagt da - ich weiß nicht wieso - 'sich selbst überlegen sein'; Spuren solcher Erklärungen findet man da und dort, nicht?"

"Gewiß!"

"Ist aber der Ausdruck 'sich selbst überlegen' nicht lächerlich? Denn wer sich selbst überlegen ist, muß wohl auch sich selbst unterlegen sein, und ist so Sieger und Besiegter zugleich! Es handelt sich doch immer um dieselbe Person, nicht?"

"Allerdings!"

"Doch will dieser Ausdruek offenbar folgendes sagen: im Menschen selbst ist, was die Seele anlangt, ein besserer und ein schlechterer Teil vorhanden. Wenn nun der von Natur aus bessere Teil Heerr des schlechteren ist, dann sagt man: sich selbst überlegen; und man lobt es auch; wenn aber infolge schlechter Erziehung oder eines schlechten Umganges der kleinere, aber bessere Teil von der Masse des schlechteren überwunden wird, dann tadelt man das als Schande und sagt von einem solchen Menschen: er ist sich selbst unterlegen und zügellos."

"So scheint es."

"Schau nun auf unseren Staat, und du wirst in ihm den einen von den zwei Fällen vorfinden; denn mit Recht sagt man von ihm, er sei sich selbst überlegen, wenn anders man von Besonnenheit und Selbstüberwindung dort spricht, wo der bessere Teil über den schlechteren herrscht."

"Mein Blick auf unsern Staat bestätigt deine Worte!"

"Eine Vielheit und Mannigfaltigkeit von Leidenschaften, Lüsten und Schmerzen findet man wohl am meisten bei Kindern und Frauen und Sklaven und der minderen Masse der sogenannten freien Leute."

"Gewiß!"

"Einfache und maßvolle Triebe, die das Denken mit Hilfe des Verstandes und der richtigen Vorstellung leitet, die findet man nur in wenigen Leuten, die eine hervorragende Natur und Erziehung besitzen."

"Das ist wahr!"

"Auch das findest du im Staate vor: die Leidenschaften der minderen Masse werden von den Trieben und der Erkenntnis der wenigen Anständigen beherrscht."

"Ja!"

9. "Wenn man also von irgendeinem Staat sagen darf, er überwinde Lüste und Leidenschaften und sei sich selbst überlegen, so kann man es auch von unserem sagen.

"Ganz gewiß!"

"Dann kann man ihn auch besonnen in all dem nennen?"

"Natürlich!"

"Und wenn ferner sonst in einem Staate Einigkeit herrscht zwischen Herrschern und Beherrschten über die Frage, wer herrschen soll, dann wird es auch bei unserm der Fall sein, nicht?"

"Da erst recht!"

"In welchem Teil der Bürger wohnt nun, wenn sie sich so verhalten, diese Besonnenheit, in den Herrschern oder in den Beherrschten?"

"In beiden doch!"

"Erkennst du nun", fragte ich,wie recht wir prophezeiten: die Besonnenheit gleiche einer Harmonie?"

"Wieso?"

"Weil sie, anders als die Tapferkeit und die Weisheit, die eine jede einem Teil innewohnen und den Staat weise oder tapfer machen, nicht in dieser Weise wirkt; sie ist vielmehr über den ganzen Staat gespannt und vereinigt zu einem vollen Akkord die Schwächsten wie die Mächtigsten und die Mittleren, ob sie es nun an Einsicht oder Stärke sind oder an Zahl oder Geld und anderem derartigen. Diese Einträchtigkeit nennen wir also mit Recht Besonnenheit, einen Akkord zwischen dem von Natur aus Unter- und Überlegenen, im Staat wie im einzelnen,was die Frage der Herrschafi anlangt."

"Einverstanden!"

"Gut! Die drei Eigenschaften haben wir nun im Staat erkannt wie es uns scheint! Was ist nun die letzte, durch die die Tüchtigkeit des Staates vollständig wird? Das ist offensichtlich die Gerechtigkeit?"

"Klar!"

"Nun müssen wir, mein Glaukon, wie die Jäger einen Hirsch die Gerechtigkeit im Kreis umstellen und achtgeben, daß sie uns nicht entkomme und sich unsichtbar mache. Denn sie muß ja hier irgendwo sein! Gib nur acht und bemühe dich, ob du sie vielleicht eher siehst als ich und sie mir zeigen kannst!"

"Wenn ich nur könnte! Aber wenn ich dir folge und deine Worte beachte, wirst du in mir viel eher einen guten Partner haben."

"So folge mir und bete um ein gutes Gelingen!"

"Das will ich, geh du nur voran!"

"Die Gegend scheint schwer gangbar und schattig; sie ist wohl düster und schwer zu durchsuchen; aber wir müssen durch!"

"Also vorwärts!"

Und da ich hinsah, rief ich: "Hurra, Glaukon! Wir haben eine Spur! Sie wird uns also nicht ganz entwischen!"

"Das ist eine gute Botschaft!"

"Ach, wie ungeschickt von uns!"

"Wieso denn?"

"Schon längst, mein Liebster, ja von Anbeginn an liegt sie uns vor den Füßen, und wir haben sie nur nicht gesehen, sondern machten uns geradezu lächerlich! Wie Leute, die bisweilen etwas suchen, was sie in den Händen halten, so schauten auch wir nicht auf dieses, sondern blickten in die Ferne, und dadurch ist es uns wohl entgangen."

"Wie meinst du das?"

"Ich glaube, wir sprechen und hören schon längst davon, ohne selbst zu bemerken, daß wir darüber sprechen."

"Etwas lang, diese Vorrede für einen, der hören will!"

10. "Höre nun, ob ich recht habe", sagte ich. "Was wir von Anfang an als notwendige Grundlage für jede Staatsgründung annahmen, das - oder doch ungefähr das - ist die Gerechtigkeit! Wir nahmen doch an und wiederholten es auch, wenn du dich erinnerst, jeder einzelne solle eine von all den Aufgaben des Staates durchführen, wozu sich seine Naturanlage am besten eigne."

"So sagten wir."

"Indessen, wenn jeder seine Aufgabe vollende und nicht alles Mögliche betreibe, dann sei das Besonnenheit! So hörten wir doch von vielen anderen und haben es selbst schon oft gesagt, nicht?"

"Allerdings!"

"Und gerade dies, mein Freund, scheint mir nun, wenn es nur in bestimmter Weise vor sich geht, die Gerechtigkeit zu sein: nämlich seine Aufgabe zu erfüllen. Weißt du, woraus ich das schließe?"

"Nein, aber sag es mir!"

"Unter allen Eigenschaften des Staates, von denen wir Besonnenheit, Tapferkeit und Einsicht behandelt haben, bleibt noch eine übrig, jene nämlich, die erst allen andern die Kraft gab, sich zu entwickeln und hiernach unverändert zu bleiben, solange sie selbst in ihnen ist. Doch sagten wir, es bleibe die Gerechtigkeit noch übrig, wenn wir jene drei gefunden hätten."

"Notwendigerweise!"

"Wenn wir nun beurteilen müßten, welche dieser vier Eigenschaften durch ihr Innewohnen unsern Staat vor allen andern gut mache, wäre das wohl schwer zu entscheiden: ist es die Eintracht zwischen Herrschern und Beherrschten, oder ist es das Festhalten an der richtigen Vorstellung von der Abschreckung und ihrem Gegenteil, die sich in den Soldaten findet; oder ist es die Einsicht und Wachtkunst, die in den Herrschern wohnt? Oder aber verdankt der Staat seine Güte am meisten dieser Eigenschaft - wenn sie in Kind und Weib, in Sklave und Freiem, in Handwerker und Herrscher und Beherrschtem wohnt - wonach jeder einzelne als eine innere Einheit nur seine Aufgabe erfüllt und sich nicht in alles einmischt?"

"Das ist wohl schwer zu entscheiden!"

"Um die Vollendung des Staates wetteifert also mit seiner Weisheit, Besonnenheit und Tapferkeit diese Kraft, wonach jeder im Staate das Seine tue?"

"Sicher!"

"In der Gerechtigkeit also siehst du jene Kraft, die mit den andern um die Vollendung des Staates wetteifert?"

"Ganz richtig!"

"Denke noch nach, ob du auch dem folgenden Gedanken zustimmst! Den Herrschern im Staat gibst du doch die Aufgabe der Rechtsprechung?"

"Natürlich!"

"Haben sie bei der Rechtsprechung ein anderes Ziel als das, daß keiner Fremdes besitze oder des Seinen beraubt werde?"

"Nur dieses!"

"Weil es gerecht ist?"

"Ja!"

"Also auch daraus ergibt sich, daß es Gerechtigkeit ist, wenn jeder sein Eigenes hat und tut."

"Ja!"

"Sieh nun, ob du mir weiter zustimmen kannst. Wenn ein Zimmerer versucht, die Arbeit des Schusters zu machen oder umgekehrt, ob sie nun ihre Werkzeuge und ihre Stellung miteinander vertauschen oder einer beides zugleich angeht, glaubst du, dies oder alle derartigen Berufsvertauschungen würden dem Staat viel schaden?"

"Keineswegs!

"Wenn aber ein Mann, der seiner Anlage nach Handwerker oder Erwerbsmann ist, emporgekommen ist durch Reichtum oder Parteien, durch Körperkraft oder sonst etwas, und versucht, in den Stand der Krieger einzudringen, oder ein Krieger in den Stand der Berater und Wächter, ohne es wert zu sein; wenn diese also ihre Werkzeuge und Stellungen miteinander vertauschen oder ein einziger versucht, alles zugleich zu machen, dann, glaube ich - und ich nehme an, du glaubst es auch -, wird ein solcher Umschwung, eine solche Vielgeschäftigkeit zum Untergang des Staates führen."

"Sicherlich!"

"Die Vielgeschäftigkeit der drei Stände und ein Tausch unter ihnen ist daher der schwerste Schaden für den Staat und wird mit Recht und Fug als das größte Verbrechen bezeichnet."

"Klarerweise!

"Das größte Verbrechen am eigenen Staat ist aber doch die Ungerechtigkeit?"

"Natürlich!"

11. "Dies wäre also die Ungerechtigkeit! Umgekehrt aber wollen wir so sagen: wenn der Erwerbsmann, der Gehilfe und der Wächter, jeder das Seine im Staat macht, dann ist es als das Gegenteil davon die Gerechtigkeit und macht den Staat gerecht."

"Ganz so erscheint es mir auch!"

"Wir wollen uns damit noch nicht ganz festlegen!" wandte ich ein. "Erst wenn uns diese Art auch beim einzelnen Menschen begegnet und sich dort klar als Gerechtigkeit erweist, dann wollen wir schon zufrieden sein. Denn was sollten wir dann noch wollen? Andernfalls müßten wir einen andern Weg versuchen. Jetzt aber wollen wir die Untersuchung zu Ende führen, die wir in der Hoffnung begannen, wenn wir zuerst an einem größeren Ding die Gerechtigkeit beobachten könnten, dann würden wir sie um so leichter am einzelnen Menschen erkennen. Und dies größere Ding schien uns der Staat zu sein, daher gründeten wir den möglichst besten, in der Überzeugung, in einem guten Staat müsse sie wohnen. Was sich uns dort ergab, das wollen wir auf den einzelnen übertragen; paßt es dazu, dann gut; zeigt es sich im einzelnen als etwas anderes, dann wenden wir uns zu neuer Prüfung wieder an den Staat zurück. Und bald, wenn wir es gegeneinanderhalten und reiben, werden wir wie aus Feuerhölzern die Gerechtigkeit aufleuchten lassen und können sie, da sie sichtbar geworden, in uns selbst fest verankern."

"Das ist der rechte Weg, so wollen wir vorgehen!"

"Wenn man zwei verschieden großen Dingen ein und dieselbe Eigenschaft zuspricht, sind sie in dieser zuerkannten Eigenschaft einander ähnlich oder unähnlich?"

"Ähnlich!"

"Und ein gerechter Mann unterscheidet sich in dem Punkt der Gerechtigkeit in nichts vom gerechten Staat, sondern ist ihm ähnlich?"

"Natürlich ähnlich!"

"Der Staat erschien uns dann als gerecht, wenn in ihm drei Arten von Naturen sind, deren jede ihre Aufgabe erfüllt, zudem aber besonnen, tapfer und weise wegen anderer Eigenschaften und Haltungen dieser drei Naturen."

"Richtig!"

"Der einzelne muß nun, mein Freund, so fordern wir, dieselben drei Formen in seiner Seele haben und wegen derselben Eigenschaften auch dieselben Namen erhalten wie der Staat."

"Unbedingt!"

"Ach, mein Liebster, da sind wir auf eine ganz einfache Untersuchung über die Seele gestoßen: hat sie nun drei Formen in sich oder nicht?"

"Gar so einfach", erwiderte Glaukon, "ist das, glaube ich, nicht! Denn vielleicht, mein Sokrates, ist das Sprichwort wahr: alles Schöne ist schwer!" ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2001/2002