Ein neubegründetes konstitutionelles Kaisertum als Inbegriff der Verwirklichung bürgerlich-revolutionärer Intentionen und nationaler Ansprüche auf imperiale Weltgeltung.

Aus der Rede des Republikaners Jaubert für die Einrichtung eines Kaisertums in Frankreich am 2. Mai 1804.

Nachfolgender Text entnommen aus: Ulrich Friedrich Müller (Hg.), Die Französische Revolution. Umbruch in Europa 1789 - 1815, Lesewerk zu Geschichte 6, München um 1965.


 

... Ja, ihr Tribunen, die öffentliche Meinung kann sich nicht mehr zurückhalten. Der Wunsch, den auszusprechen sie euch vorschlägt, ist bereits von einem Ende Frankreichs zum anderen laut geworden; die Ehre des französischen Namens, die Würde der Nation, die teuersten Interessen der Republik bedrängen und befehlen euch, diesem Wunsch den ganzen Nachdruck zu geben, dessen ihr fähig seid.

Es ist eine von der Zeit bestätigte Wahrheit, daß ein großer Staat innere Zerrissenheit nur mit einer erblichen exekutiven Gewalt vermeiden kann.

Das Wahlsystem ist im Grunde nur eine erschredtende Theorie der Revolution. Jede Veränderung in der Führung gibt dem Ehrgeiz der einzelnen freien Raum, nährt den Geist der Verschwörung, öffnet der Intrige Tor und Tür, gibt dem Neuerungssüchtigen Vorwände, schmeichelt der Eifersucht des Auslandes und gibt dessen Hoffnungen neuen Aufschwung.

Die Doktrin der Erblichkeit ist in Frankreich national. ..... Ah! Welch tiefe Erschütterung verspürten wir, als der Retter Frankreichs am 18. Brumaire die denkwürdigen Worte sprach: »Die Revolution ist jetzt auf die Prinzipien ihres Anfangs zurüchgeführt.&laqno;

Was wollten wir im Jahre 1789? Die Mitarbeit unserer Abgeordneten bei der Schaffung neuer Steuern; die Beseitigung des Feudalsystems; den Wegfall jeder für die Tugenden und Talente der Bürger beleidigenden Diskriminierung; die Vermeidung aller Mißbräuche; die Pflege aller liberalen Ideen; die Garantie für die Wohlfahrt im Inneren und für unser Ansehen im Ausland. Das, ja das war der wirkliche Wunsdi der Nation, und alle Franzosen fühlten zutiefst, daß dieser Wunsch nur erfüllbar sein konnte mit einem erblichen Thron und zugleich Einrichtungen, die den Bürger gegen die Irrtümer der Autorität schützen könnten. ...

Sehen wir uns doch in der Welt um. Wie sind die Großmächte Europas geordnet? Durch eine erbliche Herrschaft. Jedes Volk ist der alleinige Richter über die Form seiner Regierung und seiner Institutionen. Europa weiß wohl, daß Frankreich sich keine Gesetze von irgendeinem anderen Teil der Welt aufzwingen läßt; aber die häufigen Veränderungen in der Ausübung der Macht geben nur zu leicht Anlaß zu inneren Unruhen, als daß wir den ausländischen Regierungen solche Aussichten eröffnen dürften.

Die Macht der Tatsachen und die der Prinzipien führen uns also zur Erblichkeit der Herrschaft, weil sie die Stütze einer großen Gesellschaft ist, und weil sie sich vereinbaren läßt mit großen Körperschaften, die allein die Dauer einer solchen Herrschaft garantieren können und zugleich dem Volke für Freiheit und Rechtsgleichheit bürgen.

Denn das französische Volk will zwar die Quelle der politischen Unruhen verstopfen, aber es will auch die Frucht seiner langen und mühsamen Arbeit bewahren und der Nachwelt weitergeben.

Die Nation richtet also nicht den Thron einer Feudalherrschaft auf. ...

Napoleon Bonaparte hat durch seine Erfolge ein Italien in Erstaunen versetzt, das seit Jahrhunderten nur von den Herren Roms zu sprechen gewohnt war. Er gibt dem Kontinent den Frieden, Afrika ist Zeuge neuer Taten, sein Name schallt durch Asien, erfüllt die Welt! Ah! Und wie könnte man all die Wunder aufzählen, die er seit der Übernahme des Konsulats vollbracht hat!

Die Grundlagen der Verwaltung festlegen, die Finanzen in Ordnung bringen; die Armee organisieren und die Schlacht von Marengo gewinnen, die über das Schicksal des Kontinents entschied; ganz Europa den Frieden bringen; dem Handel aufhelfen und Fabriken, Künste, Wissenschaften ermutigen; die Altäre neu errichten und den Gewissen Ruhe schenken; die Pflegestätten der leidenden Menschheit würdig versehen, das Schulwesen neu erschaffen; gewaltige öffentliche Arbeiten anregen und vollenden; Frankreich ein einheitliches Zivilgesetzbuch geben, dem er das Siegel seines Genius aufgedrückt hat; allen Parteigeist zum Erlöschen bringen, alle Vorbehalte ausräumen, alle Interessen versöhnen, alle Opfer der unglücklichen Zeitumstände wieder in das Land rufen; eine meineidige Regierung durch die Vorbereitung einer gräßlichen Bestrafung für den Fall ihres Abweichens von der Gerechtigkeit zum Zittern bringen - das, das hat er in vier Jahren vollbracht, das wird kommenden Jahrhunderten die tiefe Ergebenheit aller Franzosen für Napoleon Bonaparte erklären. diese Zeugnisse der Liebe, welche die Nation ihm begeistert darbringt, diesen so deutlich geäußerten Wunsch, daß er, dem die Republik einen solchen Ruhm und solche Wohltaten verdankt, seine Zustimmung geben möge, zum Kaiser ernannt zu werden, und daß er die exekutive Gewalt den Mitgliedern seiner Familie anvertraue. ...

Ja, ja, möge Napoleon Bonaparte dem Wunsche der Franzosen nachkommen, möge er sie den Weg ihres großen Schicksals führen. Alle Zeichen des Ruhms sind ihm geweiht. Das kaiserliche Zepter wird von seiner Hand neuen Glanz erhalten; der Schild ist bereit, auf den ihn alle Franzosen heben wollen, indem sie begeistert ausrufen: "Die Revolution ist jetzt auf die Prinzipien ihres Anfangs zurückgeführt." ... 


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998