Wagemut bei folgenreichen Entscheidungen: Caesars Überschreitung des Rubico.

Plutarch, Caesar 32, 4 - 33, 3.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Plutarch, Alexander - Caesar, Lebensbeschreibungen, übers. von Friedrich Salomon Kaltwasser, bearb.von Wolfgang Ritschel, Berlin 1982, S. 122f. Griech Text aus: Plutarch's Lives, with an English translation by Bernadotte Perrin, in 11 volumes, vol. 11: Demosthenes and Cicero, Alexander and Caesar, The Loeb Clasical Library, London, Cambridge / Mass. 1949, S. 520 - 524.


 

Deutsche Übersetzung:

... Als er an den Fluß Rubico kam, der das diesseitige Gallien von dem übrigen Italien trennt, verfiel er, je mehr er sich der Gefahr näherte, in tiefes Nachdenken und hielt, über die Größe des Wagestücks betroffen, im Fahren inne. Hier stellte er bei sich selbst eine lange Überlegung an, um das Vorhaben nochmals in der Stille von beiden Seiten zu erwägen, und sein Entschluß erlitt jetzt mancherlei Veränderungen. Darauf teilte er den um ihn befindlichen Freunden, unter denen auch Asinius Pollio war, die vielen ihm aufstoßenden Bedenklichkeiten mit, indem er überrechnete, wie viel Elend und Unglück dieser sein Übergang über alle Völker bringen und welches Unheil von ihnen auf die Nachwelt kommen würde. Endlich aber überließ er sich, gleichsam des Nachsinnens müde, mit rascher Hitze der Zukunft, und nachdem er jenen bei ungewissen und gewagten Unternehmungen gewöhnlichen Ausruf: "So mag denn der Wurf getan sein", gebraucht hatte, entschloß er sich zum Übergange, legte den übrigen Weg in größter Geschwindigkeit zurück und drang noch vor Anbruch des Tages in Ariminum ein, welche Stadt er sogleich besetzte. In der Nacht vor dem Übergange hatte er, wie man sagt, einen greulichen Traum; es kam ihm vor, als wenn er seine Mutter notzüchtigte.

Nach der Einnahme von Ariminum, wodurch dem Kriege sozusagen ein weites Tor nach allen Ländern und Meeren hin geöffnet und mit den Grenzen der Provinz zugleich auch die ganze Verfassung des Staates zerrüttet war, gewann es das Ansehen, als wenn nicht bloß Männer und Weiber, wie sonst zu geschehen pflegt, aus Bestürzung Italien durchkreuzten, sondern als wenn ganze Städte aufgebrochen wären und flüchtig durcheinander herliefen. Rom selbst, das bei dem Flüchten und Auswandern der umliegenden Völker gleichsam überschwemmt wurde, konnte von den Magistratspersonen durch gütliche Vorstellungen so wenig als durch strenge Befehle in Ordnung erhalten werden; ja es fehlte wenig, daß es bei einem solchen Sturme und Ungewitter durch sich selbst wäre vernichtet worden. Durchgängig herrschten entgegengesetzte Leidenschaften und gewaltsame Bewegungen. Denn auch die Partei, die sich jetzt freute, blieb nicht ruhig, sondern geriet in der weitläufigen Stadt häufig mit der bestürzten und niedergeschlagenen zusammen und fing immer, auf die Zukunft trotzend, Händel und Streitigkeiten an.


Griechischer Text:  


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998