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Translatio Imperii als Legitimationsidee des alten Reiches und die Verfassungsrealität des 17. Jhts.

 Aus Samuel Pufendorf, De statu Imperii Germanici (1. Kap., §§ 12 - 15, und 7. Kap., §§ 9 und 10).

Nachfolgend wiedergegebene Textauszüge sind entnommen aus: Samuel Pufendorf, Die Verfassung des Deutschen Reiches. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Horst Denzer, Stuttgart 1976, S. 22 ff. und 121 ff.


 

1. Kap., §§ 12 - 15 (Zur Legitimationsformel 'Translatio Imperii').

 

Übrigens scheinen Karl und viele seiner Nachfolger auf den Kaisertitel stolz gewesen zu sein und für sich deshalh den ersten Platz unter den sich nicht einmal sträubenden übrigen Königen beansprucht zu haben, obwohl, soweit mir bekannt ist, nirgends die Bezeichnung Römisches Reich für das Frankenreich unter den Karolingem belegt ist.

 

13 Die Beziehungen zwischen dem Papst und den deutschen Kaisern

Zur Zeit des Niedergangs der karolingischen Dynastie trennten die Deutschen ihren Staat vom Frankenreich; in Italien wüteten schwere Unruhen, wobei aus dem Verfall der alten Mächte neue hervorgingen. Da die Päpste dieser Unruhen wegen ihrer Situation nicht mehr trauten und der deutsche König Otto I. sich nach dem Sieg über Berengar die Herrschaft über Italien gesichert hatte, schien es dem Papst ratsam, Otto als Schutzherrn mit fast denselben Rechten wie einst Karl anzunehmen. In der Folgezeit war die Schirmherrschaft über den römischen Stuhl mit dem deutschen Reich so verbunden, daß jeder deutsche König sofort dieses Schutzrecht erlangte. Nachdem nun nicht wenige der alten deutschen Könige von diesem Recht gegen den römischen Stuhl kräftig Gebrauch machten, zugleich aber mit der Zeit die Macht des Papstes wie der deutschen Bischöfe sich gewaltig vermehrte, begannen die Päpste, des deutschen Schutzes überdrüssig zu werden. Die Ursache war die in jedem Volk angelegte Abneigung gegen die Fremdherrschaft; erst recht mußten es die ob ihrer Klugheit berühmten Italiener (ich wäre feige, würde ich diese Klugheit nicht anerkennen, da sie uns sogar die Fremden zuschreiben) als unwürdig empfinden, die wilde Herrschaft der ungebildeten Deutschen zu achten. Auch bedrückte es den Stellvertreter Christi, den es schon lange gelüstete, allen Menschen Gesetze vorzuschreiben, noch länger gleichsam unter Vormundschaft zu stehen. Also versuchte man, das Joch abzuschütteln, indem man den deutschen Königen bald in Italien, bald in Deutschland, hier mit tatkräftiger Unterstützung der Bischöfe, Schwierigkeiten bereitete; mitunter wurden sie auch mit dem Kirchenbann belegt, der zur damaligen Zeit noch gewaltigen Schrecken verbreitete.

So wurden die deutschen Könige schließlich Italiens überdrüssig, sie begnügten sich mit ihrem eigenen Reich und überließen den römischen Stuhl der freien Verfügung der Päpste, was diese jahrhundertelang unter Anwendung aller Mittel und Erschütterung Europas erstrebt hatten. Die deutschen Könige verzichteten sogar schon seit langem auf die Kaiserkrönung. Es blieben nur der alte Titel des römischen Kaisers und bei der Königsinvestitur die vorrangige Verpflichtung auf den Schutz des römischen Stuhls, von der sie allerdings die protestantischen Kurfürsten befreien wollen.

 

14 Kritik an der Tsansiatio-imperii- Theorie

Aus dem Gesagten wird deutlich, wie kindisch der Irrtum derjenigen ist, die glauben, das deutsche Reich sei an die Stelle des alten römischen Reiches getreten und dieses setze sich in jenem fort. Denn das römische Reich, dessen Hauptstadt Rom war, hatte sich schon vor den Anfängen des deutschen Reiches aufgelöst. Vielmehr gab die Karl und Otto angetragene Herrschaft über Rom, die, wie erwähnt, nur die Verteidigung und den Schutz des römischen Stuhls bedeutete, mit der Zeit dem deutschen Reich den Namen Römisches Reich, auch wenn die kirchlichen Gebiete nie mit dem deutschen Reich zu einem Staat vereinigt waren und noch weniger Karl oder Otto Rom zum Mittelpunkt und zur Hauptstadt ihres Reiches gemacht hatten. Da man aber glaubte, der Titel eines römischen Kaisers habe wegen der Größe des alten Reiches einen besonderen Glanz, schmückten sich die deutschen Könige häufig mit diesem bloßen Titel; zugleich begann man, Deutschland den vornehmeren Namen "Römisches Reich" zu geben. Den Unterschied zwischen der römischen Kaiserherrschaft und dem deutschen Reich bezeugt jedoch klar die getrennte Krönung und Einsetzung. Zur Verdeutlichung nannten sich die späteren Kaiser seit Mazimilian I. "Römischer Kaiser und deut scher König". Freilich nennen auch heute die Deutschen ihren Staat noch feierlich "Römisches Reich Deutscher Nation", obwohl diese Formel in sich widersinnig ist, da der heutige deutsche Staat mit dem alten römischen Reich nicht identisch sein kann. Auch wenn die deutschen Könige längst auf die Kaiserkrönung und die alten Schutzherrschaftsrechte verzichtet haben, behalten sie doch den einmal angenommenen Titel bei, weil Fürsten gewöhnlich eher die Sache als den Titel aufgeben. Ob aber das Erlöschen von Rechten im Lauf der Zeit durch das bloße Beibehalten des Titels verhindert werden kann, wird an anderer Stelle behandelt.

 

15 Der Tribut für die Kaiseridee

Übngens steht fest, daß Deutschland von seinem Titel "Römisches Reich" nicht nur keinen Vorteil, sondern vielmehr großen Schaden und Unannehmlicltkeiten gehabt hat. Denn es ist die Art der Geistlichen, ihre Hände immer zum Nehmen, nie aber zum Geben auszustrecken. Während die Schützlinge gewöhnlich ihren Herren mit Geschenken schmeicheln, ist ein geistlicher Schutzsuchender beleidigt, wenn man ihn nicht zusätzlich beschenkt, und er läßt sich seinen Segen teuer bezaltlen. Nach meiner Meinung war das ausschlaggebende Motiv für die Fürsten der damaligen Zeit, den Klerus in Deutschland mit solchem Reichtum zu überhäufen, ihre Vorstellung, sie hätten eine besondere Verpflichtung vor Gott, diesen Stand so reichlich zu versorgen.

Welche Schätze hat Deutschland für die Italienzüge zur Erlangung der Kaiserkrone verschwendet! Wieviel Geld und Menschenleben haben die Italienfeldzüge gekostet, um die vom Papst angezettelten Unruhen beizulegen oder ihn gegen Aufrührer zu schützen! Niemals haben sich Fremde daran freuen können, wenn sie nach unserem Italien trachteten; nur die Spanier, die tief in unserem Fleisch stecken, haben wir bis jetzt noch nicht vertreiben können. Schließlich wurde nie gegen Fürsten häufiger der Bann geschleudert, nie zahlreichere geistliche Aufstände angezettelt als gegen die deutschen Kaiser. Beanspruchte man doch von dem, der sich durch den Kaisertitel stolz über die andern erhob, daß er Rechenschaft über seine Handlungen beim römischen Stuhl ablege; und der die Fremdherrschaft nicht ertragende geistliche Stand suchte doch immer, die verhaßte weltliche Gewalt von Rom, seiner Mutter, femzuhalten.

Dies alles will ich mit der schuldigen Ehrerbietung vor dem Heiligen Stuhl gesagt haben, dessen Urteil ich mich ergebenst unterwerfe.

 

7. Kap., §§ 9 und 10 (Zur Verfassungsrealität: Stärke und Schwäche des deutschen Reiches im 17. Jht.).

 

7 Deutschlands innere Schwäche

Die Größe und Stärke des deutschen Reiches könnte, wenn es eine monarchische Verfassung hätte, für ganz Europa bedrohlich sein, aber es ist durch innere Krankheiten und Umwälzungen so geschwächt, daß es kaum sich selbst verteidigen kann. Die Hauptursache des Übels ist der unharmonische und ungeordnete Zusammenhang des Staates. Eine noch so große Menge von Menschen ist nicht stärker als ein einzelner Mensch, solange jeder seinen eigenen Weg geht; alle Macht entsteht aus der Vereinigung. Auch wenn mehrere nicht zu einem natürlichen Körper zusammenwachsen können, so einen sich die Kräfte der Vielen doch, sofern sie von einem einheitlichen Entschluß wie von einer Seele sich lenken lassen, Je fester und geordneter diese Einigung ist, desto stärker ist die Gesellschaft; eine lockere und schlechte Verbindung der Glieder führt notwendig zu Schwäche und Krankheiten. Die vollkommenste und besonders auf Dauer angelegte Einigung sieht man in der gut errichteten Monarchie. Denn die Aristokratien sind, abgesehen davon, daß sie fast nur dort überleben können, wo die wesentlichen Kräfte eines Staates auf eine Stadt konzentriert sind, von Natur aus gebrechlicher als Monarchien. Die erlauchte Republik Venedig ist eine Ausnahme, die man zu den Wundern zählt. Staatenbünde, die durch Bündnisse aus mehreren Staaten zusattimengefügt sind, hängen weit loser zusammen und fallen leichter inneren Unruhen oder gar der Auflösung anheim. Sollen die Staatenbünde aber dennoch eine gewisse Festigkeit erreichen, so müssen die verbündeten Staaten dieselbe Staatsform haben, das Machtverhältnis untereinander muß annähernd gleich sein, die Verbindung soll allen gleichen Nutzen bringen, und sie sofl schließlich nach reiflicher Überlegung und nach zuvor gut ausgearbeiteten Grundgesetzen eingegangen worden sein. Staaten nämlich, die leichtfertig, spontan und ohne vorher die zukünftige Verfassung sorgfältig bedacht und geordnet zu haben in einen Bund schlittern, können ebensowenig einen harmonischen Körper bilden, wie ein Schneider ein vornehmes Kleid verfertigen kann, wenn er den Stoff zugeschnitten hat, bevor feststand, ob es ein Kleid für einen Mann oder für eine Frau werden sollte. Längst hat man auch gesehen, daß kaum je Monarchien und Freistaaten miteinander Bünde nach Treu und Glauben eingegangen sind, weder auf Zeit, geschweige denn auf Dauer; die Fürsten verabscheuen nämlich die Freiheit des Volkes, und das Volk fürchtet den Stolz der Fürsten. Ja, die menschlichen Anlagen sind so verdorben, daß kaum ein Stärkerer gelassen den Schwächeren als Gleichberechtigten betrachten kann. Und wem nichts oder nur ein winziger Teil der gemeinsamen Vorteile bleibt, der weigert sich auch, die gemeinsamen Lasten zu tragen.

 

8 Deutschlands Schwäche als Folge seiner Verfassung.

Deutschland ist deswegen so schwach, weil bei ihm zwei Übel zusammenkommen: eine schlecht eingerichtete Monarchie und zugleich ein ungeordneter Staatenbund; das Hauptübel ist, daß auf Deutschland keine dieser Staatsformen paßt. Der äußere Schein und die leeren Formen deuten auf eine Monarchie hin. In der Frühzeit war der König tatsächlich, was sein Titel besagte. Nachdem sein Einfluß gesunken und die Macht und Freiheit der Stände gestiegen war, ist kaum ein Schatten der monarchischen Herrschaft geblieben, den man etwa bei den Führern eines Staatenbundes wahrnehmen kann. So wird der Reichskörper durch ein vernichtendes Tauziehen zwischen den Interessen des Kaisers und der Stände erschüttert: jener erstrebt mit allen Mitteln die Wiederherstellung der alten monarchischen Rechte, diese verteidigen standhaft die errungene Machtstellung. Die Folgen sind fortwährend Argwohn, Mißtrauen und verborgene Ränke, um kaiserlichen Machtzuwachs zu verhindern oder ständische Macht zu brechen. Ferner ist das sonst so starke Reich unfähig zu Angriff und Eroberung, weil Neuerwerbungen weder dem Kaiser von den Ständen zugestanden werden noch gleichmäßig unter allen verteilt werden können. Wie monströs ist schon allein dies, daß sich Haupt und Glieder wie zwei Parteien gegenüberstehen.

Außerdem herrschen zwischen den Ständen selbst aus verschiedenen Gründen mannigfache Gegensätze, die Deutschland nicht einmal als geordneten Staatenbund erscheinen lassen. Die Stände haben unterschiedliche, schwer miteinander vereinbare Staatsformen, Freistaaten mengen sich unter die Monarchien. Der Wohlstand der durch den Handel reich gewordenen Städte erregt den Neid der Fürsten, zumal er teilweise aus ihren Ländern den Städten zugeflossen ist und es sich nicht leugnen läßt, daß manche Städte wie Schmarotzer durch Auszehrung der umliegenden Fürstentümer groß geworden sind. Der Adel verachtet die Bürger, die oft nicht weniger stolz auf ihr Geld sind als jener auf seine Ahnen oder verarmten Besitzungen. Einige Fürsten erblicken in den Städten gleichsam einen Vorwurf gegen ihre Herrschaft, und sie finden, daß die Untertanen ihren Status wegen des Vergleichs mit der benachbarten Freiheit widerwilliger ertragen. So entstehen überall Neid, Verachtung, Kränkungen, Argwohn und verborgene Ränke. Noch heftiger und offenkundiger herrscht das alles zwischen den Bischöfen und den Städten, in denen ihre Kathedralkirchen liegen. Selbst auf dem Reichstag zeigen die Fürsten unverhohlen ihre Abneigung gegen das Kollegium der Städte; der Kaiser dagegen ist den Städten gewogen, weil er auf sie einen größeren Einfluß hat als auf die anderen Stände.

Aber auch die geistlichen und die weltlichen Fürsten sind einander nicht wohlgesonnen. Im Fürstenstand hat die Geistlichkeit den höheren Rang wegen der Heiligkeit ihres Amtes und weil sich zweifellos der Geist Gottes reichlicher auf eine Glatze ergießt als auf ungeschorene Häupter. Deshalb hatte sie im barbarischen Mittelalter das größte Ansehen im Staat. Den weltlichen Fürsten aber ist es peinlich, zusehen zu müssen, wie den meist aus dem niederen Adel stammenden Geistlichen so plötzlich eine ebenbürtige oder höhere Würde zukommt und sie sich auf die Gnade Gottes berufen, zumal sie ihre Würde nicht auf ihre Nachkommen vererben können und ihre Familie in ihrem früheren Stand verbleibt. Freilich sorgen auch viele Bischöfe nach dem Vorbild des Heiligen Vaters reichlich für ihre Verwandten durch kirchliche Pfründen und Schenkungen. Andererseits haben auch die geistlichen Fürsten gerechte Gründe für ihren Zorn auf die weltlichen; denn sie nötigten sie, ihren Wanst fester einzuschnüren; darüber unten mehr.

Nicht wenig trägt auch zur Spaltung unter den Ständen die große Ungleichheit der Macht bei. Denn nach einem Erbfehler des Menschengeschlechts verachten die Stärkeren die Schwächeren und wollen sie unterwerfen, wohingegen diese zu Verdächtigungen und Klagen neigen und zuweilen schroff die Gleichheit ihrer Libertät betonen. Auch der Vorrang der Kurfürsten ist ein ernster Grund zum Zwiespalt, da die Fürsten ihr Ansehen nur widerwillig anerkennen und manche ihnen die widerrechtliche Aneignung ihrer Würde vorwerfen, während jene eifrig für ihr Recht und Ansehen kämpfen.

 

9 Weitere Gründe für Deutschlands Schwache

Als wenn der Krankheiten noch nicht genug wären, hat die Religion, sonst das stärkste Band der Geister, Deutschland in Parteien zerrissen und in heftige Konflikte gestürzt. Die Gründe dafür liegen nicht allein im Haß wegen der verschiedenen religiösen Ansichten und in der Gewohnheit der Geistlichen, Andersgläubige vom Himmel auszuschließen, sondern darin, daß die Protestanten die katholischen Geistlichen aus einem Großteil ihrer Güter vertrieben haben und diese Tag und Nacht danach streben, sie wiederzugewinnen, während jene es für Feigheit halten, das einmal Gewonnene aufzugeben. Außerdem ist nach der Meinung vieler Leute die allzu große Macht der Geistlichkeit überhaupt für den Staat gefährlich, vor allem wenn Priester und Mönche von einem außerdeutschen Oberhaupt abhängen, das niemals aufrichtige Liebe zu den Deutschen empfindet und das alle Laien dem Untergang gern weihen würde, wenn nur seine Gefolgschaft in glänzenden Verhältnissen lebte. Es ist offenkundig, daß sich auf diese Weise ein besonderer Staat im Staate bildet und der Staat so zwei Häupter hat. Die meisten, die ihr Vaterland mehr lieben als die römische Kirche, halten das für das Schlimmste, was dem Staat zustoßen kann.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998