Rhetorik als Zugang zu Einfluß, Macht und Würde.

Cicero, De oratore 1, 13 - 23.

Lat. Text aus und deutsche Übersetzung in Anlehnung an: Cicero, De oratore / Über den Redner. Lateinisch - deutsch. Übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung versehen von Harald Merklin, Stuttgart 1976, S. 49 - 55.


 

Deutsche Übersetzung: 

(13) ... Ich rede nicht von Griechenland das stets die Fürstin der Beredsamkeit sein wollte, und nicht von der Erfinderin sämtlicher Wissenschaften, von Athen, wo man die hochste Blüte der Beredsamkeit fand und verwirklichte. In unserem Land selbst hat sich ganz gewiß nie eine Neigung kräftiger entwickelt als die für die Redekunst. (14) Denn als die Herrschaft über alle Völker aufgerichtet war und eine lange Friedenszeit dem Geistesleben Kraft gegeben hatte, gab es fast keinen ehrgeizigen jungen Mann, der nicht der Uberzeugung war, er müsse sich mit allem Eifer um die Redekunst bemühen. Anfangs erreichten sie zwar in Unkenntnis jeder Theorie und in der Meinung, es gebe kein methodisches Verfahren bei der Übung noch irgendeine systematische Vorschrift, nur soviel, wie sie durch Begabung und Nachdenken leisten konnten. Doch später hörten sie griechische Redner, studierten ihre Schriften und zogen Lehrmeister hinzu, worauf in unseren Landsleuten eine ganz unglaubliche Begeisterung für die Beredsamkeit entbrannte. (15) Bedeutung, Mannigfaltigkeit und eine Vielzahl von Prozessen jeder Art trieb sie dabei an, mit den theoretischen Kenntnissen, die sich ein jeder in seinem Studium angeeignet hatte, eine reiche praktische Erfahrung zu verbinden, die ja die Regeln aller Lehrer übertrifft. Es winkte ihrem Eifer freilich, was Einfluß, Macht und Würde angeht, wie auch heute, reicher Lohn. Doch die Begabung unserer Landsleute übertraf, wie wir aus vielem schließen können, bei weitem die der Menschen sämtlicher anderen Völker. (16) Wer wäre darum nicht mit Recht erstaunt, daß sich in der Geschichte aller Generationen, Zeiten oder Länder nur eine so geringe Zahl von Rednern findet?

Freilich ist dieses Feld ja umfangreicher, als die Menschen glauben, und besteht aus einer größeren Anzahl von Fächern und Wissenschaften. Denn worin könnte man sonst bei der übergroßen Zahl der Lernenden, der Überfülle an Lehrmeistern, der ausgezeichneten Veranlagung der Menschen, der unermeßlichen Vielfalt der Fälle und dem überreichen Lohn, wie er der Redegabe winkt, den Grund erkennen, außer in der ganz unglaublichen Bedeutung und Schwierigkeit der Sache? (17) Gilt es doch, sich ein Wissen von sehr vielen Dingen anzueignen, ohne das die bloße Wortgewandtheit leer und lächerlich erscheint, der Rede selbst nicht nur durch die Auswahl der Worte, sondern auch durch ihre Fügung die rechte Form zu geben und alle Regungen des Herzens, die die Natur den Menschen gab, genau zu untersuchen; denn alle Wirkung und Methode der Redekunst hat sich in der Besänftigung oder Erregung der Zuhörer zu erweisen. Dazu gehört noch ein gewisser Charme und Witz, Bildung, die eines freien Mannes würdig ist, sowie Schlagfertigkeit und Kürze bei Erwiderungen und Attacken, mit der sich feine Anmut und Eleganz verbindet. (18) Weiterhin muß man die gesamte alte Zeit und das Material der Präzedenzfälle beherrschen und darf die Kenntnis der Gesetze und des bürgerlichen Rechts nicht unbeachtet lassen. Was soll ich da noch auf den Vortrag selbst eingeben? Er muß durch die Bewegung des Körpers, durch Mienen- und Gebärdenspiel, durch Ausdruck und Abwechslung der Stimme das rechte Maß erhalten; wieviel allein schon das an sich bedeutet, lehrt die schlichte Schauspielkunst und das Theater. Wer wüßte denn nicht, wie gering die Anzahl derer, die vor unseren Augen Gnade finden, ist und war, obwohl sie sich doch alle um den rechten Ausdruck des Gesichts, der Stimme und der Bewegung mühen? Was soll ich über die Schatzkammer aller Dinge, das Gedächtnis, sagen? Wenn es nicht wie ein Wächter für die entdeckten und erdachten Argumente und Formulierungen hinzugezogen würde, so wären offensichtlich alle Qualitäten des Redners, und seien sie auch noch so glänzend, dem Untergang geweiht. (19) Deswegen wollen wir nicht mehr verwundert fragen, was der Grund für die geringe Zahl gewandter Redner ist, da die Beredsamkeit aus der Gesamtheit aller der Bereiche besteht, deren Beherrschung jeweils für sich schon sehr viel bedeutet; und wir wollen lieber unsere Kinder und die anderen, an deren Ruhm und Geltung uns gelegen ist, ermahnen, daß sie die Größe des Gegenstandes erfassen und sich nicht einbilden, sie könnten das erstrebte Ziel mit Hilfe der Vorschriften, Lehrer oder Ubungen erreichen, deren alle sich bedienen, sondern mit ganz anderen. (20) Nach meiner Meinung könnte jedenfalls kein Redner den Gipfel allen Ruhms erreichen, ohne sämtliche bedeutenden Gebiete und Disziplinen zu beherrschen; denn aus dem Wissen um die Sache muß die Rede in Glanz und Fülle des Ausdrucks erwachsen. Hat sich der Redner die Sache nicht ganz angeeignet, so bietet seine Rede nur leeres und beinahe kindisches Geschwätz. (21) Ich will jedoch gerade unseren Rednern bei den Ansprüchen, die das Leben in Rom an sie stellt, keine so große Last aufbürden, daß ich glaubte, sie müßten alles wissen, obwohl gerade im Begriff des Redners und dem Anspruch, gut zu reden, das Unterfangen und die Verheißung zu liegen scheint, über jedwedes Thema, das sich stellen mag, wortreich und wirkungsvoll zu reden. (22) Ich zweifle freilich nicht daran, daß dieser Anspruch den meisten unermeßlich und grenzenlos erscheint, und sehe, daß bereits die Griechen in ihrem Überfluß - nicht nur an Geistesgaben und an theoretischen Kenntnissen, sondern auch an Freizeit und an Eifer - eine gewisse Einteilung in spezielle Fachgebiete vorgenommen haben und sich nicht jeweils auf dem gesamten Gebiet betätigten, sondern den Teilkomplex der rhetorischen Fähigkeiten, der die öffentliche Rede bei Gerichtsverhandlungen und politischen Diskussionen betrifft, von ihren übrigen Teilkomplexen abtrennten und dieses spezielle Gebiet allein dem Redner vorbehielten. Darum will ich in diesen Büchern nicht mehr erfassen als das, was diesem speziellen Gebiet in gründlichen Erörterungen und Untersuchungen von maßgeblichen Männern fast einstimmig zugerechnet wurde.

(23) Ich will auch nicht mit einem Katalog von Regeln wieder bei den Anfangsgründen unseres alten Schulunterrichts beginnen, sondern mit dem, was früher einmal - wie ich hörte - im Kreis führender Redner und hochgestellter Persönlichkeiten unseres Landes besprochen wurde. Nicht daß ich das verachtete, was uns griechische Theoretiker und Lehrer in der Kunst der Rede hinterlassen haben; da ihre Lehren aber offen vor aller Augen liegen und durch eine Erklärung von meiner Seite weder wirkungsvoller zu entfalten noch klarer auszudrücken sind, wirst du, mein Bruder, es mir wohl verzeihen, daß mir die Männer, denen unsere Landsleute den höchsten Ruhm der Redekunst zusprachen, mehr gelten als die Griechen.


Lateinischer Text:

(13) ... Atque ut omittam Graeciam, quae semper eloquentiae princeps esse voluit, atque illas omnium doctrinarum inventrices Athenas, in quibus summa dicendi vis et inventa est et perfecta, in hac ipsa civitate profecto nulla umquam vehementius quam eloquentiae studia viguerunt. (14) Nam postea quam imperio omnium gentium constituto diuturnitas pacis otium confirmavit, nemo fere laudis cupidus adulescens non sibi ad dicendum studio omni enitendum putavit; ac primo quidem totius rationis ignari, qui neque exercitationis ullam viam neque aliqund praeceptum artis esse arbitrarentur, tantum, quantum ingenio et cogitatione poterant, consequebantur; post autem auditis oratoribus Graecis cognitisque eorum litteris adhibitisque doctoribus incredibili quodam nostri homines dicendi studio flagraverunt. (15) Excitabat eos magnitudo, varietas multitudoque in omni genere causarum, ut ad eam doctrinam, quam suo quisque studio consecutus esset, adiungeretur usus frequens, qui omnium magistrorum praecepta superaret; erant autem huic studio maxima, quae nunc quoque sunt, exposita praemia vel ad gratiam vel ad opes vel ad dignitatem; ingenia vero, ut multis rebus possumus iudicare, nostrorum hominum multum ceteris hominibus omnium gentium praestiterunt. (16) Quibus de causis quis non iure miretur ex omni memoria aetatum, temporum, civitatum tam exiguum oratorum numerum inveniri?

Sed enim maius est hoc quiddam, quam homines opinantur, et pluribus ex artibus studiisque conlectum. Quid enim quis aliud in maxima discentium multitudine, summa magistrorum copia, praestantissimis hominum ingeniis, infinita causarum varietate, amplissimis eloquentiae propositis praemiis esse causae putet, nisi rei quandam incredibilem magnitudinem ac difficultatem? (17) Est enim et scientia comprehendenda rerum plurimarum, sine qua verborum volubilitas inanis atque inridenda est, et ipsa oratio conformanda non solum electione, sed etiam constructione verborum, et omnes animorum motus, quos hominum generi rerum natura tribuit, penitus pernoscendi, quod omnis vis ratioque dicendi in eorum, qui audiunt, mentibus aut sedandis aut excitandis expromenda est; accedat eodem oportet lepos quidam facetiaeque et eruditio libero digna celeritasque et brevitas et respondendi et lacessendi subtili venustate atque urbanitate coniuncta; (18) tenenda praeterea est omnis antiquitas exemplorumque vis neque legum ac iuris civilis scientia neglegenda est. Nam quid ego de actione ipsa plura dicam? quae motu corporis, quae gestu, quae vultu, quae vocis conformatione ac varietate moderanda est; quae sola per se ipsa quanta sit, histrionum levis ars et scaena declarat; in qua cum omnes in oris et vocis et motus moderatione laborent, quis ignorat, quam pauci sint fuerintque, quos animo aequo spectare possimus? Quid dicam de thesauro rerum ommum, memoria? Quae nisi custos inventis cogitatisque rebus et verbis adhibeatur, intellegimus omnia, etiam si praeclarissima fuerint in oratore, peritura. (19) Quam ob rem mirari desinamus, quae causa sit eloquentium paucitatis, cum ex eis rebus universis eloquentia constet, in quibus singulis elaborare permagnum est, hortemurque potius liberos nostros ceterosque, quorum gloria nobis et dignitas cara est, ut animo rei magnitudinem complectantur neque eis aut praeceptis aut magistris aut exercitationibus, quibus utuntur omnes, sed aliis quibusdam se id, quod expetunt, consequi posse confidant. (20) Ac mea quidem sententia nemo poterit esse omni laude cumulatus orator, nisi erit omnium rerum magnarum atque artium scientiam consecutus: etenim ex rerum cognitione efflorescat et redundet oportet oratio. Quae, nisi res est ab oratore percepta et cognita, inanem quandam habet elocutionem et paene puerilem. (21) Neque vero ego hoc tantum oneris imponam nostris praesertim oratoribus in hac tanta occupatione urbis ac vitae, nihil ut eis putem licere nescire, quamquam vis oratoris professioque ipsa bene dicendi hoc suscipere ac polliceri videtur, ut omni de re, quaecumque sit proposita, ornate ab eo copioseque dicatur. (22) videatur, et quod Graecos homines non solum ingenio et doctrina, sed etiam otio studioque abundantis partitionem iam quandam artium fecisse video neque in universo genere singulos elaborasse, sed seposuisse a ceteris dictionibus eam partem dicendi, quae in forensibus disceptationibus iudiciorum aut deliberationum versaretur, et id unum genus oratori reliquisse; non complectar in his libris amplius, quam quod huic generi re quaesita et multum disputata summorum hominum prope consensu est tributum; (23) repetamque non ab incunabulis nostrae veteris puerilisque doctrinae quendam ordinem praeceptorum, sed ea, quae quondam accepi in nostrorum hominum eloquentissimorum et omni dignitate principum disputatione esse versata; non quo illa contemnam, quae Graeci dicendi artifices et doctores reliquerunt, sed cum illa pateant in promptuque sint omnibus, neque ea interpretatione mea aut ornatius explicari aut planius exprimi possint, dabis hanc veniam, mi frater, ut opinor, ut eorum, quibus summa dicendi laus a nostris hominibus concessa est, auctoritatem Graecis anteponam.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998