THEMEN-WEGWEISER

zur Lehrveranstaltung und zum Skript 'Antike, Volk und Staat. Typen gebildeten politischen Bewußtseins seit dem 18. Jh. bei einigen seiner Vor- und Nachdenker'.

 

Zum Gesamtthema:  

Die Verwurzelung aller Momente der Bildung des europäischen Mittelalters und der Neuzeit - Religion, Philosophie, Historie, Recht, Wissenschaft und Künste - in antiken Vorformen führt dazu, daß sich auch die moderne politische Ideenwelt in den für die Praxis benötigten Mustern ihres Denkens und öffentlichen Argumentierens in den europäisch geprägten Regionen der Welt immer wieder auf Traditionselemente aus der Antike - d. h. aus den vorderorienatlisch-mittellmeerischen Hochkulturen des dortigen Altertums, insbesondere ihre griechischen und römischen Epochen - beruft. Das gilt gleichermassen etwa für die Bildung eines Nationalbewußtseins und seine diversen europäischen Ausformungen, für Konzepte eines Bürgerstaates und für internationalistische Konzepte einer Menschheitsgesellschaft und ihre systembildenden Ideen von Recht und Ordnung, Fortschritt, Gleichheit und Humanität. All diese Konzepte finden ihren nachprüfbaren Niederschlag im Denken recht unterschiedlicher praxisorientierter Vordenker und historisch oft folgenreich und konträr gewordener Volks- oder Gesellschaftsbegriffe, aber auch eher systematisch-theoretischer Nachdenker und Beschreiber, die ihrerseits ideelle und auf Dauer ggf. ebenfalls praktische Wirkungen entfalten konnten. Sicherlich haben nicht nur verschiedenartige Traditionen aus der Antike, sondern in erheblichem Maße auch solche aus nachantiken Epochen eine politisch-traditionsbildende Rolle in Europa gespielt. Aber in einem historischen Vergleich, der sich mit verschiedenartigen politischen Ordnungen, Bewegungen und Ideensysteme befaßt, wird doch deutlich, daß gerade die bewegende Macht - und dabei auch die gelegentliche Unversöhnlichkeit und Herrschsucht - 'moderner' politischer Ideen - allenthalben - also nicht nur in bestimmten Völkern, Glaubensrichtungen, Sozialschichten oder Kulturbereichen Europas - um so ausgeprägter hervorzutreten scheint, je enger sie im Zusammenhang stehen mit der Wirkung sehr alter Traditionen, insbesondere etwa mit den aus dem Christentum, aus der antiken Philosophie oder aus dem römischen Reichs- und Rechtsverständnis stammenden.

Eine ähnlich intensive Nachwirkung entfalten auch andersartige Altertumstraditionen in anderen Weltregionen - etwa im indisch-hinterindischen oder im fernöstlichen Raum.

Bei einem weitgefaßten Begriff 'Antike' ist ferner vergleichend zu bedenken, daß etwa im ägyptischen, irakischen, iranischen, palästinensischen und arabischen Raum Antiken-Traditionen noch heute wirksam sein können, die über das griechisch-römische Altertum hinweg zeitlich weit zurückreichen.

Derartige langfristige Traditionen in ihrer Wirkung auch für die Neuzeit- und Gegenwartsgeschichte als historische Erklärungsmomente mitzuberücksichtigen, ist eine natürliche Aufgabe althistorischer Erkenntnis in ihrem gesamthistorischen Arbeitszusammenhang. Allerdings kann sie - im Rahmen einer Lehrveranstaltung und eines Skripts - nur in Ansätzen erarbeitet und vermittelt werden.

Die nachfolgende Übersicht über die Unterthemen des Gesamtthemas dient deshalb auch nur der Auffächerung ihrer Aspekte. Sie ist nicht als strikt einzuhaltendes Vortragsprogramm zu verstehen. Der Rahmen sowohl einer Lehrveranstaltung als auch eines Skripts läßt dies nicht zu.

Für die im folgenden verwendeten Begriffe ist eine andere Terminologie und Zielrichtung in anderen historischen oder politilogischen Forschungs- und Darstellungszusammenhängen denkbar und manchmal auch üblich. In einer gewissen Distanz zu den Begriffsbildungen der 'Zeitgeschichte' (wie z. B. 'Nationalismus', 'Imperialismus', 'Faschismus', 'Totalitarismus' ) zu stehen ist aber für eine althistorische Erörterung dieses Gesamtthemas sinnvoll. Die sachliche Berechtigung, Vertretbarkeit oder Diskussionswürdigkeit anderer Begrifflichkeit unter anderen Perspektiven historischen Interesses ist durch den hier stattfindenden, den wohlerwogenen Überzeugungen und Einschätzungen des Dozenten enpsprechenden Begriffsgebrauch nicht prinzipiell in Frage gestellt.

Kap.1: Traditionslinien aus der Antike für politische Ideen der Neuzeit. Übersicht über traditionsbildende antike Quellen und ihre neuzeitlichen Anwendungen.

1. Zu den Begriffen 'Wirkungsgeschichte', 'Tradition' und 'Rezeption'.

2. Zu den Formen des Rückgriffs im allgemeinen.

    a) Die Nutzung ästhetischer und stilistischer Formen aus dem antiken Traditionsfundus.
    b) Der Rückgriff auf die Überlieferung persönlichen und staatlichen Handelns aus der Antike.
    c) DasAufgreifen vorgedachter und -praktizierter Ordnungsmuster vor allem des politischen, rechtlichen, religiösen und philosophischen Lebens der Antike.
    d) Varianten der Rückgrifssintensität für Zwecke politischer Legitimation in der Neuzeit.

3. Zu einzelnen Komplexen der Wirkungsgeschichte antiker Muster bei der Entstehung neuzeitlicher politischer Ideen.

A. Übung.

B. Übersicht über einzelne Komplexe der Wirkungsgeschichte antiker Muster bei der Entstehung neuzeitlicher politischer Ideen.

    a) Traditionen der Reichsbildung.
    b) Monarchische Traditionen.
    c) Republikanische Traditionen.
    d) Traditionen des Wertes und der Eigenart einzelner Völker.
    e) Traditionen des Militärwesens und der Kriegführung.
    f) Traditionen des bürgerlichen, des öffentlichen und des Völkerrechts.
    g) Traditionen der politischen Verantwortung für das allgemeine Wohl.
    i) Traditionen 'politischer Religion'.
    j) Traditionen der 'Freiheit' ('Libertät', 'Liberalität', 'Libertinität' und 'Freiheit eines Christenmenschen').
    k) Traditionen der ständischen 'Ehre' und persönlichen 'Größe'.
    l) Traditionen der 'Vernunft' und des 'Naturrechts'.
    m) Traditionen der bürgerlichen Eintracht und der öffentlichen sozialen Fürsorge.
    n) Traditionen in Vorstellungen von 'besseren Welten'.
    o) Traditionen des Aufstands und der Revolution.
    p) Traditionen des Völkerfriedens.

4. Literatur, Medien und Quellen.

Kap.2: Antike Traditionen in der Legitimation staatlicher und überstaatlicher Systeme.

1. Anschaungbeispiele der Legitimation staatlicher Systeme durch Rückgriff auf antike Muster.

2. Antike Legitimationselemente in neuzeitlichen Typen staatlicher Systeme (Übersicht).

    a) Reiche in der Nachfolge des Imperium Romanum.
    b) Absolutistisch verfaßte Fürsten-Staaten .
    c) Aristokratische Stadt-Republiken.
    d) Stände-Konföderationen
    e) Herrschafts-Vikariate und Kolonialverwaltungen.
    f) Konstitionelle Republiken.
    g) Demokratische Republiken (i. S. eines parteilichen Volksbegriffs).
    h) Konstitutionelle Monarchien.
    i) Moderne Diktaturen.
    k) Moderne imperiale Systeme.
    l) Moderne internationale Gemeinschaften.

3. Literatur, Medien und Quellen.

Kap.3: Typenbildende antike Traditionen im Erscheinungsbild politischer Persönlichkeiten.

1. Allgemeines: Antike Einflüsse auf das Selbtsverständnis und die Darstellung politischer Personen

    a) Übung
    b) Allgemeines zur typenbildenden Wirkung antiker Überlieferung auf politisches Handeln der Neuzeit.

2. Zu einzelnen Typen politisch Handelnder.

    a) Herrschaftsinhaber und Inhaber politischer Ämter.
    b) Demagogen und Volkstribunen.
    c) Feldherren und Militärbefehlshaber.
    d) Gottesmänner.
    e) Politische Philosophen und Gelehrte.
    f) Politische Publizisten und Künstler.
    g) Beamte und Richter.
    h) Geschäftsleute, Unternehmer.
    i) Loyale Bürger.
    k) Loyale Soldaten.

3. Literatur, Medien, Quellen.

Kap.4: Antike Traditionen als konstituierende Momente in neuzeitlichen politischen Moralsystemen und Ideologien.

1. Allgemeines zum Begriff, zur politischen Begründungsfunktion und zu den ideellen Komponenten neuzeitlicher Moralsysteme und Ideologien.

    a) Bildbeipiele zur Erläuterung des Themas.
    b) Einführende Bemerkungen.

2. Typen neuzeitlicher Philosophien, Doktrinen, Moralsysteme und Ideologien und ihr Rückbezug auf die Antike im Überblick.

a) Antike Momente in legitimistischen Doktrinen politischer und zwischenstaatlicher Ordnung und auf ihnen fußenden konservativen Ideologien des 19. Jhts.
b) Antike Momente in naturrechtsbasierten Freiheits- und Verfassungsphilosophien und in den auf ihnen aufbauenden Ideologien einer demokratischen Massengesellschaft.
c) Antike Momente in nationzentrierten politischen Ideologien.
d) Antike Momente in radikal-demokratischen und -proletarischen Gesellschafts-Ideologien.
e) Antike Momente in international konzipierten Konflikt-Ideologien.
f) Antike Momente in völkergemeinschaftlich oder internationalistisch akzentuierten Ideologien.
 
 
3. Literatur, Medien, Quellen.

Kap.5: Zum Vergleich verschiedener Altertumstraditionen mit politischer Wirkungsgeschichte.

1. Altertumstraditionen mit politisch-ideeller Bedeutung innerhalb und außerhalb des christlich-antik geprägten europäischen Kulturkreises.

2. Literatur, Medien.


 

LV Gizewski SS 1998

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)