Abwägende Nachsicht gegen ein Unrecht des Gemeinwesens.

Platon, Phaidon 114 d - 118 (Tod des Sokrates).

Text der deutschen Übersetzung aus: Platon, Hauptwerke. Ausagewählt und eingeleitet von Wilhelm Nestle, Stuttgart, 1973, S. 106 - 111. Griechischer Text aus: Platonis Opera, recognovit Johannes Burkert, Bd. 1 (Tetralogien I und II), Oxford 1961, Phaidon. 114 d - 118.


  

Deutsche Übersetzung:

... "Also seiner Seele wegen muß ein Mann gutes Mutes sein , der im Leben die andern Lüste, die es mit dem Leibe zu tun haben, und dessen Schmuck und Pflege hat fahren lassen, als etwas ihm selbst Fremdartiges, überzeugt, er werde sonst das Übel nur noch ärger machen, einer vielmehr, der der Lust am Lernen sich hingegeben und seine Seele geschmückt hat nicht mit fremdem, sondern mit dem ihr eigentümlichen Schmuck: Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Edelmut und Wahrheit. Der kann dann ruhig seine Fahrt nach der Unterwelt erwarten, um sie anzutreten, sobald das Schicksal ruft.

Ihr nun", setzte er hinzu, "Simmias und Kebes und ihr übrigen, werdet ein andermal jeder zu seiner Zeit abgehen; mich aber ruft jetzt schon, würde ein tragischer Dichter sagen, das Geschick, und es ist wohl beinahe Zeit, mich nach dem Bade umzusehen. Denn es dünkt mich doch besser zu baden, ehe ich den Trank nehme, und nicht hernach den Weibern Mühe zu machen mit dem Waschen des Leichnams."

Als er dies gesagt, sprach Kriton: "Wohl, Sokrates! Was trägst du aber diesen auf oder mir deiner Kinder wegen, oder was wir sonst irgend dir noch recht zu Dank machen könnten, wenn wir es täten?" "Was ich immer sage", sprach er, "Kriton, das heißt eigentlich nichts Besonderes. Nur das nämlich,daß ihr selbst recht auf euch achtet und daß ihr das alles mir und den Meinigen und euch selbst zu Dank machen werdet, was immer ihr tut, auch wenn ihr es jetzt nicht versprecht. Wenn ihr aber euch selbst vernachlässigt und nicht sozusagen in den Spuren dessen, was wir jetzt und früher schon besprochen haben, im Leben wandeln wollt, dann werdet ihr ja doch nichts weiter ausrichten, wenn ihr es auch jetzt noch so hoch und teuer versprecht." "Wir werden gewiß bestrebt sein, es so zu machen", sagte Kriton. "Aber auf welche Weise sollen wir dich bestatten?" "Wie ihr wollt", sprach er, "vorausgesetzt ihr werdet mich wirklich haben und ich entwische euch nicht." Dabei lächelte er ganz ruhig und sagte, indem er uns ansah: "Diesen Kriton, ihr Männer, überzeuge ich nicht, daß ich der Sokrates bin, dieser, der jetzt mit euch redet und euch das Gesagte einzeln darlegt, sondern er glaubt, ich sei jener, den er nun bald tot sehen wird, und fragt mich deshalb, wie er mich bestatten soll. Daß ich aber schon so lange eine große Rede darüber gehalten habe, daß, wenn ich den Trank genommen habe, ich dann nicht länger bei euch bleiben, sondern fortgehen werde zu irgendwelchen Herrlichkeiten der Seligen, das, meint er wohl, sage ich alles nur so, um euch zu beruhigen und mich mit. Darum verbürgt euch nun für mich bei Kriton, und zwar gerade im entgegengesetzten Sinn, als er es für mich bei den Richtern getan hat. Denn er hat sich dafür verbürgt, daß ich ganz gewiß bleiben werde, ihr aber verbürgt euch dafür, daß ich ganz gewiß nicht bleiben werde, wenn ich tot bin, sondern weggehen und fort sein, damit Kriton es leichter trage und, wenn er meinen Leib verbrennen oder begraben sieht, sich nicht gräme meinetwegen, als sei mir etwas Schlimmes widerfahren; und damit er nicht bei der Bestattung sage, er bahre den Sokrates auf oder trage ihn heraus oder begrabe ihn. Denn wisse nur", sagte er, "bester Kriton, sich unrichtig auszudrücken, ist nicht nur für den betreffenden Fall selbst fehlerhaft, sondern es bewirkt auch in der Seele einen schlechten Eindruck. Sondern du mußt getrost sein und sagen, daß du meinen Leib bestattest, und diesen bestatte nur, wie es dir eben recht ist, und wie du es am meisten für schicklich hältst."

Mit diesen Worten stand er auf und ging in ein Gemach, um zu baden, und Kriton begleitete ihn, uns aber hieß er dableiben. Wir blieben also und redeten untereinander über das Gesagte und überdachten es noch einmal; dann aber auch klagten wir wieder über das Unglück, welches uns getroffen hätte, ganz darüber einig, daß wir nun gleichsam des Vaters beraubt als Waisen unser ferneres Leben hinbringen würden. Nachdem er nun gebadet und man seine Kinder zu ihm gebracht hatte - er hatte nämlich zwei kleine Söhne und einen größeren - und die mit ihm verwandten Frauen gekommen waren, sprach er mit ihnen in Kritons Beisein, und nachdem er ihnen aufgetragen, was er wollte, hieß er die Weiber und Kinder wieder gehen, er aber kam zu uns. Und es war schon nahe am Untergange der Sonne, denn er war lange drinnen geblieben.

Als er nun gekommen war, setzte er sich nieder nach dem Bade und hatte noch nicht viel seitdem gesprochen, da kam der Diener der Elfmänner, trat zu ihm und sagte: "Sokrates, über dich werde ich mich nicht zu beklagen haben wie über andere, daß sie mir böse werden und mir fluchen, wenn ich ihnen ansage, sie müßten das Gift trinken auf Befehl der Behörde. Dich aber habe ich auch sonst schon in dieser Zeit erkannt als den Edelsten, Sanftmütigsten und Trefflichsten von allen, die sich jemals hier befunden haben, und auch jetzt weiß ich sicher, daß du nicht mir böse sein wirst - denn du weißt wohl, wer schuld daran ist -, sondern jenen. Nun also, denn du weißt wohl, was ich dir zu sagen gekommen bin, lebe wohl und suche so leicht als möglich zu tragen, was nicht zu ändern ist." Da weinte er, wendete sich um und ging.

Sokrates aber sah ihm nach und sprach: "Auch du lebe wohl, und wir wollen es so tun." Und zu uns sagte er: "Wie fein der Mann ist. So ist er die ganze Zeit mit mir umgegangen, hat sich bisweilen mit mir unterhalten und war der beste Mensch; und nun wie aufrichtig beweint er mich! Aber wohlan denn, Kriton, laßt uns ihm gehorchen, und bringe einer den Trank, wenn er schon ausgepreßt ist, wo nicht, so soll ihn der Mann bereiten." Da sagte Kriton: "Aber mich dünkt, Sokrates, die Sonne scheint noch an die Berge und ist noch nicht untergegangen. Und ich weiß, daß auch andere erst ganz spät getrunken haben, nachdem es ihnen angesagt worden ist, und haben noch gut gegessen und getrunken; ja einige haben gar noch Schöne zu sich kommen lassen, nach denen sie Verlangen hatten. Also übereile dich nicht; denn es hat noch Zeit." Da sagte Sokrates: Natürlich machen es jene so, Kriton, von denen du sprichst; denn sie meinen damit etwas zu gewinnen. Und ich werde es natürlich nicht so machen; denn ich meine, nichts zu gewinnen, wenn ich um ein wenig später trinke, als nur, daß ich mir selbst lächerlich vorkäme, wenn ich am Leben klebte und sparen wollte, wo nichts mehr ist. Also geh", sprach er, "folge mir und tue nicht anders." -

Darauf winkte denn Kriton dem Knaben, der ihm zunächst stand, und der Knabe ging hinaus, und nachdem er eine Weile weggeblieben, kam er und führte den Mann herein, der ihm den Trank reichen sollte, welchen er schon zubereitet im Becher brachte. Als nun Sokrates den Mann sah sprach er : "Mein Bester, da du dich darauf verstehst, wie muß man es machen?" "Nichts weiter sagte der, "als wenn du getrunken hast, herumgehen bis dir die Schenkel schwer werden und dann dich niederlegen, so wird es schon wirken." Damit reichte er dem Sokrates den Becher, und dieser nahm ihn und ganz getrost, Echekrates, ohne im mindesten zu zittern oder Farbe oder Gesichtszüge zu verandern, sondern so, wie er es immer tat, sah er den Mann ganz gerade an und fragte ihn: "Was meinst du, kann man von dem Trank auch eine Spende opfern? Darf man davon eine darbringen oder nicht?" "Wir bereiten nur soviel zu, Sokrates", antwortete der, "als wir glauben, daß hinreichend sein wird." "Ich verstehe", sagte Sokrates. "Beten aber darf man doch zu den Göttern - und muß es -, daß die Wanderung von hier dorthin glücklich sein möge. Und darum bete ich jetzt, und so möge es geschehen." Und wie er dies gesagt, setzte er an, und ganz frisch und unverdrossen trank er aus.

Und von uns waren die meisten bis dahin ziemlich imstande gewesen sich zu halten, daß sie nicht weinten; als wir aber sahen, daß er trank und getrunken hatte, nicht mehr. Sondern auch mir selbst flossen Tränen mit Gewalt, und nicht tropfenweise, so daß ich mich verhüllen mußte und mich ausweinen, nicht über ihn jedoch, sondern über mein eigenes Schicksal, welch edlen Freund ich nun verlieren sollte. Kriton war noch eher als ich beiseite getreten, weil er nicht vermochte, dieTränen zurückzuhalten. Apollodoros aber, der schon vorher nicht aufgehört hatte zu weinen, schluchzte jetzt laut auf unter seinen Tränen und brach mit seinem Gram uns Anwesenden allen das Herz außer Sokrates selbst. Der aber sagte: "Was macht ihr doch, ihr wunderlichen Leute? Ich habe besonders deswegen die Weiber weggeschickt, daß sie nicht in diesen Fehler verfallen möchten; denn ich habe immer gehört, man müsse stille sein, wenn jemand stirbt. Also haltet euch ruhig und standhaft." Als wir das hörten, schämten wir uns und hielten inne mit Weinen. Er aber ging umher, und als er merkte, daß ihm die Schenkel schwer wurden, legte er sich gerade hin auf den Rücken; denn so hatte es ihn der Mann geheißen. Darauf berührte ihn eben dieser, der ihm das Gift gegeben hatte, von Zeit zu Zeit und untersuchte seine Füße und Schenkel. Dann drückte er ihm den Fuß stark und fragte, ob er es fühle; er sagte nein. Und darauf die Knie, und so ging er immer höher hinauf und zeigte uns, wie er erkaltete und erstarrte. Darauf berührte er ihn noch einmal und sagte, wenn ihm das bis ans Herz käme, dann werde es ausgehen. Als ihm nun schon der Unterleib fast ganz kalt war, da enthüllte er sich, denn er lag verhüllt, und sagte, und das waren seine letzten Worte: "Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig; entrichtet ihm den und versäumt es ja nicht." "Das soll geschehen", sagte Kriton, sieh aber zu, ob du noch sonst etwas zu sagen hast." Als Kriton dies fragte, antwortete er aber nichts mehr, sondern bald darauf zuckte er, und der Mann deckte ihn auf; da waren seine Augen gebrochen. Als Kriton das sah, schloß er ihm Mund und Augen. Dies, Echekrates, war das Ende unseres Freundes, des Mannes, der nach unserem Urteil von allen seinen Zeitgenossen, die wir erprobt haben, der edelste, verständigste und gerechteste war.


Griechischer Text:

 

Bearbeitung für das Internet:: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998