Cincinnatus vorbildlich republikanische Art, die Diktatur auszuüben.

Livius, An urbe condita, 3. Buch, 26, 7 - 29, 7.

Lat. Text aus und deutsche Übersetzung nach: Ab urbe condita liber III / Römische Geschichte 3. Buch, lat. / deutsch, übersetzt und herausgegeben von Ludwig Fladerer, Stuttgart, 1988, S. 81 - 89.


 

Deutsche Übersetzung:  

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(7) Für jene nun, die dem Reichtum gegenüber alle Menschenpflichten hintansetzen, d. h. großer Ehre und wahrhafter Tugend allenfalls dort einen Platz 'einräumen', wo der Strom des Profites reichlich fließt, wird es etwas wirklich Lohnendes sein, dem folgenden Bericht zu folgen. (8) Die letzte Hoffnung für den politischen Bestand des Römervolks, L. Quinctius, pflügte gerade am anderen Tiberufer, genau der Stelle gegenüber,wo heute die Schiffswerften liegen, ein Feld von vier Morgen, das man jetzt die Wiesen des Quinctius nennt. (9) Ob er nun einen Graben zog und sich dabei gegen den Spaten stemmte oder ob er den Pflug führte, jedenfalls war er, das ist gesichert, angestrengt mit Bauernarbeit beschäftigt, als er dort von den Abgesandten des Senats begrüßt und gebeten wurde, er möge sich doch mit der Toga bekleiden und die Weisungen des Senats vernehmen; daraus solle ihm und dem Staate Gutes erwachsen. Da stutzte er, fragte noch ein paarmal: "Hat das seine Richtigkeit?" und befahl seiner Frau Racilia, hurtig die Toga aus der Hütte zu holen. (10) Sobald er Staub und Schweiß abgewischt hatte und, in die Toga gehüllt, hervortrat, sprachen ihm die Gesandten ihre Glückwünsche aus, begrüßten ihn einstimmig als Diktator, baten ihn nach Rom und erklärten, welche Verzagtheit im Heer anzutreffen sei. (11) Ein Staatsschiff war für Quinctius bereitgestellt.Nach der Überfahrt nahmen ihn seine drei Söhne, die ihm entgegengekommen waren, schließlich seine Verwandten und Freunde, zuletzt aber der größere Teil der Väter in Empfang. Von solchem Menschengewühl rings umdrängt, wurde er im Gefolge seiner Liktoren nach Hause geleitet. (12) Auch das gemeine Volk lief in großer Zahl zusammen, freute sich aber doch nicht in diesem Maß über den Anblick des Quinctius, weil es die Macht des Amtes für allzugroß, besonders aber den Mann in eben diesem Amt für zu hart hielt. In jener Nacht freilich verrichtete man vom Wachdienst abgesehen nichts mehr in der Stadt.

27 (1) Nachdem der Diktator am nächsten Tag noch vor Sonnenaufgang aufs Forum gekommen war, ernannte er L. Tarquinius, der aus einer patrizischen Familie stammte, zum Reiterobersten. Dieser hatte zwar aufgrund seiner Armut bei den Fußtruppen gedient, war im Krieg aber doch als der bei weitem Hervorragendste der römischen Jungmannschaft angesehen worden. (2) Der Diktator kam mit dem Reiterobersten in die Versammlung, verkündete den Stillstand der Gerichte, ordnete für die ganze Stadt die Schließung der Läden an und untersagte jedermann private Geschäfte jedweder Art. (3) Ferner sollten alle, die im wehrfähigen Alter standen, bewaffnet sowie mit zubereitetem Proviant für fünf Tage und mit je zwölf Schanzpfählen versehen, vor Sonnenuntergang auf dem Marsfeld anwesend sein. (4) Allen, denen das Alter den Kriegsdienst versagte, trug er auf, für einen Nachbarn, der gerade Soldat war, die Verpflegung zu bereiten, damit dieser inzwischen seine Rüstung bereitmachen und Palisaden holen könne. (5) So strömte die Jungmannschaft auseinander, um Schanzpfähle herbeizuschaffen. Diese nahm jeder am jeweils nächstgelegenen Platz auf. Niemand wurde behindert, und alle waren auf das Wort des Diktators eifrig zur Stelle. (6) Als man die Heereskolonne so eingerichtet hatte, daß sie für den Marsch ebenso wie - sollte es die Lage mit sich bringen - für den Kampf gerüstet war, führte der Diktator selbst die Legionen, der Reiteroberst seine Reiter. In beiden Heeresabteilungen hörte man Worte der Ermahnung, wie sie jene Stunde verlangte: (7) sie sollten einen Schritt zulegen: es sei Eile geboten, um noch in der Nacht zum Feind vorstoßen zu können. Ein Konsul und ein römisches Heer würden belagert, den dritten Tag schon seien sie eingeschlossen; was jede Nacht oder jeder Tag noch bringen werde, sei ungewiß; gar oft falle in einem winzigen Augenblick die Entscheidung über die bedeutendsten Dinge. (8) "Vorwärts, Adlerträger!", "Rück nach, Kamerad!", riefen sie sich auch gegenseitig zu, den Feldherren zur Freude. Um Mitternacht erreichten sie den Algidus und machten halt, sobald sie bemerkten, daß sie dem Feind schon nahe waren.

28 (1) Dort befahl der Diktator, der zu Pferd die Runde gemacht und - soweit man in der Nacht Ausschau halten konnte - Position und Art des Lagers ausgekundschaftet hatte, die Militärtribunen sollten das Gepäck an einem Ort sammeln und die Soldaten mit Waffen und Pfählen in ihre Einheiten treten lassen. Man tat, was er befohlen. (2) Hierauf führte er das gesamte Heer unter Beibehaltung der Marschordnung in langer Kolonne um das feindliche Lager und befahl allen, auf ein bestimmtes Signal hin lautes Geschrei zu erheben; sobald dies verklungen wäre, sollte jeder vor sich den Graben ausheben und die Verschanzung errichten. (3) Der Befehl war ergangen, das Signal folgte. Der Soldat führte aus, was befohlen war. Kriegsgebrüll umtoste die Feinde, durchdrang dann das Feindeslager und setzte sich bis zum Lager des Konsuls fort; hier verursachte es Bestürzung, dort ungeheuren Jubel. (4) Die Römer priesen einander glücklich, daß es sich um das Gebrüll ihrer Landsleute handle, ja sogar Rettung gegenwärtig sei, und verbreiteten nun selbst von ihren Verschanzungen und Wachposten aus Schrecken unter dem Feind. (5) Der Konsul lehnte jede Verzögerung ab; jenes Geschrei bezeichne nicht nur das Anrücken der eigenen Leute, sondern auch den Beginn ihres Kampfes; und überhaupt wäre es verwunderlich, wenn der äußere Lagerring der Feinde nicht schon angegriffen werde. Somit befahl er seinen Leuten, die Waffen aufzunehmen und ihm nachzufolgen. (6) Nacht war es, als die Schlacht begann; den Legionen des Diktators gaben sie mit lautem Geschrei zu verstehen, daß auch in ihrem Abschnitt die Entscheidung bevorstehe. (7) Die Aequer versuchten gerade, ihre Umzingelung zu durchbrechen, als der eingekreiste Feind den Kampf aufnahm. Um es zu keinem Ausfall mitten durch ihr Lager kommen zu lassen, wandten sie sich von den Belagerern wieder nach innen, den Angreifern zu und ermöglichten während der noch verbleibenden Nacht die Arbeit am Wall. Und so kämpften sie, bis es Tag wurde, gegen den Konsul. (8) Bei Tagesanbruch waren sie vom Diktator schon völlig eingekesselt und kaum noch dem Kampf gegen ein Heer gewachsen. Hierauf brach das Heer des Quinctius, das von der fertiggestellten Schanze wieder unverzüglich zu den Waffen geschritten war, in ihren Wallring ein. Hier setzte ihnen ein neues Gefecht zu, und das andere hatte noch keineswegs nachgelassen. (9) Jetzt verlegten sie sich aber, als das Unheil von beiden Seiten zupackte, vom Kämpfen aufs Bitten und flehten hier den Diktator, dort den Konsul an, sie sollten Sieg nicht mit Mord verbinden, sondern ihnen erlauben, unbewaffnet von dort abzuziehen. Vom Konsul wurden sie zum Diktator geschickt; der tat ihnen in seiner Erbitterung große Schmach an: (10) er gebot, daß sie ihm den Feldherren Gracchus Cloelius mit anderen Fürsten gefesselt vorführen und die Stadt Corbio räumen sollten. An Aequerblut leide er keinen Mangel; sie könnten abziehen; damit aber zu guter Letzt das Eingeständnis der Unterwerfung und Bändigung ihres Volkes offen ausgedrückt werde, müßten sie unter dem Joch abziehen. (11) Das Joch bildete man aus drei Lanzen; zwei davon steckte man in die Erde, legte eine quer darüber und band sie fest. Unter dieses Joch schickte der Diktator die Aequer.

29 (1) Als er das mit Gütern aller Art reich versehene Lager der Feinde in Besitz genommen hatte - mit dem nackten Leben hatte er sie nämlich entlassen -, gab er die gesamte Beute lediglich seinen Soldaten; (2) das konsularische Heer, ja den Konsul selbst fuhr er hart an und sagte:"Ihr werdet, Soldaten, keinerlei Anteil am Gut jenes Feindes bekommen, dem ihr beinahe selbst zur Beute wurdet. Und du, L. Minucius, wirst diese Legionen als Unterfeldherr befehligen, bis du beginnst, die Gesinnung eines Konsuls zu zeigen!" (3) So legte Minucius sein Konsulat nieder und blieb beim Heer, wie ihm geheißen. Dermaßen willig aber fügte man sich damals dem fähigeren Befehlshaber, daß dieses Heer mehr im Bewußtsein der empfangenen Wohltat als einer Zurücksetzung dem Diktator einen goldenen Kranz von einem Pfund Gewicht zuerkannte und ihn bei seinem Aufbruch als Schirmherr titulierte. (4) In Rom verfügte der vom Stadtpräfekten Q. Fabius einberufene Senat, daß Quinctius bei seinem Triumphzug so, wie er marschierte, in die Stadt einziehen sollte. Vor dem Wagen führte man die Feldherren der Feinde, die Feldzeichen wurden vorangetragen, es folgte das beutebeladene Heer. (5) Festliche Mahlzeiten sollen vor jedermanns Haus bereitet gewesen sein, und die Speisenden folgten mit Triumphgesang und den gewohnten Possen in der Art fröhlicher Zecher dem Wagen. (6) An jenem Tag wurde unter einhelliger Zustimmung dem L. Mamilius aus Tusculum das Bürgerrecht verliehen. Der Diktator hätte unverzüglich sein Amt niedergelegt, wenn ihn nicht die Gerichtsversammlung wegen des falschen Zeugen M. Volscius aufgehalten hätte: der Respekt vor dem Diktator verbot den Tribunen, dieser im Wege zu stehen. Volscius wurde verurteilt und ging nach Lanuvium in die Verbannung. (7) Quinctius trat am sechzehnten Tag von der Diktatur zurück, die er für sechs Monate übernommen hatte.


Lateinischer Text:

27 (1) Postero die dictator cum ante lucem in forum venisset, magistrum equitum dicit L. Tarquinium, patriciae gentis, qui, cum stipendia pedibus propter paupertatem fecisset, bello tamen primus longe Romanae iuventutis habitus esset. (2) Cum magistro equitum in contionem venit, iustitium edicit, claudi tabernas tota urbe iubet, vetat quemquam privatae quicquam rei agere; (3) tum quicumque aetate militari essent armati cum cibariis in dies quinque coctis vallisque duodenis ante solis occasum in campo Martio adessent; (4) quibus aetas ad militandum gravior esset, vicino militi, dum is arma pararet vallumque peteret, cibaria coquere iussit. (5) Sic iuventus discurrit ad vallum petendum. Sumpsere unde cuique proximum fuit; prohibitus nemo est; impigreque omnes ad edictum dictatoris praesto fuere. (6) Inde composito agmine non itineri magis apti quam proelio si res ita tulisset, legiones ipse dictator, magister equitum suos equites ducit. In utroque agmine quas tempus ipsum poscebat adhortationes erant: (7) adderent gradum; maturato opus esse, ut nocte ad hostem pervenire posset; consulem exercitumque Romanum obsideri, tertium diem iam clausos esse; quid quaeque nox aut dies ferat incertum esse; puncto saepe temporis maximarum rerum momenta verti. (8) 'Adcelera, signifer' 'sequere, miles' inter se quoque, gratificantes ducibus, clamabant. Media nocte in Algidum perveniunt et ut sensere se iam prope hostes esse, signa constituunt.

28 (1) Ibi dictator quantum nocte prospici poterat equo circumvectus contemplatusque qui tractus castrorum quaeque forma esset, tribunis militum imperavit ut sarcinas in unum conici iubeant, militem cum armis valloque redire in ordines suos. Facta quae imperavit. (2) Tum quo fuerant ordine in via, exercitum omnem longo agmine circumdat hostium castris et ubi signum datum sit clamorem omnes tollere iubet; clamore sublato ante se quemque ducere fossam et iacere vallum. (3) Edito imperio, signum secutum est. Iussa miles exsequitur; clamor hostes circumsonat. Superat inde castra hostium et in castra consulis venit; alibi pavorem, alibi gaudium ingens facit. (4) Romani civilem esse clamorem atque auxihum adesse inter se gratulantes, ultro ex stationibus ac vigilus territant hostem. (5) Consul differendum negat; illo clamore non adventum modo significari sed rem ab suis coeptam, mirumque esse ni iam exteriore parte castra hostium oppugnentur. Itaque arma suos capere et se subsequi iubet. (6) Nocte initum proelium est; legionibus dictatoris clamore significant ab ea quoque parte rem in discrimine esse. (7) Iam se ad prohibenda circumdari opera Aequi parabant cum ab interiore hoste proelio coepto, ne per media sua castra fieret eruptio, a munientibus ad pugnantes introrsum versi vacuam noctem operi dedere, pugnatumque cum consule ad lucem est. (8) Luce prima iam circumvallati ab dictatore erant et vix adversus unum exercitum pugnam sustinebant. Tum a Quinctiano exercitu, qui confestim a perfecto opere ad arma rediit, invaditur vallum. Hic instabat nova pugna: illa nihil remiserat prior. (9) Tum ancipiti malo urgente, a proelio ad preces versi hinc dictatorem, hinc consulem orare, ne in occidione victoriam ponerent, ut inermes se indc abire sinerent. Ab consule ad dictatorem ire iussi; is ignominiam infensus addidit; (10) Gracchum Cloelium ducem principesque alios vinctos ad se adduci iubet, oppido Corbione decedi. Sanguinis se Aequorum non egere; licere abire, sed ut exprimatur tandem confessio subactam domitamque esse gentem, sub iugum abituros. (11) Tribus hastis iugum fit, humi fixis duabus superque eas transversa una deligata. Sub hoc iugum dictator Aequos misit.

29(1) Castris hostium receptis plenis omnium rerum- nudos enim emiserat - praedam omnem suo tantum militi dedit; (2) consularem exercitum ipsumque consulem increpans 'carebis' inquit 'praedae parte, miles, ex eo hoste cui prope praedae fuisti. Et tu, L. Minuci, donec consularem animum incipias habere, legatus his legionibus praeeris.' (3) Ita se Minucius abdicat consulatu iussusque ad exercitum manet. Sed adeo tum imperio meliori animus mansuete oboediens erat, ut beneficii magis quam ignominiae hic exercitus memor et coronam auream dictatori, libram pondo, decreverit et proficiscentem eum patronum salutaverit. (4) Romae a Q. Fabio praefecto urbis senatus habitus triumphantem Quinctium quo veniebat agmine urbem ingredi iussit. Ducti ante currum hostium duces; militaria signa praelata; secutus exercitus praeda onustus. (5) Epulae instructae dicuntur fuisse ante omnium domos, epulantesque cum carmine triumphali et sollemnibus iocis comisantium modo currum secuti sunt. (6) Eo die L. Mamilio Tusculano adprobantibus cunctis civitas data est. Confestim se dictator magistratu abdicasset ni comitia M. Volsci, falsi testis, tenuissent. Ea ne impedirent tribuni dictatoris obstitit metus; Volscius damnatus Lanuvium in exsilium abut. (7) Quinctius sexto decimo die dictatura in sex menses accepta se abdicavit.

26 ... (7) Operae pretium est audire qui omnia prae divitiis humana spernunt neque honori magno locum neque virtuti putant esse, nisi ubi effuse affluant opes. (8) Spes unica imperii populi Romani, L. Quinctius trans Tiberim, contra eum ipsum locum ubi nunc navalia sunt, quattuor iugerum colebat agrum, quae prata Quinctia vocantur. (9) Ibi ab legatis - seu fossam fodiens palae innixus, seu cum araret, operi certe, id quod constat, agresti intentus - salute data in vicem redditaque rogatus ut, quod bene verteret ipsi reique publicae, togatus mandata senatus audiret, admiratus rogitansque 'Satin salve?' togam propere e tugurio proferre uxorem Raciliam iubet. (10) Qua simul absterso pulvere ac sudore velatus processit, dictatorem eum legati gratulantes consalutant, in urbem vocant; qui terror sit in exercitu exponunt. (11) Navis Quinctio publice parata fuit, transvectumque tres obviam egressi filii excipiunt, inde alii propinqui atque amici, tum patrum maior pars. Ea frequentia stipatus antecedentibus lictoribus deductus est domum. (12) Et plebis concursus ingens fuit; sed ea nequaquam tam laeta Quinctium vidit, et imperium nimium et virum in ipso imperio vehementiorem rata. Et illa quidem nocte nihil praeterquam vigilatum est in urbe. 

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998