Kritik an der Demokratie und an anderen Staatsformen.

Platon, Politeia 8, 14 - 16 (561 c - 566 d).

Deutsche Übersetzung nach: Platon, Der Staat (Politeia), eingeleitet, übersetzt und erklärt von Karl Vretska, Stuttgart 1958, S. 371 - 379. Griech. Text aus: Platonis Rei publicae libri decem, ex recognitione Karl Friedrich Hermann, Leipzig 1928, S. 253 - 259.


 

Deutsche Übersetzung:

... Aber unbequeme Wahrheiten nimmt er nicht entgegen. Er läßt sie einfach nicht ein sein bewachtes Areal. Wenn man ihm sagte: das da sind Freuden, die aus schönen und guten Strebungen hervorgehen, und das da sind völlig nichtsnutzige, diese sollte man hegen und ehren, jene besser im Zaume halten und ihnen entgegentreten, da würde er immer wieder gleich abwinken und dabei bleiben: sie alle seien von gleicher Art und von gleichem Wert.

Ja, so ist er, und so handelt er!

So lebt er nun in den Tag hinein und überläßt sich den Wünschen, der ihn befallen, bald trunken, von Flöten bezaubert, bald nüchtern bei Wasser und mager geworden, bald übt er Gymnastik, bald lungert er träge und sorgt sich um nichts, bald will er - so scheint es - gar philosophieren! Oft treibt er Politik, springt auf, hält Reden, oder tutvirgendetwas - wie es ihm gefällt! Er stürzt sich in den Kampf, wenn irgendwelche Krieger , und ins Geschäft, wenn irgendwelche Händler seinen Ehrgeiz wecken. Kein ordnender Zwang waltet über sein Leben, doch süß nennt er und frei es und selig - und genießt es zur Neige.

Lückenlos hast du den Mann des gleichen Rechts in seinem Leben gezeichnet!

Mannigfaltig und verschiedenster Lebensarten voll, schön auch und bunt wie jener Staat - so ist auch - glaube ich - dieser Mann, den viele - Männer und Frauen - ob seines Lebens bewundern, da er für Staaten und Sitten die meisten Musterbilder in sich trägt.

Gewiß, so ist es!

Und nun? Sollen wir diesen Mann als für die Demokratie repräsentativ verstehen und ihn damit richtig als den demokratischen bezeichnen?

Das wollen wir!

14. Nun bleiben uns nur noch die allerherrlichste Staatsform und der bewundernswerteste Mann zur Erörterung übrig, nämlich die Tyrannis und der Tyrann."

Allerdings! antwortete Adeimantos.

Was nun, mein lieber Freund, erweist sich uns als das Wesen der Tyrannis? Denn ihre Entstehung aus der Demokratie ist wohl klar?

Ja

Sie entsteht doch in derselben Weise aus der Demokratie wie diese aus der Oligarchie?

Und wie

Das höchste Gut, das sich die Oligarchie vor Augen stellte, und worauf sie sich gründete, war doch der Reichtum?

Ja!

Die Unersättlichkeit darin und die Vernachlässigung aller anderen Aufgaben nur infolge des Gelderwerbes richteten sie zugrunde.

Richtig

Auch die Demokratie geht an dem unersattlichen Stre ben nach ihrem hochsten Gut zugrunde

Welches Gut meinst du?

Die Freiheit! Diese - so kannst du in einem demokratischen Staat hören - ist ihr allerschönster Besitz, und deshalb kann ein Freigeborener allein in ihr leben.

Solcherlei hört man immer wieder.

Und nun ändert- so wollte ich eben fragen-die Unersättlichkeit nach diesem Gut und die Vernachlässigung aller anderen Aufgaben diese Verfassung und schafft das Verlangen nach einer Tyrannis, nicht?

Wieso?

Wenn ein demokratischer Staat in seinem Freiheitsdurst schlechte Mundschenken als Berater hat und sich an der ungemischten Freiheit über das Maß hinaus berauscht, dann bestraft er seine Beamten wenn sie nicht ganz nachgiebig sind und ihm alle Freiheit gewähren und beschuldigt sie verbrecherischer und oligarchischer Gesinnung.

So gehen sie vor.

Wer den Behörden gehorcht, den beschimpft man als Liebediener und Lumpen. Beamte aber, die sich wie Untertanen, und Untertanen, die sich wie Beamte aufführen, die lobt und ehrt man privat und öffentlich. In einem solchen Staat muß der Freiheitsdrang alles erfassen, nicht?

Wie auch nicht!

Und sogar bis in die einzelnen Häuser eindringen, mein Freund, bis schließlich sich die Anarchie auch bei den Tieren einwurzelt.

Wie stellen wir uns das vor?

Der Vater gewöhnt sich, dem Kinde zu gleichen und die Söhne zu fürchten, der Sohn will dem Vater gleichen, achtet und fürchtet nicht die Eltern, um nur frei zu sein; der Metöke stellt sich dem Bürger gleich und der Bürger dem Metöken und der Fremde ebenso.

So geschieht es!

,Solches und noch manche Kleinigkeiten dieser Art ereignen sich da. Der Lehrer fürchtet in dieser Lage die Schüler und schmeichelt ihnen, die Schüler machen sich nichts aus den Lehrern, nichts aus den Erziehern. Und überhaupt stellen sich die Jungen den Alten gleich und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, die Alten lassen sich zu den Jungen herab und sind voll Freundlichkeit und Gefälligkeit gegen sie und ahmen sie nach, um nur ja nicht unliebenswürdig und herrisch zu erscheinen.

Gewiß!

Das Höchste aber, mein Freund, was die Fülle der Freiheit in einem solchen Staat gewährt, ist es, wenn die gekauften Sklaven und Sklavinnen ebenso frei sind wie die Käufer. Wie weit aber die Gleichberechtigung der Freiheit zwischen Mann und Frau geht, das hätte ich zu erwähnen fast vergessen.

Wollen wir nicht - mit Aischylos - aussprechen, was uns eben auf die Zunge kam?

Gewiß! Und entsprechend sage ich noch dies: wieviel freier hier als anderswo das Leben der Tiere ist, die von den Menschen gehalten werden, das würde niemand glauben, der es nicht gesehen hat. Bei den Hunden ist es so, wie es im Sprichwort heißt: wie die Herrin, so die Hündin, und die Pferde und Esel gewöhnen sich gar frei und stolz einherzuschreiten und stoßen auf der Straße jeden Begegnenden, der ihnen nicht ausweicht. Kurz, alles ist voll der Freiheit.

Du erzählst nur, wovon ich sogar schon träume! Denn wenn ich aufs Land gehe, erlebe ich das!

Aber die Hauptsache von alldem insgesamt: du erkennst, wie empfindsam das alles die Seele der Bürger macht, so daß sie über jede geringste Unterordnung unwillig wird und sie nicht aushält. Denn zuletzt kümmern sie sich nicht einmal um die Gesetze, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, um nur ja nirgends einen Herrn über sich zu haben."

Das kenne ich nur zu gut!

15. Dies also, mein Freund, fuhr ich fort, ist der prächtige und jugendfrohe Anfang, aus dem die Tyrannis geboren wird, wie ich glaube.

Jugendfroh gewiß! Wie aber geht es weiter?

Dieselbe Krankheit, die die Oligarchie befiel und vernichtete, entsteht auch hier, nur heftiger und stärker infolge der unbehinderten Freiheit, und unterjocht die Demokratie. Es schlägt ja tatsächlich in der Regel jede Übertreibung in das Gegenteil um, in den Jahreszeiten, bei den Pflanzen und Körpern und nicht zum wenigsten bei den Verfassungen.

Es scheint so!

Denn ein Übermaß von Freiheit schlägt beim einzelnen wie beim Staat in ein Übermaß von Knechtschaft um.

Mit Recht!

Und mit Recht entsteht somit, denke ich, die Tyrannis aus keiner anderen Verfassung als aus der Demokratie, aus der höchsten Freiheit die tiefste und härteste Knechtschaft.

Der Schluß ist richtig!

Doch fragtest du, glaube ich, nicht danach, sondern nach der Krankheit, die völlig gleich in Oligarchie und Demokratie entsteht und beide zugrunde richtet.

Du hast recht!

Ich meinte jene Art der faulen Verschwender, unter denen die Tapfersten führen, die Feigen nachfolgen; sie verglichen wir mit den Drohnen, von denen die einen Stacheln haben, die andern nicht.

Und mit Recht!

Diese beiden Arten schaffen in jedem Staat, in dem sie entstehen, Verwirrung, wie es im Körper Schleim und Galle tun. Vor ihnen muß sich der gute Arzt wie Gesetzgeber des Staates nicht weniger wie der kluge Bienenvater schon von weitem hüten, um sie sich überhaupt nicht einnisten zu lassen. Wenn sie sich aber eingenistet haben, muß er sie möglichst rasch mitsamt den Waben ausschneiden.

Bei Zeus, ganz und völlig!

Wir wollen folgendes annehmen, um unser Ziel möglidist klar zu sehen.

Was?

Wir wollen den demokratisdien Staat in Gedanken in drei Teile zerlegen, die er ja auch tatsächlich hat. Den einen bildet das erwähnte Geschlecht der Drohnen, das infolge der Ungebundenheit hier nicht weniger gedeiht als in der Ohgarchie.'

So ist es.

Sondern viel üppiger als dort.

Wieso?'

Weil es dort unbeachtet und von den Ämtern ausgeschlossen ist, bleibt es ohne Übung und daher schwach, in der Demokratie hingegen steht dieser Teil ganz vorne - mit wenigen guten Ausnahmen: die Kecksten wirken dort in Rede und Tat, der Rest sitzt um die Rednerbühne und läßt infolge seines Gebrumms keine andere Meinung aufkommen; daher liegt die Leitung eines demokratischen Staates fast ausnahmslos in den Händen solcher Menschen.'

Gewiß!

Eine zweite Gruppe folgender Art sondert sich vom Volk weiter ab."

Welche?

Wenn alle auf Gelderwerb aus sind, werden die von Natur aus Durchsetzungsfähigsten zumeist auch die reichsten sein, nicht?

Wahrscheinlich.

Hier gibt es für die Drohnen den meisten Honig, zugleich am leichtesten zu gewinnen.

Wie sollten sie ihn auch von den Armen herauspressen?

Daher nennt man diese Reichen eine Drohnenweide.

Ja, so etwa!

16. Der dritte Teil ist das Volk selbst, alle die, welche von ihrer Hände Arbeit leben und sich sonst um nichts anderes kümmern; es sind arme Leute, aber sie sind der größte und entscheidendste Teil in der Demokratie, wenn sie vollzählig versammelt sind.

So ist es! Doch will das Volk dies nicht zu häufig tun, wenn es nicht auch Anteil am Honig erhält.

Den erhält es auch immer, sagte ich, soweit die Politiker den Besitzenden ihre Habe wegnehmen; davon verteilen sie ein wenig unters Volk, das meiste behalten sie selbst.

Soviel Anteil erhält es also.

Die Leute, denen man ihr Vermögen nimmt, sind gezwungen, sich zu wehren, durch Reden vor dem Volk wie auch durch Handlungen - wie sie nur können.

Natürlich!

Auch wenn sie keinen Umsturz planen, beschuldigen die andern sie der Feindschaft gegen die Demokratie und oligarchischer Gesinnung.

Sicher!

Und wenn sie schließlich sehen, wie sich das Volk - nicht etwa absichtlich, sondern ahnungslos und von jenen Verleumdern hintergangen - an ihnen vergehen will, dann erst werden sie, ob sie wollen oder nidit, in Wahrheit Oligarchen: nicht aus eigenem Willen. Vielmehr ist es jene Drohne, die durdi ihre Stachelstiche dieses Unglück erzeugt.

Ganz klar!

Anklagen, Urteile, Prozesse gegeneinander sind die Folge.

Natürlich.

Nun pflegt doch immer das Volk gerade einen Mann vor allen andern an seine Spitze zu stellen und diesen aufzupäppeln und großzuziehen.

Das pflegt es.

Und jetzt ist dies klar: wenn ein Tyrann entsteht, dann wächst er aus dieser Wurzel des Demagogentums und aus keiner andern.

Ganz klar!


Wie beginnt nun dieser Übergang vom Demagogen zum Tyrannen? Doch offenbar dann, wenn der Demagoge ebenso zu handeln beginnt, wie jener Mann in der Geschichte, die man vom Tempel des Zeus Lykaios in Arkadien erzählt.

Welcher Geschichte?

Folgende: wer vom Eingeweide des Menschen gekostet hat, und wenn nur ein Stück unter das Fleisch anderer Tiere hineingeschnitten ist, der muß notwendigerweise ein Wolf werden. Oder hörtest du die Geschichte nicht?

Doch!

Und ebenso ergeht es dem Demagogen: wer an der Spitze des Volkes steht, mit seinem Haufen, der ihm treu ergeben ist bis in den Tod - wenn dieser Mann sich nicht freihält von stammverwandtem Blut, sondern den Gegner wider Recht - wie es oft vorkommt - vor Gericht schleift und sich dann mit Blut befleckt, weil er ein Menschenleben vernichtet und mit ruchloser Lippe und Zunge vom verwandten Blut kostet, und wenn er verbannt und tötet und von Schuldentilgung und Ackerverteilung spricht, dann ist es diesem Mann verhängt und schicksalsbestimmt, entweder unterzugehen unter den Händen der Gegner oder ein Tyrann zu werden, aus einem Menschen also ein Wolf.

Das ist unausweichlich.

Dieser Mann hetzt nun gegen die Besitzenden.

Ja!

Wenn er nun verbannt wird und seinen Gegnern zum Trotz zurüdtkehrt, dann kommt er doch als vollendeter Tyrann wieder?

Klar!

Wenn sie ihn nicht aus dem Staat verjagen oder durch Verleumdung beim Volk beseitigen können, dann sinnen sie darauf, ihn gewaltsam, aber heimlich zu ermorden.

So geschieht es gewöhnlich.

Den vielbekannten Wunsch aller Tyrannen finden sie doch alle, die einmal so weit gekommen sind: das Volk um Wächter zu bitten für ihren Leib, damit heil bleibe des Volkes Retter!

Gewiß!

Und die Bürger geben sie ihm, weil sie für sein Leben fürchten, für sich aber froher Hoffnung sind.

Sicher!

Und wenn dies ein reicher Mann sieht, der eben wegen seines Geldes den Verdacht erregt, ein Volksfeind zu sein, dann wird er, mein Freund, gemäß dem Orakel das Kroisos erhielt,

'hin zum sandigen Hermos
Fliehn' nicht harret er aus noch schämt er sich, feige zu heißen'

Ein zweitesmal hätte er keine Möglichkeit mehr, sich zu schämen!

Wird er aber ergriffen, so verfällt er dem Tode.

Zwangsläufig.

Und jener Demagoge liegt nun nicht etwa zu Boden,

'weithin gestreckt mit mächtigem Leib',

sondern steht auf dem Wagenkorb des Staates, von dem er viele herabgeschleudert hat - eben noch Demagoge, und jetzt ein vollendeter Tyrann!"

Wie sollte er nicht?


Griechischer Text:

 

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998