Stoisch geprägte Religiosität bei Marc Aurel (Wege zu sich selbst, 9, 1 - 8).

Deutsche Übersetzung nach: Marc Aurel, Wege zu sich selbst. Griechisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel, Düsseldorf, Zürich 1998, S. 213 - 219.


1. Wer Unrecht tut, handelt ohne Ehrfurcht vor den Göttern. Denn da die Natur des Weltganzen die vernunftbegabten Lebewesen füreinander geschaffen hat, damit sie für einander nützlich seien, wie es sich gehört, sich aber keinesfalls gegenseitig schädigen, handelt jeder, der den Willen der Natur nicht vollzieht, ohne Zweifel gegen die Gottheit, die höchste Verehrung verdient.

Auch wer lügt, frevelt gegen dieselbe Gottheit. Denn die Natur des Weltganzen [griech. 'toon holoon physis'] ist die Natur des Seienden [griech. 'ontoon physis'], das Seiende [griech. 'onta'] aber ist mit allem Vorhandenen [griech. 'hyparchonta'] eng verwandt. Darüber hinaus wird sie [scil. die Natur des Weltganzen] aber auch Wahrheit [griech. 'aleetheia'] genannt und ist die erste Ursache alles Wahren. Wer also mit Absicht lügt, der frevelt, indem er durch Betrug Unrecht tut. Wer aber unfreiwillig lügt, frevelt, insofern er sich in einen Gegensatz zur Natur des Weltganzen bringt und nicht im Sinne des Kosmos handelt, weil er gegen die Natur des Kosmos ankämpft. Denn jeder kämpft gegen die Natur an, der aus eigenem Antrieb in eine Richtung geht, die nicht zur Wahrheit führt. Denn er hatte von der Natur im voraus Mittel erhalten, die er unbeachtet ließ, und deshalb ist erjetzt nicht in der Lage, das Falsche vom Wahren zu unterscheiden.

So frevelt denn auch jeder, der dem, was Lust und Glück bringt [griech. 'hedone'], hinterherläuft, als ob sie etwas Gutes seien, und die Schmerzen meidet, als ob sie etwas Schlimmes seien. Denn es kann nicht ausbleiben, daß ein solcher Mensch die gemeinsame Natur häufig tadelt, weil sie den Schlechten und den Guten etwas zuteile, was im Gegensatz zu dem stehe, was recht und billig sei, weil die Schlechten oft in Freuden lebten und die Mittel des Lustgewinns erwerben könnten, die Guten aber in Leid und Unglück gerieten. Außerdem wird derjenige, der die Schmerzen fürchtet, irgendwann auch etwas von dem fürchten, was im Kosmos geschehen wird. Aber schon das ist gottlos. Wer den Lüsten nachrennt, wird sich vor dem Unrechttun nicht bewahren können. Das aber ist offensichtich gottlos. Die Dinge, die der allgemeinen Natur gleichgültig sind - denn sie würde nicht beides hervorbringen, wenn ihr nicht beides gleichgültig wäre -, müssen diejenien, die der Natur folgen wollen, weil sie mit ihr übereintimmen, auch als gleichgültig hinnehmen. Wem also Schmerz und Lust oder Tod und Leben oder Ruhm und Ruhmlosigkeit, womit die Natur des Weltganzen umgeht, ohne einen Unterschied zu machen, selbst nicht gleichgültig sind, der handelt ganz offenkundig gottlos.

Mit meiner Feststellung, daß die allgemeine Natur diese Dinge gebraucht, ohne einen Unterschied zu machen, meine ich, daß sie ohne Unterschied eintreten, und zwar in Verbindung mit allem, was zunächst geschieht und was darauf folgt, und zwar aufgrund eines ursprünglichen Anstoßes der Vorsehung, mit dem sie von einem bestimmten Anfang aus diese Weltschöpfung in Angriff nahm, nachdem sie bestimmte Vorstellungen von der Zukunft entwickelt und die zeugenden Wirkkräfte entsprechender Voraussetzungen, Veränderungen und Folgeerscheinungen ausgelöst hatte.

2. Es dürfte einem besonders feinen und sittlich hochstehenden Menschen naheliegen, die Welt zu verlassen, ohne jemals mit einer Lüge, mit jeder Art von Verstellung, mit übertriebenem Luxus und Aufgeblasenheit zu tun gehabt zu haben. Von diesen Dingen angewidert zu sterben, ist nur der zweitbeste Weg. Oder stellst du es dir als annehmbar vor, bei der üblichen Schlechtigkeit zu bleiben, und veranlaßt dich nicht einmal die Erfahrung, dieser Pest zu entfliehen? Die Zerstörung der Vernunft ist nämlich in viel höherem Maße eine Pest als die bei Epidemien eintretende tödliche Mischung und Veränderung der uns umgebenden Atemluft. Denn das eine ist eine Pest für die Lebewesen, insofern sie Lebewesen sind. Dasandere aber ist eine Pest für die Menschen, insofern sie Menschen sind.

3. Verachte nicht den Tod, sondern habe deine Freude an ihm, da auch er etwas von dem ist, was die Natur will. Denn wie das Jungsein, das Älterwerden, das Wachsen und Blühen, das Zähnebekommen, das Wachsen des Bartes, das Grauwerden, das Zeugen, Schwangersein, Gebären und die übrigen natürlichen Vorgänge geschehen, die die Jahreszeiten deines Lebens mit sich bringen, so geschieht eben auch die Auflösung. Also entspricht es dem Wesen eines vernunftbestimmten Menschen, daß er weder ganz versessen auf den Tod ist noch ungestüm nach ihm verlangt noch hochmütig mit ihm umgeht, sondern ihn erwartet als einen natürlichen Vorgang. Und wie du jetzt darauf wartest, wann endlich das Kind aus dem Leib deiner Frau herauskommt, so mußt du auch auf die Stunde warten, in der deine Seele aus dieser Hülle herausfallen wird. Wenn du aber eine gewöhnliche, herzergreifende Regel wünscht: Am ehesten wirst du dich mit dem Tod befreunden, wenn du die Dinge betrachtest, von denen du dich trennen mußt, und dir die Charaktere vor Augen führst, mit denen deine Seele nicht mehr in Berührung kommen wird. Denn zwar darfst du dich keinesfalls an ihnen stoßen, sondern mußt dich um sie kümmern und sie mit Nachsicht ertragen, aber du darfst auch daran denken, daß du dich von Menschen trennen wirst, die überhaupt nicht dasselbe wollen und denken wie du. Denn nur dies allein, wenn überhaupt irgendetwas, würde dich zurückhalten und im Leben festhalten, wenn es möglich wäre: mit Menschen zusammenzuleben, die mit dir im geistigen Einklang sind. Jetzt aber siehst du, wie sehr du dich im Mißklang des Zusammenlebens zermürbst. Deshalb sage dir: "Komm schneller, Tod, damit ich mich nicht auch noch selbst unerträglich finde."

4. Wer einen Fehler macht, macht ihn zu seinem eigenen Schaden. Wer Unrecht tut, tut sich selbst Unrecht an, indem er sich etwas Böses antut.

5. Oft tut derjenige Unrecht, der etwas nicht tut, nicht aber derjenige, der etwas tut.

6. Es genügen [scil. für richtiges Handeln] das jeweils vorhandene Auffassungsvermögen, das Bewußtsein der jeweiligen Gemeinsamkeit mit anderen und eine gegenüber allem, was aufgrund einer äußeren Veranlassung geschieht, sich jeweils positiv einstellende Seelenverfassung.

7. Die Einbildung fortwischen, die drängenden Bedürfnisse sich setzen lassen, die allzu weit reichenden Ziele aufgeben, das leitende Prinzip der Seele in seiner Gewalt haben!

8. Die vernunftlosen Wesen haben eine einzige Seele gemeinsam, und auch die vernünftigen Wesen haben eine einzige Seele gemeinsam, wie es auch nur eine Erde gibt, aus der alles Irdische besteht, und wir mit Hilfe eines einzigen Lichtes sehen und eine Luft atmen, soweit wir alle zum Leben befähigte und beseelte Wesen sind.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2001/2001