Kap. 4: Antike Traditionen als konstituierende Momente in neuzeitlichen politischen Moralsystemen und Ideologien.

ÜBERSICHT:

1. Allgemeines zum Begriff, zur politischen Begründungsfunktion und zu den ideellen Komponenten neuzeitlicher Moralsysteme und Ideologien.

    a) Bildbeipiele zur Erläuterung des Themas.
    b) Einführende Bemerkungen zu neuzeitlichen Formen politischen Denkens und ihren Rückbezügen auf die Antike.

2. Typen neuzeitlicher Philosophien, Doktrinen, Moralsysteme und Ideologien und ihr Rückbezug auf die Antike im Überblick.

a) Antike Momente in legitimistischen Doktrinen politischer und zwischenstaatlicher Ordnung und auf ihnen fußenden konservativen Ideologien des 19. Jhts.
b) Antike Momente in naturrechtsbasierten Freiheits- und Verfassungsphilosophien und in den auf ihnen aufbauenden Ideologien einer demokratischen Massengesellschaft.
c) Antike Momente in nationzentrierten politischen Ideologien.
d) Antike Momente in radikal-demokratischen und -proletarischen Gesellschafts-Ideologien.
e) Antike Momente in international konzipierten Konflikt-Ideologien.
f) Antike Momente in völkergemeinschaftlich oder internationalistisch akzentuierten Ideologien.
 
3. Literatur, Medien, Quellen.

1. Allgemeines zum Begriff, zur politischen Begründungsfunktion und zu den ideellen Komponenten neuzeitlicher Moralsysteme und Ideologien.

a) Bildbeipiele zur Erläuterung des Themas.

Erläuterungen:

Abb. oben links: Berliner Dom, Westseite. Die beiden Giebelinschriften neben der Heilandsfigur lauten: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Matth. 28, 20) und "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat" (1. Joh.-Brief 5, 4). Oben am imposanten Portal-Bogen, zu Füßen des Heilands, sind in einem wappenähnlichen, von Engeln flankierten Feld das Christus-Monogramm und die Buchstaben Alpha und Omega angebracht. Die in der Wappenform mitenthaltene Aussage, daß Christus - weltlicher Herrschaft gegenüber - der eigentliche Herrscher sei, besagt indirekt, daß es weltlicher Herrschaft aufgegeben sei, in ihrer Begründung und in ihrem Vollzug die übergeordnete Christusherrschaft - und diese vor allem anderen - als Legitimation anzuerkennen. Darin ist, wenn auch formal dezent, die Grundidee des Gottesgnadentums angedeutet. Da der Berliner Dom die Hofkirche der Berliner Residenz des preußischen Königs und deutschen Kaisers war, befand sich ursprünglich eine Grabkapelle der Hohenzollern an der Nordseite des Domes. Sie wurde bei seiner Rekonstruktion, die zur Zeit der DDR begann (1977 - 1981), abgerissen. Das christliche Bildprogramm des i. d. J. 1894 - 1905 errichteten Bauwerks und seine Architektur tragen aber nicht nur indirekt dem Grundgedanken einer von Gott verliehenen und vor ihm zu verantwortenden monarchischen Herrschaft Rechnung, sondern auch dem Kirchenregiment (Summepiskopat), das der preußische König als protestantischer Landesherr in den ihm unterstehenden Ländern für seine protestantischen Untertanen hatte. Beide Ideen erschienen der DDR-Politik auch als bloße historische Reminiszenz an stadtbildlich zentraler Stelle nicht tragbar, dagegen schon die beiden christlich-eschatologischen Glaubenssätze. Mit der Staatsdoktrin standen allerdings auch diese in einem - politisch gelesen und gedeutet - herausfordernden Kontrast, der aber bemerkenswerterweise trotzdem offenbar politisch hingenommen wurde. - In der Baugeschichte spiegelt sich somit einerseits der Rückgriff einer (indirekten) politischen Selbstdarstellung auf christliche Ideen zum Zwecke ihrer Legitimation, zum andern die entschlossene, wenn auch begrenzte ideologische Korrektur wieder, die ein sozialistisch-volksdemokratisches System daran vornimmt.

Abb. oben rechts: Blick auf den Fernsehturm und die Marienkirche in Berlin-Mitte, von der Karl-Liebknecht-Brücke, bis April 1945 Kaiser-Wilhelm-Brücke, aus. Der Turm der i. J. 1250 errichteten, zweitältesten Pfarrkirche Berlins und der 365,5 m hohe, i. J. 1969 im Rahmen des DDR-Haupstadt-Ausbau-Programms fertiggestellte Fernsehturm, werden in städtebaulicher Absicht dadurch zueinander in Beziehung gesetzt, daß sie aus einer Hauptverkehrsrichtung, nämlich vom Palast der Republik, dem vormaligen Schloß, her, eng nebeneinander zu liegen scheinen. Soll das eine die der marxistisch-sozialistischen Doktrin innewohnende, betont atheistisch formulierte, prometheische Idee einer sich selbst befreienden und entwerfenden Menschheit mit ihrer gewaltigen, selbst den Himmel erstürmenden Macht demonstrieren, so erscheint das andere daneben als vergleichsweise klein und technisch weit zurückliegenden Zeiten zugehörig, wenn auch kulturell markant und wertvoll. Differenzempfindungen erzeugt zwar das Nebeneinander moderner Höchstbauten und traditionsreicher Baudenkmäler früherer Zeiten auch andernorts mehr oder weniger zwangsläufig immer wieder, auch in Paris oder New York, an deren Dimensionen sich der Fernsehtum und das Hauptstadt-Ausbau-Programm in Berlin-Mitte orientierten. Dem Ost-Berliner Hauptstadt-Ausbau-Konzept von 1961, dem Jahr des Mauerbaus, wohnte darüber hinaus ein besonderer ideologisch-missionarischer Impuls inne, wie er die Ost-Berliner Kulturpolitik in der Nachkriegszeit vorwiegend beseelte, bis seit den 60er Jahren die Pflege des 'nationalen Erbes' in dem Rahmen, wie sie sich etwa bei der Rekonstruktion des Berliner Doms zeigt, auch andernorts neben der ursprünglichen Tendenz der Stadtbildgestaltung immer stärker hervortrat. "Die Neugestaltung Berlins drückt zugleich die tiefe Verwurzelung der sozialistischen Gesellschaft und ihrer Bürger in den fortschrittlichen Traditionen und im kulturellen Erbe der Stadt aus" (aus: 750 Jahre Berlin. Thesen. Komitee der Deutschen Demokratischen Republik zum 750jährigen Bestehen von Berlin, Berlin (Ost) 1986.

b) Einführende Bemerkungen zu neuzeitlichen Formen politischen Denkens und ihren Rückbezügen auf die Antike.

Die aus der Antike überlieferten, in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Geschichte fortwirkenden Ideenkomplexe, die zur Begründung politischer Konzepte und Intentionen taugen, lassen sich nach ihrer Herkunft unter vier Kategorien zusammenfassen: sie stammen a) aus alltäglich wirksamen ethnischen und zivilisatorischen Jedermannsgewohnheiten, b) aus Philosophien, die sich mit dem Staat, der menschlichen Natur und der Begründung der Moral (Ethik) befassen, c) aus religiösen Vorstellungen, Glaubenssätzen und Regeln (insbesondere, aber nicht nur des Christentums) oder d) aus den verschiedenen Zweigen des Rechts und seinen Doktrinen. Obschon Jedermannsgewohnheiten, religiöse Glaubenssätze oder Regeln und rechtliche Normen prinzipiell alle Menschen ihres Geltungsbereichs einbeziehen, so sind politisch wirksame Ideenkomplexe doch insbesondere dort, wo sie eine einen schriftlichen, ausgearbeiteten Niederschlag finden, auch in der nachantiken Geschichte lange Zeit primär an lese- und schreibkundige, generell an literarisch, theologisch oder juristisch Vorbegildete gerichtet und allenfalls über deren funktionelle Vermittlung als Gebildete, als Geistliche oder als Administratoren i. w. S. an die breiten Schichten des Volkes. Dies beginnt sich mit der neuzeitlichen Verbreitung des Buchdrucks zu ändern, welcher es seit der Mitte des 15. Jhts. breiten Bevölkerungsschichten etwa ermöglicht, an den religiös-konfessionellen Auseinandersetzungen dieser Epoche aktiv teilzunehmen. Hinzukommt später der im Rahmen einer absolutistischen Fürsorgepolitik auch auf die einfache Bevölkerung erstreckte elementare Lese- und Schreibunterricht; er schafft mit der Zeit die Grundlage für eine 'Volksbildung', die jedenfalls prinzipiell auch wissenschaftliches, philosophisches oder juristisches Argumentationswissen für breite Bevölkerungsschichten zugänglich macht und damit ihrer Beurteilung aussetzt. Ein Gradmesser dafür ist die Entstehung eines Pressewesens und eines Journalismus als historisch neuer Gattung politisch-ideeler Ideenproduktion seit dem 17. Jht.

Der 'legitimistische' Legimitationstyp öffentlicher Ordnung.

Auch nach den konstitutionellen Veränderungen am Ende des 18. Jhts. bleibt es noch über weite Strecken und in vielen Regionen der europäischen Neuzeitgeschichte bei einem eher exklusiven, philosophisch oder theologisch doktrinären oder bei einem rein juristischen Typ der Darlegung einer Legimation staatlicher Macht, und daraus erklärlich steht dann die Entwicklung politischer Meinungen und ihr öffentlicher Austausch unter einer staatlichen Kontrolle, die die Buch-Publizistik, das Zeitungswesen, die Bildende Kunst und andere Künste und selbstverständlich das Schul- und Hochschulwesen erfaßt. Noch Immanuel Kant etwa wird im Jahre 1794 durch ein königliches Reskript aufgefordert, die Äußerung theologiekritischer Gedanken, die er in seiner Schrift 'Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft' vertreten hat, künftig öffentlich nicht weiter zu vertreten. Die Doktrinen, die diese Kontrolle ermöglichen, haben inhaltlich einen 'legitimistischen' Charakter, d. h. sie leiten sich ab aus einem theologischen und absolutistischen Staats- und Rechtstverständnis obrigkeitlicher Polizey- und Fürsorgepolitik für die Untertanen mit vorgegebenen höheren Werten, die politischer Zustimmung ider Veränderung durch die Untertanen nicht unterliegen; darin hat folglich eine 'öffentliche Meinungsbildung' im Sinne der späteren Verfassungsentwicklungen noch keinen wesentlichen Platz - ebensowenig wie ein Wahlrecht, eine bürgerliche Mitwirkung in Selbstverwaltung und Gerichtswesen, eine Vereinsfreiheit etc.

Die wahrheitsbezogene 'Kritik' 'falschen' 'politischen Bewußtseins' (parteilich-wahrheitsbezogene 'Ideologie' oder 'Ideologie-Kritik').

Während des 18. Jhts. entwickelt sich im Rahmen der Aufklärungsphilosophie in Frankreich und benachbarten Ländern das Konzept einer Erziehung 'der Gesellschaft' - gedacht als Gesamtheit einer Bevölkerung - zu einer politisch 'freien' und 'rationalen' Form der Organisation ihres kollektiven geistigen Lebens und ihrer Politik. Das Kriterium 'rational' bedeutet - in gewissem Widerspruch zum Kriterium 'frei' - eine Abgrenzung zu 'unrichtigen', 'ungeeigneten', ja 'falschen' Formen eines 'gesellschaftlichen' - also nicht nur individuellen - Denkens oder 'Bewußtseins'. Diese müssen, damit eine Irrationalität nachweisbar ist, als kollektiv-ideelle Formen begrifflich systematisch, aber auch in ihrer 'gesellschaftlichen Genese' und ihren 'gesellschaftlichen Konsequenzen' erfaßt, verglichen und beurteilt werden ('Kritik'). Die entsprechende wissenschaftlich konzipierte Tätigkeit heißt im 18. und 19. Jht. zeitweilig 'Ideologie'; erstmaligwird der Terminus von dem französischen politischen Philosophen Antoine L. C. Destutt de Tracy in seinem zwischen 1801 und 1815 erschienen Werk 'Eléments d'idéologie' verwendet. Der Begriff 'Ideologie' überträgt sich im Sprachgebrauch allmählich von der Operation auf die Gegenstände einer 'rationalen Beurteilung (Kritik)' 'gesellschaftlich bedingter Bewußtseinsformen'; die Operation der Beurteilung wird folglich dann nicht mehr 'Ideologie', sondern 'Ideologiekritik' genannt. In dieser Bedeutung wird der Terminus etwa von Karl Marx und Friedrich Engels verwendet. In ihrer 'Ideologie-Kritik' (z. B. Kritik einer 'Deutschen Ideologie', 'Kritik der Hegelschen Dialektik' oder 'Kritik der politischen Ökomomie') wird der Begriff 'Ideologie' ferner auf solche Ideenkomplexe beschränkt, die ihnen unter dem Aspekt einer philosophisch-theoretisch darstellbaren 'Rationalität' als 'falsches Bewußtsein' oder 'Apologie' unrichtiger gesellschaftlicher Ordnung erscheinen. 'Ideologie-Kritik' ist damit auch disponiert als argumentatives Mittel politisch-parteilicher Auseinandersetzung, das zum Zwecke der moralischen Erschütterung einer gegnerischen Position eingesetzt werden kann., wie z. B. im Kampf zwischen einer 'Arbeiterbewegung' und einer als 'bürgerlich-kapitalistisch' begriffenen Gegenseite.

Die Analyse der gesellschaftlichen Standortgebundenheit politischen Bewußtseins ('neutrale' Ideologie-Analyse).

Das 'Rationalitäts'-Kriterium ist in seiner Anwendung auf ganze Bewußtseinsformationen und politisch-gesellschaftliche Ordnungen philosophisch-theoretisch weitaus problemhaltiger, als es etwa ein 'einfacher' - aber in sich schon vielfältig komplizierter - formaler Wahrheitsbegriff im Hinblick auf die Beurteilung des Zutreffens von Aussagen je sein könnte; denn es geht ja einmal um jeweilige ihrer Menge nach prinzipiell unbegrenzbare und oft auch begrifflich unübersichtliche Komplexe menschlicher Aussagen, darüber hinaus aber - und noch viel mehr - um Möglichkeits- oder Wahrscheinlichkeitseinschätzungen und um Werturteile und Ziele praktisch-politischen Handelns, oft von großer - und kaum überschaubarer - Reichweite. Wo diese Problemhaltigkeit aus philosophischen oder auch aus rein politisch-pragmatischen Erwägungen als unbeherrschbar totalisiertes Rationalitäts-Konzept oder als grundsätzlich aporetisch, d. h. der Erkenntnis in entscheidenden Punkten überhaupt unzugänglich, begriffen wird, entsteht deshalb schon im 19. Jht. - ausgehend von entsprechenden Gedanken Napoleons - ein Ideologie-Begriff, den man je nach seinen Schwerpunktanwendungen als 'wertneutral' oder als 'skeptisch' oder als 'pragmatisch' bezeichnen kann. Er konzentriert sich darauf, kollektive Formen gesellschafts- und politikbezogener Einstellungen (etwa in Philosophie, Moral, Religion, Recht oder Kunst), die politisch oder kulturell maßgeblich werden, nach ihrer gesellschaftlichen Genese oder Wirkung in geeigneter Weise abzugrenzen und zu charakterisieren, in operativer Abtrennung von der Frage nach Wahrheit oder Richtigkeit ihrer einzelnen Elemente. Als Reduktionsbasis für die Charakterisierung solcher 'Ideologien' gelten zumeist 'soziale Interessen' oder/und politische Bedürfnisse und Entscheidungen der gesellschaftlichen Schichten und Gruppen, innerhalb derer sie vorwiegend vertreten werden.

Beide Ideologie-Begriffe haben eine gemeinsame geistesgeschichtliche Wurzel in der Aufklärungsphilosophie. Beide Begriffe verbinden sich auch mit einem bewußt wissenschaftlich oder philosophisch konzipierten Bemühen um 'Richtigkeit'; sie sind insoweit zur Ausgangsbasis einiger - nicht nur i. e. S. marxistischer - Formen moderner Gesellschafts- und Geistesphilosophie geworden. Sowohl mit dem 'parteilichen' als auch mit dem 'neutralen Ideologie-Begriff pflegen sich ferner in irgendeiner Form 'rationale', 'fortschrittsorientierte', auf Gesellschaftserziehung und -tranformation gerichtete Konzepte der Politik zu verbinden. In Reaktion auf sie pflegen sich sogar ernstgemeinte argumentative Form politischer Ideensysteme, die sich als 'nicht-liberal' oder als 'nicht-aufklärerisch' verstehen, an einigen Grundmustern einer aufklärerischen 'Ideologiekritik' zu orientieren, auch wenn sich dabei die Terminologie zu verändern pflegt (z. B. im Sprachgebrauch der nationalsozialistischen Epoche in Deutschland: 'Bewegung' statt 'Fortschritt', 'Weltanschauung' statt 'Ideologie').

Erfolgsorientierte, mediale und instrumentelle Ideologien im Rahmen bewußtseinspolitischer Einflußnahmen auf Bevölkerungen.

Die Politik- und Gesellschaftsbezogenheit beider primär 'richtigkeits- und wahrheitsorientierter' Ideologie-Begriffe drängt sie jedoch vor allem auf das Feld politisch-pragmatischer Anwendung und Auseinandersetzung. Hier werden sie zu bewußt erfolgsorientierten, d. h. argumentativ verkürzenden, situationsabhängigen und i. w. S. rhetorischen Mitteln der Publikumsbeeinflussung, Volksbildung, Gesellschaftserziehung oder -umerziehung umgestaltet; im sowjetischen Bereich z. B. meinen die Worte 'Parteilinie', 'Agitation' oder 'Propaganda' solche erfolgsadaptierten Formen politischen Denkens. Auch in republikanisch-demokratischen Systemen liberaler Provenienz gibt es diese politischen Ideen-Instrumente in verschiedenartiger Form; sie können z. B. sehr stark von den Bedürfnissen der Wahlkämpfe geprägt sein. Der primär politisch-instrumentelle Charakter dieser Art 'Ideologie' und ihr systematischer Einsatz in der Publizistik, im Pressewesen, generell in den 'Medien', manchmal auch in Schule und Wissenschaft, rechtfertigt es, generalisierend von 'instrumentellen' oder 'medialen Ideologien' zu sprechen. Ihr auf empirischen Feldforschungen und organisatorischen Manipulationen beruhender Erfolg führt dazu, daß sie heute in allen politischen Systemen zu einem üblichen und unverzichtbaren Mittel einer 'bewußtseinspolitischen Einflußnahme' auf die Bevölkerung geworden sind.

Ausmaß und Art des Rückbezugs neuzeitlicher politischer Denkformen auf antike Muster.

Trotz der unzweifelhaften historischen Neuartigkeit, die in allen der eben zusammengestellten Formen 'exklusiv-doktrinärer' oder 'ideologischer' Phänomene vorliegt, haben sie allesamt auch wichtige Rückbezüge auf antike Muster. Es sei hier - auch um Mißverständnissen bei der Lektüre der nachfolgende präsentierten Textbeispiele zu begegnen - nochmals (siehe Kap_1 , zu P. 1) betont, daß sich der Rückgriff auf antike Muster sowohl in formalen Details als auch in Grundlagen des Denkens und der Wertvorstellungen als auch in unterschiedlicher quantitativer Intensität vollziehen kann. Wichtig ist vor allem die Feststellung, daß die Weiterführung von Traditionen und ihre Neuaufnahme nicht eine 'genaue Kopie' früherer Epochen sind und sein können, sondern Umstellungen und Neukombinationen, auch mit Elementen nicht-antiker Geschichtsepochen und Kultureinflüsse, manchmal in einem Maße, das den Blick auf die Wirksamkeit eines antiken Erbes zunächst verstellt. Die historische Neuartigkeit, die gerade in diesen Umstellungen und Neukombinationen - und ihrer eigendynamischen Fortentwicklung - besteht, setzt aber dennoch einmal voraus, daß es umstellbare und rekombinierbare Elemente im Fundus der gesellschaftlich-sprachlichen Rückerinnerung gibt, die sich neu formieren lassen - sei es nun im Wege einer 'kritischen Auseinandersetzung' mit ihnen, sei es in einem spontanen Ideenschöpfungsprozeß in einer aufnahmebereiten geistigen Gesamtlage einer Gesellschaft. Ihre Anwesenheit in einem historisch neuartigen politisch-ideellen Komplex - welcher der unten aufgeführten Entwicklungsrichtungen dieser auch angehören möge - bedeutet durchweg:

a) daß dieser im bewußten und bewußt gemachten 'Anknüpfen' an vertraute und tragende Auffassungen, Werte und Gefühle eine besondere Überzeugungs- und Bewegungskraft für die seine politischen und moralischen Anforderungen an die Gegenwart gewinnt (Anknüfungswirkung; Beispiel: ein konservativer Legitimationstypus. s. o.) oder
b) daß er in einer argumentativen 'Auseinandersetzung' mit früheren Auffassungen, Werten und Gefühlen einen 'wirklichen', 'wahren' Kern dessen, was früher schon gegolten hat und nun - befreit von nicht weiterführbaren 'Fehlern' - weiter gelten soll , festlegt (kritisch oder sonst neu formierte Wirkung; Beispiel: eine parteiliche Ideologie-Kritik, s. o.) oder
c) daß tragende Elemente eines politisch-ideellen Komplexes als Traditionselemente ohne bewußte Benenung oder Auseinandersetzungfortgeführt oder eher beiläufig neu rezipiert werden (mentale oder kolektiv-unbewußte Wirkung; Beispiel: die Fortführung zentraler religiöser Traditionslemente in allen Typen betont säkularer polkitischer Ideologien).

Das läßt sich in folgender, für die antik und europäisch geprägten Regionen der Welt formulierbaren Wahrscheinlichkeitsannahme zusammenfassen: dort, wo eine besondere Bindungs- und Überzeugungskraft neuzeitlicher politischer Moral- und Ideensysteme erkennbar ist, pflegen in ihnen an zentraler Stelle Rekombinationen antiker Ausgangsmuster wirksam zu sein. Sicherlich erklärt nicht allein dies die jeweils aktuelle politische Bewegungskraft eines Ideenkomplexes. Aber ohne eine solche in Kernelementen weit - so weit wie nach der Überlieferung und dem Rückgriffszweck irgend möglich - zurückreichende Traditionsbindung ist sie unwahrscheinlich. Ein wichtiger Grund dafür dürfte in einer - bei allen wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten - prinzipiellen Unüberschaubarkeit und Unbewertbarkeit gesellschaftlicher Strukturen und historischer Prozesse nicht nur für Historiker und Gesellschaftswissenschaftler, sondern vor allem auch für den politisch-praktischen Sachverstand und für ein politisches Jedermannsbewußtsein liegen. Wohl nur über eine in wesentlichen Punkten fundamentale Traditionsbindung kann in prinzipiell unüberschaubaren Strukturen und Situationen ausreichend Sicherheitsgefühl und Argumentationskraft für kollektive politische Entscheidungen und Anforderungen von großer Reichweite gefunden werden - ungeachtet der unter Umständen großen Irrtümer und Aporien , ungeachtet auch der moralischen Zweischneidigkeit, die in bewegenden politischen Ideen im Laufe ihres praktischen Vollzuges deutlich zu werden pflegen.

Das gilt zunächst für die primär 'richtigkeits- und wahrheitsbezogenen' Ideologie-Begriffe und ihren Zusammenhang mit der Philosophie der 'Aufklärung'. In dieser wird einmal in starkem Maße auf antike Vorformen der Logos-Philosophie, des stoischen Naturrechts- und Kosmos-Denkens, des epikuräischen 'Materialismus' und der akademischen Skepsis zurückgegriffen; siehe dazu die früheren Ausführungen in Kap.1, zu 3, B, l . Dazu kommt ferner das antike Muster der 'paideia', sowohl in seiner bildungsbezogenen (eggyklios paideia), als auch in seiner politikbezogenen Ausformung, wie sie etwa in Platons politisch-rationaler Konstruktion eines Idealstaates ('politeia') zum Ausdruck kommt. Dazu gesellt sich ferner - manifestiert etwa in der Idee eines 'Fortschritts dert Menschheit' - in enttheologisierter, säkular transformierter Form die ursprünglich christliche Vorstellung von einem Heilsweg der Geschichte; die scharfen Richtungskämpfe um moderne Formen politischer Orthodoxie sind dafür ein deutlicher Hinweis. Schließlich kommt ein auf die Gesellschaft übertragenes Wissen von den Möglichkeiten menschlicher 'techne' hinzu, die zugleich den Charakter einer 'episteme' hat; diese beiden in der aristotelischen Philosophie noch konträren Begriffe (Metaphysik. 1. Buch, 981 a) sind hier - in der für Rezeptionprozesse, wie früher dargelegt ( Kap.1 , zu 1), bezeichnenden Form - umorganisiert und neu zusammengefügt.

'Instrumentelle' oder 'mediale' Formen der 'Ideologie' können auf die antike Rhetorik und die vielfältigen überlieferten Formen ihrer politischen Anwendung zurückgreifen. Natürlich sind sie in der systematischen Nutzung und optimierten Verbreitung durch die Massenmedien und wegen der nicht nur verbalen, sondern auch der technisch neuen Möglichkeiten visueller und akustischer Propaganda ungleich effektiver und folgenreicher als es die antike 'Rhetorik auf dem plotischen Felde je sein konnte. Diese war ja auf die Wirkungsmöglichkeiten etwa der 'agora' bzw. des 'forum', der kaiserlichen 'aula' oder der christliche 'ecclesia' beschränkt. Allerdings benutzt antike poltische Rhetorik - in einem weiten Sinne gefaßt - ebenfalls nicht nur das Wort, sondern etwa auch das Zeremonienwesen, die Ikonographie, die Musik, die theatralische Dramatik, die Architektur und die Bildende Kunst für ihre politischen Zwecke und bietet somit im Kleinen vielfätige Vorbilder für spätere Nachahmungen.

Probleme einer vergleichenden und exemplarischen Darstellung politischer Ideenkomplexe.

Die im folgenden Abschnitt zusammengestellten Texte stellen Gedankenäußerungen sehr verschiedener Exponenten politisch-ideeller Geistesrichtungen und ideologischer Strömungen ihrer Zeit - der Neuzeitgeschichte von der 2. Häfte des 18. Jhts. bis heute - dar. Sie haben entweder noch einen 'vor-ideologisch' doktrinären Charakter oder fallen unter einen der hier erläuterten drei Ideologiebegriffe. Es versteht sich damit fast von selbst, daß es sich um nach politischen Zielen und zugrundeliegenden Werten, nach praktischen Bezügen und Erfahrungen, nach argumentativer und wissensmäßiger Qualität sehr unterschiedliche Texte handelt. Sie pflegen in dieser Weise in anderen historischen Darstellungen der Neuzeitgeschichte nicht nebeneinandergestellt zu werden. Es sei deshalb noch einmal an den für das Thema dieses Skript maßgeblichen Gesichtspunkt erinnert, daß die rezeptionsgeschichtliche Perspektive auf die zu ihrer Zeit jeweils bewegenden Kerindeen und ihre antiken Ausgansmuster eine ganz andere - sonst eher Unwichtiges vergleichende und sonst eher Wichtiges relativierende - Darstellung rechtfertigt und erfordert.

Auch ein anderes Problem der Darstellung ist zu beachten. Wie sonst, so ist es auch im Zusammenhang dieser Darstellung mit der Gefahr unangemessener Vereinfachung verbunden, aus einer zumeist größeren Zahl geeigneter Vorlagen einen Text als für einen bestimmten Grundgedanken, eine bestimmte Richtung oder politische Verfahrensweise 'exemplarisch' auszuwählen; also z. B. eine Reflexion Friedrichs II. des Großen von Preußen über Regierungsformen, obschon es auch manche andere politische Reflexion absolutistischer Fürsten über ihre Herrschaft gibt. Derselben Problemkategorie gehört die Kürzung ausgewählter Texte an. Sie erfolgt hier - wie die Auswahl generell - so, daß zwar eine - auch für unser heutiges Geschichtsverständnis zumeist durchaus noch interessante und argumentativ belangvolle - Grundidee in ihrer substanziellen Argumentation ausreichend belegt, andrerseits aber darüber hinaus nicht unnötig lang von der Darstellungslinie dieses Skripts weggeführt wird. Dessen Anliegen - als WWW-Publikation - besteht darin, systematisch-übersichtlich, d. h. auch: angemessen kurz zu bleiben.

Umgekehrt wird dennoch der eine oder andere Leser wiederum aussetzen, daß die illustrierenden Texte manchmal zu lang und vielleicht auch zu gedankenreich seien, um die einfach erscheinende Grundidee der traditions- und rezeptionsgeschichtlichen Verbindung mit der Antike zu illustrieren. Doch demgegenüber ist zu beachten, daß das Geistesleben der neueren Geschichte in seiner eigenen Art ebenso wie in seinen vielfältig vorhandenen Verbindungen zur Antike nicht angemessen in Erscheinung treten kann, wenn man sich tendenziell darauf beschränken wollte, es nur bestimmten - an sich, der Übersichtlichkeit wegen, nötigen - Kategorisierungen zu unterwerfen und dafür jeweils irgendwelche problematischen Kurzzitate zu finden. Vielmehr soll es dem Leser ermöglicht werden, den im Haupttext übergreifend und zusammenfassend formulierten Traditionsbezügen durch Verfolgung der Querverweise auch in der Feinargumentation im einzelnen selbst nachgehen.

2. Typen neuzeitlicher Moralsysteme und Ideologien und ihr Rückbezug auf die Antike im Überblick.

a) Antike Momente in legitimistischen Doktrinen politischer und zwischenstaatlicher Ordnung und auf ihnen fußenden konservativen Ideologien des 19. Jhts.

In der Legitimation absolutistischer Herrschaft und anderer Formen vor-konstututioneller Staatlichkeit spielen, wie oben zu Punkt 1. erwähnt, die Typen der philosophisch- oder theologisch doktrinären Argumentation - für einen zumeist kleineren Kreis gebildeter oder politisch eingeweihter oder ständisch affiner Adressaten oder die Form der juristisch-hoheitlichen Darlegung gegenüber einem Publikum oder konkreten Untertanen eine zentrale Rolle.

Zwei argumentationswesentlichen Grunideen dieser Typen sind:

a) die Vorstellung von einer moralisch ambivalenten, oft rücksichtslosen und eigennützigen 'Natur des Menschengeschlechts' und die daraus abzuleitende, sachlich alternativlose Notwendigkeit einer souveränen, unparteilichen, effektiven Herrschaft zur Garantie eines friedlichen Zusammenlebens, etwa derart, wie sie von Thomas Hobbes oder Jean Bodin auf naturrechtlicher Basis ausgearbeitet worden sind,

b) die christliche Auffassung von einer Gottgegebenheit der Obrigkeit und einer auch ihr gegenüber 'aufrichtigen', 'innerlichen' (z. B. im Typus 'pietistischen') christlichen Frömmigkeit (Paulus, Römer-Brief 13).

Beide Grundideen greifen, wie schon früher erläutert wurde (Kap_1, zu 3 B), in vielen Komponenten auf antike Grundmuster zurück.

In welchem Maße sie eine Begründung der Kompetenz des Herrschers zum politischen Handeln für und ohne seine Untertanen, insbesondere ohne detaillierte gesetzliche Ermächtigung und Eingrenzung, ermöglicht, wird am besten aus Quellentexten wie den nachfolgend wiedergegebenen (1. Friedrich II. von Preußen, Regierungsformen und Herrscherpflichten (1777). Auszug; 2. Immanuel Kant, Der Streit der Fakultäten (1798), Vorrede) anschaulich deutlich. Diese Grundideen begründen auch eine zwischenstaatliche 'legitimistische' Ordnung der europäischen Mächte in der 'Restaurationsepoche' nach Napoleon und finden sich später immer wieder in Argumentationsformen konservativer Parteien und Richtungen verschiedener europäischer Länder des 19. und 20. Jhts. wieder; teilweise liegen sie auch ständestaatlichen Ideologien der Zeitgeschichte unseres Jahrhunderts zugrunde.

 Der erste Diener des Staates - das Selbstverständnis eines absolutistischen Herrschers.

Friedrich II. von Preußen, Regierungsformen und Herrscherpflichten (1777). Auszug.

Friedrich_II

 Die Sorge der Obrigkeit für das religiöse Wohl der Untertanen und die Ordnung des geistigen Lebens im Staate.

Immanuel Kant, Der Streit der Fakultäten (1798), Vorrede. 

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b) Antike Momente in naturrechtsbasierten Freiheits- und Verfassungsphilosophien und in den auf ihnen aufbauenden Ideologien einer demokratischen Massengesellschaft.

Zu den zentralen argumentativen Allzweckinstrumenten rationalistischer Philosophien der Neuzeit, insbesondere der Aufklärungsphilosophie des 18. Jhts., gehört die Idee eines Natur- und Vernunftrechts. Mit ihr - wenn auch nicht zwingend - in Verbindung stehen bewegende Konzepte von Fortschritt und Bildung einer Menschheit zur Menschlichkeit, von Gesellschaftsvertrag und 'allgemeinem Willen' als rationaler Begründung für die Bildung 'freier' Staaten, von 'allgemeinem Wohl', 'Wohlfahrt', 'Gewaltenteilung', 'Gesetz', 'Glück' und 'bürgerlicher Tugend' als Maximen des Staatshandelns, von natürlichen menschlichen und bürgerlichen Grundrechten, von 'kritischer Urteilskraft' und Wissenschaft als Voraussetzung für eine persönliche Freiheit.

Diese Ideen gehen in die späteren Konstitutionen europäischer und europäisch geprägter Staaten ein, deren Verfassungswirklichkeit allerdings auch die begrenzte faktische Wirksamkeit aufklärerischer Prinzipien, auch wegen ihrer gelegentlich auftretenden Widersprüche (wie z. B. zwischen 'Freiheit' und 'Gleichheit', zwischen 'Allgemeinem Willen', 'Gewaltenteilung' und 'Grundrechten', zwischen 'Glück', 'Tugend' und 'kritischer Urteilskraft') zu zeigen pflegt. Siehe dazu auch Kap_1, 3, B, c), j) und l). So kann etwa die Freiheit des Handelns - als unternehmerische Freiheit - in der sozialstrukturellen Konsequenz mit dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit und der vernüftigen öffentlichen Ordnung kollidieren. Oder die Freiheit der Meinungsäußerung und -verbreitung kann - als mediale Macht der Publikumsbeeinflussung - faktisch in einen Widerspruch geraten zu den Prinzipien bürgerlicher Urteilsfähigleit und demokratischen Bestimmung über die Regierung.

Liest man die nachfolgend wiedergegebenen Texte, die teils der politischen Aufklärungsphilosophie des 18. und 19. Jhts., teils ihrer politisch-ideellen Nachwirkung in unserer Zeit zuzurechnen sind, so wird die grundsätzliche und bewegende Bedeutung der angesprochenen Ideen immer wieder deutlich, insbesondere wenn man von rein aktuellen Textbezügen absieht. Auch ihre Rückbezüge auf die Antike sind dann in ihren wesentlichen Aspekten erkennbar.

Montesquieus Ausführungen über eine natürliche Axiomatik staatlich-rechtlicher Ordnung macht den Rückgriff auf den antiken, speziell römischrechtlichen Begriff des 'ius naturae' deutlich, den er im übrigen bewußt anders alles Hobbes ausdeutet, indem er nicht von einem 'natürlichen Kriegszustand' unter den Menschen ausgeht. Sein Verständnis des positiven Rechts geht ebenfalls von einem naturrechtlichen Fundament aus - in dieser Hinsicht zwar abweichend von den Verfahrensweisen der Rezeption des römischen Rechts, aber doch im Naturrechtsbegriff auf neue Weise an der Antike orientiert. Seine Ausführungen zu der für ihn zentralen Konzeption der Gewaltenteilung beruhen nicht nur, aber doch wesentlich auf die vielfältigen Antiken-Zitaten, darunter auch auf einer - wenn auch kritischen - Anknüfung an der römisch-republikanischen Trennung von Gesetzgebung und Magistratskompetenzen und generell am antiken 'Mischverfassungs'-Konzept (d. h. einer Verbindung monarchischer, aristokratischer und demokratischer Elemente im Staatsaufbau - vgl. Polybios, Historien, 6. Buch).

Tocqueville hebt zum Zwecke der analytischen Erhellung die religiösen Momente in der sich säkular und rational verstehenden französischen Revolutionsphilosophie um 1789 hervor: ihre landesgrenzüberschreitende, ja weltweit-menschheitsbezogene Mission, ihre Reduktion des Menschen auf seine abtrakte Qualität als Teilnehmer an einem weltbewegenden Prozeß, ihre Vorstellung von einer - wenn auch diesseitigen - Wiedergeburt des Menschen, ihre - wenn auch gottlosen - Versuche, einen Geist der vernünftigen Menschheitsveränderung kultisch zu verehren, ihre alternativlose - und orthodox-konsequent umgesetzte - Wahrheitskonzeption, ihre Undulsamkeit und ihre liquidatorische Verfolgung nicht bekehrbarer Andersdenkender. Obwohl aus der Perspektive der Vordenker der französischen Revolutionspholosophie eine historische Entwicklungsbeziehung ihres Denkens zum Christentum als nicht existent oder nebensächlich erschienen sein mag, so weist doch Tocqueville als Beobachter auf jene Art der Wirkung antiker Muster hin, die oben unter P. 1 b) als Typ einer 'mentalen oder kollektiv-unbewußten Wirkung' aufgelistet wurde. Tocquevilles vielfältige Wahrnehmung formaler Ähnlichkeiten macht ausreichend plausibel, daß es methodisch nicht notwendigerweise unzulässig- weil eine Unterstellung - sein muß, abweichend von den Gewichtungen und Perspektiven eines ideellen Komplexes die Bedeutung seiner ideengeschichtlichen Wurzeln einzuschätzen. Bei solchen 'modernen' Geistesphänomenen, die sich vor allem in der Perspektive eines 'totalen Traditionsabbruchs' und eines 'radikalen Neuanfangs' verstehen, stellt sich die Frage, ob sie sich unter solchen ideellen Prämissen überhaupt angemessen selbst charakterisieren können; sie ist wohl durchweg negativ zu beantworten.

Zu den grundsätzlichen Strukturproblemen einer 'freiheitlich-demokratischen Grundordnung' wie der der Bundesrepublik Deutschland nach 1948, d. h. einer Verfassung, in der einerseits eine freie Entfaltung der Marktkräfte und andrerseits gewisse soziale Standards und Gleichheitsrechte garantiert werden, gehört die ständige - in vielem imperfekt bleibende - Abstimmung dieser konträren Prinzipien. Die zu einer Lösung sich bildenden und miteinander konkurrierenden politisch-ideologischen Richtungen, die mehr auf die 'politische Verwirklichung der allgemeinen Wohlfahrt durch weitgehende Freistellung der Marktverhältnisse von Reglementierung' oder mehr auf den 'Schutz der nicht begünstigten Teilnehmer am Marktgeschehen und der marktfremden Institutionen des gesellschaftlichen Lebens vor Mißständen und Mißbrächen aufgrund nicht ausreichend regulierter Marktverhältnisse' setzen, beruhen teils auf der liberalen Naturrechtsphilosophie des 18. Jhts. (Adam Smith), teils auf chistlichen Komponenten in der Entwicklung eines 'kapitalistischen Geistes' (Max Weber), teils auf ihrer 'christlichsozialen' oder auf ihrer sozialistischen Kritik im 19. Jht. Eine 'Kulturkritik', die m. E. nicht ohne Grund auf geistige Defekte, insbesondere die Manipulation von Sprache und Urteilskraft, in modernen, sich demokratisch verstehenden Gemeinwesen zielt, begleitet die Entwicklung einer 'Öffentlichkeit' und eines 'Parteienwesens' seit ihrer Entstehung.

Die Texte von Ludwig Erhard einerseits und von Karl Theodor Schuon andrerseits machen die politische Bedeutung der erwähnten alternativen Lösungsformeln deutlich, von denen für die betroffenen Menschen ja ihr Lebensschicksal abhängen kann.

Diese Richtungen gehen beide auf ihre Weise auf antike Grundmuster zurück, die den bewegenden Charakter der modernen Formeln durchaus miterklären.

Einerseits ist etwa das Recht, Handel zu treiben und unternehmerisch tätig zu sein, ein Ausfluß des für alle ihrem Status nach freien Bürger und auch für alle statusfreien Ausländer anwendbaren römischen Privatrechts in der Form des 'ius gentium', das später in seinen allgemeinen Prinzipien von der neuzeitlichen Naturrechtslehre integriert wird, also sozusagen einer großen Idee. Aus der griechisch-römischen Antike ererbt ist auch ein Ethos der Vermögensmehrung, das etwa den Inhaber eines Vermögens als 'pater falilias' triftt (vgl. Plutarch, Cato d. Ä., 21). Und schließlich führt die christliche Rechtfertigungs- und Prädestinationslehre im Protestantismus zu einem Ethos 'innerweltlicher Frömmigkeit', als welche in starkem Maße auch die Bewährung in der nüchtern und fromm ausgeübten unternehmerischen Erwerbstätigkeit Bedeutung erhält; aus diesem Sittlichkeitstyp entwickelt sich, wie Max Weber dargelegt hat, ein 'Geist des Kapitalismus', d. h. auch der 'Geist der Marktwirtschaft'.

Andrerseits pflegt der römische Staat ebenso - wie andere antike Staaten - sowohl aus sozialen Gründen gegen Preisexzesse vorzugehen als auch den Handel nach staatlichen Bedürfnissen und im Hinblick auf das öffentliche Wohl zu reglementieren und zu besteuern. Diese Befugnis des Staates gehört zum Bestand der bewährten römischen Staatsprinzipien von der Republik bis zur Kaiserzeit und entspricht dem Aspekt der 'communis necessitas' (Edictum Diocletiani, praef. 7). Auch dies - nicht etwa nur die Idee einer freien Marktentfaltung - ist eine schon in der Antike strukturell bedeutende Idee. Dasselbe gilt für den kritischen Beitrag des Christentums zur Handhabung der weltlichen Güter: es faßt weltlichen Reichtum und Handelsgeschäfte zwar zumeist nicht grundsätzlich als Sünde, lehnt aber einen lebensbestimmenden 'Geist des Mammon' ab (Matth. 6, 19 ff.) und stellt Reichtum und Geschäftsleben unter die Gebote der Sittenreinheit und Nächstenliebe (Tim. 6, 17).

Der Auszug aus Neil Postmans Schrift betrifft die für die Entwicklung moderner Demokratien charakterische Form sowohl einer politischen Manipulation als auch einer durch die Bürger selbst herbeigeführten Entwertung freier öffentlicher Meinungs- und Willensbildungbildung durch desinformierende öffentliche Unterhaltung. Diese Entwicklung ergibt sich aus einem Widerspruch zwischen den an sich vorgesehenen politischen Beteiligunsrechten des Volkes einerseits und dem Wunsch handlungsmächtiger politischer Interessengruppen oder einer Regierung andrerseits, diese entweder in bestimmte Bahnen zu lenken oder zu neutralisieren. Da eine Zensur den verbürgten Freiheitsrechten widerspräche, entwickeln sich als benötigtes funktionelles Äquivalent dazu Formen organisierter, auf die Glücksbedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten abgestimmter Massenunterhaltung im Rahmen der medialen Institutionen zu einem Mittel zielgerichteter Dauerbeeinflussung und zugleich -zerstreuung, insbesondere im Hinblick auf angestrebte Wahlergebnisse. Eine andere Entwicklungsmöglichkeit ist der von George Orwell zwar romanhaft ('1984), aber doch auch wieder sehr realitätsnah und eindringlich geschilderte Typus einer modernen 'Meinungsdiktatur'.

Der überlieferungsgeschichtliche Zusammenhang zwischen heutigen Erscheingsweisen politischer Meinungsmanipulation und der Antike wird durch die antike Rhetorik-Lehre (z. B. Aristoteles Schrift über die 'Rhetorik') hergestellt, auf der die modernen Formen medialer Massenbeeinflussung aufbauen. Die Kritik an dem Phänomen folgt ebenfalls einem Muster, nach dem schon im klassischen Athen von prominenten Philosophen eine Art 'Kulturkritik' an den Entartungserscheinungen der damaligen Demokratie geübt wird; diese gehe ungünstigenfalls, so meint etwa Platon, "an einem unersättlichen Streben nach ihrem höchsten Gute, der Freiheit, zugrunde" (rep. 562 b); das bedeutet, daß sie dadurch ihre innere Berechtigung und dann evtl. auch ihre äußere Organisationsform einbüßen und - nach der antiken Lehre vom Verfassungskreislauf- zu einer 'Tyrannis' - zur gesetzlosen de-facto-Herrschaft nicht legitimierter Mächtiger - werden kann.

 Naturrecht, Gesetz und Gewaltenteilung.

Aus Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu, Vom Geist der Gesetze (1748, Auszüge aus Buch 1 und Buch 2).

CdeMontesqieu

 Eine säkulare als eine religiöse Revolution.

Auszug aus: Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution (1856, 1. Buch, Kap. 3).

AdeTocqville

 Marktwirtschaft als Garant eines allgemeinen Wohlstands.

Ludwig Erhard,Wohlstand für alle (1957). Erstes Kapitel : Der rote Faden.

LErhard 


Wirtschaftsdemokratische Reform.

Karl Theodor Schuon, Ein demokratisch gesteuertes Marktsystem.

KTSchuon

  Politische Desinformation und Entmündigung der Bürgerschaft durch Massenunterhaltung.

Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Kap. 11: Huxleys Warnung.

NPostman

 c) Antike Momente in nationzentrierten politischen Ideologien.

Das Selbstverständnis in Völkern, d. h. in abgegrenzten menschlichen Population, von den Kriterien ihrer Abgrenzung gegen andere Teile der Menschheit, wird in starkem Maße von Konfliktsituationen bestimmt, aus denen sich solche Abgrenzungen ergeben. Die Kriterien können dabei eher aus einem ethnischen, aus einem zivilisatorischen, aus einem religiösen oder auch aus einem politischen Spannungsverhältnis hervohehen. Daß dann die eine oder die andere Kategorie überwiegt, bedeutet nicht, daß es nicht virulente andere Möglichkeiten der Abgrenzung gäbe, die bei anderer historischer Gelegenheit in Erscheinung treten können.

Aber auch ohne auslösende Konfiktlagen können politische oder sonstige Organisationsbedürfnisse zur Konstitution und zu einem Selbstverständnis von Völkern führen. So kann das Interesse an der Wahrung territorialer Integrität oder des kulturellen, religiösen oder sprachlichen Herkommens oder der sozialen oder politischen Ordnungen aus sich heraus Abgrenzungskriterien erzeugen, die nicht unmittelbar gegen Dritte gerichtet zu sein brauchen. Auch derartige Kriterien können sich im Laufe der Zeit verändern.

Im Zeitalter der politischen Ideologien ändert sich gegenüber anderen Epochen, daß die Enstehung nationaler Selbstbilder zu einem erheblichen Teil zu einer Frage auch der instrumentellen und medialen Ideologiebildung wird. Allerdings scheint es, daß die Bildung solcher kollektiven Bewußtseinsinhalte geplanter politischer Beeinflussung nur teilweise zugänglich ist und - wie die Sprache - mit ihren Inhalten in starkem Maße in den Gewohnheiten und Überlieferungen der sozialen Nahverhältnissen wurzelt.

Zur Abgrenzung sind naturgemäß dauerhaftere Kriterien wie Sprache, langes Herkommen einer ethnischen Gemeinschaft, lang dauernder Besitz eines bestimmten Territoriums nötig. Soweit sie nicht ausreichen, beginnt ein Suchprozeß nach Wesensmerkmalen der abgegrenzten Population in der Geschichte, wobei sich der Blick notwendigerweise auf alte, ja die ältestmöglichen Traditionen richtet, die dafür in Frage kommen. Hieraus erklärt sich die Bedeutung der Antikentradition für die Bildung verschiedener Arten des Volks- oder Nationalbewußtseins in antik und europäisch geprägten Weltregionen, die früher schon angesprochen wurde; siehe (Kap_1 , 3, B, d).

Geht man die nachfolgenden Quellentextbeispiele durch, so läßt sich Art und Weise des Rückgriffs auf die Antike - im Wege der Anknüfung, der Auseinandersetzung oder der unbewußten Musterübernahme - im einzelnen erkennen.

Die von Thomas Jefferson entworfene Unabhängigkeitserklärung der USA ist nicht nur ein Dokument von staats- und völkerrechtlicher Bedeutung, sondern zugleich auch Ausdruck eines in Abgrenzung von dem bisherigen Mutterland, von der Britischen Krone und von einer als absolutistisch empfunden Regierungsform sich neubildenden Nationalbewußtseins. Ob die sachlichen Voraussetzungen, auf die es sich beruft, in jedem Punkte zutreffen, ist dabei nicht entscheidend, sondern die politische Willensrichtung und ihre Form. Deren Kriterien sind 'Unabhängigkeit', 'Republik', 'konstitutionell verbürgte natürliche Bürger- und Volksrechte'.

Die Antikenbezüge der 'Unabhängigkeitsidee', der 'Aufkündigung der Loyalität gegenüber einem 'Tyrannen', des 'Republik'-Modells, der 'Demokratie' und des 'Naturrechts' sind früher schon dargelegt worde (siehe Kap_1, 3, B, c), j) und l). Einen ihrer bewegenden Bedeutung gemäßen symbolischen Ausdruck erhalten sie etwa in der New Yorker 'Freiheitsstatue, deren ikonographische Elemente ebenfalls - und fast ausschließlich - auf Muster der Antike zurückverweisen (siehe Liberty.GIF und Kap_3, 1).

Es gibt aber auch andere denkbare Kriterien der Abgrenzung eines Volkes der USA (z. B. "weiß", "protestantisch", "englisch"). Sie können in späteren politischen Konfiktzusammenhängen durchaus Bedeutung erhalten, haben sich aber bis heute gegenüber den ursprünglich maßgeblichen nicht in größerem Umfang durchgesetzt.

Johann Gottlieb Fichtes Abgrenzung eines deutschen Volkscharakters erfolgt in dem sich aufbauenden Konflikt der Befreiungskriege gegen die Napoleonische Herrschaft in Deutschland. Ihr liegt an einer Hervorhebung des Unterschieds zwischen den Deutschen und den "übrigen Völkern germanischer Herkunft", als welche nur die sprachlich romanisch geprägten und unter diesen primär Frankreich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Die Abgrenzung erfolgt sprach- und kulturbezogen - gegenüber einer Sprache und Kultur, die zu Fichtes Zeit seit mehr als 200 Jahren von besonderem kulturprägendem Einfluß in Deutschland sind und in napoleonischer Zeit wegen der hegemonialen französischen Politik nochmals eine Bedeutungssteigerung erfahren - d. h. in bewußter Antithese zu etwas, was allgemein als selbstverständlich und wertvoll gilt. Die sprach- und kulturbezogene Abgrenzung Fichtes läßt den französischen Bereich als einen der geistigen Konventionalität, Erstarrung Unproduktivität und Anfälligkeit für sittliche Dekadenz oder Irreführung, den deutschen Bereich dagegen als einen der urtümlichen, zivilisatorisch unreglementierten, schwer korrumpierbaren freien Schöpferkraft erscheinen. Exemplarisch dafür ist etwa die Fichtesche Gegenüberstellung der Wortreihen 'Humanität, Popularität, Liberalität' - 'Menschfreundlichkeit, Leutseligkeit, Edelmut'. Damit wird nicht nur ein kultureller, sondern auch ein mit ihm verbundener und begründeter politischer Hegemonialanspruch, als dessen Träger das französische Volk begriffen wird - und nicht nur das politische Regime Napoleons -, im Kern getroffen und entlegitimiert und ein 'tieferer Grund' für die Abschüttelung der französisch geprägten Herrschaft und Geisteswelt dieser Zeit gefunden.

Letztlich knüpft dieser an die in der römischen Kaiserzeit vorliegende Trennung zwischen 'Germania libera' und römischen Provinzen in Germanien, an das Scheitern einer römischen Expansion in die 'Germania libera' und an die Geschichte germanischer Reichsbildungen auf römischem Territorium in Spätantike und Frühmittelalter und ihrer unterschiedlichen Übernahme römischer Sprache und Kultur an. Von besonderer Bedeutung für ein deutsches Nationalbewußtsein ist ja seit ihrer humanistischen Wiederentdeckung in Deutschland die 'Germania' des Tacitus. Ob Fichte in seiner historischen Einschätzung angemessen differenziert und ob die germanische Geschichte noch für Fichtes Gegenwart wirklich von Bedeutung ist, ist weniger wichtig als die politische Willensrichtung, die im Rückgriff auf sie zum Ausdruck kommt: negiert wird der kulturelle und politische Hegemonialansprüche aus dem 'französischen', 'romanisch geprägten' , später auch 'westlich' genannten Zivilisationsbereich in Deutschland.

Schärfer und kriegsnäher kommt diese Idee in Theodor Körners Lied 'Lützows wilde Jagd' zum Ausdruck. In der Beschreibung und im Preis der schwarz uniformierten Jäger des gegen Napoleon, zumeist aus Studenten, gebildeten Lützowschen Freiwilligen-Korps werden vermutlich historisch-gebildete Assoziationen wie die an die von Tacitus (Germania 43) beschriebenen Harier lebendig: den anderen - schon kriegerischen - Germanenstämmen überlegen, wild und todesmutig, tragen sie schwarze Schilde, malen sich schwarz an und wählen die Nacht zum Kampfe. Im Haß auf die Tyrannen und im aufopfernden Patriotismus wird dagegen unbewußt-rezeptiv auch auf die römischen und generell die antiken Bürgertugenden zurückgegriffen, die ja auch die französische Revolution von 1789 beseelen.

Es gibt gewiß auch andere Möglichkeiten, ein deutsches Volk zu charakterisieren und abzugrenzen, mit historischen Belegen dafür - vom Konzept eines mittelalterlichen Trägervolks des 'Sacrum Imperium Romanum Germanicae Nationis' bis zu dem des 'fundamental friedlichen, tüchtigen, aufgeklärten und weltoffenen Kulturvolks' unserer Zeit. Dennoch ist das Fichtesche Konzept für die neuzeitliche Staatenbildung und das nationale Selbstverständnis in Deutschland in starkem Maße bestimmend gewesen. Der Grund dafür dürfte im wesentlichen in einer vehementen Staatenkonkurrenz in Europa, inbesondere zwischen Frankreich und Deutschland, teilweise auch zwischen dem angelsächsischen Bereich und Deutschland , und in den auf sie zurückzuführenden beiden Weltkriegen zu suchen sein. Weniger wichtig - ja irreführend - für ihre Erklärung erscheint mir die Annahme tiefreichender 'irrationaler' Anlagen eines deutschen Volkes, wie sie alle, die das Fichtesche Konzept bis ins Letzte - positiv oder negativ - ernstnehmen, ja notwendig teilen müssen. Es scheint deshalb auch sinnvoll, markante Unterschiede, die es etwa zwischen dem 'antiwestlichen' Konzept Fichtes und einem 'antijüdisch-antikommunistischen' Konzept der NS-Ideologie (siehe unter e: AHitler) gibt, nicht im Hinblick auf einen Oberbegriff 'Irrationalismus' zu übersehen. Gewiß sind beide 'deutsch' und beziehen sich beide auf eine 'germanische Vergangenheit' und ihr geistiges Fortwirken. Aber von allem anderen abgesehen hat das NS-Konzept etwa einen faktisch 'internationalen' - gegen 'übernational wirkende Mächte' gerichteten, also auch nicht notwendigerweise 'nur deutschen' - Charakter und insoweit eine andere Zielrichtung und Funktion als das nationalistische Konzept der Befreiungskriege.

Wiederum ein anderer Typus der Volks-Abgrenzung liegt in der von Alexej Stepanowitsch Chomjakov formulierten Idee eines 'Gotträgervolkes' vor. Es ist eine religiös begründete, sowohl anti-obrigkeitliche als auch anti-westliche Auffassung, entstanden sowohl aus einer traditionsreichen innerrussischen Frontstellungen gegen die orthodoxe Kirchenhierarchie und ihre enge Verbindung mit der Zarenherrschaft als auch aus einer Ablehnung eines absolutistisch-obrigkeitlich verordneten westlichen Kulturimports seit der Regierung Peters des Großen. Die Ablehnung richtet sich aber darüber hinaus auch gegen 'westliche' 'Demokratie', 'Mehrheitsprinzip' bei politischen Entscheidungen und 'Indididualismus' als Rechtsprinzip und Maxime des kulturellen und sozialen Lebens.

Der Rückgriff auf eine biblisch-theologische Grundlage und eine vor der Zarenherrschaft liegende orthodoxe Kirchentradition ist erkennbar. Auch hier ist nicht entscheidend, ob historische und theologische Erwägungen auch zu ganz anderen Ergebnissen führen könnten, sondern der religiöse und politische Wille, nur das 'Geistträgervolk' als wahrhaft russisches gelten zu lassen.

Sicherlich gibt es auch andere Möglichkeiten ein russisches oder andere slawische Völker abzugrenzen, und sie sind - wie die Alternativen zu den anderen schon erörterten Völker-Konzepten - auch belegbar, z. B. im Modell eines 'kaiserlich-imperialen Rußland' oder in einem 'sowjetrussischen' Modell. Die Wirkungsgeschichte der von Chamjakov formulierten Idee läßt sich aber auch hier noch verspüren, z. B. in einer panslawistischen Politik des kaiserlichen Rußland vor ind in dem ersten Weltkrieg oder in einigen ideologischen Momenten des russisch-sowjetischen Kommunismus, inbesondere etwa in seiner fast religiösen Verehrung der geschichtsveränderndern Kraft des Proletariats und der Bauerschaft, die wohl auch als Transformation des Konzepts vom 'einfachen, aber durch göttlichen Geist bewegten Volke' gedeutet werden muß.

Charles de Gaulles nach dem Zweiten Weltkrieg formuliertes Verständnis von einer historischen Eigenart und Mission Frankreichs hebt zur Definition zunächst eine ethnische Grundlage und einen territorialen Bestand hervor, einleuchtende, wenn auch nicht in vollem Umfang - etwa, was Grenzfragen betrifft - tragfähige Abgrenzungskriterien. Dazu kommt der Hinweis auf eine charakteristische Bewährung Frankreichs in der Selbstbehauptung gegenüber Eingriffen von außen - also die Unabhängigkeitsidee -, der im Hinblick auf den Sieg über den deutschen Nachbarstaat unter NS-Regierung im Jahre 1945 besonders plausibel erscheint. Dabei betont de Gaulle, daß der Nationalstaat seine Rechtfertigung im wesentlichen nur durch seine Bewährung an der Aufgabe der Selbstbehauptung erhalte. Schließlich nimmt er als für Frankreich charakteristisch eine 'Größe' und einen weltweiten Einfluß, sogar in Form der Regierung nicht im engeren Sinne französischer Territorien in Anspruch - eine Fortwirkung eines vielen europäischen Staaten gemeinsamen imperialen Selbstverständnisses.

Die Antikenbezüge für die Unabhängigkeitsidee sind dieselben wie in den USA (s. o. zu Thomas Jefferson), die Idee einer nationalen Größe und imperialen Kompetenz Frankreichs greifen auf den napoleonischen Caesarismus und sein 'Empire'-Konzept zurück (siehe auch Kap_1 , 3, B, k und Kap_2, 2, k).

Gewiß gibt es auch andere Möglichkeiten, ein französisches Volk zu definieren. So heben etwa seit dem 18. Jht. Monarchisten oder Parteigänger einer katholisch-klerikalen Richtung einen katholischen Charakter des französischen Volkes hervor (versinnbildlicht etwa im ersten christlichen König Frankreichs, Chlodwig). Radikalrepublikaner knüpfen an römisch-republikanischen Vorbildern oder an dem keltische Unabhängigkeitskampf gegen Rom im 1. Jht. v. Chr. an (siehe Kap_1, 3 A). Anhänger einer europäischen Mission Frankreichs weisen auf die mit einigen Nachbarvölkern gemeinsame fränkische Vergangenheit hin (versinnbildlicht etwa in Karl dem Großen) hin.

 Unabhängigkeitserklärung der Neu-England-Staaten 1776.

Die nach Thomas Jeffersons Entwurf diskustierte und verabschiedete Fassung.

TJefferson 

 Die Sprache als konstituierendes Moment einer Nation.

J. G. Fichte, Reden an die deutsche Nation. Vierte Rede: Hauptverschiedenheit zwischen den Deutschen und den übrigen Völkern germanischer Abkunft.

 JGFichte


'Lützows wilde Jagd', Lied 1813.

TKoerner.GIF

  Christliche Traditionen in 'slawophilen' Volksbegriffen.

E. v. Ivanka zu A. S. Chomjakow, einem Theoretiker eines geistlich-christlich begründeten slawischen Volksbewußtseins.

EvIvanka

 Vergangenheit und Zukunft einer großen Nation.

Aus: Charles de Gaulle, Mémoires d'espoir.

CdeGaulle 

 

d) Antike Momente in radikal-demokratischen und -proletarischen Gesellschafts-Ideologien.

Die verschiedenartigen politischen Prinzipen und Normen, die sich im Laufe der Neuzeitgeschichte aus oder in enger Verbindung mit dem Natur- und Vernunftrechtsprinzip entwickeln, können, wie schon erwähnt, in ein Spannungsverhältnis zueinandertreten, aus dem auch Konflikte und Sonderentwicklungen ideologischer Art hervorgehen. Nicht nur Gewaltenteilung und Gesetzlichkeit der Staatsmacht, Republikanismus und Föderalismus, Freiheits- und Bürgerrechte, allgemeine Wahlen und Bezogenheit der Regierungsziele auf einen 'Gesellschaftsvertrag', sondern auch die Akzentuierung eines 'Mehrheitswillens' - nicht primär als eines Abstimmungsprinzips, sondern als eines Synonyms für die 'politischen Interessen breiter Bevölkerungsschichten' -, die Betonung egalitärer Rechtsverteilung in der politischen sowohl als auch in der sozialen und wirtschaftlichen Sphäre, der energische und konzentrierte 'fortschrittliche Umbau' einer Gesellschaft einschließlich ihrer systematischen 'Erziehung' auf das Ziel einer 'neuen', 'humanen', 'wirklich freien' sozialen Lebensweise hin , dies alles ist ja in den Ideen der politischen 'Aufklärungsphilosophie' mitenthalten. Es erhält in der Entwicklung vor allem in 'sozialistischen (sozialdemokratischen)' und 'kommunistischen' Richtungen ein charakteristisches Eigengewicht, das sie von den dort so genannten 'bürgerlichen' Entwicklungslinien abtrennt. Obschon Grundelemente des politischen Denkens - wie die Begriffe 'Republik', 'Demokratie', 'Verfassung', 'Gesetzlichkeit' - beiden Entwicklungszweigen formal gemeinsam bleiben, entwickeln sich doch in sozialistischen und kommunistischen Ideologien erheblich andere Vorstellungen von dem Zentrum der Volkssouveränität (in einem 'Proletariat'), den Wahlen, dem Parteiwesen, der Öffentlichkeit, den Marktverhältnissen und Wirtschaftsweisen und generell von den Freiheitsrechten der Bürger. Auch der Typus einer 'Diktatur des Proletariats' als zwar republikanisch gedachter, aber de facto notwendigerweise auf längere Zeit angelegter autokratisch-politischer Verfassungsform ergibt sich aus den besonderen Gewichtungen dieser Ideologien.

Denis Diderots Beiträge zu den Stichworten 'Menschlichkeit' und 'Naturrecht' gehören zur 'Encyclopédie', d.h zu einer zentralen Publikation der französischen Aufklärungsphilosophie des 18. Jhts. Ihre politischen Implikationen und ihr Zusammenhang miteinander bestehen in folgendem. Für Diderot stellt sich s. v. 'Naturrecht' vor allem die Frage nach der für die Feststellung naturrechtlicher Maximen zuständigen Instanz und angemessenen Verfahrensweise. Er findet die 'volonté générale' als nicht irrenden, objektiven, die 'menschliche Gattung' in allen ihren Teilen einbegreifenden kollektiven Geist, dem gegenüber jede individuelle Intuition zufällig und berechtigungslos sei. Dieses Richtmaß einer 'reinen', ' verstandesmäßigen' Erkenntnis der Billigkeit und der Gerechtigkeit zu beachten, sei ein Gebot der Menschlichkeit; wer es nicht beachte ein 'Feind der Menschheit'. S. v. 'Menschlichkeit' betont Diderot an anderer Stelle ihren moralischen Vorrang vor allen Interessen und ihre Geltung gegen jedermann; als wichtige Beispiele ihrer Betätigung gibt er dann den Kampf gegen 'Sklaverei', 'Aberglauben', 'Laster' und 'Unglück' an.

Es ist offenkundig, daß hier innerhalb einer vorgegebenen Begrifflichkeit in Form von Definitionen Bedeutungsverschiebungen und nicht notwendige terminologische Gleichsetzungen stattfinden, die im Falle ihrer Umsetzung in maßgebliche Politik eine besondere, selbstgewisse und darum fast orthodoxe Loyalität gegenüber einem 'allgemeinen', politisch formierten Willen begründen und darüber hinaus die Moral mit der Politik ineinssetzen können, Erscheinungen, wie sie etwa aus den Anfangsjahren der französischen Revolution von 1789 oder aus dem späteren Kommunismus bekannt sind. Man kann - nach diesen Erfahrungen - ja heute überzeugend dagegenhalten, daß der 'allgemeine Wille' 'verstandesmäßig' nicht sicher feststellbar, sondern bestenfalls über ein Mehrheitsfeststellungsverfahren einigermaßen eindeutig ermittelbar, dann aber eigentlich ein statistischer Zufall sei, mit der Folge, daß eine unbedingte Gleichsetzung politisch-mehrheitlich gesetzter Ziele mit menschlicher Moral schon deswegen ganz unerträglich wäre. Die Berufung auf ein Naturrecht ist eben letztlich nichts weiter als eine einer positiv-gesetzlichen Ordnung gegenüber vorrangig werdende Berufung auf eine 'allgemeine menschliche Moral', die jedoch ihrerseits nicht immer eindeutig, klar und gerecht ist, sondern - trotz eventueller philosophisch oder juristisch homogenisierender Interpretation - manchmal auch unlösbar vieldeutig und in sich widersprüchlich bleibt, obwohl sie doch der persönlichen Einsicht nach unbedingt zu einem Handeln verpflichtet. Daß Diderot diese Aporie des Naturrechtsbegriffes nicht aufzulösen vermag, ändert aber nichts daran, daß seine und Rousseaus Konzeption von einem 'allgemeinen Willen' für radikal-demokratische und proletarische Gesellschaftsideologien noch wichtiger geworden sind als für die liberal-rechtsstaatlichen Fortentwicklungen des Naturrechtskonzepts.

Die Moralität und Leidenschaft, die bei Diderot hinter dem Begriff des 'allgemeinen Willens' steht, deutet, worauf schon Alexis de Tocqueville generell für die Französische Revolution hinweist (siehe: AdeTocqville), auf einen religiösen Hintergund hin, aus dem sich dieser Begriff entwickelt hat. Zwar spricht Diderot von einer rein 'verstandesmäßigen' Erkenntnis, und insoweit ist auch ein anderes ideelles Ausgangskonzept erkennbar, nämlich das vom 'wissenschaftlich-enzyklopädisch-aufklärerisch' faßlichen Weltgeschehen, das gerade nicht religiös gedeutet werden soll. Doch ist eben deswegen in Rechnung zu stellen, daß es hier außerdem - und wesentlich - um die 'unbewußte Wirkung' eines Traditionsmusters i. S. der oben zu P. 1 gegebenen Begrifserläuterung handeln dürfte. Als solches ist die christliche Vorstellung vom Heiligen Geiste anzunehmen. Er tritt dem Menschen - zu seinem eigenen Heile - übermächtig und fordernd gegenüber, sagt ihm, was er moralisch zu wollen hat, und ergreift die ganze Menschheit, ohne Rücksicht auf die Unterschiede der Herkunft und Sprache, indem er sie bessert. Wegen dieser formalen Analogien ist es wahrscheinlich, daß auch das eigentlich bewegende Moment des Diderotschen Naturrechts- und Menschlichkeitskonzepts der Antike, die 'volonté générale, dem christlichen Gottesbegriff, entstammt. Der Begriff einer 'vorurteilsfreien' 'enyklopädischen' 'Wissenschaft' kann ebenfals auf die Antike zurückgeführt werden, nämlich auf die griechisch-römische Vorstellung von einer 'eggyklios paideia' oder von den 'artes liberales'; 'eggkyklios', 'paideia', 'liberalis' werden humanistisch aktualisiert zu 'universell' oder 'dogmatisch unbegrenzt', zu 'Aufklärung' oder 'Menschheitserziehung' und zu 'Freiheit von bevormundenden Autoritäten'. Auch für die Diderotschen Leitvorstellungen von 'Glück' (gegen 'Unglück') und 'Tugend' (gegen 'Laster'), persönlicher Status-'Freiheit' (gegen 'Sklaverei') und 'rechtem Glauben' oder 'Vernunft' (gegen 'Aberglauben') lassen sich antike Ausgangsmuster unschwer benennen; siehe etwa Kap_1 , 3, B, j - n).

Friedrich Engels Ausführungen zur 'Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft' stellen die Marxsche 'materialistische Geschichtsauffassung' und seine 'Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts' als Entdeckungen dar, die 'den Sozialismus' von einer nur politischen Vision zu einem wissenschaftlichen Instrument der Gesellschaftserkenntnis und -gestaltung gemacht hätten. In der Schilderung der Entstehung und Entwicklung der sozialistischen Ideologie seiner Zeit nimmt Engels mehrfach auf die gemeinsamen Grundlagen mit der französischen Aufklärungsphilosophie oder mit dem Hegelschen 'Idealismus' und ihren bis in die Antike zurückreichenden philosophischen Traditionen Bezug. Er hebt ferner auch die eigenen Wurzeln eines sozialistisch-utopischen und des Marxschen Denkens in der antiken Philosophie hervor, so etwa bei Heraklit, bei Aristoteles und generell bei den "geborenen griechischen Diaklektikern".

Noch wichtiger als diese im Wege einer Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition bewußt gewordenen Bezüge auf 'materialistische' und auf 'dialektische' Denkformen der Antike erscheint aber ein Modell der historischen Selbsteinordnung des Marxschen Denkens. Es betrachtet sich selbst als Ergebnis und vorläufigen End- und Höhepunkt einer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung, bis zu dem dem menschlichen Bewußtsein eine richtige Einsicht in die wirklichen Bedingungen einer leidvollen Existenz eines großen Teils der Menschheit unmöglich war . Von ihm an werde durch eine 'wissenschaftlich' geplante und durchgeführte "weltbefreiende Tat ...des modernen Proletariats" der Eintritt der ganzen menschlichen Gesellschaft ein "Reich der Freiheit" (K. Marx) möglich, in dem sich die Qualität der Geschichte grundsätzlich ändere; die bisherige "Geschichte der Klassenkämpfe" werde nach einem großen abschließenden Kampf zwischen "Bourgoisie" und "Proletariat" in eine Veränderung der bisherigen Gesellschaftsformationen einmünden, in der es u. a. keine Gesellschaftsklassen und keinen Staat mehr geben werde. Dieses Moment des Marxschen Denkens stellt nach Engels (hier nur auszugsweise wiedergegebener) Darstellung seinen Kern dar. Ist er aber als das eigentlich bewegende Zentrum sozialistischer und kommunistischer Ideologie anzusehen, so ist auch hier wieder ein religiöses Hintergrundsmuster der Tradition aus der Antike anzunehmen. Es läßt sich in der formal analogen biblischen bzw. christlichen Vorstellung von der Geschichte als einer durch den Sündenfall, die Ankunft Christi und den eschatologischen Endkampf markierten Entwicklung einer 'alten Welt' finden, der eine Neuerschaffung der Welt folgen soll (Apokalypse des Johannes).

In gewissen Grundzügen hat die Marxsche Philosophie dieses Moment mit der Geschichtsphilosophie Hegels gemein, d. h. einer von Marx und Engels als 'bürgerlich' eingestuften Entwicklungsrichtung des Aufklärungsdenkens, das vom bewegenden Paradigma eines 'Fortschritts' in der Geschichte geprägt ist. Ferner ist im Hinblick auf eine - u. a. auch in der NS-Ideologie (siehe unten zu e) - vorgenommene Zuordnung des Marxismus zu einer jüdischen Tradition zu bemerken, daß weniger im Judentum des Mittelalters und der Neuzeit, als vielmehr im Christentum ein eschatologisches Denken immer wieder als vehementes und manchmal unkontrollierbares Moment von großer bewegender Kraft für die Gläubigen hervorgetreten ist; hieraus dürfte sich erklären, warum der Marxismus eine Verbreitung gefunden hat, die einerseits weit über den Bereich des religiösen und säkularen Judentums hinausgegangen ist und es andrerseits überwiegend nicht erfaßt hat.

Wladimir Iljitsch Lenin wird mit seinen Ausführungen zu 'Staat und Revolution' hier auszugsweise zitiert, weil ihnen - neben der Anknüfung an die eben im Hinblick auf ihre Antikenbezüge erörterte Marxsche Philosophie - ein Modell des politisch-ideellen Kampfes zugrundliegt, das ebenfalls auf ein Muster der Antike zurückführbar ist. Lenin wendet sich vehement gegen eine 'Entstellung' der Marxschen Doktrin durch 'bürgerliche', 'kleinbürgerliche', und 'philisterhafte' Politiker, Publizisten und Wissenschaftler, die mit 'beinah-sozialistischer Phraseologie' daran arbeiteten oder dabei mitwirkten, der Marxschen Lehre ihre revolutionäre Spitze abzubrechen; sie versuchten, sie umzumodeln in das Instrument einer nicht möglichen 'Versöhnung' der antagonistischen Klassen 'Proletariat' und 'Bürgertum' und dabei vor allem dem Staat eine unmögliche überparteiliche Rolle als Vermittler zuwiesen. Lenin weist demgegenüber mit genauen Zitaten aus den Schriften des Gründervaters des Marxismus daraufhin, daß dessen Konzeption nicht nur eine Versöhnung ziwschen antagonistischen Klassen ausschließe, sondern auch den Staat als notwendig parteiische Institution unter dem Einfluß stets nur einer Klasse charakterisiere. Lenin beschränkt sich aber nicht darauf, eine Fehldeutung der Marxschen Schriften nachzuweisen, sondern er ordnet die richtige Interpretation dieser Schriften einem Lager im Klassenkampf zu und die falschen einem gegnerischen. So beschreibt er die 'andersdenkenden' nicht nur als 'unrichtig' denkende, sondern auch als in betrügerischer Absicht oder in ängstlicher Unklarheit des Denkens einer welthistorisch unakzeptablen und zu bekämpfenden Seite zuarbeitende Ideologen.

Ist an dieser Argumentation formal einerseits das 'schriftgelehrte' Zitieren auffällig, das allerdings einen Kreis von Gegnern voraussetzt, die ebenso verfahren, und ihnen gerade die Möglichkeit nehmen will, sich auf Marx zu berufen, so ist es andrerseits die Verknüpfung der eigenen Position mit einer 'welthistorisch gerechten Sache' in einem unversöhnlichen Kampf gegen schädliche Irrtümer und geistige Versuchungen. Eine Diskussion kann unter solchen Umständen eigentlich nicht stattfinden, weil sie nur als Wiederholung eines unaufhebbaren Antagonismus im Kleinen verstanden und nicht 'ergebnisoffen' geführt werden kann. Sucht man hier wiederum nach analogen Mustern in der Antike, so drängt sich die jüdische Schriftgelehrsamkeit und mehr noch die ebenfalls schriftgelehrte und maßgeblich mit der Schrift argumentierende christlich-theologische Orthodoxie auf. Ihr Wahrheitsbegriff ist nicht primär logik- und formal erkenntnis-, sondern inhaltlich heilsbezogen ("Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich" - Johannes-Evgl. 14, 6) und stellt die 'Schrift' als Mittel einer gläubigen Wahrheitsfindung in den Mittelpunkt ("Suchet in der Schrift; denn ihr glaubt an das ewige Leben, und sie ist es, die von mir zeugt" - Joh.-Evgl. 5, 39).

Gegen diese Deutung ließe sich einwenden, daß es sich dabei um einen für Lenin völlig unwichtigern Aspekt handele. Man könnte ferner darauf hinweisen, daß es ja auch sonst über wichtige säkulare Gegenstände scharfe wissenschaftliche Auseinandersetzungen geben kann, ohne daß es stets nötig wäre, dafür eine untergründige Fortwirkung des christlich-orthodoxe Wahrheitsbegriffs anzunehmen. Doch eineserseits findet der politische Wille zum Konflikt seine Begründung gerade nicht in historischen Reflexionen, sondern in einem das genannte Konfiktmuster implizit voraussetzenden (und jedenfalls praktisch nicht in Frage stellenden) Nachweis seiner Voraussetzungen. Das Desinteresse an tarditionellen Mustern ändert aber nichts an ihrem Vorliegen. Zum andern ist im Falle auch leidenschaftlicher wissenschaftlicher Kontroversen ihre Reichweite und Bedeutung doch in aller Regel weitaus begrenzter, als im Falle der Behauptung einer ideell-grundsätzlichen und welthistorisch entscheidenden Konfliktsituation, so wie sie im Leninsche Argumentieren stattfindet.

In Antonio Gramscis Bemerkungen zu 'Sozialismus und Kultur' wird ein Konzept sozialistischen Bewußtseins entfaltet, das sich einerseits deutlich gegen einen 'bürgerlich-enzyklopädischen' Bildungsbegriff absetzt und andrerseits auf etwas "ganz anderes" Wert legt, nämlich auf "Organisation, Disziplin des eigenen inneren Ich, Besitzergreifen von der eigenen Persönlichkeit, Gewinnen eines höheren Bewußtseins, durch das man den eigenen historischen Wert, die eigene Funktion im Leben, die eigenen Rechte und Pflichten zu begreifen vermag". Dieser Typus einer 'Unwichtiges' und 'Falsches' konsequent ausschließenden Bildung mit 'selbstbefreiender oder -bestimmender' und 'historisch-politischer' Aufgabe, der als "höheres Bewußtsein" verstanden wird, grenzt legitime Informations- und Bildungsinteressen von illegitimen ('bürgerlich-enzyklopädischen') streng ab und gibt den legitimen in starkem Maße eine politische Ausrichtung. Man kann auch negativ formulieren: er unterbricht oder erschwert die Verständigung mit anders Gebildeten, indem er deren Interessen als unwesentlich und 'niedriger' bewertet, und erlaubt es, 'Bildungsbürger' als unangemessen arrogant zu entmystifizieren. Hierin liegt auch seine bewegende Kraft: er vermittelt die Selbsteinschätzung, nicht nur etwas beliebig Konkretes richtig zu wissen oder zu verstehen, sondern generell ein richtiges Bewußtsein zu haben., das zur Teilnahme an einem historischen Prozeß auf einer richtigen Seite befähige.

Das darin enthaltene formale Muster tritt nicht nur in dem 'sozialistischen' Bildungskonzept Gramscis, sondern auch in affinen, sich 'modern-traditionsabbrechend' verstehenden Bildungsbegriffen hervor. Sie tendieren dazu, einen 'Neubeginn' zu verkünden, exklusiv, weltgeschichtlich belangvoll, für die Gestaltung der Zukunft unerläßlich und von einer 'reinigenden', 'befreienden' und 'erhöhenden' Wirkung für ihre Träger sein zu wollen. In ihrer Exklusivitätstendenz weisen sie einerseits auf den antiken, eine 'liberale' Lebensweise voraussetzenden Bildlungsbegriff zurück, auch wenn sie sich von ihm absetzen, in den anderen Merkmalen auf die christlich-religiöse 'Rechtgläubigkeit', die nicht eine Frage des bloßen Wissens, sondern eines 'höheren' - weil vom Heiligen Geist geläuterten - Bewußtseins ist, in dem 'Umkehr und Neubeginn', eine Moral der Tat und das Ziel eines weltverändernden Heilsweges im Zentrum allen Interesses stehen und einen 'neuen Menschen' erzeugen.

 Die Gleichsetzung von 'Menschlichkeit' und 'Naturrecht' mit dem 'Allgemeinen Willen'.

Denis Diderot, Enzyklopädie (1751 - 1784), Stichworte 'Menschlichkeit und 'Naturrecht'.

  DDiderot

 Moderner Materialismus in Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition.

F. Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft (1893, Auszug).

  FEngels

  Die Wahrheit über Klassengesellschaft und Staat.

Wladimir Iljitsch Lenin, Staat und Revolution (1917), 1. Kap., 1. Abschnitt: Der Staat - ein Produkt der Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze.

 WILenin

 Kultur als höheres politisches Bewußtsein.

Antonio Gramsci, Sozialismus und Kultur, in: 'Il Grido del Popolo', 29.1.1916; SG S.22-26.

   AGramsci

 

e) Antike Momente in international konzipierten Konflikt-Ideologien.

Konflikte zwischen Staaten, insbesondere solche, bei denen mehrere Staaten einbezogen sind, etwa die für die Weltkriege unseres Jahrhunderts ursächlichen Konflikte, lassen zur Rechtfertigung des eigenen Handelns der Konfliktparteien und zur Destruktion der moralischen und rechtlichen Positionen der gegnerischen Seite Ideologien entstehen, die eine mobilisierende Wirkung auf die beteiligten Bevölkerungen entfalten. Mehr noch als bei den im wesentlichen auf den Bereich eines Staates beschränkten politisch-ideologischen Richtungen handelt es sich dabei vor allem um mediale oder instrumentelle Ideologien (Kriegspropaganda). Allerdings pflegen zum einen auch solche Ideologien für ihre Vertreter irgendeine von ihnen selbst ernst genommene argumentative Dimension zu haben. Zum anderen aber pflegen Kriegskonflikte nicht nur zu einer Kriegspropaganda, sondern auch zu Formen einer politisch eher ungeplanten kollektiven Feindwahrnehmung in den beteiligten Bevölkerungen zu führen, die sich mit Bildern von 'fremden' Völkern und Kulturen oder 'fremd gebliebenen' oder der Nähe zum Feind verdächtigter Bevölkerungselementen im Inneren verbinden können. Beide kriegsbedingten Ideologietypen pflegen sich drittens gegenseitig zu beeinflussen und können zu einer ideellen Eigendynamik führen, die ihre politische Berücksichtigung auch dann erfordert, wenn sie argumentativ nicht oder nicht mehr überzeugen. Diese Vorgänge sind mehr oder weniger allgemeiner Natur; sie lassen sich in verschiedenartigen Konfliktverhältnissen bei ganz unterschiedlichen beteiligten Konfliktparteien beobachten. Die Unterschiedlichkeit der Konfiktverhältnisse und der beteiligten Mächte führt einerseits zu recht unterschiedlichen Formen der Konfikt- oder Kriegsbegründungen. Andrerseits bieten sich auch hier wieder einige traditionelle, partiell bis in die Antike zurückreichende Muster für einen bewußten Rückgriff an oder werden ungeplant kollektiv wirksam. Dies ist erkennbar an den folgenden beiden Textbeispielen, denen man viele andere an die Seite stellen könnte. In dem einen Falle geht es um das Muster eines 'weltanschaulichen Konfliktes von weltweiter Bedeutung', in dem anderen um das Muster einer Feindmacht, die wegen ihrer angenommenen geschichtlich kontinuierlichen Neigung zur Aggressivität konsequent bekämpft und dann gezähmt werden müsse.

Adolf Hitler legt in der hier nur auszugsweise wiedergegebenen Darstellung seiner persönlichen Entwicklung dar, wie er zum 'Antisemiten' und 'Antimarxisten' geworden sei. Die Gegen-Phänomene 'Judentum' und 'Marxismus' erscheinen ihm als innerlich völlig konsistente Feindmächte mit fundamental - also nicht korrigierbar - unheilvollen Absichten, ferner als miteinander in engem Zusammenhang stehend und drittens als verschworen zur Zerstörung einer natürlichen Welt- und Lebensordnung. Die Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg und seine 'Demoralisierung' und 'kulturelle Zersetzung' danach betrachtet er als ihr Werk, die Parteinahme, ja den 'unnachsichtigen' Kampf gegen sie nicht nur als eine auf Deutschland beschränkte Politik zur Herstellung einer nationalen ('völkischen') Ordnung und Weltgeltung, sondern als einen Beitrag zu einem weltweiten weltanschaulichen Kampf, in dem es zu einer Vernichtung der Feindmächte nur die Alternative des eigenen Untergangs gebe. Die Darlegungen schließen mit dem Satz: "So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn."

Dieser Satz gibt für sich genommen schon zu erkennen, daß dieser Ideologie, die in der Folge des Ersten Weltkriegs unter deutschen Verhältnissen entstand, ein christlich-religiöses Grundmuster innewohnt, in dem das unkorrigierbare 'Böse' mit seinen Versuchungen, seinen Irreleitungen und seiner zerstörerischen Kraft durch den 'Marxismus' und das 'Judentum' substituiert sind. Diese Substitution darf nicht als politisch-ideologisch instrumentell, sondern muß vielmehr als eine Art Glaubensentscheidung verstanden werden, die der Autor selbst ernst nimmt. Sie gehört insoweit zu dem Typ der in Konfliktsituationen enstehenden, eher kollektiv-spontanen, volksnahen, stereotyp urteilenden Formen politischen Bewußtseins, von denen oben die Rede war. Daß sie späterhin auch eine breitenwirksame progagandistische Form erhält, darf man mit ihrem Ursprung nicht verwechseln. Die christlich-religiöse Herkunft ihres Konfliktmodells hat die NS-Ideologie mit anderen konfiltbezogenen modernen Ideologien gemein, so etwa mit dem marxistischen Geschichtskonzept oder mit amerikanischen Auffassungen von der Sowjetunion als einem 'Reich des Bösen' (R. Reagan) während des Kalten Krieges. Es zeigt sich daran, in wie starkem Maße in antik und europäisch geprägten Weltregionen die christliche Tradition auch in Kriegs- und Konfiktsituationen politisches Denken zu beeinflussen pflegt.

Louis Nizer ist ein in den USA in der Zeit des Zweiten Weltkriegs mit einer zu ihrer Zeit - auch in führenden politischen und militärischen Kreisen - viel gelesenen Schrift 'What to do with Germany' (1941, 1944 2 ) hervorgetretetener Publizist. Er legt u. a. dar, daß und warum die deutsche Kriegspolitik ein Anliegen nicht nur der deutschen Regierung und der sie unterstützenden politischen Kräfte, sondern des ganzen deutschen Volkes sei, ja aus dessen in der Geschichte immer wieder, wie er meint, erwiesenem barbarisch-kulturfeindlichem und kriegerisch-aggressivem Wesen naturnotwendig hervorgehe. Zu den Konsequenzen des Krieges, die sich teilweise gegen die Regierung und andere direkt verantwortliche Kräfte zu richten hätten, gehöre darüberhinaus, daß man dieses friedens- und kulturfeindliche Volkswesen unnachsichtig moralisch bloßstellen, dauerhaft entwaffnen, ökonomisch lückenlos kontrollieren und begrenzen, und ganz neu zu einem 'zivilisierten' Verhalten erziehen müsse. Um den Nachweise einer barbarischen und kulturfeindlichen Volksnatur zu erbringen, rechnet er einem ganzen deutschen Volke nicht nur die auf deutscher Seite begangenen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges zu - unter denen allerdings, im Hinblick auf den Zweck der Ausführungen unerklärlich, die damals in den USA lange bekannte Praxis der Vernichtungslager unerwähnt bleibt. Vielmehr geht er bis in die antike Vergangenheit zurück, um ein kriegerisches Verhalten der barbarischen Germanenstämme, von dem zuerst Caesar und Tacitus berichten, einer Entwicklungslinie zuzuordnen, an deren Ende der 'Nazismus' stehe. Bei Nizer ist in Rechnung zustellen, daß er nicht nur in propagandistischer Absicht verfährt, sondern wenigstens teilweise selbst an das glaubt, was er schreibt. Erkennbar stellt er eine generelle Einschätzung, Motivation und eine Programmatik dar, wie sie für die Behandlung des Kriegsgegners Deutschland nach seiner Niederlage durch die USA, für ihre Entmilitarisierungs-, ihre ökonomische Kontoll- und ihre Entnazifizierungs- und Reedukationspolitik maßgeblich geworden ist.

Nizers Rückgriff auf die Antike ist eine Art negativer Umkehrung der positiven nationalstolzen Rezeption, die die römischen Berichte etwa von 'Arminius' und der 'Germania libera' in Deutschland seit dder Zeit Humanismus gefunden haben , so wie sie etwa bei J. G. Fichte oder T. Körner (s. o. unter e) anklingt. Die Bedeutung des Rückgriffs auf die antike Geschichte, um ein Volk als ganzes in Haftung zu nehmen, ist in dieser kriegsbedingten und überwiegend wohl instrumentellen Ideologie zentral und , wie es scheint, mindestens ebenso wichtig, wie die Frontstellung gegen den Nationalsozialismus als politisches System oder den deutschen Staat als Kriegführungsorganisation; denn sie begründet - wenn auch unvollkommen, denkt man an den germanischen Ursprung von Engländern, Franzosen u. a., die kollektive Haftung eines ganzen Volkes mit gravierenden, ansonsten sachlich und völkerrechtlich kaum begründbaren Konsequenzen wie etwa der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus ihren angestammten Siedlungsgebieten.

 Der Kampf gegen Marxismus und Judentum als Kampf für das Werk des Herrn.

Adolf Hitler, Wiener Lehr- und Leidensjahre, in: Mein Kampf (Auszug).

AHitler

 Das seit der Antike durchgängige Wesen eines Feind-Volkes.

Louis Nizer, What to do with Germany, Chicago, New York 1944 2, S. 18 - 23.

  LNizer

 

f) Antike Momente in völkergemeinschaftlich oder internationalistisch akzentuierten Ideologien.

Nicht nur für internationale Konflikt- und Kriegssituationen, sondern auch für die Perspektive einer friedlichen und gerechten Völkerordnung bilden sich politische Ideologien. Sie gehen von der in der frühen Neuzeit von Hugo Grotius - im wesentlichen ausgehend von der literarischen Überlieferung antiker Völkerrechtskomplexe - vorgenommene Formulierung eines naturrechtlich systematisierten 'universellen', wenn auch schwerpunktmäßig auf die christlich-europäische Staatenwelt ausgerichteten Kriegs- und Friedensvölkerrechts. Da dies Völkerrecht aber die verschiedenen Formen der 'Souveränit' der Staaten, so ungerecht sie in ihrer inneren Ordnung auch sein mögen, weitestgehend sanktioniert und die Kriegführung mit all ihren Folgen nur begrenzt, nicht verhütet oder ausschließt, gibt es in der neuzeitlichen Geschichte der politischen Ideen immer wieder Denkansätze, sei es aus eher philosophischen , sei es aus eher praktisch-politischen Motiven, die den völkergemeinschaftlichen Charakter der Menschheit in bestimmten politischen Anliegen unterstreichen oder allgemeiner auf den Ausbau des Friedens- und des Kriegsvölkerrechts oder auf die politische Stabilisierung einer internationalen Friedensordnung ausgerichtet sind. Diese Denkansätze können aber auch in ideologische Konzepte eingehen, die internationale Konflikte und Interventionen begründen, gerechtfertigte einzelstaatliche Interessen und Souveränitätsrechte ignorieren und die herkömmlichen Besonderheiten einzelner Völker unakzeptablen Generalisierungen unterwerfen können oder wollen. D. h.: wie alle Ideologien, so haben auch diese von ihrer Grundidee her an sich sehr bewegenden - und insoweit auf alte Traditionsmuster zurückverweisenden - politischen Denkrichtungen, mehrere Seiten.

Immanuel Kant formuliert in einer bewußt als philosophisch und nicht-politisch deklarierten, aber dennoch in ihren die Politik betreffenden Vorstellungen sehr dezidierten Schrift 'Zum Ewigen Frieden' aus natur- und vernunftrechtlichem Geiste normative Maximen für das Staats- und Völkerleben, die einer Friedensordnung zugrundeliegen und ihr Stabilität verleihen könnten. Unter der Vielzahl der von ihm angesprochenen konstruktiven Ideen seien hervorgehoben die Grundgedanken der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates, der Auflösung stehender Heere, der internationalen Friedenssicherung durch eine republikanische - nicht demokratische - Ordnung in den Staaten selbst, der weltweiten - nicht ihrerseits staatsförmigen - Föderation der Staaten und eines allgemeinen weltweiten Verkehrs- und Besuchsrechts - nicht eines weltweiten Niederlassungs- oder Bürger- Rechts. Im Mittelpunkt steht der Gedanke der Kriegsvermeidung, nicht der eines Weltstaats. Kant zielt auf Kriegsverhütung durch dauerhafte und stabile Vereinbarungen unter den Staaten ('ewiger Frieden'). Ein 'natürlicher Zustand' des Krieges soll so in eine vernünftige Form des Zusammenlebens der Menschheit umgeformt werden. In diesen Elementen geht Kant über die zu seiner Zeit geltende - die Souveränität der einzelnen Staaten und ein für sie in Anspruch genommenes 'freies' Kriegsführungsrecht besonders betonende - Völkerrechtsdokrin weit hinaus, obschon er andrerseits auch deutlich macht (Einleitung), daß er keinen utopischen Traum träumen will, und zu Vorstellungen abgrenzt, die er für in diesem Zusamenhang für unrichtig hält (Demokratie, Weltstaat, Weltbürgerrecht). Dennoch hat der Komplex der von Kant formulierten Ideen in seiner über die herkömmliche Völkerrechtsordnung hinausgehenden Bewegungsrichtung im Laufe der Zeit, insbesondere nach den beiden Weltkriegen dieses Jahrhunderts, große Resonanz gefunden, u. a. bei der Gründung des Völkerbunds und der UNO (und siehe Kap_2 , 2, l und IntOrg).

Die erkennbaren Rückbezüge auf die Antike liegen einmal in den Antikenbezügen der modernen Völkerrechtslehre einerseits und der Natur- und Vernunftsrechtskonzeption andrerseits, von denen Kant, wie er selbst angibt ausgeht; sie sind früher schon erörtert worden. In der Intention, einen 'ewigen Frieden' zu sichern, darf aber außerdem ein Rückbezug auf die christliche Friedensidee vermutet werden, die ja - wie Kants Konzept - auf dem Transzendieren eines natürlichen Schöpfungszustandes der Menschheit, allerdings durch Teilhabe an dem Geist Gottes beruht. Demnach müßte also hier die Vernunftidee die Idee die Idee vom heiligen Geist substituiert haben.

Das von Karl Marx und Friedrich Engels verfaßte 'Kommunistische Manifest' dokumentiert u. a. die Enstehung eines anderen modernen Typus international angelegter politischer Ideologie. Hier geht es nicht primär um Völkerrecht und institutionelle Friedenssicherung bzw. Kriegsverhütung, sondern um die 'Befreiung der Menschheit' und das Zusammenwirken des 'Proletariats aller Länder' - über die Grenzen der letzlich überflüssig werdenden Staaten hinaus - bei dieser "weltbefreienden Tat" (siehe oben zu e). Dies ist eine im Ziel zwar friedensorientierte, aber auf dem Weg dahin stark konfliktbetonte Ideologie, die ja einen 'unversöhnlichen Antagonismus' der Klassen sogar theoretisch voraussetzt. Praktisch hat sie auch zu zahlreichen Interventionen kommunistisch regierter Staaten in die inneren Angelegenheiten anderer geführt und sogar, wie nach der Gründung der Sowjetunion, unter dem Vorzeichen einer kommunistischen Völkergemeinschaft, die Integration an sich unwilliger Völker in deren staatlichen Machtbereich begründet. Das ambivalente Wesen von Ideologien, so bewegend und menschheitsverpflichtet sie auch sein mögen, wird hier besonders deutlich.

Die verschiedenen Rückbezüge des marxistischen Denkens auf antike Muster wurden schon erörtert (siehe oben zu e).

 Naturrecht und Frieden unter den Völkern.

Immanuel Kant, Zum Ewigen Frieden (1795, Auszug).

IKant 

 Vereinigung der Proletarier aller Länder.

Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848, Auszug).

Kommunistisches_Manifest

 

3. Literatur, Medien, Quellen.

 Zu Literatur, Medien und Quellen siehe auch das allgemeine Literatur-_und_Quellenverzeichnis mit weiteren ggf. interessanten Hinweisen.  

Literatur:

Zu allen Aspekten:

Johann Eduard Erdmann, Philosophie der Neuzeit , Geschichte der Philosophie (seit ca. 1800), Bd. 6 und 7, Hamburg 1990.
Fenske, H., Mertens, D. u. a., Geschichte der politischen Ideen von Homer bis zur Gegenwart, (1981), aktualisierte Neuausgabe, Frankfurt 1997.
Fuhrmann, Manfred, Europas fremd gewordene Fundamente. Aktuelles zu Themen aus der Antike, Zürich 1995.
Gumbrecht, H. U., Modern, Modernität, Moderne, in: Brunner, Otto, Conze, Walter und Koselleck, Reinhard (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 4, Stuttgart 1978, S. 93 - 131.
Schulze, Hagen, Die Wiederkehr der Antike. Renaissancen und der Zusammenhang der europäischen Geschichte, in: T. Nipperdey (Hg.), Weltbürgerkrieg der Ideologien, Frankfurt 1993, S. 361 - 383.
. 1 - 5 (Antike, Mittelalter und Neuzeit bis ca 1800), Hamburg 1990.

Zu Punkt 1 a):

Wolfgang Ribbe (Hg.), Geschichte Berlins, Bd. 1: Von der Frühgeschichte bis zur Industrialisierung, Bd. 2: Von der Märzrevolution bis zur Gegenwart. Mit Beiträgen von Günter Richter, Michael Erbe, Henning Köhler, Christian Engeli und Wolgang Ribbe, München 1987.
750 Jahre Berlin. Thesen. Komitee der Deutschen Demokratischen Republik zum 750jährigen Bestehen von Berlin, Berlin (Ost) 1986.

Zu 1 b):

Lübbe, H., Praxis der Philosophie. Praktische Philosophie. Geschichtstheorie, Stuttgart 1978.
Mannheim, Karl, Ideologie und Utopie (EE 1937), Frankfurt 1965 4 .
Neumann, Franz (Hg.), Handbuch politischer Theorien und Ideologien, Hamburg 1977.

Zu 2 a):

Ilja Mieck, Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit, Berlin, Köln 1994 5.
Quaritsch, Helmut, Souveränität (Schiften zur zur Verfassungsgeschichte Bd. 38), Berlin 1986.
Langewiesche, Dieter, Europa zwischen Restauration und Revolution 1815 - 1849, Oldenbourg-Grundrisse, Bd. 13, München 19933
Sweet, William Warren, Der Weg des Glaubens in den USA (EE um 1930; übers. von O. Schröder), Hamburg um 1950.

Zu 2 b):

Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie. Mit Quellentexten, Bde 4 und 5 (Naturrechts- und Aufklärungsphilosophie bis ca. 1800).
Adams, Willi P., Republikanische Verfassung und bürgerliche Freiheit. Die Verfassungen und politischen Ideen der amerikanischen Revolution, Neuwied 1973.
Gall, Lothar (Hg.), Liberalismus, Köln 1976.
Weber, Max, Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus (Fassung d. J. 1904/5 mit Zusätzen und Veränderungen d. J. 1920, hg. v. K. Lichtblau und J. Weiß), Bodenheim 1993.
Hansen, Klaus P., Die Mentalität des Erwerbs. Erfolgsphilosophien amerikanische Unterneh- mer, Frankfurt 1992
Postman, Neil, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsin- dustrie (EE 1985; übers. von R. Kaiser), Frankfurt 1985.

Zu 2 c):

Euchner, Walter (Hg.), Klassiker des Sozialismus. Von Babeuf bis Plechanow, München 1992.
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Zu 2 d)

Schieder, Theodor, Nationalismus und Nationalstaat. Studien zm nationalen Problem im mo- dernen Europa, hg. von O. Dann und H. U. Wehler, Göttingen 1991.
Gellner, E., Nationalismus und Moderne, Berlin 1991.
Flacke, Monika, und Rother, Rainer (Hg.), Mythen der Nationen. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (März - Juni 1998), 2 Bde, Berlin 1998.
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Rüegg, Walter, Die Antike als Begründung des deutschen Nationalbewußtseins, in: W. Schuller (Hg.), Antike in der Moderne, 1985, S. 267 - 287

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Ernst Nolte, Die faschistischen Bewegungen. Die Krise des liberalen Systems und die Entwicklung der Faschismen, dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts Bd. 4, München 1979 7.
Poliakov, Léon, Der arische Mythos. Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus (Ersterscheinung 1971. Übers. v. M. Venjakob und H. Fließbach), Hamburg 1993.
Bärsch, Claus-Ekkehard, Die politische Religion des Nationalsozialismus. Die religiösen Dimensionen in den Schriften von Dietrich Eckart, Josph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler, München 1997.
Georg Lukacz, Von Nietzsche zu Hitler oder Der Irrationalismus und die deutsche Politik (Auswahl aus: Die Zerstörung der Vernunft, 1962), Hamburg 1966.
Caspar von Schrenck-Notzing, Charakterwäsche. Die Politik der amerikanischen Umerziehung in Deutschland (1965/81), aktualisierte Ausgabe, (ullstein-tb) Frankfurt, Berlin 1994 2.
Alfons Söllner (Hg.), Zur Archäologie der Demokratie in Deutschland, Bd. 1: Analysen von politischen Emigranten im amerikanischen Geheimdienst 1943 - 1945, aus dem Amerikanischen übersetzt von Sabine Gwinner u. a., Frankfurt 1986.

Zu 2 f)

Johann Eduard Erdmann, Philosophie der Neuzeit, Geschichte der Philosophie Bd. 6 und 7, Hamburg 1990 (Bd. 6 zu Kant).
Euchner, Walter (Hg.), Klassiker des Sozialismus. Von Babeuf bis Plechanow, München 1992.
Grewe, Wilhelm E., Epochen der Völkerrechtsgeschichte, Baden-Baden 1988 2 .
Gizewski, Christian, Hugo Grotius und das antike Völkerrecht, Der Staat 32, 1993, S. 325 - 355.

Medien:

Brockhaus' Konversations-Lexikon, 14. Aufl., 3. Bd., Berlin und Wien 1893, S.339 (s. v. Comjakov)
dtv -Lexikon. Ein Konversationslexikon in 20 Bden., Bd. 6, S 152 f. (s. v. Fichte).
Schauenbur's allgemeines Deutsches Kommersbuch. Unter musikalischer Redaktion von Fr. Silcher und Fr. Erk, (1858 1 ) Lahr um 1903 5, Vaterlandslieder, S. 105 (Lützows wilde Jagd).

Quellen:

Ludwig Erhard, Wohlstand für alle. Bearbeitet von Wolfram Langer, Gütersloh um 1963, S. 7 - 11.
Friedrich II. von Preußen, Regierungsformen und Herrscherpflichten (1777), in: Helmut Neuhaus (Hg.), Zeitalter des Absolutismus, Deutsche Geschichte in Quellen und Darstelung, Bd. 5, Stuttgart 1997, S. 231 ff.
Johann Gottlieb Fichte's sämmtliche Werke, herausgegeben von J. G. Fichte, Dritte Abteilung. Populärphilosophische Schriften. Zweiter Band: Zur Politik, Moral und Philosophie der Geschichte, Berlin 1846, ND Berlin 1965, S. 311 - 327.
Antonio Gramsci, Gedanken zur Kultur, mit Nachwort hg. von G. Zamis u. a., übersetzt von Marie-Louise Döring u. a., Köln 1987, S. 7 - 11.
Charles de Gaulle, Mémoires d'espoir, Übersetzung von H. Kusherer, Wien 1971, S. 1 f.
Adolf Hitler, Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Erster Band: Eine Abrechnung. ZweiterBand: Die nationalsozialistische Bewegung, 377. Auflage München 1938, S. 68 - 70.
Immanuel Kant, Zum Ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Hg. von Theodor Valentiner, Stuttgart 1963, S. 15 - 50.
Immanuel Kant, Der Streit der Fakultäten. herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Steffen Dietzsch, Leipzig 19984, 1992, S. 7 - 13.
Hobbes, Thomas, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staats (EE 1651; übers. von W. Euchner; hg. und mit einer Einleitung- S. IX - LXIV - versehen von I. Fetscher), Berlin 1966 [= T. Hobbes, Leviathan].
Karl Marx, Friedrich Engels, Studienausgabe in 4 Bänden, hg. von Iring Fetscher, Bd. I: Philosophie, Frankfurt 1878, S.156 - 163.
Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1961, Bd. 1, S. 351 - 358.
Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin (West) 1987 2, S. 52 - 54 und 64 - 66.
Endré von Ivanka, Rhomäerreich und Gottesvolk. Das Glaubens-, Staats- und Volksbewußtsein der Byzantiner und seine Auswirkung auf die ostkirchlich-osteuropäische Geisteshaltung, Freiburg, München 1968, S. 144 - 154.
Montesquieu, Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède et de, Vom Geist der Gesetze, Auswahl, Übersetzung und Einleitung vin Kurt Weigand, Stuttgart 1993, S. 100 - 105 und 216 - 230.
Louis Nizer, What to do with Germany, Chicago, New York 1944 2, S. 18 - 23.
Neil Postman, Wir amüsieren und zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie (Amusing ourselves to Death. Public discourse in the Age of Show Business, 1985). Aus dem Amerikanischen übersetzt von Reinhard Kaiser, Frankfurt M. 1988, S. 189 - 198.
Karl Theodor Schuon (Hg.), Politische Theorie des Deomkratischen Sozialismus. Eine Einführung in die Grundlagen einer normativ-kritischen Theorie demokratischer Institutionen, unter Mitarbeit des Hg. und vieler weiterer Autoren, Marburg 1986, S. 242 - 244.
Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, übersetzt von Theodor Oelckers und Rüdiger Volhard, mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Jakob P. Mayer, Mümchen 1978, S. 22 - 26.

 

LV Gizewski SS 1998

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)