Vorwort.

Das vorliegende WWW-Skript begleitete die Lehrveranstaltung Gizewski, 'Die Entwicklung moralischer und ethischer Systeme in der Antike' im WS 2001/2002. Zugleich ist es aber auch als selbständige, vorlesungsunabhägige Publikation für ein wissenschaftlich-historisch interessiertes Internet-Publikum konzipiert. Es wird daher nach seiner Fertigstellung mehr enthalten als die nur Hauptelemente des in der Vorlesung vorgetragenen Stoffes.

Das Thema, um das es geht, ist teils geistesgeschichtlicher, teils allgemeinhistorischer Art. Sitte und Brauch (Tradition) sind als spezifische Form normativer Erwartungszusammenhänge von historisch grundlegender Bedeutung insbesondere für sog. 'traditionsgeleitete' Gesellschaften, wie wir sie in allen Epochen des Altertums vor uns haben, und sagen deshalb etwas Grundsätzliches über deren 'altertümlichen' institutionellen Aufbau aus. Über Sitte und Brauch eines Landes etwas zu wissen heißt aber - für die Antike wie für die Gegenwart - auch, etwas über einen wichtigen Bereich individuell-menschlicher und kollektiv-sozialer Motivation zu wissen, welche die 'soziale Realität' - wenn auch nicht völlig bestimmt, so doch - maßgeblich mitbewegt. Denn den ökonomischen Bedingungen und den politischen Machtverhältnissen gegenüber, die die 'soziale Realität' als ein Gefüge der materiellen menschlichen Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten im allgemeinen zu markieren pflegen, sind sie dennoch ein eigendynamisches 'ideelles' Bewegungsprinzip, das auch geschichtlich immer wieder einmal in seiner besonderen Eigenmacht und Wirksamkeit hervortritt.

Sitte und Brauch begründen sich zumeist religiös. Aber - ebenso wie ihre religiösen Ausgangsvorstellungen und entgegen ihren oft kategorisch auftretenden Geltungsansprüchen - sind sie nicht auf alle Zeit fest und alternativlos, sondern unterliegen geschichtlichen Prozessen des Wandels und der Differenzierung, inneren Widersprüchen und der Konkurrenz mit anderen Formen der Religion und Sitte, die - vor allem bei intenisven Verkehrs- und Kulturkontakten zwischen unterschiedlichen Traditionen - die Frage sowohl nach der Erkennbarkeit und ideellen Begründbarkeit des Richtigen in einer Vielfalt der sittlichen Geltungsansprüche als auch die Frage nach den jeweiligen gesellschaftlich-strukturellen Geltungsgründen ihrer spezifischen Normativität aufwerfen.

Diese Fragen bewegten bereits die Antike, und sie bewegen auch unsere Gegenwart. In der Antike entwickelten sich daraus einerseits etwa - zuerst im klassischen griechischen Raum - die philosophische Teildisziplin der 'Ethik' mit ihren verschiedenen 'Schulrichtungen' und andererseits 'universal' angelegte religiös-sittliche Systeme wie die des Christentums und anderer sittenprägender Formen eines ökumenischen Henotheismus oder Monotheismus. Diese Entwicklungen haben erhebliche geistesgeschichtliche Nachwirkungen bis in unsere Zeit gehabt und geben Maßstäbe moralischer Orientierung und Modelle ethischer Reflexion vor, die als geistesgeschichtliches Erbe der Antike auch in vielen Fragen fortwirken, welche wir heute im Zusammenhang mit unserem sittlichen Handeln und seinen Begründungsmöglichkeiten stellen.

Die Lehrveranstaltung wandte sich in notwendigerweise exemplarischen Themenschwerpunkten a) der traditionsgeleiteten Sittengeschichte einiger antiker Völker, vor allem der Juden, Griechen und Römer, b) den Hauptrichtungen der griechisch-philosophischen Ethik und c) einigen universalreligiös fundierten Sittlichkeitskonzepten vor allem des hellenistisch-römischen Kulturraums zu; dies auch im Hinblick auf ihre teilweise erhebliche nachantike Wirkungsgeschichte. In diesem Skript, das den Gang der Lehrveranstaltung nachbildet, geht es daher nach den Einführungskapiteln 1 und 2 in Kap. 3 und 4 um die 'objektive Seite' antiker moralischer Systeme, und zwar einmal eines für die Antike generell charakeristischen Typs, in dem sich religiöse und traditionale Legitimation, zum anderen eines mehr im griechischen und römischen Bereich vertretenenen Typs, in dem sich politische und traditionale Legitimation verbinden.Die Kap. 5, 6 und 7 widmen sich der 'subjektiven Seite' moralischer Ordnung, d. h. charakteristischen antiken Formen der traditional orientierten sittlichen Gesinnung, der philosophischen Ethik und der Verbindung von Ethik und religiösen Überzeugungen. Kap. 8 - im wesentlichen ein Aufastz der Abteilung 'Scriptorium' (S 25) dieser WWW-Seite - erörtert schließlich die rezeptionsgeschichtliche Perspektive des antiken moralischen und ethischen Erbes bis in unsere Zeit.

Es versteht sich, daß ein so umfassend konzipiertes - in dieser Konzeption aber auch für eine Einführung sinnvoll gestelltes - Thema nicht 'umfassend' erörtert werden kann. Durch Hinweise sowohl im 'Allgemeinen Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis' als auch in speziellen Verzeichnissen jeweils am Schluß der einzelnen Kapitel soll der Leser angeregt werden, weiterführende Literatur zu verwenden, weitere Quellen zu lesen und sich geeigneter Hilfsmittel und Medien für die Beantwortung von Fragen zu bedienen, die dieses Skript offen läßt. Die Verzeichnisse sind dabei so konzipiert, daß sie nur einige nützliche Hinweise, z. B. auf Einführungslitearur mit aktuellen Litetarturverzeichnissen, enthalten. Es ist nicht nötig und möglich, in diesem Darstellungszusammenhang die angesichts der traditionsreichen Vielfalt der Quellen und Literatur zu den angesprochenen Themen denkbaren umfänglichen Literatur- und Quellenverzeichnisse zu präsentieren.

Von besonderer Bedeutung im Rahmen der Konzeption des Skripts ist die übungsartige Interpretation von Quellentexten, deren Aufgaben zu lösen dem Leser daher besonders empfohlen wird. Auch die zahlreichen anderen sorgfältig ausgesuchten Texte zu lesen und zu durchdenken, wird dem Leser nahegelegt. Die Kommentierung der Lesetexte findet in diesem Skript nur in kurzen, systematisierenden Texten zu den einzelnen Kapiteln statt. Der Leser ist deshalb notwendigerweise auf die eigene Weiterarbeit am Text, auch die Lektüre der jeweils angegebenen weiterführenden Literatur, verwiesen..

Ein komplementär zum Skript erstellter umfänglicher Beitrag des Autors "Zur Bedeutung antiker Moral und Ethik für unsere Zeit", Internet-Publikation, 2002: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Scriptorium/S25.htm erörtert die Thematik aus rezeptionsgeschichtlicher und speziell heutiger Perspektive.

Der Autor bittet um einige trotz intensiver Bearbeitung möglicherweise fortbestehende kleinere Unzulänglichkeiten des Skripts um Verständnis. Das Verfahren der unfertigen, aber sich allmählich perfektionierenden Internet-Präsentation des Lehrstoffs hat vielleicht hier und da noch unbeabsichtigte Spuren hinterlassen. Mancherlei Schreibfehler, die bei der Konversion von Texten aus wissenschaftlichen Editionen für den Internetgebrauch im OCR-Verfahren, aber auch beim rechnergestützten Verfassen eigener Texte häufiger entstehen, können nur durch zeitraubende und immer wiederholte Korrekturen annähernd befriedigend beseitigt werden. Der Autor ist bemüht, sie auf längere Frist zu beseitigen.

10. April 2001

Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de ))


LV Gizewski WS 2001/2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)