Tun des Unerwarteten, ruhige und vorausschauende Nutzung des Augenblicks.

Plutarch, Alexander 31, 5 - 32 , 5.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Plutarch, Alexander - Caesar, Lebensbeschreibungen, übers. von Friedrich Salomon Kaltwasser, bearb.von Wolfgang Ritschel, Berlin 1982, S. 42 f. Giech. Text aus: Plutarch's Lives, with an English translation by Bernadotte Perrin, in 11 volumes, vol. 11: Demosthenes and Cicero, Alexander and Caesar, The Loeb Clasical Library, London, Cambridge / Mass. 1949, S. 316 - 320.


 

Deutsche Übersetzung:  

Die älteren unter seinen Vertrauten, besonders Parmenion, gerieten jetzt, da man die ganze Ebene zwischen dem Niphates und den Bergen der Gordynaier von feindlichen Feuern erleuchtet sah und ein verworrenes gräßliches Getöse und Lärmen aus dem Lager, wie aus einem unabsehbaren Meere, herüberschallte, über die Menge der Feinde in große Verwunderung und besprachen sich miteinander, wie schwer und mißlich es sein würde, ein so ungeheures Heer bei einem offenen Angriffe zu überwältigen.

Wie also der König mit dem Opfer fertig war, gingen sie zu ihm hin und gaben ihm den Rat, die Feinde bei Nachtzeit anzugreifen und durch die Finsternis das Furchtbarste bei dem bevorstehenden Kampfe zu verbergen. Allein er bediente sich der merkwürdigen Rede: "Ich will den Sieg nicht stehlen" eine Antwort, die manchen ziemlich kindisch und eitel vorkam, da er bei einer drohenden Gefahr noch scherzte. Einige waren jedoch der Meinung, daß er nicht nur für die Gegenwart mit gutem Grunde ein solches Vertrauen hegte, sondern auch von dem Erfolge ganz richtig urteilte, wenn er dem Dareios nach einer erlittenen Niederlage keinen Vorwand lassen wollte, sich wieder zu einem andern Versuche zu ermannen. Denn Dareios würde in dem Falle alle Schuld auf die Nacht und Finsternis geschoben haben, so wie bei der vorigen Schlacht auf die Berge, die engen Pässe und das Meer; auch würde er bei der großen Macht und einem so ausgedehnten Reiche wohl nicht aus Mangel an Waffen und Soldaten vom Kriege abgestanden sein, wenn er nicht, durch eine offenbare Niederlage von seiner Ohnmacht überzeugt, allen Mut und alle Hoffnung hätte aufgeben müssen.

Nachdem diese weggegangen waren, legte sich Alexander in seinem Zelte zur Ruhe und fiel, wie man sagt, den übrigen Teil der Nacht wider Gewohnheit in einen so tiefen Schlaf, daß die bei Anbruch des Tages sich einstellenden Feldherren in große Verwunderung gerieten und einstweilen für sich selbst den Soldaten Befehl gaben, das Frühstück zu nehmen. Da jedoch die Umstände sehr dringend waren, ging Parmenion hinein, trat vor das Bett und rief ihn zwei- oder dreimal beim Namen, wovon er endlich erwachte. Parmenion fragte ihn nun, was ihm denn müßte begegnet sein, daß er so fest und ruhig schliefe, als wenn er schon wirklich gesiegt hätte und nicht soeben die wichtigste und entscheidendste Schlacht liefern wollte. Alexander versetzte mit lächelnder Miene: "Wie? meinst du nicht, daß wir schon gesiegt haben, da wir endlich der Mühe überhoben sind, herumzuziehen und den Dareios, der jedem Treffen ausweicht, in einem so weiten und verheerten Lande aufzusuchen?"

Jedoch zeigte er sich nicht nur vor der Schlacht, sondern auch in der Gefahr selbst sehr groß durch seinen entschlossenen Mut und die besondere Gegenwart des Geistes. Denn in dem Gefechte fing der linke Flügel unter dem Parmenion schon an zu weichen und in Unordnung zu geraten, da die baktrianische Reiterei mit ungestümer Gewalt unter die Makedonier einbrach und Mazaios einen Haufen Reiter um die Phalanx herumschickte, um die Bedeckung des Gepäckes zu überfallen. Diese beiden Umstände beunruhigten den Parmenion so sehr, daß er einige Boten an Alexander schickte und ihm sagen ließ, das ganze Lager und Gepäck wäre verloren, wenn er nicht in aller Eile von der Front dem Hintertreffen ein starkes Korps zu Hilfe schickte. Alexander gab gerade seinem Flügel das Zeichen zum Angriffe. Als er daher den Auftrag des Parmenion vernahm, erteilte er den Boten die Antwort, Parmenion müsse nicht bei Verstande sein und in der Bestürzung vergessen haben, daß den Siegern auch das, was den Feinden gehört, zufällt, Überwundene aber sich nicht um Güter und Sklaven, sondern nur darum bekümmern müssen, wie sie im Kampfe mit Ruhm und Ehre fallen mögen.

Mit dieser Antwort fertigte er die Boten des Parmenion ab und setzte sich dann den Helm auf.


 

Griechischer Text:  


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998