Alte Religion als ethisches System gegenwärtiger Orientierung. Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia, Buch 1.

Deutsche Übersetzung nach: Valerius Maximus. Facta et dicta memorabilia. Denkwürdige Taten und Worte. Lateinisch - Deutsch. Auswahl, Übersetzung, Erklärungen und Register von Ursula Sangmeister, Stuttgart 1991, S. 6 - 31. - Größere Kürzungen und Fortlassung des lateinischen Textes (d. Hg.)


[Einleitung zum Gesamtwerk]

Ich habe mich entschlossen, denkwürdige Taten und Worte von Römern und Angehörigen fremder Völker, die bei anderen zu verstreut abgehandelt sind, als daß sie schnell überblickt werden könnten, aus den Werken berühmter Schriftsteller auszuwählen und zusammenzustellen, um denen, die Beispiele verwenden wollen, die Mühe langen Suchens zu ersparen. Aber es hat mich dabei nicht der Wunsch geleitet, vollständig zu sein: Wer nämlich ware in der Lage, alle Ereignisse der Vergangenheit in wenigen Schriftrollen darzustellen? Oder wer könnte, wenn er bei Verstand ist, hoffen, die früheren Autoren, welche die Abfolge der in- und ausländischen Geschichte stilistisch glänzend aufzeigten, durch größere Genauigkeit und treffendere Sprache zu überbieten? Also bitte ich bei diesem Werk dich, Caesar, Heil und Schutz des Vaterlandes, um deinen Beistand; in deinen Händen liegt nach übereinstimmendem Willen der Götter und der Menschen die Herrschaft zu Wasser und zu Lande; dank deiner göttlichen Fürsorge werden die Tugenden, von denen ich sprechen will, gütigst gehegt und gepflegt, die Laster jedoch strengstens bestraft: denn wenn die früheren Redner zu Recht mit luppiter Optimus Maximus begannen, wenn die größten Dichtet sich auf irgendeine Gottheit beriefen, so wird sich meine bescheidene Person mit um so größerer Berechtigung an deine Gunst wenden dürfen; denn die übrigen Götter lassen sich nur in der Vorstellung erfassen, deine Göttlichkeit jedoch zeigt sich vor unseren Augen und erscheint dem Gestirn deines Vaters und Großvaters ebenbürtig, durch deren außergewöhnlichen Glanz unsere religiösen Bräuche in helles Ruhmeslicht getaucht wurden: die anderen Götter nämlich haben wir von anderen übernommen, doch die Caesaren haben wir geschaffen. Und da ich vorhabe, mit der Götterverehrung zu beginnen, will ich kurz deren Grundlagen behandeln.

[I. Über römische Religionstradition]

(1) Nach dem Willen unserer Vorfahren sollten die festen feierlichen Gebräuche von den auf diesem Gehiet bewanderten Priestern geregelt, die Beurteilung, ob eine Angelegenheit erfolgreich durchgeführt werden könne, auf die Beobachtung der Auguren gestützt, die Weissagungen Apolls mit Hilfe der prophetischen Bücher gedeutet und die Abwehr unheilverkündender Wunder nach der etruskischen Regel durchgeführt werden. Ebenfalls nach altem Brauch bedient man sich bei der Religionsausübung folgender Formen: des Gebets, wenn den Göttern etwas empfohlen werden soll; des Gelübdes, wenn man etwas erwirken will; der Danksagung, wenn man etwas abzutragen hat; der Bitte um günstige Vorzeichen, wenn man mit Hilfe der Eingeweideschau oder von Losen etwas erkunden will; wenn etwas nach feierlichem Brauch durchzuführen ist, des Opfers, mit dem auch die Erscheinungen böser Wunderzeichen und Blitze gesühnt werden.

So großen Wert aber legten unsere Vorfahren darauf, die religiösen Vorschriften nicht nur einzuhalten, sondern auch zu vermehren, daß sie damals, als Rom in der Blüte seines Reichtums und seiner Macht stand, nach einem Senatsbeschluß zehn Söhne aus den angesehensten Familien zu den einzelnen Volksstämmen Etruriens schickten, damit sie die religiösen Rituale lernten; außerdem holten sie aus Velia, obwohl diese Stadt noch nicht das römische Bürgerrecht erhalten hatte, eine Priesterin namens Calliphana für den Kult der Ceres, die sie nach griechischer Sitte zu verehren begonnen hatten, damit die Göttin nicht auf eine in den alten Bräuchen erfahrene Leiterin ihres Kultes verzichten musse.

Obgleich sie in Rom einen prächtigen Ceres-Tempel hatten, sandten sie - während des Gracchenaufstands waren sie von den Sibvllinischen Büchern aufgefordert worden, die älteste Ceres zu versöhnen - das Zehn-Männer-Kollegium nach Henna, um die Göttin gnädig zu stimmen; man glaubte nämlich, ihr Kult habe von dort seinen Ursprung genommen. Ebenso begaben sich unsere Feldherrn nach einem Sieg oftmals nach Pessinus und erfüllten die Gelübde, die sie der Mater deum geleistet hatten....

(8) Es ist folglich nicht erstaunlich, wenn die Götter mit nie nachlassendem Wohlwollen immer auf die Ausdehnung und den Schutz dieses Staates bedacht waren, in dem offenbar mit so gewissenhafter Sorgfalt auch unbedeutende Details des Kultes bedacht wurden, weil es von unserer Bürgerschaft niemals heißen sollte, sie habe die genaueste Befolgung religiöser Bräuche außer acht gelassen. Als M. Marcellus - er war zum fünften Male Konsul und hatte zuerst Clastidium, dann Syrakus eingenommen - in Rom für den Honos und die Virtus pflichtgemäß einen Tempel stiften wollte, wie er es gelobt hatte, wurde er vom Priesterkollegium daran gehindert: Es brachte vor, korrekterweise dürfe nicht eine Kapelle zwei Gottheiten geweiht werden; man werde nämlich, wenn sich dort irgendein Wunder zeige, nicht entscheiden können, für welche Gottheit ein Gottesdienst abgehalten werden müsse; ferner sei es nicht üblich, gleichzeitig zwei Göttern, von bestimmten abgesehen, Opfer zu bringen. Auf Grund dieser priesterlichen Belehrung stellte Marcellus die Bilder des Honos und der Virtus in gesonderten Tempeln auf, und weder hinderte das Ansehen des hochberühmten Mannes das Priesterkollegium noch die erhöhten Kosten den Marcellus daran, die religiösen Prinzipien in der rechten Weise einzuhalten. ...

(12) Sehr gewissenhaft achteten unsere Vorfahren auch damals, als P. Cornelius [Cethegus] und Baebius Tamphilus Konsuln waren, auf die Wahrung der religiösen Tradition. Als nämlich Landarbeiter auf dem Grundstück des Schreibers L. Petilius unterhalb des Ianiculum ziemlich tief gruben, stießen sie auf zwei steinerne Truhen. Die Inschrift auf der einen besagte, es handele sich um den Leichnam des Numa Pompilius. In der anderen befanden sich sieben lateinische Bücher über das Priesterrecht und ebenso viele griechische über ein philosophisches Lehrsystem. Unsere Vorfahren ließen die lateinischen Bücher sehr sorgfältig aufbewahren; der städtische Prätor Q. Petilius verbrannte jedoch, dem Willen des Senats entsprechend, die griechischen Bücher, da sie, wie man meinte, in gewisser Hinsicht die Religion angreifen könnten, vor den Augen des Volkes auf einem Scheiterhaufen, den die Opferdiener errichtet hatten: Die Männer der Vorzeit wollten nämlich in dieser Stadt nichts aufbewahren, was die Menschen dazu bringen könnte, sich von der Götterverehrung abzuwenden. ...

(14) Aber was die Einhaltung der religiösen Vorschriften betrifft, so hat wohl M. Atilius Regulus alle übertroffen. Dem zunächst ruhmgekrönten Sieger wurde dadurch, daß ihm Hasdrubal und der lakedaimonische Heerführer Xanthippos eine hinterhältige Falle stellten, das klägliche Los eines Kriegsgefangenen zuteil; man schickte ihn als Gesandten zum römischen Volk und Senat, um im Austausch gegen ihn, einen einzelnen alten Mann, die Freilassung mehrerer junger Punier zu erwirken. Er selbst riet von diesem Angebot ab und begab sich nach Karthago, obwohl er genau wußte, wie grausam die Leute waren, zu denen er zurückkehrte, und wie berechtigt ihr Haß auf ihn war. Er hatte ihnen aber geschworen, er werde, wenn ihre Gefangenen nicht zurückgegeben würden, zu ihnen zurückkommen. Freilich hätten die unsterblichen Götter deren wilde Grausamkeit mildern können Damit jedoch Atilius Ruhm umso heller erstrahle, erlaubten sie den Karthagern, gemäß ihrem Charakter zu handeln, und im Dritten Punischen Krieg sollten diese dann mit dem Untergang ihrer Stadt die gerechte Strafe für ihre Grausamkeit gegenüber Atilius, der sich überaus pflichtbewußt verhalten hatte, erleiden.

(15) Viel verehrungswürdiger handelte der Senat unserer Stadt gegenüber den Göttern. Nach der Niederlage bei Cannae setzte er fest, daß die Frauen nicht länger als 30 Tage Trauer trügen, damit sie die Ceres-Opfer durchführen könnten; denn weil fast mehr als die Hälfte der römischen Soldaten auf dem fluchbedeckten, unheilvollen Boden ihr Leben gelassen hatten, war kein Haus ohne Trauer. Daher wurden die Mütter und Töchter, die Ehefrauen und Schwestern, nachdem sie ihre Tränen über die gerade Erschlagenen getrocknet und die Zeichen der Trauer abgelegt hatten, dazu gezwungen, weiße Kleider anzuziehen und den Altären Weihrauch zu spenden. Durch diese standhafte Einhaltung der religiösen Pflichten wurden aber die Götter sehr beschämt und scheuten sich, noch weiter gegen das Volk zu wüten, das nicht einmal durch die Erfahrung bitteren Unrechts davon abgeschreckt werden konnte, sie zu ehren. ...

[Ein auswärtiges Beispiel religiös und moralisch frevelhaften Verhaltens].

(3) ... Der in Syrakus geborene Dionysios hatte seine Freude daran, seine so zahlreichen Tempelräubereien, die wir nun betrachten werden, mit witzigen Worten zu kommentieren. Nach der Plünderung des Proserpina-Heiligtums in Lokroi sagte er, als er bei günstigem Wind mit seiner Flotte übers hohe Meer segelte, lachend zu seinen Freunden: "Seht ihr, eine wie gute Fahrt die unsterblichen Götter selbst Tempelräubern bescheren?" Nachdem er sogar dem olympischen luppiter einen goldenen Umhang von beträchtlichem Gewicht, mit dem ihn der Tyrann Gelon aus der Beute der Karthager geschmückt hatte, weggenommen und ihm einen wollenen Mantel umgehängt hatte, sagte er, im Sommer sei ein goldener Umhang drückend, im Winter kalt, aber ein Wollmantel sei für beide Jahreszeiten recht gut geeignet. Derselbe Dionvsios ließ in Epidauros dem Aeskulap seinen goldenen Bart abnehmen, weil er behauptete, es gehöre sich nicht, daß sich sein Vater Apoll bartlos, er selber aber bärtig zeige. Derselbe Mann entwendete aus den Heiligtümern silberne und goldene Tische; und weil auf ihnen, wie in Griechenland üblich, zu lesen war, sie seien Eigentum der guten Götter, erklärte er, er selbst werde sich ihrer Güte bedienen. Er schleppte auch goldene Statuen der Victoria, Opferschalen und Kränze weg, welche die Standbilder in ihren ausgestreckten Händen hielten, und sagte, er habe sie erhalten, nicht fortgenommen. Als Grund dafür gab er an, es sei überaus dumm, Gaben von denen, die man doch darum bitte, nicht nehmen zu wollen, wenn sie sie selbst anböten. Auch wenn Dionysios nicht die ihm gebührenden Strafen verbüßte, ereilte ihn dennoch im Tode durch die Schande seines Sohnes die Bestrafung, der er zu seinen Lebzeiten entronnen War: Mit langsamem Schritt nämlich schreitet der göttliche Zorn zu seiner Rache und gleicht deren verspätetes Eintreffen durch die Schwere der Strafe aus.

[V. Die traditonelle religiöse Bedeutung von Vorzeichen]

(1) Auch die Beachtung von Vorzeichen ist in gewisser Hinsicht mit der Religion verknüpft weil man ja glaubt, daß sie nicht zufällig, sondern aufgrund göttlicher Vorhersehung auftreten. Diese ließ, als nach der Zerstörung Roms durch die Gallier die Senatoren überlegten, ob sie nach Veji auswandern oder ihre Stadtmauern wieder aufbauen sollten, zufällig in diesem Augenblick Kohorten von der Wache zurückkommen und ihren Hauptmann auf dem Komitium ausrufen: "Fahnenträger, pflanzt das Feldzeichen auf, hier können wir sehr gut bleiben." Nachdem aber der Senat diese Außerung gehört hatte, erklärte er, er nehme sie als gutes Omen, und gab den Plan, nach Veji zu ziehen, sofort auf. Durch wie wenige Worte wurde über den Platz des künftigen Weltreichs entschieden! Meiner Überzeugung nach hielten es die Götter für unwürdig, daß der unter günstigsten Auspizien geborene Name Roms nach der Stadt Veji umbenannt werde und sich die Ehre eines ruhmreichen Sieges über die Trümmer der vor kurzem gedemütigten Stadt ergieße.

[VI. Die traditionelle religiöse Bedeutung von Wunderzeichen und ihre Aktualisierung für die Politik]

Auch eine Darstellung von Wunderzeichen, die entweder Glück oder Unglück bedeuteten, soll in meinem Werk einen Platz haben.

(1) Als Servius Tullius noch sehr klein war und gerade schlief, sah die Familie um seinen Kopf eine Flamme leuchten. Dies Wunderzeichen erstaunte Tanaquil, die Ehefrau des Königs Ancus Maretus, und sie erzog den Knaben, obwohl seine Mutter eine Sklavin war, wie ihren eigenen Sohn und brachte ihn auf den Königsthron. ...

(13) Göttlicher Iulius, ich, der ich deine Altäre und hochheiligen Tempel verehrte, bitte dich: Laß in deiner wohlwollenden Güte das Unglück so bedeutender Männer unter dem Schirm und Schutz deines Beispiels verblassen. Denn wir wissen: An dem Tag, an dem du dich im purpurnen Gewand auf dem goldenen Sessel niedersetztest - du wolltest nämlich nicht den Anschein erwecken, die Ehre, die dir der Senat mit höchstem Eifer zugedacht und erwiesen hatte, gering zu achten - widmetest du dich zuerst dem Dienst an den Göttern, zu denen du bald selbst gehören solltest. Erst dann wolltest du dich den Augen deiner Mitbürger, die es sehnlich danach verlangte, zeigen. Nachdem ein fettes Rind geschlachtet worden war, fandest du in seinen Eingeweiden kein Herz, und der Opferschauer Spurinna sagte dir, dies Zeichen betreffe dein Leben und dein Planen, da beides seinen Sitz im Herzen habe. Dann kam es zu dem Mord durch die Männer, die dich, während sie dich den Menschen wegnehmen wollten, zu einem Gott machten. ...

[VII. Die traditionelle religiöse Bedeutung von Träumen, auch für die aktuelle Politik]

(1) ... Nun will ich berichten, welch bedeutungsvolle Bilder sich vielen Menschen im Traum zeigten. Wie könnte ich besser beginnen als mit der geheiligten Erinnerung an den göttlichen Augustus? Seinem Arzt Artonus erschien in der Nacht vor der Schlacht bei Philippi, in der römische Heere aufeinandertrafen, im Schlaf die Gestalt Minervas und trug ihm auf, Augustus, der ernstlich erkrankt war, aufzufordern, trotz seines schlechten Gesundheitszustands an dem bevorstehenden Gefecht teilzunehmen. Als Caesar dies vernommen hatte, ließ er sich in einer Sänfte in die Schlacht tragen. Während er sich dort mehr, als es seine körperliche Verfassung erlaubte, dafür einsetzte, den Sieg zu erringen, wurde sein Lager von Brutus eingenommen. Müssen wir also nicht annehmen, daß dies nach göttlichem Willen geschah, damit er, der schon für die Unsterblichkeit bestimmt war, nicht einem Schicksalsschlag zum Opfer fiel, der seines göttlichen Wesens unwürdig gewesen wäre? ...

[VII. Über Wunder]

(2) Aber nun will ich davon berichten, wie sich auch die übrigen Götter dieser Stadt gegenüber gnädig zeigten. Drei Jahre lang wurde unsere Stadt von einer Seuche heimgesucht; als man sah, daß weder göttliche Barmherzigkeit noch menschliches Eingreifen diesem so schlimmen, langdauernden Übel ein Ende machte, stellten die Priester beim sorgfältigen Studium der Sibyllinischen Bücher fest, daß der frühere Gesundheitszustand erst dann wieder hergestellt werden könne, wenn man aus Epidauros (den Gott) Aesculap herbeigeholt hätte. Daher wurden Gesandte dorthin geschickt, da man glaubte, man könne aufgrund des Ansehens, das die Römer schon weit und breit auf Erden genossen, die Hilfe bekommen, die vom Schicksal als einziges Mittel gegen die Seuche vorgesehen war. Und die Hoffnung trog nicht: Beistand wurde nämlich mit gleichem Eifer erbeten und versprochen: Unverzüglich führten die Bewohner von Epidauros die römischen Gesandten in den Aesculap-Tempel, der von ihrer Stadt 5000 Schritt entfernt liegt, und forderten sie mit größter Freundlichkeit auf, von dort alles mitzunehmen, was ihnen für ihre Vaterstadt von Nutzen erscheine, und dies als ihr Eigentum zu betrachten. Der Gott selbst schloß sich ihrer prompten Hilfsbereitschaft an und gab den Worten der Menschen seine himmlische Zustimmung: denn die Schlange, die sich in Epidauros selten, aber immer zum Guten der Bevölkerung gezeigt und die man wie Aesculap verehrt harte, kroch mit sanftem Blick langsam durch die belebtesten Teile der Stadt. Und nachdem alle die Schlange drei Tage lang mit andächtiger Bewunderung hatten ansehen können, zeigte sie offen ihren Wunsch nach einem berühmteren Aufenthaltsort und glitt zum römischen Dreidecker, kroch dort auf das Schiff, wo sich die Kajüte des Gesandten Q. Ogulnius befand, und rollte sich in vielfältigen Windungen ganz ruhig zusammen. Die Seeleute erstarrten angesichts dieses ungewohnten Schauspiels vor Schreck. Daraufhin statteten die Gesandten, die ihr Ziel erreicht zu haben glaubten, ihren Dank ab, ließen sich von den Experten über den Kult der Schlange unterrichten und lichteten froh die Anker; als sie nach glücklicher Fahrt in Antium gelandet waren, glitt die Schlange, die immer im Schiff geblieben war, in die Vorhalle des Aesculap-Tempels und wickelte sich um eine auffällig hohe Palme, die dort einen breitverzweigten, dichten Myrtenbaum überragte. Man legte ihr Speisen hin, von denen sie sich üblicherweise ernährte, und sie blieb drei Tage lang im Tempel von Antium, was die Gesandten fürchten ließ, sie wolle von dort nicht mehr auf den Dreidecker zurückkehren. Danach jedoch kam sie wieder, um sich in unsere Stadt bringen zu lassen; und als die Gesandten das Tiberufer betreten hatten, schwamm sie auf die Insel, wo man ihr einen Tempel weihte, und vertrieb mit ihrer Ankunft das Unglück, dessentwillen man ihren Beistand gesucht hatte. ...

(7) Ich will nun von etwas berichten, was zu seiner Zeit bekannt war und auf spätere Generationen überliefert wurde: Aeneas brachte die Penaten aus Troja mit und stellte sie in Lavinium auf; von dort wurden sie von dessen Sohn Ascanius nach Alba, seiner eigenen Stadtgründung, gebracht und gelangten dann erneut in ihr früheres Heiligtum. Und weil man glauben konnte, daß dies durch Menschenhand geschehen war, wurden sie nach Alba zurückgebracht. Nun verdeutlichten sie ihren Willen durch ein abermaliges Übersiedeln [scil. nach Lavinium]. Allerdings weiß ich sehr wohl, wie Aktionen und Worte der unsterblichen Götter, gebunden an menschliche Wahrnehmung, mit Skepsis beurteilt werden. Aber da ich nichts Neues berichte, sondern mich an die Überlieferung halte, liegt die Verantwortung für den Wahrheitsgehalt bei den jeweiligen Schriftstellern. Meine Position ist es das, was in berühmten Schriftwerken verzeichnet ist, als Wahrheit anzuerkennen und nichts auszusparen.


Bearbeittung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2001/2002