Das alte spanische Kolonialreich in Amerika.

 Datenübersicht über seine Anfänge und den ursprünglichen Aufbau seiner Kolonialverwaltung.

Textauszug entnommen aus: Ploetz. Große Illustrierte Weltgeschichte in 8 Bänden, hg. vom Verlag Ploetz unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter (Baumhögger, Eisleb, Haberland u. v. a), Bd. 6: Die außereuropäische Welt bis 1945., S. 226 - 228 (Pietzschmann). Zur Weglassung der Umlaute der spanischen Schrift bei der Herstellung allgemein zugänglicher, internetfähiger Texte siehe die Erklärungen in: ZUM_ZWECK_DES_PROJEKTS .


 

Daten.

1492, 17. April: Unterzeichnung der Capitulaciones von Santa Fe durch König Ferdinand von Aragon und Königin Isabella von Kastilien. Darin wird Christoph Kolumbus beauftragt, auf dem westlichen Seeweg Ostasien zu suchen, alle zu entdeckenden Inseln und Festländer des Ozeanischen Meeres (Islas y tierras firmes del mar oceano - offizieller Name des späteren Kolonialreichs, auch als Las Indias geläufig) für beide Herrscher in Besitz zu nehmen und Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Dafür erhält der Genuese die Finanzierung der Expedition, Gewinnanteile aus dem Handel und die Ernennung zum Admiral, Gouverneur und Vizekönig der zu entdeckenden Gebiete für sich und seine Erben. Die Rechtsform der Capitulacion wird zur Rechtsgrundlage späterer Entdeckungs- und Eroberungsunternehmungen, die aber überwiegend privat finanziert werden.

1492, 12. Okt.: Kolumbus landet auf der von ihm San Salvador benannten Insel Guanahani (Bahama-Insel) und entdeckt auf der Weiteffahrt Haiti (von den Spaniern La Espanola genannt), den späteren Ausgangspunkt der spanischen Besiedlung Amerikas.

1493 Zur Unterstützung ihrer Ansprüche auf die entdeckten Gebiete gegenüber Portugal, das diese unter Berufung auf den Vertrag von Alcacovas von 1479 für sich reklamiert, erwirken die Spanier fünf päpstliche Bullen, die ihnen alle im westlichen Ozean zu entdeckenden Gebiete übertragen. Mit der Bestimmung, daß nach dem Tod der Könige jene Gebiete unveräußerlicher Bestandteil der Krone von Kastilien werden, wird die Grundlage für die Rechtsordnung des Kolonialreiches gelegt.

1494, 7. Juni: Im Vertrag von Tordesillas grenzen Portugal und Kastilien ihre Interessensgebiete im Atlantik neu ab. Die Zone jenseits einer 370 Seemeilen westlich der Kapverden von Pol zu Pol angenommenen Linie fällt an Kastilien, das diesseits gelegene Gebiet mit Ausnahme der Kanarischen Inseln an Portugal.

1495 Die Krone von Kastilien gestattet ihren Untertanen die Ausreise nach Übersee. Damit beginnt die Abkehr vom Konzept der Gründung staatlicher Handelskolonien und der Übergang zur Politik der Siedlungskolonisation, der die weitere Landnahme bestimmt.

1498 Dritte Reise von Kolumbus. Entdeckung der Orinokomündung und des südamerikanischen Festlandes.

1499 / 1500 Alonso de Ojeda (*1466/70, +1515) und Amerigo Vespucci (*1454, +1512) erkunden die Nordküste Südamerika von Guayana bis Venezuela. - Der 1508 von dem deutschen Kartographen Martin Waldseemüller (*1471), +1528?) gemachte Vorschlag zur Benennung des neuen Kontinents "America" nach dem Vornamen Vespuccis wird von späteren Kartographen aufgegriffen. Im Verlauf des 16. Jh.s setzt sich die Bezeichnung zunächst für Südamerika, später allgemein durch.

1502/1503 Auf seiner letzten Reise erkundet Kolumbus die zentralamerikanische Küste.

1503 Gründung der Casa de Ja Contratacion in Sevilla. Die Aufgaben dieser Zentralbehörde bestehen in der Organisation und Kontrolle des Schiffs-, Waren- und Personenverkehrs mit Amerika, der Steuereinziehung und der Auswertung der geographischen Erkenntnisse der Entdeckungsfahrten. Als Ausgangs- und Zielhafen der Überseeschiffahrt erlangt Sevilla eine Monopolstellung im Handel und Verkehr mit Amerika.

1508 Der Papst überträgt der spanischen Krone die Patronatsrechte über die überseeische Kirche.

1509 Vicente Yariez de Pinzon erkundet die südamerikanische Ostküste bis zum Rio de la Plata.

1511 Gründung der Audiencia von Santo Domingo (Haiti). Diese kollegial organisierte Appellations- und Justizverwaltungsinstanz erlangt in der Kolonialverwaltung große politische Bedeutung, da sie die gesamte Verwaltungsorganisation berät und kontrolliert, Recht setzt und bei Vakanz selbst die Regierungsgeschäfte leitet. Weitere Audiencia-Gründungen:

Mexico (1527), Panama (1538), Guatemala (1543), Lima (1543), Bogota (1548), Guadalajara (1548), La Plata de los Charcas (heute Sucre, 1559), Quito (1563), Santiago/Chile (1563, definitiv 1606), Buenos Aires (1661, definitiv 1776), Caracas (1786), Cuzco (1787).

1511-1513 Der Dominikaner Montesinos predigt gegen die Behandlung der Indianer durch die Kolonisten und löst damit die Auseinandersetzungen um die Indianerproblematik und die Rechtfertigung der Landnahme aus, in deren Verlauf der Dominikanerorden, besonders Bartolome de Las Casas (*1474, +1566), zum Vorkämpfer des Indianerschutzgedankens wird. Versklavung kriegsgefangener Indianer und Zwangsarbeit durch Zuweisung von Indianerkontingenten an einzelne Siedler (repartimiento) gelten den Kolonisten als legitime und wirtschaftlich notwendige Mittel zur Rekrutierung von Arbeitskräften, haben aber Mißhandlung und Ausbeutung zur Folge, die in Verbindung mit Epidemien zu einem katastrophalen Bevölkerungsrückgang in ganz Amerika führen. 1512 erfolgt mit den Gesetzen von Burgos eine erste Gesamtreglementierung des Zusammenlebens von Indianern und Spaniern. 1513 fixiert das Requerimiento, ein den Indianern vor der Eröffnung von Feindseligkeiten zu verlesender Text, der die Prinzipien des christlichen Glaubens erklärt, den päpstlichen Missionsauftrag an die Könige erwähnt und zur Bekehrung und Unterwerfung auffordert, die Bedingungen des "gerechten Krieges". Die Heidenmission wird nun zum Hauptrechtfertigungsargument für die Landnahme.

1513 Vasco Nünez de Balboa (*1475, +1519) entdeckt den Pazifik.

1515 Joan Diaz de Solis (+1516) erkundet das Rio de la Plata-Gebiet.

1519-1522 Erste Erdumseglung durch den Portugiesen Fernan de Magalhaes (span. Magellanes - * wohl um 1480, +1521) und Juan Sebastiän Elcano in spanischem Auftrag.

1519-1522 Hernan Cortes (*1485, +1547) erobert Mexiko (Neu-Spanien). Nach der Landung bei Veracruz zieht Cortes ins mexikanische Hochland, gewinnt indianische Verbündete und erobert nach wechselvollen Kämpfen am 13. Aug. 1521 die Hauptstadt des Aztekenreiches.Tenochtitlin, die nach einer blutigen Belagerung kapituliert. In der Folge unterwerfen Unterführer von Cortes das Gebiet der Zapoteken und Mixteken im Südwesten und das Taraskenreich im Westen des heutigen Mexiko.

1524 Einrichtung des Indienrates (Consejo Real y Supremo de las Indias) als oberster, direkt der Krone unterstellter Verwaltungsbehörde und Rechtsprechungsinstanz für die überseeischen Gebiete. Die überwiegend aus Juristen gebildete Kollegialbehörde bestimmt bis ins 18. Jh. entscheidend die Kolonialpolitik. Mit dem Aufkommen der Staatssekretariate (den Vorläufern der modernen Ministerien, seit 1714) verliert der Indienrat seine politische Bedeutung und entwickelt sich zu einem Beratungs- und Rechtsprechungsorgan zurück, bevor er 1812 aufgelöst wird.

1524 Ankunft der ersten Franziskaner in Neu-Spanien und Beginn der planmäßigen Mission der Eingeborenen des südamerikanischen Festlandes. Neben den Franziskanern erlangen Dominikaner und Jesuiten eine bedeutende Stellung in der Indianermission. Neben der Glaubensverbreitung bemühen sich die Orden um die Unterweisung der Indianer in europäischen handwerklichen und landwirtschaftlichen Fertigkeiten und um die Sammlung der geschichtlichen Überlieferung der Eingeborenen.

1527-1545 Das Augsburger Handelshaus der Welser erlangt das Privileg zur Kolonisation Venezuelas. Obwohl mehrere von ihnen entsandte Gouverneure, wie Ambrosius Alfinger (+1533), AmbrosiusEhinger (+1537?), Nikolaus Federmann (*1505, +1542?), GeorgHohermuth (+1540) und Philipp von Hutten (*1511,51546), durch Städtegründungen und die Erkundung Westvenezuelas sowie Ostkolumbiens Nachruhm erwerben, scheitert das Unternehmen. 1545 endet die Präsenz der WeIser in Venezuela, die noch bis 1557 mit der Krone um ihre Rechte streiten.

1532 Francisco Pizarro (*1476, +1541) beginnt nach langen Vorbereitungen einen Zug ins peruanische Hochland und nimmt den Inkaherrschcr Athahualpa (16. Nov.) in Cajamarca gefangen

1533 Die Inkahauptstadt Cuzco wird besetzt (1534).

1534/1535 Quito und Cuzco (1534), Lima und Guayaquil (1535) werden als spanische Städte gegründet.

1535 Errichtting des Vizekönigrcichs Neu-Spanien und Beginn des systematischen Ausbaus der überseeischen Territorialverwaltung

1535-1537 Diego de Almagro (*1478, +1538), Pizarros Partner in dem Eroberungsunternehmen, durchzieht die Hochländer von Bolivien und Nordwestargentinien und gelangt ins nördliche Chile. Zwischenzeitlich schlägt Pizarro die letzte große Indianererhebung in Peru nieder.

1535-1537 Erster Versuch zur Kolonisation des Rio de la Plata-Gebietes durch Pedro de Mendoza (*1499, +1537).

1536 Einführung der klassischen Form der Encomienda, derzufolge begünstigte Kolonisten von den ihnen zugeteilten Indianern nur noch die der Krone zustehenden Tribute in Geld- oder Naturalienform, aber keine Arbeitsleistungen mehr verlangen dürfen und dafür militärische Präsenzpflicht und für die Bekehrung der Indianer zu sorgen haben. Die ältere Form des Repartimiento wird abgeschafft, hält sich aber in den Randgebieten Hispanoamerikas bis ins 17.Jh. Durch staatliche Reglementierung entwickelt sich die Encomienda zu einem bloßen Renteneinkommen und wird im 18. Jh. schließlich beseitigt.

1538 Nach Rückkehr Diego de Almagros kommt es zum Krieg mit Pizarro, in dessen Verlauf Almagro besiegt und hingerichtet wird.

1542 Erlaß der Neuen Gesetze (Leyes Nuevas), die neben neuen Dienstvorschriften für den Indienrat und der Einrichtung des Vizekönigreichs Peru eine drastische Einschränkung der Verfügungsgewalt der Kolonisten über die Indianer beinhalten. Neben einem generellen Verbot der Indianersklaverei wird die Encomienda praktisch abgeschafft. Zudem erfolgt eine genauere Fixierung des Rechtsstatus der Indianer, die als grundsätzlich freie und gleichberechtigte Untertanen der Krone, aber infolge ihres Heidentums und mangelnder Anpassung an europäische Lebensweisen als minderjährig und beschränkt rechtsfähig eingestuft werden.

 Die überseeische Territonalverwaltung

Die bis zum Beginn des 17. Jh.s voll entwickelte Verwaltungsorganisation gliedert sich in vier voneinander unabhängige Sachgebiete, die Zivil-, Militär-, Justiz- und Finanzverwaltung, an deren Spitze auf Provinzebene nach o. a. Reihenfolge Gouverneure, Generalkapitäne, Präsidenten einer Audiencia und Verwalter königlicher Finanzkassen (Cajas Reales) stehen. Die Vizekönige sind als Stellvertreter des Königs die obersten politischen Autoritäten in ausgedehnten Gebieten, erhalten aber durch Ernennung zum Gouverneur, Generalkapitän und Präsidenten der Audiencia ihres Amtssitzes auch konkrete Verwaltungsbefugnisse im Bereich ihrer Hauptstadtprovinz. Durch unterschiedliche Form der Ämterakkumulation werden die Fachgebiete zumindest teilweise miteinander verknüpft und eine Hierarchisierung (in aufsteigender Folge: Gouverneur, Gouverneur und Generalkapitän, Gouverneur, Generalkapitän und Präsident einer Audiencia, Gouverneur. Generalkapitän, Präsident und Vizekönig) der Behördenorganisation erzielt. Die Finanzverwaltung untersteht direkt dem Indienrat und einer lockeren Oberaufsicht der kolonialen Zivilverwaltung. Die Lokalverwaltung liegt in den Händen der Stadträte (Cabildos) der spanischen oder indianischen Munizipien, die der Aufsicht königlicher Beamter (Corregidores, in Mexiko auch Alcaldes Mayores) unterstehen. Höhere Beamte werden meist vom König für befristete, Mitglieder von Kollegialbehörden auf unbefristete Zeit ernannt. Ausführliche Dienstanweisungen reglementierten die Arbeitsweise der stark zentralisierten Kolonialverwaltung. 


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998