Loyalität und Selbstbeherrschung des Hofbeamten.

Ammianus Marcellinus, Res gestae, 16. Buch, Kap. 8, Abschnitt 7, 7.

Deutscher und lateinischer Text nach: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch und mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, 1. Teil (Buch 14 - 17). Berlin 1986 3 , S.166 - 169.


 

Deutsche Übersetzung:  

... Bei dieser Gelegenheit lassen sich passenderweise einige Worte über diesen Eutherius einfügen, wenn sie auch vielleicht nicht recht glaubwürdig klingen mögen. Denn selbst wenn Numa Pompilius oder Sokrates etwas Gutes über einen Eunuchen sagen und ihre Behauptung eidlich bekräftigen würden, so könnte man sie leicht der Lüge bezichtigen. Aber an Dornensträuchern wachsen Rosen, und unter wilden Tieren werden einige zahm, und so will ich die Vorzüge dieses Mannes in Kürze darlegen, soweit ich sie erfahren konnte. In Armenien von freien Eltern geboren, wurde er von benachbarten Feinden gefangengenommen und noch als kleines Kind, bereits entmannt, an römische Kaufleute verkauft. So kam er an den Hof Constantins. Hier wuchs er heran und legte Beweise für seine Rechtschaffenheit und Geschicklichkeit ab. In den Wissenschaften wurde er, soweit dies in seiner Lage genügen konnte, unterrichtet und zeichnete sich durch besonders großen Scharfsinn aus, wenn es darum ging, dunkle und heikle Angelegenheiten zu durchdenken und ausfindig zu machen. Sein Gedächtnis war unglaublich, er selbst war bestrebt, Gutes zu tun, und besaß ein gesundes Urteil. Wenn der Kaiser Constans ihn, der schon erwachsen und ein reifer Mann war, gehört hätte, wie er ehrenhafte und richtige Ratschläge gab, so hätte er sich keiner Vergehen schuldig gemacht oder wenigstens nur solcher, die man hätte verzeihen können. Dieser Kammerherr wies auch zuweilen den Julian zurecht; denn dieser war in asiatischen Gewohnheiten aufgewachsen und daher etwas leichtsinnig. Bald nachdem er sich in den Ruhestand zurückgezogen hatte, wurde er wieder an den Hof gerufen. Er war stets ein nüchterner und vor allem beharrlicher Mann. So sehr wahrte er die beiden Tugenden der Treue und der Selbstbeherrschung, daß er sich niemals dazu hinreißen ließ, ein Geheimnis zu verraten, außer um eines Fremden Leben zu schützen; auch lag es ihm fern, nach höherem Gewinn zu trachten, wie es die übrigen Höflinge tun.

Als er nach Rom zog und dort seinen ständigen Wohnsitz nahm, um hier seinen Lebensabend zu verbringen, konnte er daher als Begleitung sein gutes Gewissen mit sich führen, und alle Stände verehrten und liebten ihn, obwohl solche Menschen meist, wenn ihnen ihre Unredlichkeit Reichtum eingebracht hat, geheime Schlupfwinkel aufsuchen, um lichtscheu dem Anblick der von ihnen geschädigten Menge zu entgehen. ...


Lateinischer Text:  

Res monuit super hoc eodem Eutherio pauca subserere forsitan non credenda ea re, quod, si Numa Pompilius uel Socrates bona quaedam dicerent de spadone dictisque religionum adderent fidem, a ueritate desciuisse arguebantur. sed inter uepres rosae nascuntur et inter feras nonnullae mitescunt, itaque carptim eius praecipua, quae sunt comperta, monstrabo. natus in Armenia sanguine libero captusque a finitimis hostibus etiamtum paruulus abstractis geminis Romanis mereatoribus uenundatus ad palatium Constantini deducitur; ubi paulatim adolescens rationem recte uiuendi sollertiamque ostendebat litteris, quantum tali fortunae satis esse poterat, eruditus, cogitandi inueniendique dubia et scrupulosa acumine nimio praestans, immensum quantum memoria uigens, bene faciendi auidus plenusque iusti consilii, quem si Constans imperator olim ex adulto.. . iamque maturum audiret / honesta suadentem et recta, nulla uel uenia certe digna peccasset. is praepositus cubiculi etiam lulianum aliquotiens corrigebat Asiaticis coalitum moribus ideoque leuem. denique digressus ad otiurn ascitusque postea in palatium semper sobrius et in primis consistens ita fidem continentiamque uirtutes coluit amplas, ut nec prodidisse aliquando arcanum nisi tuendae causa alienae salutis nec exarsisse cupidine plus habendi arcesseretur ut ceteri.

Vndc factum est, ut subinde Romam sccedens ibique fixo domicilio consenescens comitem circumferens conscientiam bonam colatur a cunctis ordinibus et ametur, cum soleant id genus homines post partas ex iniquitate diuitias latebras captare secretas ut Iucifugae uitantes multitudinis laesae conspectus.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski 


LV Gizewski SS 1998