Moralische und ethische Tradionen aus der Antike im Sprichwort.

Zusammenstellung: Christian Gizewski.

1) EIGENES LEBEN UND HÖHERE WERTE.

a 1) Das Leben ist der Güter höchstes nicht. (Friedrich v. Schiller, Die Braut von Messina, 1803, 4. Aufzug, letzter Auftritt)

a 2) Der höchste Grad der Tugend liegt in einer gänzlichen Uneigennützigkeit, welche die Wirkung hat, daß man Ehre und Pflicht seinem eigenen Urteil, das allgemeine Beste seinem besonderen Nutzen, die Wohlfahrt des Vaterlandes seinem eigenen Leben vorzieht. (Friedrich der Große, 1789)

b 1) Nur schön zu leben oder schön zu sterben geziemt dem Edlen. (Sophokles, Aias 477 f.; 5. Jh. v. Chr.)

b 2) In Wahrheit ist Tugend vielmehr eine Reinigung von all dem [Knechtischen, Ungesunden und Unwahren], und Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und die Erkenntnis selbst sind nichts anderes als ein Reinigungsprozeß. (Sokrates am Tage seines Todes in Platons 'Phaidon'; 4. Jht. v. Chr.)


2) LEBENSKAMPF ALS MORALISCHE BEWÄHRUNG.

a) Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein. (Friedrich v. Schiller, Wallensteins Lager (1798), Reiterlied, Szene 11).

b) Leben heißt kämpfen / Vivere ... militare est (Lucius Annaeus Seneca, Ep. 96; 1. Jh. n. Chr.)


4) DAS BESTMÖGLICHE ALLTAGSGLÜCK.

a) Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, mußt du dich um das Vergangene nicht bekümmern. Das Wenigste muß dich verdrießen. Mußt stets die Gegenwart genießen. Besonders keinen Menschen hassen. Und die Zukunft Gott überlassen (Johann Wolfgang v. Goethe, Gedichte. Epigrammatisch. Lebensregel; o. D.)

b) Lebe gut, indem du im Verborgenen lebst - láje biåsaß (Epikuräische Devise unbekannter Herkunft; 4./3. Jh. v. Chr.).


4) PFLICHT ALS LEBENSZWECK.

a) Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu werden, sondern um unsere Pflicht zu erfüllen (Immanuel Kant zugeschrieben; o. D.)

b) Bedenke: Du bist Darsteller eines Stücks, dessen Charakter der Autor bestimmt, und zwar eines kurzen, wenn er es kurz, eines langen, wenn er es lang wünscht. Will er, daß du einen Bettler darstellst, so spiele auch diesen einfühlend. Ein Gleiches gilt für einen Krüppel, einen Herrscher oder einen gewöhnlichen Menschen. Deine Aufgabe ist es nur, die dir zugeteilte Rolle gut zu spielen. Sie auszuwählen steht einem anderen zu. (Epiktet, Encheiridion 17; 1./ 2. Jh. n. Chr.)


5) DIE FORDERUNG DES TAGES.

a) Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages. (Johann Wolfgang v. Goethe, Werke. Maximen und Reflexionen, Abt. 7; o. D.)

b) Es genügen [scil. für richtiges Handeln] das jeweils vorhandene Auffassungsvermögen, das Bewußtsein der jeweiligen Gemeinsamkeit mit anderen und eine gegenüber allem, was aufgrund einer äußeren Veranlassung geschieht, sich jeweils positiv einstellende Seelenverfassung (Mark Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch 9, 6, 2. Jh. n. Chr.)


6) DAS WAHRE GLÜCK.

a) Das Glück tut's nicht allein, sondern der Sinn, der das Glück herbeiruft, um es zu regeln. (Johann Wolfgang v. Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821/29)

b) Folglich besteht das wahre Glück nicht in Spielereien . Es wäre ja auch unverständlich, daß das Endziel ein Spiel und das ganze Leben ein Arbeiten und Ertragen von Härten sein soll - um solcher Spielereien willen. Wir wählen doch, kurz gesagt, alles und jedes Mittel zum Zweck, nur nicht das Glück; denn das Glück ist Endziel. Ernste Tätigkeit und Mühe um des Spieles willen erscheint töricht und überaus kindisch. Dagegen, spielen um des Ernstes fähig zu sein - dieser Spruch des Anacharsis darf als richtig gelten. Denn das Spiel ist soviel wie Erholung, Erholung aber braucht der Mensch, weil er außerstande ist, ohne Unterbrechung zu arbeiten. Erholung ist somit kein Endziel, denn man gönnt sie sich um der Tätigkeit willen (Aristoteles, Nikomachische Ethik, 10. Buch; 4. Jh. v. Chr.)


7) GLAUBE, HOFFNUNG, LIEBE.

a 1) Glaube ist weder Wissen noch Ahnen, weder ein bloßes Hoffen noch Wünschen. Es ist eine stille Zuversicht des Unsichtbaren nach dem Maßstabe des Sichtbaren, ein Ergreifen der Zukunft (Johann Gottfried Herder, Werke, 1805 - 1820)

a 2) Allmächtige Liebe! Göttliche! Wohl nennt man dich mit Recht die Königin der Seelen! Dir unterwirft sich jedes Element. Nichts lebt, was deine Hoheit nicht erkennt (Friedrich v. Schiller, Die Braut von Messina, 1803).

b) Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser Prophezeien. ... Gegenwärtig aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Am größten aber unter ihnen ist die Liebe (Paulus, 1. Korintherbrief 13, 9 ff.; 1. Jh. n. Chr.)


8) SKEPSIS UND MENSCHLICHE SELBSTBESTIMMUNG.

a) Geht tatsächlich die Existenz der Essenz voraus, so kann man nie durch Bezugnahme auf eine gegebene und feststehende menschliche Natur Erklärungen geben. Anders gesagt: es gibt keine Vorausbestimmung mehr. Der Mensch ist frei. Wenn wiederum Gott nicht existiert, so finden wir uns keinen Werten, keinen Geboten gegenüber, die unser Betragen rechtfertigen. So haben wir weder hinter uns noch vor uns, im Lichtreich der Werte, Rechtfertigungen oder Entschuldigungen. Wir sind allein, ohne Entschuldigungen. ... Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein . (Jean Paul Sartre, Ist der Exiszenzialismus ein Humansimus?, 1946)

b 1) Es verstößt jedoch gegen den Gottesbegriff, daß er schwächer als etwas sein soll. Wenn er für alle Dinge zwar vorsorgen kann, aber nicht will, dann müßte man ihn für mißgünstig halten, und wenn er weder will noch kann, dann ist er sowohl mißgünstig als auch schwach, was nur Frevler von Gott behaupten. Also sorgt der Gott nicht für die Dinge in der Welt. Wenn er aber für nichts Vorsorge trifft und es kein Werk von ihm gibt und auch keine Wirkung, dann vermag man nicht zu sagen, woher erkannt wird, daß es Gott gibt, wenn er doch weder aus sich selbst erscheint noch durch irgendwelche Wirkungen erkannt wird. Auch deswegen also ist unerkennbar, ob es Gott gibt. (Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, 3, 11, )

b 2) ... Wenn Lehre die Möglichkeit zur [methodischen] Zurückhaltung [im Urteil] einschließt, dann behauptem wir, einer bestimmten Lehrmeinung zu folgen, die uns gemäß dem, was [uns jeweils] als vorgegeben erscheint, ein Leben nach den väterlichen Sitten, den Gesetzen, den Levebsformen und den eigenen Erlebnissen vozeichnet. (Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, 1, 8; 2. Jh. n. Chr.)


9) DER PATRIOTISMUS ALS ZWINGENDE POLITISCHE MORAL.

a) Die wilde Jagd und die deutsche Jagd auf Henkersblut und Tyrannen. Drum, die ihr uns liebt, nicht geweint und geklagt; denn das Land ist ja frei und der Morgen tagt, wen wir's sterbend auch nur gewannen (Theodor Körner, Lützwos wilde Jagd, 1814)

b 1) Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl (Inschrift auf dem Gedenkstein für die im Jahre 480 v. Chr. an den Thermopylen Gefallenen - Herodot, Historien, Buch 7, 218; 5. Jh. v. Chr.)

b 2) Ja, Senatoren, der Tod komm mir erwünscht. ... Zwei Dinge wünsche ich nur noch: Einmal, daß ich bei meinem Tode das römische Volk in Freiheit zurücklasse - das größte Geschenk, das mir die unsterblichen Götter gewähren könnten - und daß es jedem [der diese Freiheit bedroht oder zuerstört] letztlich so ergehe, wie er es um das Gemeinwesen verdient hat (Cicero, Zweite philippische Rede gegen Marcus Antonius, 119; 43 v. Chr.).


10) WISSEN UND TAT.

a 1) Die bisherigen Philosophen haben die Welt nur interpretiert. Es kommt nicht darauf an, sie zu interpretieren, sondern zu verändern. (Karl Marx, um 1845).

a 2) Es gibt nichts Gutes außer man tut es. (Erich Kästner, o. D.)

b) Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein (Jakobus-Brief 1, 22)


11) DIE HARMONIE DER WIDERSPRÜCHE.

a 1) Andere Länder, andere Sitten (Sprichwort).

a 2) Die Arbeitsteilung, die so viele Vorteile bringt, ist in ihrem Ursprung nicht etwa das Ergebnis menschlicher Erkenntnis, welche den allgemeinen Wohlstand anstrebt. Sie entsteht vielmehr zwangsläufig, wenn auch langsam und schrittweise, aus der natürlichen Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen ... Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an die Menschen, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnissse, sondern sprechen von ihrem Vorteil (Adam Smith, Der Wohlstad der Nationen, 1775/76, 1. Buch, 3. Kap.)

a 3) Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit - ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.(Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte). - Das Positive und das Negative ist dasselbe (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, [Dialektische] Logik. Über Identität und Widerspruch, 1812, 18312).

b1) Es gibt von Natur aus nichts Übles; denn was den einen als Übel erscheint, das verfolgen die anderen als Gut. (Sextus Empiricus, Pyrrhonische Skepsis 3, 190; 2. Jh. n. Chr.).

b 2) Der Krieg ist der Vater aller Dinge, der König aller Dinge. Die einen erweist er als Götter, die anderen als Menschen, die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu Freien (Heraklit, frg. 53). - Das, was miteinander im Widerstreit steht, fügt sich letztlich zusammen. Aus dem, was sich voneinander trennt, ergibt sich letztlich die schönste Einheit (Heraklit, frg. 8; 6./ 5.Jh. v. Chr.).


12) DER HUND ALS SITTLICHES BEISPIEL.

a) Schau ich in die tiefste Ferne meiner Kinderzeit hinab, steigt mit Vater und mit Mutter auch ein Hund aus seinem Grab. (Friedrich Hebbel, Der treue Hund; um 1850).

b) Als Platon ihn einen Hund nannte, erwiderte er: "Jawohl; denn ich bin zu denen, die mich verkauft haben, zurückgekehrt." (Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Über den Kyniker Diogenes VI, 40; 2. Jh. n. Chr.).


LV Gizewski WS 2001/2002

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)