Der Amtseid und die den Beamten prägenden Pflichten.

Nov. VIII Iustiniani (Authenticum), app.

Lat. Text aus: Corpus Iuris Civilis, editio stereotypa teria, volumen tertium: Novellae. Recognovit Rudolf Schoell, absolvit Wilhelm Kroll, Berlin 1904, S. 89 f. Dt. Übersetzung: Christian Gizewski.


Deutsche Übersetzung:

... Nachfolgend eine ausgefertigte Abschrift eines Musters für den hohen Praefectus Praetorio des Illyrischen Reichsteils, Dominicus, aber mit folgenden Zusätzen:

Den Amtseid sollen die in Frage kommenden Personen genau enstprechend der dazu mitgeteilten Formel leisten, die in einer Ausfertigung Eurem hohen Amte zugegangen ist. Wer aber dort eine amtliche Aufgabe übernimmt, soll von Euch die von hier aus übermittelte Bestallungsurkunde entgegennehmen, in Gegenwart des gottgefälligen Bischofs des Ortes und anderer dort versammelter Honoratioren, die unter Eurer Amtsgewalt stehen, sowie aller Angehöriger Eurer Verwaltung. Vor diesen sollen die Amtsanwärter ihre Bestallungsurkunde in Empfang nehmen und den ihnen vorgesprochenen Eid ablegen. Größten Wert legen wir darauf, daß die Feierlichkeit im Beisein der städtischen Ratsmitglieder stattfindet, die ein berechtigtes Interesse daran haben, von Eurem hohen Amte und von der Amtsführung derjenigen, die neu ernannt werden, mit großem Einsatz und großer Sorgfalt bedacht zu werden. Achtet also darauf, in keinerlei Weise auf ihre Kosten Geschäfte zu machen, und gestattet es auch nicht, daß sie von irgendjemandem in ihren Rechten verletzt werden. Gemeint sind damit vor allem diejenigen, die sich insoweit auf ein ungerechtes Verfahren stützen, als sie im Dienste unseres in doch sehr glücklicher Lage befindlichen Heeres unberechtigt Leistungen verlangen, und auch diejenigen, die auf diese Weise rückständige Gemeindesteuern bezahlen wollen; denn es ist unzulässig, auf solche zweifelhaften Hilfsmittel zu setzen, um sich dann so skrupellos auf die Wirkung des Zeitablaufs zu verlassen. Nichts also empfiehlt Euer hohes Amt uns mehr als die - wie auch immer - den Stadträten einer jeden Stadt zuteilwerdende vorausschauende Sorge, die wir von Euch ebenso wie jedem Eurer Nachfolger in euerem hohen Amte erwarten. Aus diesem Grunde wollen wir, daß Euer hohes Amt denjenigen, die in Eurer Gegenwart die Bestallungsurkunde erhalten, anläßlich der Ernennung einschärft, daß sie den Stadträten in jeder Hinsicht entgegenkommen und nicht im kleinsten irgendetwas Unrechtmäßiges von ihnen verlangen. Sie haben auch zu verhindern, daß insoweit von anderen Schaden gestiftet wird, und sollen von Euch darauf hingewiesen werden, daß sie sich in schwerster Weise strafbar machen, wenn sie außerhalb dieser Richtlinien etwas tun. In demselben Maße, wie wir möchten, daß Ihr die Kurialen schont, ordnen wir an, daß Ihr im Bedarfsfalle die Bevollmächtigten für die Städte zur Rechenschaft zieht und deren Habsucht entgegentretet, und ferner, daß Ihr sie darauf verpflichtet, von unseren Untertanen nichts in Empfang zu nehmen außer dem, was ihnen das Gemeinwesen zur Verfügung stellt, oder, wenn sie überhaupt keine öffentlichen Einkünfte haben, das, was ihnen ohne jeden Zweifel von altersher zuzukommen pflegt. D. h.: sie sollen Einkünfte besser auf der Basis der Freiwilligkeit als durch Zwang erzielen, und das nur und nur in dem Maße, als ihnen dadurch eine bescheiden-angemessene Bestreitung des Lebensunterhalts ermöglicht wird. Sie sollen deshalb auch wissen, daß sie , wenn sie irgendetwas außerhalb dieser Maßstäbe in Empfang nehmen, nicht nur das Vierfache an Strafe zu tragen haben werden, sondern mit dauernder Verbannung zu rechnen haben, der eine Prügelstrafe vorausgehen wird.

Formel des Eides, der von denen zu leisten ist, die in ein Amt berufen werden.

Ich schwöre bei dem allmächtigen Gott und seinem eingeborenen Sohn, unserm Herrn Jesus Christus, und bei dem Heiligen Geist und bei der heiligen glorreichen Gottesmutter, der immer jungfäulichen Maria und bei den vier Evangelien, die ich hier in Händen halte, und bei den heiligen Erzengeln Michael und Gabriel gelegentlich der Übertragung amtlicher Aufgaben an mich:

Ich werde auf uneingeschränkte Gewissenhaftigkeit und einen tadellosen Dienst dem regierenden gottergebenen Herrscherhause, dem Kaiser Iustinian und seiner Gattin Theodora, gegenüber bedacht sein, von denen ich mein Amt erhalten habe.

Ich nehme für dieses mir vom Herrscherhaus aus seiner Zuständigkeit für Staat und Reich übertragenen Amt jegliche nur denkbare Arbeit und Anstrengung auf mich, ohne irgendwelche pflichtwidrigen Absichten und unlauteren Interessen.

Gläubig gehöre ich zu der heiligen katholischen und apostolischen Kirche Gottes und werde ihr auf keinerlei Weise und in keinem Augenblick entgegentreten und dies auch anderen nicht gestatten, soweit meine Möglichkeiten reichen.

Ich schwöre bei dieser Gelegenheit ferner:

Ich habe absolut niemandem - sei es im Zusammenhang mit der Verleihung der Amtswürde, sei es im Hinblick auf irgendeine Patronage-Verpflichtung - irgendetwas gegeben noch werde ich dies tun. Ich habe auch nicht versprochen, irgendjemandem etwas aus der Provinz zukommen zu lassen, noch werde ich dies tun, weder im Hinblick eine Unterstützung meiner Ernennung durch das Kaiserhaus, noch im Hinblick auf das Tätigwerden der hohen Reichspräfekten noch anderer hoher Reichsbeamter noch ihrer Umgebung noch überhaupt irgendjemandes.

Vielmehr: ebenso wie ich ohne jede unzulässige, zu Gegenleistungen verpflichtende Begünstigung mein Amt erhalten habe, so werde ich mich auch integer gegenüber den Untertanen unseres gottergebenen kaiserlichen Herrscherhauses verhalten und mich mit dem begnügen, was mir als rechtmäßige jährliche fiskalische Zuweisung zusteht.

Bei der Ausübung der Statthalterpflichten werde ich an allererster Stelle meine Anstrengung auf die sorgfältige Überwachung der fiskalischen Angelegenheiten richten und die staatlichen Interessen mit aller Energie gegen Gesetzesbrecher oder solche, die des staatlichen Zwanges bedürfen, durchsetzen Doch werde ich mich auf keinen Fall dazu verleiten lassen, nur im Blick auf diese Interessen oder in Begünstigungsabsicht oder aus unsachlicher Abneigung irgendetwas durchzusetzen oder einzutreiben, was gesetzlich nicht vorgesehen ist. Auch anderen werde ich nicht gestatten, das zu tun.

Alle, die ihre Pflichten loyal erfüllen, werde ich aber mit väterlicher Fürsoge behandeln und generell darauf achten, daß die Untertanen unseres gottergebenen kaiserlichen Herrscherhauses in jeder Hinsicht vor Schaden und Unrecht bewahrt werden, soweit ich dazu die Möglichkeit habe.

Ferner werde ich in Privatrechtsangelegenheiten das Recht auf alle Beteiligten unparteiisch anwenden, ebenso wie bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Keiner Partei werde ich irgendetwas zusprechen, was nicht rechtens ist.

Vielmehr werde ich im Rahmen meines pflichtgemäßen Ermessens alle Straftaten verfolgen und für eine umfassende Gesetzlichkeit Sorge tragen. Ich werde diejenigen, die unschuldig sind, in jeder Hinsicht in Schutz nehmen, den Schuldigen aber die gesetzlich vorgesehene Strafe auferlegen.

Ich werde auch darauf achten, daß öffentliche und privatrechtliche Verträge in jeder Hinsicht so, wie es bindend vereinbart ist, eingehalten werden, selbst dann, wenn ich bemerken sollte, daß der Fiskus dabei einen ungerechten Nachteil erleidet.

Nicht allein ich werde mich so verhalten. Ich werde darauf bedacht sein, meine nächsten Mitarbeiter und überhaupt meine persönliche Umgebung so zu kontrollieren, daß nicht etwa nur ich integer bin, diejenigen aber, die mich umgeben, sich bereichern und Gesetze brechen, sondern, sollte sich vielmehr so jemand in meiner Nähe finden, mich von ihm und dem was er tut, zu befreien. Ich werde ihn aus dem Amte entfernen.

Sollte ich aber dies alles nicht in der beschworenen Weise einhalten, so soll ich hier und in einem zukünftigen Zeitalter, wenn das schreckliche Gericht unseres großen göttlichen Herrn und Erlösers kommt, erhalten, was mir zusteht, und ich möge das Schicksal des Judas erleiden, die Lepra des Giezi möge über mich kommen und die Angst des Kain. Und dazu werde ich auch die Strafen zu tragen haben, die in den Gesetzen unserer gottergebenen kaiserlichen Herrschaft vorgesehen sind.

Schriftliche Ausfertigung für den hohen Praefectus Praetorio des illyrischen Reichsteils, Dominicus. 


Lateinischer Text:

Scriptum est exemplar huiusmodi Dominico gloriosissimo praefecto apud Illyricum praetoriorum, sed ita quidem adiectionibus:

Iusiurandum subeant secundum proprium de hoc factum indiculum sacramenti, cuius exemplar etiam directum est tuae celsitudini. Qui vero adininistrationes suscipiunt, a tua celsitudine directos hinc eis a nobis codicillos suscipiant praesente deo amabili civitatis in qua degunt episcopo et aliis qui in civitate sunt in iudicio tuae celsitudinis congregatis et officio omni tuo: coram quibus et codicillos accipiant et iurent praedictum iusiurandum. Et maxime hoc praecipimus coram curialibus agi, quos competens est magna frui et a tua celsitudine et eis, qui eundem cingulum optinuerint, providentia et studio: ut et nihil ab eis tu lucreris omnino neque permittas eos ab ullo laedi [Stelle korrumpiert; Konjektur: 'eos enim' oder 'eorum'] qui hanc nituntur iniquitatem, quatenus et felicissimo nostro avertant exercitu et reliquas curiales adimpleant functiones, quia non oportet talia temptari solacia, ut possit ad tantam referri tarditatem. Nihil enim nobis commendat tuam celsitudinem, quomodo circa curiales uniuscuiusque civitatis providentia, quam praeberi volumus istis et a tua celsitudine < et> a cinguli semper successoribus. Quapropter dum codicillos dederis administrationes accipientibus a te ut praesente, hoc eis tuam denuntiare volumus sedem, ut curialibus omnem ferant favorem, nihil penitus ab eis accipientes: prohibeant autem et ab aliis eis afferri damna, et agnoscant per te quia, si praeter haec aliquid egerint, poenis subiacebunt gravissimis. Sicut enim curialibus parcere te volumus, ita et defensorum castigare et retinere avaritiam sancimus, et ab eis praesumere accipere a nostris subiectis nisi secundum quod eis ministrat publica res, aut si non est aliquod eis publicum solacium, quantum inculpabilis antiquitas definivit: ut ab spontaneis ipsis magis quam ab invitis accipiant, et hoc parum et quantum eis ad mediocrem sufficit vitae gubernationem. Sciant enim quia, si citra haec aliquid acceperint, non solum quadrupli subiacebunt poenae, sed etiam exilium habitabunt continuum, prius eis plagis corporeis infligendis.

Ius iurandum quod praestatur ab his qui adminitrationes accipiunt.

Iuro ego per deum omnipotentem et filium eius unigenitum dominum nostrum Iesum Christum et spititum sanctum et sanctam glosiosam dei genetricem et semper virginem Mariam et quattuor evangelia, quae in manibus teneo, et sanctos archangelos Michael et Gabriel, puram conscientiam germanumque servitium me servaturum sacratissimis nostris dominis Iustiniano et Theodorae coniugi eius occasione traditae mihi ab eorum pietate administrationis; et omnem laborem ac sudorem cum favore sine dolo et sine arte quacumque suscipio in commissa mihi ab eis administratione de eorum imperio atque republica. Et communicator sum sanctae dei catholicae et apostolicae ecclesiae, et nullo modo et tempore adversabor ei, nec alium quemcumque permitto, quantum possibilitatem habeo. Iuro quoque idem iusiurandum, quia nulli penitus neque dedi neque dabo occasione dati mihi cinguli meque occasione patrocinii, neque promisi neque professus sum de provincia mittere neque mittam, neque occasione dominici suffragii, neque gloriosissimis praefectis neque aliis famosissimis viris adminitrationes habentibus neque qui circa eos sunt nec alii omnium ulli: sed sicut sine suffragio percepi cingulum, sic etiam pure me exhibeo circa subiectos piissimorum nostrorum dominorum, contentus his quae statutae sunt mihi de fisco annonis. Et primum omne habebo studium ut fiscalia vigilanter inspiciam, et indevotos quidem et indigentes necessitate cum omni exigam vehementia, nequaquam subinclinatus neque ob hoc ipsum lucrum omnino considerans aut per gratiam vel odium exigens aliquem citra quam competit, aut concedo alicui; devotos autem paterne tractabo, et subiectos piissimorum nostrorum dominorum illaesos undique, quantum possibilitatem habeo, custodibo. Ei aequus in causis utrique parti et in publicis disciplinis ero, nullique parti citra quam iustum est praestabo, sed exequar universa delicta , et omnem aequitatem servabo, noxiis autem impono supplicium secundum legem; et omnem iustitiam, sicut dictum est, in publicis privatisque contractibus eis servabo, et si comperero fiscum iniustitiam pati. Non ego solum haec ago, sed etiam semper mihi adsidentem talem studebo adsumere et circa me omnes, ut non ego quidem purus sim, qui vero circa me sunt, furentur et delinquant; si quis autem inveniatur circa me talis, et quod fit ab eo me sanare, et eum expello. Si vero non haec omnia servavero, recipiam hic et in futuro saeculo in terribili iudicio magni dei domini et salvatoris nostri Iesu Christi et habeam partem cum Iuda et lepram Giezi et tremorem Cain, insuper et poenis, quae lege eorum pietatis continentur ero subiectus.

Scriptum exemplar huius Dominico gloriosissimo praefecto per Illyricum


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998