Zu den Bildmotiven in der Übung zu Kap. 3.

 Identifikation der Bildmotive:

1) Monarch.GIF

Francois Pascal-Simon Gerard, Kaiser Napoleon I. im Krönungsornat, enstanden zwischen 1805 und 1810. Stockholm, Sammlungen S. M. des Königs von Schweden. Abb. entnommen aus: Marianne und Germania 1789 - 1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten - Eine Revue. Katalog zur Ausstellung der Berliner FestspieleGmbH im Martin-Gropius-Bau, Sept. 1996 - Jan. 1997, hg. von Marie Louise von Plessen, Berlin 1996, S. 195.

2) Clericus.GIF

Motiv: Jean-Baptiste Chautard (1858 - 1935), Abt von Sept-Fons (Frankreich), Trapist, Autor des Buches 'Die Seele des Apostolats', zeitweilig politischer Gegenspieler des sozialistischen Politikers Georges Clemenceau. Herkunft des Photos nicht bekannt.

3) Doctus.GIF

Berthel Thorvaldsen, Mormorbüste Wilhelms von Humboldt (1767 - 1835, aus dem Jahre 1808, National-Gelerie Berlin. Phota entommmen aus: Paul Ortwin Rave, Das geistige Deutschland im Bildnis. Das Jahrhundert Goethes, Berlin 1949, S. 218.

4) Rhetor.GIF

Motiv: Lenin spricht vor dem Großen Theater in Moskau, Photo aufgenommen am 5. 5. 1920, Herkunft mir unbekannt. C. G.

5) Stratege.GIF

Emanuel Gottlieb Leutze, Washington Crossing the Delaware, 1851. New York, The Metropolitan Museum of Art. Entnommen aus: Mythen der Nationen. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (März - Juni 1998), 2 Bde., Bd. 1: Ein europäisches Panorama. Hg. von Monika Flacke, 1998.

6) Gruender.GIF

Alexej Gawrilowitsch Wernezianow, Peter der Große. Die Gründung St. Petersburgs, 1838. Abb. entnommen aus: Mythen der Nationen. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (März - Juni 1998), 2 Bde., Bd. 1: Ein europäisches Panorama. Hg. von Monika Flacke, 1998, S. 417.

 

Zeitgenössische Bedeutung und Antikenbezug der Bildmotive.

Zu 1) Die Darstellung Napoleons greift bewußt direkt auf Elemente der römischen Kaiserbildnisse in christlicher Zeit zurück, wie sie u. a. in Mosaiken, auf Münzen und in Beschreibungen des Hofzeremoniells erkennbar werden, und verbindet sie mit solchen monarchischer Selbstdarstellung aus vorrevolutinär-französischer Zeit. Zu den direkt aufgegriffenen römischen Elementen gehören etwa:

Die Bildaussage läßt sich ungefähr so zusammenzufassen: 'Napoleon greift - gegenüber anderen Monarchien Eurtopas wirklich legitimiert - auf die monarchische Form des römischen Kaisertums in christlicher Zeit zurück, das ein ökumenisches, strikt dem Gemeinwohl und dem Christentum verpflichtetes, militärisch und politisch souverän handlungsfähiges Kaisertum ist.'

 

Zu 2) Die Darstellung des politisch aktiven Abtes eines Trapisten-Klosters im Frankreich in der ersten Hälfte des 20. Jhts. hebt deutlich die mönchischen Elemente seiner Erscheinung hervor, die sämtlich schon in der Spätantike nachweisbar sind. Dazu gehören:

Die Bildaussage könnte ungefähr lauten:'So eingeschlossen die klösterlich-mönchische Spiritualität wirkt, so bedeutungsvoll ist sie für die Welt und das Heil der Menschen. Auch die Politik unterliegt ihren Mahnungen und Hinweisen

 

Zu 3) Die in 'klassizistischem' - d. h. hier: die Tradition der griechischen und römischen Bildhauererei aufgreifendem - Stil gefertigte Büste Wilhelm von Humboldts stellt diesen dar, wie in der Antike Heroen, Athleten oder Philosophen im plastischen Bildnis zu erscheinen pflegen; d. h. es wir durch das Fortlassen der Kleidung auf die Reinheit und Wesentlichkeit der in einer Person inkorporierten 'Idee', hier eines wissenschaftlichen Genius, hingewiesen.

Die Bildaussage läß sich ungefähr so verstehen: 'Der Dargestellte ist ein bedeutender Geist, der sich der Tradition seit der Antike verpflichtet fühlt und seine Lebensaufgabe in einer äußerlich prätentionslosen Wissenschaftlichkeit sieht.

 

Zu 4) Die photographische Darstellung Lenins ist als Motiv bis in die Gegenwart hinein immer wieder aufgegriffen und verbreitet worden, weil sich in ihr gewissermaßen 'das Wesen des revolutionären kommunistischen Agitators' verdichtet wiederfindet. Die traditionsgeschichtliche Bedeutung des Bildes ist folglich weniger von eventuellen Zufällen bei seiner Aufnahme abhängig als von der Resonanz, die es später gefunden hat. Der hier vorliegende Ausschnitt läßt bestimmte Elemente der Originalaufnahme fort - insbesondere den ursprünglich rechts unten am Pult lehnenden Trotzki, der in der Epoche des Stalinismus im sowjetischen Bereich von den Bildreproduktionen wegretuschiert wurde - und lenkt die Aufmerksamkeit vor allem auf die 'Rednertribüne' und das dahinterstehende öffentliche Bauwerk.

In seiner Funktion als politischer Agitator wird Lenin wie ein antiker demokratischer Rhetor Athens oder als römischer Volkstribun dargestellt, der auf der Agora bzw. dem Forum unter Betonung seiner Volksnähe und unter Mißachtung von Anstandskonventionen Reden hält, die sich gegen eine etablierte Oberschicht wenden. Quellentextbeispiele für ein antikes Verhalten dieser Art finden sich etwa bei Aristoteles (Demagog.htm) und bei Plutarch (CGracchus.htm).

Zu den aus der Antike stammenden formalen Elementen des politischen Agitatorentums gehören etwa:

Das Bild besagt ungefähr: 'Der Dargestellte ist ein leidenschaftlicher und mitreißender Politiker von natürlicher Autorität, der dem von ihm unmittelbar angesprochenen Volke nicht nur richtige, sondern auch bewegende und folgenreiche Dinge mitzuteilen hat.'

 

Zu 5) Die Darstellung von Fluß- und Meeresüberquerungen wird seit der Antike in Literatur und bildender Kunst als ein dramatisch wesentlicher Augenblick ausgewählt, um den Beginn eines wichtigen Ereignisses oder einer neuen Epoche in symbolisch verdichteter Form zu präsentieren. In der Militärgeschichte ist die Überquerung von großen Wasserhindernissen darüber hinaus stets auch ein Zeichen für Wagemut, Offensivgeist und militärisch-taktische Überlegenheit. Im Bild dargestellt ist der Übergang des im Zuge der Unabhängigkeitserklärung der nordamerikanischen Kolonien zum Oberbefehlshaber der amerikanischen Milizen ernannten George Washington über den Delaware River im Dezember 1776, der die Voraussetzung für die erfolgreichen Gefechte bei Trenton und Princeton war, mit denen der siebenjährige Unabhängigkeitskrieg und damit die Sicherung der staatlichen Unabhängigkeit der USA begann. Das Ereignis wurde in den USA - wie Washington selbst - bald legendär und zum populären Element des pariotischen Bildes von Gründungsgeschichte des Staates. Dies Bewußtsein kommt im Bilde etwa in der zentralen und vom Himmel erhellten Figur Washingtons zum Ausdruck.

Bekannte Beispiele für militärisch-politisch folgenreiche Meeres- und Flußübergänge aus der antiken Literatur und Bildkunst sind u. v. a. etwa: Xerxes Übergang nach Europa i. J. 480 (Herodot, hist. 7) und Alexanders Übergang nach Asien i. J. 334 (Arrian, anab. 1; Plutarch, Alexander), beider über den Hellespont, des Scipio Africanus Übergang nach Africa im 2. punischen Krieg, i. J. 204 (Livius, a. u. c. 29), Caesars Überquerungen des Rheins, des Ärmelkanals und insbesondere des Rubico i. d. J. zwischen 55 - 49 v. Chr. (Caesar b. gall.4 und 5 ; Plutarch, Caesar - Caesar.htm), Trajans Überquerungen der Donau i. d. J. zwischen 101 und 106 n. Chr. (Trajanssäule/Rom).

 

Zu 6) Die Gründung St. Petersburgs durch Peter den Großen ist eine bedeutsame Maßnahme der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen West-Öffnung des damaligen Rußland. Sie erfolgt auf kaiserlichen Befehl, unter energischem - und auch schonungslosem - Einsatz verfügbarer Arbeitskräfte und nach einem Plan, für den alle Voraussetzungen - von der Trockenlegung des Gebietes über die Fundamentierung und bis zur baulichen Realisierung erst geschaffen werden müssen. In gewisser Weise markiert sie den Eintritt Rußlands in die neuere europäische Staatengeschichte.

Die Darstellung Peters des Großen als Städtegründers folgt jedoch einem alten Muster. Die Gründung von Städten durch Gründerfiguren ist ein in der antiken Mythologie oder legendären Geschichte vielfach belegbares und die kulturelle Entwicklung immer wieder symbolisch markierendes Motiv (z. B. Gründung Athens durch Theseus, Roms durch Romulus). Die im vorderorientalisch-mittelmeerischen Kulturraum der Antike vielfältig vorhandenen Städte gehen zu einem großen Teil auf historisch zurückverfolgbare Gründungsakte zurück, wie sie bei der phönizischen oder der griechischen Kolonisation in der ersten Hälfte des 1. Jt. v. Chr. üblich sind. Späterhin erfolgen im Alexanderreich und in seinen hellenistischen Nachfolgereichen Städtegründungen in großem Umfang, wobei die sie ins Werk setzenden Herrscher den Orten ihre oder ihrer dynastischen Verwandtschaft Namen zu geben pflegen (z. B. Alexandria, Antiochia, Seleukia, Thessalonike). Von Rom aus werden zahlreiche römische Kolonien gegründet, in der Kaiserzeit von den Kaisern, die oft auch als Neugründer bestehender, aber verfallener oder zerstörter Städte auftreten. Die griechische Bezeichnung für einen Städtegründer ist 'ktistes', die römische 'conditor' oder - bei Reorganisation und Wiederaufbau - 'reformator'. Diese ehrenden Bezeichnungen der Kaiser tauchen öfters in der Münzprägung auf.


 

LV Gizewski SS 1998

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)