Methodische Selbstbeherschung, Ataraxie und aktiver Fatalismus als Voraussetzungen wesentlichen Glücks. Die stoische Affekten-Lehre in der Schuldiskussion bei Seneca (Epistula LXXXV ad Lucilium).

Lateinische Textpassagen und deutsche Übersetzung nach: L. Annaeus Seneca. Epistulae morales ad Lucilium, libri XI - XIII. Briefe an Lucilius über Ethik 11. - 13. Buch. Lateinisch- Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Rainer Rauthe, Stuttgart 1996, S. 12 - 33 (85. Brief). Hervorhebungen und einige verdeutlichende Textmodifikationen vom Hg.


Deutsche Übersetzung:

Seneca grüßt seinen Lucilius.

(1) Ich hatte Dich geschont und alles, was an Verwickeltem noch übrig war, übergangen, weil ich damit zufrieden war, Dir gleichsam einen Vorgeschmack von dem zu geben, was von den Unseren [scil. den Stoikern] behauptet wird, wenn sie beweisen wollen, daß die sittliche Vollkommenheit das einzig wirksame Mittel ist, um ein glückliches Lehen auszufüllen. Du forderst mich nun auf, alles zusammenzustellen, was es an logischen Schlüssen gibt, die entweder von den Unseren stammen oder zu unserer Bloßstellung erdacht sind: wenn ich das tun würde, würde es kein Brief, sondern ein Buch sein. Ich muß dabei wiederholt beteuern, daß ich an dieser Art von Beweisführungen keine Freude habe: ich schäme mich, mich auf eine offene Schlacht einzulassen, bei der es um Götter und Menschen geht, wenn ich nur mit einem Schusterpfriem bewaffnet bin.

(2) "Wer klug ist, besitzt auch Selbstheherrschung, wer Selbstheherrschung besitzt, ist auch bestandig, wer beständig ist, ist ungestort, wer ungestört ist, ist ohne Traurigkeit; wer ohne Traurigkeit ist, ist glücklich; also ist der Kluge glücklich, und Klugheit ist ausreichend für ein glückliches Leben."

(3) Diesem Syllogismus erwidern manche Peripatetiker folgendermaßen, daß sie die Begriffe 'ungestört' und 'beständig' und 'ohne Traurigkeit' so deuten, als ob 'ungestört' genannt werde, wer selten in Verwirrung gerät und nur mäßig, nicht wem es niemals so geht. Ebenso sagen sie,' ohne Trauigkeit' nenne man den, der nicht in dauernde Traurigkeit verfällt bzw. nicht haufig oder allzu sehr in dieser Schwäche verharrt. Denn die Behauptung, irgendjemandes Seele sei gegen Traurigkeit immun, verleugne die menschliche Natur. Ein Weiser lasse sich von Trauer zwar nicht üherwältigen, aber im übrigen von ihr anrühren. Auch die übrigen Punkte hehandeln sie in dieser Art, wie es ihrer philosopbischen Richtung entspricht. Mit diesen Argumenten beseitigen sie die Affekte nicht, sondern mäßigen sie nur.

(4) Wie wenig gestehen wir aber dem Weisen zu, wenn er nur tapferer als die Schwächsten ist, fröhlicher als die Traurigsten, gemäßigter als die Zügellosesten, größer als die Niedrigsten! Was wäre, wenn Ladas seine eigene Schnelligkeit bewunderte im Vergleich mit Lahmen und Krüppeln?

Jene flöge entweder ganz oben über der unberührten Saaten
Feld und hätte im Lauf die zarten Ähren nicht verletzt
oder zöge mitten über das Meer, hingleitend auf brausender Flut,
ihres Wegs und benetzte nicht die schnellen Sohlen auf der Meeresfläche.

Dies ist Schnelligkeit, an und für sich bewertet, nicht die, die im Vergleich mit dem Langsamsten gelobt wird. Was wäre, wenn Du jemanden als gesund bezeichnetest, der an leichtem Lieber erkrankt ist? Gesundbeit ist nicht ein unbedeutendes Maß an Krankheit.

(5) Es sagt jemand nun: "Einen Weisen nennt man in dem Sinne ungestört, wie man Granatäpfel nicht die nennt, bei denen gar keine harten Kerne, sondern die, bei denen weniger harte vorhanden sind." Das ist falsch. Denn ich bemerke nicht die Beschränkung der Übel bei einem vorrtrefflichen Mann, sondern das Freisein davon; gar keine durfen vorhanden sein, nicht kleine; denn wenn irgendwelche vorbanden sind, werden sie zunehmen und bisweilen stören. Wie ein stärkerer und ein totaler Star die Augen erblinden läßt, so trübt sie der leichte

(6) Wenn Du einem Weisen irgendwelche Affekte zugestehst, wird die Vernunft ihnen nicht gewachsen sein und wie von einem Wildbach weggerissen werden, zumal wenn Du ihm nicht nur einen einzigen Affekt zugestehst, mit dem er ringen soll, sondern alle. Mehr vermag eine Schar von noch so unbedeutenden Affekten, als das Ungestüm eines einzigen großen vermöchte.

(7) Er hat Gier nach Geld, aher nur mäßig; er hat Ehrgeiz, aber nicht heftig; er hat Jähzorn, aber leicht zu versöhnenden; er hat Unbeständigkeit, aber weniger unstete und schwankende; er hat Wollust, aber nicht bis zum Wahnsinn. Besser könnte man mit dem umgehen, der ein einziges Fehlverhaltcn unbeschränkt hat, als mit dem, der zwar leichtere Schwächen hat, dafür aber alle.

(8) Ferner spielt keine Rolle, wie groß ein Affekt ist. Wie geringfügig auch immer er ist, er versteht nicht zu gehorchen er nimmt keinen Ratan. Wie kein Tier der Vernunft gehorcht, kein wildes, kein domestiziertes und sanftes - denn ihre natürliche Anlage ist taub für Ratschläge -, so fügen sich die Affekte nicht, hören nicht, so klein sie auch immer sind. Tiger und Löwen legenn niemals ihre Wildheit ab, allenfalls lassen sie manchmal darin nach, aber wenn man es am wenigsten erwartet, bricht ihre Wildheit trotz der Besänftigung wieder hervor. Niemals werden vorhandene Fehlhaltungen ernstlich gemildert.

(9) Ferner, wenn die Vernunft Fortschritte macht, werden die Affekte nicht einmal beginnen; wenn sie gegen den Willen der Vernunft heginnen, werden sie auch geggen ihren Willen Bestand hahen. Leichter ist es nämlich, ihre Anfänge zu verhindern, als ihrcn Ansturm zu lenken. Falsch ist daher dieses Mittelmaß und nutzlos und genauso einzuordnen, wie wenn jemand sagt, man müsse mäßig verrückt, mäßig krank sein.

(10) Allein die sittliche Vollkommenheit hat das rechte Maß. Die Übel der Seele nehmen es nicht an. Leichter dürftest Du sie besiegen als lenken. Ist es denn etwa zweifelhaft, daß die alteingewurzelten und verhärteten Fehlhaltungen in der meschlichen Gesinnung, die wir Krankheiten nennen, maßlos sind, wie Habgier, wie Grausamkeit, wie Zügellosigkeit? Also sind auch die Affekte maßlos; von ihnen aus findet nämlich der Übergang zu ersteren statt.

(11) Ferner; wenn Du der Traurigkeit, der Furcht, der Begierde, den übrigen verkehrten Regungen irgendeine Berechtigung einräumst, werden wir sie nicht in unserer Gewalt haben. Weshalb? Weil außerhalb von uns liegt, wodurch sie angeregt werden; deshalb werdcn sie zunehmen, je nachdem, ob sie größere oder kleinere Ursachen gehabt hahen, von denen sie erregt werden. Größer wird die Furcht sein, wenn man deutlicher oder näher in Augenschein genommen hat, wodurch man aufgcschreckt wird, heftiger die Begierde, wenn die Hoffnung auf etwas vecl Ansehnlicheres sie hervorgerufen hat.

(12) Wenn es nicht in unserer Gewalt steht, ob Affektc vorhanden sind, so steht es auch nicht in unserer Gewalt, wie groß sie sind: wenn Du gerade ihnen erlaubt hast anzufangen, werden sie mit ihren Ursachen zunehmen und so groß sein, wie sie ebenn werdcn. Füge nun hinzu, daß diese Artcn, mögen sie auch noch so gering sein, in etwas Größeres ühergehen; niemals wahrt Verderbliches das Maß; noch so unbedeutende Anfänge von Krankheiten schleichen sich ein und die geringste Steigerung läßt kranke Körper bisweilen untergehen.

(13) Was für ein Zeichen von Unverstand ist es aber zu glauben, die Eingrenzungen für das, dessen Anfänge außerhalb unserer Verfügungsgewalt liegen, unterlägen unserer Verfügungsgewalt! Wie kann ich stark genug sein, das einzugrenzen, was zu verhindern ich nicht stark genug gewesen bin, ohwohl es leichter ist, etwas auszuschließen als Eingelassenes zu unterdrücken?

(14) Manche haben es so unterschieden daß sie sagten: "Ein Maßvoller und Kluger ist zwar aufgrund der Verfassung und Haltung seiner Gesinnung ruhig, im hesonderen ist er es aber nicht. Denn soweit es die Haltung seiner Gesinnung betrifft, wird er nicht verwirrt, nicht betrübt und fürchtet sich nicht, aber viele äußere Ursachen begegnen ihm, die ihm Verivirrung verursachen."

(15) Etwa folgendes ist es, was wir sagen wollen; er sei zwar nicht jähzornig, zürne aber manchmal; und er sei zwar nicht ängstlich, fürchte sich aber trotzdem manchmal. d. h. er sei von der Fehlhaltung Furcht frei, vom Affekt nicht. Wenn man das jedoch annimmt, wird Furcht durch Wiederholung in eine Fehlhaltung übergehen, und Zorn, in die Seele eingelassen, wird jene Haltung der Seele, die ohne Zorn ist, umkrempeln.

(16) Außerdem, wenn er von außen kommende Ursachen nicht verachtet und irgend etwas dann fürchtet, wenn man tapfer vorgehen muß gegen Geschosse, Brände, für Vaterland, Gesetze, Freiheit, wird er zögernd losgehen und mit zurückweichender Seele. Für einen Weisen schickt sich aber diese Unterschiedlichkeit der Gesinnung nicht.

(17) Außerdem sollte darauf auchten, nicht zwei verschiedenartige Beweisgänge durcheinanderzubringen.. So ist es ein bestimmtes Schlußverfahren nachzuweisen, daß nur das gut ist, was sittlich gut ist, und ein ganz anderes nachzuweisen, daß zum glückseligen Lehen die sittliche Vollkommenheit genügt. Wenn man davon ausgeht, daß nur das gut ist, was sittlich gut ist, so räumen alle ein, daß die sittliche Vollkommenheit ausreicht, um glücklich zu leben. Umgekehrt wird man allerdings nicht zugestehen, daß einzig das gut ist, was sittlich gut ist, wenn man davon ausgeht, daß allein die sittliche Vollkommenheit glücklich macht.

(18) So meinen etwa Xenokratess und Speusippus, daß man zwar allein durch sittliche Vollkommenheit glücklich werden könne, aber trotzdem nicht, daß nur gut sei, was sittlich gut sei. Auch Epikur urteilt, man sei glücklich, wenn man die sittliche Vollkommenheit habe, aber die sittliche Vollkommenheit selbst genüge nicht zum glücklichen Leben, weil die Lust, die aus der sittlichen Vollkommenheit kommt, und nicht die sittliche Vollkommenheit selbst glücklich mache. Diese Unterscheidung ist allerdings unbrauchbar: derselbe behauptet nämlich, sittliche Vollkommenheit sei niemals ohne Lust vorhanden. Wenn sie füglich immer mit der Lust verbunden und von ihr untrennbar ist, ist sie auch allein ausreichend; sie hat nämlich die Lust bei sich, ohne die sie nicht vorhanden ist, auch wenn sie allein ist.

(19) Geradezu unsinnig aber ist es, wenn man behauptet, man werde zwar allein durch die sittliche Vollkommenheit glücklich sein, aber man werde nicht vollkommen glücklich sein; wie das zustande kommen könnte, kann ich nicht herausfinden Denn das glückliche Leben hat das Gute als etwas Vollkommenes, Unüberwindliches in sich; wenn das aber zutrifft, ist es vollkommen glücklich. Wenn das Leben der Götter nichts Größeres oder Besseres bat, das glückliche Leben aber göttlich ist, hat es nichts, wozu es weiter emporsteigen könnte.

(20) Außerdem, wenn das glückliche Leben keiner Sache bedürtig ist, ist jedes glückliche Leben vollkomen und in gleicher Weise sowohl glücklich als auch am glücklichsten. Zweifelst Du denn etwa, daß das glückliche Leben das höchste Gut ist?Wenn es also das höchste Gut hat,ist es in höchstem Maß glücklich. So wie das höchste Gut keine Ergänzung aufnimmt - was kann nämlich oberhalb des Höchsten sein? -, so auch das glückliche Leben nicht, das ohne das höchstc Gut nicht vorhanden ist. Wenn Du aber irgend jemanden als in höherem Maß glücklich einführst, mußt Du ihn auch als in viel höherem Maß glücklich einführen; unzählige Unterscheidungen wirst Du für das höchste Gut treffen, wahrend ich doch unter dem höchsten Gut das verstehe, was keine Stufe über sich hat.

(21) Wenn jemand weniger glücklich als ein anderer ist, folgt daraus, daß dieser das Leben des anderen, Glücklicheren, mehr herbeiwünscht als sein eigenes; der Glückliche aber zieht nichts seinem eigenen vor. Beide folgenden Behauptungen sind unglaubhalt, daß entweder dem Glücklichen irgend etwas übrigbleibt, was er lieber sein will als das,was er ist, oder daß jener das nicht lieber will, was beser ist als es Jedenfalls gilt folgendes: je klüger er ist, desto mehr wird er nach dem streben, was am besten ist, und er wird dies auf alle Weise zu erreichen wünschen. Wie aber ist glücklich, wer auch noch Wünsche haben kann, ja sogar muß?

(22) Ich will sagen, woher dieser Irrtum kommt: sie wissen nicht, daß das glückliche Leben nur ein einziges ist. In den besten Zustand versetzt dieses seine eigene Beschaffenheit, nicht seine Größe; deshalb ist es gleichermaßen lang und kurz, ausgedehnt und eingeengter, auf viele Räume und viele Richtungen verteilt und an einem Punkt zusammengefaßt. Wer es nach Zahl, Maß und Richtungen einschatzt, nimmt ihm das Herausragende weg, das es hat. Was aber ist in einem glücklichen Lehen das Herausragende? Daß es erfüllt ist.

(23) Zweck des Essens und Trinkens ist, meine ich, die Sättigung. Der eine ißt mehr, der andere weniger: was liegt daran? Beide sind bereits satt. Der eine trinkt mehr, der andere weniger ,was liegt daran? Beide haben keinen Durst mehr. Der eine lebt mehr Jahre, der andere weniger: es besteht kein Unterschied, wenn den einen viele Jahre ebenso glücklich gemacht haben wie den anderen wenige. Der, den Du weniger glücklich nennst ist nicht glücklich: dieses Wort kann man nicht einschränken.

(24) "Wer tapfer ist, ist ohne Furcht, wer ohne Furcht ist, ist ohne Traurigkeit; wer ohne Traurigkeit ist ist glücklich." Dieser logische Schluß stammt von den Unseren. Darauf versucht man so zu erwidern: wir beanspruchten etwas Falsches und Strittiges als allgemein anerkannt, nämlich daß der der tapfer ist, ohne Furcht sei. "Was also?", .sagt man. "Wird ein Tapferer bevorstehende Übel nicht fürchten? Das ist das Verhalten eines Wahnsinnigen und Verrückten, nicht eines Tapferen. " Jener aber", sagt man, "fürchtet sich sehr maßvoll, doch insgesamt ist er nicht frei von Angst."

(25) Die das sagen, verfallen von neuem in dasselbe, daß sie kleinere Fehlhaltungen an die Stelle von Tugenden setzen; denn wer sich zwar fürchtet, aber seltener und weniger, ist nicht frei von der schlechten Eigenschaft, sondern wird von ihr nur in leichterem Maß gepeinigt. "Aber ich halte doch den für wahnsinnig, der vor bevorstehenden Ubeln keine Angst bekommt." Wahr ist, was Du sagst, wenn es wirklich Übel sind; aber wenn er weiß, daß es keine Übel sind, und er als einziges nur die Schändlichkeit als Übel beurteilt, wird er verpflichtet sein, sorglos Gefahren anzuschauen und zu verachten, was andere fürchten müssen. Oder einer wird, wenn es Verhalten eines Dummen und Verrückten ist, Übel nicht zu fürchten, sich um so mehr fürchten, je klüger er ist.

(26) "Wie es euch scheint", sagt einer, "wird er sich tapfer Gefahren preisgeben." Keineswegs: er wird sie nicht fürchten, sondern meiden. Vorsicht schickt sich für ihn, Furcht nicht. "Was also", sagt man, "Tod, Fesseln, Brände, andere Geschosse dis Schicksals wird er nicht fürchten?" Nein; er weiß nämlich daß es keine Übel sind, sondern daß sie nur so scheinen; all das hält er nur für Sehreckbilder des mensehlichen Lebens.

(27) Beschreibe ihm Gefangenschaft, Schläge, Ketten, Bedürftigkeit und Verstümmelungen von Gliedern - durch Krankheit oder Unrecht - und was Du sonst vorbringen könntest. Er rechnet es zu den eingebildeten Angstvorstellungcn Das müssen nur Furchtsame fürchten. Oder hältst du das für ein Übel, was wir manchmal freiwillig auf uns nehmen müssen?

(28) Du fragst, was ein Übel ist? Den Dingen nachgeben, die Ubel genannt werden, und ihnen seine Freiheit ausliefern, für die man alles erdulden muß. Die Freiheit geht zugrunde, wenn wir nicht das verachten, was uns ein Joch auferlegt. Sie würden nicht zweifeln, was uns ein Joch auferlegt. Sie würden nicht zweifeln, was für einen tapferen Mann paßt, wenn sie wüßten, was Tapferkeit ist. Es ist nämlich nicht unüberlegtes Draufgängertum oder Liebe zu Gefahren oder Verlangen nach Grausigem: es ist die Kenntnis zu unterscheiden, was ein Übel ist und was nicht. Äußerst sorgsam ist die Tapferkeit beim Selbstschutz und ebenso äußerst geduldig gegenüber dem, was nur den falschen Anschein von Übeln hat.

(29) Was also? Wenn das Schwert gezückt wird gegen den Nacken eines tapferen Mannes, wenn ihm ein Glied nach dem anderen durchbohrt wird, wenn er seine Eingeweide in seinem Schoß gesehen hat, wenn das nach geraumer Zeit, damit er die Foltern um so mehr spürt, wiederholt wird und über angetrocknete Wunden frisches Blut herabströmt, fürchtet er sich dann nicht? Wirst Du sagen, daß er auch keinen Schmerz empfindet? Dieser empfindet allerdings Schmerz; denn das Fühlen eines Menschen beseitigt keine sittliche Vollkommenheit -, aber er fürchtet sich nicht: unbesiegt beschaut er von oben seine Schmerzen. Du fragst, welches Gefühl er dann hat? Wie Leute, die einen kranken Freund aufmuntern.

(30) "Was ein Übel ist, schadet; was schadet, macht schlechter; Schmerz und Armut machen nicht schlechter; also sind sie keine Übel." "Falsch ist", sagt einer, "was ihr vorbringt; denn wenn etwas schadet, macht es nicht auch schlechter. Stürmisches Unwetter schadet dem Steuermann, trotzdem macht es ihn nicht schlechter."

(31) Manche unter den Stoikern erwidern daraut folgendermaßen: der Steuermann werde schlechter durch stürmisehes Unwetter, weil er das, was er vorgehabt hat, nicht durchführen und seinen Kurs nicht halten könne; schlechter werde er nicht in seiner Kunst, in seiner Tätigkeit werde er es. Aber diesen sagt ein Peripatetiker: "Also wird auch eincn Weisen Armut, Schmerz und alles was sonst derartiges eintreten könnte, schlechter machen; es wird ihm nämlich die sittliche Vollkommenheit nicht entreißen, aber seine Tätigkeikeiten behindern.

(32) Dies würde zu Recht gesagt wenn die Lebenssituition eines Steuermanns und eines Weisen gleichartig wäre. Letzterem schwebt nämlich bci seiner Lebensführung vor, nicht unter allen Umständen auszuführen, was er versucht, sondern alles richtig zu machen; dem Steuermann schwebt vor, unter allen Umständen sein Schiff in den Hafcn zu bringcn. Künste sind Dienerinnen , sie müssen leisten, was sie versprechen, aber die Weisheit ist Herrin und Lcnkcrin; Künste dienen dem Lehen, die Weisheit gebietet.

(33) Ich glaube, daß man anders erwidern muß: weder werde die Kunst des Steuermanns durch irgcndein Unwetter schlechter noch die eigentliche Ausübung seiner Kunst. Der Steuermann hat Dir nicht Glück versproschen, sondern eine nützliche Tätigkeit und die Kenntnis der Leitung eines Schiffes; diese wird um so eher erkennhar, je mehr ihm irgendeine zufällige Kraft Widerstand leistet. Wer das sagen konnte: "Neptun, niemals sollst du dieses Schiff in deine Gewalt bringen außer auf rechtem Kurs, der hat seiner Kunst Genüge getan: ein Unwetter behindert nicht die Tätigkeit eines Steuermanns, sondern seinen Erfolg.

(34) "Was also", sagt einer. "Schadet dem Steuermann nicht, was ihm verbietet, den Hafen anzusteuern, was seine Anstrengungen vergeblich macht, was ihn entweder zurückbringt oder aufhält und die Takelage verlieren läßt?" Es schadet ihm nicht als Steuermann, sondern nur als einem, der eine Seereise unternimmt. Ansonsten behindert es die Kunst des Steuermanns so wenig, daß es sie vielmehr aufzeigt; bei ruhiger See, so sagt man ja, ist jeder Beliebige Steuermann. Das Schiff hemmen diese Ereignisse, nicht seinen Lenker; jedenfalls nicht in seiner Tätigkeit

(35) Zwei Rollen hat der Steuermann. Die eine ist gemeinsam mit allen, die dasselbe Schiff bestiegen haben: er ist auch selbst Fahrgast. Die andere ist nur seine eigene: er ist Steuermann. Ein Unwetter schadet ihm als Fahrgast, nicht als Steuermann.

(36) Ferner ist die Kunst des Steuermanns ein Gut für andere: sie betrifft die, die er befördert, so wie die Kunst eines Arztes die, die er behandelt. Das Gut des Weisen ist Gemeingut: es ist sowohl Gut derer, mit denen er lebt, als auch sein ganz persönliches. Deshalb könnte zwar vielleicht demjenigen Steuermann Schaden zugefügt werden, dessen anderen versprocher Dienst vom Unwetter behindert wird.

(37) Dem Weisen aber wird nicht von Armut Schaden zugefügt, nicht von Schmerz, nicht von anderen Unbilden des Febens. Es werden nämlich nicht alle seine Tätigkeiten behindert, sondern nur soweit sie andere betreffen: er selhst ist immer im Amt, in seiner Wirksamkeit dann am größten, wenn sich ihm das Schicksal entgegengestellt hat; da führt er nämlich die Sache der Weisheit selbst, die, wie wir gesagt haben, sowohl ein Gut für andcre als auch sein eigenes ist.

(38) Außerdem läßt er sich nicht hindern, auch dann anderen zu nützen, wenn ihn irgendwelche Zwangslagen bedrängen. Wegen Armut läßt er sich vielleicht hindern zu lehren, auf welche Weise man den Staat handhaben muß, aber er lehrt immerhin, auf welche Weise man die Armut handhaben muß. Durch sein ganzes Leben erstreckt sich diese seine Arbeit. So schließt kein Schicksal, kein Problem die Tätigkeiten des Weisen aus. Er beschäftigt sich namlich gerade mit dem, wodurch er gehindert wird, anderes zu tun. Für beide Gelegenheiten ist er ausgerüstet: er ist Lenker der Güter und Sieger über Übel.

(39) So, sage ich, hat er sich ausgebildet, daß er die sittliche Vollkommenheit ebenso im Glück wie im Unglück zur Geltung bringt und nicht ihre Veranlassung, sondern sie selbst im Blick behält; deshalb hindern ihn weder Armut noch Schmerz, noch all das, was sonst die Nicht-Weisen ablenkt und kopfüber ins Verderben stürzen laßt. Du glaubst, er werde von Übeln bedrangt? Nein, er nutzt sie.

(40) Nicht nur aus Elfenbein verstand Phidias Götterbilder herzustellen; er stellte sie auch aus Bronze her. Wenn man ihm Marmor, wenn man ihm noch minderwertigeres Material angeboten hatte, hätte er auch daraus etwas hergestellt, so wie man es daraus am besten herstellen kann. So wird der Weise die sittliche Vollkommenheit, wenn er dazu die Möglichkeit hat, im Reichtum entfalten, andernfalls in Armut; wenn er es kann, im Vaterland, andernfalls in der Verbannung; wenn er es kann, als Feldherr, andernfalls als Soldat; wenn er es kann, gesund, andernfalls gebrechlich. Aus jedem Schicksal, das er auf sich genommen hat, wird er etwas Bemerkenswertes machen.

(41) Es gibt bestimmte Dompteure wilder Tiere, die die wildesten Lebewesen, vor denen man sich bei einer Begegnung entsetzen muß, dazu abrichten, den Umgang mit Menschen zu ertragen, und nicht zufrieden damit, ihnen ihre Wildheit ausgetrieben zu haben, sie bis zu vertrautem Umgang zu zähmen: in das Maul eines Löwen steckt der Lehrmeister seine Hand hinein, es küßt einen Tiger sein Wachter, einem Eletanten befiehlt der kleinste Äthiopier, niederzuknien und über ein Tau zu balancieren. Genau so ist der Weise Meister in der Kunst, Übel zu bezwingen: Schmerz, Bedürftigkeit, Schande, Gefangnis, Verbannung, was überall Schaudern erregt, sind harmlos, sobald sie auf diesen getroffen sind. Leb wohl!


Lateinische Textpassagen (Rede an Lucilius 85, 5 - 8, 28 f. und 39 - 41).

...

(5) 'Sic', inquit 'sapiens inperturbatus dicitur, quomodo apyrina dicuntur, non quibus nulla inest duritia granorum, sed quibus minor.' Falsum est. Non enim deminutionem malorum in bono viro intellego, sed vacationem; nulla debent esse, non parva; nam si ulla sunt, crescent et interim inpedient. Quomodo oculos maior et perfecta suffusio excaecat, sic modica turbat.

(6) Si das aliquos affectus sapienti, inpar illis eritvratio et velut torrente quodam auferetur, praesertim cum illi non unum adfectum des, cum quo conluctetur, sed omnis. Plus potest quamvis mediocrium turba, quam posswet unius magni violentia.

(7) Habet pecubiae cuiditatem, sed modcam; habet ambitionem, sed non concitatam; habet iracundiam, sed placabilem; habet inco´nstantiam, sed minus magnam et mobilem; habet libidinem, sed non insanam. Melius cum illo ageretur, qui unum vitium integrum haberet, quam cum eo, qui leviora quidem, sed omnia.

(8) Deinde nihil interest, quam magnus sit adfectus: quantuscumque est, parere nescit, consilium non accipit. Quemadmodum rationi nullum animal obtemperat, non ferum, non domesticum et mite - natura enim illorum est surda suadenti -, sic non sequuntur , non audiunt adfectus, quantulicumque sunt. Tigres leonesque numquam feriatem exuunt, aliquando summittunt, et cum minime expectaveris, exasperatur torvitas mitigata. Numquam bona fide vitia mansuescunt.

...

(28) Quaers, quid sit malu? cedere iis, quae mala vocantur, et illis libertatem suam dedere, pro qua cuncta patienda sunt: perit libertas, nisi illa contemnimus, quae nobis iugum inponint. Non dubitarendt, quid conveniret fort viro, si scirent, quid esset fortidudo. Non enim est inconsulta temeritas nec periculorum amor nec fomradibilium adpetitio: scientia est distinguendi, quid sit malum et quid non sit. Dilgentissima in tutela sui fortitudo est et eadem patiebntissima eorum, quibus falsa species malorum est.

(29) 'Quid ergo? si ferrum intentatur cervicibus viri fortis, si pars subinde alia atque alia suffoditur, si viscera sua in sinu suo vidit, si ex intervallo, quo magis tormenta sentiat, repetitur et per adsiccata vulnera recens demittitur sanguis, non timet? istum tu dices non dolere?' Iste vero dolet - sensum enim hominis nulla exuit virtus -, sed non timet: invictus exalto dolores suos spectat. Quaeris, quis tunc animus illi sit? qui aegrum amicim adhortantibus.

...

(39) Sic, inquam, se exercuit, ut virtutem tam in secundis quam in adversis exhiberet nec materiam eius sed ipsarn intueretur; itaque nec paupertas iIlum nec dolor nec quidquid aliud inperìtos avertit et praccipites agit, prohibet. Tu illum premi putas malis? utitur.

(40) Non ex ebore tantum Phidias sciebat facere simulacra; faciebat ex aere. Si marmor illi, si adbuc viliorem materiam obtulisses, fecisset, quale ex illa fieri optimuni posset. Sic sapiens virtutem, si licebit, in divitiis explicabit, si minus, in paupertate; si poterit, in patria, sI minus, in exilio; si poterit, imperator, si minus, miles; si poterit, integer, si minus, debilis. Quamcumque fortunam acceperit, aliquod ex illa memorabile efficiet. (4 ) Certi sunt domitores terarum, qui saevissinia animalia et ad occursum expavescenda hominem pati subigunt nec asperitatem excussisse contenti usque in contubernium mitigant: leonis faucibus magister manum insertat, osculatur tigrim suus custos, elephantum minimus Aethiops iubet subsidere in genua et ambulare per funem. Sic sapiens artitex est domandi mala: dolor, egestas, ignominia, carcer, exilium ubique horrenda, cum ad hunc pervenere, mansueta sunt. Vale.


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)