Volksführer als Demagogen.

Auszug aus Aristoteles, Der Staat der Athener (27 und 28).

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Aristoteles, Der Staat der Athener, übersetzt und herausgegeben von Petra Dams, Stuttgart 1992, S. 34 - 36. Griech. Text aus: Aristote, Constitution d'Athènes. Texte établi et traduit par Georges Mathieu, Paris 1962, S. 29 - 31.


 

Deutsche Übersetzung:  

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27. Darauf gelangte Perikles an die Spitze der Volkspartei; er hatte sich zunächst einen Namen gemacht, als er noch als junger Mann die Abrechnung Kimons nach seinem Strategenamt tadelte. Die Folge war eine weitere Demokratisierung der Verfassung; denn er beseitigte noch einige Funktionen der Areopagiten und lenkte das Staatsinteresse besonders auf die Seemacht, was zur Folge hatte, daß das Volk erstarkte und das ganze Staatswesen noch mehr an sich zog. (2) 48 Jahre nach der Seeschlacht bei Salamis brach unter dem Archontat des Pythodoros der Krieg gegen die Peloponnesier aus, in dessen Verlauf das Volk, in die Stadt eingeschlossen und gewohnt, auf den Feldzögen Sold zu erhalten, es teils freiwillig, teils unfreiwillig vorzug, das Staatswesen selbst zu verwalten. (3) Perikles ließ auch als erster die Gerichte besolden, da er mit dem reichen Kimon um die Volksgunst zu streiten hatte. Denn Kimon führte, da er über ein königliches Vermögen verfügte, Leiturgien voller Glanz durch, sorgte auch für den Unterhalt vieler Gemeindemitglieder. Von den Lakiaden konnte jeder, der wollte, jeden Tag zu ihm kommen und seinen Anteil erhalten. Außerdem waren seine Ländereien alle nicht eingezäunt, so daß jeder, der wollte, von seinem Erntegut nehmen konnte. (4) Bei solcher Freigebigkeit konnte Perikles mit seinem Vermögen nicht mithalten; als nun Damonides aus Oie (der in vielem Ratgeber des Perikles zu sein schien, weshalb man ihn auch später verbannte) ihm, der mit seinem Privatvermogen zu unterliegen drohte, den Rat ab, dem Volk doch sein eigenes Vermögen zu schenken, richtete er die Besoldung für die Gerichte ein. Deshalb, klagen manche, seien sie schlechter geworden, da nun die Richter immer mehr nach Zufall als nach Eignnung erlost wurden. (5) Danach begannen auch die Bestechungen, wie es Anytos als erster nach dem Feldzug in Pylos demonstrierte. Als er nämlich von einigen wegen des Verlustes von Pylos belangt wurde, bestach er das Gericht und erhielt Freispruch.

28. Solange Perikles Vorsitzender der Volkspartei war, stand es ganz gut um den Staat; nach Perikles' Tod jedch ging es viel schlechter. Denn damals wählte das Volk erstmals einen Vorsitzenden, der bei den Angesehenen in keinem guten Ruf stand. In den früheren Zeiten hatten die Tüchtigen immer ihre Führungsrolle behaupten konnen (2) Ganz im Anfang wurde erster Vorsitztender der Volkspartei Solon, der nächste war Peisistratos; beide gehörten zu den Edelbürtigen und Angesehenen. Nach Auflösung der Tyrrannis war es Kleisthenes aus dem Geschlecht der Alkmeoniden, und dieser hatte keine Widersacher, nachdem die Leute um Isagoras verbannt waren. Danach stand an der Spitze der Volkspartei Xanthippos, bei der Adelspartei Miltiades, dann Themistokles und Aristides. Nach diesen führte Ephialtes die Volkspartei, Kimon aber, der Sohn des Miltiades die der Reichen. Dann stand Perikles der Volkspartei, Thukydides, ein Verwandter des Kimon, der anderen Partei vor. (3) Nach Perikles Tod führte die Vornehmen Nikias, der in Sizilien sein Ende fand, das Volk aber Kleon, der Sohn des Kleainetos, der dasVolk durch seine leidenschaftlichen Ausbruche am meisten dazu beigetragen zu haben scheint, das Volk zu verderben; als erster schrie und schimpfte er auf der Rednertribüne und hielt, vulgär gegürtet,Volksreden, während die anderen mit Anstand sprachen. Nach diesen führte dann die einen Theramenes, der Sohn des Hagnon, das Volk aber Kleophon der Leierverfertiger, der auch als erster die Zahlung der beiden Obolen an Theaterbesucher veranlaßte. Eine Zeitlang fand die Verteilung so statt, dann hob Kallikrates aus Paiania diese Regelung auf und versprach als erster, zu den beiden Obolen noch einen hinzuzufügen. Beide wurden später zum Tode verurteilt. Das Volk pflegt nämlich, auch wenn es sich zunächst täuschen läßt, später die zu hassen, die es zu einer unschönen Handlungsweise verführen. (4) Von Kleophon an übernahmen die Volksführung ununterbrochen nur noch die, die sich am unverschämtesten aufführten und dem Volk am meisten nach dem Munde reden wollten, dabei aber nur auf den augenblicklichen Effekt achteten. (5) Die besten Politiker in Athen nach den alten scheinen Nikias, Thukydides und Theramenes gewesen zu sein; und zwar besteht hinsichtlich Nikias und Thukydides nahezu allerseits Übereinstimmung, daß sie nicht nur anständige und tüchtige Männer waren, sondern auch Politiker, die sich mit väterlicher Sorgfalt dem ganzen Staat widmeten. Über Theramenes ist das Urteil zwiespältig, weil zufällig unter ihm innere Wirren herrschten. Er scheint aber, wenn man nicht oberflächlich urteilen will, nicht jede verfassungsmäßige Ordnung aufgelöst, wie seine Verleumder behaupten, sondern gerade gestärkt zu haben, bis nichts Gesetzwidriges mehr geschah; er, der sich in jeder Ordnung politisch betätigen konnte - das ist ja Pflicht eines guten Bürgers -, ließ aber keine ungesetzlichen Ordnungen zu, sondern bekämpfte sie. ...


Griechischer Text:
 
 
 


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998