Der integre Volkstribun gegen die illegitime Übermacht der Privilegierten.

Auszug aus Plutarch, Gaius Gracchus (3 - 6).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen. Gesamtausgabe in sechs Bänden, Bd. V, Übersetzungen von Johann Friedrich Kaltwasser, Hans Floerke und Ludwig Kröner, Goldmann-Verlag, München um 1960. Griech. Text aus:Plutarch's Lives, with an English translation by Bernadotte Perrin, in 11 volumes, vol. 11: Agis and Cleomenes, Tiberius and Caius Gracchus, Philopoemen and Flaminuius, The Loeb Clasical Library, London, Cambridge / Mass. 1949, S. 202 - 212.


 

Deutsche Übersetzung:

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3. Bald darauf beschuldigte man ihn wieder verschiedener anderer Vergehungen und klagte ihn öffentlich an, daß er die Bundesgenossen aufwiegele und an der entdeckten Verschwörung in Fregellae Teil gehabt habe. Aber er wußte sich von jedem Verdacht zu befreien, und als er am Ende völlig unschuldig befunden wurde, beschloß er sogleich, sich um das Tribunat zu bewerben, wobei er zwar alle Vornehmen ohne Ausnahme zu Gegnern hatte, das gemeine Volk hingegen in solcher Menge aus ganz Italien in der Stadt zusammenströmte und der Wahl beiwohnte, daß viele nicht unterzukommen wußten, daß selbst das Marsfeld die Menge nicht fassen konnte und viele auf die Giebel und Dächer der umliegenden Gebäude kletterten, um von da herab ihre Stimme zu geben.

So viel setzten indes die Großen gegen das Volk durch und vereitelten insofern die Hoffnung, daß Gaius nicht, wie er erwartete, zum ersten, sondern zum vierten Tribun ernannt wurde. Aber kaum hatte er das Amt angetreten, so war er auch gleich unter allen zehn Tribunen der erste, teils, weil er durch seine Beredsamkeit mehr vermochte als jeder andere, teils auch, weil ihm das Unglück seiner Familie, wenn er seinen Bruder beweinte, Gelegenheit verschaffte, mit größter Freimütigkeit zu sprechen. Denn auf diesen Punkt lenkte er das Volk bei jeder Veranlassung, erinnerte es dabei an ältere Begebenheiten und stellte ihm das Verhalten der Vorfahren in ähnlichen Fällen vor Augen; daß nämlich diese den Faliskern wegen der einem gewissen Tribun Genucius angetanen Beschimpfung den Krieg erklärt, und Gaius Veturius zum Tode verurteilt hätten, nur weil er einem über das Forum gehenden Tribun nicht ausgewichen war. "Ihr hingegen", fuhr er fort, "habt vor euern Augen den Tiberius von diesen Großen mit Knütteln totschlagen lassen; vor euern Augen ist sein Leichnam vom Kapitol mitten durch die Stadt geschleppt worden, um in den Tiber geworfen zu werden, vor euern Augen hat man seine Freunde ergriffen und ohne weitere Untersuchung hingerichtet. Und doch ist es bei euch ein uralter Brauch, daß, wenn ein Verbrecher sich nicht vor dem Gericht stellen will, ein Trompeter vor sein Haus hingehen und ihn mit der Trompete nochmals vorladen muß, ehe die Richter das Urteil über ihn aussprechen. So vorsichtig, so behutsam verfuhr man sonst in den Gerichten."

4. Nachdem er nun erst das Volk durch dergleichen Reden - zumal mit seiner Stimme, die außerordentlich stark und durchdringend war - erschüttert und in eine Art von Gärung gesetzt hatte, brachte er zwei Gesetze in Vorschlag. Das eine war: wenn ein Beamter einmal vom Volke seines Amtes entsetzt worden wäre, so sollte er nie wieder auf irgendein anderes Amt Anspruch machen können. Das andere lautete: jeder Beamte, der einen Bürger unverhört ins Exil gewiesen hätte, sollte deshalb von dem Volke gerichtet werden. Das erste dieser Gesetze zielte offenbar auf Entehrung des Marcus Octavius ab, der von Tiberius seines Amtes entsetzt worden war; mit dem andern aber war es auf Popilius abgesehen, welcher als Praetor die Freunde des Tiberius ins Exil geschickt hatte. Popilius befand nicht für gut, das ihm bevorstehende Gericht abzuwarten, sondern entfloh aus Italien. Den anderen Antrag nahm Gaius selbst zurück, indem er erklärte: er wolle seiner Mutter zu Gefallen, die ihn darum gebeten hätte, Octavius verschonen. Das Volk bekundete ihm dafür seinen Beifall und ließ es sich gern gefallen, indem es Cornelia ihrer Söhne wegen nicht weniger als ihres Vaters wegen verehrte. Auch errichtete es ihr in der Folge eine eherne Statue mit der Inschrift: "Cornelia, die Mutter der Gracchen."

Von Gaius führt man auch mehrere witzige und beißende Reden an, womit er für seine Mutter einen seiner Feinde abgefertigt haben soll. "Wie" sagte er, "du lästerst Cornelia, die den Tiberius geboren hat?" Und da dieser Lästerer wegen seiner Liederlichkeit sehr verschrien war, setzte er noch hinzu.. "Wie kannst du so frech sein, Cornelia mit dir zu vergleichen? Hast du, so wie sie, Kinder geboren? Und doch wissen alle Römer, daß sie, eine Frau, längere Zeit als du, der du ein Mann bist, ohne Mann geschlafen hat." Eine solche Bitterkeit lag in seinen Antworten, und solcher Züge sind noch viele in seinen hinterlassenen Schriften zu finden.

5. Von den Gesetzen, die er nun in Vorschlag brachte, um die Gunst des Volkes zu gewinnen und die Macht des Senats zu vermindern, betraf das eine die Anlegung neuer Kolonien, es verordnete zugleich, daß die dem Staate gehörigen Ländereien unter die Armen verteilt werden sollten. Ein zweites nahm sich der Soldaten an und verlangte, daß ihnen die Kleidung auf öffentliche Kosten ohne den geringsten Abzug von ihrem Sold gestellt und keiner unter siebzehn Jahren zum Kriegsdienst verpflichtet werden sollte. Ein drittes ging die Bundesgenossen an und machte alle italischen Völker den Bürgern Roms gleich. Ein viertes verordnete, daß das Getreide den Armen zu einem niedrigeren Preise verkauft werden sollte. Ein fünftes endlich beschäftigte sich mit den Gerichten, und durch dieses beschnitt er die Macht der Senatoren am allermeisten. Denn bisher hatten sie allein die Gerichte versehen, und deswegen waren sie dem Volke ebenso wie den Rittern furchtbar gewesen. Gaius setzte nun den dreihundert Richtern aus dem Senatorenstand ebenso viele aus dem Ritterstand an die Seite und ließ durch diese sechshundert Männer die Gerichte gemeinsam verwalten.

Eben bei diesem Gesetz soll er, als er es in Vorschlag brachte, einen außerordentlichen Eifer bewiesen und unter anderem auch sich einen ungewöhnlichen Schritt erlaubt haben. Sonst pflegten nämlich alle, die öffentlich vor dem Volke redeten, nach dem Senat und dem Comitium hin zu sehen. Er aber kehrte sich damals als erster in seiner Rede nach dem Forum zu und tat dies nachher immer. Durch diese unbedeutende Beugung und Veränderung in der Stellung des Körpers gab er den Anstoß zu etwas sehr Wichtigem und verwandelte gewissermaßen die aristokratische Regierungsform in eine demokratische, indem er damit zu verstehen gab, daß die Redner ihren Vortrag mehr an das Volk als an den Senat richten müßten.

6. Da das Volk nicht nur dieses Gesetz bereitwillig annahm, sondern ihm auch auftrug, die neuen Richter aus dem Ritterstand auszuwählen, so gelangte er dadurch beinahe zu einer monarchischen Gewalt, und der Senat selbst ließ es sich gefallen, von ihm Ratschläge anzunehmen. Doch riet er immer nur zu solchen Dingen, die sich mit dessen Ehre und Ansehen vertrugen. Von der Art war zum Beispiel das sehr gerechte und vortreffliche Gutachten über das Getreide, welches der Propraetor Fabius aus Spanien gesandt hatte. Er überredete nämlich den Senat, dieses Getreide zu verkaufen, den Erlös den Städten zurückzuschicken und Fabius einen derben Verweis zu geben, daß er die römische Herrschaft den Untertanen verhaßt und unerträglich mache; und dadurch erwarb er sich in den Provinzen nicht wenig Ruhm und Zuneigung.

Außerdem verfügte er noch, daß neue Kolonisten in neuzugrüdundende Städte geschickt, Landstraßen angelegt und Getreidemagazine erbaut würden. Bei allen diesen Werken übernahm er selbst die Aufsicht und Verwaltung, ließ sich durch so vielerlei wichtige Geschäfte auf keine Weise ermüden, sondern führte jedes, als wenn es das einzige wäre, so schnell und energisch aus, daß selbst die, welche ihn am meisten haßten und fürchteten, über seine Betriebsamkeit und rasche Tätigkeit erstaunen mußten. Der gemeine Mann aber geriet vollends in Bewunderung, wenn er ihn mit einer Menge von Bauunternehmern, Handwerkern, Gesandten, Beamten, Soldaten und Gelehrten umgehen sah, mit denen er sich auf eine freundliche, gefällige Art unterhielt und jedem von diesen so verschiedenen Leuten die ihm gebührende Ehre erwies, ohne bei aller Höflichkeit seiner eigenen Würde das geringste zu vergeben. Dadurch erklärte er zugleich diejenigen für hämische Verleumder, die ihn für einen furchtbaren, groben und gewalttätigen Mann ausgaben, und so wußte er selbst im Umgang und in den Geschäften noch geschickter als in den öffentlichen Reden auf der Rednerbühne die Gunst und Zuneigung des Volkes zu gewinnen. ....


Griechischer Text:


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998