Die religiös-ethisch begründete Beharrung der Juden beim Althergebrachten. Flavius Iosephus, Gegen Apion 2, 19 - 30.

Dt. Übersetzungdes griechischen Textes nach: Des Flavius Josephus kleinere Schriften (Selbstbiographie - Gegen Apion - Über die Makkabäer). Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Heinrich Clementz, Halle um 1901, S. 176 - 184.


II. 19. Dies vor allem [scil. die Eindeutigkeit, unbedingte Geltung und Allgemeinbekanntheit des göttlichen Gesetzes] hat die wunderbare Eintracht unter uns geschaffen. Denn eine und dieselbe Überzeugung von Gott haben, im Leben und in den Sitten sich nicht voneinander unterscheiden, das bringt die schönste sittliche Übereinstimmung unter den Menschen zustande. Wir sind die einzigen, bei denen man kenie sich widersprechenden Ansichten von Gott hört, wie solches vielfach bei anderen Völkern der Fall ist, wo oft nicht nur der gemeine Mann seine unsinnigen Eiafälle über die Gottheit verlauten lässt, sondern auch manche Philosophen das gleiche thun, indem die einen das Dasein Gottes überhaupt zu leugnen sich erkühnen, andere wenigstens seine Fürsorge für die Menschen in Abrede stellen. Auch in Bezug auf die Lebensweise sieht man bei uns keine Verschiedenheiten; vielmehr ist unser aller Thun ein gemeinsames, getragen von dem einheitlichen, dem Gesetz entsprechenden Bekenntuis, daß Gottes Auge alles sieht. Übrigens kann man die Ansicht, dass Gottesfurcht das Ziel sei, auf welches die übrigen Bestrebungen des Lebens hin arbeiten müssten, selbst aus dem Munde unserer Weiber und Sklaven vernehmen.

20. Daraus erklärt es sich auch, wie uns von manchen der Vorwurf gemacht werden konnte, wir hätten weder auf dem praktischen noch auf dem theoretischen Gebiet erfinderische Köpfe aufzuweisen. Andere Völker sehen einen Vorzug darin, daß man nicht beim Althergebrachten stehen bleibt, und wer am eifrigsten weiterzukommen trachtet, dem spricht man einen besonders hohen Grad von Weisheit zu ; wir dagegen halten nur den für klug und tugendhaft, der in seinem Tun und Denken mit den ursprünglichen gesetzlicheii Vorschriften überhaupt nicht in Widerspruch gerät. Das ist doch sicher ein Beweis für die Vortrefflichkeit der Bestimmungen unseres Gesetzes, wie umgekehrt die häufigen Änderungen anderer Gesetzgebungen deren Verbesserungsbedürftigkeit klar zutage treten lassen.

21. Weil wir nun überzeugt sind, daß das Gesetz gleich von Anfang an den Willen Gottes zum Ausdruck bringen sollte, würde es eine Gottlosigkeit sein, wenn wir in irgend einer Beziehung von ihm abwichen. Was möchte denn auch jemand daran ändern? Und was könnte er schöneres selbst erfinden oder besseres von anderen entlehnen? Etwa die Einrichtung des Gemeinwesens überhaupt? Wo aber fände sich eine vortrefflichere und vernünftigere Verfassung als die, welche Gott, den Lenker des Weltalls, an die Spitze stellt, den Priestern die gesamte Verwaltung des Staates überträgt und dem Hohepriester die ausschließliche Beaufsichtigung der übrigen Priester anvertraut. Die letzteren hat übrigens der Gesetzgeber gleich anfangs nicbt mit Rücksicht auf ihren Reichtum oder andere zufällige Vorzüge in ihr Ehrenamt eingesetzt, sondern er hat hauptsächlich denjenigen seiner Genossen, die sich durch Gehorsam und sittliche Kraft vor den anderen auszeichneten, den Gottesdienst zugewiesen. Sie wachten denn auch getreulich über dem Gesetz und den anderen Einrichtungen; denn die Priester führten ihrem Amt gemäss die Aufsicht über alle, richteten bei vorkommenden Streitigkeiten und bestraften die Verurteilten.

22. Wo wäre demnach eine gleich ehrwürdige Staatsverwaltung zu finden? Wo eine, die mit der Ehrfurcht gegen Gott in schönerem Einklang stände? Wenn alle Schichten des Volkes zur Frömmigkeit erzogen werden, wenn die Pflege der letzteren vornehmlich den Priestern anvertraut ist, sieht das nicht aus, als ob das gesamte öffentliche Leben eine einzige heilige Festfeier wäre? Was Fremde unter dem Namen Mysterien und Weihen in wenigen Tagen begehen, ohne es jedoch dauernd in ihrem Herzen bewahren zu können, daran halten wir mit jubelnder Freude und unverrückten Sinnes allzeit fest. Welcher Art sind nun die Gebote und Verbote im einzelnen? Vor allem sind sie einfach und fasslich. Das erste lehrt von Gott und zwar folgendermassen: Gott ist alles; er ist vollkommen und selig, sich selbst und allen genügend, Anfang, Mitte und Ende von allem. Offenbar durch seine Werke und Gnaden, erkennbar wie alles andere, ist er doch nach Gestalt und Grösse uns völlig unbekannt; denn kein Stoff, und wäre es der kostbarste, ist wert, dass sein Bild daraus verfertigt werde, keine Kunst vermag etwas zu ersinnen, das ihm gliche; etwas ihm ähnliches auch nur zu erdenken oder zu vermuten, ist hei uns schon sündhaft. Seine Werke schauen wir: Licht, Himmel, Erde, Sonne und Mond, die Gewässer, die stets sich erneuernden Tiergeschlechter, und die fruchttragenden Gewächse. Dies hat Gott gemacht, nicht mit Händen, nicht durch Arbeit, noch bedurfte er dazu einer fremden Beibilfe - sondern er wollte Gutes, und gut war es alsbald geschaffen. Diesem Gott müssen alle gehorchen, und in Tugendübung sollen sie ihn ehren; denn das ist der würdigste Gottesdienst.

23. Weil immer gleiches zu gleichem paßt, soll der eine Gott auch nur einen Tempel haben, der das gemeinsame Eigentum aller ist, wie sie alle denselben Gott verehren. Der Gottesdienst wird ohne Unterlaß von den Priestern besorgt, an deren Spitze jeweils der erste seiner Klasse steht. Er soll mit seinen Amtsgenossen Gott dem Herrn opfern, über dem Gesetz wachen, Zwistigkelten beilegen und die einer rechtswidngen Handlung Überführten bestrafen. Wer ihm nicht gehorcht, soll genau so büßen, als hätte er sich gegen Gott selbst vergangen. Die Opfer bringen wir übrigens nicht unter Fraß und Völlerei dar - was Gott mißfällig und nur ein Anlaß zur Zügellosigkeit und Verschwendung wäre -, sondern wir bleiben dabei vernünftig, anständig und nüchtern, damit die heilige Handlung durchaus würdevoll verlaufe. Während der Darbringung des Opfers beten wir vorschriftsmäßig zunächst für das Wohl des Gemeinwesens und dann erst für unser eigenes; denn wer jenes höher achtet als sein persönliches Interesse, an dem hat Gott sicherlich das größte Wohlgefallen. Bei der Anrufung Gottes im Gebet aber soll man nicht flehen, daß er uns das Gute beschere - denn aus eigenem Antrieb hat er es allen gegeben und angeboten -, sondern daß wir imstande seien, es aufzunehmen und bei uns zu bewahren. Außer der Darbringung von Opfern hat das Gesetz noch besondere Reinigungen vorgeschrieben nach einer Leichenbestattung, nach dem außerehelichen oder ehelichen Beischlaf und bei vielen anderen Anlässen, deren Aufzählung hier zu weit führen würde. Das also ist unsere Lehre von Gott und seinem Dienst, welche zugleich die Bedeutung eines Gesetzes hat.

24. Wie lauten die Bestimmungen über die Ehe? Das Gesetz erkennt nur den naturgemäßen Verkehr mit dem Weibe an, und zwar zum Zweck dei Kindererzeugung; den Beischlaf unter Männern verdammt es, und wer dieses Laster begeht, hat den Tod verwirkt. Heiraten darf man nicht um der Mitgift willen, auch keine gewaltsame Entführung oder listige Überredung dabei anwenden, sondern man soll um das Weib bei dem, der sie zu vergeben hat, anhalten, wofern die Verwandtschaft mit ihr dies gestattet. Das Weib, heißt es weiter, steht in jeder Beziehung unter deni Manne. Sie soll ihm daher untertan sein, nicht um von ihm Mißhandlungen erfahren zu müssen, sondern damit sie von ihm geleitet werde; denn Gott hat dem Manne die Herrschaft gegeben. Nur mit ihr darf er vertrauten Umgang pflegen ; eines anderen Gattin begehren, ist Sünde. Wer dies thut, ferner wer eine Jungfrau, die einem auderen verlobt ist, notzüchtigt oder eine Ehefrau verführt, der verfällt unbedingt der Todesstrafe. Die Kinder müssen, so will es das Gesetz, alle großgezogen werden. Den Weibern ist es verboten, die Leibesfrucht abzutreiben oder sonst zu vernichten; wird eine dabei ertappt, so soll sie als Kindsmörderin angesehen werden, weil sie ein Leben im Keime erstickt und die Nachkommenschaft verringert hat. Wenn jemand einen außerehelichen Beischlaf vollzogen oder eine Schändung begangen hat, kann er nicht für rein gelten; aber auch nach der rechtmäßigen Begattung zwischen Mann und Frau gebietet das Gesetz eine Waschung. Denn in der Seele wie im Leibe entsteht dadurch eine Befleckung, als wenn die Seele in eine niedrigere Sphäre versenkt würde. Überhaupt leidet die Seele durch ihre enge Verbindung mit dem Körper, weshalb sie sich auch wieder von ihm löst, nämlich im Tode. Aus diesem Grunde hat das Gesetz in allen derartigen Fällen Reinigungen angeordnet.

25. Zur Feier der Geburt von Kindern Schmausereien zu veranstalten und dadurch Anlaß zur Völlerei zu geben, ist untersagt; vielmehr soll die Erziehung schon gleich im Anfang Mäßigung predigen. Ferner besteht die Vorschrift, die Kinder lesen zu lehren, ihnen die Kenntnis der Gesetze beizubringen und sie über die Taten der Vorfahren zu unterrichten, damit sie diese nachahmen und mit den Gesetzen von Jugend auf so vertraut werden, daß sie vor Übertretungen bewahrt bleiben uiid auch keine Unkenntnis vorschützen können.

26. Die den Verstorbenen zu erweisenden letzten Ehren erblickt das Gesetz weder in prunkvoller Bestattung noch darin, daß man ihnen glänzende Denkmale setzt, sondern es sollen nur die nächsten Angehörigen ein einfaches Leichenbegänguis halten. Eine weitere gesetzliche Bestimmung lautet dahin, daß alle, die einem Leichenzug begegnen, ihn begleiten und an der Trauer teilnehmen müssen; das Haus aber, in dem die Leiche gelegen hat, soll mitsamt seinen Bewohnern gereinigt werden, damit es einem etwaigen Mörder recht zum Bewußtsein komme, wie sehr er sich veunreinigt habe.

27. Die Verpflichtung, den Eltern mit Ehrfurcht zu begegnen, stellt das Gesetz unmittelbar hinter die Pflichten gegen Gott. Wer die Liebe, die er von ihnen empfing, nicht erwidert und irgend eine Ausschreitung gegen sie begeht, der soll gesteinigt werden. Auch sollen überhaupt die älteren Leute von den jüngeren geehrt werden, weil Gott das älteste Wesen ist. Vor Freunden darf man nichts geheim halten; denn wo kein vollkommenes Vertrauen bestehe, sei von echter Freundschaft nicht die Rede. Wenn einmal zwischen Freunden eine Zwistigkeit ausbricht, soll man doch die Geheimnisse nicht verraten. Ein Richter, der Geschenke annimmt, ist des Todes schuldg. Wer einen um Hilfe Flehenden unerhört läßt, obwohl er ihm beizustehen vermag, begeht ein Verbrechen. Was einer dem anderen nicht in Verwahr gegeben hat, darf er ihm auch nicht nehmen; überhaupt soll niemand fremdes Eigentum anrühren, und niemand für Darlehen einen Zins fordern. Diese und noch viele derartige Bestimmungen halten das auf gegenseitigen Verptlicbtungen beruhende Gesellschaftsleben bei uns aufrecht.

28. Bemerkenswert ist aber auch die Art, wie der Gesetzgeber über das pflichttgemäße Verhalten gegen Fremde gedacht hat. Es wird sich nämlich zeigen, wie er aufs allerbeste dafür sorgte, daß einerseits unser heimisches Leben nicht verdorben würde und anderseits diejenigen, die sich daran anzuschließen wünschten, keine abstossende Behandlung erführen. Denn alle, die zu uns kommen und nach unseren Gesetzen leben wollen, müssen wir freundlich aufnehmen, weil nicht bloß die Zugehörigkeit zum selben Stamme, sondern auch gemeinsame Lebensgrundsätze eine Verwandtschaft bedingen können. Zu denen aber, die nur zufällig und vorübergehend mit uns in Verkehr treten, dürfen wir keine vertrauten Beziehungen unterhalten.

29. Im übrigen ist es uns zur strengen Pflicht gemacht, stets hilfreiche Hand zu leisten. So müssen wir jedem, der dessen bedarf, Wasser, Feuer, Nahrung verabfolgen, ihm den Weg zeigen, ihn nicht unbeerdigt liegen lassen. Mild soll auch das Verfahren gegen die Feinde im Kriege sein. Der Gesetzgeber verbietet nämlich, ihr Land mit Feuer zu verwüsten, und gestattet auch das Fällen der Obstbäume nicht; ja, selbst die Plünderung der in der Schlacht Gefallenen ist untersagt. Kriegsgefangene zumal solche weiblichen Geschlechtes, will er vor Mißhandlung geschützt wissen. Uberhaupt hat er uns Sanftmut und Nächstenliebe so sehr zur Pflicht gemacht, daß er sogar der unvernünftigen Tiere nicht vergaß. Denn er gestattet nur den rechtmäßigen Gebrauch derselben und hat jeden anderen untersagt. Tiere, die wie schutzflehend in Häuser sich flüchten, verbot er umzubringen; mit jungen Vögeln auch die alten aus dem Nest zu nehmen, erlaubt er nicht; arbeitende Tiere sollen auch in Feindesland geschont und nicht geschlachtet werden. So hat er in jeder Beziehung sein Augenmerk auf Milde gerichtet, indem er die genannten Gesetze im Tone freundlicher Belehrung gab. Anderseits aber setzte er auch schwere Strafen fest, die an den Übertretern unnachsichtig zu vollstrecken seien.

30. Für die meisten Vergehen nämlich bestimmte er die Todesstrafe, z.B. für Ehebruch, Mädchenschändung, den Versuch, mit Männern widernatürliche Unzucht zu treiben, und für das Eingehen auf einen solchen Versuch. Auch die Knechte stehen unter demselben unerbittlichen Gesetz. Ferner wird bestraft - und zwar nicht so mild wie bei anderen, sondern weit strenger -, wer falsches Maß und Gewicht verwendet, wer im Handel übervorteilt und sich hinterlistiger Kniffe bedient, wer fremdes Eigentum wegnimmt und anvertrautes Gut nicht herausgibt. Mißhandelt jemand seine Eltern oder begeht er einen Frevel gegen Gott, so wird er, auch wenn die Tat nicht völlig zur Ausführung gekommen ist, augenblicklich hingerichtet. Diejenigen hingegen, welche das Gesetz in allen Punkten befolgen, erhalten zur Belohnung nicht Silber und Gold, auch keinen Kranz aus Öl- oder Eppichzweigen oder eine andere Auszeichnung dieser Art, sondern ein jeder von ihnen begnügt sich mit dem Zeugnis, das sein eigenes Gewissen ihm ausstellt, und glaubt auf die durch Gott als wahr bekräftigten Verheissungen des Gesetzgebers hin, daß denen, die das Gesetz treu beobachten und, wenn es sein muß, mit Freuden für dasselbe in den Tod gehen, von Gott immer wieder ein neues Dasein und ein besseres Leben beschert wird. Ich würde es nicht über mich gewinnen, diese Dinge hier zu erwähnen, wenn es nicht allbekannte Tatsache wäre, daß schon zu wiederholten Malen viele der Unseren mit Starkmut das äußerste erduldeten, um nur ja kein Wort gegen das Gesetz aussprechen zu müssen.

31. Nehmen wir nun an, unser Volk wäre nicht so allgemein bekannt, wie es jetzt ist, und man wüßte nichts von unserm Gehorsam gegen die Gesetze, sondern es würde jemand diese Gesetze unter dem Vorgeben, er habe sie verfaßt, den Griechen vorlesen oder sagen, jenseits der bekannten Erde habe er Menschen getroffen, die eben diese erhabene Ansicht von Gott hegten und eben solche Gesetze seit Jahrhunderten treu beobachteten, würden da nicht alle im Hinblick auf die bei ihnen selbst so häufigen Veränderungen in Erstaunen geraten? ...


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)