Das öffentliche Wohl und das Volk gegen die Tyrannei des Königtums.

Auszüge aus der Rede Maximilien Robespierres vom 15. Sept. 1792 gegen Ludwig XVI.

Nachfolgender Text ist entnommen aus: Ulrich Friedrich Müller (Hg.). Die französische Revolution. Umbruch in Europa 1789 - 1815. S. 47 ff


 

... Man zieht euch von der eigentlichen Frage ab. Es liegt hier kein Prozeß vor. Ludwig ist kein Angeklagter, ihr seid keine Richter. Ihr habt kein Urteil für oder gegen einen Menschen zu fällen, sondern eine Maßregel des öffentlichen Wohls zu ergreifen, einen Akt nationaler Providenz zu üben. (Beifall.) Welches ist der Entschluß, den die gesunde Politik vorschreibt, um die werdende Republik zu zementieren? Daß man die Verachtung des Königtums tief in die Herzen eingrabe und alle Anhänger des Königs mit Betäubung schlage. Wenn man also ein Verbrechen der Welt als ein Problem, seinen Prozeß als einen Gegenstand der imposantesten Diskussion, der inbrünstigsten Beratung darstellt, die jemals geschehen ist, wenn man zwischen die Erinnerung seiner Vergangenheit und seinen Bürgertitel eine unermeßliche Distanz legt, so hat man gerade das Mittel gefunden, das ihn der Freiheit gefährlicher macht. Ludwig XVI. ist König gewesen, und die Republik ist gegründet. Die große Frage, die euch beschäftigt, ist durch dieses einzige Wort schon entschieden. Ludwig ist durch seine Verbrechen entthront. Er hat gegen die Republik konspiriert; er wird verurteilt, oder die Republik wird nicht freigesprochen. (Beifall.) Wenn man vorschlägt, Ludwig XVI. den Prozeß zu machen, so stellt man die Revolution in Frage. Kann er gerichtet werden, so kann er freigesprochen werden, kann er freigesprochen werden, so kann er unschuldig sein. Ist er aber unschuldig, was wird aus der Revolution? Ist er unschuldig, was dann sind wir anderes als seine Verleumder? Die Manifeste der fremden Höfe gegen uns sind dann gerecht. Selbst sein Gefängnis ist dann eine Mißhandlung. Die Föderierten, das Pariser Volk, alle Patrioten des französischen Reiches sind dann strafbar, und der große Prozeß, seit so vielen Jahrhunderten vor dem Tribunal der Natur, der Prozeß zwischen dem Verbrechen und der Tugend, zwischen der Freiheit und der Tyrannei, ist endlich zugunsten des Verbrechens und des Despotismus entschieden. Bürger, seid auf eurer Hut! Ihr werdet hier von falschen Begriffen getäuscht. Die majestätischen Bewegungen eines großen Volkes, die erhabenen Regungen der Tugend erscheinen uns wie vulkanische Ausbrüche und als der Umsturz der politischen Gesellschaft. Wenn eine Nation gezwungen ist, zum Recht der Insurrektion zu greifen, so tritt sie dem Tyrannen gegenüber in den Naturzustand zurück. Wie könnte der Tyrann den Gesellschaftsvertrag für sich anrufen? Er hat ihn vernichtet! Welche Gesetze sind an seine Stelle getreten? Die Gesetze der Natur: das Volkswohl. Das Recht, einen Tyrannen zu bestrafen, und das Recht, ihn zu entthronen, ist ein und dasselbe. Das eine verträgt keine andere Form als das andere. Der Prozeß des Tyrannen ist der Aufruhr. Sein Urteil ist Sturz seiner Gewalt. Seine Strafe ist die, die die Freiheit des Volkes erheischt. Die Völker schleudern den Blitz, das ist ihr Urteil; sie klagen die Könige nicht an, sie schaffen sie ab, sie versenken sie in das Nichts! In welcher Republik war das Recht strittig, die Könige zu bestrafen? Wurde Tarquinius vor Gericht gezogen? Was hätte man in Rom gesagt, wenn sich Bürger zu seinen Verteidigern erklärt hätten? Und wir, wir berufen Advokaten, um die Sache Ludwigs XVI. zu führen? Vielleicht werden wir ihnen noch einmal Bürgerkronen zuerkennen! Denn wenn sie eine Sache verteidigen, so können sie hoffen, sie zum Triumph zu führen; sonst würden wir der Welt ja nur eine lächerliche Justizkomödie zeigen. (Beifall.) Und wir wagen es, von der Republik zu reden! Ah, wir sind so zart gegen die Unterdrücker, weil wir ohne Erbarmen gegen die Unterdrückten sind! Was ist das für eine Republik, die von ihren eigenen Gründern in Frage gestellt wird, und gegen die sie selbst Gegner hervorrufen, um sie in der Wiege anzugreifen! Wer hätte vor zwei Monaten auch nur ahnen können, daß man hier von Unverletzlichkeit der Könige reden würde? Und heute präsentiert euch hier ein Mitglied des Nationalkonvents, der Bürger Pétion, diesen Gedanken als den Gegenstand einer ernsten Beratung! O Verbrechen! O Schande! Die Tribüne des französischen Volkes hallte vom Panegyrikus Ludwigs XVI. wider! Ludwig kämpft noch gegen uns aus der Tiefe seines Kerkers, und ihr fragt, ob er schuldig ist und ob man ihn als Feind behandeln kann! Gestattet ihr, daß man zu seinen Gunsten die Verfassung anruft? Wenn dem so ist, so verurteilt euch die Verfassung; denn sie verbot euch, ihn zu stürzen! So geht doch, werft euch dem Tyrannen zu Füßen und erfleht euch seine Verzeihung und seine Milde!. ... Aber eine neue Schwierigkeit: zu welcher Strafe sollen wir ihn verurteilen? Die Todesstrafe ist zu grausam, sagt der eine. Nein, sagt der andere, das Leben ist noch grausamer; man muß ihn zum Leben verurteilen. Advokaten! Wollt ihr ihn aus Mitleid oder aus Grausamkeit der Strafe seiner Verbrechen entziehen? Ich persönlich verabscheue die Todesstrafe, ich hege gegen Ludwig weder Liebe noch Haß, ich hasse nur seine Vergehen. Ich habe in der Verfassunggebenden Versammlung die Abschaffung der Todesstrafe verlangt, und es ist nicht meine Schuld, wenn die ersten Grundsätze der Vernunft als moralische und juristische Ketzereien galten. Aber ihr, die ihr euch niemals habt entschließen können, die Abschaffung der Todesstrafe zugunsten der Unglücklichen zu verlangen, deren Delikte individuell und verzeihlich sind: warum erinnert ihr euch an eure Menschlichkeit, durch welche Fatalität, um für die Sache des größten aller Verbrecher zu plädieren? Ihr verlangt eine Ausnahme von der Todesstrafe einzig für den, der sie allein legitimieren könnte: für einen entthronten König im Schoße einer noch nicht gefestigten Republik! Ein König, dessen Name allein schon der Nation den auswärtigen Krieg zuzieht! Weder Gefängnis noch Verbannung können seine Existenz unschuldig machen. Ich spreche mit Schmerz diese traurige Wahrheit aus: lieber soll Ludwig sterben als Hunderttausende guter Bürger! Ludwig muß sterben, weil das Vaterland leben muß! ... 


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1998