Der Unterschied zwischen philosophischer und christlich-religiöser Ethik. Ambrosius, De officiis ministrorum 2, 1 f. (70 - 72).

Lateinischer Text aus: J. P. Migne, Patrologiae cursus completus, Series Latina, Bd. 16, Paris 1880, S. 110 f.. Deutsche Übersetzung: Christian Gizewski.


Deutsche Übersetzung:

[Erstes Kapitel. Daß das Glück des Lebens durch Tugendhaftigkeit erworben wird, weil ein Christ inoweit, als er nichts auf Ruhm und Gunst der Menschen gibt, tatsächlich danach strebt, allein Gott zu gefallen ]

1 Im ersten Buch haben wir anhand des Werkes 'Über die Pflichten' [scil. Cicero, De officiis, lib. II] erörtert, welche Bedeutung wir der Ehrenhaftigkeit als Tugend beimessen, für die niemnd in Zweifel zieht, daß ein glückliches Leben auf ihr beruht; die Heilige Schrift nennt dieses Glück 'ewige Glückseligkeit'. Die herausragende Kraft tugendhafter Ehrsamkeit ist nämlich so groß, daß die Ruhe des Gewissens und die Sicherheit des Unschuldigseins allein schon ein glückliches Leben bewirken. Denn ebenso wie die aufgehende Sonne den Schein des Mondes und der anderen Gestirne unwahrnehmbar macht, so verdunkelt das Strahlen der Tugendhaftigkeit, wenn sie sich in unverdorbenem Ansehen erhält, alles andere, was man für Güter hält, handele es sich nun um köperliche Lust oder Beürhmtheit und Ansehen nach weltlichen Maßstäben.

2 Glückselig ist die Tugend aber offenkundig deshalb, weil sie nicht von fremdem Urteil abhängt, sondern ausschließlich von der eigenen inneren Wahrnehmung: sie ist gewissermaßen ihr eigener Richter. Sie gibt paßt sich nicht an irgendwelche gängigen Auffassungen an, um dafür etwa irgendeine Belohnung zu erwarten, noch sie scheut sich vor irgendwelchen ungerechtfertigten Strafen. Je weniger ihr also an irgendeinem äußeren Ansehen liegt, um so mehr ragt sie über derartiges hinaus. Denn diejenigen, die nach zeitlichem Ruhm streben, erhalten einen Lohn von den Zeitgenossen, der aber in der Zukunft nichts mehr gelten wird, weil er den Zugang zum ewigen Leben verstellt. So steht es im Eveangelium: 'Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn bereits empfangen' [Matth. 6, 2]. Das bezieht sich wohlverstanden auf diejenigen, die gewissermaßen mit großem Getöse auf ihre Freigiebigkeit gegenüber den Armen aufmerksam machen, und ähnlich auch auf diejenigen, die, wenn sie sich einem Fasten unterziehen, dies der Mitwelt demonstrieren. Sie haben, so sagt die Schrit, ihren Lohn dahin.

3 Einem ehrsam tugendhaften Menschen liegt also daran, im Verborenen Werke der Barmherzigkeit zu tun oder zu fasten. sodaß deutlich wird: er tut dies für Gott und nicht auch für die Menschen. Denn wer dafür von Menschen Anerkennung erwartet, der erhält deren [scil. nichtigen] Lohn; wer aber dabei auf Gott sieht, der erhält das ewige Leben. Dies kann nur der Herr der Unendlichkeit gewähren; so heißt es in der Schrift: 'Wahrlich, ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradise sein' [Luk. 33, 43]. Aus diesem Grunde spricht die schrift ja auch nachdrücklich von dem glücklichen als dem ewgen Leben: das soll nicht von den menschlichen Auffassungen abhängen, sondern dem Urteil Gottes überlassen werden.

[Zweites Kapitel. Die verschiedenen Auffassungen der Philosophen über das Glück. Daß das Glück in der Erkenntnis Gottes und in dem Bemühen um gute Werke besteht, wird zunächst anhand des Evangeliums bewiesen. Danach wird es mit Stellen aus den Propheten bekräftigt, um dem Eindruck entgegenzutreten, diese Erkenntnis stamme von den Philosophen]

4 Nun haben aber von den Philosophen die einen angenommen, ein glückliche Leben bestehe darin, dem Schmerz zu entgehen, wie etwa Hieronymus. Andere sehen das Lebensglück in der Wissenschaft, wie etwa Herillus, welcher hörte, daß von Aristoteles und Theophrastus die Wissenschaft im Hinblick darauf in besonderer Weise hervorgehoben worden sei, und sie deshalb gewissermaßen als höchstes Gut behandelte, wobei jene sie allerdings nur als ein hohes, nicht aber als das einzige Gut empfahlen. Wieder andere lehrten, das Lebensglück liege im Gewinn von Lust, wie etwa Epikur. Wiederum andere, wie Kalliphon und nach ihm Diodorus, legten das so aus, daß, wie der eine meinte, zur Lust oder, wie der andere dachte, zur Abwesenheit von Schmerz auch die Tugend hinzukommen müsse; denn ohne diese sei ein glückliches Leben unmöglich. Der Stoiker Zenon hielt die Tugend für das einzige und höchste Gut . Aristoteles, Theophrastus und die anderen Peripatetiker meinten schließlich, daß in der Tugend, d. h. in der Ehrsamkeit, ein glückliches Leben wurzele; aber sie meinten auch entschieden, ein solches Glück werde durch Wohlsein des Körpers und äußerliche Güter vervollkommnet .

5 Demgegenüber sieht die Schrift das ewige Leben ausschließlich begründet durch die Erkenntnis Gottes und durch die Frucht der guten Werke. Für beide Aussagen liefert das Evangelium Beweise. Denn der Herr Iesus Christus sagt über die Wissenschaft: 'Das aber ist das ewige Leben, daß man allein dich, Gott, als wahren Gott und als deinen Gesandten Iesus Christus erkenne' [Joh. 17, 3]. Und auf die Frage, was die Menschen Gutes tun sollen, antwortet die Schrift: 'Jeder, der meinetwegen sein Haus verläßt, seine Brüder oder Schwestern, seinen Vater oder seine Mutter. seine Frau oder seine Kinder oder sein Land, der wird dafpr einen hundertfachen Lohn erhalten: er wird das ewige Leben haben [Matth. 19, 29].

6 Damit nun niemand annehme, es handele sich hier lediglich um die Neuauflage von etwas, das von den Philosophen viel früher formuliert worden sei als durch die Verkündigung des Evangeliums - denn in der Tat sind Philosophen wie Aristoteles und Theophratsus oder auch Zenon ubnd Hieronymos geschichtlich früher als das Evanglium, wenn auch später als die Propheten - , möge man zur Kenntnis nehmen, wie lange vor dem Bekanntwerden der Philosophen, beides in unmißverständlicher Klarheit durch den Mund Davids verkündet wurde. Denn es ist geschrieben: 'Glücklich ist der, Herr, den du unterweist und den du in deinem Gesetz unterrichtest' [Psalm 113, 12]. Wir haben auch eine andere Stelle: 'Glücklich ist der Mann, der Gott fürchtet und dem an nichts anderem liegt als an seinen Geboten' [Psalm 111, 1]. Wir reden hier von der Erkenntnis, als deren Lohn die Schrift das ewige Leben erwähnt, wobei der Prophet - mit Blick auf das Haus dieses Gottesfürchtigen, im Gesetze Unterwiesenen und nach Gottes Geboten Begierigen - hinzufügt: 'Sein Ansehen, sein Reichtum und seine Gerechtigkeit bleiben in alle Ewigkeit bestehen' [ebda 3]. Über die Werke fügt er danach in demselben Psalm hinzu, dem Gerechten stehe das ewige Leben als Lohn zu. Schließlich sagt er: 'Glücklich ist der Mann, der barmherzig ist und gern borgt und auch in seinem Reden gerecht ist. Er wird auf alle Zeit nicht wanken, und als Gerechter wird er in ewiger Erinnerung bleiben' [ebda. 5 - 7]. Und danach: ' Er hat den Armen reichlich gegeben; in seiner Gerechtigkeit wird er ewig leben' [ebda. 9].

7 Es haben also einerseits die gläubige Gesinnung ein ewiges Leben, weil ihr Fundament das Gute ist, und andererseits die guten Werke; denn ein Gerechter erweist sich als solcher in Worten ebenso wie in Taten. Wenn nämlich einer zwar in seinem Reden eine tugenhafte Gesinnung zu zeigen geübt, aber in seinen Taten nachlässig ist, dann widerlegt er seine an sich richtige Einstellung durch sein falsches Tun; denn schwerwiegender [scil. als unbewußt-pflichtwidriges Nichttun] es ist ja zu wissen, was man zu tun hat, und dennoch nicht richtig zu handeln. Und andersherum auch so: wenn man in Taten tüchtig ist, in der Gesinnung aber ungläubig, dann ist das so, als ob man auf unsicherem Fundament ein Gebäude mit einem schönen Dach errichten will; je mehr man in die Höhe baut, um so größer ist die Gefahr des Einsturzes. Genauso können ohne das Fundament des Glaubens gute Werke keine bleibende Wirkung haben. Ein ungesichert im Hafen verweilendes Schiff wird leicht durch Zusammenstoß beschädigt, und ein sandiger Untergrund gibt schnell nach und kann das über ihm aufgeführte Werk nicht tragen. So ist also der volle Lohn nur dort zu erwarten, wo es auch zur Vollendung der Tugend durch die Tat kommt und wo Worte und Taten das gleiche Gewicht für die gläubig-tugendhafte Lebensführung haben.


Lateinischer Text:

[Caput primum: Vitae beatitudinem acquiri honestate, quippe qua Christianus gloriam et favores hominum spernens, opera sua Deo soli placere in votis habet]

1 Superiore libro de Officiis [scil. Ciceronis, libro II] tractavimus, quae convenire honestati arbitraremur, in qua vitam beatam positam esse nulli dubitaverunt, quam Scriptura appellat vitam aeternam. Tantus enim splendor honestatis est, ut vitam beatam efficiant tranquillitas conscientiae et securitas innocentiae. Et ideo sicut exortus sol lunae globum et cetera stellarum abscondit lumina, ita fulgor honestatis, ubi vero in incorrupto vibrat decore, cetera quae putantur bona secundum voluptatem corporis aut secundum saeculum clara et illustria, obumbrat.

2 Beata plane, quae non alienis aestimatur iudiciis, sed domesticis percipitur sensibus, tamquam sui iudex. Neque enim populares opiniones pro mercede aliqua requirit, neque pro supplicio pavet. Itaque quo minus sequitur gloriam, eo magis super ium eminet. Nam qui gloriam requirunt, his ea merces praesentium, umbra futurorum est, quae impediat vitam aeternam; quod in Evangelio scriptum est: 'Amen dico vobis, perceperunt mercedem suam' [Matth. VI, 2].; de his scilicet qui velut tuba canente, vulgare liberalitatem suam quam faciunt circa pauperes, gestiunt. Similiter et de ieiunio quod ostentationis causa faciunt: Habet, inquit, mercedem suam.

3 Honestatis igitur est vel misericordiam facere, vel ieiunium deferre in abscondito: ut mercedem videaris a solo Deo tuo quaerere, non etiam ab hominibus. Nam qui ab hominibus quaerit, habet mercedem suam; qui autem a Deo, habet vitam aeternam; quam nec praestare potest nisi auctor aeternitatis, sicut illud est: 'Amen dico tibi, hodie mecum eris in paradiso' [Luc. XXXIII, 43). Unde expressius Scriptura vitam aeternam appellavit eam quae sit beata: ut non hominum opinionibus aestimandum relinqueretur, sed divino iudicio committeretur.

[Caput II. Variae philosophorum de beatitudine opiniones; eam in Dei cognitione ac bonorum operum studio consistere primum probatur ex Evangelio: tum ne a philosophis videatur hoc sumptum, prophetarum testimoniis confirmatur]

4 Itaque philosophi vitam beatam, alii in non dolendo posuerunt, ut Hieronymus; alii in scientia, ut Herillus, qui audiens ab Aristotele et Theophrasto mirabiliter laudatam esse rerum scientiam, solam eam quasi summum bonum posuit: cum illi eam quasi bonum, non quasi solum bonum laudaverint. Alii voluptatem dixerunt, ut Epicurius; alii, ut Callipho, et post eum Diodorus, ita interpretati sunt, ut alter ad voluptatem, alter ad vacuitatem doloris, consortium honestatis adiungerent, quod sine ea non possit esse beata vita. Zenon stoicus solum et summum bonum quod honestum est; Aristoteles autem et Theophrastus et ceteri peripatetici in virtute quidem, hoc est honestate, vitam beatam esse, sed compleri eius beatitudinem etiam corporis atque externis bonis asseruerunt.

5 Scriptura autem divina vitam aeternam in cognitione posuit Divinitatis, et fructu bonae operationis. Denique utriusque assertionis Evangelium suppetit testimonium. Nam et de scientia ita dixit Dominus Iesus: 'Haec est autem vita aeterna, ut cognoscant te solum verum Deum, et quem misisti Iesum Christum' [Ioan. XVII, 3]. Et de operibus ita respondit: 'Omnis qui reliquerit domum, vel fratres aut sorores, aut patrem, aut matrem, aut uxorem, aut filios, aut agros, propter nomen meum centuplum accipiet, et vitam aeternam possidebit' [Matth. XIX, 29].

6 Sed ne aestimetur hoc recens esse, et prius tractatum a philosophis, quam in Evangelio praedicatum - anteriores enim Evangelio philosophi, id est, Aristoteles et Theophrastus, vel Zenon atque Hieronymus, sed posteriores prophetis - , accipiant quam longe antequam philosophorum nomen audiretur, per os sancti David utrumque aperte videatur expressum. Scriptum est enim: 'Beatus quem tu erudieris, Domine; et de lege tua docueris eum' [Psal. XCIII, 12]. Habemus et alibi: 'Beatus vir qui timet Dominum, in mandatis eius cupiet nimis' [Psal. XCI, 1]. Docuimus de cognitione, cuius praemium aeternitatis fructum esse memoravit, adiiciens Propheta, quia in domo huius timentis Dominum vel eruditi in Lege, et cupientis in mandatis divinis: 'Gloria et divitiae, et iustitia eius manet in saeculum saeculi' [ibid. 3]. De operibus quoque in eodem psalmo subiunxit vitae aeternae suppetere praemim viro iusto. Denique ait: 'Beatus vir qui miseretur et commodat, disponet sermones suos in iudicio: quia in saeculum non commovebitur. In memoria aeterna erit iustus' [ibid. 5 - 7]. Et infra: 'Dispersit, dedit pauperibus, iustitia eius manet in aeternum' [ibid. 9].

7 Habet ergo vitam aeternam fides, quia fundamentum est bonum: habent et bona facta, quia vir iustus et dictis et rebus probatur. Nam si exercitatus sit in sermonibus, et desidiosus in operibus, prudentiam suam factis refellit: et gravius est scire quid facias, nec fecisse quod faciendum cognoveris. Contra quoque strenuum esse in operibus, affectu infidum, ita est ac si vitioso fundamento pulchra culminum velis elevare fastigia: quo plus exstruxeris, plus corruit; quia sine munimento fidei bona opera non possunt manere. Infida statio in portu navem perforat, et arenosum solum cito cedit, nec potest impositae aedificationis sustinere opera. Ibi ergo plenitudo praemii, ubi virtutum perfectio, et quaedam in factis atque dictis aequalitas sobrietatis.


Bearbeittung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2001/2002