Zur ideengeschichtlichen Bildlanalyse

der Bilder von W. Lindenschmidt (Arminius.GIF) und P. H. Motte (Vercing.GIF).

 

Die in der Aufgabe gestellten Fragen lauten:

a) Welche historischen Situationen könnten in Frankreich und in Deutschland für die Wahl der Motive beider Bilder auslösend oder bestimmend gewesen sein?

b) Inwiefern konnte der Rückgriff auf die genannten antiken Ereignisse eine Erklärung oder einen politisch-moralischen Appell für die jeweilige Gegenwart bedeuten?

c) Wie äußern sich a) und b) in Form und Inhalt der beiden Bilder? In welcher Weise werden die antiken Quellen dabei interpretiert? 


 

Bei diesen Fragen geht es nicht primär, sondern erst in dritter Linie um eine ästhetische Struktur der beiden Bilder. Es interessiert primär der allgemeinhistorische Hintergrund, aus dem sie entstehen; speziell ihre politisch-ideelle Aussage im Rahmen ideeller Strömungen ihrer Zeit, und zwar sowohl über die antike Vergangenheit, auf die sie Bezug nehmen, als auch über die Gegenwart, in der die Maler nicht nur malen, sondern auch bildrhetorisch agieren. Die ästhetischen Mittel sind erst dann - in ihrer Funktion im Rahmen einer politisch-ideell motivierten Bildrhetorik - von Interesse. Eine ästhetische Analyse der Bilder wäre zwar auch möglich, ist hier aber nicht beabsichtigt. Generell ist empfehlenswert, bei der Interpretation von Kunstwerken beide Operationen im Hinblick auf ihre Ziele methodisch strikt zu auseinanderzuhalten und jeweils nach Bedarf konsequent durchzuführen; beide sind aber immer - auch nebeneinander - möglich.

Zu a)

Für den allgemeinhistorischen Hintergrund geben die Lebensdaten - und -läufe der beiden Künstler einige Hinweise:

Wilhelm Lindenschmidt (1806 - 1848) wurde nach einer Ausbildung in den Kunstakademien München und Wien Mitarbeiter des Historienmalers Cornelius, der in München (Arkaden des Hofgartens, Königsbau) und auf der Burg Hohenschwangau mit der Anfertigung monumentaler historischer Bilderfolgen betraut wurde. Wilhelm war Bruder des Ludwig Lindenschmitt, der - ursprünglich Zeichenlehrer - wegen seiner ausgeprägten historischen Interessen treibende Kraft in der in den 30er Jahren entstehenden überörtlichen Gesellschaft zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Altertümer und später hauptamtlicher Altertumsforscher wurde. Als solcher betrieb er die Gründung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz (1852) und wurde auch dessen erster Direktor. Ludwig L. schrieb das 'Handbuch der deutschen Altertumskunde' (1889), über die 'Vaterländischen Altertümer in Simaringen' (1860), 'Tracht und Beewaffung des römischen Heeres' (1882) und 'Altertümer der heidnischen Vorzeit' (1858). Wilhelm hatte mit seinem Bruder Ludwig nicht nur eine Anlage zum Malen und Zeichnen gemein, sondern auch das Interesse am Altertum; er begleitete ihn bis zu seinem Tode 1848 oft bei Exkursionen und Projekten. Das Herstellungsdatum des Bildes steht nicht fest; doch dürfte es in den 40er Jahren entstanden sein.

Über Henri Paul Motte (1846 - 1922) ist bekannt, daß er als Landschaftsmaler, Buchillustrator und Historienmaler - wie W. Lindenschmidt - vor allem in Straßburg und Paris tätig war. Sein Bild stamt aus dem Jahre 1886.

Die Bildthematik rückt jeweils eine auch in der antiken literarischen Überlieferung hervortretende politisch-militärische Führungsfigur eines aus römischer Sicht 'barbarischen' Volkes' oder Bundes von Stämmen in den Vordergrund. Diese Person und das Geschehen um sie herum werden den Zeitgenossen also zur besonderen Beachtung empfohlen. Vercingetorix und Arminius sind beide Führer von Aufständen gegen römische Okkupationsabsichten, einmal eines tragisch, das andere Mal eines erfolgreich verlaufenen. In ihrer Eigenschaft als Führer eines vereinigten Volkes gegen eine auswärtige Übermacht sind - unabhängig von Erfolg oder Scheitern ihres Einsatzes - Vercingetorix in Frankreich, Arminius in Deutschland Gegenstand lebhafter historischer Anteilnahme, in Frankreich stark hevrvortretend seit den 20er Jahren des 19. Jhts., in Deutschland schon seit napoleonischer Zeit.

In Frankreich und in Deutschland gleichermaßen wird dies intensive Interesse gefördert und begleitet von zahlreichen historischen - und archäologischen - Untersuchungen, die zeitlich teilweise lange vor der Anfertigung der hier präsentierten Bilder liegen, teilweise auch später nachfolgen, und verschiedenen prominenten Denkmalen. So wird in Frankreich die mit der 'Histoire des Gaulois' von A. Thierry (1828) beginnende populäre Historienforschung selbst von Napoleon III. durch Förderung der archäologischen Untersuchung und Identifikation der Festung Alesia und der römischen Wallanlagen um sie herum geteilt, und dieser tritt auch selbst als historischer Autor einer Geschichte Julius Caesars und seines gallischen Krieges (1865) hervor. Bekannte Vercingetorix-Denkmäler werden an den Orten des alten Gergovia (Clermont-Ferrand) und des alten Alesia (Mt. Auxois bei Alise St. Reine) errichtet (siehe dazu Vercingetorix_(PDF)). In Deutschland läßt sich das Interesse an Arminius u. v. a. etwa durch Heinrich von Kleists Drama 'Die Hermannschlacht' (1807) und die i. J. 1832 beginnenden (und erst 1875 abgeschlossenen) Arbeiten für das Hermannsdenkmal in Detmold markieren. In Frankreich und Deutschland hält dieses Interesse bis zum 1. Weltkrieg und darüber hinaus an und erfährt immer wieder Aktualisierungen aus unterschiedlichen Anlässen; so etwa in Frankreich durch die Niederlagen 1813/5 und1871, in Deutschland durch die die Reicheinheitsbestrebungen in den Jahren um1848 und 1871.

 

Zu b)

Betrachtet man nicht die mittelalterliche Geschichte und sieht von eher regional wirksamen Vorbildern ab, so haben im Laufe der neueren Geschichte in Frankreich und in Deutschland verschiedene Symbolfiguren für ein nationales Bewußtsein Bedeutung gehabt oder erhalten; in Frankreich etwa der erste - und christliche - König Chlodwig, Karl der Große, die Jungfrau von Orléans oder auch - z. Zt. der französischen Revolution - Vorbilder der römisch-republikanischen Geschichte, in Deutschland etwa Karl der Große, die Sachsenkaiser Heinrich I. und Otto I., der Staufenkaiser Friedrich Barbarossa oder Martin Luther. Es ist sinnvoll, 'Arminius' und 'Vercingeorix' in einen geschichtlichen Wandel , manchmal auch eine geschichtliche Parallelität der Leitbilder einzuordnen, um auch auf diese Weise Aufschlüsse für ihre jeweilige Geltung zu ihrer Zeit zu erhalten. Tut man dies - es auszuführen ist an dieser Stelle nicht nötig -, so ergibt sich, daß in Frankreich ebenso wie in Deutschland ein bestimmter Typus nationalen Denkens mit der historischen Reminiszenz, wie sie bei Motte und bei Lindenschmidt Ausdruck findet, eng verbunden ist: der auf Einheit und militärische Selbtsbehauptung gegenüber äußeren Machtansprüchen setzende Volksbegriff und ein mit ihm verbundener, in seinen letzten Konsequenzen sehr disziplinierter und aufoperungsbereiter Patriotismus. In beiden Fällen ist ferner eine konkrete Bedrohungsorientierung erkennbar: in Frankreich nach 1815 gegenüber den europäischen Nachbarn der antinapoleonischen Koalition, nach 1871 gegenüber Deutschland; in Deutschland seit Ende des 18. Jhts. ständig gegenüber Frankreich.

 

Zu c)

Beide Bilder gehen von einem gewissen Detailwissen über die behandelten historischen Ereignisse aus (z. B. über die Art der Bewaffnung oder über Wall- und Belagerungsanlagen).

In beiden Bildern ist aber darüber hinaus ein hohes Maß an emotionaler Anteilnahme an ihren Helden zu spüren. Ist es in dem einen Falle - im Zentrum des Bildes - der als Lichtgestalt erscheinende und fast ungepanzerte Arminius, der, einen Schimmel reitend, unmittelbar hinter einigen am Boden liegenden gefallenen Germanen auf einem nebelverhangenen Schlachtfeld im Bergwalde gegen die von beiden Seiten anstrürmenden feindlichen Reiter kämpft, so ist es im anderen Vercingetorix, der - in einer in kalten und eher düsteren Farben erscheinenden Landschaft, in deren Hintergrund monumental die Gebirgssilhouette von Alesia aufragt, - auf sich aufbäumendem Kriegsroß vor dem Einlaß in die römische Befestigung und vor einer Reihe eisig dreinblickender römischen Soldaten Halt macht; er wird, so weiß der historisch belesene Betrachter, sich gleich zu einem - im Bild allerdings überhaupt nicht vorkommenden - Caesar begeben, um vor ihm zu kapitulieren, d. h. einen schweren Opfergang anzutreten, der für ihn nach Jahren mit dem Tode enden soll.

Beide Bilder nehmen auch durch Objektwahl und eingenommene Perspektive Partei. Lindenschmidt stellt etwa im Vordergrund des Bildes nur gefallene Germanen dar. Das unterstreicht die Idee, daß es sich um einen opferreichen Freiheitskampf handelt, was gewiß für sich genommen nicht tatsachenwidrig ist. Aber bei dieser Gelegenheit waren es doch eher die Römer, die in die Engpaßsituationen unwegsamen Geändes gerieten und in großer Zahl fielen (zum Typus eines solchen Gefechts siehe: Arminius_(PDF)). - Mottes Bild ist vor allem dadurch parteilich, daß es Caesar gewissermaßen ignoriert. Wird Caesar auf anderen Darstellungen der Begebenheit zumeist auf einem erhöhten Richtstuhl sitzend gezeigt, wobei Vercingetorix vor ihm steht oder kniet, so ist er auf diesem Bilde gewissermaßen nur ein kleiner Fluchtpunkt am Ende des Weges, den Vercingetorix zu beschreiten sich freiwillig bereitgefunden hat. Hinter diesem Fluchtpunkt allerdings ragt immer noch - groß und unwandelbar - das Gebirgsmassiv der Festung auf. Die Aussage des Bildes ist danach: die Tat des Vercingetorix ist groß, nicht Caesar; Vercingetorix mag verloren haben, nicht aber die Sache der Freiheit; das fremde Heer mag zeitweilig unüberwindliche Macht sein; auf Dauer aber hat nur der große Berg im Hintergrund Bestand als untilgbare Erinnerung an den Freiheitskampf.

Das Bild Mottes rührt durch sein Verständnis für die tragische Situation und durch seinen Stolz. Das Bild Lindenschmidts wirkt auf den ersten Blick ein wenig theatralisch, muß aber ebenfalls als Ausdruck einer persönlichen Überzeugung verstanden werden, die dem patriotischen Heroismus einen fast religiösen Rang einräumt. Beide Bilder nehmen auf die Freiheit und einen für sie zu führenden Krieg Bezug. Sie deuten beide durch ihre Motivwahl ferner auf ein größeres historisches Geschehen, das - obschon weit zurückliegend - für die Gegenwart doch von maßgeblicher Bedeutung ist; sie gehen von einer gewissen Kontinuität der Völker in der Geschichte aus, die eine solche Aktualisierung erlaubt. Wenn man die Gefühle in beiden Bildern nachempfindet und in Rechnung stellt, daß ihre zeitgenösischen Betrachter zumeist ähnlich empfunden haben dürften, so lassen sich die nationalen Leidenschaften ermessen, die im des 19. und 20. Jht. die Politik europäischer Staaten mitbestimmt haben.

Es bleibt ferner im Vergleich der beiden Bilder festzuhalten, daß diese Leidenschaften igleichermaßen in einem Rückgriff auf die Überlieferung aus der Antike eine historische und eine symbolisch-anschauliche Selbstdarstellung erhalten, welche als ein wesentliches Moment auch für ihre innere Wirksamkeit und ihre weite Verbreitung anzusehen ist.


 

LV Gizewski SS 1998

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)